Kein Reisebericht: Wien I

Die mit Furcht vor Unzulänglichkeiten angetretene Reise nach Wien war ein Erfolg: Pünktlich der BER2 Bus von Potsdam, problemlos das Einchecken bei easyjet (EIN einzelner Mensch dirigiert die vollkommen digitale Prozedur, nur die Gepäckklebebänder müssen richtig um den Griff gewickelt werden), schnell ist man bei der Sicherheit, und hier hat Securitas dazugelernt, höflich und kompetent und mehrsprachig. Ich möchte schon zu Toms Lachen sagen, so ganz anders als die blöde DB. Der Flughafen ist nach 13 Jahren Bauzeit nicht schön und bis auf die vielen Eincheckinseln recht übersichtlich und man geht halt lang, wenn die Laufbänder stillstehen. Kaufen tät ich hier eh nichts, und wenn der Flieger nicht verspätet gewesen wäre, lobte ich auch easyjet, die wirklich ordentlich alles machen und die Passagiere dazu bringen, ihren Müll wieder mitzunehmen. So entfällt die Bodenbordreinigung. Und so geht’s in Wien weiter, als ich aus dem Zoll rauskomme, ist mein Koffer schon am Band, nach ein paar Minuten bin ich im S Bahnzug und bin über die sich ausdehnende Industriestadt immer neu erstaunt. Vom EKZ, pardon: Wien Mitte, fahr ich mit dem O in die Laxenburger Straße und gehe eine halbe Stunde zu Hannes, Freitag nachmittags in einem Stadtviertel, das bestenfalls halb von der Stammbevölkerung belebt ist: sehr viele Türkinnen, Afrikanerinnen, Albanerinnen, fast alle diszipliniert doppelt maskiert, ein Volksfest für Vorurteile und das angenehme Gefühl, dass es neben dem rechtslastige Kanzler Kurz auch noch echte Menschen gibt. Ernsthaft, Migrationsphobie kommt hier nicht auf, allenfalls Fragen nach dem Hintergrund der vorurteilsgespaltenen Gesellschaft, so schlimm wie Deutschland, etwas anders – weil die Praxis multiethnisch angepasster ist, gut, aber sich auch ethnische Inseln bilden – weniger gut. Die Gesellschaft allerdings geht im Gleichschritt mit der globalen Entwicklung nach rechts, und Covid nach oben.

Wenn ich durch den früher und teilweise auch heute oberklassigen Dritten Bezirk fahre (Landstrasse, Ungargasse, Fasangasse), dann geht die Transformation in den Wiener ebenso schnell vor sich wie etwas später am Hauptbahnhof und dann durch endlosen Gemeindewohnungen, die Wien so sozial und unliberal auszeichnen, wie natürlich Protektion und Korruption blühen und grade jetzt aufgedeckt werden, wie so häufig. „Mein“ Wien ist auch eine Konstruktion, Heimat – nein, so wenig wie Stanisic seine wirklich beschreiben kann. Aber, anders als Berlin, ist das einer Stadt. Ich musste etwas zufrieden lachen, als abends im Fernsehen zufällig die erste Folge von Unterleuten wieder gesendet wurde. Das Land ist auch anders, auf das die Städter ziehen.

In der Wohnung des Freundes schnell eingezogen, alles angeschaltet und den hellen Himmel mit guten Wetterprognosen genossen. Das Nachlesen von einer Woche österreichischer Medien zeigt Parallelen zur Süddeutschen Zeitung, aber man erfährt „mehr“ als in Deutschland, was unkonventionelle Nachrichten betrifft. Natürlich meine ich noch immer Afghanistan, Flüchtlinge, aber auch kleinste und detaillierteste Kriminalfälle, die so geschildert werden, als gäbe es keinen Zusammenhang mit der grossen, globalen Krise (Karl Kraus hatte mit den Letzten Tagen der Menschheit am besten die Zeit vor und während der Katastrophe geschildert, nur stimmt heute Merkels Satz, dass man hinterher immer klüger sei, nicht mehr – und das reduziert die Hoffnung, lässt die Zuversicht schrumpfen.

