Polizei: bitte sei dazu still.

Als ob die deutsche Polizei nicht genug mit ihren rechtsradikalen Nestern und prekären Verhaltensweisen zu tun hätte. Jetzt äußert sich der ansonsten zu Recht unbekannte Präsident der Bundespolizei, ausländerfeindlich, asylrechtsfeindlich und – wenig intelligent, was dann auch wieder nicht verwundert:

„https://www.tagesschau.de/inland/abschiebungen-rueckgang-101.html:       „
…Die Bundespolizei spricht von einer „Stagnation der Rückführungszahlen“ und nennt als Grund „ein erhebliches Maß“ an stornierten Abschiebungen durch die Bundesländer.
Bundespolizeipräsident Dieter Romann sieht deren Rolle kritisch: Die Bundesländer stellten zu wenige Abschiebehaftplätze zur Verfügung. „Gemessen an den rund 248.000 ausreisepflichtigen Drittstaatsangehörigen sind die 577 Abschiebehaftplätze, die es in den Ländern gibt, viel zu wenig“, sagte Romann den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Dazu ein Bild:

Ein gefesselter Mann wird auf dem Frankfurter Flughafen zu einem Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht.

Abgelehnte Asylbewerber häufig geduldet….“

Soweit der Ausschnitt aus dem Artikel bei der Tagesschau. Abgesehen davon, dass Polizisten sich der Politikerschelte dort enthalten sollten, wo sie ausführende Organe („Exekutive“) sind, redet Romann rechts- und menschenverachtenden Unsinn. Dass gerade die Duldung der abgelehnten Asylbewerber auf rechtsstaatlichen und humanitären Grundlagen unserer Gesellschaft beruht, macht u.a. den Unterschied zu Regimen wie dem ungarischen aus. Dass man gerade einen gefesselten Afghanen zeigt, ist aber auch ein Zeichen für die geradezu blödsinnige Ignoranz unserer Behörden gegenüber den wirklichen Zuständen in dem von uns mit „befriedeten“ Land. Nun ist Herr Romann die Spitze eines Eisbergs, der besser gesellschaftlichen Distanz als weiterer umworbener Integration bedürftig ist. Er spricht dem populistischen Popanz der Reinigung des Landers von unerwünschten Personen aus der Seele, und leider auch für 25% der Bevölkerung, die es auf diese Weise nie zum Volk schaffen wird, von dem das Recht ausgeht.

• Wir müssen ein Jahr beschließen, das zeigt, wie falsch und unaufrichtig unsere Flüchtlingspolitik ist, obwohl wir „besser“ als viele EU Staaten sind und obwohl wir tatsächlich sehr viel dafür zahlen, besser als die meisten dieser Staaten zu sein. (Wir zahlen mehr, weil wir das können).
„Besser“ heißt natürlich auch, dass unser Rechtsstaat noch besser intakt ist als der mancher illiberaler Demokratien oder neuer autoritärer Staaten; intakt trotz der populistischen Vorfeld Instanzen, und da ist keineswegs nur der Innenminister, da sind die Sicherheitsorgane, Geheimdienste, und ganz viele staatliche Instanzen, denen die Zustimmung der fatalen 25% wichtiger ist als ihre übertragene Aufgabe staatlicher Leistungen für das ganze Volk. (Ein Beispiel, das nichts mit Flüchtlingen zu tun hat: der Minister B. Scheuer lehnt Geschwindigkeitsbegrenzungen u.a. mit dem Argument ab, dass die Mehrheit der Bevölkerung dem wohl nicht zustimmen würde…da sind wir nicht weit von der Wiedereinführung der Todesstrafe, wenn nur 51% der Bevölkerung die halt mal an einem Montagmorgen gern wieder hätten. Gemein, gell, so mit dem Volkswillen zu spielen?). Zurück zu den Flüchtlingen. Ich wiederhole den gestrigen Blog: Habeck hat Recht. Holt wenigstens die Kinder raus aus den Flüchtlingslagern. Darin kann man übrigens auch messen, um wieviel besser unser Rechtsstaat ist als der in andern Ländern. (Und dass die Kirchen und andere humanitäre Organisationen Habecks Forderung unterstützen, sollte den Christlein im Lande zu denken geben).
Aber fast noch wichtiger ist mir zu untersuchen, warum es eine Reihe von EU-Ländern gibt (und solche außerhalb der EU), die eine so unmenschliche Asyl- und Flüchtlingspolitik betreiben. Ihr Argument, von Trump über Orban bis Erdögan, ist zuvörderst die nationale Sicherheit, eng gekoppelt an eine Identität, die vom Wortlaut her meist als faschistisch bezeichnet werden muss. Dass das z.B. in vielen östlichen EU-Staaten etwas mit der stalinistischen Nachkriegsordnung zu tun hat, auch und insbesondere in der DDR, haben wir schon 1989 gewusst, aber zu wenig beachtet. Dass das Nationale die unterdrückte Nationalstaatlichkeit ersetzen, kompensieren sollte, haben wir auch gewusst, aber versucht, wegzukaufen. Dass Flüchtlinge eine Leerstelle demokratischen und republikanischen Bewusstseins besetzen, so wie früher und teilweise auch heute jüdische Menschen, hätten wir spätestens 2014 wissen können, aber das ist ein heikles Feld, für viele zu heikel.
Unsere deutsche und eurowestliche Mitschuld an der miserablen Entwicklung des rechten Populismus, der sich oft mit so genanntem linken Populismus (zB. vor zwei Jahren: Sarah Wagenknecht-Frauke Petry) trifft, muss ein Thema sein. So, wie die Wiederaufnahme der post-kolonialen Debatte unabweisbar wird, und langsam in die Gänge kommt, so sollte auch bei uns die Aufarbeitung der Zeit nach 1989 sich aus dem infantilen Ost-West-Geplänkel in etwas rationalere und kritische Ebenen bewegen (Ein Beispiel, dass und wie das versucht wird, ist Ines Geipels “Umkämpfte Zone“, 2019, wobei es da nicht explizit um Flüchtlinge geht, aber die ganze Identitäts-Rhetorik auf den Prüfstand gestellt wird, und die Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privaten Beschweigen konkret wird). Diese Art von Schuldbearbeitung unterscheidet sich von der Schuldzuweisung an die alten und neuen Diktaturen. Aber eben diese Differenz kann dazu führen, dass wir es besser machen: Ende der Abschiebung, Aufnahme der Kinder (was spricht dagegen Vorbild zu sein), Revision der Innenpolitik.

Rechts, oft faschistisch, real

Es ist natürlich, dass sich vernünftige Menschen gegen die Aussagen und Handlungen des Faschisten Ben Gvir wenden. Es geht nicht anders. Aber nicht jeder rechtsradikale ist ein Faschist, und nicht jeder Rechte ist rechtsradikal.

