Semitismus, dauernd

Heute ist Führers Geburtstag. Bis vor 10 Jahren wussten ganz viele Alte und Junge genau, was an diesem Tag besonderes ist. Ich hatte in meinen Seminaren immer wieder gefragt, wann Willi Brandts Geburtstag ist…wusste natürlich niemand. Heute wissen auch nur mehr wenige, was am 20.4. los ist.

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Seit Tagen brummt der Antisemitismus-Diskurs in Deutschland, und grenzüberschreitend. Es gibt, wie man so unpräzise sagt, „Vorfälle“. Die nehmen zu; der Zentralratsvorsitzende Schuster meinte heute (20.4.), er hätte sich vor zehn Jahren nicht vorstellen können, wie sich der Antisemitismus entwickeln und rote Linien überschreiten würde (Angriff auf Kippaträger am Prenzlberg). Er sagte dazu, dass ja nicht  automatisch der Blick auf arabische Täter fallen solle, es gäbe ja auch einen genuin deutschen Antisemitismus, mit den wiederaufgelegten Ressentiments über die Weisen von Zion.

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In diesen Tagen feiert Israel Jom Hazmauth, den Staatsfeiertag, 70 nach der Gründung, nach dem Freiheitskrieg, nach der Staat gewordenen Hoffnung. Es wird solidarisch gratuliert, es wird die Kritik an der Siedlungspolitik zeitweilig etwas zurückgenommen, es wird Netanjahus Politik für einen Tag hinter das Prinzip der Unterstützung für Israel zurückgestellt, und man ruft zu Frieden auf. Frieden, der der verlogene Unterstützer Israels, Trump, mit seiner Hauptstadtentscheidung weiter zu stören beabsichtigt. Aber all diese Äußerungen verdecken die in Deutschland, auf der Linken zumal, schnelle Überlagerung der Israelkritik mit einem alten Antisemitismus, der nicht deshalb neu geworden ist, weil er andere Medien und Diskursformen benutzt.

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Ich bin auch von den offenen und unterschwelligen Antisemitismen dieser Tage angefasst, aber nicht mehr als in den letzten sechzig Jahren in  Österreich und Deutschland. Was ich in Baden bei Wien bei Freunden gehört hatte (Freunde ohne „“, ich verstand damals noch nicht alles), war nicht anders als die Auschwitztexte der geehrten und dann decouvrierten Rapper. Hannah Arendt: „Vor dem Antisemitismus ist man nur auf dem Monde sicher“ (München2000, Aufsätze hrsg. Von ML. Knott).

Die Warnungen, reflexhaft nicht nur aus dem Zentralrat, sondern von Regierung und Parteien und öffentlichen Einsprechern geäußert, meinen, die Politik müsse mehr tun, um den Antisemitismus deutlich und wirkungsvoll zu bekämpfen, vor allem über frühe Erziehungsmaßnahmen in Schulen. Alle müssten Auschwitz oder Bergen Belsen besuchen…und sehr vorsichtig sagen einige, man müsse natürlich dem arabischen und/oder islamischen Antisemitismus entgegentreten, ohne anti-arabisch oder anti-muslimisch zu argumentieren.

Die Falle schnappt zu.

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Das Argument, dass Deutschland (und immer dabei Österreich) besonders verpflichtet sei, sich gegen Antisemitismus zu positionieren, ist so falsch wie richtig. Aber ich bestehe auf meiner Deutung, dass damit „Juden“ konstruiert werden, die die Folie für Antisemitismus ohne Ausweg erst werden können, wenn sie aus der Gesellschaft durch besondere Eigenschaft ausgegrenzt und erkennbar werden.

DER ANTISEMITISMUS MACHT JUDEN Hamburg 2006

Die Herstellung von Juden ist so prekär wie die Herstellung von Deutschen. Ich kann einigermaßen genau und nach vorne offen wissenschaftlich und historisch beschreiben und erklären, was JÜDISCH ist. Ich sollte dabei angeben können, in  welchem System ich den Begriff verwende – juristisch, ökonomisch, anthropologisch, ethnologisch….und immer wieder religiös. Wenn das nicht geschieht, ist das dauernde Verschieben von einem System ins andere das ideale Feld für Antisemitismus, v.a. zwischen Ethnokultur und Religion. Hier ist die Analogie zu  , der ebenso eine Tatsache ist wie der christliche. Weil bei den Muslimen und Christen genau das geschieht, was bei den Arabern, Türken und Deutschen auch geschieht: die Konstruktionsmerkmale instrumentell und opportunistisch so einzusetzen, dass immer der böse oder veropferte „Jude“ herauskommt.

HÖRT AUF MIT DEM ANTISEMITISMUS ZU SPIELEN

Weil es den Antisemitismus wirklich gibt, sollte man ihn weder übertreiben noch bagatellisieren. Aber er ist, etwas dürr formuliert, die „abhängige Variable“, die sich nicht selbst erklärt. Und aus dem Antisemitismus folgt häufig so wenig wie aus seiner Kritik. Die Erklärungen kommen aus unterschiedlichen Systemen: der anti-israelische Antisemitismus ist anders begründet als der religiöse, und natürlich sind Christentum und Islam antijüdisch, weil sie ja aus dem Judentum geboren sind. Religionskritik ist ebenso geboten wie die globalpolitische Ehrlichkeit gegenüber Israel. Das Land ist ja eine Last für die deutsche Außenpolitik, weil es eine Sprache erzwingt, die Tür  und Tor den Angriffen der AfD und dem Schuldvorwurf öffnet;  weil diese Last nicht mit dem Hinweis auf die deutsche Geschichte gemildert oder gerahmt wird, sondern die Aufrichtigkeit gegenüber der Geschichte zur Voraussetzung hätte (Man kann nicht in Potsdam eine Garnisonkirche wieder aufbauen und  dreist behaupten „man“ hätte aus der Geschichte gelernt).

Schickt die Kinder nicht in die KZs, bevor sie nicht verstehen, was hinter der Tatsache steckt, dass die Mehrzahl der deutschen „Deutschen“ (und nicht nur „Deutschen“, auch einer signifikanten Gruppe von  „Polen“, „Letten“ etc.) an der industriellen Vernichtung von jüdischen Menschen, aber auch von fahrenden Völkern („Zigeuner“), politischen Gegnern und Behinderten („lebensunwerten“) beteiligt waren. Sie zu beobachten heißt damals wie heute mitwirken.

Und benutzt, missbraucht, den Antisemitismus nicht als Separator zwischen dem legitimen und dem illegitimen Teil der Bevölkerung.

Liebe Leser*innen meines Blogs: ich bin ziemlich gut im Einstecken. Aber ich leide auch unter täglichen und aufdringlichen Antisemitismen.  Aber das Leiden erwarten die Spötter und Aggressiven, weil es ihnen Nahrung gitb für die Vermutung, wir seien auf ewig Opfer und zögen daraus Vorteile. Deshalb werde auch ich das Thema nicht los.

Gott blau-weiß

Eine schwierige Übung: ein Übermaß an Assoziationen, die ein einziges Foto und ein guter Zeitungsartikel ausgelöst haben, einzufangen in eine sehr spontane Improvisation zu einer ganzen Bibliothek. Impromptu.

Ein Bild: Dobrindt, Stoiber, Seehofer, Strauß-Angehörige…in der Kirchenbank knieend, verinnerlicht, die Augen offen oder weit gesenkt („eyes wide shut“). 2013, in Rott am Inn beim Gottesdienst zum Gedenken an F.J. Strauß (Die ZEIT #16, S. 43-44). Nun, was diese Menschen in jenem Augenblick glauben, ist unzugänglich, geht mich nichts an. Glaube ist unverfügbar. Aber so, wie sie da knien, verkörpern sie auch etwas anderes, Öffentliches, Religion. Die ist ein gesellschaftliches Ordnungssystem, wie Familie, Militär oder Finanzverwaltung, die ist verfügbar und geht mich, geht uns etwas an.

Ein Text: wie häufig, schreibt Thomas Assheuer dazu einen gut belegten Artikel. Seine These, den Unionsparteien, der CSU zumal, ist das Christentum ein Hindernis, eine Barriere auf dem Weg einer erneuten konservativen Wende zu einer ebensolchen Realpolitik. Mit einem Wort: diese Herrschaften können sich auf konservative, reaktionäre, bisweilen faschistische Texte berufen, aber nicht auf das neutestamentarische Christentum (jedenfalls in den meisten Fällen).

