Polizei: bitte sei dazu still.

Als ob die deutsche Polizei nicht genug mit ihren rechtsradikalen Nestern und prekären Verhaltensweisen zu tun hätte. Jetzt äußert sich der ansonsten zu Recht unbekannte Präsident der Bundespolizei, ausländerfeindlich, asylrechtsfeindlich und – wenig intelligent, was dann auch wieder nicht verwundert:

„https://www.tagesschau.de/inland/abschiebungen-rueckgang-101.html:       „
…Die Bundespolizei spricht von einer „Stagnation der Rückführungszahlen“ und nennt als Grund „ein erhebliches Maß“ an stornierten Abschiebungen durch die Bundesländer.
Bundespolizeipräsident Dieter Romann sieht deren Rolle kritisch: Die Bundesländer stellten zu wenige Abschiebehaftplätze zur Verfügung. „Gemessen an den rund 248.000 ausreisepflichtigen Drittstaatsangehörigen sind die 577 Abschiebehaftplätze, die es in den Ländern gibt, viel zu wenig“, sagte Romann den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Dazu ein Bild:

Ein gefesselter Mann wird auf dem Frankfurter Flughafen zu einem Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht.

Abgelehnte Asylbewerber häufig geduldet….“

Soweit der Ausschnitt aus dem Artikel bei der Tagesschau. Abgesehen davon, dass Polizisten sich der Politikerschelte dort enthalten sollten, wo sie ausführende Organe („Exekutive“) sind, redet Romann rechts- und menschenverachtenden Unsinn. Dass gerade die Duldung der abgelehnten Asylbewerber auf rechtsstaatlichen und humanitären Grundlagen unserer Gesellschaft beruht, macht u.a. den Unterschied zu Regimen wie dem ungarischen aus. Dass man gerade einen gefesselten Afghanen zeigt, ist aber auch ein Zeichen für die geradezu blödsinnige Ignoranz unserer Behörden gegenüber den wirklichen Zuständen in dem von uns mit „befriedeten“ Land. Nun ist Herr Romann die Spitze eines Eisbergs, der besser gesellschaftlichen Distanz als weiterer umworbener Integration bedürftig ist. Er spricht dem populistischen Popanz der Reinigung des Landers von unerwünschten Personen aus der Seele, und leider auch für 25% der Bevölkerung, die es auf diese Weise nie zum Volk schaffen wird, von dem das Recht ausgeht.

• Wir müssen ein Jahr beschließen, das zeigt, wie falsch und unaufrichtig unsere Flüchtlingspolitik ist, obwohl wir „besser“ als viele EU Staaten sind und obwohl wir tatsächlich sehr viel dafür zahlen, besser als die meisten dieser Staaten zu sein. (Wir zahlen mehr, weil wir das können).
„Besser“ heißt natürlich auch, dass unser Rechtsstaat noch besser intakt ist als der mancher illiberaler Demokratien oder neuer autoritärer Staaten; intakt trotz der populistischen Vorfeld Instanzen, und da ist keineswegs nur der Innenminister, da sind die Sicherheitsorgane, Geheimdienste, und ganz viele staatliche Instanzen, denen die Zustimmung der fatalen 25% wichtiger ist als ihre übertragene Aufgabe staatlicher Leistungen für das ganze Volk. (Ein Beispiel, das nichts mit Flüchtlingen zu tun hat: der Minister B. Scheuer lehnt Geschwindigkeitsbegrenzungen u.a. mit dem Argument ab, dass die Mehrheit der Bevölkerung dem wohl nicht zustimmen würde…da sind wir nicht weit von der Wiedereinführung der Todesstrafe, wenn nur 51% der Bevölkerung die halt mal an einem Montagmorgen gern wieder hätten. Gemein, gell, so mit dem Volkswillen zu spielen?). Zurück zu den Flüchtlingen. Ich wiederhole den gestrigen Blog: Habeck hat Recht. Holt wenigstens die Kinder raus aus den Flüchtlingslagern. Darin kann man übrigens auch messen, um wieviel besser unser Rechtsstaat ist als der in andern Ländern. (Und dass die Kirchen und andere humanitäre Organisationen Habecks Forderung unterstützen, sollte den Christlein im Lande zu denken geben).
Aber fast noch wichtiger ist mir zu untersuchen, warum es eine Reihe von EU-Ländern gibt (und solche außerhalb der EU), die eine so unmenschliche Asyl- und Flüchtlingspolitik betreiben. Ihr Argument, von Trump über Orban bis Erdögan, ist zuvörderst die nationale Sicherheit, eng gekoppelt an eine Identität, die vom Wortlaut her meist als faschistisch bezeichnet werden muss. Dass das z.B. in vielen östlichen EU-Staaten etwas mit der stalinistischen Nachkriegsordnung zu tun hat, auch und insbesondere in der DDR, haben wir schon 1989 gewusst, aber zu wenig beachtet. Dass das Nationale die unterdrückte Nationalstaatlichkeit ersetzen, kompensieren sollte, haben wir auch gewusst, aber versucht, wegzukaufen. Dass Flüchtlinge eine Leerstelle demokratischen und republikanischen Bewusstseins besetzen, so wie früher und teilweise auch heute jüdische Menschen, hätten wir spätestens 2014 wissen können, aber das ist ein heikles Feld, für viele zu heikel.
Unsere deutsche und eurowestliche Mitschuld an der miserablen Entwicklung des rechten Populismus, der sich oft mit so genanntem linken Populismus (zB. vor zwei Jahren: Sarah Wagenknecht-Frauke Petry) trifft, muss ein Thema sein. So, wie die Wiederaufnahme der post-kolonialen Debatte unabweisbar wird, und langsam in die Gänge kommt, so sollte auch bei uns die Aufarbeitung der Zeit nach 1989 sich aus dem infantilen Ost-West-Geplänkel in etwas rationalere und kritische Ebenen bewegen (Ein Beispiel, dass und wie das versucht wird, ist Ines Geipels “Umkämpfte Zone“, 2019, wobei es da nicht explizit um Flüchtlinge geht, aber die ganze Identitäts-Rhetorik auf den Prüfstand gestellt wird, und die Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privaten Beschweigen konkret wird). Diese Art von Schuldbearbeitung unterscheidet sich von der Schuldzuweisung an die alten und neuen Diktaturen. Aber eben diese Differenz kann dazu führen, dass wir es besser machen: Ende der Abschiebung, Aufnahme der Kinder (was spricht dagegen Vorbild zu sein), Revision der Innenpolitik.

A.E.I.O.U.