Die Frage in Deutschland ist schon wichtig, wo Dobrindt steht. „Psychische Auffälligkeiten sind kein Grund für einen Abschiebestopp. Kriegs- und Fluchterlebnisse werden immer wieder auch vorgetragen, das kann oft der Realität entsprechen. Aber überspitzt formuliert: Deutschland kann nicht zuständig sein für alle Traumatisierten auf der Welt. Auch diese Erkenntnis ist in unserer Gesellschaft inzwischen angekommen.“ (Merkur 19.8.26). Überspitzt ist nicht formuliert allein, sondern das rechtslastige Bewusstsein der Deutschen Minderheit. Nun ist Dobrindt nicht Ben Gvir, und Ben Gvir nicht Netanjahu. Worauf ich hinaus will: man muss Personen und ihr gesellschaftliches Feld untersuchen, um sie zu verstehen, und da spielen immer auch Anhänger, Untergebene, Ängstliche und ,,, eine Rolle.

Israel spielt zur Zeit eine Rolle, als rechtsradikale Regierung, als noch nicht entschiedene antidemokratische Wählermehrheit, als Mythos im Bewusstsein von Deutschland, als untergebener Dienstleister für die USA. Auch dort ist der Rassismus, zB. gegen den Europäischen Gerichtshof, zugleich global und lokal.

Man kann das alles analysieren und anordnen, zuordnen, verknüpfen oder kontingent halten. Man kann, muss aber nicht die eigenen Vorbehalte der Analyse zum verstecken oder verflachen benutzen. Wir befinden uns in einer globalen Auseinandersetzung von Faschismen gegen Demokratien, in einem höchst unebenen Gelände politischer Beziehungen. Einzelne Ereignisse, auch Personenbewertungen, können wie Wegweiser erscheinen, sie nehmen aber niemandem den Weg ab. Ich frage die vorschnellen Meinungsbilder: woher kommt Ben Gvir, was ist sein ethnischer, ideologischer Hintergrund, wie steht er zur Shoah, wie kommt sein Aufstieg in Israel zustande? Selbst unvollkommene Antworten würden den Rahmen eines schnellen Essays sprengen, aber: man kann doch viel wissen. Warum dieser Mann von vielen in Israel unterstützt wird, das ist eine Geschichte, ohne die man nicht versteht, was gestern und morgen geschieht. Und ich frage zusätzlich, was es mit dem Judentum, mit Juden und mit jüdisch zu tun hat, wenn der jüdische Staat faschistische Elemente in seine Regierungsherrschaft einbaut. Die Antwort ist auch, dass man in der Geschichte des Staates Israel und in seiner Behandlung durch andere weit zurückgehen muss, um davon einiges zu wissen, nicht einfach zu ahnen.

Auch Dobrindt kann man untersuchen und genauer unter die sozialen und kulturellen Verbindungen stellen. Unterschiede innerhalb des rechten Lagers, auch zur radikalen Rechten, auch zum und im Faschismus sind keine spontanen Eingebungen. Bevor man sie denken kann, muss man sie wahrnehmen, beobachten, einschätzen…

*

Darüber wollte ich eigentlich heute gar nicht räsonieren, aber die Nachrichten haben mich gedrängt. Das ist ein Rahmenthema, was man zur Kenntnis nehmen kann und was nicht so offensichtlich ist. Aber versucht einmal, hinter Namen und Erscheinungen Teile der Wirklichkeit für euch, einmal nur für euch, zu festigen… es rinnt und fließt nicht alles dauernd aus dem Bewusstsein weg, weil Neues auftaucht.

Eigentlich wollte ich heute darüber räsonieren, warum die Landwirtschaft, kaum ist die Hitze unterbrochen, schon wieder fordert, die Umwelt einzuschränken, bevor der Umgang mit dem Wetter in ein Konzept eingeordnet wird. Aber das hat noch ein wenig Zeit. 7% weniger Getreideernte…nicht so gut, aber in Kriegsländern gar keine Ernte. Das hören wir heute, vor allen anderen Nachrichten.

Change block type or style

Move Paragraph block from position 7 up to position 6

Move Paragraph block from position 7 down to position 8

Displays more block toolsSave draftPublish

Es wird kälter und ungemütlich

Ein österreichischer Freund fragt nach dem Sinn und Inhalt des Titelbilds im letzten SPIEGEL, ein AfD Spitzenpolitiker. Das ist ja nicht Werbung, sondern ein Aufruf – wozu? Wachsamkeit oder Vorsicht? Ablehnung? Resignation? In Österreich, wo die FPÖ ähnlich wie AfD, aber noch stärker ist, wäre das Bild in einer demokratischen Zeitung nicht möglich. Aber ehrlich: überall sind Putin und Trump titelbildfähig, oft mehrmals…wir müssen Journalismus im Zeitalter der IT, der Blogs und Memes, der auch immer wieder neu bewerten. Von Bildern allein können wir wenig lernen, vom Artikel im Inneren der Zeitschrift mehr (bei schlechten Journalen aber: weniger). Der Hinweis ist wichtig, weil ja zB. die Bilder des englischen Suizidopfers allein auch nicht viel gesagt haben, da muss man schon Informationen haben und im Kontext nachdenken).

Mit Bildern kann man Politik nur in bestimmten Sektoren beeinflussen. Die Zeit, wo ausgemalte Kirchenfresken die Textunkenntnis überbrückten, sind lange vorbei.

#

Was wird sich ändern, sollten die Faschisten tatsächlich regionale Wahlen gewinnen; oder sollte die französische Rechte die Präsidentschaftswahlen gewinnen? Dass sich vieles ändert, zeichnet sich längst ab. z.B. in der Beziehung zur italienischen Regierung. z.B. in den lokalen Beziehung mit den rechten Parteien, oder in Österreich mit Koalitionen und Bürgermeistern von der FPÖ. Oder in teilweisen Annäherungen von Wagenknecht mit den Rechten, auch inhaltlich. Das „Oder“ ist nicht leichtfertig. Überall in Europa stehen die Demokratien unter Druck, weil die Faschisten ja teilweise anders erscheinen als der Vergangenheitsmythos der Nazis.

Das mag euch übertrieben erscheinen, oder zu ungenau? Richtig. Denn ich vertrete ja keine festgelegte Politik, sondern stehe vor dem Realitätsgemälde gefährdeter Demokratien und Realitätsangriffen der Faschisten. Darum verwende ich auch längst nicht mehr analytisch rechts-links-mitte, weil das nicht wirklich aussagt, was die entscheidenden Unterschiede zwischen Faschismus und Demokratie sind, genauer: Faschismen und Demokratien. Schon das alles in Bewegung ist, sollte uns aufmerksam machen; dass die Umwelt in den Hintergrund tritt, ist für eine zukunftsleere faschistische Vision gleichgültig, sie zerstört die Gesellschaft der Gegenwart; dass die Wirtschaft der wohlhabenden Bereiche nicht weiter wachsen kann und soll, ist auch für die Zukunft wichtig; und dass die Retrohistorie der Gegner von Bildung und Kritik im Aufwind ist, können weir bei uns und anderswo in Europa studieren. Der letzte Punkt ist einer, den ich für die alltägliche Praxis für uns alle wichtig finde. Denn es gibt keinen Moment, in dem es nicht Bedeutung haben kann, nachzufragen, nachzudenken, zu wissen oder zu überlegen, wo man uns einredet, entweder zu ahnen oder Ergebnisse einfach zu akzeptieren sei wichtig.