Da sich fast alle Religionen auf einen Gott, manche auf mehrere Götter, seltener auch Göttinnen berufen, muss man deren Existenz – und Existenzberechtigung – in Zweifel ziehen, wenn man ihre Herde betrachtet; da Gott (ich lass es beim Singular) die Konstruktion von Menschen ist, muss man fragen, welcher Gott sich solche Anbeter gefallen lässt. Die Antwort: jeder, solange seine Gefolgschaft genügend Herrschaft ausübt, um ihre Gegner auch im Namen dieses Gottes zu unterdrücken.

Keine Angst: die Theologie überlasse ich hier anderen, und über bestimmte Auswüchse des Christentums habe ich mich schon zur Garnisonkirche ausgelassen. Mir ist die öffentliche Ausstellung von Frömmigkeit durch die CSU Granden eher ein Anlass zu einer Reflexion, warum die Bayern sich einen so kleinen, blau-weißen Gott ausgesucht haben. Ich bin über das Bild nicht hinweggekommen.

Das Umfärben Gottes hat eine lange Tradition. Auch das nationale Bemalen der angeblichen Quelle aller gesellschaftlichen oder politischen „Werte“. Die Trias „Für Gott, Kaiser und Vaterland“, von der Potsdamer Garnisonkirche bis zu den Hackfleischfratzen der chargierten Verbindungsbrüder ist ein Hinweis auf die Einbindung Gottes. Und jetzt schaue ich da auf die knieenden Statthalter der Reaktion, wie sich vor aller Augen – mit eigenen gesenkten oder auf Fernsicht gestarrten Augen – präsentieren. Zu Ehren eines verstorbenen Menschen, der jedenfalls was seine erfahrbare Geschichte angeht, nicht aus Frömmigkeit der Politiker war, der er wirklich war. Sind es seine Werte, die mit dem christlichen Anstrich den hier ausgestellten Bayern Anerkennung und Autorität verleihen sollen?

Was kümmerts mich, den nicht-christlichen jüdischen Spötter? Es bekümmert mich tatsächlich, dass die heruntergekommene religionsaffine Verhaltensweise dieser Leute einer nicht kleinen Öffentlichkeit demonstrieren soll, hier säßen noch Repräsentanten von echter, nachvollziehbarer Frömmigkeit, durchdrungen von den richtigen Werten. (Ein kleiner Hinweis zu Assheuer: oft verweist er auf das Evangelium mit seinen Werten, wo aber Tugenden gemeint sind, und gerade an denen fehlt es ja den Dobrindts und Seehofers…). Mich kümmerts, weil das christlich-jüdische Abendland in Stellung gebracht wird gegen die Umvolkung durch Islam und andere, nicht christliche Einwanderer. (Der Flüchtling, der hier ankommt, ist kein Flüchtling mehr, seine oder ihre Flucht sollte hier zu Ende sein!).

Es ist eben nicht richtig, wenn sich Glaubensüberzeugung und Realpolitik gegenüberstehen, und letztere gewinnt, gewinnen muss…oder aber, wie beim Schwangerschaftsabbruch oder Beschneidung oder bei der Auslegung der Samstag/Sonntagsruhe, unmenschliche Züge im Namen von Grundüberzeugungen annimmt, die man gar nicht hinterfragen kann.

Politik kann, darf, soll mit Glauben nichts zu tun haben. Sie kann, darf, soll Religionsausübung in die Freiheitsrechte hineinnehmen, aber nirgendwo von ihr geleitet werden. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber bei uns seit der ewigen Zahlpflicht aus der Enteignung von Kirchengütern schon ganz schön verschwiemelt.

Die Tugenden, die aus dem Glauben kommen (können), sind bei vielen Politikern in ihrer Praxis präsent und bemerkenswert. Die dahinter stehenden Werte sind, ähnlich wie bei Glaubensüberzeugungen, kaum direkt abfragbar, aber doch genauer zu hinterfragen.

Warum lassen sich die frumben Bayern beim Gedenken so fotografieren, wie sie es getan haben? Weil sie Politik machen, die den toten FJS ohnedies nicht erreicht. Weil sie sich auf Kataloge beziehen, die dem Volk, wenn nicht egal, so doch zweitrangig sind, wenn es um das richtige, das gute Leben geht.

Dazu wird der bayrische Gott blau und weiß umgefärbt, der gesamtdeutsche Gott ist da etwas komplizierter. Europa, das ist eben nicht das Abendland, und die Farbe seiner Götter hat eine andere Geschichte – und vor allem Zukunft.

Eine seltsame Auffälligkeit: wenn wir die nationalistische Kurzformel der Erklärung 2018 genau besehen, ist sie keinem christlichen Wert und keiner daraus abgeleiteten Lebenstugend zuzuordnen. „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“ https://www.erklaerung2018.de/[1] Nein, die bayrischen Beter haben das nicht mitverfasst; viele von ihnen sind mit der konservativen CD/CS-Fraktionierung vielleicht auch nicht einverstanden. Aber dann sind da die Grenzen unseres Landes, also auch die bayrisch-tschechische, bayrisch-österreichische Abfanglinie, die ja wahlkampftaktisch eine eigene Truppe fordert, damit „die rechtsstaatliche Ordnung“ wieder hergestellt wird. Die längst von den frommen Betern angegriffene Deformation des Rechtsstaats wird in der Kirche von Rottach nicht gerechtfertigt. In der bayrischen Praxis, im „Volk“, werden die Menschenrechte und die Geflüchteten oft viel besser behandelt als die gen Himmel gedrehten Augäpfel der CSU Granden und ihres Patrons befürchten lassen. Das lässt hoffen, dass der Gott der CSU mit dem Abendland und Europa doch nichts zu tun haben will, und Grenzen schon gar nicht.

Was hat das mit dem Bild zu tun?

Wie gesagt, dieser Blog ist auch ein Impromptu. Aber das kommt nicht aus dem Vagen, Ungefähren, sondern ist schon fundiert. Damit ein Foto mich rührt und berührt, bedarf es einigen Inhalts und einer starken Rezeption. Die betenden Christsozialen rühren mich nicht. Aber schon 2013 betreiben diese Charaktermasken eine Art christlicher Selbst-Bildstockisierung, in Österreich sagt man „Marterl“ dazu.  Ich würde meiner Abneigung gegen den bayrischen Sonderweg nicht weiter nachgeben, diese Grenzgänger zur AfD und anderen Rechtsextremen kann eine Demokratie schon verkraften…hoffentlich. Nun ist aber der fremde Blindgänger Seehofer Innen- UND Heimatminister, und schon droht er mit Lagern für Flüchtlinge. Und da platzt mir der Kragen: heute früh im DLF konnte man empathische, mitleidige, praktische und einfach verantwortliche Bayer*innen (zum Thema Bamberg) hören, die für die Linie der Landesregierung und des Bundesministers wenig Verständnis haben und sehr kundig in den Details der Situation sind. Die haben einen andern, einen besseren Gott als die Knieenden.

Das Bild wird sich einprägen. Der Kontext wird dynamisch bleiben. Und FJS wird aus dem Nirgendwo nichts  hinzufügen, das die Liddeckel klappern lässt.

[1] Die Gegenerklärung findet sich im Blog „2018 – Konfrontation und Antwort“ vom 12.4.2018: Die Menschenrechte enden an keiner Grenze dieser Welt. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Armut in unserem Land Zuflucht suchen, und wenden uns gegen jede Ausgrenzung.

 

 

Arbeitsplatz Fetisch & Tabu I

Bedingungsloses Grundeinkommen, bedingtes Grundeinkommen bei gemeinnütziger Arbeit,  bessere Arbeitsbedingungen für die, die bereits Arbeit haben, kein Arbeitseinkommen für die, die keine Anstellung mehr bekommen, weil Arbeistplätze wegfallen, Abstand bei den Lebensbedingungen zwischen Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen, zwischen so genannten Deutschen und so genannten Ausländern, gar Flüchtlingen, Arbeitsverbot für die letzteren.

Die Diskurslandschaft ist vielfältig und breitet sich wie ein unübersichtliches zerklüftetes Land vor den Augen der Betrachter aus, die allesamt den Zustand der Arbeit in unserer Gesellschaft reflektieren, von den Problemen der Nicht-Arbeit aber wenig bis nicht betroffen sind.

Ich habe dies mehrfach WOHLSTANDSVERWAHRLOSUNG genannt und bin dafür geschoilten worden.

Ich weiß nicht sofort, warum mich diese Diskussionen so nerven, fast aggressiv machen. Sozialpolitik ist zentral für alle öffentliche, staatliche und auch private Politik, sie ist konstitutiv für unsere Gesellschaft; und wenn heute soviel vom Prekariat, von den Abgehängten, den Verlierern die Rede ist, dann kann einem die Spielart des Kapitalismus aggressiv machen, die zur Zeit erreichte Reformen gefährdet.