Austria erit in orbe ultimo – das alte AEIOU – wird ersetzt durch allen Ernstes ist Österreich unerträglich oder unersetzlich oder…vor ein paar Tagen war André Heller in Potsdam zu den Literaturtagen. Er erzählt besser als er schreibt. Was von dem, das er sagt, stimmt,  ist egal, er vermischt erlebtes, mögliches und erdachtes Wirkliches, und dann wird es seine Geschichte. Die berührt manches mit meiner. Hietzing, eine Loosvilla (in einer andern wohnt ein Freund von mir, ich habe die Wendeltreppen gefürchtet), Schüler Schilling?, 2 Jahre Gymnasium  Fichtnergasse (mit mir, ein Jahr nach mir? Jedenfalls eine Schule, die uns nicht viel genutzt hat…meine Mutter wurde zitiert, weil  ich zum Sohn des polnischen Botschafters Kommunist sagte, und zum Klassenvorstand „ihren Humor möchte ich haben“, hätte Heller auch sagen können. In Marokko, in Marrakesch, ist sein herrlicher Garten, habe ich damals nicht gesehen, aber, glaubwürdig, 50, 200 Bedienstete? 4, 40 Hektar…egal. Er stimuliert Erinnerungen an nicht geteilte Lebensabschnitte. Die Story vom Erdbeben und Autounfall und Todesnähe am Sinai, gute Geschichte mit Jasmin, da war er 50.  Ich weiss, warum ich ihn instinktiv nie mochte, natürlich wegen der Erika Pluhar, die hätte mich auch mögen können, kennte sie mich denn anders als Verehrer am Stehplatz im Burgtheater…haha, sie wird seine Frau. Lang ists her. Aber parallel und unvereinbar zugleich: die Millionen des 1893 geborenen Papa, der wird katholisch, wie mein Großvater (ohne Millionen), ist dann ein Austrofaschist, wird von Mussolini den Nazis entrissen, flieht von Paris nach England, wird Besatzungsoffizier….glaubwürdige Details mit dem Sikh am Bügelbrett und den Engländern in Hietzing. Nicht alle getauften Großväter überleben, nicht alle bleiben aktiv katholisch. Seltsam bitter, die Story. Am übernächsten Tag bin ich in Wien, wohne im 5. Stock bei einem Projektpartner und schaue auf die herrlich renovierte alte Bonbonfabrik von Heller, am Hellerpark im 10. Bezirk. Nachtrag: der Zsolnay-Verleger Ohrlinger war auch bei der Lesung, natürlich, und wir beide waren wahrscheinlich die einzigen, die sich an ErnstLothars „Engel mit der Posaune“ erinnerten, frühe Bekanntschaft mit dem Namen des Verlags. Vor 40? Jahren hatte ich den Ohrlinger schon einmal getroffen.   

Zwischen Heller und Wien ein herrlicher Tag bei Tochter und Enkelin am Müggelsee, das ist wie ein Einbruch der Wirklichkeit in den Konjunktiv, wie Leben anders ausschauen hätten können. Gut so, und zur Strafe überfallen wie vor einem Jahr wieder Fledermäuse unsere Wohnung.

Packen, Wienfahrt, direkt ICE von Berlin, zu spät aber ok. Nur mehr erster Klasse. Genug zu tun, mich mit der tektonischen Verschiebung nach rechts zu beschäftigen,  etwas Korrespondenz, viel Lepore, dazu komme ich, und mit Freunden im Wiener Wirtshaus saure Wurst und Palatschinken.

Schön ist schön heiss.

Abends im „Bio“Hotel Wagner am Semmering, Zi 46, im untersten Stock, wie alles hier grün unter Straßenniveau, eigentlich ganz schön, ohne TV, aber der Semmering war nie meines, obwohl die Drogerie Louvre und einige Jugendstilhäuser schön sind, obwohl das Hotel Panhans mich an unser Seminar mit dem Ministerium erinnert und der Hirschenkogel den besoffenen Skifahrten mit Arbeitskollegen, nichts, das mich an etwas wirklich bedeutsames erinnert und doch ein seltsamer Ort, noch nicht einmal haute volée, auch nicht basse.

Heute früh hingegen. O herrliches Wien, vergleiche dich schon gar nicht mit Berlin. Erst beim türkischen Friseur, in wenigen Minuten rasiert, beschnitten, er lässt meinen würdigen Bart noch dran. Von unserem Projektpartner an der Westbahnstraße beginnt eine Wanderung. Stiftskaserne (da ist das Institut für Frieden und Konflikt des General Feichtinger, da habe ich zur Kosovo- und Afghanistanzeit Vorträge gehalten…mariatheresianisch, der Bau, mit Barockkirche), Jochen Frieds  alte Wohnung gegenüber, fast eine Arbeitsexklave damals (bis vor 5 Jahren), Die Kaufhäuser Herzmansky und Gerngross, als Kind täglich mit der Straßenbahn vorbei und im ständigen Zweifel, welches ich wählen würde von den beiden, und die Hauptverkehrsader von Wien, die Mariahilferstrasse ist grün…ich schlage mich unterhalb der Neubaugasse eine Stunde lang durch, 7., 8., 9. Bezirk, heute natürlich vergleichbar mit Charlottenburg, teure wohlhabende Bezirke, aber ganz anders und weniger geplustert. St. Ulrich-Platz, war ich noch nie, da sitzen die Wiener ohne Touristen beim Café, viele kleine Geschäfte, die kommen nicht wieder, die sind noch da, hoffentlich noch ein paar Jahre, eine Knopfpresserei, mehrere herrliche Maßschneidereien (Termine vor anmelden! Wie beim Zahnarzt), Antiquariate vom besten, Gasthäuser (auch einige chinesische, japanische…) die fallen wenig auf, und die Piaristen, ein Gymnasium mit ambivalenter Geschichte. Das alles ist nicht wichtig, aber schön: wie Häuser aus dem 18. Jhdt. neben der Gründerzeit, dem Wohnbau der Nachkriegszeit stehen, keine Spur von Schiemanns Traufenkonzept, Laudongasse, wo meine erste Freundin von der Universität gewohnt hatte und wir Chopin beim armenischen Espresso gehört hatten, nachdem ich sie bei Frau von Meier anstandshalber abgeholt hatte; Duran, den frühen orientalischen Schnellimbiss, gibt’s noch  immer. Die Mariannengasse mit der Poliklinik, wo meine Zähne ruiniert wurden, und daneben wohnte Victor Frankl (den schlagt einmal nach), ein Freund der Familie mit einem der komplizierten Schicksale, passt gut zum Anfang dieser Geschichte, was wohl Gabi (die Tochter) macht, früher Schmerz: sie zog den Reitknecht vor, o Hochmut.  Bald bin am alten Allgemeinen Krankenhaus (1780) und am neueren (19. Jh.) vorbei und am Treffpunkt. Ich habe mir die Route nicht biographisch ausgesucht, sondern geographisch. Kurz nach dem Ulrichsplatz der Liane-Augustin-Platz. Liane Augustin (1927-78) war so typisch Nachkrieg, incl. Eden-Bar und die Hoffnung auf eine verruchte Stimmung durch Stimme. Ihre Chansons („Auch du wirst mich einmal betrügen“) haben mich mit 17 beflügelt.  Wikipedia: Im Jahr 2008 wurde in Wien-Neubau (7. Bezirk) der Augustinplatz nach ihr benannt, wobei sich die Benennung auch auf den Bänkelsänger Marx Augustin (1643–1685) bezieht. Man weiß ja nie…

Was mir neben der ungeplanten sozio-ökonomischen Mischung auch gefällt: Ganz viele verschleierte Frauen auf der Straße, keine Sarrazinschen, die sind hier normal quer durch den Klassenschnitt, das ist so wenig ein Migrantenviertel wie eine weiße Enklave. Ab und an haben Etablissements schon offen, die anderswo in einem definierten Bezirk sich drängen, hier über die Fläche sich verteilen, es gibt kein St. Pauli in Wien.