Das schreibe ich an einem Morgen, der angenehm kühl ist, weit weg von den Rauchfahnen zerstörter Wälder und Moore, weit weg von akuten Angriffsaktionen, weit weg von der Angst, wir könnten der nächste Nachtisch der Diktaturen sein.

Was hat das mit den Spitzenpolitikern der Demokratiefeinde zu tun? Sie vertreten die These, die Machtübernahme der Gegenwart würde zu den Problemen auch Lösungen präsentieren (weil sie noch nicht regieren, haben sie jetzt natürlich keine Lösungen). Noch behindern wir DemokratInnen („System“) die Erwartung, dass die faschistische Bewegung Brot und Spiele serviert, wo es ohnedies keine Zukunft geben wird, wenn die AfD, die FPÖ, der FN usw. regieren. Schaut genau auf Italien: nicht was Meloni außenpolitisch macht, sondern wie das im Inneren vor sich geht – die Kultur, das Wissen, die soziale Beständigkeit zu untergraben, das steht auch anderen Ländern bevor, nicht über Nacht, aber auch nicht als Zeitalter.

Ich weiß nicht mehr, welche Sage das war: aber Überleben lag daran, dass niemand einschlief, dass man wach bleiben musste, und sei es bis zur Erschöpfung. Das passt nicht zum sog. Schicksal, oder zur Religion, aber es passt zu einer Realität, wo man nicht bei jedem neuen Ereignis sich wundert, sondern eher reagieren kann.

Dem Mythos, aufzuwachen und das Wahlergebnis als Realität zu genißen, sollten wir nicht erliegen. Der echte Mythos ist aufzuwachen und die Wirklichkeit wahrzunehmen. Überlegen und Überleben, das klingt schon ähnlich gut.

Wien, weiter

Wer meint, einmalige Lichtblitze auf Wien reichen aus, um die Stadt zu erkennen, irrt. Die Stadt braucht eine lebenslange Begleitung und Betreuung, wie Familienmitglieder, Kinder, aber auch Erbgut, Haustiere, Erinnerungen, Verbeugung und Kritik, Abwendung und Heimreise, hierher, und nur gelegentlich Abreise, weil die Wiederkehr so schön ist, am Bahnhof ohne Gepäckträger und Orientierung, aber voller Rückblicke auf den Würstelwagen.

*

Vor ein paar Tagen habe ich einiges über Wien dargestellt, jetzt noch etwas anderes, weil ich ja etliche Wochen die Stadt nicht mehr besuchen kann, Familie habe ich längst nicht mehr hier, und die Kooperation setzt ihre eigenen Termine, auch außerhalb Wiens. Mir ist aufgefallen: RadfahrerInnen klingeln in Wien, anders als in Deutschland. Das erwähne ich, weil es mir aufgefallen ist. Anderes fällt mir nicht mehr auf, außer ich brauche es…

*

Es gibt nur wenige private Bäckereien und Metzger. Hier haben die Großbetriebe und Genossenschaften längst zugeschlagen, umso wichtiger, dass man die Überreste kennt und dort einkauft, was man am nächsten Tag zum Frühstück isst und am Abend aufwartet. Auch am Naschmarkt muss man vorsichtig sein, bei wem man sein Geld lässt…es gibt doch etliche gute Buchhandlungen in allen Bezirken. Allein rund um den Hohen Markt sind es zahlreiche, da findet man aktuelles und hinterlegtes, in einer sogar nur die Bücher und Bilder aus eigenem Verlag (Batya Horn, Salvatorgasse), aber dafür Tshirts mit Textauszügen…bei ihr und in anderen umgebenden gibt es Lesungen, Abendveranstaltungen und Treffpunkte. Bücher brauchen genährte LeserInnen und Diskutierende. Keine Werbung: man kann in Wien überall gut essen, wenn man es weiß, und wenn man nicht will, kann man sich mondial bei allen Küchen der metropolen Angebote vollstopfen, nicht nur manche Touristen, auch manche Wiener tun das. Ich kann mich erinnern, während der Studiums und den ersten Arbeitsjahren nach 11 am Abend Burenwürste, Pepperoni, Mautnersenf, nicht immer Bier, aber anständige Brot…auch das gehörte so dazu wie das ernsthafte berufliche Treffen um 11 vormittags in durchaus nahrhaften Konditoreien, dafür wenig bis nichts zu Mittag….nja, da hat sich einiges mondialisiert, aber eben nur weniges über die Jahrzehnte (ich spreche von einem halben Jahrhundert). Und wundere mich immer noch, was noch da ist…das anderswo schneller ab und umgebaut würde. Ich habe mir die Zeitgenommen, in die vielen Stadtführer, Bücher und Hefte, zu schauen. Die 10, 15 super-einmaligen Ansichtspunkte sind klar, die 100-111 ansichtswürdigen Stätten und Anblicke kann man ertragen, ihre historische Darstellung ist meist etwas geglättet, dafür gibt es eine kritisch aufklärerische Gegentextkultur, meist auch in den Reiserführerge-schäften, wer weiß schon, wenn was interessiert. Und natürlich fahren nicht nur Ausländer, auch BesucherInnen aus der Provinz mit derm Fiaker durch die Stadt, wobei das Mitleid mit den Pferden die Geschichte des Pferdefleischs der letzten 150 Jahre durchaus animieren kann, ich erinnere mich an den Pferdelungenbraten vom Naschmarkt meiner Kindheit. Übrigens gibt es bis heute Innereien, die längst aus deutschen Metzgereien verschwunden sind, beim Fleischhauer ist das noch vorhanden, magerer als früher, aber immerhin.

Führungen durch Wien haben sich verändert, nicht nur wegen der Donauinsel und den neuen Gebieten im Norden. Und wenn ich die Straßenbahnen, U Bahnen, Busse lobe, heißt es für mich doch noch: lange Strecken zu Fuß laufen, ohne Camera, anders schauen und viele Anregungen durch Geschäftsschilder, Vereinsangaben usw. zu bekommen, die man sonst selten sieht. Die Offenheit korreliert mit der Öffentlichkeit und kappt viele Aufregungsspitzen – so empfinde ich, nicht alle. Aber zu sehen, zu wissen wo demente, HIV-kranke oder behinderte Menschen versorgt werden, ist kein schlechter Stadtplan. Den Plan sollte man schon kennen und sich fragen, warum wer wo wie lebt, arbeitet, fährt oder rastet. Hier geht es nicht um den Vorrang von Wien, sondern um die Erkenntnis, dass „Anders“ auch erarbeitet werden kann und soll. Wien ist eben anders.