Philosophische, polit-ökonomische und kulturelle Rahmungen geben dem Begriff der Arbeit ein einatmend-erhabenes Gepräge. Das sei fern von diesem Blog. Ich denke mir, wir suchen etwas anderes: mit der veränderten Arbeit einen Bezug zum guten Leben, Grundlage jeder Ethik, und was das eine mit dem andern zu tun habe, wenn soviel schon vorgegeben ist.

Ein wenig Etymologie und Sprachgeschichte haben mich auf den Punkt meines gereizten Umgangs mit dem Thema gebracht:

„hard labour“ ist im Englischen Strafarbeit, Zwangsarbeit, „unfreie Arbeit“; Ergebnis eines Urteils. „Hard work“ ist schwere (körpelriche, oder geistige) Arbeit, immer kontextabhängig von der eigenen Konstitution und gesellschaftlichen Einbettung.

Was mich stört: Alle möglichen Interessengruppen knüpfen den deutschen Arbeitsbegriff recht willkürlich an die mit Arbeit verbundene Würde. Erhält der Mensch seine Würde wirklich durch die ihm auferlegte Strafe: Hard Labour ist die Strafe für Ada und Eva in Genesis 3. Die Würde kommt später…

Dass arbeiten zu unserem Leben gehört, kein Zweifel.  Dass sich zu reproduzieren, lebenswerte Umstände zu schaffen, angenehm, ja „gut“ zu leben, aufwändig ist, und oft unangenehmes „hard work“ ist, ebenfalls kein Zweifel. Im Kapitalismus und in der freien Lohnarbeit geht aber die Schere des Missvergnügens am Thema weit auf: die einen arbeiten, um zu überleben, und im Überleben steckt in der Tat die Menschenwürde. Die andern begnügen sich mit der Verantwortung dafür, dass die einen arbeiten, und ziehen daraus keine Würde, sondern schlicht Lebensumstände, die unmoralisch sind und zum Himmel stinken. Wer das nicht glaubt, soll einemal die Rechtfertigung für 10 mio € Jahreseinkommen des gerade gefeuerten VW Chefs Müller lesen, der ja wegen der Verantwortung soviel verdient…

Ich setze dem einen scheinbar naiven, aber sehr ernst gemeinten Ansatz entgegen, den ich in meine Evolutionskritik und Finis terrae einbauen wollte, aber dazu muss ein Vorsatz her. Das Leben vom hard labour zu befreien und hard work weniger hard zu machen, bedeutet, zu leben, und zwar frei. Die wirkliche Arbeit ist Leben, und dazu gehört jede Art von Anstrengung, aber nicht jede davon ist „frei“ im grotesken und ambigen Verhältnis der freien Lohnarbeit.

Daraus leite ich die Forderung nach dem bedingten Grundeinkommen ab, das an gemeinnützige – und nur solche – Arbeit geknüpft ist.

So, die Details kann ich mir hier sparen. Nicht aber das Prinzip. Mich regt die Situatio so auf, weil man Menschen, die hard work nicht können – können können, eigentlich, zu hard labour verurteilen möchte, und andere für die hard work eine Bereicherung oder gar Erlösung wäre (Ausländer in Berufen, für die sich Deutsche, incl. ihrer Gewerkschaften zu gut vorkommen, zur hard labour der Untätigkeit und Lebensverminderung verurteilt (AfD, CSU, deutsch-polarisierte Gewerkschaften).

Es ist wohl kein Paradox, dass wir erst über Leistung und leistungsorientierte Differenzierung sprechen können, wenn dieseUnterscheidung politisch sitzt.

(Teil II: Baut Arbeitsplätze ab, zB. in der Kohle, bei den Autos usw. – Konfrontiert die Menschen mit der Option, anders zu arbeiten oder eben nicht).

2018 Provokation und Antwort

http://antwort2018.hirnkost.de/

Darum geht es, das kann man unterzeichnen, und ich bitte darum. Die vier Zeilen sind nur ein Hilferuf, kein Manifest und kein Programm. Als ich die Namen der Unterzeichner*innen seit dem 29.3. las, fiel mir auf: ich kannte gerade  mal 10 dieser hunderten Petenten.

Der Text:

Die Menschenrechte enden an keiner Grenze dieser Welt. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen,die vor Krieg, Verfolgung und Armut in unserem Land Zuflucht suchen,und wenden uns gegen jede Ausgrenzung. 

Donnerstag, 29. März 2018

Kein großer Text, fürwahr. Aber mit einem wichtigen Pronomen: es ist UNSER Land, in dem wir den Verfolgten Zuflucht gewähren wollen.

Dabei kann es nicht bleiben. Erstmals altera pars, die Auslöser:

DIE PROVOKATION:

Am 15.3.2018 ging eine Erklärung durch die Medien:

„Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“ https://www.erklaerung2018.de/

Sprachlich nichts wert: „Wachsendes Befremden“ kann man deuten als Unbehagen mit der eigenen Wahrnehmung oder Unbehaustsein in unserer Republik. Die Illegale Masseneinwanderung ist so wenig Realität wie die Weisen von Zion. Und der zweite Satz ist eine Frechheit: man kann die rechtsstaatliche Ordnung, die auch an den Grenzen herrscht, kritisieren, wie das die Rechte tut (Dobrindt, Seehofer) oder wie wir das tun (Einwanderungsgesetz, humanitärer Vorrang vor populistischer Angstmache etc. Aber dass sie nicht existiere, ist dumpfer Nazisprech. (Tonfall Orban exakt antizipiert bzw. kopiert).

Nun ja, so wichtig ist dieser Unsinn nicht. Aber die Mistreiter dieser Erklärung sind mir unheimlich. Einige von den 12 Köpfen, die in der ZEIT Nr. 13, 22.3.2018, S. 45 abgebildet sind, kenne ich persönlich. Nur  drei wüßte ich nicht spontan einzuordnen. Zweien, ich nenne die Namen nicht – Bekanntschaftsscham – hätte ich dieses Milieu nicht zugetraut.

Auch nicht wichtig. Dass daraus eine Petition an den Bundestag geworden, dass sich die JUNGE FREIHEIT damit schmückt, ist halt so.

DIE ANTWORT

http://antwort2018.hirnkost.de/ – man kann und soll das unterschreiben. Sich in den Kreis der Personen einschreiben, die bestimmt nicht „DAS“ von den Populisten attackierte Establishment repräsentieren – Berufe auszählen lohnt. Eher ein Querschnittsbefund. Ist ja auch kein großer Text. Wenn man sich vornähme, nach der Unterschrift auch noch eine praktische Handlung mit Flüchtlingen, Verfolgten und Armen zusätzlich zu dem zu machen, was wir wahrscheinlich ohnedies tun, umso besser (ich bin kein Ratgeber oder Prediger, aber einen Trigger kann man schon setzen….).

Wenn wir die paar Zeilen genau anschauen, dann unterschreiben wir einen folgenschweren Satz: die Menschenrechte enden an keiner Grenze dieser Welt. Sie sind gültig, sie sind universell. Da empfehle ich eine sehr kurze, sehr klare Lektüre: Francois Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität. Frankfurt 2017 (Suhrkamp). Da kann man eine Menge mehr lesen und lernen als über die Imagination der Identität, auch eine Geschichte der Denkfaulheit und des Sektierertums. Aber hier, für unser heutiges Thema reicht es.

Unterschreibt und macht bessere Texte.

p.s. von „hirnkost“ habe ich heute das erste Mal gehört. Bin kein Propagagtor dieses Netzwerks.

 

 

 

 

 

Selbstdemütigung ist politisch, leider.

 

Der Faschist Viktor Orban hat eine Wahl demokratisch gewonnen. Dass es keine demokratische Wahl war, weiß jeder, und es ist auch belegt. Dass Antisemitismus und ein ethnisch gerahmter Fremdenhass die Bevölkerung anzieht, ist nicht nur die Ursache für Orbans stabile Herrschaft, sondern auch eine Folge dieser Herrschaft.

  • Gila Lustiger hat gestern (11.4.2018) im DLF richtig gesagt, dass die Willfährigkeit auch demokratischer Regierungen gegenüber diesem Orban schwer erträglich sei. Le Pen, Strache, Orban, Kaczinsky, alle in einer Klasse…man muss nicht buckeln, um auch mit solchen Autokraten Politik zu machen, was oft unvermeidlich ist.

Ich bin der Letzte, der dies in Abrede stellt. Man muss verhandeln, wo man Gewalt nicht anwenden darf oder kann.

