Shit, it is the global finance system…?

In dieser dunklen Zeit, in der sich der Gott des Einzelhandels als kleines Kind tarnt, um den Konsum anzustacheln; in dieser dumpfen Zeit, wo es schon zu Erleichterung führt, wenn ein Blackrockbonze einer gemäßigten Marktwirtschaftlerin unterliegt; in dieser Zeit gibt es auch etwas Gutes zu vermelden.

am 7.12. hat Anne Pettifor den diesjährigen Hannah Arendt Preis der Heinrich Böll Stiftung und der Stadt Bremen erhalten. Ihre Rede und die Preisumgebung werden demnächst veröffentlicht, hier lege ich erst einmal einen Zugang:

Aus der Pressemitteilung vom 29.11.2018:

Die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2018 an Ann Pettifor findet am Freitag, den 7. Dezember 2018 um 18.00 Uhr im Bremer Rathaus statt. Den Preis überreichen die Bremer Bürgermeisterin und Senatorin Karoline Linnert, Ellen Ueberschär, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Ole-Sören Schulz, Vorstand des Hannah-Arendt-Preis e.V.. Der Hannah-Arendt-Preis wird von der Stadt Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert.

Ann Pettifor ist Ökonomin und Direktorin von Policy Research in Macroeconomics (PRIME) sowie Mitglied der Organisation New Economics Foundation in London. Sie lehrt am Political Economy Research Centre der City University London. Als geschäftsführende Direktorin von Advocacy International berät Ann Pettifor Regierungen und Organisationen in Fragen von unabhängiger Schuldenrückführung, internationalen Finanzen und nachhaltiger Entwicklung. (Begründung der Jury )

Ihr Buch „Die Produktion des Geldes“, Hamburger Edition 2018, ist gut lesbar, provokatdes iv, regt zur politischen Praxis an. Ich schreibe hier keine Rezension, sondern mäandere von Veranstaltung zur Diskussion am nächsten, von einigen wichtigen Sätzen zu politischen Assoziationen und vom Glück einer geglückten kritischen Veranstaltung zu Überlegungen, die sehr wohl den Zustand unserer Gesellschaften und Politik zum Inhalt hatten. Das Lesen des Buchs erspare ich euch nicht, aber manche Hinweise könnt ihr auch ohne das Durcharbeiten als Motivation aufgreifen.  Als Mitglied der Jury weiß ich mich mit der Entscheidung für Anne Pettifor einig, und meinen Themen hilft sie auch.

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Einige Assoziationen.

Nicht weit vom Diskussionsort an der Contrescarpe in Bremen liegt das Finanzministerium am Rudolf-Hilferding-Platz. à Rudolf Hilferding[1]? War da was? Bei der Veranstaltung meinte ich nicht ihn, wenn meine Mitschrift R.H. vermerkte, à Rudolf Hickel[2] ist gemeint, einer der beiden Kommentatoren, der andere war Dieter Rucht[3] vom à WZB.

Selten hat es eine Preisverleihung gegeben, bei die Namensgeberin Hannah Arendt soviel Erwähnung und Zuordnung erfuhr wie in der Laudation von Monika Tokarzewska und im Vortrag der Preisträgerin. Bei beiden drehte es sich um den Sinn der Politik, die Freiheit.

Antonia Grunenberg, ohne die der deutsche zeitgenössische und -gemäße Bezug zu Hannah Arendt nicht vorstellbar ist, moderierte die Diskussion am zweiten Tag. Bei ihr ist die Verbindung von Politik und Freiheit, und der Zug zum Handeln in jeder Frage sichtbar.

Pettifor macht sich die Kritik des global vagierenden Finanzkapitals, der Banken, nicht leicht, sie setzt gleichwohl auf die Veränderbarkeit der bestehenden Systeme, das bedeutet Politik zu machen, politisch zu sein.

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Mir hat der Nebensatz gefallen, wonach Ökonomie ohnedies keine Wissenschaft sei, wie wissenschaftlich sie auch daherkomme; und wie unsichtbar sich das Kapital global bewege, ganz anders als die Erscheinungen der Missstände, die sinnlich wahrnehmbar und attackierbar sind. Pettifors Rahmen ist die Aufklärung, naja, das wundert nicht, aber sie ist dezidiert, wenn es um das Wissen, das Kennen der Strukturen geht, und da rangieren die zwei Bereiche Frauen und Umweltpolitik gut begründet ganz oben. Wobei mich die Analyse der Steuerleistung berufstätiger Frauen – mehrheitlich im Gesundheits- und Bildungswesen – beeindruckt; und stieß auf eine der Diagnostik bedürftige Ableitungskette: Weil man überall auf der Welt mit der Karte an Geld kommt, steigern wir selbst über Konsum eine bestimmte Form wirtschaftlicher Dynamik, alles ist easy in der „Easy-Markenfamilie“

: Easyenergy, Easyproperty, Easyshopping, Easyjet…unsere Verhaltensdispositionen wurden bei der Diskussion durchaus erwähnt, kamen aber zu kurz. Wir sind, wir agieren als Verbündete eben dieses Kapitals – und ich denke an die anthropologischen Diagnosen, die not tun, warum so handeln, obwohl wir es besser wissen könnten. Das erscheint mir eine entscheidende Hürde auf dem Weg zu wirkungsvollem Handeln aus Widerstand, politischer Einsicht und Zeitnot.

Und das, was „leicht“ erscheint, weil als Schmiermittel zum Kauf und zur Verschuldung angepriesen, sollte in diese kritische Anthropologie einbezogen werden, weil es auch die leichte Durchquerung großer Räume und Überbrückung von Zeiten beinhaltet, die unser wirkliches Leben überholt. Und damit auch demonstriert, wie wenig wir tun können, auch wenn wir mehr zu sagen haben.

Erst politische Bewegungen, – man wird auch sagen: Parteien – verstehen, dass man das Finanzsystem ändern muss und die eigenen Verhaltensweisen, Konsum, Lifestyle, Habitus. Soweit so gut, aber wie kommt man da hin? Bei der Diskussion am nächsten Tag treten dann die Brüche auf. Die Dialektik von „Leadership“, aber ohne „Leader“, und demokratischer Teilhabe am politischen Prozess, z.B. der Bankenregulierung, ist offen, wenn es konkret wird. Leadership ist eine voraussetzungsreiche Konstruktion, Leader sind reale Personen – die oft Institutionen ersetzen à letzte Blogs. Ohne die Ordnung der politischen Ziele – und ihrer praktischen Konsequenzen – können die besten Bedürfnisse und Wünsche („1000 Blumen“) zu keinem Erfolg führen (Beispiel: Klimagipfel Kopenhagen). Aber wer führt die Ziele wie zusammen? Die Vorstellung der naturwüchsigen Demokratie wurde noch nicht einmal vorgebracht, und ob  jeder angesichts drohenden Klimazusammenbruchs besondere Verantwortung „fühlt“, ist mehr als fraglich. Also bedeutet Leadership auch Anführen, Lenken, Macht erobern und gestalten – wieweit die dann legitim(iert) ist, hängt nicht nur vom demokratischen Prozess ab (Teure Spritpreise sind ein Beispiel, bei dem man die Gelbjackenargumente, die dauernd vorgebracht werden, gut studieren könnte).

In der Differenz von sozialen Bewegungen ist spannend, wieweit erste Systemänderung auch mit Gewalt fordern bzw. initiieren dürfen. (Gesa Lindemann hat über notwendige Gewalt argumentiert, sie binde widersprüchliche gesellschaftliche und staatliche Politiken zusammen, was wenig über Legitimät und Anlässe aussage, zB. beim G20 in Hamburg).

Mir ist bei der Diskussion an beiden Tagen aufgefallen, dass zwei Begriffe nicht gefallen sind: Republik und Establishment. Die Republik, den Republikanismus, braucht man aber, um den öffentlichen Raum zu bestimmen, in dem Demokratie wirken kann und ausgehandelt wird. Auch wo sich demokratische „Leadership“ entfalten kann oder verbietet. Und der Kampf der Bewegungen gegen das Establishment verbindet „rechte“ und „linke“ Bewegungen, im Populismus, es kommt immer weniger auf Inhalte an, wenn es um die bloße Dynamik gegen die da oben geht bzw. darum, sie am regieren zu hindern. Ein Wagenknecht-Anhänger hat das in der Diskussion deutlich gemacht, eher ohne Argumente single issues hervorhebend, aber ungewollt löste er die Diskussion darüber aus, ob denn die Grünen, wieder an der Regierung, nicht sich genauso dem Finanzkapital unterwerfen würden wie sie das vor 2005 getan hätten –  und etwas gewittrig war die Zustimmung zu diesem Zweifel.

Hier schließt sich ein Kreis: wenn man die aufgeklärte Bevölkerung über identifizierbare Ziele zur Änderung von Strukturen animiert, kann das gelingen, links wie rechts. Welche Art diese Änderungen sein sollen, dürfen, – Beispiel: Klima und Finis terrae – hängt von der Macht ab, die in die à time of useful consciousness, also jetzt, also politisch eingebracht wird. Ob das Handeln am Abgrund und mit ungewisser Zukunft demokratisch sein wird, kann, ist ebenso ungewiss wie die Antriebe, es geschehen zu lassen angesichts der Dynamik des Zuspät, und der unsichtbaren Macht des Geldes (Letzteres muss ironisch sich verkleiden).

Ich fand interessant, dass und wie Frauen in die politische Ökonomie dieses komplexen Zusammenhangs hinein ermächtigt werden können und damit politisch handlungsfähiger werden. Und wie sich dies möglicherweise dynamisierend auf den zweiten Handlungsbereich, die Ökologie, verstärkend auswirken könnte. Hickel hatte die Parteien als dritte Ebene (der konsolidierten Demokratie, schränke ich ein) eingebracht, die die Interessen zusammenfassen und in Machtstrukturen umwandeln sollen. (Dann würde der Druck der Zivilgesellschaft und vor allem der Wissenschaft auf sie wirken, für die Pettifor und Rucht stehen).

Und ich frage mich, wie man Globalisierung kritisieren, sie anerkennen und in der Lokalität über viele Anlässe hinaus umgestalten kann; von gelingenden wichtigen Einzelfällen abgesehen. Es muss wohl noch in letzter Minute einen Sprung in der Evolution geben.

 

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Mir war keinen Augenblick dieser Veranstaltung langweilig, was selten vorkommt. Ich habe auch weder Handy gelesen noch etwas anderes geschrieben. Ein Lob der Heinrich Böll Stiftung also, Aufklärung im besten Sinn, und die Formen des verbindenden Diskurses pflegend. Das ist auch für künftige Jurysitzungen wichtig, wenn wir eine neue Preisträgerin für 2019 aussuchen.

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[1] Hilferding passt nur beschränkt zu Pettifor. Aber manches bei ihm ist wie ein antizipiertes Wetterleuchten. Erste Hinweise bei https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Hilferding#Theorie

[2] Rudolf Hickel erschließt sich schon beim Aufsuchen seines Namens im Netz, und sein medialer Einfluss ist so groß wie sein theoretischer. Man muss bei ihm unter die Oberfläche seiner umfassenden Kommentierung von allem und jedem schauen, um die Zusammenhänge klar herauszuarbeiten, und dann lohnt es sich. Bei unserer Veranstaltung hat mich sein ambiger Kommentar zur Griechenlandrettung/verdrängung überzeugt. Dass er auf allen polit-ökonomischen Hochzeiten tanzt, ist auch ein Zeichen dafür, wie wenige ernsthafte Ökonomen es in unserem Land gibt.