Das also war der Abend des Nachbereitens. Ich melde mich nicht bei den Freunden, bis auf Jochen, und gehe morgen zu Batya in den Verlag. Es wird eine Arbeitswoche, geschmückt mit Toss, der Montag kommt, Fahrten nach St Pölten und Poysdorf, und eine hoffentlich disziplinierte Parallelaktion mit dem, was ich tatsächlich wahrnehme, denke und „fühle“, weil die Sicherungen im Alter ja bekanntlich schwächer werden. Lange Assoziation, erotischer intellektueller wissenschaftlicher und banalster Natur, keine Kommata, lassen den neuen Status der grösseren Gleich=Gültigkeit entstehen, Meissner oder Barnes…als Vorbilder. Abkehr vom Glück.

Ich hätte ja genug zu tun, aber ich überbrücke den Mittag mit einer Fahrt zu einer alten Freundin, die die Gefährten meines besten Lehrers und Mentors war, Renate. Die Badner Bahn durchquert ein Dienstleistungs-, Shopping- und Handwerksgebiet, das mich an die IS 80 von New York nach Rockaway erinnert, mindestens 20 Minuten lang, der Zug füllt und leert sich pulsartig, Parkplätze und Einkaufstaschen quellen über. Viele Ausländer, aber auch viele Hiesige, alle tätowiert. Zwei Kirchen aus dem 18. Jh. Stehen noch an den Durchfahrten der längst integrierten älteren Orte, die passen zu einer entkatholisierten Gesellschaft, in USA schauen Banken oft so aus.

Bei Renate war es nett, sie ist sehr gealtert, dabei erst 80, und gar nicht einmal noch kränker, sie kann halt nicht gehen, aber sie liest und nimmt Anteil und ist agil. Ich habe ihr mit meinem Besuch gefallen, eine Mizwah zu den Feiertagen. Ohne Hans wäre sie nicht glücklich und ich nie erwachsen geworden. Shana tova, da ist sie noch immer dabei, die Badner Gemeinde aber ist zerfallen.