Die Kanzlerin, von mir durchaus geschätzt, wie meine Leser*innen wissen, hat in ihrer Gratulation die Differenzen zwischen einer freien Gesellschaft, die wir noch sind, und einer unfreien, die Ungarn schon sind, heruntergespielt.  Demütigend sanft.

Seehofer, der Freund und Gastgeber  Orbans, hat sich erfreut geäußert und Orban den Rücken gestärkt. Also auch den andern Nazis, die Orban unterstützen, den Straches und Le Pens. Und so etwas ist unser Innenminister? Wie in Österreich  ja auch die Sicherheitsressorts mit Nazis besetzt sind, damit sich der dortige Kanzler fein raushalten kann. Seehofer und seine minder bemittelten Vasallen, Dobrindt an der Spitze, stehen für die neue  „Heimat“.

Da diese CSU Typen und ihre  Freunde  kein Schamgefühl haben, muss man sie nicht daran erinnern, dass sie nicht sich, sondern uns demütigen. Das Volk, vom dem alles Recht ausgeht; wir sind das Volk, das sich aus der Bevölkerung heraus als politische Legitimität konstituiert hat und jetzt das Recht hat, die politischen Begriffe der Herrschaft, nunmehr auch Heimat, mit zu definieren.

Uns demütigt der rote Teppich und die Soldatenband, die zu Ehren der Orbans spielt, wenn sie uns besuchen dürfen. Sie müssen uns nicht besuchen, man kann auch anders verhandeln.

Was Seehofer betrifft: looks like an Angel, speaks like an Angel…isn’t he an Angel?

Der Islamhass ist wirkungsvoll und herrschaftstechnisch klug, weil empirisch mit Anlässen und Fakten zu stützen. Deren Interpretation ist so fatal, wie die freche Inanspruchnahme des Jüdischen Erbes im christlich-jüdischen Abendland, die z.B. der Verkehrsexperte Dobrindt behauptet (Der Zusammenhang ist zu schwierig für ihn, ich bin für eine Integrationsklasse mit ihm). Seehofer und das Kabinett machen da einen Fehler: sie glauben, uns durch den Antisemitismusbeauftragten ködern zu können. Der Beauftragte gegen Menschenhass, nicht gegen die eine oder andere Religion, tut not, aber das ist kein Regierungsamt. Das ist unsere Nichtachtung des  so genannten Innen- und Heimatministers und seiner Truppe. Jeden Tag zu lesen:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

 

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feind unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung

den Himmel bedeckt.

 

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse

und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

 

(Ingeborg Bachmann, 1957)

 

 

Tatort „Tatort“

Tatort „Tatort“

Ich weiß nicht, wie viele Tatort-Abende ich verbracht habe, viel Lebenszeit jedenfalls. Fast alle sind schrecklich, aber für mich professionell aufregend: Seismograph des Mainstreams, nicht der politischen Korrektheit, aber immerhin dessen, was das Wertesystem gerade hergibt. Keiner nimmt das Zusammenspiel der Justizagenturen, Beziehungskrisen im Polizeidienst und komischen Übermalungen von Tragik so richtig ernst, aber statt des nervenzerreißenden Thrillers wird hier die Physiotherapie der uns allen bekannten Stereotypen des vorstellbaren Deutschlands geboten.

Manchmal ein Ausreißer.

Nun, keine Rezension von „Unter Kriegern“ vom 8.4. Da darf ein Kind töten, da wird es erwachsen geformt und die regredierten Eltern und die Umgebung zeigen, gewollt wohl, etwas, das wir uns vorstellen können als Schwingungsseite unserer wirklichen Welt, und nicht der Realität, die bereits durch die Verhaltensmuster eingeengt ist, unter denen Zusammenleben hierzulande noch immer besser ist als anderswo.

Der Ausreißer macht schmerzlich deutlich, wie wir tolerant dem Mainstream der Abenddahindämmerung uns anvertrauen, weil wir ohnedies müde sind und die Spannung menschlichen, sozialen, physischen Elends uns gar nicht aussetzen wollen. Eine Leiche schreckt ja nicht, und grausiger als beim Industrieschlachter geht’s auch nicht zu.

Nun ist es nicht so, dass die populären Krimiserien, wie viele davon gibt’s mittlerweile eigentlich? nicht jene Prise Kritik enthielten, die dem Nachgeben an die Vorurteile einen Stolperstein in den Weg legten. Man weiß, dass der Mörder nicht der Gärtner, der Arbeitslose, der Schwule, die Unerfahrene, Unbedarfte ist, sondern der Repräsentant (seltener eine diesbezügliche Frau) des…Establishments.

Sollte die Erfolgsserie also mit allen Autor*innen ein heimliches Einverständnis haben, gegen eben dieses Establishment subversiv zu stänkern, gar dem Ressentiment mit seinesgleichen zu begegnen. Freuen wir uns nicht, Bundesgenossen im Kampf gegen die korrupten, bestechlichen, systemkonformen Ausnutzer unserer liberalen Ordnungen gefunden zu haben?

Gepriesen sei der Tatort und Polizeiruf 11 und der Kriminalist und und und. (Ich schaue die nicht alle und nicht immer, aber oft genug, um soziologisch eine Saite mitschwingen lassen zu können, die mir erlaubt, Deutschland lateral zu sehen).

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Schaut euch in der Mediathek „Unter Kriegern“ an.

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Es ist vielleicht wirklich interessant zu bedenken, dass Polizei SO nicht arbeitet, dass Staatsanwälte SO nicht agieren, dass Kommunikation SO nicht zielführend ist,  und dass dennoch ein Realismus entsteht, der in der Doku nicht entstünde, weil wir Zuschauer den Realitätsverlust selbst überbrücken, um uns in der Gesellschaftskritik auch noch wohl zu fühlen – und vielleicht gegen das Establishment aufzubegehren, kurz vor 22 Uhr (es bricht mit der nächsten Talkshow ohnedies wieder herein).

Dieser Anti-Establishment Subtext hält mich am Schauen, wo man aus Spannungsgründen längst eingeschlafen sein müsste. Das Establishment im Tatort ist meist das, was man als solches im Diskurs so bezeichnet, verwendete man den Begriff überhaupt. Nicht einfach „die da oben“.  Machtinhaber, die uns im Alltag hilflos erscheinen ließen, aber im Tatort zur Strecke gebracht oder wenigstens beschämt werden. Wer hat sie etabliert, wie können sie sich halten, warum sind sie besonders des Bösen fähig….? Räumt die Kulissen weg, zerdrückt die Stereotype, dann sieht man ins eigene politische Wohnzimmer, seinen Arbeitsalltag und entdeckt, dass die Figuren aus der Wirklichkeit geklaut sind; die wir kennen, aber auch nicht so konsequent bekämpfen.

DEUTSCHE VERGANGENHEIT GLOBALE GEGENWART

 

 

  1. SCHLUSS MIT DER VERHARMLSOUNG DER VERHARMLOSUNG

Wer in Deutschland irgendetwas mit dem Nationalsozialismus vergleicht, wird als Verharmloser kritisiert. Wer nicht vergleicht, verharmlost, was einen neuen Namen hat:

Rechtspopulistisch, nationalpopulistisch, nationalkonservativ, identitär….

Wir haben gute Medien; das haben nicht alle. Heute (9.4.2018) früh im Deutschlandfunk hielt der CSU Europaabgeordnete Marcus Färber eine Lobrede auf die ungarische Demokratie, dem Viktor Orban bescheinigend, dass der in einer einwandfreien Wahl eine legitime Mehrheit gewonnen hatte. Und schließlich würden Sozialdemokraten (in der Slowakei) und andere Demokratien (Rumänien, Tschechische Republik) ja auch gegen Flüchtlinge hetzen. Schlimm, aber geschichtsunkundig und wenig intelligent. Es ging im Grunde darum, die Ungarn in der EVP-Fraktion des EU Parlaments zu bestätigen. Immerhin…Polen sei viel schlimmer.  Färbers Angriff auf Georges Soros war, milde gesagt, antisemitisch aus dem Vorurteil, jüdische Banker hätten ja auch Angriffe auf die Demokratie durch ihr Verhalten gefördert oder verständlich gemacht.

Kurz darauf die Gegenstimme: György Dalós, der großartige Essayist und Autor: im Kern seiner Analyse steckt die Beschreibung Ungarns als „institutioneller Monarchie“, in der die formellen Anläufe das autoritäre Regieren geradezu befestigten: Der Staat beherrschat die Demokratie. Ein so gescheiter Satz: dahinter steckt, dass einem Demos, einem Volk, nicht gestattet wird, sich zu konstituieren – durch die faschistischen, völkischen, restriktiven Diskurse, und man sich dann auf die ethnisch eingegrenzte, nationale Bevölkerung stützen kann, um seine Mehrheiten gewaltsam auszuagieren.