Ab morgen schreibe ich wieder andere Diarien. Aber heimgekehrt nach ein paar Tagen in Wien sagt mir deutlicher denn je, warum und wie Wien nicht der Westen ist, von dem so viel geredet wird, und warum Wien auch nicht der Osten oder Mitte ist. Europa hat sehr viel mehr Dimensionen, und gerade in diesen Tagen sollte man sie wahrnehmen. Inclusive der Schätze am Grund der Donau und an ihrem Ufer

Wien, wie es ist…

…nicht, wie es sein soll. Meine Stadt, von Kindheit (5) an, nach dem Aufwachsen in den Alpen, bis zum Übergang von Ministerialzuarbeit ins deutsche akademische Resort (27). Alle Unterbrechungen und Reisen waren egal, Wien war das Zentrum und hat sich als Focus der Biographie gehalten. Übrigens keinesfalls einfach verklärt oder durchgehend positiv, aber eben den Habitus prägend, bis ins Detail. Als ich gestern nur durch den Naschmarkt ging, 15 Minuten, war der Anblick dieser anderen, vielfältigen Welt ja daran gebunden, dass ich nicht einfach einen Korb mit Gemüsen und Gewürzen kaufen kann, wei ich hier ja nicht mehr zuhause bin, also wohne, also koche. Keine Romantik, bedenkt man die politische und soziale Wirklichkeit. Aber auch kein Abgleich mit besseren Städten oder Orten, gibt es nicht, auch wenn man sich jahrzehntelang woanders einleben muss. Über Wien etwas schreiben, darf nicht im oberflächlichen Feuilleton enden, sondern muss Einblick in die seltsame Hauptstadt gewähren, die eben nicht das halbfertige neue Europa repräsentiert…ich werde nicht auch noch ein Buch über Wien schreiben, aber die Stadt hat sich bei mir eingeschrieben.

…Übrigens habe ich beim Kauf eines Buches in einer guten Buchhandlung wahrgenommen, wieviele Bücher und Krimis über Wien angeboten werden, und wieviele davon schon im Titel eine unbestimmte Vergangenheit angehen.

Dass die Rechtsausleger ausländerfeindlich sind, ist auch hier nicht neu, aber die großstädtische, massenhafte Vielfältigkeit der Erscheinungen, Hautfarben, Kleidung etc. hat mich am Mittwoch besonders erfreut, weil „alle“, sehr viele zur Donausinsel und den Uferböschungen gezogen sind, um die Sonnenpartialfinsternis anzuschauen, wir saßen dicht an dicht am trockenen Abhang und hatten wenigstens klares Wasser der Donauarme und die grüne Insel vor uns, die unselige Trockenheit leider nicht verdeckend. Was mich erfreut hat, war die Stimmung der Tausenden, und weil die Sonneneinschränkung zum Kipferl nicht sooo dramatisch war, gab es einen angenehmen urbanen Abend…auch noch beim Essen in der Innenstadt, wo natürlich die Touristenmassen überwiegen. Aber mir ist aufgefallen: wo man hinschaut, sieht man einerseits die sozialkulturelle Besonderheit von Wien (gegen, de facto gegen, die Bundesländer) und andererseits die soziale Armut, Behinderung, Ausgrenzung. Und die Konsequenz: man sollte hinschauen und nicht das erfreuliche Oberflächenmenuett der beliebtesten Stadt Europas allein würdigen (übrigens geteilt mit Kopenhagen…).

Natürlich können nur Wiener über Wien schreiben, waber wer kommt schon aus Wien? oder kommt dorthin und bleibt? Lest Simmel, nicht nur Max Weber. Aber leider ist die Wiener Geschichte, diese nicht-westeuropäische Bühne, nicht einfach eine der Erfüllung hier geborener Hoffnungen und Utopien, sondern auch der Realitätsstoß einer teilweise schwer erträglicher Normalität – in einem an Scvhönheit kaum zu überbietenden Rahmen. Nein, das ist nicht Westeuropa. Auch nicht der Osten, aber den kennen wir hier, auch historisch, schon ganz vielschichtig gut, allein, wenn man bedenkt, woher die meisten der weltberühmten Wiener kommen…

Warum ich das in meinen Blog schreibe. Ein paar Tage in Wien, ein paar Freunde und Bekannte, ein paar Ereignisse und Projektarbeit. Und ich muss es schreiben, weil mir die Differenz von D und Ö so wichtig ist, obwohl die Ö nach 1918 ja gerne nach D gegangen wären, und eben viele die Eroberung von Ö durch D 1938 bejubelt haben, und viele davon mit der Nichtdemokratie 1933 bis 1938 zufrieden waren und deshalb gegen NS, während andere natürlich mit beiden unzufrieden waren…und das alles kann man lebendig nachverfolgen, wenn man möchte. Darauf kommt es mir an, die Geschichte der Faschismen in Ö und D wirklich nacherfahren, ihre Tentakel vergleichen, nicht gleichsetzen.

Dazu könnte ich. neben der Literatur, Stadtführungen in Wien oder Baden bei Wien oder…zusätzlich zu denen, die es gibt, durchführen, nicht nur für Freunde und Bekannte, nein, immer auch für mich. Das könnte ich, mache ich selten, aber die Subjektivierung der Stadtgeschichte neben den wirklichen Daten und Fakten, gehört dazu, um den Platz „Österreichs“ zu verorten….gibt es das eigentlich, dieses seltsame Land? Keine ironische Frage. Ist mir gestern, bei der Sonnenfinsternis, wieder eingefallen, wo die Sonne wie ein Wiener Kipferl ausgesehen hatte.

Der konservative Flügel schlägt unbeugsam, die SZ beklagt „Einbürgerungen um ein Fünftel gestiegen“ (13.8.) und natürlich in Wien besonders…(objektiv: Gleich 60 Prozent mehr Einbürgerungen hat es in Wien im ersten Halbjahr gegeben. Insgesamt haben hier 3.333 Personen die Österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Die Zahl der Einbürgerungen ist österreichweit gestiegen, im Vergleich zu Wien aber deutlich weniger. (news.ORF.at). zwischen den Zeilen der lokalen Medien die Ethnophobie, zwischen den Zeilen die Wirklichkeit – und die Hoffnung des Widerstands, nicht nur aus Wien und die Geschichte wiederholt sich schon so oft, dass man nicht mehr die alte Dramaturgie beleben muss. Dabei sind wir Österreicher das Land, in dem die Begriffe Ausländer und Inländer, incl. – innen, nie Sinn gemacht haben, es sei denn im Vorfeld politischer Konflikte.