Bin ich vom nostalgischen Kitsch infiziert?  Es ist glühend heiß, aber ich schwitze nicht, da geht ein Wind und es ist sehr trocken. Nein, nicht die Nostalgie, aber die Gewissheit, dass in meiner Generation, genau nach dem Krieg, alles hätte auch so oder anders kommen können. Und Wien  hat halt eine gute Stadtregierung gehabt, bis heute. Und ist so herrlich dicht gedrängt und nicht weitläufig über das Land verteilt wie Berlin. Wien hat keine Spandaus oder Neuköllns, da kann man schon die Stadt in 5 Stunden durchqueren.

Ich war nahe am Neuen Forum vorbeigegangen. Günther Nenning ist schon so lange tot, niemand lebt mehr aus dem Prager Frühling in Wien, aus dem Warschauer Frühling in Wien, Ivan Illich und alle damals. Nur Alice Schwarzer lebt noch. Dort habe ich ein weiteres Mal begonnen, übrigens auf einem grauenvollen Bürosofa.

Es ist gut, dass Österreich nie versucht war, auch nur annähernd so imperial im  Kapitalismus sich zu entwickeln wie Deutschland, dieser Tage voll von Bismarck. Habsburg war mächtig, gewiss. Und hat sich lange gehalten, hat Hegemonie an Deutschland abgegeben und sich weiter gehalten und ist  immer schon untergegangen, während es noch oben auf der Geschichte sich herumtrieb. (Rudolf Burger sagte damals, der österreichische Kolonialismus entstand entlang der Bahnlinien, das erklärt einiges, aber nicht die Techniktheorie und Ingenieurspraxis; es erklärt nicht die Psychoanalyse (stell dir vor, sie wäre in Berlin entstanden…); es erklärt nicht den Austromarxismus, also eine Sozialdemokratie, die dem kommunistischen Blödsinn einigermaßen widerstanden hatte – und Wien ist noch immer die sozialste Millionenmetropole. Beim Espresso erklärt uns eine Wirtin die Schattenseiten, riecht nach FPÖ…Schon in der Strassenbahn in den 10.  merke ich, wie sehr ich einen guten ÖPNV in D vermisse. Und dabei nicht vergesse, über all dem Lob die ironische Distanz einzuziehen, da ich ja noch nicht auf dem Währinger Friedhof liege und nur mein Nachruf mich ins Sediment dieser Stadt versetzt, wovon ich nichts mehr merke. Zwei Stunden lang post mortem, damit ich sehe, wie die Erinnerung sich bei den Hinterbliebenen abschält. (Das versteht niemand. In Wien glauben viele, dass hier, nur hier, man das Sterben um zwei Stunden überlebt um zu sehen, wie die Hinterbliebenen reagieren und wie schnell sie einen vergessen…). Ich weiss genau, wohnte ich hier, ich würde toben, die grünen Kompromisse verfluchen, Doskocil und Kurz verdammen, alle Bürokratismen, leeren Versprechen geißeln, und trotzdem, realistisch: die Züge sind pünktlich und die Sozialsysteme gerechter als in Deutschland. also? Nix also. Vielleicht ist alles nur die Wirkung des hiesigen Espresso…

Bei Wagner am Semmering: eine Flohmarktbibliothek mit Kipling, Lessing, Reinhold Messner, einer Anleitung für gute Aktfotografie, Fremdenführern und viel Esoterik; schlechter Radioempfang also höre ich LvB Sonaten mit Gulda. Filzpatschen für die Zimmer, Saure Wurst und Mozzarellasalat, Vorarbeit für morgen.

AEIOU Macht euch einen Reim drauf.

Nachtgedanken

Wochenlang war der Himmel klar, jetzt beginnen die Schlieren der Kondensstreifen wieder, das Licht abzuhalten. Man fliegt wieder…man fliegt in die Türkei, der verbündete Diktator muss besänftigt werden und die Deutschen lechzen nach dem gesicherten Badestrand unweit der Gefängnisse…man fliegt wieder…aber in die falsche Richtung: nämlich Menschen aus unserem Land weg (Abschiebungen), anstatt sie herzuholen (300nach Berlin, aber Seehofer ist ein potentieller Flüchtlingstöter – aus Gründen der Ordnung, aber die wird ihm im Jenseits nicht helfen).

Warum so harsch? Kann man alles sanfter sagen, so wie die Politiker zu den CoVidioten vom Wochenende (Saskia Eskens hat da wenigstens einen Begriff), aber der rechtsradikale Polizeigewerkschafter Wendt meint, die Polizei hätte in ihrer Passivität sich doch bestens verhalten. Ja, man kann sanft und versöhnlich sagen, dass nichts getan wird, was jetzt nötig wäre. Wenn eine Atombombe fällt, schleißen Sie die Fenster, setzen Sie sich unter den Tisch, und vorher waschen Sie sich die Hände. So ähnlich klingen die Beschwichtigungsversuche in einer Situation, wo man Freiheitsrechte gerade denen einräumt, die die Freiheit beschädigen. Nazis, Impfgegner, Verschwörungsgläubige, Coronaleugner, Pöbel, Arglose…werden in ihren Grundrechten bestärkt, und wenn sie sich auf den Rest der Menschheit (uns) stürzen, dann mahnen die Minister, sie sollen das doch anständig machen, und auf Abstand halten. Fast alle, die eine Stimme haben, verurteilen diese Grölbarden, aber zugleich warnen sie: schränkt deren Rechte nicht und betrachtet sie auch nicht als Irre (Berliner Zeitung vom 3.8.). Es gibt Irrsinn, der sehr wohl strafmündig und verantwortlich macht, und zugegeben, oft wäre Polizeigewalt keine gute Therapie. Aber darum geht es nicht primär: warum denen, die uns schaden, auch noch die Rechte, die sie bekämpfen, andienen, um nicht zusagen, sie ihnen in den Arsch blasen…und denen, die sie kritisieren, die Mahnung auf den Weg zu geben, deren Grundrechte nicht in Frage zu stellen.

Was ist mit unseren Grundrechten?