  1. Ambiguität – ein Fremdwort für die Kritiker der Realität

Das Blut war noch nicht trocken, da hetzt die Nazipolitikerin Beatrice von Storch bereits gegen Muslime: „Wir schaffen das!“ höhnt sie. Sie muss das bald relativieren. Aber Polizei und andere Medien sagen sofort, dass es sich offensichtlich um keinen Amok mit islamischen Hintergrund gehandelt habe, dafür war ein Wahnsinniger der Täter. Dem Deutschen GESTEHT man die Pathologie zu, dem Muslim nur die böse Absicht.

In letzter Zeit werde ich oft wegen meiner Vergleiche der Jetztzeit mit den letzten Jahren von Weimar angesprochen und kritisiert. Das ist gut so, weil es Aufmerksamkeit auf mehrere Aspekte sich überlagernder Geschichte lenkt. Die NSDAP ist ja nicht 1933 entstanden, sondern hat einen langen Parteiprozess hinter sich, mit Abspaltungen, Personalquerelen usw., der AfD nicht unähnlich. Manchmal mit bemerkenswerten Ausreißern (vgl. lesenwert https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dickel)

Und über die Widersprüche in einer Bewegung, die zur Partei wird…. Ich hatte böse Kommentare bekommen, als ich 1990 noch als Unipräsident vor ostdeutschen KollegInnen darüber sprach, dass die Nazis nicht umsonst national und sozialistisch verklammert hatten. Ideologien kann man nicht mit einem einseitigen und handgestrickten Antifaschismus aus den Angeln heben.  (Was keineswegs bedeutet, dass die sozialistischen Vorstellungen von der Gesellschaft immer so national verklammert werden müssen, wie das in der DDR der Fall war, und auch nicht, dass wieder auflebende Nationalismen dem Soz1ialstaat nützen oderschaden müssen).

Was die nationalen Bewegungen in ganz Europa, nicht NUR in den osteuropäischen Staaten, betrifft, kann man eines mit Sicherheit behaupten: je enger die nationalen Grenzen gezogen werden, desto ethnischer werden sie, desto weniger demokratisch werden die darin eingeschlossenen Ethnien.

Das gilt auch für Deutschland:

Die neue rechte Sammlung in der CDU/CSU, die AfD-nahe Sprache der Seehofers, Scheuers, Dobrindts und Spahns zeigt einerseits die Nähe dieser Individuen zu den autoritären undemokratischen Grundlagen des Nazis UND anderer autoritärer Bewegungen. In  Österreich,  wo die Nazis mittlerweile mitregieren, scheint eine seltsame Duldungsstarre zu sagen: wenn nichts Schlimmeres geschieht…

Dabei wird übersehen, dass das Schlimme ja nicht ZUERST UNS GESCHIEHT. Die Flüchtlinge werden konzentriert und abgeschoben – Christentum adé, Grundgesetz adè…aber wir sind nur moralisch betroffen, nicht „wirklich“ (ein weites ideologisches Feld). Die kriminellen Elemente in den Vorstandsetagen werden geschont, was sich noch bitter rächen wird – wir werden davon wenig spüren, wenn Rüstung Chemie Autos und Banken sich weiter verselbstständigen dürfen, aber Millionen anderer sind betroffen. Wir sind auch von dieser deutschen Demographie wenig betroffen, unsere Kinder, unsere Enkel schon, und mir macht der Antisemitismus weniger aus, weil ich mich wehren kann, als den Kindern. UND WER ERZIEHT DIE ANTISEMITEN? Wenn man die Vorurteile und den Schutz der RELIGION STATT DER MENSCHENWÜRDE  ansieht, dann kann einem zwar bitter werden, aber so richtig schlimm wird es für uns nicht…aber für andere.

3.

Als vor Jahrzehnten Enzensberger Saddam als Hitlers Wiedergänger bezeichnete, erhob sich, ich denke zu Recht, einiger substanzieller Protest. (Vgl. DER SPIEGEL 6/1991). Vor allem, weil er nicht verglichen hatte, sondern sich in Analogien der Rezeption von Scheusalen und Monstren geübt hatte, also unpolitisch und die Vergleichsmaßstäbe vernachlässigt hatte.

Ich will den gleichen Fehler nicht machen, habe mehrfach in Blogs und in Kontroversen mit der Grünen Linken deutlich gemacht, dass Vergleichen, Gleichsetzen und Gleichgültigkeit drei Dimensionen eines ständigen Abwägens von Wahrnehmung und Deutung sind.

Dass stärkere Demokratien, wie Deutschland, wohl hoffentlich auch Österreich, Norwegen oder die Niederlande, mit den Nazis (das sind keine neuen oder alte Nazis, es sind zeitgemäße Nazis) besser umgehen, also sie demokratisch wirklich bekämpfen, statt sich hinter der formalen Demokratie zu verstecken, kann ich nur hoffen – und wir sollten dazu beitragen. Schwächere Demokratien haben es da schwerer. Global gibt es keine Region mehr, die nicht von den Angriffen der völkischen Plebejer sicher ist. Deutschland ist da keine Ausnahme.

Und ich erinnere nur daran, dass Ossietzky richtig festgestellt hatte, dass es in der Weimarer Republik zu wenige Republikaner gibt, und bei uns gilt das auch – siehe Identitäre oder altpreußische Reaktionäre oder …; aber bei uns gibt es auch viele, die den Weg zum friedlichen Ambiente in der Abkürzung der Abschaffung der Demokratie durch „Illiberalität“ (Orban) oder „Identität“gehen wollen.

Eine Pointe erspar ich den Nationalen nicht: es fehlen jetzt schon Millionen für freie Arbeitsplätze. Wenn es darum geht, sie nur mehr mit Deutschen zu besetzen, dann wird unheimliche Stille herrschen im Land.

 

Die korrekte Universität

Die korrekte Universität – gibt es nicht. In Deutschland – anders als in einigen europäischen Ländern – sind Universitäten, oder weiter: der „tertiäre Sektor“ des Bildungswesens – nicht auf der Prioritätenliste öffentlicher Aufmerksamkeit und politischen Agenda.

ICH

Vor einem Jahr habe ich meine letzte hauptberufliche Lehrveranstaltung durchgeführt. Mein Abschied war für mich bedrückend, denn ich hatte das Studium -also Lehren und Forschen zugleich – immer als wichtigen Bestandteil meines akademischen Lebens aufgefasst.

Manches ist „moderner“ geworden, Power Point, Internetverweise und andere digitale Werkzeuge haben das Hochschulstudium sicherlich auch bereichert; Wikipedia ist nicht viel weniger brauchbar als die früheren Quellensammlungen.

Aber im Grunde sind die Studienbedingungen in ganz Deutschland schlecht. Sehr viel schlechter als sie sein könnten. Nicht nur die Überfüllung (Jüngst habe ich ein Proseminar mit 120 (!) auch hochschuldidaktisch analysiert – was geht hier vor?). Viele Studis sehen ihre Professor*inen in den wichtigen Veranstaltungen der ersten Semester so gut wie nie, dafür höchst spezialisierte forschungsorientierte Nachwuchskräfte (didaktisch naturgemäß wenig erfahren) oder Lehrbeauftragte in prekären Positionen. Systematische Beratung und die Betonung des „Nichteigentlichen“ Feldes der Universität wird vernachlässigt (guter Begriff von Ulrich Teichler, auch schon 30 Jahre alt, über die Hochschule als soziales und kulturelles Netz von Bedingungen, Wohnen, Essen, Beziehungen, Körper und Wahrnehmung, Überschreiten der Außengrenzen….).

Ich habe seit Mitte der 1980er Jahre viel dazu geforscht und publiziert (aber nie als “Hochschulforscher“, das ist ein Nebengleis zu dem ich jetzt nichts sage, wiewohl wir diese Forschung dringend brauchen und weiter entwickeln wollen). Gegenüber anderen Themen konnte ich mich über Auflagen, öffentliche Anerkennung – und eine gewisse politische Ausstrahlung nicht beschweren.  Aber meine Hauptargumente wurden von den strukturkonservativen Hochschulpolitikern – rechts wie links, studentisch wie professoral – zugunsten des Zauberworts deutscher Universitäten „Besitzstandswahrung“ abgewertet, ich sage „Besitzstandswahrung bei sinkender finanziellen Ausstattung und falschen Motivationen“.

