vereinzelte Flocken

Draußen gibt es vor, ein echter Winter zu sein. Es ist kalt und vereinzelte Schneeflocken färben den Boden und die Dächer weiß. In den Alpen gibt es gar mehr Schnee als die Skilifte und Straßen vertragen, Lockdown hin und her… Idioten sprechen sofort davon, dass der Klimawandel doch jetzt widerlegt sei, genau wie die Coronaleugner das Virus damit bekämpfen, dass sie noch nicht künstlich beatmet werden müssen (vielleicht hat sie die Vorsehung immunisiert, mit so jemandem Blöden gibt sich ein  Virus gleich gar nicht ab, jedenfalls gegenwärtig). Eine Steilvorlage für alle Neugläubigen. Mir geht es aber um den Winter. Der ist mir jahrelang im schneearmen Potsdam abgegangen, der Park war selten weiß, und die Teiche fast nie gefroren, von betretbar gar nicht zu reden.

Winter ist also so ein Wort aus der Erinnerung, genauso wie  Insektenschwärme, oder massive Gletscher bei den Bergwanderungen. Jetzt braucht es die Klimadiskussion, nicht nachdem  alles zu spät gewesen sein wird.

Es scheint aber, dass niemand ernsthafte Entschlüsse zu fassen bereit ist, als ob es zwischen dem Freiraum für einzelne Menschen und einer solidarischen Ordnung nur einen Mittelweg gebe. Den zu bekämpfen braucht es einige Courage (Nawalny in der großen Politik, nicht Lispler Maas, dem ja nichts geschehen würde, sagte er einmal die laute Wahrheit…), aber natürlich auch ein Feld der Agitation. Wenn ich mir die neuerlich halbherzigen und halbdurchdachten Beschlüsse der Regierungen zu Covid anhöre, dann wundert mich eines nicht:

Die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut hatte bereits in der vorherigen Merkel-Runde auf ein viel härteres Vorgehen gedrängt: „Macht alles zu“, lautete ihr Rat. Doch anstatt auf sie zu hören, wurde sie diesmal gar nicht erst eingeladen. „Die war etwas zu forsch“, hieß es – einige Ministerpräsidenten fühlten sie von ihr „wie kleine Kinder“ behandelt. Vielleicht auch deshalb, weil einige von ihnen sich immer wieder wie solche benehmen? Nichts hören, nichts sehen, dann geht der Spuk schon vorbei? (tagesspiegel online, 19.1.2021)

Auch wenn sie Unrecht hätte, ist die Analogie zur Realitätsverweigerung einiger Landesfürsten nicht falsch. Sind ja nur 1000 Tote am Tag…kontrolliert wird gar nicht;

aber der Mittelweg, den man beim Klima nicht gehen darf, ist ja eine imaginäre Strecke, die überall unsere solidarische Ordnung erodiert, das geht von des Faschisten Orban Mitgliedschaft bei den europäischen Christdemokraten über die symbolische Gasleitung aus Russland bis zur Fortsetzung der Flüchtlingsmisshandlung durch unsere Regierung (Bosnien ist schuld, auch Ungarn ist schuld, auch diese Flüchtlinge sind selbst schuld…).

Heißt das, ich plädiere für Radikalisierung, wenn ich den Mittelweg kritisiere? Nein, der Radikalismus der Mitte ist schon lange eine gefährliche Variante der Gewalt. Die Kritik meint gerade nicht das Ausdehnen unserer Handlungen an die unerreichbare Peripherie – Utopia jenseits der Datumsgrenze, – sondern Verlagerung eben dieser Kritik in die Mitte, die dann keinen Mittelweg mehr erlaubt. Veränderung kann nur mit denen geschehen, die sich verändern müssen, sie kann nicht wie Billigproduktion ausgelagert werden, das heißt aber auch, hier den Konflikt riskieren, hier die eigene Position in Frage stellen lassen.

Groß geredet, mich triffts ja nicht. Eben. Ich denke an meine Lieben, an meine Freunde, an meine Kollegen. Uns triffts ja nicht. … so könnte man diese Gedanken abtun. Es kann aber uns alle schneller treffen als wir denken, schaut nach Amerika, wo es zu kippen droht, schaut in die Türkei und andere vormalige Demokratien.

Bevor mein eifrigster Leser fragt, ob ich wieder schlecht geschlafen hätte. Nein. Es gibt nur ein seltsames Gefühl, wenn sich die Verhältnisse rasant um sich selbst drehen, wie ein Kreisel, der auf der Stelle, mitten auf dem Mittelweg, sich dreht.

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod

 (Alexander Kluge und Edgar Reitz 1974). Aber da geht’s ja um ganz was anderes .! Eben.

Eigentlich wollte ich ja von der Sehnsucht nach einem echten Winter schreiben, nach der unwiederbringlichen Wirklichkeit der Erinnerung. Kann eine solche Sehnsucht politisch werden? Dann wird es wieder Winter und danach Frühling. Schaut jetzt nicht so aus.

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