[3] Einer, der sich intensiv mit den sozialen Bewegungen beschäftigt hat. Erfahrungenmit Attac waren in der Diskussion hilfreich, und der Ernst seiner Ableitungen aus der Kantischen Aufklärung überzeugt, wenn Wissenschaft und Politik einander gegenübergestellt werden. https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Rucht

Pause beim Abstieg

 

Beim Aufstieg zum Gipfel will man seine Kräfte einteilen, oder sich erholen, bevor man den Stein ganz nach oben drückt. Es gibt viele Gründe, beim Abstieg zu bremsen, um nicht zu früh anzukommen oder auch, um nicht zu schnell zu werden, zu stolpern und endgültig bergab zu stürzen.  Das gilt nicht nur für den heutigen Sisyphos, das gilt nicht nur für Bergsteiger; das ist auch richtig, wenn wir in Richtung Finis terrae gleiten.

Bevor man zu müde wird, um seine Bewegungen, seine Politik kontrolliert einzusetzen, ist es wichtig anzuhalten. Über die a habe ich schon mehrfach geschrieben. Zusätzlich kommt es auch darauf an, bei sich zu sein, wenn man alternativlos handelt. Das gilt jetzt bei den Klimaverhandlungen, das gilt beim Kampf gegen die zusammengeschlossenen linken und rechten Plebejer in Frankreich (deren vereinte Forderungen ein Nullsummenspiel ergeben), das gilt beim globalen Endkampf um die Strukturen, in denen wir Finis terrae aufhalten könnten. Könnten, können, nicht werden.

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Sich bestätigt wissen, ist nur dann ein Hochgefühl, wenn es um eine außergewöhnliche Einsicht geht. Mein sehr früher Befund, dass mit der fatigue de democracie die Institutionen unterlaufen und durch Personen ersetzt werden, die deren Funktion sich auszuüben anmaßen, ist nicht außergewöhnlich, sondern empirisch. Die Beobachtung muss nicht sogleich verstanden, analysiert und begründet werden. Ihr Ausmaß und ihre Folgen sind vor jeder Erklärung sichtbar.

Diese Personen sind meist Männer; sie üben Regierungsämter aus – an der Spitze wie Trump oder Putin oder Xi – oder im Orchester – wie Salvini oder Kickl, sie sind Wirtschaftsführer (wie die Autovorstände), sie sind Lobbyisten, nicht selten vertreten sie die Medien, die die anderen Medien angreifen, und sie stehen an solchen Positionen, von denen aus sie die Diskurse lenken und die daraus sich ergebende Politik gegen die Demokratie, und damit gegen die Institutionen orientieren können. Sie sind selten durch einen Putsch oder eine Revolution an die Macht gekommen, häufig durch demokratische Wahlen. Demokratie schwimmt an der Oberfläche politischer Systeme, sie kann nur wirken, wenn sie auf einer republikanischen, aufgeklärten, rationalen Gesellschaftsstruktur aufbaut und nicht formal aufgesetzt ist auf eine Bevölkerung, die sich nicht als das Volk konstituiert hat, von dem das Recht ausgehen kann.  Große Worte, ….ich weiß. Und? Sags kleiner.

Wenn die Leute nicht bereit sind, sich zu dem zu verfassen, was demokratische Strukturen trägt, dann kann man sie nicht auf direktem Weg dazu zwingen (das haben ja einige sozialistische Staaten versucht – Ergebnis? Sachsen…und schlimmeres).  Warum sind die Leute dazu nicht bereit? Weil sie befürchten, in kurzer Zeit das zu verlieren, was ihnen jetzt wertvoll ist. Was langfristig kommt, interessiert sie wenig a) weil und wenn sie ans Jenseits glauben, b) weil und wenn sie an das Nichts nach ihrem Tod glauben, c) wenn ihnen die Lebens- und Überlebenschancen anderer gleichgültig oder äußerlich sind.

Man kanns aber auch anders sagen: demokratische Wahlen und Verfahren sind als Teil, nicht als Ensemble, demokratischer Gesellschaften nur dann eine Legitimation von Herrschaft, wenn diese Gesellschaft darauf ausgerichtet ist. In der fatigue de democracie ist genau dies nicht der Fall.

Die Personalisierung verschmilzt Führer und Volk. Deutschland, Deutschland über alles ist nichts anderes als America First unter Trump. Das Brechen von Verträgen ist ein Kennzeichen dieser Legierung, und zwar nicht als „Ausnahmezustand“  (Carl Schmitt), sondern als Normalität von Herrschaft im Namen des Volks, das es nicht gibt. So wenig wie Gott als Patron eines Volkes (Reaktionäres Russland).

Die Blindheit gegenüber dem notwendigen Instrument der Demokratie besteht unter anderem darin, dass eine aufgeklärte Verantwortungsethik als etwas angesehen wird, das den Bereich individueller, d.h. personaler Handlungsmöglichkeit, „ohnedies“ ausschließt – der einzelne kann eh nichts machen, sagen die Gelbjacken. Und ähnlich erleben die Besucher des Glacier Nationalparks in Montana (70% Trumpisten) das Glück, die sterbende Spezies noch zu erleben; die nächsten Generationen werden dort keine Gletscher mehr sehen. Aber weil diese Menschen dann eh nicht mehr leben werden, ist das doch egal. Demokratie hieße im konkreten Fall, eine Meinung öffentlich zur Politik werden zu lassen, die z.B. der Enkelgeneration das Anschauen von Gletschern ermöglichen sollte.

Ist das alles so schwierig zu begreifen? Wahrscheinlich ja. Was haben wir über die Erziehungsdiktaturen von Rousseau und Herbert Marcuse gerätselt…was haben wir über die Verkürzung nachgedacht, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen darf und kann. Es kommt  auf die Betonung an. Zu seinem Glück – oder zu seinem Glück – oder zwingen.  Offensichtlich dürfen die neuen Zwingherrn sehr wohl viele oder gar alle zu ihrem Unglück zwingen, und werden dafür noch zu Dinners eingeladen und schauen auf dem Gruppenfoto alle so deppert aus, wie sich die Betrachter fühlen. Mit Ehrenkompanie…das nehmen wir übel.

Die Pause geht langsam zu Ende. Wir packen unsern Ethikvorrat wieder ein – Ethik ist die Idee vom guten Leben. Noch ein Schluck, dann geht’s weiter bergab. Und die Schleimknechte bauen weiter ein SUV Werk in den USA. Währenddessen finden in den Parteien im demokratischen Deutschland überall Kandidatur-Debatten statt, die einen oft an den demokratischen Verfahren zweifeln lassen, und das belegt nur, dass auch bei uns Demokratie noch nicht tief wurzelt – oder gar nicht verstanden wird.

Ich wollte ja eine Pause einlegen. Aber bei den nächsten Schritten bergab stellen wir alle fest

  1. Demokratie tut mindestens so weh wie die Liebe (–> Eva Illouz, und zwar aus ähnlichen Gründen)
  2. Der Stein ist so schwer zu bremsen und unser demokratisches Fitnessstudio ist eine Bruchbude
  3. Nur in den Abgrundspringen ist noch schlimmer

Grausame Provinz

„ZWEITER MIME: Morgen habe ich einen Funk … Kinderstunde … ‚Schneewittchen‘ … Ich spiele einen Zwerg …
ERSTER MIME: Welchen?
ZWEITER MIME: Den vierten …
ERSTER MIME: Wie legst du ihn an?
ZWEITER MIME: Hintergründig …“
(„Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben“, S. 139)[1]

Die Übereinstimmung der folgenden Beobachtungen mit wirklichen Menschen, Orten und Situationen ist beabsichtigt, könnte aber rein zufällig auch ganz anderswo sich ereignet haben und beansprucht keinen Anspruch auf objektive Überprüfbarkeit außer durch Theaterbesuch und Kritikoffenheit.

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In einer deutschen Landeshauptstadt gibt es ein renommiertes Stadttheater, das durchaus ein Staatstheater sein könnte, weil es ja die erste Bühne des Bundeslandes ist. Ich gehe gerne ins Theater, ca. 50 mal im Jahr treibt es mich zu den Bühnen des Sprech- und Musiktheaters, in jener Stadt oder in den großen Metropolen. Gewohnt bin ich das aus meiner Jugend und Studienzeit in Wien, und seitdem hat es mich nur verlassen, wenn ich beruflich lange Zeit in mimenfreien Gebieten war. (Ähnliches gilt auch für Kino und Konzerte).  So nimmt es kein Wunder, dass ich großen Anteil an der Entwicklung und den Geschicken jenes Stadttheaters genommen habe, in den letzten 12 Jahren, davon 10 Jahre unter einem Intendanten, mit dem mich eine Freundschaft, und oft, nicht immer, künstlerische Übereinstimmung verband, ebenso wie mit einigen der wirklich sehr guten Schauspieler*innen und vielen Produktionen des Hauses.  Man kann sagen, dass dieses Theater alles andere als ein provinzielles Stadttheater war, und es hat neben Furcht und Mitleid auch Bildung, Kritik, Widerstand und eine gewisse ästhetische Grundbildung vermittelt, die ja die deutsche Provinz nicht gerade auszeichnet. Der Intendant hat die Stadt verlassen, mit ihm mussten ganz viele der Mimen auch gehen. Eine neue Intendantin trat ihr Amt an, eine Frau aus dem Osten, was zu Hoffnung Anlass hätte geben können, wäre der neuen Leiterin nicht der künstlerische Bericht aus der westdeutschen Provinz vorausgeeilt und ihr Schwerpunkt auf politisch korrekte Kommunikation im Umfeld des Theaters läge, aber nicht drin, im Großen Haus.

Nun habe ich die letzten drei Premieren in ebendiesem Haus gesehen. Und werde in der laufenden Spielzeit diese Spielstätte nicht mehr besuchen, was keine Drohung ist, weil ich ohnedies keine Kritiken schreibe und veröffentliche. Ein Stück von Brecht, aufwändig grausam realistisch inszeniert, um eine platte Botschaft zu vermitteln. Langweiligst. Ein Stück von Shakespeare, eine Schändung eines der großartigsten Theatertexte, unlogisch und langweiligst. Ein Schwank aus der vorletzten Jahrhundertwende, mühsam aktualisiert, deprimierend, obwohl eine Dorfzeitung schrieb, er hätte sein Publikum „erheitert“.  Eine Inszenierung schlechter als die vorige, sodass auch die Hoffnung, das nächste Stück würde besser werden, enttäuscht wurde. Einige sehr gute und gute Schauspieler*innen mussten sich der jeweiligen Regie beugen, die meisten weniger guten fanden das Konzept wohl angemessen. (Ausnahme, um gerecht zu bleiben, gute Musik, bestens gespielt, ob sie nun dazu – wozu, eigentlich? – passte, oder nicht).

