Ende der Rede

Mein Freund Aron Bodenheimer hat gutverständlich die uns bekannten Unterschiede zwischen Sprechen, Reden und Sagen herausgearbeitet. Im Kern geht es darum, privat und öffentlich etwas auszusprechen, das man zu sagen hat. Wer etwas zum Klimawandel zu sagen hat, muss und kann damit ein Handeln auslösen. Wer sich nur für ein Ziel einsetzt, hat nichts zu sagen und sollte besser nicht reden.

So einfach ist das? Ja, so einfach. Von den Arbeitsplatztrotteln beim Kohleausstieg bis zu den Wolfsjagdtrotteln im Volksempfinden einer Nation von Vorzeitbauern. Haben Sie gesagt „Trotteln“, Herr Daxner? Habe ich. Verrohen Sie damit nicht die Sprache so wie Ihre Feinde? Nein. Es gibt schlimmere Bezeichnungen als „Trottel“, denn wenn man der GroKO Absicht, böse Absicht unterstellt, dann wäre ein anderer Begriff angemessen.   Das darf Böhmermann, zu Recht, ich nicht.

Jetzt kommt die CDU und fordert Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Jetzt kommt die SPD und fordert den Erhalt von Arbeitsplätzen überall dort, wo auch getötet wird. Im Kohlebergbau, in der Autoindustrie, in der Rüstungsindustrie, überall, wo gearbeitet wird. Jetzt? Schon lange.

Eine Erinnerung:

1972 – richtig: 1972 – fand die erste Umweltkonferenz der UNO statt, in Stockholm. Abgesehen davon, dass seither zu wenig von dem geschehen ist, was damals schon als notwendig angesehen wurde, ist mir der Satz eines Delegierten in Erinnerung, der auf den Hinweis der Luftverschmutzung durch Industrieabgase sinngemäß gesagt hatte: solange die Menschen (in Brasilien, auf der Welt) so arm sind, sollen die Schornsteine rauchen, überall, bis sie den Himmel verdunkeln.  Ich hab die Quelle nicht mehr, aber es war wohl ein starkes Aufwachen gegen die vorherrschende Lehre von der Verbesserung der Welt durch Industriewachstum im globalen Maßstab.

Ende des Redens

Herr Amthor (Jungstar der CDU), für den mir keine Invektive einfallen will, sagte heute im DLF, die CDU müsse (endlich) lernen, selbst souverän im Netz und auf YouTube kurzfristig sich in die Diskurse einzuschalten, dabei ginge es nicht primär um Inhalte (!). Man sei eher kommunikationsschwach als politisch falsch aufgestellt…Da hatte der Tuber Rezo schon recht: die GroKo redet und redet und redet und tut nichts. Nichts, weil in der Klima-, Rüstungs-, Migrationspolitik zu wenig so viel wie nichts ist. Der staatsgläubige Konservative müsste jetzt fragen: was können sie denn tun, eingebunden in die EU, gelenkt durch Gesetze, und vor allem immer durch die Antagonismen des Sozialen zum Politischen.

Diese Antagonismen machen die Probleme auch der so genannten Linken (SPD und Linkspartei) aus: alles gut und schön bei Klimamaßnahmen, aber die Arbeitsplätze, aber der Lebensstandard, aber die Abgehängten…dabei sind es ihre eigenen, linken (Vater Marx: verzeih deinen Ableitern) Erklärungsversuche des bestehenden Kapitalismus, die ja aufzeigen, warum das die weniger Begünstigten des Systems mehr kosten wird als die Reichen. Mit Umverteilung ist beschränkt etwas zu erreichen, aber nicht alles.