Wasser des Überlebens

Bin zur Zeit in Österreich, einem Land ohne Meeresküste und binnenländischer Wasserknappheit. Die Donau ist flach und gibt Unerwünschtes am Grund frei, die Seen sind fast alle zu wenig gefüllt. Bis auf meinen Heimat-Traunsee, der hat viel Wasser, weil die Gletscher schneller in die Traun abschmelzen. Das Wetter ist kontinental heiß, Wien besonders. Vorboten trockener Jahre, wenn das Wasserknapp wird, entstehen neue Kulturvarianten und am Ende Flucht oder Vertrocknung. Habe ich alles schon gesehen, nur nicht bei uns. Aber vorher gesagt war es schon lange.

In den Salzburger Nachrichten, einer der größeren Tageszeitungen, gab es vorgestern, am 8.8., im Lokalteil eine vielseitige Darstellung der Wassernot: „Die Quellen versiegen, Feuerwehr liefert Wasser“, „Wasser ist Mangelware“, „Der Blick in den eigenen Brunnen genügt nicht“, sind einige Überschriften. Liest man genau, gilt Wasser als Ware, als Produkt, Handelsobjekt. Erinnerungen an meine Jugend am Traunsee und an der Traun, an Überflutungen und Hochwasser überdecken frühere Trockenperioden. Wir waren durchaus gesegnet, kann man so sagen. Dass die Computergiganten mehr noch als die edlen Golfplätze wirklich viel Wasser den Menschen entziehen, um AI zu füttern, führt nicht nur in den USA zu Widerstand, aber offensichtlich noch wirkungslos. Erst müssen mehr Menschen verdursten und eintrocknen. Und bei uns? Wenn die Gletscher abgeschmolzen sind (5-10 Jahre), wenn es weiterhin kaum schneit und wenig regnet, wenn Gewitter nur Wasser an der Oberfläche abfließen lassen, wenn Brunnen und Grundwasser austrocknen…dann wird sich in absehbarer Zeit ein Teil der nicht umkehrbaren ökologischen Endzeit verwirklichen. Trotz aller Aktionen einer Erdöl und Gas-orientierten Bundesregierungen mangelnder Intelligenz. Nicht nur in D und Ö und…Dass nicht nur die Antidemokraten und Faschisten nicht an die Zukunft vor allem der Kinder und Enkel denken, ist bedenklich. Wutausbrüche haben keinen Sinn, eher ist wichtig, Formen des Widerstands politisch und der Änderung der eigenen Lebensweisen zu revidieren. Was politisch eben in die Weiterentwicklung der Demokratie, nicht des Wirtschaftswachstums eingreift. Mehr Bildung, mehr Soziales, weniger Wachstum, Reisen, Konsum…ja, das ist eine Variante des Nachkriegs. Und zwar in einer Welt abgeflachter Reaktionen auf Kriege, die nicht nur Menschen, sondern auch die Umwelt dauerhaft vernichten.

XX

Zurück zum Wasser. Überlebenswichtig und eng zu verteilen. Mythisch, in heiligen Schriften und widerständigen Oppositionen, spielen Wasser und Feuer die beiden fokalen Aspekte der Entwicklung, Vernichtung, Verdichtung…diese Bilder gehen in der Aufklärung verloren, aber bei der Wasserkraft und dem Hochofen spielen da noch einige Nachträge mit. Und das hilft uns heute nur zur Formulierung von Politik, wo es um faktische und irreversible Naturzerstörung geht. Der Kampf gegen die verschwenderischen Herrschaftsformen, nicht nur Rechenzentren, auch Baumwollhemden und Rasenfeuchter, wird sich schneller zuspitzen als die meisten von sich geben, und natürlich wird sich die Fluchtbewegung beschleunigen, Migration wird den völkischen Widerständlern nicht einmal das Hirn befeuchten. Wenn ihr diesen Argumenten folgen könnt und wollt, überlegt bitte, was das mit eurem persönlichen Lebensaspekt zu tun hat, so wie ich nachdenke, was ich für mich ändern kann und soll, obwohl es hier nicht um individuelles Verhalten allein geht, was ja vorgeschoben wird, damit Staat und Kapital nicht handeln müssen. Kkeine trockene Zukunft, wäre ein Slogan.

Sommerbeben

Drei Stunden lang heftiger Regen, Donner und Blitz, bis in den frühen Morgen. Trotzdem sehr warm.

Widersprüche, Wetter und Politik und Kultur und Ausblick in die Zukunft. Ich bin zu Beginn meines liebsten Sommermonats weder pessimistisch noch zukunftstrunken, und Nachdenklichkeit sagt nur etwas, wenn man weiter denkt und etwas zu sagen hat.

Das habe ich heute: frage mich, warum ich die schlechte unwirkliche Zukunftsglobalität der Nachrichten, der meisten Analysen, der eigenen Vorausgedanken fast nur mehr als Pflicht und ohne die Neigung der Eingriffe in den Tagesablauf wahrnehme. Ich lass es nicht, obwohl ich es könnte. Der Unsinn der Wirklichkeit ist auf allen Gebieten zu nah an den Alternativen, die man Reform oder Lösung nennen sollte.

Einschnitt: Das Regenwetter animiert mich, Park, Pflanzen, Balkonien, wenigstens bei uns, bei mir, aber auch der Blick auf die austrocknende Erde, die beides produziert: Dürre und Flüchtlinge. Die Flüchtlinge wird die EU, werden Länder und Politiker nicht eindämmen können – ich habe die letzte Szene der Götterdämmerung vor Augen, vor vielen Jahrzehnten in Oldenburg, als die Flut anbrandete und die Festung zerbröckelte. Festung Europa – weiß, ältlich, fremdenfeindlich…nur teilweise, gottseidank, nicht gänzlich faschistisch oder anderswie undemokratisch

Denke ich nach, warum viele sich ausklinken, sozusagen ohne Aufklärung sich der alltäglichen Meinungsflut hingeben, dann nehme ich nicht gleich pswychologische oder soziologische Erklärungen, sondern versuche, in der Evolution einen Status der Stagnation oder der stark verlangsamten Hinhalteentwicklung zu sehen – die Erfindungen der Eliten haben die Entwicklung weitgehend überholt?! Das ist zu simpel, aber nicht wirklich gegen die Evolution gedacht. Das hat dann ökonomische Gründe, die Politik wurde „überholt“. Dagegen kann man etwas machen, immer – und auch politisch, aber auch persönlich. Primitives Wort, „Denken“, aber richtig: man kann soviel mehr durchschauen, wenn man sich ans Thema traut, wenn man nicht einfach glaubt, was einem gefällt…so, jetzt könnte ich hier weiter ausführen, kehre aber zum Augustregen zurück:

Umwelt und Witterung sind mit die wicghtigsten Ausgangspunkte für fast alles, jedenfalls Kultur, Soziales, Politik. Nicht umgekehrt. Das ist trivial und richtig. Wenn ich daran denke, wie sich die Politik verdreht, nur um durch keine Störung bedroht zu werden, dann ist es entweder lächerlich oder bedrohlich, Merz oder Putin…NN oder Trump, Xi, und ich füge immer Netanjahu hinzu, der leider beides ist, und den man nicht immer mit den Terroristen ins Boot setzen muss (was ihn ja entlasten sollte). Nur: Dürre und globale Flüchtlingsbewegungen sind unvermeidlich, mit oder ohne stärkere Investitionen in die Dritte Welt – wir sind am minimierenden Ast der Evolution, zumindest zur Zeit. Daraus folgt für mich der Vorrang der Umweltpolitik vor den Wohlstandsphantasien, und natürlich der Schutz unserer Kinder und Enkel vor der Individualisierung durch den Vorzug der Robotik. Die Wendung wundert euch?