Diese Beobachtungen reichen für sich nicht einmal für einen Blog. Vergiss es, fahr nach Berlin, geh in die Schaubühne, ins DT,  ins BE, ins HAU, in die Volksbühne …. Dort gibt es auch einmal Mist oder ein missglücktes Konzept. Ja schon, ABER: das besagte Theater hatte sich weit über die Kategorie „Stadt-„theater“ herausgearbeitet gehabt und gab der Zuordnung neuen, lebendigen Sinn. Und jetzt das. Provinz muss nicht provinziell sein, aber wenn sie es ist, müssen andere Fragen gestellt werden. Zum Beispiel ob es richtig ist, Millionen an Subventionen für ein etabliertes Haus dieser Qualität zu zahlen, wenn die freien Bühnen und Theater am Existenzminimum herumkrebsen. Zum Beispiel ob die künstlerische Distanz zwischen beiden Klassen tatsächlich an der sozio-kulturellen und ökonomischen Differenz zu bemessen ist (ich habe genügend Vergleiche aus dem Off-Bereich um zu sagen, dass einiges dort eindrücklicher und eindringlicher ist als im Großen  Haus).

Wenn ich bloß an die grausame Inszenierung des Schwanks denke, bei dem ein Teil  des Publikums auch tatsächlich spontan gelacht hatte (man müsste die Stellen analysieren, oft ging es zum Beispiel darum, wie eine Behinderung erheiternd wirkte), dann kommt einem in den Sinn,  wie lustig das Groteske, das Ernste, das Tragische sein kann, von Qualtinger über Monty Python bis Loriot, und wie schrecklich die Klamotte wirkt, wenn sie für „leicht“ (o Ihr Musen) oder entlastend erachtet wird.

Beim Brecht hatte ich gedacht, Abituriententheater und gut gemeint sei das Gegenteil von Kunst. Bei Shakespeare hatte ich gedacht, dass Regietheater es auch vermag, einem Stück seinen Inhalt zu rauben. Beim Schwank kam beides zusammen. Der brutale Realismus, der der Phantasie keinen Raum bot, aber nicht die Abgründe, nur das Niedrigwasser der plebejischen Kultur zeigte, der auch noch jede Anspielung erklärte, weil man selbst das dem Publikum nicht zutraue, vor allem in der Zusammenfassung vor dem letzten Vorhang, dieser Realismus entbehrte nicht nur des Humors – kann man ja so machen – aber auch dessen Umkehrung in die Farce der Polaritäten gesund-normal-wahnsinnig, Stadt-Land, romantisches versus geldgieriges Begehren – nichts, aber nichts von all dem auch nur dramatisiert.

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Natürlich erzähle ich das nicht herum, ich habs schon verdaut, aber mich geärgert. Warum? Weil wir genügend andere Stoffe im urbanen Diskurs haben, die dringender und folgenschwerer zur Praxis drängen als diese Bühne. Schade nur für die guten Schauspieler*innen, und die Chance für die andern, besser zu werden. (In der Pause habe ich mitbekommen, dass ich mit meinen Wahrnehmungen nicht allein war, aber beim freundlichen und enden wollenden Schlussapplaus bekommt man ja dann doch Hemmungen, gleichmäßig apathisch auf das Ende zu warten, ohne jegliche Anerkennung für die, die sie verdienen…das wird einem dann als Zustimmung  ausgelegt, wie die Bemerkungen, „Sie haben da ja auch doch gelacht/geklatscht“, ohne zu fragen worüber und warum).

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Auch in der Provinz kann großes Theater geschehen. Nicht immer, nicht wallfahrtsmäßig entrückt, sondern einfach,  weil Kunst gesellschaftlich sich vermitteln kann, und das ist in einer komplizierten gespaltenen Stadt oft wichtiger als in der Konkurrenz der hundert Bühnen in den großen Metropolen. In Wien, Berlin oder Hamburg kann ich mir aussuchen, ob ich am Abend ins Theater gehe und wohin…das ist anderswo nicht ganz so einfach. Und Theater muss uns nachlaufen, wenns ums Angebot geht,  aber es muss uns nicht nachlaufen mit einer Anmutung, den vorhandenen Geschmack zu bedienen. Es muss schon provozieren, meinetwegen mit Leichtigkeit, aber nie ohne die Distanz, die die Kunst uns voraus hat, voraus haben muss.

Aus dem eingangs zitierten Dialog zwischen Qualtinger und Sklenka:

Erster Mime: Hast du Girardi noch gesehen?
Zweiter Mime: Ausgesprochen überschätzt.
Erster Mime: Er hatte gute Beziehungen zur Presse.
Zweiter Mime: Nur so kommt man nach Wien.
Erster Mime: Wien … Josefstadt … Volkstheater.
Zweiter Mime: (nachdenklich): Mährisch-Ostrau war besser als Teplitz-Schönau.
Erster Mime: Vom neuen Jedermann habe ich furchtbare Verrisse gelesen.
Zweiter Mime: Ich habe immer gesagt, das Stück passt nicht zu Salzburg.
Erster Mime: Vielleicht zu Linz … In Linz müsste man sein.

 

 

[1] Ilse Walter: Best of Qualtinger.Wien, München: Deuticke, 1999. S. 139

 

Jüdischer Einspruch VI: zur Kritik muss man nicht Antisemit sein, zur Migration kein Nationalist

Es geht in diesem Blog um zwei anscheinend weit voneinander liegende Probleme. Eine sich „links“ gerierende Israelkritik, die ich als antisemitisch empfinde; und die skandalöse nationalistische Interpretation des UN Migrationspaktes.

Beides hängt zusammen, enger als man denkt. Wie ein großes, müdes Wasserrad dreht sich eine Welle des Antisemitismus aus dem linken Lager seit vielen Jahrzehnten, in unterschiedlicher Verpackung und durchwirkt von allen möglichen gesellschaftlichen Machtstrukturen. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, schöpft  dieses Rad neue Nahrung in einen politischen Organismus, der keineswegs ein „neuer“ Antisemitismus, sondern stets in neuen Erscheinungsformen die ursprüngliche Aversion regeneriert. Zu all dem gibt es soviel wissenschaftliche fundierte Forschung und Erkenntnis, dass es reicht, ausgewählte Erkenntnisse – weitgehend gesichertes Wissen – anzuwenden um in den Diskurs einzusteigen.

Der UN Migrationspakt ist ein groß angelegtes kluges Kompromisspapier, das im Grunde alle rationalen und ethischen Voraussetzungen einer globalen Migrations- und Fluchtdiskussion bietet, die eine ebensolche globale Politik rahmen können und sollen. Das Beharren von Nationalisten auf nationalen Entscheidungen ist ein Bumerang: wenn globale Lösungen abgelehnt werden, sind Konfrontationen die notwendige und nicht nur eine mögliche Folge. Auch dazu können wir fast alles wissen.

Die Themen verbinden sich. Der Nahe Osten, genauer die Landbrücke zwischen Ägypten, der Türkei und „Arabien“, ist ein ständig von Migration durchzogenes Land, aber seit 150 Jahren ein ausgesprochenes Einwanderungsgebiet. Nicht nur jüdische, auch arabische Eiwanderer haben sich im zerfallenden osmanischen Reich dort sesshaft gemacht. Die Zahlen sind oft nicht vergleichbar, auch die Zeiträume und Intensitäten schwanken, aber die Siedlungsgeschichte ist eindeutig. Der Unterschied mag für die immigrierenden Menschen oft gering erscheinen, für die kollektive jüdische Einwanderung – mit und ohne Zionismus als Leitbild – war sie eine andere Form von endgültiger Flucht als für die Araber. Nicht besser, nicht schlechter, nur sehr anders (oder doch nicht?).

Aus unserer Kulturerzählung sind das jüdische Exil, die Judenverfolgungen, der staatstragende Antisemitismus und die gesellschaftliche Diskriminierung ein dominantes Element des europäischen – wenn man will, des westlichen kulturellen Gedächtnisses. Die jeweiligen Verfolgungen, Migrationswellen und Fluchtziele im arabischen bzw. muslimischen Raum sind Element von anderen Narrativen, die sich durchaus mit dem jüdischen Strang berühren, aber ganz andere Grundlagen haben.

Ich hatte diesen Blog schon zu schreiben begonnen, da kam die neue ZEIT, und im Magazin lese ich die Geschichte von dem jungen Mann mit Kippa, der zusammengeschlagen wurde. Und ein Framing zum Antisemitismus. Das passt ganz gut, bis auf die Tendenz, bei den Fallbeispielen von Antisemitismus die Aggressoren irgendwie rechts zu verorten, die linke Israelkritik kommt da nicht vor, und deren Beziehung zum Antisemitismus auch nicht. Na gut, passt auch nicht zur Story. Aber etwas anderes fällt auf: wenn man die Geschichte der jüdischen, arabischen, israelischen, palästinensischer „Herkunft“/“Heimat“/“Selbstzuordnung“ der handelnden Personen durchliest, dann bleibt nichts klares, konturiertes und gegeneinander profiliertes übrig.

Verlasst den Text, lest die Ethnogeschichte von Hebräern und Arabern, Ivrim und Aravim („Juden“, Yehudim, das kommt später), lest die Sprachgeschichte der Bezeichnungen und ein bisschen dazu. Warum die einen so und die andern so? (und scheinbar haben ja die Israeli mit ihrem jüdischen Staat gesiegt in einem Konflikt, der so gar nicht in die Zivilisationsgeschichte passt –  ich sage scheinbar, weil es darum nicht geht).

Ja, und dann lese ich bei einer linken Gruppe alle die Vorurteile, die wir den Arabern zutrauen, und wie immer vermischen sich bei Rechten wie Linken religiöse, ethnische und kulturelle Vorurteile zu einem festgefügten Panzer von Ressentiments. Unterschiedslos, bis auf die Differenz, dass die linken Antisemiten aus scheinbarer Empathie mit den Palästinensern gegen Israel sich positionieren, während die rechten Antisemiten um Israel werben, um nicht ausgegrenzt zu werden (wie jüngst die österreichischen Nazis von der FPÖ).

Zurück zum ZEIT-Text, wo alle vorkommen, Juden, Christen, Muslime, Israeli, Marokkaner, Deutsche, Syrer etc.

Die Geschichte des Staates Israel ist auch die Geschichte eines Jahrtausende währenden Migrations- und Flucht- und Vertreibungsprozesses. Die Geschichte arabischer Migrationen hängt stärker mit der Verbreitung einer Religion ab dem 7. Jh. zu. Zusammen, die der jüdischen jedenfalls nicht mit der Mission des konkurrierenden Monotheismus – das wäre der christlich-muslimische Konflikt, der nur teilweise in der Gegend spielt. Aber diese Differenz kann doch nicht zum antisemitischen Versteinerungsprozess des Ressentiments geführt haben? Hat sie auch nur sehr marginal.

Bevor ich zum Bundestag und Migrationspakt komme, kurz zum Anlass für diesen Blog: eine kleine Gruppen sich links verortender politischer Netzwerker*innen einer demokratischen Partei dreht an einem Verstärkerrad der Art, dass sie sich in ihrer Kritik an Israel schon vor dem ersten Argument absichern, sie seien nicht antisemitisch, und damit wollten sie sagen, dass, wer ihnen dies unterstellt, in Wirklichkeit ihre linke Position in der Partei marginalisiere. Kompliziert? Wenn Linke Israel kritisieren – das wird man doch noch sagen dürfen?! Äh?! – dann ist das über den Verdacht des Antisemitismus erhaben, der ja den Rechten anhaftet. In der Psychologie nennt man das Double-Bind: wann hören Sie auf, Ihre Frau zu schlagen?