Nach 2000 habe ich mich aus der aktiven Hochschulpolitik herausgehalten, bin viel stärker auf die Konflikt- und Interventionspolitik eingegangen – und zugleich gab es kein Entkommen. Im Kosovo (1999-2003) und in Afghanistan (2003-2025) habe ich immer auch Hochschulreform als intervenierende Variable guter Politik mitbetreut.

Aber ich halte mich nicht zurück mit der Frustration: wenn bei uns, im reichsten Land Europas, die Hochschulen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, wie solls dann bei den Armen am Rande gelingen?

REFORM?

Innen wird manches besser, ohne Zweifel. Bei manchen Hochschulen im uneigentlichen Teil. Aber die große gesellschaftliche Strukturfrage wird systematisch nicht beantwortet.

  • Was soll die wissenschaftliche Bildung und Ertüchtigung den Gesellschaften und ihren Träger*innen gleichermaßen bringen – das nicht außerhalb der öffentlichen Anstalten privat und marktorientiert gleichermaßen und besser produziert werden kann?

Bitte keine pathetischen Antworten. Wissenschaft im „Dienste der Gesellschaft“, i.e. auch der Natur, ist immer auch konkret. Wer hat die Macht, die Prioritäten zu setzen und die Forschungsfragen zu stimulieren, die Priorität haben müssen (- -> Blog Finis terrae).

  • Wissenschaft als Beruf widerspricht nach wie vor Tätigkeitshierarchien innerhalb des Hochschulsystems

Solange die beiden Systeme institutionell inkompatibel gestaltet werden, verlieren immer die produktiven Intelligenzen und Kapazitäten genau derjenigen, die generationenübergreifend ihre Tätigkeit in alle Bereiche diffundieren lassen sollen.

  • Fast alle relevante Forschung wird von Staats wegen aus den Universitäten ausgegliedert (in Max Planck, Helmholtz, Leibniz etc. Institute, deren Kooperationsmodelle stets zum Nachteil der Universitäten geraten, und das Studium behindern statt fördern).

Es scheint, dass dieser Weg der institutionellen Privatisierung von Steuergeldern fast irreversibel erscheint. Das Gerede von Forschungsuniversitäten und Exzellenzinitiativen ist eher palliativ als reformerisch, zumal föderaler Regionalismus hier weitere Ansätze zerstört.

  • Falsch verstandene Demokratisierung – i.e. Mitbestimmung bei Laufbahnen und Positionen – behindert die Wissenschaftsfreiheit und umgekehrt wird diese einseitig ständisch verkürzt auf die Verfestigung bestehender Machtstrukturen. Vom Politischen Mandat der Studierendenschaften über die Personalräte bei studentischen Hilfskräften bis zu der unausgetragenen Paritätenschlacht in den Gremien liegt da alles im Argen.

Wenn man darüber – und das asoziale Element der Gebührenfreiheit bei gleichzeitigem Recht auf Bildung  – mit einem Asta oder politischen Funktionärskader spricht, ist man an die ungewollte  Satire autoritärer Gesellschaften erinnert, mitten in der Marktwirtschaft.

 

KORREKT

 

Aus den genannten vier Punkten kann man, können wir, ein Reformkonzept machen, wenn wir es nur angreifen, einschließlich EUROPA und einschließlich „BOLOGNA“. Zu letzterem nur so viel: kaum ein Land hat die Intention und die Möglichkeiten des Bolognaprozesses so schlecht verstanden und umgesetzt wie Deutschland. Aus Standesdünkel und dem Irrglauben, das deutsche System sei besser als alle anderen.

AN DIESER STELLE….sprießen nun alle möglichen Vorschläge, Beschlüsse der Rektorenkonferenzen, Bund-Länder-Unverträglichkeiten usw.  Bei all dem werden einige ganz wichtige Tatsachen vergessen, sodass ich ohne Arroganz, eher betrübt, feststelle: Hochschulreform ohne diese Zutaten –

Ich will mich aber einem ganz schmalen Segment akademischen Nichtgenügens widmen, der falschen Korrektheit bzw. Inkorrektheit (es geht dabei am Rande um political correctness, aber wirklich nur am Rande). Korrekt heißt regelkonform.  Kein Berufungsverfahren erfolgt wirklich regelkonform. Die Begründung mag erstaunen, d.h. es gibt drei:

  1. Weil Universitäten langsame Systeme sind, können zwischen zwei folgenreichen Entscheidungen eine Vielzahl von Interventionen interessierter Akteure erfolgen. Bei Berufungen sind hier so viele persönliche, vorurteilsbehaftete, bewusste und unbewusste Druckmittel im Spiel, dass das Ergebnis entweder zufällig gut oder zufällig schlecht ist, mit der Demokratie der Regeln aber nichts zu tun hat.
  2. Weil Hochschulsystem (Machtverteilung in der Gesellschaft über formale Abschlüsse und Anerkennungsregeln) und Wissenschaftssystem (Ordnung von Wissen und Erkenntnis, Kritik der Realität, Entwicklung von Möglichkeiten) nicht abgestimmt sind, überwiegen formale Kriterien. Der lächerliche Zitationsindex und die Publikationsheuchelei überwiegend z.B. einer einzigen praktischen Seminarprobe; aber auch ein hochtheoretisches Überprüfen der tatsächlichen Qualifikation bei den Bewerber*innen unterbleibt.
  3. Opportunitätsprobleme überwiegen den Begründungsdiskurs: Genderfragen, Zusammenpassen oder Fremdkörperberufungen, etc. Die studentische Mitbestimmung ist absolut notwendig, darf aber gerade nicht als Ausdruck einer „Statusgruppe“

Dass die Ergebnisse passabel sind, liegt schlicht an der Zufallsverteilung, die natürlich immer auch gute und sehr gute Auswahlen ermöglicht, bzw. „gesetzte“ Kandidat*innen bevorzugt, deren Vorgeschichte relevanter als das Verfahren selbst ist.

Dieses Beispiel zeigt, dass falsch verstandene formalisierte Demokratie sich an die Stelle eines kontrollierbaren und nachvollziehbaren Vertrauens gesetzt hat, das auch bestimmte Regeln beanspruchen könnte.

Ein anderes Beispiel sind die oft kritisierten Examens- und Doktorarbeiten vor allem dort, wo die Themen in den Bereich wirtschaftlicher und finanzieller Anwendung hineinragen. Ironisch sage ich, dass es bei technischen oder naturwissenschaftlichen Forschungs- und Entwicklungsthemen wenigstens deutlich sichtbar wird, wessen Interessen und welche Interessen bei Themenvergabe, Forschungsinteressen, Verwertungsabsichten und nicht selten bei der Bereitstellung der Instrumente vorhanden sind. Das ist bei geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Themen nicht so deutliche, da müsste man eine Analyse der Subtexte im Diskurs zwischen Betreuer und Examinierten machen. Vor allem aber geht es auch um die Korrektheit der Ergebnisfindung und -bewertung. Und die sind im Wissenschaftssystem mit seiner impliziten Theoriefähigkeit, Kritik UND Empirie doch sehr unterschieden von den Profilen, die das Hochschulsystem den erfolgreichen Studierenden und Absolvent*innen nahelegt.  Dass es keinerlei Ausbildung der „Prüfenden“ gibt, ihnen aber eine teils pervers hohe Macht zuspricht, kommt dazu.

ICH

Ich habe mehr als 50 Doktorarbeiten betreut, mehr als 1000 Abschlussarbeiten (BA; MA, Magister, Diplom) und unzählige Hausarbeiten. In vielen Fällen als Ergebnis der Arbeit im Studium, in ebenso vielen mit unbekannten Zugewiesenen. Die Prüfungsberatung war immer so etwas wie eine Fastfood-Psychologie der Verfassung eines Menschen, dessen Lebenslauf auch, auch!, mit dem Prüfungsprozess zusammenhängt. (Mein erstes Drittmittelforschungsprojekt ging übrigens um Prüfungsforschung, und den Unsinn der Trennung von Studien- und Prüfungsordnung, wurde dementsprechend vom staatlichen Auftraggeber ungern entgegengenommen, 1978). Kann man  Vertrauen institutionalisieren? Man kann…mit allen Fallstricken, wie Sympathie, Abneigung, aber auch den Problemen, im Thema notwendigerweise sehr viel besser zuhause zu sein (v.a. bei Master und Diplom) oder sehr viel weniger (bei den meisten Doktorarbeiten, was ja geradezu systemnotwendig ist, wenn da wirklich geforscht wird). Dann werden ganz andere Dinge bewertet, Methoden, Bias, Relevanz, Schlussfolgerungen…all das, was Wissenschaft vom Common Sense unterscheidet, und was mit der neuen Kompetenz-Ideologie eingeebnet wird.