Das ist mir wichtig. Die dauernde Perspektive des evolutionären Ersatzes durch die Roboter, KI etc. ist schon ein wichtiges Thema, aber keine Zeitbestimmung oder realistische Prognose. Dazu kann man aus der Flut der Nachrichten wirklich hilfreich lesen…nämlich kritisch. (Heute wieder: Thomas Metzinger in der SZ 1.8.26, und wichtig: Rainer Mülhoff: KI) Das ist für die obige These wirklich wichtig, weil die Illusion einer KI gestützten Überlegenheit gegenüber der menschlichen evolutionären Denkweise entweder in absehbaren Zeiträumen einfach unsinnig ist – oder einer kleinen technopolitischen Elitem die Chance gibt, die Menschheit auf Erden zu verlassen und in eine für sie lebenslange „Urlaubsexklave“ zu fliegen. Die Illusion ist so absurd wie die Vorstellung, künstlich Gold herstellen zu können…

Funkes Flug über den Osten

Hajo Funke: Lesen und entwickeln

Mein Freund und Kollege Hajo Funke hat ein reiches Repertoire. Hajo Funke – Wikipedia, und fast täglich Blogs bei Wikipedia. Seit Jahren kommunizieren, bisweilen auch kritisieren wir unsere Texte. Manchmal ist er sehr schnell und beschreitet eine schmale Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Journalismus, vor allem, wenn es aktuell sein soll: H.F.: Erobert die AfD Ostdeutschland? Sachsen-Anhalt als Einstieg in Pläne für einen rechten Systemumbau. VSA Hamburg 2026, SOST e.V.. 37 Seiten, 3 Kapitel. Das erste (4-18) ist mir besonders wichtig. H.F. beweist, dass man konsequent und durchsichtig erklären kann, was durch die AfD und auch in ihr konkret und vor der Wahl in ein paar Wochen sich ereignet. Lest das, und dann wisst ihr mehr; oder ihr wisst es, dann bestätigt das Kapitel euer Wissen. Mir geht es darum, die realen Informationen zur AfD nicht durch ein Gewebe von Schlussfolgerungen und Ansichten zu erhalten, sondern sozusagen „positivistisch“ genau das von der AfD zu erfahren, was eigentlich sehr viel mehr Menschen als Grundlage politischer Entscheidungen wissen müssten. Mein Vergleich: 1932-1933 hätte man über die Hitler-Partei auch sehr viel Genaueres und mehr im Detail wissen können, auch müssen, um demokratisch dagegen vorzugehen. Der Vergleich ist keine Gleichsetzung, aber ein leider tragfähiger Vergleich über die Fähigkeit des Faschismus, Demokratie zu untergraben durch Normalität, durch Doppeldeutigkeit von Verhalten und auch durch wirksame Veränderungen von Sprache und Kultur. In den beiden folgenden Kapiteln macht H.F. deutlich, wie man da demokratisch eingreifen kann, sich kümmern, wahrnehmen, verstehen, was an der lokalen Basis wirklich wichtig ist, und wie man auch, anders die AfD, darauf reagieren kann, agieren muss. H.F. hat leider recht, dass die bürgerlich-demokratischen Parteien, CDU voran, aber eigentlich fast alle, die Arbeit „Vor Ort“ längst haben abfallen lassen, den Faschisten das überlassen, was die Demokratie weiter entwickeln lässt. Kann man erklären, muss aber nicht sofort geschehen – jetzt einmal schauen, ob man an die Realität der lokalen Bevölkerung herankommt, also die Wirklichkeit zu „subjektivieren“, d.h. das sind ja einzelne Menschen und Gruppen und nicht statistische Zusammenfassungen. Dass darüber und darum „Gesellschaft“ sich strukturiert, ist ja richtig, aber es ist auch wichtig, ihre Elemente, dich, mich, uns etc. herauszuholen aus der Statistik in die Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist das Leben der Menschen in ihren Zusammenhängen, und da kommt zB. die sogenannte Sozialpolitik der Koalition nicht bei den Menschen an, solange sie nicht durch Armut und Ausgrenzung die Folgen dieser Politik ertragen müssen , – das aber müssen sie, zahlreich und von Ideologie umgeben.

## ##

Darüber schreibt H.F., und im dritten Kapitel macht er auch politische Vorschläge, zT. Gute und praktische, was man machen sollte und was man warum ablehnen sollte. Lest das. Jetzt aber weiter: Wenn man demokratisch das noch vor der Wahl drehen kann, muss man nicht nur die demokratischen Aktionen unterstützen, sondern auch sich darüber klar sein, wie man die gesellschaftliche Basis überhaupt erreicht, die Wut, Enttäuschung, die Scham, die Abwendung von der Wirklichkeit…all das kann man nicht einfach theoretisch analysieren und kritisieren, man muss schon vermitteln können, was und wie nach der Vereinigung 1979, 1980 über die subjektiven Erfahrungen in zwei Diktaturen hinweggewischt wurde, nur um die westdeutsche Generallinie durchzusetzen, anstatt auch sie der historischen Kritik zu öffnen. (Als Österreicher habe ich das sehr früh ausgeführt, als Deutscher bin ich damit oft gegen die unverständige Wand gelaufen). Ich bin der Auffassung, dass wir gegen die AfD insgesamt nicht mehr mit Ost und West argumentieren sollen und brauchen, aber in den konkreten Wahlkämpfen auch die unterschiedlichen NS-Folgen in den beiden Ländern genauer nachvollziehen müssen. Müssen. Dazu sollten in den Wahlkämpfen und Diskussionen wenigstens Rahmen und die Geschichtslinien erwähnt werden, denn nur so kann man verstehen, was man nicht verstehen kann, und oft nicht weiß. Das Verhalten nach zwei ineinander verklebte Diktaturen ist anders als das Verhalten in einer ambivalenten Demokratie – und davon kann man nach drei Generationen nicht einfach sich abwenden.