Wann ist nicht-antisemitische Israelkritik, wenn sie von links kommt, von anderer Israelkritik abzuheben? Kein Zögern: schaut mal, worin diese Kritik besteht,  oder lest meinen Jüdischen Einspruch #1-5 oder…da gibt es genug. Jetzt aber zum Migrationspakt.

Es gibt kaum eine soziale Gruppe oder ein Volk, das sich derart durch Migration und Exil, durch Flucht und Assimilation oder aber Dissimilation, konstituiert und am Leben erhalten hat wie die/das jüdische. (Warum ich hier nicht von Juden spreche: vgl. meine Argumente in „Der Antisemitismus macht Juden“, 2006, und die letzten Einsprüche). Es gibt aber neben der jüdischen auch eine Vielzahl anderer Migrationswirklichkeiten und Narrative. Und dann stehen ein paar Stiesel, auch von der CDU/CSU, auf und betonen, dass der Migrationspakt die nationale Souveränität nicht schmälern oder binden dürfe. Wenn das die armen Länder sagen oder die stalinistischen Diktaturen oder andere Schurkenländer, dann heißt das Ausreiseverbot (Kennen die Deutschen bis 1989 gut). Wenn die reichen Länder aber nur Einreisen verbieten, dann nennen sie das Souveränität. Man mag das der Unbildung zuschreiben, die auch im Parlament um sich greift, aber man kann auch sagen, dass dies der Konstitution eines absterbenden Herrschaftsvolkes dient – weil ja ohne Migration in Deutschland keine Babys mehr gezeugt werden und kein Spargel gestochen wird, dazu sind sich die Nationalisten zu fein. Die 26 Stimmen der GroKo, die gegen den UN Migrationsppakt gestimmt haben, sollten deportiert werden. Erstmal nach Bayern, und wenn das nicht hilft, in ein Kikl-Lager in Niederösterreich.

Und zurück zur Israelkritik. Wer die Migrationsgeschichte des jüdischen Volkes nicht begreift, sollte zu Israel ganz leise sein. Wer die Nachgeschichte der Nakba nicht akzeptiert, sollte erst ihre Vorgeschichte studieren, ab den Massakern von Ramle 1929, aber jedenfalls 1947/48. Dann, und nur dann, kann man solidarisch mit den Palästinensern sein, und Israels Okkupationspolitik kritisieren, ohne den Antisemitismus zu brauchen. Aber scheinbar ist der ein wirksames und notwendiges Instrument für bestimmte Linke. Für die Rechten sowieso.

Nachtrag: In der Psychoanalyse geht der Spruch: wenn der Analysand alle Frauen aufzählt, aber sagt: die Mutter wars ganz bestimmt nicht, dann war es die Mutter. Wenn einer sagt,  ich bin gewiss kein Antisemit, aber das und jenes an Israel kritisiere ich, dann ist dieser ein Antisemit, sonst braucht man das nicht dazu sagen.

 

 

Zurück, ihr Wiedergänger!

Wenn einer der Wiedergänger eines anderen ist, und dieser furchtbar war, der neue aber furchtbarer – oder lächerlich, dann kommen die Vergleichsforscher und verweisen auf die Unterschiede; die politischen Menschen konzentrieren sich eher auf die Gemeinsamkeiten.

Da hatte HME einmal daneben gegriffen, bei Hitler und Saddam Hussein (Der Spiegel 6/1991, 4.2.1991 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13487378.html (28.11.2018), aber als kluger Analytiker nicht ganz. Und sein Abschluss schwingt oft mit: Woran Hitler und Saddam gescheitert sind, am Endsieg, das heißt, an der Endlösung – ihrem nächsten Wiedergänger könnte sie gelingen.

Saddam und Hitler, schräge Vergleiche und schräge Schlussfolgerungen, aber dann doch: wem kann die Endlösung aller Endsiege gelingen? Ich wüsste heute mehr zu nennen als Enzensberger damals zur Verfügung standen, Finis terrae allemal.

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Wiedergänger sind ja beliebte Figuren: bei der einen Tür raus, bei der andern wieder rein. Trotz des gruseligen Themas habe ich eine Farce entdeckt, die an drastischer Komik kaum zu überbieten ist, traurig aber wahr. Der Seehofer, natürlich, der fremde Blindgänger, hat als Minister plakatieren lassen, Migranten, geht zurück in eure Heimat, wir zahlen euch dort ein Jahr lang die Wohnung und wollen ja nur, dass  ihr dort für eure Heimat etwas macht, etwas richtig gutes.

Sagt eine junge Frau: Stehe hier und möchte mich bei jedem Passanten, der verstört auf das Plakat sieht und sich adressiert fühlt, entschuldigen. #Fremdschämen für meine derzeitige Regierung und die Tage bis zur nächsten Wahl zählen.

 

An vielen Bahnhöfen kann man die Plakate finden: „Dein Land. Deine Zukunft. JETZT!“ – mit dieser Werbebotschaft will die Bundesregierung Geflüchtete zur Ausreise bewegen.

 

Dabei ist das ganze ja ein wunderbares Missverständnis. Der Seehofer will Migranten loswerden, damit sie das, was sie in Deutschland gelernt haben, in ihrer Heimat vergessen oder anwenden, er kanns ja nicht lenken und kontrollieren. Dafür bezahlt er jedem/r ein Jahr lang die Miete, z.B. in Aleppo, Kabul oder Mali. Dann vergisst er den Einzelfall, es zählt ja nur die Nummer des Transports. Der Migrant wird zum Brain Gain für seine Heimat, bevor der Mietvertrag ausläuft; danach wird er zum Brain Drain und will wieder nach Deutschland. Recht hat er, die deutsche Wirtschaft ruft ja nach ihm oder ihr. Schließen waren die ja alle einmal in Deutschland ausgebildet. Und deshalb plakatiert der Seehofer, oder sein Parteifreund, der Müller, in den Fluchtherkunftsländern: geht nach Deutschland, dort bekommt ihr Arbeit! Aus den Wiedergängern werden Wiederkommer. Und Wohnungen können wir denen doch auch anbieten, die nehmen wir nämlich den Deutschen weg, die für dieses Geld ohnedies nicht arbeiten wollen.

Und darüber regen sich jetzt auf a) die Migranten (undankbar) b) die Deutschen (Gutmenschen), c) die Wirtschaft (Transaktionskosten steigen), d) die Polizei (die kommen ja alle wieder, jetzt als Billiglöhner, Gefährder oder Attachés).

Ich find den Seehofer gut, tätige Reue: hält die Zirkulation des Humankapitals am Laufen. Drehtür: Haut ab – kommt her – haut ab – kommt her!

*

Aber da ging es doch zuerst um Hitlers Wiedergänger. Neue Saddams gibt es dutzendweise. Neue Hitlers ? – wissen wir nicht so genau, die entpuppen sich, wenn es zu spät ist. Und was hat das eine mit dem andern zu tun? Das ist der Grund, warum ich so begonnen habe und jetzt weiterschreibe.

Keiner kommt so wieder, wie er gegangen war. Natürlich nicht, sagt die Biologie, und die Metaphysik der zyklischen Geschichtsverständnisse möchte wenigstens, dass er in anderer Gestalt wiederkommt, ob er sich nun weiß oder nicht. Wissen wir so genau, wie unterschiedlich die Gemütsverfassung eines Orban oder Putin oder Trump sich zum jeweiligen Vorgänger verhält, wissen wir das wirklich? Eine Menge von Paralytikern hatte sich zu Zeiten für Napoleon, Goethe oder auch Gott gehalten. Eine Menge von Diktatoren möchte heute vollenden, was die Frühvollendeten übrig gelassen haben. Viele aufmerksame, sensible!, Beobachter nehmen die „andere Gestalt“ besorgt, verängstigt wahr.

Einschub: eine recht konservative Dame, Jg.  1928, pflegte zu stöhnen, dass es „so etwas unter dem Hitler nicht gegeben hätte“, z.B. Taschendiebstahl, Prostitution und herumlungernde Jugendliche (alles falsch, aber richtig erinnert…). Nun sagt deren Wiedergängerin vielleicht, da komme einer daher, unter dem dies alles wieder nicht geben solle – und der erfährt es, und fühlt sich bestätigt. „So etwas“ ändert sich weniger als die Erscheinungsform der Wiedergänger. Sehr dialektisch: an den Objekten könnt ihr erkennen, wessen Herrschaft gewünscht wird. Taschendiebstahl, Pornographie, unpünktliche Züge…und was es alles damals nicht gegeben hatte.

Gegen die Wiedergänger helfen die Wiederkommer. Leute, wir schaffen das.

Nachtrag:

Die Frage, wie ich Hitler/Saddam/Enzensberger mit dem angstblühenden deutschen Innenminister in Beziehung bringen kann, hat viele Antworten, je nachdem, wie tief jemand gräbt. Seehofer ist kein Hitler, kein Saddam, kein Nazi…obwohl, wer wusste wann, was aus jemandem werden konnte? Nein, dass ich beiden Erzählungen verzwirbelte, hat andere Gründe, nicht zuletzt um die Aufmerksamkeit zu schärfen. Nicht nur, warum ist etwas gekommen, sondern: was wird werden?

Des weiteren: heute vor 125 Jahren wurde Ernst Toller geboren. Im DLF wurde anlässlich der Werkausgabe bei Wallstein, eine sehr gute biographische Darstellung. Und zentral für meine Argumente ist eine Schrift in der Weltbühne 1930:

7. Oktober: In der „Weltbühne“ erscheint Tollers Artikel „Reichskanzler Hitler“, der die Ereignisse ab 1933 vorwegnimmt.Und fast alles, was kurz danach geschah, wird dort vorweggenommen. Von wegen: wir hätten das nicht erwartet, wie denn auch? So, Herr Seehofer, Herr Salvini? So, ihr dünnbrettigen nationalen Kleinstgeister (über 100 Stimmen im Bundestag heute beschwören die Unverbindlichkeit des UN Migrationspakts, und natürlich lehnen die Nazis von der AfD ihn ab; die meine ich nicht, die anderen, so genannten Demokraten,  – ich wünsche diesen Menschen, dass sie  in ihrem Leben noch einmal flüchten müssen und dann auf sich selber stoßen. und zwar in  den von Herrjn Seehofer angebotenen Deportationsländern.

Prüde, zur Sonne, zur Freiheit

Aufgrund eines seltsamen Bündnisses von strenggläubigen Leitkulturaposteln und gendersensiblen Korrektheitseliten hat die Bundesregierung mit der Zustimmung aller Parteien und vor allem dem Schamgefühl der Bevölkerung beschlossen, zusätzlich zur Sozialgesetzgebung endlich die Sexualgesetzgebung in die Hand zu nehmen und Sexualgesetzbuch zu verfassen. Kleinen Minderheiten gegen dieses Vorgehen steht natürlich im Rahmen der Meinungsfreiheit Widerspruch zu, der aber in züchtig angemessener Form vorzutragen und zu den Akten zu legen ist. Protest ist auch im Rahmen der sittlichen Priorität durch Veröffentlichung von Namen und Wohnort der Kritiker gesellschaftlich abzusichern.