Zurück in den sonnigen Samstag. Und weiter geht’s. Von der Oper zum Stephansplatz: es wälzen sich Tausende, halb nur Touristen, aber babylonisch. Vor dem Casino filmwürdige Einlasskontrollen. Bei P&C würden Gürtel 129 Euro kosten, dann lieber die eine, die sündige Burenwurst: da stand eine kleine Kolonne, die Wurst kostet noch immer 3,50. Ich staune am Graben, Knize ist im Vergleich zu 1993, mein schönster Anzug!, nicht teurer, sondern billiger geworden…Ansonsten greift der Luxus schon um sich, vor Dior mindestens 20 Wartende. Ich gehe zum Schottentor; die gentrifizierten und kommerzialisierten Palazzi in der Herrengasse von der NÖ Landesregierung befreit, nur mehr teilweise von diesem Land beschlagnahmt, treiben mich schnell voran. Dann gehe ich, andante sostenuto, die ganze Währinger Strasse bis fast zum Gürtel. Diese Strasse, aber auch die Parallelen Liechtensteinstrasse und ein wenig Alser Strasse und was dazwischen ist, bieten eine Häufung an wichtigen Symbol- und Realorten, manchmal jedes Haus, ich mache ine Stadtführung durch meine Vergangenheit. Mein erster Bankautomat. Das Institut, in dem drei Tage Pharamazie studieren wollte, bis mich mein Freund und Lehrer Hans Meissner davon abgehalten hat. Davor der wohl beste Würstelstand der damaligen Zeit, der macht jetzt nur am Abend auf. Gegenüber das Hotel Regina, damals nur betretbar, wenn eingeladen, später Übergangsort spätabends. Dahinter, in den Gassen rund um die Votivkirche wohnten Freundinnen und Freunde, Uni-nah und doch abgesetzt. Das Anatomische in der Währinger Strasse gehört jetzt zur Medizinuni, es schaut zeitlos aus und vielleicht rieche ich den Seziersaal bis hierher. Daneben ein neuer Äthiopier, sonst alles unverändert. Das herrliche Josephinum, spätes 18. Jahrhundert, stilecht renoviert, damals studierte meine Mutter in den Labors, heute natürlich ein Museum, neben so vielen anderen. Gegenüber war die Forschungssektion des Ministeriums, mit guten Freunden und unten einem der gern besuchten Cafés. Ich kannte die Gegend schon von Schulzeiten her: neben der Forschungssektion das Palais Clam-Gallas, französisches Kulturinstitut und Hauptsitz des Lycée Francais, das ich 1953-56 besuchte, nachdem ich das erste Schuljahr in der ölbodenbestreuten Breitenseerkaserne lernen durfte. Das für damalige Verhältnisse wahnsinnig moderne Schulgebäude konnte nur von unten betreten werden, die Strudlhofstiege mit allen Assoziationen führt am Palaisgarten hinunter, dort war ein anderes Zentrum meiner Wiener Geschichte. Wenn ich oben bleibe, dann steht da noch das gewaltig große Physik-Gebäude der Uni Wien, mit zahlreichen Instituten (Boltzmanngasse, mein Freund Peter Hille war lange Zeit da, es roch nach den präparierten Nobelpreisen und ab und an traf man noch auf Berta Karlik (1904-1990), die schon eine großartige Wissenschaftlerin war. Auch habe ich hier meine erstmaligen physikhistorischen Studien gemacht, die ich ja erst 1986 eingestellt habe, einstellen musste, man kann nicht alles machen…Gegenüber eine wirklich gute Kunsthandlung, die mir einiges an Erbe gerahmt hatte und heute z.B. Arik Brauer anbietet. Und daneben ein für Rendezvous aller Art geeignetes Café in bester Nähe zu allen universitären Einrichtungen und eben geeignet zum Abhandenkommen so viel wie zur Boheme des Verlassenwerdens. Daneben das Museum des damaligen Bezirksamts, langweilig, hingegen schräg gegenüber Doderer. Am Talpunkt kreuzen sich noch immer die wichtigen Strassenbahnen, ich bin oft hier durch nach Hause, die Währingerstrasse stadtauswärts bis fast zur Hockegasse in Gersthof, wo ich in den 90er Jahren eine Wohnung neben Hilles hatte. In jener Hockegasse, in der Jahrzehnte vorher geboren wurde, 1947 in der damaligen Semmelweis-Klinik, die heute ein Ausländerpassamt ist… gegenüber der Haltestelle sieht man heute noch die Bohrlöcher, da war jahrzehntelang eine Tafel: Ella Firbass, Gesangslehrerin.

Und das alles wäre eine Tagestour für eine Führung durch das wirkliche Wien schon wert. Mir fallen da noch ein paar Leute ein, ein paar vergessene Namen und ein paar Nebengassen, in denen sich abgespielt hat, was auch nicht mehr aufrufbar ist. Aber ich schreibe ja über die Systemumgebung von Daxner und nicht über mein System. Schade, eigentlich…primum scribere, deinde vivere.

Mit Jochen Fried bei Lechner herrlich gegessen, Robelzwistbraten. Ein sehr kleines Beisel, das unbeeindruckt von Sushithaifusionstarbucks weiterhin Kultur repräsentiert. Bei der Heimfahrt in den Zehnten angeregte Diskussion mit vier MaskenverweigerInnen, AlbanerInnen, deren Anführer erschrocken war, dass ich freundlich über die Verkürzung und Verlängerung der Ewigkeit bei frühem oder späteren Sterben mit ihm gesprochen habe und nicht mit Nehammers Bullen gedroht hatte.

Das Wiener Verkehrsnetz ist nicht zu überbieten. Auch das gehört zur Führung.

Bemerkenswert die Burgtheatereröffnung mit scharfer Kritik an der Afghanistanpolitik von Nehammer und Kurz. Das ist seltsam in Österreich: Teile des Establishments und der herrschenden klassenübergreifenden Kleinstbürgerei tragen durchaus post-austrofaschistische Züge, dem aber steht sehr viel mehr kritische und vor allem treffende Opposition der denkenden Klassen gegenüber, nicht so sehr an die politische Ökonomie gebunden als vielmehr an ihre Sublimierung.