Nein, mir sind die beiden Absätze nicht durcheinander gekommen. Die Verkehrung der Argumente ist nämlich bei den Flüchtlingen und den Covidioten die gleiche. Erdögan nicht reizen, das schützt die Türken in Deutschland und lässt ihn folternd die NATObruderschaft weiter unterstützen. Seehofer nicht reizen, sonst lässt er noch die Opfer  von Kriegen, an denen wir beteiligt sind oder waren, an die Opferstätten zurückbringen, damit sie sich an uns erinnern. Die AfD nicht reizen, sie ist ja die stärkste parlamentarische Oppositionspartei, die Impfgegner nicht reizen, sollen ihre Kinder doch die Seuchen unschuldig verbreiten, die Verschwörer nicht reizen, wir haben schließlich Glaubensfreiheit, die Nazis nicht reizen, die haben doch vor 1933 kein Wort von Auschwitz gesagt.

Nein, seid nur sanft und leise, ihr wollt doch nicht mit gleicher Rohheit zurückschlagen, ihr wollt gar nicht zurückschlagen, sondern hofft auf die Evolution. Lasst euch vorführen, was man aus Grundrechten alles machen kann, z.B. die Freiheit der Grundrechten. Fürchtet euch nicht, die tun euch nichts, sie stecken euch höchstens an.

Es gibt mehr als ein F-Wort

Ich lasse mich gerne kritisieren, wenn ich eine Antwort habe. Ich werde angegriffen, weil ich zu oft den Begriff Faschismus und den Begriff Nazi auf gegenwärtige Situationen und Menschen anwende. Das dünnste Argument gegen meine Sprache ist, dass ich die Shoah und die Schrecken der Nazis verharmlose. Das beste und komplizierteste ist, dass ich diese Begriffe nicht ebenso vehement gegen die Zustände in erklärten Diktaturen anwende, sondern mich meist im Umkreis des so genannten Westens aufhalte.

Da mein Blog keine große Verbreitung hat, finden es von mir angegriffene Personen oder Repräsentanten oft nicht nötig, zu reagieren. Ich habe nachgeblättert, wo die Begriffe verwendet werden:

Faschismus => Viktor Orban, Ungarn, Erdögan, …

Klerikofaschismus => Polen, Kaczinski, … etliche Strömungen in Russland, …

Nazi-Analogien => wenn Deutschland heute mit einigen Zuständen von Weimar verglichen wird (nicht gleichgesetzt), dann passt der Begriff auf die AfD und die Identitären, auf ihre Vorläufer, auf den Pöbel, der sich mit ihnen verbündet (und nicht einfach nur „rechts“ ist…). Damit ist klar, dass es auch Analogien zu Trump und seiner Regierungsclique gibt, dass es Analogien in fast allen osteuropäischen und einigen mittel- und westeuropäischen Parteien und Gliederungen gibt. F und N sind normal inmitten von Gesellschaften, die normal gerade nicht faschistisch oder nazistisch sind oder sein wollen.

Jetzt bitte nicht lachen: ich achte schon darauf, diese Begriffe in Kontexten zu verwenden, die ich belegen kann. Das ist kein Alltagsgerede, und ich habe keinen Stammtisch.

*

Ich stehe mit diesen Klassifikationen nicht allein. In den USA, wo die Pressefreiheit doch recht gut funktioniert, sind die Analogien Nazizeit => Trump Teil einer bitteren, analytischen und oft nicht ver-bitterten, Auseinandersetzung.

Bei uns wird auch verharmlost: „rechts-nationalistisch“  ist so ein Flachwort, das vor der juristischen Auseinandersetzung schützt. Bei derzeitigen Situation um den AfD Flügel, Kalbitz und Gauland kann man sehen, wie wenig das trägt.

Und zum obigen Kritikpunkt, warum ich China und Russland nicht generell hier einordne: weil Diktaturen das Adjektiv nicht mehr brauchen, so wie das Regime 1933-45 nicht (mehr) als Nazi- oder Faschismusdiktatur bezeichnet werden müsste. Ich habe viel für die Totalitarismustheorie übrig, die dann nicht haarspalterisch den Unterschied zwischen Stalinismus und NS-Regime herausarbeitet, um sich  auf dem Antifaschismus der eigenen Diktatur auszuruhen. Oder die meint, mit der rechts-links-Mitte-Koordnate könne man heute noch viel erklären.

Gestern und vorgestern, nicht nur in Berlin:

Ärgerlich ist zu wenig gesagt“, sagt der Regierende Bürgermeister, vom rbb flugs zum „Regierenden Oberbürgermeister“ befördert, über die Corona-Demos vom Sonnabend. „Für die Freiheit“  (übrigens auch der Titel eines NS-Propagandafilms von Leni Riefenstahl) lautete eine der Parolen, unter denen 20.000 Menschen, die meisten angereist, weitgehend maskenlos drängelnd einen zweiten Lockdown provozierten – bei weiterhin steigenden Infektionszahlen. (Tagesspiegel online 3.8.2020)

Das meine ich mit Faschismus bzw. Nazi-Analogien. Dass man meint die Freiheit der Gesetze erlaube das Riefenstahlmotiv öffentlich zu gebrauchen, ohne kritischen Kontext. „Ärgerlich“? Ja, die Aufmärsche ab 1920 waren ärgerlich. Hat man Auschwitz vorhergesehen? Nein, aber vorhergesagt.

*

Im freien Amerika darf man öffentlich nicht F ucking sagen. Gut, eine Konvention wie viele andere, man darf auch nicht N igger sagen. Und bei uns soll man nicht F aschismus und N azi sagen, weil das verharmlost. Und wenn der Ausnahmezustand vorbei ist, werden F und N dann normal?

“Ur-Fascism can come back under the most innocent of disguises.” Umberto Eco wrote in The New York Review in 1995. “Our duty is to uncover it and to point our finger at any of its new instances.”

To that end, Eco outlines fourteen defining qualities of fascism, among them: the cult of tradition (1), a fear of difference (5), obsession with a plot (7), and a contempt for the weak (10). “These features cannot be organized into a system,” he writes. “Many of them contradict each other, and are also typical of other kinds of despotism or fanaticism. But it is enough that one of them be present to allow fascism to coagulate around it.” (NYRB 3.8.2020)

Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.

Sklaven und Ausgegrenzte Ausländer in Deutschland

Die mehrfach zitierte Jill Lepore – die wohl beste lebende US-Historikerin – reißt die wohlmeinenden Schleier von der amerikanischen Geschichte: rund 100 Jahre habe es gebraucht, bis die Sklaverei abgeschafft wurde, und weitere 100 sollte die Segregation herrschen. (Vgl. Lepore 2018, 329).