Kerngedanke ist, die Sexualität, ein wilder Überrest der Evolution von Säugetieren, gegenüber der Zeugungsverantwortung des Homo Postsapiens abzugrenzen. Weshalb die Maxime lautet: Fortpflanzung darf nur in vitro und ohne direkten geschlechtlichen Kontakt zwischen den Elternteilen erfolgen. Leihmutterschaft ist zu begünstigen. Kinder, die durch die veraltete traditionelle Methode des –> Geschlechtsverkehrs gezeugt werden, sind entweder Halbmenschen i.S. der Wortwahl von –> Lewitscharoff[1], und damit vom Erbrecht ausgeschlossen, oder werden als Gefährder in Abschiebeprozeduren eingepasst, sofern ein oder beide Elternteile nicht deutschen Blutes sind.

Die Verhinderung geschlechtlicher Kontakte im Zusammenhang mit der erwünschten Vertiefung sozialer Bindungen schließt begehrensgestützte Kommunikation („Flirt“) aus. Deshalb  ist der zweite Grundsatz ein generelles Flirtverbot. Dies muss natürlich strafrechtlich ausgestattet werden, z.B. durch § 6969 StgB: „Wer mit anderen flirtet oder diese zum Flirten verleitet, oder sich verleitet dem Flirten hingibt, wird mit nicht unter zwei Wochen Rosamunde Pilcher bestraft“. Die sogenannte Anmache wird dann schnell ein Ende haben, und die verlogene MeToo! Debatte ebenfalls: die will ja nur den Missbrauch, aber nicht den Gebrauch der Geschlechtseigenschaften beenden und ist verkappter Feminismus, also ein Angriff auf die Manneswürde.  (Immanuel Kant: Ehe (matrimonium), das ist die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften. (Metaphysik der Sitten I))[2] (Derselbe: Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann verliert dadurch seine Freiheit. (Anthropologie 2, B), Na, das ist ja eine Freiheit…Das sind doch schöne Aussichten. Aber wie kommen die beiden, Mann und Weib, von den anderen  gar nicht, zusammen? Ganz einfach: entweder durch unzugängliche Vorsehung und Geschick: Rousseau hat seine fünf Kinder mit Therese Levasseur eher durch die Enge der Umstände gezeugt und wohl deshalb ins Waisenhaus gebracht (wogegen ja nichts spricht?)[3] oder aber durch eine leitkulturgesättigte Politik, die zusammenfügt, was zusammen gehört. Steuerlich begünstigt wird hier nur die so genannte Initialehe, d.h. geheiratet wird die erste Kontaktperson, weil ja mathematisch jede spätere ohnedies nicht besser wäre (man kann hier auch ein Auswahlverfahren a la  Paris ins Auge fassen: bei seiner Wahl war ja Flirt auch nicht vorgesehen. Für Verfassungsrechtler ein weites Feld….).  Kontaktanbahnung entweder traditionell (landbesitzende Cousins/Cousinen) oder urban (man trifft sich vor der Sonntagsmesse und geht danach zu den Schwiegereltern) oder naturalistisch (Als sie am Morgen erwachten, war sie schwanger und er noch  da).

Die neue Verordnung reinigt endlich auch die Literatur: Ulysses, Lolita, Lady Chatterley, und ca. 5412  lieferbare Titel werden verboten oder in gereinigter Form (z.B. die Mutzenbacherin als Bambi und nicht nur wie Bambi) einem erwachsenen Markt angeboten (ab 23 Jahren, mit Leumund des Vaters). Geschlechtsteile und Augenwimpern werden im Film und TV geschnitten und durch Sinnsprüche ersetzt. Z.B. Matth. 5, 28: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen (Textbibel 1899). Ist doch klar, senkt eure Blicke, und die Sittenpolizei wird euch wohlgefällig weitergehen lassen.

Die Verordnung wird weiterhin ein Verhüllungsgebot beinhalten. Das hat allerdings den Nachteil, dass man, wenn es nun zu einer Enthüllung kommen muss, zB. beim Autofahren oder beim Arzt, zu Überraschungen kommen kann, denen Menschen mit dem Flirtroulette – man flirtet sozusagen auf Verdacht – zu entgehen suchen, welches also auch bestraft werden muss.

*

Dafür habe ich euch am 11.11. um 11 Uhr einigen Spaß vorenthalten.

[1] „Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/lewitscharoff-ueber-kuenstliche-befruchtung-halb-mensch-halb-kuenstliches-weissnichtwas-12834554.html (26.11.2018)

[2] https://www.aphorismen.de/suche?f_rubrik=Aphorismen&f_thema=Ehe&f_autor=1993_Immanuel+Kant

[3] https://300jahrerousseau.wordpress.com/start/wer-war-therese-levasseur/, Zu diesem Problem sollte man weniger die formalen Biographen zu Rate ziehen als vielmehr Ludwig Harigs Kapitel: Rousseau und Therese Levasseur schlafen in einem Bett in: L.H. Rousseau – Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn, München 1981 (dtv), 85-99

Universität findet statt. Republik auch.

Kaum zu glauben, wie sehr Worte und Begriffe gesellschaftliche Begebenheit überbauen.  1968 ist in vieler Munde, als Jubiläum (hä….?), als Anlass Geschichte zu korrigieren, auch die eigene, als Merkposten in der Gegenwartsdiagnose. Ein Wort hat sich eingegraben: „Studentenbewegung“. Weltweit, europäisch, vor Ort. Studenten haben sich bewegt, Ho-Ho-Ho-Chi Min skandiert oder andere rhytmische Chöre den Bewegungen ihrer studentischen Körper angepasst.

Das alles hat mit einem der Ausgangspunkte – Orten in meist urbanem Umfeld – zu tun: den Universitäten. Darüber wurde einiges geschrieben, geforscht und vergessen, und in diesem Jubiläumsjahr: 1918 steht da vorne, 1968 ist ein wichtiges Datum, es gibt ohnedies kein Jahr ohne Gedenken, in diesem Jubiläumsjahr wird also auch der Universität gedacht, die nach 1968 nie mehr so werden sollte wie sie davor war. Ein willkürliches Datum,  je nach Staat, Gesellschaft und Hochschulsystem variabel, aber dann zusammengefasst in einem Jahr, das scheinbare Gleichzeitigkeit und deshalb Wirkung anbot.

Studenten, das konnte man damals noch sagen, heute ist man korrekter bei Studierenden, Student*innen usw., auch das Gendern begann irgendwann im Nachzug der Studentenbewegung.

Nicht mein Thema heute. Sondern: gabs außer den Studis nicht noch andere – Assistenten, Professoren, Verwaltungsmenschen, Hochschulpolitiker, – und natürlich gab es Hochschulpolitik. Die Trennung von Bildungspolitik und Hochschulpolitik wurde weder systematisch noch logisch stringent gemacht, und Rollenwechsel im Kontext – man könnte von einem „Theater“ sprechen – waren an der Tagordnung. Auch bei mir.

Vor mir liegen zwei Bücher, die mich sozusagen einholen. In beiden setzen sich die Autoren als wichtioge Akteure – damals – und Interpreten – heute in Szene.  Ich kenne beide ziemlich gut, deshalb ist das Folgende weniger eine Rezension als eine Überlegung zu zwei Thesen, je einer von Jürgen Lüthje und Ulrich Teichler.

Lüthje nennt die Anthologie seiner Reden und Aufsätze „Die Universität als Republik“ (Berlin-Hamburg 2018, Reimer). Teichler holt aus: „Der studentische Protest der 1960er Jahre und die Entstehung der Hochschulforschung in der Bundesrepublik Deutschland“, in Hechler/Pasternack 2018, 179-203[1].

Ich bin parteilicher Leser. Lüthje wurde 1991 Präsident der Universität Hamburg, nachdem er 1986-1991 „mein“ Kanzler an der Universität Oldenburg gewesen war. Davor war er dort schon Kanzler gewesen, hatte mit meinem Vorgänger um die Unileitung konkurriert, und war noch früher ein wichtiger Hochschulpolitiker und Reformer im Umfeld der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Bundesassistentenkonferenz. Teichler, ein maßgeblicher und jahrzehntelang dominierender Hochschulforscher, hatte einen ähnlichen gewerkschaftlichen Hintergrund, war am MPI für Bildungsforschung in Berlin und später an der  Gesamthochschule Kassel tätig.

Teichler kommt selbst aus der Friedensbewegung und sein erster beruflicher Lebenslauf vom Studenten hin zum und im MPI für Bildungsforschung unter Dietrich Goldschmidt ist nicht untypisch. Goldschmidt war nun ein Professor und Präzeptor der Hochschulforschung. Teichlers Hauptthese ist, punktuell gut belegt, dass die spezielle Hochschulforschung aus der studentischen Politik hervorging – und die Verfasser von Hochschule in der Demokratie (1965) allesamt später Professuren erhielten. (am ehesten war noch Wolfgang Nitsch ein Hochschulforscher, UK Preuss und Claus Offe gewiss nicht, Uta Gerhardt in between).  Im Lauf der historisch differenzierten Darstellung verschiebt sich der Fokus: das protestgestützte Anvisieren der Hochschule durch die Studenten hatte schon früher begonnen, und begann nach 1968 zu dissoziieren, während der Hochschulforschung diesen Protest als Katalysator und nicht kausal nutzte. Ich empfinde die Darstellung als etwas einseitig, weil sie einerseits die Hochschuldidaktik zwar erwähnt, aber als ein Korrelat zur polit-ökonomischen Reformpolitik ab den 1960er Jahren die wichtige Differenzierung zwischen Hochschul- und Wissenschaftssystem nicht wahrnimmt: diese Differenz, die sich im etwas sinnarmen „Forschung und Lehre“ deutscher Tradition niederschlägt (anstatt Forschung und Studium  zu einander in Beziehung zu setzen). Teichler war ein großer Bildungsökonom und hat ein ganzes Forschungsfeld auch der vergleichenden Hochschulforschung und ihrer Schnittstelle mit der wissenschaftlich fundierten (Berufs)tätigkeit geöffnet. Teichler vermag weniger die kausale Linie von Studentenbewegung und Hochschulforschung zu präzisieren als er einen tiefen und wichtigen Einblick dazu gibt, wie die Hochschule als Problem zum Thema ihrer selbst wird und dort institutionell sich verankert, um Wahrnehmung, Anerkennung und Wirkung mit anderen konkurriert. Wenn man die meisten der hier erwähnten Akteur*innen kennt – und auch die nicht erwähnten in ihrem Handeln und ihrer Wirkung einbezieht – hat Teichler einen sozialen Raum geschaffen, in dem auch die Akteur*innen ihre Machtpositionen und ihre Marginalisierung erfahren. Liest man sehr genau, erkennt man, warum sich an deutschen Hochschulen einiges verändert hat, wir aber im Wissen um den Antagonismus von Wissenschaft, Forschung, Studium und Statuszuweisung eher nicht an der Spitze der marktgängigen Rankings sind.

Der Diskurs, das verästelte Reden über die Universität, in allen Fasern der Gesellschaft, kommt hier zu wenig vor: aber er bringt ja auch eine Generation nach der nächsten von Studierenden und ihren Lehrenden hervor, und hält sich unheimlich starr am Leben. In meiner Zeit in Oldenburg gabs einmal eine Studiliste, die sich „Links und unbelehrbar“ nannte, naja, nicht erfolgreich, das waren aber die andern Listen auch nicht. Und die Lebensbedingungen mit der Wissenschaft, an und um die Hochschulen herum, also die Kultur und den gesellschaftlichen Austausch, hatte Teichler früher einprägsam mit dem „Eigentlichen“ und dem „Uneigentlichen“ der Hochschule beschrieben.