## ##

Das hat mit Hajo Funkes Aufruf anscheinend wenig zu tun, ist aber vielleicht wichtig, wenn wir seine Aufforderung – zuzuhören und an der Basis aktiv zu werden – ernst nehmen. CDU nimmt in diesen Tagen nach Merz`desaströser Regierungsumbildung an Zustimmung ab, die anderen Demokraten gewinnen, aber zu wenig. Die Konsequenz ist keine Unterwerfung unter die Faschisten, sondern selbstkritische Konzentration auf den gemeinsamen demokratischen Kern der demokratischen Parteien. Lasst die Begriffe „rechts, links, Mitte“ liegen, das kennzeichnet die Demokratie nicht. Lest Funkes erstes Kapitel noch einmal.

Herbst – Hoffnung statt Abstieg.

Man kann, wir können, den Kanzler Merz im Amt hoffen, auch wenn wir ihn und seine Regierung kritisieren, die Politik ablehnen, Widerstand gegen Kultur-Sozial-Umwelt-Abstieg fordern oder gar – leisten. Im Letzteren liegt das Hauptproblem. Weil es zur Zeit keine reale Alternative zu dieser Regierung gibt, ist es falsch – politisch und moralisch – scheinbare Alternativen aus Verachtung, wie in Frankreich, rechts und links, oder aus der falschen faschistischen Option, Italien, dem Kabinett entgegenzustellen. Das bedeutet: Kritik ja – 0,8 Ironie und Sachkritik – Verachtung oder Verlächerlichung nein. Die Grenze zwischen beiden ist schmal, aber um das Soziale, das Kulturelle und das Ökologische zu kämpfen, muss man, leider oder nicht, mit der Realität der Regierung und nicht mit dem Stern der Hoffnung auf eine gute Alternative, sagen wir: angeführt von den Grünen, reden und handeln.

Nebbich, das haben wir doch gewusst, oder? Naja, am Fall der Ablösung von Spahn kann man die obige Position ja durchexerzieren. Mach ich jetzt nicht, steht ja überall, nur: die Überhöhung der Leihmutterschaft als Abschiedsthema und das Verdrängen eines rechtspopulistischen Kurses, nicht nur von Spahn, macht die Grenze zwischen Toleranz und Lächerlichkeit porös.

Also: wir sind noch vorne, vor Frankreich, Italien etc., ABER. Was denken, projizieren, tun, jetzt, im Herbst der Demokratie? DAS nämlich ist eines meiner Probleme: wenn wir uns nicht politisch zusammentun und endlich die Demokratie weiterentwickeln, müssen wir schon planen, mit den und unter den Faschisten zu leben und zu handeln. Ob wir mit den Faschisten reden oder nicht, tagesproblematisch, ist doch egal…wie wir mit ihnen umgehen und handeln, darum geht es. 1930er Jahre sind, ein Hilfsmittel, aber keine wiederholbare Strategie.

Ich weiß es nicht, es geht darum, ein Wir zu konstruieren, das politische und kulturelle Nebenwidersprüche wahrnimmt und einebnet. So, wie Atheisten mit Katholiken kooperieren können, so können ganz viele Brücken mit zwischen kulturellen und sozialen Differenzen gebildet werden, nicht für ewig, aber jetzt. Vor den Wahlen und wahrscheinlich danach umso effektiver. Persönlich würde ich nur bei der Umwelt, bei der Ungleichung von Ökologie und Ökonomie, Grenzen ziehen, aber wechselseitige Durchlässigkeit bei Kultur und Sozialem erstmal aufbauen und dann durchhalten – schlechter wird es uns ohnedies demnächst gehen, und wer Freiheit gegen Gleichheit ausspielt, hat beide nicht verstanden.

Wir sind nicht frei, wenn wir hungernde Familien großzügig betafeln. Damit meine ich, dass wir uns selbst, das WIR oben, auch ändern müssen, um zu überstehen, was uns bedroht.

Das sagt sich so leicht. Aber ernsthaft: was wir uns zumuten müssen, ist noch längst nicht bewusst in seinen Risiken, Hoffnungen, Gefahren und unserer Leistungsfähigkeit.

Dazu lade ich euch ein, mit mir ein Manifest zu schreiben. Zu bedenken, zu schreiben, es zu entwerfen, nicht wie so oft, unterschreiben und sich befreit fühlen.

Jüdische Bibliothek

Da hat einer, Mendel Uminer, eine große jüdische Bibliothek, er liest die ganze Zeit, ein junger Gelehrter:

Alex Vadukul

By Alex Vadukul

July 9, 2026

For a young Jewish scholar and writer named Mendel Uminer, books are the wellspring of enlightenment. So when he scored a studio apartment a block away from Central Park on Manhattan’s Upper East Side a year ago, he brought his books with him — all 10,000 of them. What followed, at least for a little while, was a charmed existence in his 600-square-foot temple of knowledge.

Towering stacks of Judaica lined the walls, heaps of film criticism and opera history filled the prewar bathroom, piles of plays and poems blocked a window, and Uminer slept on a floor mattress engulfed in dog-eared novels. Waking up around noon, he spent his afternoons on his sunlit chaise, devouring the works of Yiddish writers like Chaim Grade and critics like Edmund Wilson, nourishing his mind while the city churned outside.

“I’m always reading,” Uminer, 31, said. “I’m reading to extract knowledge. Every book I own, I need. My library is my manual for life.”

He worked as a freelance Hebrew translator and used the apartment as the headquarters for his fledgling literary journal, Notarikon Review, hosting parties that gained a reputation among quarters of New York’s literary underclass. Striving writers drank beer among the teetering stacks while arguing over foreign affairs and Greek poetry….

Die Vermieter kritisieren diese Bibliothek: „“You are maintaining the Premises in a severely overcluttered condition; permitting the over-accumulation of books in the Premises; creating a fire hazard by over-accumulating combustible books in the Premises.”“

Die weitere Geschichte „Too many Books“ (NYT 10.7.2026) ist zwar spannend, aber mich fasziniert etwas anderes, berührt mich direkt: Jüdische Bildung durch lesen.

Es gibt nicht nur viele Bücher über Bibliotheken, über die Buchkunst, die Sammlungsvariationen, den Zusammenhang von AutorInnen und ihren Texten, die Lektorate, – das alles gibt es, verdoppelt durch den Blick auf die jüdische Geschichte im Text, mit Texten, das Wort verbindet nicht nur Gesellschaft mit Natur oder Gott oder Schicksal, sondern schafft auch eine Evolution, in der Judentum eine Rolle hat, die es hervorhebt, absondert, begünstigt…eine Rolle, die nicht unbedingt religiös geblieben ist, aber über Jahrhunderte religiös oder – religionskritisch war, nicht wirklich ironisch sage ich: wir lesen eben die Welt. Damit kommen auch alle anderen Künste ins Spiel, damit findet die Kritik ihren Grund ebenso wie das Dogma, und die Konflikte gehören dazu.