In der imperialistischen Periode des Deutschen Reichs gab es zwar Versklavung von Eroberten in ihren Ländern, aber wenig Import von Sklaven. Nach 1945 kann man, bei genauer Anwendung der Begriffe, sowohl Sklaverei-ähnliche als auch Segregations-ähnlich Zustände spätestens ab der Gastarbeiterzuwanderung beobachten, sie so zu bezeichnen war Tabu oder eine maßlose Übertreibung. Dieser Begriff wird heute auf alles angewendet, das einem nicht passt und das, in moderater Form, die Finger auf einen wunden Punkt legt. Ich rede jetzt erst von Westdeutschland, und nach 1989 von Gesamtdeutschland, die Zustände in der DDR dulden viele Vergleiche, aber keine Gleichsetzung.

Weil eine abgestumpfte Sozialpolitik den Import von Arbeitskraft und den Ausweis von Arbeitsplätzen immer den Arbeitsbedingungen voranstellt, sind diese nur selten zum Zentrum der politischen Diskurse geworden, sie waren vielmehr abmildernde Variable.

Im Kumpelhäuschen oben auf’m Speicher
Mit zwölf Kameraden vom Mezzo Giorno
Für hundert Mark Miete und Licht aus um neun
Da hockte er abends und trank seinen Wein
Manchmal schienen durchs Dachfenster rein

Richtiges Geld schickte Tonio nach Hause
Sie zählten’s und lachten im Mezzo Giorno
Er schaffte und schaffte für zehn auf dem Bau
Und dann kam das Richtfest und alle waren blau
Der Polier der nannte ihn „Itakersau“

Das hört er nicht gerne – im Paradies
Und das liegt irgendwo bei Herne

Tonio Schiavo der zog sein Messer

Er schlug auf das Pflaster und zwar nur ganz knapp
Vor zehn dünne Männer die waren müde und schlapp

Kamen gerade aus der Ferne
Aus dem Mezzo Giorno ins Paradies
Und das liegt irgendwo bei Herne

(Quelle: Musixmatch, Songwriter: Franz Josef Degenhardt 1966)

Die Arbeiter, auch Arbeiterinnen, bei Tönnies und Wiesenhof und anderen Fleischbetrieben kommen aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn, vom Balkan. So wie die Spargelstecher für eine begrenzte Saison, so wie die Gurkenpflücker, so wie viele Bauarbeiter fast das ganze Jahr. Warum machen das die deutschen nicht? Es gibt genügend Arbeitslose. Sie machen es nicht a) weil sie so nicht leben und behandelt werden wollen, b) weil  sie es nicht können (z.B. Spargelstechen) und es nicht lernen und machen wollen, c) weil der Lohn sowieso zu niedrig ist im Vergleich zur Sozialhilfe. Das sind die Rahmenbedingungen für moderne Sklavenhaltung UND Segregation. Diese Arbeiter wohnen ja meist nicht mit so genannten Deutschen zusammen und im gleichen Wohnquartier. Ihre Unterkunft erinnert an die Sklavenzeit, in der der Besitzer der Sklaven für die Unterkunft und das Aufrechterhalten der Arbeitskraft natürlich etwas zahlen musste, er hatte ja schließlich für die Sklaven nicht wenig Bezahlt, da sie meist importiert wurden. Sind die Subunternehmer Sklavenhändler? Sidn sie ethnophob, gar rassistisch und behandeln die Leiharbeiter wie Vieh – die kommen ja freiwillig! Da schneidet sich die Sklaverei mit der Lohnarbeit, und wir könnten die geheimen Quellen des Mehrwerts bei Karl Marx studieren.

Und bis Corona hat man das zwar bemerkt – bemeckert – aber doch nicht ernsthaft etwas dagegen unternommen: Arbeitsplätze gehen vor, und das Fleisch, wenn man den Dreck so nennen kann, muss billig bleiben. Und die Spargel müssen zeitgerecht geerntet werden. Und das können die Deutschen nicht, weil sie nicht so leben wollen bzw. in vielen Fällen dürfen. Wenn aber nicht nur Staat wegschaut, sondern der Kotelettkäufer für 5.99 das Kilo nicht hinschaut, und wir uns vegetarisch noch am Sklavenprodukt Soja aus Brasilien ein ruhiges Gewissen machen – was sollste da schon tun?

Dann schickte uns eine gütige Hand Corona. Das Virus macht einiges transparent, zum Dank schenken wir ihm eine zweite Welle. Aber noch aus der ersten macht der Kreis Gütersloh, Laschets Reich, hunderte Sklaven auch noch zu Opfern seiner menschenverachtenden CoVid-Politik. Ob sich bei Tönnies etwas ändern wird? (Vgl. https://www.tagesschau.de/investigativ/ monitor/toennies-quarantaene-101.html (30.7.2020)). Der Kreis Gütersloh, das ist der Staat, bitte kein einzelner Kapitalist).

Allzugütig versuchen die Sklavenhalter und der Staat, sich hinter dem Coronavorhang zu verstecken. Kann man ja alles ändern, und die Fleischbranche, nur zum Beispiel, trifft schon der Gesetzesentwurf des Herrn Heil nicht so hart, wie sie protestieren (es wird also noch weicher). Das ist die Gesellschaft des Kompromisses mit sich selbst. Man muss gar nicht Rumänensau oder Bulgarensau sagen, man muss nur so handeln. Wenn einer dann ausflippt, begünstigt das die Reinwaschung der Gesetzeshüter.

So schlimm, wie es in den USA vor 150 Jahren war, ist es heute dort nicht mehr, aber schlimm genug, und bei uns auch nicht. Aber dass wir da andere Spielregeln hätten, glauben nur wir, die sie ändern können.

Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.

Nichtrechtslinksmitte, aber was dann?

„Protest ist nicht dafür da, dass die Protestierenden zufrieden sind, sondern hat offenbar eine gesellschaftliche Funktion. Er ist der Vetospieler, den es eigentlich nicht geben kann, der aber in der Lage ist, die gesellschaftlichen Diskurse mitzuverändern“. (Armin Nassehi, taz 29.7.2020)

Nassehi ist auch sonst klug und hilfreich. Mich hat sein Interview angeregt, meine Widerstandsoption genauer zu durchdenken, weil ich ja immer und immer noch, immer wieder für den Widerstand gegen die illegitime, die übertriebene, die irreführende Gewalt anschreibe. Dass Widerstand nicht Protest ist, kommt nicht einfach daher. Widerstand hat schon die Stufe der Reflexion überwunden, ist schon Handlung geworden, und sei es auch nur sprachlich, und das, wogegen er sich wendet lässt mich immer an den Titel eines sehr guten Buches denken: Leidenschaften und Interesse (Albert O. Hirschman (Hirschman 1984)). Protest braucht Leidenschaft und ein Minimum an Aufrichtigkeit, noch beim Mitlaufen. Widerstand aber muss ein Interesse umsetzen, etwas zu beseitigen um etwas anderes zu erreichen. (Erst die Moderne hat den Widerstand „vergesellschaftet“, und es muss nicht immer Klassenkampf sein). Der Originaltitel von Hirschman sagt übrigens sehr viel genauer, worum es geht: Political Arguments for Capitalism before its Triumph (1977).