Hier setzt der Titel von Lüthje an, die Universität als Republik. In dem Jahr, als Lüthjes Textsammlung einsetzte, erschien bei der Heinrich Böll Stiftung ein kleiner Band: Mein Beitrag im Titel lautete: „Entstaatlichung und Veröffentlichung. Die Hochschule als republikanischer Ort“, Jürgen Lüthje und Henning Schrimpf steuerten das Programm bei: „Eine neue Hochschulpolitik: ökologisch, demokratisch, sozial“ (Daxner 1991). Von daher, nicht zufällig,  Lüthjes Titel zur Republik. Mich hatte das Thema nie verlassen, und in meinem wichtigsten Buch zur Hochschulreform heißt ein Kapitel Programmatik: republikanisch, ökologisch, sozial (Daxner 1993). Das Motto meint ein republikanisches Prinzip, formuliert von Alfred Grosser, bei einem Vortrag in Oldenburg: „Der Bürger muss sich regierend denken, um zu wissen, was er von der Regierung fordern kann“ (S. 54). Dies ist auch ein Motiv für Lüthje, der ja immer an der Schnittstelle von Politik, Verwaltung und Wissenschaft nicht aus der letzteren kam, sondern in sie hineinwirkte. Es ist sehr schade, dass Lüthjes Texte mit einer Ausnahme (Wissenschaftsfreiheit durch Mitbestimmung 1970) alle erst im Vorfeld von und mit seiner Präsidentschaft in Hamburg beginnen. Seine Hochschulreformvorstellungen sind in einem komplizierten Vermittlungsprozess eingebettet, in dem er der Stadt Hamburg  klar machen will und muss, was sie an der Universität hat und was sie von ihr wollen soll. Angesichts der seit 100 Jahren vorherrschenden Skepsis des gehobenen Wirtschaftsbürgertums gegenüber einer Universität kein leichtes Unterfangen. Lüthje kommt zugute, dass er nicht aus der Wissenschaft, sondern in sie hinein politisiert, ihr eine „Form“ geben will, die demokratische, partizipative, republikanische – und dazu eben dieses Bürgertum braucht. In seinem Buch steht ein Katalog von Forderungen an Staat und Gesellschaft, aus dem Teichlers Hochschulforschung ihre Themen und Aufträge nur zum Teil erhält. Der andere Teil geht in die Wissenschaften, für die die Hochschule ein Objekt, aber nicht ihre lebensweltliche Wirklichkeit ist. Was mir an diesem Buch fehlt ist die Geschichte, wie Jürgen Lüthje Präsident einer Universität werden wollte und konnte. Denn da steht ja der Anspruch des politischen Bürgers, dorthinein regieren zu wollen, wo sich Elfenbeinturm oder professionelle Wissensvermarktung ihre Domänen so gerne sichern.

*

Das liest man beides mit dem etwas grantigen Interesse, nach 45 Jahren Wissenschaft und Universität die Veränderungen des Systems Hochschule sich so wenig verändern zu sehen; sie ist halt ein langsames System, in dessen Fugen und Brüchen unentwegt interveniert wird – von Politik, von Partikularinteressen, von Verlagen, studentenfreien Forschungsinstituten, Think Tanks, der Presse, aber auch Eltern, Berufsverbänden, Fachgesellschaften und einer unglaublich zählebigen Verwaltung, die ihren Habitus so langsam ändert wie der Homo Academicus (Bourdieu 1988). Dass der noch immer gültige Grundlagenliteratur zum Verständnis der Universität ist, stimmt so wenig fröhlich wie die Tatsache, dass die Wissenschaftsfreiheit und die Autonomie der Hochschule zwei Seiten einer Medaille sind, die im nationalen und supranationalen Verständnis noch immer an staatliche Regeln gebunden sind, die zu wenig Republik und zu viel Machterhalt zeigen.

Lüthje hatte in seiner Amtszeit den Vorteil, dass er die Sozio-Ökonomie und die Politökonomie einer Universität besser verstand als viele seiner Professor*innen. Das hatte er in den langen Jahren des studentischen Protests, der parteipolitischen Wissenschaftspolitik, der Arbeit in der Verwaltung von Wissenschaft gelernt und vor allem praktiziert.  In den hanseatischen Habitus und den einer großen und erfolgreichen Universität einzusteigen, war sicher schwierig und durfte in den seltensten Fällen gezeigt werden. Die Stadt-Republik ist noch etwas anderes als die Uni-Republik, und die Osmose habe ich oft selbst miterlebt.

Die Reformschwäche der deutschen Universität ist nicht nur teilweise selbst verschuldet, sie geht systemisch auf den großen Humboldt zurück, dessen Reformen ja auch darauf gerichtet waren, in der preußischen Monarchie eine französische Revolution zu verhindern, ohne auf die Aufklärung verzichten zu müssen. Das war über lange Zeit ganz erfolgreich, hat aber das Unsichere, das Risikoreiche, und zugleich das fundamental Widerspenstige des wissenschaftlichen Denkens nie aus der staatlichen Kontrolle entlassen, bis heute gilt der Artikel 5 (3) des Grundgesetzes als Garant eben dieses Verhältnisses. Lüthje und Teichler haben auf ihre Art dazu beigetragen, dass sich der Klammergriff etwas lockert, aber bei Haushalt und Berufungen sitzt der Staat noch immer im Wächterhäuschen. Heute sehe ich viel gefährlicher an, dass die außeruniversitäre Forschung die Hochschulen zunehmend austrocknet, dass die Studienbedingungen den erwachsenen Student*innen von heute in Deutschland schlechter gerecht werden, als anderswo, dass die bibliometrische Hysterie und der Kontrollzwang der Reviews  jede Eventualität marktgerecht reduzieren, und dass alles in formalisierten Verfahren aufgelöst wird, die nicht mehr, sondern weniger legitimieren. Dazu kommt der Klassenkampf, dass nichtstudierte Bevölkerungsmehrheiten durch ihre Steuern ein kostenloses (und auch deshalb schlechteres) Studium finanzieren, dessen Ergebnisse sich oft gegen sie wenden…Mit einer bloßen Steigerung der Immatrikulationen kann man dem nicht begegnen.

Die Republik in der Republik. Mehr Beteiligung der Bürger*innen an der Wissenschaft, mehr Autorität der Wissenschaft gegenüber den Regierenden (Klimawandel!), weniger restaurative Professorenabschottung gegenüber denen, die ihnen folgen müssen und doch kein Nachwuchs sind, sondern Wissenschaftler*innen wie sie selbst…Go back to square one. Viele verlorene Jahre und wenig stabile Erfolge…naja, ein paar Sachen sind schon gelungen: die Genderfrage ist offenbar, das Nichteigentliche der Hochschule, also das lebensweltliche Umfeld, ist bedeutsamer geworden, und der Legitimationsdruck auf die Wissenschaft wächst – zu Recht. Schade nur, dass vieles erkauft wurde, statt gut republikanisch im öffentlichen Raumausgehandelt worden zu sein.

 

 

Bourdieu, P. (1988). Homo academicus. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Daxner, M. (1991). Entstaatlichung und Veröffentlichung: die Hochschule als republikanischer Ort. Köln, Heinrich-Böll-Stiftung.

Daxner, M. (1993). Die Wiederherstellung der Hochschule: Plädoyer für eine Rückkehr der Hochschulen in die Politik und die Gesellschaft. Köln, Heinrich-Böll-Stiftung.

 

[1] Die Zeitschrift „die hochschule“ erscheint im 27. Jahrgang,Heft1-2/2018 befasst sich mit dem Verhältnis von „Innen“ und „Außen“ der Hochschule  unter dem Titel „Arbeit an den Grenzen“. Herausgeber Peer Pasternack kommt aus der ostdeutschen Studentenpolitik und hat u.a. bei mir promoviert. Das HoF (=Institut für Hochschulforschung) Halle-Wittenberg hat eine von der westdeutschen stark abweichende Geschichte, die von Pasternack nachdrücklich geprägt wurde und ein seltsames Produkt der Vereinigung ist.

Finis terrae XXV: Was zu tun ist – und wie

Was tun? Fragte der Terroragent und Revolutionär Lenin. Und gab selbst die Antworten, die Millionen Menschen das Leben kosteten. (hatte er 1902 geschrieben, wurde später von anderen, Tschernyschewsky, immer wieder neu aufgelegt). Ist ja nicht falsch, die Frage. Aber unsinnig,wenn wir nicht die Adressaten und das Problem mit benennen. Da unterscheiden wir uns hoffentlich von Lenin.

Über die wunderbaren Zeilen von Jandl kann man lachen oder auch nicht lachen:

die revolution die schneevolution die teevolution der schnee der tee die rehe

Es kommt darauf an, was man aus der Frage macht.

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WENN alles, was in Finis terrae schon steht und ausgeführt wird, bezüglich der Zukunft unseres Lebens auf dieser Erde stimmt, wenn wir also nur 30 bis 40 Jahre Zeit haben, etwas wirklich zu ändern, dann sind die Antworten auf die Frage WAS TUN? andere als sie im Prozess der linearen Zeit seit Anbeginn des Fortschritts gewesen waren. Das ist trivial. Und wie alles Triviale, erscheint es unerträglich schwierig.

Wir hatten gestern im Rahmen unserer Global Citizenship Alliance

(GCA: www.globalcitizenshipalliance.org ) (Wir:Jochen Fried und ich)

ine interessante Diskussion, die Fragebetreffend, wie denn Weltbürgerschaft (Global Citizenship) angesichts der

  • Time of useful consciousness
  • Absehbaren Versäumnisse, das Klimaziel < 1,5 Grad Erderwärmung zu erreichen
  • Unzugänglichkeit von Verständnis und Handlungsdruck durch den Gefahrendiskurs und die Rettungsillusionen (Hoffnung auf Gott oder spontane Einsichten).

Zu den ersten beiden findet ihr hier im Blog ganz viele Einträge. Der letzte Pfeil umfasst ein Universum an Aufklärung, Wissenschaft, Vermittlung und Generationenvoraussicht.

Bitte lest noch einmal den vorletzten Blog („Schluss mit dem Gejammere“), wenn euch nicht einleuchtet, dass es für Kassandra, also die negative Gegenwartsanalyse, zu spät it. Warnungen schaffen kein Curriculum, wenn die Lernziele ernst sind. Wenn also vorhersehbar ist, dass die Jüngeren unter uns das Kippen der Welt noch erleben werden, und unsere Enkel und Urenkel, die ja schon leben, wahrscheinlich in diesen Zustand hinleben und überleben werden müssen, bei viel geringeren Freiheitsspielräumen als wir sie haben.

Manche haben einiges sehr gut verstanden: aus den Milleniumzielen der Vereinten Nationen von 2000 sind Ziele für nachhaltige Entwicklung geworden, die sich nicht mehr an Regierungen als Hauptakteure wenden, sondern an die Zivilgesellschaften aller Länder. Das ist eine indirekte Aufforderung zum Widerstand. (sie erfordert Widerstand gegen die staatlichen Akteure, wo diese Ökonomie mit dem Überleben, der Ökologie „versöhnen“ wollen, gegen Gewerkschaften, die das Ersticken ihrer Arbeitskraftklientel der Transformation der Arbeitsplätze vorziehen, aber auch Widerstand gegen Lebensgewohnheiten in der eigenen Lebenswelt, die absehbare Folgen haben.).