Nun kann man hier das Tor zur Bildung öffnen, aber mehr noch zur Aufklärung, was für die Geschichte der europäischen (und nicht nur europäischen) Monotheismen schon spannend ist. Nicht nur Texte vermitteln Humanität, aber sie halten sie fest, mehr als vieles andere. (Und bisweilen müssen sie zurücktreten, Musik und Kunstwerken den Vortritt lassen).

Die Zerstörung von Teilen des Judentums durch den ultra-orthodoxen, aufklärungsfeindlichen dogmatischen Politikstil – gegenwärtig, nicht vergangen – ist nicht nur mir peinlich, aber solange der Geist fliehen kann und keine Körper hinter sich lassen muss, zeigt sich schon Rettung. Schade, wieviel Bildung und Lesekunst bedroht ist, nicht nur in Israel natürlich.

Aber zurück zum Lesen, das ja das dauernde erneuerte Schreiben anregt (mehr als umgekehrt). Die Fortschrittsgeschichte der Menschen ist da nicht so schwieirg zu erklären. Jetzt interessiert mich mehr, warum nicht „bloß“ der Text, sondern auch sein Träger mich bindet, warum ich Bücher und Texte aufbewahre, die ich nicht nur einmal gelesen habe und nicht mehr lesen werde, die ich vielleicht registriert oder katalogisiert habe – anderes gebe ich leichter weg. Aber diese Texte verkrtöpern, weil ich sie gesammelt habe, auch ein Stück meiner Existenz. Ein Stück, bitte, nicht alles und nicht ganz. Und bei den Texten die ich, die wir, selbst geschrieben haben, ist die Brücke zu den VerlegerInnen, zum „Verlag“ von großer Bedeutung, sozusagen als Gegenüber zur Reaktion von LeserInnen auf die Texte. Da geht es nicht um einige übersehene Rechtschreibfehler oder Satzkrümmungen, da geht es um die Verdopplung des Textes durch die Kritik, die im Lektorat eingebunden ist, sozusagen als Freigabe. Das kann man historisch bis auf weit vor unserer Zeit verfolgen, und man kann es jetzt gegen die Feinde von Bildung und Lesen anwenden. Eine langdauernde Kunst.

Das alles schreibe ich jetzt nicht als Werbung. Umgekehrt, meine, unsere Verlage sind von dem Text, der „als Buch“, als „Aufsatz“ tatsächlich erscheint, nicht zu trennen (es sei, man sei sein eigener Verleger und Drucker, – nicht mein Anliegen). Und wenn ich einen Teil meiner Bibliothek „übertrage“ oder einer Institution, zB. einer jüdischen Institution widme, ist es immer mehr als nur eine Textsammlung.

Es gibt kein Ende…der Geschichte

Zu allen Zeiten verzweifelten Menschen an der Wirklichkeit der Politik. Sie bedachten das Ende der Geschichte als Mythos oder sehnten den Neubeginn im Jenseits herbei – jedenfalls für die Menschen, die an der Wirklichkeit dieses Erdenlebens wirklich litten. Das Ende von Freiheit ist heute nicht mehr so einfach. Wie Demokratien und wohlhabende Staaten aus den Diktaturen herauskommen, ist nicht trivial, und ob sie es schaffen, in mehr und nicht weniger Freiheit zu kommen, ist immer fragwürdig. Israel ist ein gutes Beispiel, weil manche in Deutschland die Gründung und Entwicklung des Staates mit der undemokratischen Regierung verwechseln. Dazu spielot auch die Presse eine Rolle, unabhängig von der Regierung und wenn möglich ein sachkundiger Berater der Realität gegen die Strategie der Diktatur.

„But so is ours: Haaretz will not cower. Instead, we will double down on our mission to report accurately and critically, serve our readers and safeguard free speech – no matter how many cinder blocks come our way.

A free press cannot be broken.“ (8.7.2026 Yishai Halper, Haaretz English Editor)

Jetzt bleibe ich aber nicht bei Israel, ich muss dieses Land mit seiner trumpoiden Regierung nicht herauspicken. Gerade ist der NATO Gipfel, rhetorisch geheuchelt, trumpophil und zugleich ironisch zu Ende gegangen. Kritisches Selbstbewusstsein wird nur in einem schmalen Sektor der Medien ausgeführt, aber – das ist wichtig in der Demokratie: Immerhin. So hat man das im Rundfunk zeitnah erfahren. „A free press cannot be broken“, das ist die Hoffnung der besseren Zeitalter.

**

Dazu jetzt. Ihr erinnert euch, wie oft ich Ovids Zeitalter beschrieben habe, Golden und Silber ausführlich aber Ehern und Eisern knapp und deutlich in den Abläufen. (Ovid: die vier Zeitalter. In: Metamorphosen, 9-11, Leipzig 1986). Ehern ist die Gegenwart, solange sie „den schrecklichen Waffen geneigter, aber verbrecherisch nicht“ (Das sagt die NATO zu den USA und viele Europäser sagen es auch). „Hart ist das letzte, von Eisen. Jählings brachen herein von schlechterer Ader alle die Greuel; es entflohen die Schaum und die Treue und Wahrheit, Einzug hielten stattdessen Betrug und tückische Falschheit“. Das geht noch so weiter, und wir wissen, wen wir heute meinen können. (Das sind nicht nur Putin und Trump und Xi und Erdogan und …Meinen heißt auch bedeuten und nicht nur Meinung haben). Es deprimiert, wie sich die Pundits winden und wie wenig der Wahrspruch der Haaretz ernst genommen wird von der Macht. Bleiben unsere Diskurse und Dialoge, aber wir brauchen weiter Information.

**

Die haben wir zum Beispiel in der Innenpolitik, aber beschränkt und beschädigt, und die Kontroverse darum, v.a. zwischen Schwarzrot und Grün, geht um mehr als Information. Dass unsere rechtslastige Bundesregierung Freiheiten einschränkt und Kultur wie Soziales reduziert, ist deas eine – das erträgt eine Demokratie, auch mit ihrer Opposition. Dass aber die Kultur und Information rechtlich und mehrheitlich eingezwängt wird, hindert nicht nur die Opposition, sondern auch die Auseinandersetzung, ohne die keine Bundesregierung dauernd regieren kann, außer eisern und ehern. Hier und überall.

**

Scheinbar ist das alltagsgeebnet. In der Realität aber nicht. Und wie sich der rechte, neo-kapitalistische Regierungsflügel durchsetzt, habe ich gerade schon beschrieben, auch gestern. Aber heute darf nicht heute bleiben. Und man kann sich auf die Ehrenämter im Sozialen, Kulturellen, auch im Ökonomischen (Nahrung für Arme, 1,2 Millionen in Deutschland!) eher verlassen als auf diese Regierung. Das gibt Hoffnung, oder mit Ovid wenigstens Silber. Gold ist zu weit entfernt.