*

Aufregung: Wirecard – wer hat wann nicht aufgepasst? Aufregung: Ach, die Sklavenarbeiter der Fleischindustrie und bei der Gurkenernte sind nicht anständig untergebracht? Aufregung: die klerikofaschistischen und rechtsradikalen Regierungen in der EU, meist im Osten, verabschieden sich von demokratischen Konventionen (dieser Tage will Polen aus der Istanbul-Konvention aussteigen….).

Zu recht wird hier kritisiert, dass und wie sich gewalttätige Herrschaft gegen bereits erreichten demokratischen Konsens durchsetzen möchte – Protest ist angesagt. Aber bevor wir weitergehen, Widerstand sei angesagt, vielleicht sogar mit Mitteln, die sich gegen das Rechtssystem selbst richten, z.B. in der Türkei, wo schon Protest in den Kerker führt,  müssen wir uns doch aufrichtig fragen:

Was haben wir denn erwartet? Dass nur die reformbereite, sozusagen bürgerlich-nette Seite des Kapitalismus uns erlaubt, ganz gut zu leben – und gegen alles, was uns nicht passt, entsprechend zu protestieren…und dass die andere Seite, die eben die Käfighaltung von Menschen und Tieren profitabel macht, sei eine Abweichung von der Norm, und die müsse man schleunigst reparieren (jetzt hat der Hubert Heil ja mit seinen Vorschlägen Recht, jetzt sehen wir, dass die ehemaligen Ostblockländer nur in die nette Seite der EU aufgenommen worden waren, und die Pflichten sich durch die >Kritik der kommunistischen Vergangenheit schon von selbst eingestellt haben…). Dieses JETZT ist fatal, weil es uns fragen lässt, warum immer etwas passieren  muss, bevor man sieht, was man immer schon gesehen hat. Menschliche Psyche?  Oder eben die Entsolidarisierung immer dann, wenn man selbst nicht betroffen ist.

Widerstand: wer wegen Tönnies zum Vegetarier wird, hat einen guten Grund. Nicht nur Tierschutz, Menschenschutz. Das ist nicht Protest, sondern Widerstand. (Das muss nicht dogmatisch und rigoros sein, aber das wissen die politisch Aktiven länger als die Programmatiker). Widerstand gelungen: keine Coronaprämien für Verbrennungsvehikel. Widerstand misslungen: Glyphosat. Widerstand misslungen: Maskentragen und Abstandhalten mit Freiheit zu verknüpfen…wenn sich der Protest lächerlich macht, muss man ihn bekämpfen (das fällt bei den Jugendlichen, Ballermännern, Coronapartysierenden schwer, weil ihnen schon alle Bewegungsräume scheinbar genommen worden waren – scheinbar, aber dahinter steckt das Systemversagen dennoch).

Auf all das lässt sich das linksrechtsmitte-Schema nicht mehr so einfach anwenden. Aber was dann? Den Begriff zu entwickeln, ist auch Politik. Daran arbeiten wir seit langer Zeit, und es gehört Widerständigkeit dazu, sich nicht mit einem einmal erreichten Niveau, sich auszudrücken, seine Wahrheiten hinauszuschreiben oder zu flüstern, zu begnügen. Darum brauchen wir die Vetospieler auch, die es nicht gibt.

Hirschman, A. O. (1984). Leidenschaften und Interessen. Frankfurt/M. , Suhrkamp.

Erste Welle, zweite, dritte…

Man kann es sich nicht aussuchen. Ich werde nicht schon wieder über Corona schreiben, aber ich muss damit anfangen. Vor ein paar Tagen findet vor einem der teureren Restaurants im gutbürgerlichen Viertel von Potsdam eine Fete statt, vielleicht 20 Menschen, kein Mundschutz, kein Abstand, Alkohol und Geknutsche. Zwei Stunden später noch immer. Ich war vorbeigekommen und habe dem Denunziantendrang widerstanden, („natürlich“ = ? ist das so?), gehofft, das Ordnungsamt oder die Polizei käme vorbei. Die fuhr einmal vorbei ? (ich bin ja nicht Wache gestanden, sondern vorbeigegangen, nicht einmal zum Foto stehen geblieben), aber sie machte natürlich nichts. Wieder „natürlich“. Natürlich heißt nicht „selbstverständlich“.

Die Polizei weiß, wie breite Schichten der Bevölkerung von ihr denken. Ihre Anführer haben aber weder Stuttgart noch Frankfurt verstanden, noch gibt es eine erträgliche Diskussion zwischen General Verdacht und seinen Untertanen. Frau Kramp-Karrenbauer wünscht sich einen Heimatschutz, man denke!, und die rechten Netzwerke bei der Polizei und den anderen Sicherheitsbehörden werden untersucht, nicht zuletzt von den Truppen des Generals Verdacht. Mal sehen.

Warum sollen sich frustrierte Asylbewerber*innen und Eingewanderte (Übrigens: keineswegs nur Junge) nicht wehren, wenn sie sich herabgesetzt und diskriminiert fühlen oder wissen? Das ist schwierig zu beantworten, und es ist die Kehrseite von Racial Profiling.

Warum soll man zuschauen, wenn sich frustrierte Davongekommene der ersten CoVid-Welle ansaufen und herumlungern und sich für unsterblich halten (übrigens: keineswegs nur Junge)? Das ist die Dialektik von Freiheit und Verantwortung. 

Die Videoüberwachung, die der Kriminalpolizei-Vorsitzende Fiedler heute empfiehlt (27.7.2020), ist einerseits natürlich eine Zumutung der freien Gesellschaft, andererseits vielleicht hilfreich für die langsame Wandlung einer wiederkehrenden staatlichen Regelungsmacht, der sich die Bürger*innen eine zeitlang unterordnen, bis sie erneut und heftiger Widerstand leisten und randalieren.

Für beide Fragen gibt es keine einfachen Antworten.

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Ein wichtiger Begriff: das alles ist ambig. Das heißt, je nachdem in welchem System etwas sich ereignet, sieht seine Wahrheit anders aus. Auch wenn es die gleiche ist, ist es nicht dieselbe. In einem religiösen Kontext kann etwas durchaus gerechtfertigt werden, was rechtsstaatlich unmöglich und sozial eine Sauerei ist. Lassen wir es bei „doppeldeutig“. Ambiguität ist ein wichtiger Aspekt, die scheinbar einfachen Wahrheit genauer zu erfassen (und damit das Gegenteil von Trumps alternative truths).