Das letztere Element ist besonders schwierig, weil es sowohl am Habitus vieler Einzelner und Gruppen kratzt, als auch die Dogmatik der liberalen Gesellschaft angreift. So sinnvoll Widerstand gegen SUVs und schnelle Autos mit Verbrennungsmotoren ist, so fern liegt diesem Sinn der Angriff auf das Mobilitätsaxiom der Gesellschaft, wonach Mobilität selbst die Grundrechte und Freiheit maßgeblich bedeutet. Solche Beispiele sind zahlreich: man kann sie leichter anhand von asymmetrischen Polarisierungen entdecken, wie Gesundheit/Krankheit oder Arbeit/Freizeit. Der Populismus von links und rechts und der aus der Mitte verkürzen das Problem durch Herstellung einer falschen Symmetrie: Sicherheit und Freiheit. Ich denke da auch immer an die fatale Funktion des UND bei  Deutsche und Juden.

Wir sind uns einig darin, dass alles, was wir nicht tun, zum beschleunigten Ende führt. Wir sind uns auch einig darin, dass viele Politiken das Risiko bergen, auch nicht dieses Ende abhalten zu können, also den Stein des Sysiphos beim Runterrollen zu bremsen.

Der Widerstand gegen das Weiterbetreiben von Kohlekraftwerken oder die Verweigerung von bestimmten Verkehrspraktiken oder von einseitigen Agrarhandelspraktiken mit Ländern der Dritten Welt haben ohne Zweifel Auswirkungen auf das Klima, sie sind „globalist“, wie das Lieblingsschimpfwort des verrückten Verbrechers in Washington lautet. Andere Schurken halten von solchen Auswirkungen und ihren Ursachen auch wenig, sie sagen es nur nicht so ungeniert.

Wieweit alltägliche Lebenspraktiken, weit darunter in Ausmaß, Risiko und Logistik, auch direkte und indirekte Auswirkungen haben, ist schwer nachzuweisen, und Müll trennen wir hoffentlich nicht nur um unser Gewissen zu beruhigen.

Entscheidend ist etwas anderes: massenhaft das eigene Leben zu ändern, geht nur überindividuell, aber nicht einfach zwangskollektiviert. Der „dritte“ Zustand zwischen diesen beiden – individuell und kollektiv – ist das Ergebnis einer Einsicht in die Notwendigkeit, die ein gewisser Hegel als Freiheit definiert hat (Übrigens, lacht, lächelt, wie dieser Satz durch die linken Jahrhunderte umgedeutet wurde…). Wir sind so frei zu handeln, oder wir lassens bleiben, resignierte Bohemiens im Theater des Untergangs. Und wenn es weiterhin stimmt, dass sich alle globalen Fährnisse direkt oder indirekt lokal auswirken, dann heißt das noch lange nicht, dass sich alles lokale Handeln global auswirkt. Wenn wir aber die Freiheit und den Widerstand nutzen, solche Dinge in unserer Lebenswelt anzupacken – „wir schaffen es!“, war so ein Beispiel – die sehr wohl globale Auswirkungen haben können, dann bedeutet das auch, Dinge, dies nicht haben etwas rücksichtsloser lokal zu regeln, nur damit sie von unserem Tisch weg sind.

Weltbürger, Global Citizen wird man nicht, wenn man Globalisierung der Finanz- und Warenströme als unumkehrbar einschätzt und sich dementsprechend verhält. Man ist kein Weltbürger nur deshalb, weil man in allen Städten, die man bereist, auf erwartbar oder erhofft Bekanntes stößt. Sondern wenn man die Migrantenströme, die Flüchtlinge, die Folteropfer, die Frustrierten und Beleidigten, die Opfer des Staates und der herrschenden Manager des Machtmissbrauchs, wenn man gegen all diese so sich aufstellt, dass sie einen nicht mitreißen.

Macht euch keine Illusionen. Oft ist einfacher, Fluchtfolgen zu mindern und gar umzudrehen in neue Chancen für die Menschen auf der Flucht, als Fluchtursachen zu kennen und zu beseitigen. Unterschiedliche Formen und Regeln zur Gewalt und Konfliktregulierung gelten für beide Aspekte (und wir müssen natürlich in beiden handeln). Wenn wir nachschlagen, was wer zur Notwendigkeit und Freiheit gesagt hat, kommt meistens schnell die Ablehnung des Staates als Garant oder Anbieter von Freiheit ins Spiel, oft zu schnell. Aber das macht den Widerstand nicht einfacher, sondern noch riskanter, wenn wir den Staat daran hindern., uns an der Freiheit zu hindern. Probiert es einmal an einem Polizisten aus, der den Staat gegen das Gesetz vertritt und auch noch von beiden geschützt wird. Ohne dass wir dabei das Gesetz in die eigene Hand nehmen…(übrigens ein wirklich relevanter Punkt, die Zivilcourage gegen jeden Regimeübermut, ob bei uns oder in weit ärgeren Gesellschaften, zu entwickeln).

Das ist also kein Plädoyer für Anarchie, keines gegen den Staat, sondern dafür, den Staat in seine Schranken zu weisen,  wo immer er die Freiheit gefährdet. (Indem er sie z.B. gegen Sicherheit ausspielt, die er auch zu schützen verpflichtet ist). Das Problem ist so global, wie die Freiheit, die time of useful consciousness zu nutzen, bevor wir am Sauerstoffmangel krepieren oder Halluzinationen erleiden.

*

Was machen wir eigentlich, wenn wir nichts machen und 2035 sind die 1,5 Grad erreicht? Was machen wir und was erwarten wir, dass andere machen? Das ist das Programm der Wissenschaften, aller Wissenschaften, zu beantworten. So helfen wir, Global Citzens, Weltbürger entstehen zu lassen.

 

 

Zeitalter der Schurken 20181121

„• President Trump stands with Saudi Arabia.
Mr. Trump declared his loyalty to Saudi Arabia’s crown prince and said that the prince’s culpability in the killing of Jamal Khashoggi, above, might never be known.
“It could very well be that the crown prince had knowledge of this tragic event — maybe he did and maybe he didn’t!” Mr. Trump said in a statement that appeared calculated to end debate over the American response to the killing.
This comes despite the C.I.A.’s conclusion that Crown Prince Mohammed bin Salman, the kingdom’s de facto leader, ordered the murder. The president’s position speaks to how deeply Mr. Trump has invested in the 33-year-old heir, who has become the fulcrum of the administration’s strategy in the Middle East.“
_____

(NYT 21.11.2018)

TRUMP IST NICHT ALLEIN: Aber die USA sind immerhin ein Verbündeter und Sicherheitsgarant für Deutschland. Umso  schlimmer. Trump begründet seine Bindung an die Kashoggi-Mörder mit den Arbeitsplätzen, die seine Rüstungsexporte an die Saudis sichern, America first.

Natürlich trägt kein normaler Mensch eine solche Argumentation mit. Aber Vorsicht.

Gestern, 20.11.: die Medien verbreiten ein Folter- und Gewaltvideo aus russischen Gefängnissen.

Gestern, 20.11.: Israel will das Vermietunternehmen air bnB bestrafen, weil das sich aus den Siedlungen auf der Westbank zurückziehen möchte.

Gestern, 20.11.: Rumänien setzt kriminelle oder korrupte Politiker wieder ins Kabinett, Tage bevor die EU den Ratsvorsitz vorbereiten soll.

Gestern, 20.11.: Israel und Australien, nach Polen, nach Österreich,  nach Ungarn…ziehen sich aus dem UN Migrationsplan  zurück. In Deutschland trommelt Jens Spahn gegen Flüchtlinge und Migranten.

Gestern, 20.11.: Der CSU Prätendent für den EU Kommissionsvorsitz, Weber, will sich nicht vom Diktator Orban aus Ungarn trennen, wenn er die EVP weiter anführt.

Lest meinen gestrigen Blog. Ich bin dagegen, zu lamentieren, wenn wir diese Realität wahrnehmen.

Wenn ganze Gesellschaften oder Staaten erodieren, und die Bevölkerungen – abwartend, sanft abwehrend, gleichgültig – mit der Faust in der Tasche oder mit Nebel im Hirn, das alles mitmachen, dass man die auch bestehenden Widerstände daneben und dagegen kaum wahrnimmt; wenn das alles also geschieht, dann hilft auch eines: Illoyalität. Die darf nicht allgemein, umfassend, und als Prinzip gelten, sondern muss gezielt sein. Das setzt Politik voraus, und es muss eine praktische Aktivität sein. Also thematische Illoyalität.

Beispiele: gegen die Kumpanei zwischen Staatsanwaltschaften und bürgerfeindlichen Polizeikräften; gegen die weitere Untätigkeit der Industrie bei erwiesen umwelt- und klimaschädlichen Produktionen; gegen das Arbeitsplatzargument der Gewerkschaften in diesem Zusammenhang; gegen die Abschiebungen in unsichere Länder, in den möglichen Tod; gegen die bedingungsarme Loyalität zu NATO; Das gilt für Deutschland. Ich sage ja nicht,  Germany first. Aber ich sage: Germany first, wenn es um Menschenrechte, um Europa, um Lebensbedingungen geht – dieses first ist kein nationales. Wir können durch Widerstand etwas verändern, und dazu zählt Illoyalität als ein Instrument.

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Na, da dreht aber ein Alter auf, sagt ihr jetzt, vom Schreibtisch aus  gibt er Ratschläge, die in der Praxis auf Konfrontation hinauslaufen.  Ich weiß das, und kann doch nicht anders als das zunächst einmal sagen. Gesagt, ist noch nicht getan.

Gesellschaftlich und global sind wir in einem Zeitalter, das nach den Gräueln des 20. Jahrhunderts niemand erwartet hatte? Niemand? Nach 1945 gab es hinreichend viele autoritäre, diktatorische,  illiberale, undemokratische Entwicklungen. Manches wurd mancherorts besser – „früher war alles schlechter“, macht der SPIEGEL in seiner Kolumne geltend –  und hat in vieler Hinsicht Recht.  Dazu ist Loyalität geboten, wenn es um Frauenrechte, Arbeitssicherheit, Sozialgesetze etc. geht – bei uns, in der EU, in den neuen Demokratien. Das ist keine Loyalo-Dialektik, sondern bedingt einander. NUR wenn wir uns dazu stark machen, Reformen zu verteidigen und zu befestigen, haben wir das Recht, zu anderen Entwicklungen und – wichtig! – Personen illoyal zu sein. Selbst Deutschland kann im globalen Vergleich in vieler Hinsicht nicht vorne mithalten, bei der Bildung, in der Migration etc. Das Mittelfeld ist ein typisches Medikament für Normalisierer, es betäubt leicht.

„In Gefahr und höchster Not/bringt der Mittelweg den Tod“. (Alexander Kluge/Edgar Reitz 1974).

Über die Methoden illoyalen Handelns aus moralischen und politischen Gründen muss man konkret sprechen. Konkret heißt, die Projekte und Maßnahmen unterstützen, auch wenn es nur Nadelstiche in die Schurkenglobalisierung sind.