Arbeitsplatztrottel: ich komme auf sie zurück. Berechnen Sie bitte, was es volkswirtschaftlich kostet, alle Kohlekraftwerke bis Jahresende zu terminieren. Angeblich stehen 50.0000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, manche davon kann man beim Rückbau beschäftigen – und gebt dem Rest ALG., sagen wir 2000 € netto bis an ihre Pensionsgrenze. Gleichzeitig fördern sie die regenerativen Engerien über jede Profitabilität in der Gegenwart hinaus. Damit erreichen Sie die blödsinnigen 40 Mrd. € Bestechungsgeld für die abgehängten Regionen bei weitem nicht, und die werden ohnedies nicht deshalb dankbar werden, weil man jetzt dort inselhafte „Infrastrukturen“ aufbaut. Das wäre eine Abiturfrage. Die Regionen sind abgehängt, weil dort Braunkohle gefördert wird, und nicht, weil sie jetzt beendet wird. Es stimmt schon, dass die Lausitz und andere Reviere abgehängt sind, aber das hat damit zu tun, dass man den Strukturwandel nicht vor 20 Jahren begonnen hatte…der Übergang von SED zu AfD (Umweg manchmal CDU) im Osten ist ein Lehrbeispiel für diese Versäumnis. Darf man aber nicht sagen, weil sonst die Frage kommt, was machen wir besser? Und das setzt voraus, dass nicht der Arbeitsplatz die wichtigste erklärende Variable ist (Ein analoges Beispiel: wenn Securitization die wichtigste Variable in der Sicherheitspolitik ist, dann kann diese nicht gelingen…). Was machen wir besser? Gerade nicht in die Insellösungen der Reviere investieren, sondern diese in größere Kontexte einbinden.  Dagegen sprechen sich alle Lokalisten aus, von Arbeitgebern, Gewerkschaften bis zu Ortsbürgermeistern. Ohne Konflikt geht das nicht. Aber man kann sehr genau sagen, welche Konflikte zu erwarten sind, wer wieviel einsetzen und ggf. riskieren muss, um so schnell wie möglich die Klimapolitik zu wenden. Der EU Einwand zählt nicht. Auch in der EU muss immer jemand vorangehen, und wenns ein Starker ist, umso besser.

*

Die Jungen von Friday haben etwas zu sagen, weil es ihre Zukunft ist. Die, die jetzt bremsen, um ihre Wohlstandsverwahrlosung noch bis zum physischen Ende zu erhalten, reden nur, weil sie keine Zukunft haben.  (In einer spätantiken Philosophie kommt der Mensch als Alter zur Welt und stirbt als Säugling. „Bejamin Button“, der Film von Fincher 2008, bezieht sich Scott Fitzgeralds Novelle (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_seltsame_Fall_des_Benjamin_Button). Das Bild kann man verwenden um der GroKo und den Arbeitsplatztrotteln anzudrohen, sie könnten ihren Enkeln dereinst beim Ersticken zuschauen; die allerdings können die Scheurers, Altmayers und Merzens dabei nicht beobachten…). Dieses etwas-zu-sagen-Haben muss in Handlung umschlagen, und die muss dann die Regeln verletzen, wenn die Bewahrer des Unglücks, also der falsch gepolten politischen Ökonomie in diesem Fall, auf ihren Regeln beharren. Schule Schwänzen ist ein geringer Regelverstoß. Die Aktionen, die gemacht werden müssen, dürfen nur keine Märtyrer hervorbringen, ansonsten müssen sie sich an ihrer Wirksamkeit messen lassen.

(Für Theoretiker: der Habitus muss verändert werden, was mühsam ist, vor allem wenn beschleunigt, und die Hysteresis darf nicht den Übergang in eine anderen Raum der Politik behindern. Schlagt nach bei Pierre Bourdieu. Die Begriffe sind nicht übersetzt, passen aber und werden leicht aufgefunden).

Also: Die Zukunftsfähigkeit unserer Kinder und Enkel und Urenkel – länger darf man nicht vorausschauen – soll gewährleistet werden, und das geht nicht über den Fetisch Arbeitsplatz – Arbeitseinkommen – Lebensstandard. Ist das so schwierig? Ja, es ist schwierig, weil es einen Bruch mit der Zivilisationsgewissheit bedeutet, dass wir das richtige Leben im falschen noch am besten hinbekommen. Ist nicht so…

4 Gedanken zu “Ende der Rede

  1. Danke Michael für diesen Blog. Ich kommentiere unter diesem Artikel meine aber ebenfalls die anderen mit dieser Thematik. Viele Grüße von Janina (B. – ehemals Uni OL)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s