Ich habe auch unkorrektes Verhalten erlebt, Plagiate, indirekte Täuschungen, Bestechungsversuche. Aber nicht das waren die großen Probleme – die löst man relativ einfach auf, – sondern die kritische und aufrichtige Frage auf beiden Seiten: was soll dieses Verfahren in Bezug auf a) das Leben der Kandidat*innen, b) den Fortschritt der Wissenschaft? Die Antworten finden sich bei immerhin guten 10% dieser Arbeiten im Text, bei den meisten gar nicht.

 

GEBÜHREN UND DIE SOZIALE WIRKLICHKEIT

Die Stellschrauben an einem guten Universitätssystem sind

  • Studierfähigkeit
  • Vertikale Durchlässigkeit
  • Horizontale Wahlmöglichkeit
  • Didaktische Qualifikation der Lehrenden
  • Kommunikationsräume und lebensweltliche Vernetzung in der Hochschule
  • Gleichwertige Osmose zwischen dem Innen und Außen der Hochschule
  • Angemessene Ausstattung und damit
  • Finanzierbarkeit

Wohlgemerkt, ich habe hier nicht aufgelistet, was für die gesellschaftliche Funktion und die persönliche Lebenssituation der Beteiligten relevant ist, dazu gibt es – siehe oben – hunderte Bücher, Vorschläge, auch Gesetze und fachliche Regeln.

Als ich noch aktiv in der Hochschulpolitik war, konnte ich meine Hauptthese nicht ganz einfach vermitteln: die immer privilegierten Studierenden bekommen ihren Status (Bessere Chancen am Arbeitsmarkt, höhere Lebenseinkommen, größeres soziale und kulturelles Kapital) aus der Steuerleistung der überwiegend nicht akademischen, nicht privilegierten Mehrheit der Bevölkerung, – sozusagen als zinsfreies Start-up Darlehen für größere Macht. Mit anderen Worten: die nicht-studierte Arbeitnehmerschaft bezahlt die Studiengebühren pro Student*in indirekt.

Dem hatte ich ein Darlehensmodell gegenüber gestellt, wonach alle Studierenden – unabhängig von der Herkunft – ein reguläres Studiengehalt beziehen sollten, dass sie dann im Lauf ihres Lebens über die Steuer zurückzahlen. (Wer viel verdient, zahlt mehr…).

Die Kritik an diesem Modell liest sich heute wie ein buntes Satiremagazin. Darauf gehe ich nicht ein.

Aber ein Problem haben wir. Weil die Universitäten nicht das liefern, was sie sollten, wird die soziale Zukunft der Absolvent*innen und der meisten Lehrenden von den Privilegien entkoppelt, die ich genannt habe. Auf der Strecke bleiben nicht so sehr die Jobs (gemäß der neuen Spaltung sozial mit weiter Einkommensspreizung), sondern eben die Teilhabe an den sozialen und kulturellen Kaptalen, auf denen unsere Zivilisation auch beruht.

Auf dieser Ebene wird Hochschulpolitik längst nicht mehr diskutiert. Auch nicht in Effizienzmühle „Hochschulforschung“.

GLOBAL

Anderswo sehen Universitäten aus wie Universitäten. Manchmal privilegieren sie ausschließlich über den Status, der mit dem Abschluss verliehen wird. Weder Qualifikation noch Kompetenz reichen aus, um Arbeitsmarkt und Lebenshaltung nachhaltig zu verbessern.

Können diese Universitäten von unseren korrekten Hochschulen lernen? Ein Frage der globalen Innenpolitik.

 

Finis terrae XIX: Demokratie und Gewalt (Fast eine Einleitung)

Kritik erreicht mich, holt mich ein: ich würde ja nicht so leben, als wäre das Ende von allem so greifbar nahe; zugegeben, die Verwerfungen sind unübersehbar und alles wird schlimmer zur Zeit, nichts wird besser. Aber das reiche nicht, Apokalypse zu verbreiten.

Das ist ein Irrtum.

Apokalypse sowieso nicht, denn hinter dieser Welt ist ja keine Andere, und das Schreckliche ist nicht der Übergang zu einer andern,  besseren Welt. Die Entschleierung des Weltuntergangs muss nicht sein, der Untergang, unserer Welt, die ja nur das Habitat auf dem Planeten Erde ist, braucht keine Offenbarung. Aber ja, es muss eine Eschatologie geben. Die „letzten Dinge“ sind, wie die Leser*innen dieses Blogs mittlerweile wissen, die absehbare Überholung unserer Weiterlebensmöglichkeiten durch das, was wir angerichtet haben, wohl weil die Evolution zu langsam und zu wenig flexibel war und uns nicht zur Adaption an das Vernünftige gezwungen hat (was ja denkbar gewesen wäre, wenn wir unser intelligentes Design nicht dem transzendenten Gott oder der Wallstreet oder dem Politbüro überlassen hätten).

Das hat eine gute und eine schlechte Seite. Die schlechte ist natürlich, dass es so gut wie ausgeschlossen ist, im letzten Moment ein gattungserhaltendes Handlungsmuster zu finden; wer redet da von Rettung? Einfach Überleben oberhalb der Ebene des Existenzminimums. Homöstase, also Gleichgewichtszustände, auf dieser Ebene sind denkbar, aber nicht erstrebenswert. Das klingt grausig, ist es wohl auch, aber man soll es nicht mit einem vierten Zeitalter verwechseln: Gold, Silber, Erz und Eisen. Das letzte kehrt alles selbstverständlich Gute und Richtige des Ersten um: „Scham, Wahrheit und Treue flohen. An den Platz derer folgten sowohl Betrug als auch List als auch Hinterhalt und Gewalt und die verbrecherische Liebe zu besitzen nach“ (Ovid, Metamorphosen). Keine Lehre vom Verfall der Einen und Aufstieg der Anderen, keine Zyklen der Weltentwicklung, und kein Ende der Herrengattung durch Decadence, was endlich die Knechte zur verderblichen Herrschaft brächte – lacht nicht! Wenn man die Idiotien der neuen Nazis und Kulturpessimisten liest, die sich ausmalen, was geschieht, wenn es nur keine Deutschen mehr gibt, weiß man, dass ich das nicht einfach erfinde. Finden wir uns damit ab, dass essinnvoll und notwendig ist, sich damit zu „versöhnen“, dass es in diesem engen Schlauch keine Möglichkeit zur Umkehr gibt.

Das führt zur guten Nachricht: jeder Mensch weiß, dass er oder sie eines Tages sterben muss. Weiß man aber ziemlich genau, dass es nicht mehr lange dauern kann und wird, dann ist die Zeit bis dahin nicht nur mit Trauerflor behängt, sondern auch mit Freiheit und dem Bewusstsein, dass es ohnedies am eigenen Schicksal wenig ändert, wenn man das richtige oder vernünftige tut, woran einem die Umstände solange gehindert haben. Die Zeit der Freiheit war zwar immer schon angebrochen, vor allem, weil man nie genau wusste, wann sie zu Ende gehen würde, aber nunmehr ist sie umso kostbarer, als wir ja auch nicht wissen, wann die Erde an uns erschöpft sein wird, nur dass wir uns schon auf der abwärts geneigten Flugbahn befinden, wissen wir. Nicht: ahnen wir, vermuten wir. Wir wissen es.

DIE EINLEITUNG IST IMMER ETWAS SCHWERGEWICHTIG. DIE PRAXIS HINGEGEN PRAKTISCH.

Die Zeit der Freiheit ist die Zeit der Politik. Wenn der Klimaverbrecher Trump – unbehandelbar geisteskrank, aber bewusst, mächtig und nicht dumm, die Abgasnormen für Autos abschafft, dann ist das ein Missbrauch eben dieser Freiheit. Wenn der israelische Premier sich den rechtsradikalen Kabinettsmitgliedern unterwirft, um Flüchtlinge zu schädigen, so ist das Missbrauch dieser Freiheit. Genauso, wenn der deutsche Heimatminister Flüchtlinge konzentriert abschieben will. Ebenso, wenn…ich fordere meine Leser*innen immer wieder auf, die Beispiellisten zu ergänzen, weil sie unbegrenzt sind, weil jeder aus seinem Alltag hunderte, tausende Beispiele kennt, und doch nicht alle geeignet sind, daraus wirksame Politik zu machen. Es stimmt eben nicht, was die eingangs erwähnten Kritiker behaupten, dass die Nachhaltigkeit und Resilienz der Welt in den ungebremsten Katastrophenszenarien zerstört würde, weil man gar nicht mehr wahrnimmt, was früher alles schlechter war (wie der SPIEGEL in einer klugen Kolumne darstellt). Die Irreversibilität führt zu Heftpflasterpolitiken. Heute kam die Meldung bestätigt durch, dass in den letzten 20 Jahren 25% der Biomasse von Insekten ausgerottet wurde (Glyphosat etc.). Die Umweltministerin will jetzt die Bienen retten.