Globalisierung ist keine Ausrede. Sowenig wie der Nicht-Umkehrbarkeit des Klimawandels. Nur können wir natürlich auch dort grenzüberschreitend, transnational  handeln, zB. keine Urlaube in Schurkenstaaten, dafür Förderung oppositioneller Kultur in diesen Ländern, keine Einreise aus Schurkenstaaten (zB. Einreiseverbot für Amerikaner, die Mitglieder der NRA sind), Ausweitung des Konsums, wo die Produkte wirklich den bedürftigen Ländern zugute kommt, also viel mehr wirtschaftspolitische Illoyalität im Alltag.

Erster Schritt: diese Entscheidung zur partiellen Illoyalität in den Diskurs aufnehmen. Nicht abschrecken lassen.

  • Es gab einmal vier Zeitalter, angefangen mit dem goldenen…Wenn wir im eisernen angelangt sind, ist es zu spät. Politik angesichts des drohenden ZU SPÄT kann man sich nicht selbst rausziehen, und etwas bei den „Anderen“ vermuten, das uns überleben hilft. Wenn wir nur mehr überleben wollen, dann ist es zu spät.

 

 

Schluss jetzt mit dem Gejammere

Es ist ja nicht zum Aushalten, die Tsunamiwellen der Katastrophen geben ja kaum Luft zum Atmen. Dabei vermischt sich Furchtbares, Lächerliches und Alltägliches zu einem stumpfen Brei, der genau das bewirkt, was die Verbrecher aller Spielarten nur wollen: dass wir endlich aufhören, die Situation ernst zu nehmen. Wer am Abgrund regiert, möchte die Angstlust bis zum letzten Atemzug auskosten, denn danach kommt gar nichts mehr…

 

Aber wenn auch ob’n schon alles kracht,
Herunt’ is was, was mir noch Hoffnung macht.

Wenn auch ’s meiste verkehrt wird, bald drent und bald drüb’n,
Ihre Güte ist stets unverändert geblieb´n;          Ihr seid angesprochen, das Publikum
Drum sag’ i, aus sein’ Gleis’ wird erst dann alles flieg’n,
Wenn Sie Ihre Nachsicht und Huld uns entzieh’n.
Da wurd’ ein’ erst recht angst und bang,
denn dann stund’ d’Welt g’wiß nicht mehr lang.

Refrain (viele Strophen davor: Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang).

(Johann Nestroy, Lumpazivagabundus, 1833)

Nun beschreibe ich ja selbst und mit Absicht die letzten Dinge, Finis terrae, weil sie so sind. Aber ich frage auch, ob man im Schützengraben Witze erzählen durfte, ob man sich in Auschwitz verlieben konnte, ob man – anstatt Luthersche Apfelbäumchen zu pflanzen – mit dem gut zu leben versteht, was da ist, schon deshalb, weil es im Nichts danach ja ohnedies keine Erinnerung an das gibt, was man hätte erhalten müssen.

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Auf diese Gedanken bin ich gekommen, nicht erst heute, bei der Anordnung der täglichen Nachrichten. Wir sind das Publikum, und vor uns spielen sie, als ob es einen Vorhang geben könnte, und dann geht das gute Leben weiter. Wir können uns schnell darauf einigen, dass der Verzicht auf Kritik, Widerstand und Selbstbewusstsein die abschüssige Bahn nur steiler macht. Den Stein des Sysiphos beim Runterrollen zu bremsen, ist nicht sinnlos. Die Kohlkraftwerke abzustellen, eine CO2 Steuer zu erheben, Fahrverbote zu erlassen, … das ganze Parteiprogramm der Grünen zu exerzieren und noch ein paar gescheite Gedanken von den anderen, all das zu tun, verlängert die à Time of useful Consciousness.

Philosophisch wäre das die Hoffnung ohne Zuversicht. Empirisch spricht fast nichts dagegen, hedonistisch und möglichst individuell ein Maximum an Carpe diem zu betreiben und achselzuckend den Restgeschehen zu lassen. Aber Carpe diem, nutze den Tag, kann ja auch etwas anderes bedeuten: Nutze den Tag, um den Stein zu bremsen, oder nutze ihn, um die Enkelfrist auf die Urenkel auszudehnen, oder auch, um die Verbrecher großer Dimension auszuschalten, was ebenfalls lebensverlängernd wirken kann.

Ich denke nämlich, dass uns diese Verbrecher zu viel an kostbarer Lebenszeit kosten, indem sie diese mutwillig verkürzen. Das kann man übrigens empirisch nachweisen, das ist kein Satz aus der gefühlten Moralwolke. Bolsonaro und der Regenwald, Duterte und die peripheren Armen, Trump und die nichtweißen Menschen, Putin und die Regimegegner, … schreibt das weiter fort, liebe Leser*innen, verbindet erst einmal mit jedem Namen nur ein Verbrechen. Die Liste wird, lang, und sie droht einen zu überfluten, wenn die globalen Perspektiven mit dem, was wir in unserer Umgebung, Um-Welt nicht umhin können wahrzunehmen. Die Psychologen raten einem dazu immer, „abzuschichten“, andere raten zu triangulieren, Komplexität zu reduzieren, oder aber immer wieder Prioritäten neu zu ordnen. Man kann natürlich auch zum Mülleimer Modell von à Cohen, March und Olsen greifen (1972). Ich führe das nicht weiter aus. Denn im Grunde sind alle diese Methoden, wachsendes und unkontrolliertes/unkontrolliertes Chaos zu ordnen, wenig hilfreich unter dem Aspekt der schwindenden Zeit. Der bereits öfter zitierte Yuval Harari (à Homo Deus) mutmaßt sogar, dass die uns überholenden künstlichen und autonomen Intelligenzen uns vom anthropozentrischen Herrschaftsanspruch abbringen…

(Nebensatz: diese Überlegungen nehmen in letzter Zeit erheblich zu, sie werden schon im Theater und in der Belletristik weiterentwickelt, und das alles ist nicht mehr nur Science Fiction (zB. à „ex machina“), sondern verlangt nach einem anderen, neuen Realismus der Unrettbarkeit, in die Zuversicht nicht mehr auf Algorithmen aufbaut, und die Hoffnung nur in uns begründet sein kann, aber nicht in äußeren Erscheinungen, die allzu viele Optionen zulassen. Ich bin also mit diesen Gedanken gar nicht allein; aber das tröstet nicht).

Nur das dauernde Klagen nervt, weil es an die Zeiten erinnert, wo bei hinreichend lauter Klage die Götter eingreifen oder man eben heroisch untergeht. Und die Variante, „heimlich“ darauf zu hoffen, dass sich „das Rettende“ gerade noch rechtzeitig wird zeigen oder aber, dass es doch ein „Jenseits“ nach der nicht abgewendeten Katastrophe wird geben, ist doch eine Variante des Lamentierens.

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Um beim Stein zu bleiben: es macht mehr Sinn, ihn beim Runterrollen zu bremsen als andauernd neue Mechanismen zu ersinnen, die das Hinaufrollen einfacher machen: das wäre der Fordismus in der Philosophie.

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Mir kommt der Katastrophenüberschuss vor wie eine politische Homöopathie: wirkungslos, aber für einfache Gemüter plausibel, soll er uns abhalten davon, Dinge zu ändern angesichts der Tatsache, dass die Welt ohnedies nicht mehr lang, lang, lang…besteht. Andererseits ist die schulmedizinische Strategie, einzelne Katastrophen rauszupicken, Konflikte zu regeln, nicht per se falsch, sondern erzeugt falsche Hoffnungen, also Illusionen, dass man durch Abarbeiten den Berg abschmelzen könnte. Das wäre empirisch widerlegt.

Mich überrascht, dass einige Einsichten gar nicht in diesen eschatologische Diskursen nicht vorkommen: z.B. dass bestimmte Phänomene zum normalen Erscheinungsbild der jeweiligen Systeme gehören, und deshalb innerhalb der Politik bearbeitet werden können. Bestimmte Verbrechen gehören zum Kapitalismus, dazu haben wir Demokratie, Strafrecht und entsprechende Qualifikation der Akteure. Das hält den Weltuntergang weder auf noch beschleunigt es ihn. (Wir können das überprüfen, aber dann dürfen nicht darauf vertrauen, dass der Rechtsstaat von “allein“ in die Gänge kommt. Andere Verbrechen gehören zu den Diktaturen, die uns umgeben: Folter in Russland, der Türkei, in vielen Ländern…die sind für diese Art der Herrschaft „normal“, und was die Außenpolitik, die Militärstrategie, und die transnationale Politik damit macht, und wieder liegt es daran, ob oder ob nicht Politik gemacht wird. Über die Flüchtlings- und Migrationspolitik kann man sich aufregen, die Katastrophe ist nicht die Migration, ist nicht der Flüchtlingstreck, sondern die Flucht- und Migrationsursache.

Oder anders, natürlich sehr verkürzt, argumentiert: was politisch regulierbar ist, unter Anwendung aller demokratischen Mittel, – leider oft auch mit Gewalt -, muss nicht endzeitlich beklagt werden. Damit sage ich, dass der Klimawandel, die wirklich mit den Umwelt- und Lebensbedingungen verbundenen Katastrophen mit Politik allein nicht gebremst, gar gestoppt werden können. Oder: Politik ist nicht alles, auch wenn alles politisch ist.

Wir hatten das Thema schon, die Doppeldeutigkeit des Lebens, das wir ändern müssen. Die Privatisierung der Endzeit setzt entweder Zynismus oder Jenseitsglauben voraus. Dann ist es gleichgültig, was geschieht. Die Vergesellschaftung der Endzeit aber ist notwendig, und nur ein Ausdruck dafür, dass der Prozess der Zivilisation noch nicht abgeschlossen ist.

Das widerspricht meinen eigenen Befunden, dass dies – möglicherweise – ein verspäteter Befund ist. Es widerspricht nicht den Überholungshypothesen von Homo Deus und der Wissenschaftsphilosophen, es widerspricht auch nicht der Angstlust der Tänzer auf dem Vulkan. Aber wenn es zu spät  ist, dann hindert uns nichts und niemand daran, beides zu tun: politisch zu agieren, wo es notwendig ist. Republik, Menschenrechte, Republik, Solidarität sind allesamt nicht auf den Weltuntergang ausgerichtet, sondern auf einen Zeitstrahl sich entwickelnder Zivilisation. Und jenseits der Politik, nie ohne sie allerdings, sich eben dieser Zivilisation zuzuwenden.  Nicht ihre Defizite zu beklagen, sondern die Tragfähigkeit ihrer Grundlagen auszutesten und zu verstärken. Das soziale Apriori auszubauen, sich individuell erkennbar zu machen in eben dieser Kommunikation, und das heißt, bestimmte Formen der Herrschaft in Frage zu stellen.

Zu schwierig? In Frage  stellen heißt immer, die falsche Versöhnung abzulehnen, also die zwischen Ökonomie und Ökologie, die zwischen Eigentumsrechten und Sozialverpflichtung etc. (Das haben andere vor uns gewollt, Attac zum Beispiel, Amnesty, Greenpeace, tausende NGOs; richtig, diese – oft als Zivilgesellschaft oder Teil derselben genannten – sollen aus der Katastrophik in die Zivilisationsarbeit viel direkter einsteigen. Das wäre die Reform der Reformierer – und ein klarer Blick auf den Stein, den es zu bremsen gilt).

Zu einfach? Der Maßnahmenkatalog kann, er muss, immer in die Politik eingehen, deren Raum wir uns schaffen. Test: überprüft Wahlprogramme, wo dies möglich ist.