Preis und Kosten der Geduld

Diktaturen und grausame Regime ab einer gewissen Größe kann man nur indirekt, politisch, diplomatisch bekämpfen. Gegen China oder Russland helfen weder Säbelrasseln noch Einreiseverbote für 5 Parteimitglieder. Bei weniger global agierenden Diktaturen helfen Wirtschaftssanktionen, aber auch nur beschränkt. Wie bei den großen und mächtigen Zwangsstaaten hindern ja viele eigene Wirtschafts- und Militärinteressen ein wirksames Eingreifen. Und Resolutionen, wie etwa vom Sicherheitsrat der VN, werden meist von einem oder mehreren der dort agierenden ständigen Mitglieder abgeblockt, wenn auch nur ein vernünftiger Satz in ihre Nähe kommt.

Wie ein Alptraum kommen Machtfantasien auf, wenn man selbst entscheiden könnte, wo würde man einmarschieren, Tyrannen morden, die Fremdherrschaft absetzen, die legitimen und gerechten Königinnen wieder einsetzen, nicht zögern…von solchen Gedanken sind die Märchen und Sagen voll, und auch ein Teil der Science Fiction.

Aufgewacht ist man deprimiert. Jetzt wollen wir Aung San Suu Kyi befreien, sie in ihr legitimes Amt zurückführen –  haben wir sie nicht bitter kritisiert wegen ihres Umgangs mit den Rohyngia? Jetzt kritisieren wir Obama, weil er nicht in Syrien einmarschiert ist, nachdem der Tyrann Assad Giftgas eingesetzt hat?

Dieses WIR ist ein Problem: wer sollte denn tun, was mir, uns, den Teilnehmerinnen am Diskurs, richtig scheint, und zwar oft fraglos richtig, und oft das kleinere Übel?

Nachteil: das heißt fast immer Krieg, Gewalt, Tote. Und nie ist es sicher, ob das Ergebnis besser ist als der Anlass zum Angriff. Und immer steigt die Zahl der Opfer.

Dem steht ein MAN  der Hoffnung gegenüber. Einem arabischen Frühling folgt ein zweiter, einer Demo gegen Lukashenko folgt die nächste, eine Verweigerung gegen die Juntas wo  auch immer folgt eine weitere…

Nachteil: wenn die Endlosschleife der Aufstände für das Richtige nie zu einem Erfolg führen, zum „gut Gelungenen“, wie Ernst Bloch es nannte, denn ist die Geduld eines Tages zu ende und die Gesellschaft wird zum Lemming. Und immer steigt die Zahl der Opfer.

Die Widerständigkeit des Wir hat einige diskutierbare Erscheinungsformen: Empörung, Verweigerung, Subversion, Illoyalität…und Wegtauchen. Oder eine Politik, die die nationalen und religiösen Grenzen nicht so wichtig nimmt wie etwa die Menschenrechte.

Der Hoffnung des Man müsste man einen Beschleuniger beigeben können, und sich exponieren und damit selbst in eine Gefahr bringen, vor der man andere retten möchte. Dreimal Man.

*

Natürlich weiß ich so gut wie Ihr, dass man so einfach nicht die Fragen der globalen Gewalt angehen kann. Mein Zweck ist ja auch nicht, ein originelles Interventionskonzept vorzustellen, wo man wie intervenieren, einmarschieren, kämpfen soll und wo man stillhalten kann, soll oder muss. Mir geht es um etwas anderes, durchaus psychisch belastendes: in den gegenwärtigen, durch die Pandemie getrübten Umständen treten die großen Rahmungen unseres weiteren Lebens und wohl des Überlebens in einen Hintergrund, aus denen sie nicht einfach hervorgeholt werden können.  Unsere Geduld heißt ja immer auch, wir lassen Putin, Xi, Erdögan, Orban, Seehofer, Kurz…gewähren, jeden auf seinem Niveau, weil  wir erst „hier durchmüssen“. Das hat eine oft unbemerkte Konsequenz: heißt das, wir können erst politisch handeln, wenn alles wieder „normal“ ist,  wenn Covid vorbei und die nächste Pandemie noch nicht wieder da ist? Das Beschwören von Normalität ist eine besondere Schwäche der hingenommenen Geduld. Es wird so wenig wieder normal, wie es je nach einem globalen oder sonst großen Unglück normal geworden ist. Normalität ist (auch) eine von der jeweiligen Herrschaft angeordnete. Wenn eine oder einer nicht selbstbetroffen ist, könnte man fast den Rat geben,  sich auf alles zu konzentrieren, was neben den Bemühungen um das Bewältigen der Gegenwart, des Jetzt – Impfen, Quarantäne, nicht aus der Haut fahren angesichts der Politik – unseren Ausnahmezustand umrahmt. Wie immer, Klima, Flüchtlinge, Menschenrechte, Hunger, Armut…ich sage „fast“, weil das wohlfeil ist: kümmere dich um die Welt, solange du überlebst. Aber es hilft, psychologisch gedacht, dem Wahnsinn individueller Betroffenheit etwas entgegenzusetzen, zB. die Empathie gegenüber den Opfern Lukashenkos, Putins, all der Gewaltherrscher und Ignoranten. Daraus kann auch Politik werden.

*

 Dies ist ein Blog und kein Lehrbuch. Aber ich kann einiges dazu illustrieren. Was die Hinnahme betrifft, begleitet mich immer die Geschichte Bert Brechts vom Herrn Keuner, der erzählt, wie man dem Tyrannen dient…und sich ihm verweigert, wenn die Tyrannis gebrochen ist. “Maßnahmen gegen die Gewalt“ (u.a. Frankfurt 2006). Wenn die Politik eingreift, wie viele Opfer bis zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung hat es gegeben, z-B. in Afghanistan, und wenn sie nicht eingreift, wie z. Myanmar, wieviel mehr oder weniger Opfer bewirkt das?  So sind die Alpträume, die ein unguites aufwachen in der Geduld bewirken.

Oft bleibt dann nur, Seawatch oder unicef oder…unterstützen und sich in die nächsten Fantasien flüchten. Und wo man kann,  wirklich nein sagen, siehe Brecht.

Ein Gedanke zu “Preis und Kosten der Geduld

  1. Man ist oft machtlos, bei dem, was in der Welt so passiert. Manchmal hilft es, nicht die ganze Welt retten zu wollen, sondern vor der eigenen Haustür nachzuschauen, was dort an Hilfe oder auch Grenzensetzen benötigt wird. Neben der Wahlentscheidung und der Möglichkeit zu spenden, gilt es auch immer wieder, Investitions- und Konsumentscheidungen zu überprüfen, zum Beispiel welchen Sparplan, welche Rentenversicherung oder welchen Supermarkt wähle ich?

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