SO GEHT DAS NICHT.

Der Widerstand hat immer zwei Optionen. Gehen wir von seiner Legitimität aus, dann kann er über Risikoabschätzung sich entscheiden, einer Gefahr durch demokratische Veränderung durchsetzungsfähiger Regeln und Normen zu begegnen. Oder er bringt die Verhältnisse durch Gewalt zum Tanzen, selbst wenn die angewandte Gewalt in keinem kausalen Zusammenhang mit der bekämpften Gefahr steht. Gewalt ist einfacher, aber nicht deshalb schon immer falsch. Welche Art ihrer Anwendung gerade richtig erscheint ist so schwer herauszufinden wie das richtige Gesetz für den jeweiligen Gefahrenfall.

Beide Optionen lassen nur wenig brauchbare Prognosen über die Möglichkeiten zu, das Ende hinauszuzögern oder es zu beschleunigen (letzteres im Vorteil, aber wirklich erheblich?).

SO GEHT ES SCHON EHER.

Ganz viele Ratschläge beginnen mit der Forderung, Praxis vom Ende her zu denken. (In manchen Systemen heißt das dann, bei Eintritt des angestrebten Ziels so etwas wie Erlösung wahrzunehmen – siehe meinen Osterblog). Bei sehr praktischen Planungen kann das schon einmal Sinnmachen, aber stellt euch vor, man würde die Hinrichtung vom sausenden Fallbeil her denken: bräuchte es dann der Henkersmahlzeit? Umgekehrt hat man in Auschwitz und am sinkenden Schiff und im grausigsten Kerker oder verirrten Wildnis nicht nur seinen Elan Vital mobilisiert, sondern auch die Umstände ohne das sich abzeichnende Ende analysiert und bearbeitet. Nicht, weil man vor der Wahrheit davon gelaufen ist, sondern weil es sie nicht verbessert hätte, wäre man nicht verliebt, belustigt, abgelenkt, ermüdet oder aufgeregt gewesen, schlicht: wäre man nicht lebendiger gewesen als das sich abzeichnende Ende einem zumuten wollte (ganz zu schweigen von der ungläubigen Kontemplation als Schmerzmittel).

Lange Umschreibung der Aufforderung, im Kleinen die Trittsteine zu sehen, die dann zu Demokratie (Heimat) oder Gewalt (Auszug) führen, und auch zu entscheiden, wann welches von beidem angebracht ist. (Hinweis: Auszug i.S. von Exodus, weg von hier…nur weg).

WOZU DAS ALLES? Ich will euch nicht vertreiben.

Natürlich werde ich keine Blog-Philosophie schreiben und schon gar nicht die Düsternis heraufbeschwören, gegen die ich mich bei den Kulturpessimisten und Apokalyptikern so vehement wehre. Es kommen wieder hellere Texte. Aber ich muss mich ja rechtfertigen für diese Vorschau auf Finis terrae. Das Ende hab ich ja nicht erfunden. Und meine Bekümmernis, dass es mit der Evolution der überlebensfähigen Vernunft nicht so weitergeht, wie es müsste, um Finis terrae zu vermeiden, diese Verzweiflung duldet kein Herumreden. In der Freiheit der erweiterten Spielräume für Politik und Ausgestaltung der abschüssigen Zeit können wir, wenn nicht Trost, doch Genugtuung finden, unsere Enkel und Urenkel nicht an die Tyrannen von heute zu verraten. 

 

 

Fool’s Day

Wie Unrecht die Menschen den Anführern der AfD tun. An diesen charismatischen Persönlichkeiten arbeiten sich doch nur ungebildete und oberflächliche Menschen ab.

Nehmen wir doch einmal den Herrn von Gauland, der sein Adelsprädikat schamhaft versteckt. Schon sein Name gibt Anlass zu bösen Witzen. Bei Gau-Bickelheim oder Kraichgau rümpft ja auch niemand die Nase, aber nur weil er ähnlich dem ihm ähnlich Gauweiler heißt, denken sich die Menschen, sie könnten so spotten wie seinerzeit in Oberdonau über den Eileiter Gaugruber. Aber sein Auftreten, der noble Harris Tweed seiner Jacken, könnte uns schon  eines besseren belehren. In Wirklichkeit kommt Gauland ja aus einer britischen Einwandererfamilie und bezieht seine Sakkos aus dem Familienunternehmen

GAUL and WYDEL, gesprochen (Gool ‚n Weidl), Saville Row, London

Dorther kommen alle guten Kleidungsstücke, und sein Tweed ist aus feinst gewebten Hundehaaren. Das ist nicht so selten: bei Herzmanovsky-Orlando, im Maskenspiel der Genien (u.a. Wien 1958), findet sich ein Großbürger, mit einem ähnlichen Rock, der sehr attraktiv war, aber das schlechte Wetter durch einen signifikanten Geruch drei Tage im Voraus ankündigte. Die unauffällige Eleganz dieses wahrhaften Gentleman zeigt sich auch in seiner Diktion. Am 22.2.2018 betont Herr Gauland, die EU sei kein Ersatz für Deutschland. Das sagt ein feinzwirniger Nichtdeutscher. Dass Gauland kein Deutscher ist, lässt sich historisch und systematisch belegen. Ein Blick in Kluges Etymologisches Wörterbuch, 17. Auflage, 1957, S.129) macht schon klar, dass sich Gauland ausdrücklich für die Multikultur entscheidet: Hauptsache, man spricht die gleiche Sprache. Welchem Stamm gehört denn Gauland an? Man spricht von 6 Altstämmen und vielen Neustämmmen, und Gauland hat die Wahl, wechselnde Identitäten anzunehmen. Er stammt aus Chemnitz,  das auch einmal ein paar Jahre K‘Mx’Stdt hieß, aber ansonsten nichts dafür kann. Zurück zum Habit: dieser Neudeutsche, der sich völkisch gibt, aber keinem Volk angehört, ist natürlich weder deutsch-blütig noch deutsch-stämmig, nicht einmal stämmig. Wäre er der wichtige Politiker geblieben, der er in grauer Vorzeit einmal  war, vielleicht hätte er den Brexit aufgehalten… (weil man sich mit den vielen nichtbritischen Einwanderern, Polen, Juden, Russen, Deutschen (!) keine blaublütige Insel hätte verdienen können.

Frau Wydel, nur in Deutschland Weidel genannt, ist ebenfalls blaublütig, aber nicht so erzdeutsch wie Frau von St. Orch, sie lebt in Europa und möchte es deshalb zur Festung ausbauen (das haben ihr die österreichischen Nazis von der FPÖ voraus, die haben das schon früher propagiert). Sie ist die Geschäftsführerin des oben genannten Modehauses und kleidet Herrn Gauland immer so elegant ein, wie sie selbst erscheinen möchte. Das oben genannte Wörterbuch erlaubt uns, ihr eine deutschstämmige Herkunft zuzuschreiben, weidlich heißt ja auch jagdgerecht und der Weidling ist ein Fischerboot (ebda. S. 848). In meiner Kindheit war ein Weidling allerdings eine Rührschüssel zum Teigschlagen…klassisches Beispiel, keinen Namensbezug herstellen zu müssen. Sie redet deshalb weniger von „Deutsch“ als von „kulturfremd“. Das passt in das dumme Geschwätz von Leitkultur, und da wird sie auch des Lesens kundige Bevölkerungsteile ansprechen. Aber es könnte auch sein, dass sie vom Minnesänger Walter von der Vogelweidel abstammt, und dann verrät sie einen großen Dichter, von dem man auch nicht weiß, woher er wirklich kommt.

Der Hundehaaraufzug weht uns Regen und Schnee ins Gesicht. Aus der Zeit, in der alles anders war, bleibt nur Finks Krieg von Martin Walser (Ffm 1996), das Gauland, wiewohl es ein gutes Buch ist, selbst rezensiert hatte…Si tacuisses…

Nein, Leute, über die Namen mache ich mich nur lustig wegen der schrecklichen Assoziationen, die sie auslösen. Wenn man das Triviale mit dem Gewalttätigen vermengt, kommt das Völkische heraus, und der Weg zum Volk, von dem alles Recht ausgeht, wird immer weiter.