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Der Umgang mit unseren Freiheiten ist ein Beispiel. Wenn ich auf die Coronaparty in Potsdam verweise, versteht jeder ohne weitere Erklärung, was ich damit meine. Es reicht nun nicht, die einzelnen Feiernden auf ihre Verantwortung hinzuweisen, wenn ich nicht zugleich auf ihre Haftung verweise, wenn sie einen Ansteckungsherd aktivieren. (Und wenn sie nicht tun, haften sie für ihr schlechtes Beispiel). Das ist die eine Seite.

Der Umgang mit den Folgen des ins Unabsehbare verlängerten Ausnahmezustands ist die andere Seite. Dieser erlaubt Einschränkungen von Freiheit ohne für die betroffenen absehbare Folgen (im Guten) und mit fatalen Konsequenzen (im Schlechten).

Stefan Weidner gibt heute eine wichtige Erläuterung: wenn zB. Tests bei Urlaubsheimkehrern am Flughafen freiwillig und kostenlos angeboten werden, wird damit die freiwillige, d.h. reflektierte, Entscheidung jedes einzelnen Menschen unter ein Diktat gestellt, von vornherein der persönlichen Entscheidung teilweise entzogen. 

Nebenbei: alle von der Politik im Bereich der wirtschaftlichen Ethik ausgehandelten freiwilligen Kollektivhandlungen sind gescheitert.

Verlangt das nun nach einem autoritären, staatlichen verordneten Testzwang? Ja, aber nicht am Tag der Heimkehr aus dem Urlaub, sondern ein paar Tage später (wahrscheinlich haben sich mehr im Flieger angesteckt als im Urlaubsort). Verlangt das nicht die genaue Registrierung und Nachverfolgbarkeit der Aufenthaltsorte aller potenziell Betroffenen? Ja, aber…wo sind wir denn? In China? Darf das der Staat?

Natürlich, schon wieder, liegt eine Erklärung darin, dass Freiheit sehr unterschiedlich, aber nicht zufällig ausgelegt wird. Was es mit der Einschränkung meiner Freiheit zu tun hat, wenn ich einen Mundschutz trage, erschließt sich mir nur in ganz wenigen, intimen Situationen, ansonsten nicht. Das gleiche gilt für den Kontaktabstand.

Zurück zur Polizei.  Wenn die nicht einschreitet, weil sie Angst hat, das Misstrauen der Bürger*innen zu vermehren anstatt das Vertrauen zu gewinnen, dann leistet sie eigentlich Beihilfe zur Verbreitung des Virus.

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Es wird eine zweite, vielleicht dritte Welle der Seuche geben, und man wird mehr Tote in  Kauf nehmen, und weniger Unterstützung der betroffenen notleidenden Individuen und Wirtschaftsbetriebe. Wenn uns das Virus erhalten bleibt, dann wird das erprobte Seuchenverhalten früherer Infektionen sich normalisieren, die Armen, die Alleinerziehenden, die Kinder, die Nichtweißen werden mehr darunter leiden als alle anderen, übrigens auch die Alten, die das Ganze dirigieren (à Jugendstudien! Generationenauseinandersetzungen).

Dass das sogar ein politisches Kalkül sein kann beweist der Verbrecher Trump oder will sein Pendant Bolsonaro beweisen, und es beweisen die Diktatoren allenthalben. Macht eine Racial Analysis der Toten in den USA, der Wohnungslosen seit Corona, der Verarmten…Nicht viel anderes zeichnet sich bei uns ab, bei uns in Deutschland, Österreich, der EU, nur nicht so schlimm. Für den Rest der Bevölkerung wird es Hinnahme-Strategien geben wie bei früheren langfristigen Infektionen (Syphilis, Tbc), sofern der Abstand zu den von der Seuche stärker betroffenen Schichten groß genug bleibt.

Das muss natürlich nicht so kommen, man kann dem politisch begegnen. Dazu aber sollte man besser verstehen, was die Seuche tatsächlich ist und was sie bedeutet.  

Erneut verweise ich auf Stefan Weidner: hört die ganze Geschichte nach, bitte: https://www.deutschlandfunk.de/essay-und-diskurs.1183.de.html (26.7.2020, 7 Tage direkt in der Audiothek).

Es findet jetzt bereits eine  Mythenbildung statt, wie das bei 9/11 der Fall war. Und in der Dekonstruktion des Mythos lernen wir unsere Verantwortung und unsere Haftung für die Folgen von unkontrollierter Globalisierung, Beschleunigung, für die Folgen der Kolonisierung, für die Missachtung dessen, was Freiheit sein kann, wenn nur das ausgenutzt wird, was Freiheit gerade ist.

Seehofers Tatort

Nicht einmal die Nazis oder andere Rechtsausleger schreiben die Stuttgarter und Frankfurter Randale der „Linken“ zu. Es hat gute und differenzierte Analysen gegeben, warum auch viele Migrant*innen in Frankfurt an den Unruhen beteiligt waren, – die Gründe für deren Unmut haben sich nicht zuletzt die Politiker*innen aller Parteien zuzuschreiben, und – und dazu – gibt es Corona und die Folgen und die Aussichtslosigkeit einer raschen Einigung in der europäischen Asylpolitik.

Die Polizei als Opfer?

Hört bitte als erstes nach: Deutschlandfunk, 20. Juli 10-11.30 – da ging es um Racial Profiling bei der Polizei, und zwar ohne Glacéhandschuhe.

Es gibt eben nicht nur persönliche Einzelfälle – sowenig wie die Verallgemeinerung, dass „die“ Polizei rassistisch sei (was übrigens kein Generalverdacht, sondern ein Befund wäre), es gibt ein Strukturproblem und dazu noch die traditionelle Kameraderie, die moralische Linien in allen sozialen Gruppen immer schon verschoben hat, nur eben bei der Polizei besonders folgenreich.

Und jetzt, heute, gießt der  hinterhältige Innenminister kräftig Öl ins Feuer:

 Seehofer will Studie zu Gewalt gegen Polizei: Innenminister Horst Seehofer lehnte kürzlich eine in Aussicht gestellte Studie zu rassistischen Kontrollen seitens der Polizei mit der Begründung ab, dass diese sowieso verboten seien und es sich um kein strukturelles Problem handle. Stattdessen fordert der Minister eine Untersuchung zu Gewalt gegen die Polizei. Gegenstand der Untersuchung soll die Frage sein „was führt in Deutschland seit Längerem dazu, dass die Polizei – bis in wichtige Bereiche der Politik und der Medien hinein – so beschimpft und verunglimpft wird?“ Der Politiker nahm die Ausschreitungen am Frankfurter Opernplatz zum Anlass und mahnt, den Grundkonsens in der Gesellschaft wiederherstellen zu wollen. „Polizeibeamte handeln im Auftrag der Gemeinschaft. Die schlägt man nicht, bespuckt man nicht, beleidigt man nicht“, erklärt der Innenminister. Seehofer sieht unter anderem einen Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum an öffentlichen Plätzen und fordert Nachforschungen, was gegen Angriffe auf Polizisten getan werden könne. (Tagesspiegel online 21.7.2020) So verlogen wie dieser fremde Blindgänger Seehofer muss man erstmal sein. Er ist ein Abklatsch von Trump, der Bundespolizisten in die Bundesstaaten schickt, in denen Proteste gegen seine Politik und den Rassismus der amerikanischen Polizei den Wahlkampf des rassistischen Präsidenten gefährden. Man kann unsere Polizei nicht mit den weißen Cops der USA vergleichen, das ist gut so. Aber gerade weil der Rassismus als Racial Profiling ein strukturelles Problem ist, muss man ihn untersuchen, keineswegs nur bei der Polizei (und hört auf damit, die nicht-weißen Drogenhändler an bestimmten Plätzen als Beispiel zu nehmen, das hat mit Profiling nichts zu tun). Ach der Alkohol…und dann sperren wir den Opernplatz und lassen die Randale weiterziehen zum Theaterplatz. Mich beruhigt nicht, dass wir noch nicht so weit sind wie die USA unter Trump. Mich beunruhigt viel mehr, dass viele sinnvolle Polizeieinsätze durch die Politik a la Seehofer diskreditiert werden und uns die Polizei nicht einmal dann mehr unser Vertrauen abnimmt, wenn es angezeigt ist. (Dass die Polizei den Bürgern vertrauen muss, wird selten gesagt, nur wir sollen den armen schutzlosen Polizisten vertrauen). * Lassen wir Seehofer weiter dem Jüngsten Gericht entgegendämmern. Es gibt wichtigeres als sich mit ihm auseinanderzusetzen (nur provoziert er einen natürlich schon in der Morgenstunde). Ich mache einen Vorschlag:  verbindet doch beide Studien. Das lässt sich sozialwissenschaftlich gut begründen und hat Synergieeffekte. Drohschreiben aus Amtsstuben – Die Polizei: Dein Feind oder Helfer? (Kontrovers 20.7.2020, 10.10-11.30 DLF Mediathek)  
  

Situation

Ich hatte mit dem Titel immer Probleme: Die geistige Situation der Zeit. Jaspers‘ noch rechtzeitig 1933 erschienene 5. Auflage, klein und in Leinen gebunden, vor mir, heute nicht leichter zu lesen als vor vierzig Jahren. Was ist eine geistige Situation? Fragte ich mich, bevor ich mich an Inhalt machte. Bis heute schwierig. Aber Gegenwartsanalysen, wie wir sie heute betreiben, sind auch nicht einfacher.

Ich habe mir Titel & Buch hergenommen,  weil die letzten 24 Stunden Nachrichten schon eine Herausforderung an das Durchdenken einer Situation bedeuten, in der jedes Reduzieren von Komplexität fast ein Verrat an der Wirklichkeit wäre – was kann ich denn ablegen, um es „später“ wieder aufzugreifen?

In vielen Fällen bedeutet „später“ zu spät. Hier sind die Zeiträume variabel, aber man kann es deutlich machen: für das Klima und damit das Überleben haben wir noch 10, vielleicht 15 Jahre zu handeln; für den EU Haushalt haben wir noch 24 Stunden; für harte Sanktionen gegen die Klerikofaschisten in Polen und die Faschisten in Ungarn haben wir eigentlich gar keine Zeit, aber viel Aufwand für die unmittelbaren Folgen; für das sofortige Beenden der Coronaparties – überall im Land – haben wir keine Zeit, müssen aber über legitime Gewaltanwendung bei ihrer Beendigung nachdenken; gleichzeitig müssen wir uns fragen, welche Teile unserer Sicherheitsorgane dazu legitimiert wären und wie wir Bürgerwehren unter allen Umständen verhindern müssen. Ich höre die Außenpolitik im Deutschlandfunk, und denke, was eigentlich den zerrfallenden republikanischen Rechtsstaat der USA noch vor dem way of no return in die Autokratie abhält; zugleich sehe ich eine Situation, die mir so klar auch nicht war in letzter Zeit, das Gewitter ist langsam heraufgezogen. Wir können uns nicht kritisch genug mit dem Vorrang der Wirtschaftsbeziehungen vor den Menschenrechten mit China, Russland, und allen möglichen anderen Partnern winden; wir können auch nicht kritisch genug mit den USA und ihren hörigen Kollegen aus den östlichen NATO-Ländern auseinandersetzen und mit dem Einfluss der Autokratien auf die OSCE und und und…

Das alles ein Vormittag im Deutschlandfunk und ein Durchlesen der letzten Ausgabe der New York Review of Books. Das alles jeden Tag ergibt eine Situation.

Man kann…

Man kann sich recht spontanen Zukunftsvision hingeben, z.B. bei Matthias Horx & Familienkonzern: https://www.horx.com/

Man kann sich der Abschichtungsmethode hingeben, d.h. mit jedem zu lösenden Teilproblem hoffen, dass man nicht alle und schon gar nicht die großen Probleme selbst noch erleben wird.

Man kann sich dem pessimistischen Hedonismus hingeben und am Rand des Weltuntergangs die letzten Gläser der guten Jahrgänge zum knapp gewordenen Kaviar aufnehmen.

Man kann hoffen, dass ein bisher noch nicht angebeteter Gott hilft (die bisherigen helfen jedenfalls nicht) oder man kann Erlösung aus der Verschwörung erhoffen (indem man gegen die Juden oder die Baha’i oder …hetzt)

Usw.

Man kann aber auch sich der Vergewaltigung durch ein Übermaß an Realität entziehen. Ist ja alles richtig, was ich da oben geschrieben haben und jeder Leserin fällt dazu noch etwas ein. Wenn ich mich entziehe, bedeutet es nur, dass die Inventur des Schreckens keine Problemlösungen und keine Konfliktregelungen in sich birgt.

Wenn ich von den Abstraktionen „Der Mensch“ und „ich“ abstrahiere, kann ich mich der Politik zuwenden und postulieren, dass das richtige Politik ist, die in dem Netzwerk des Schreckens mit jeder Handlung das Verhältnis der wichtigsten Akteure und Situationen verändert (Marx sagt so schön „zum Tanzen bringt“, dazu muss man aber die Richtung kennen). Hier könnte ich jetzt viele Beispiele der politischen Philosophie anführen, will ich aber nicht: es ist doch auch so einsehbar, dass Maßnahmen zur Klimapolitik die Regierungspolitik vieler Länder beeinflusst, reversibel oder unwiderruflich; es ist auch so beweisbar, dass Maßnahmen gegen Korruption in einem EU Land, sich auf die vergleichbaren Tatbestände in anderen auswirken; es ist wenigstens begründbar, dass wir dazu das Forum der „unbedingten“ Öffentlichkeit suchen müssen (und es nicht gleich Arena nennen), damit sich unsere Widerständigkeit ablesen und erkennen lässt. Das kann individuell oder für ganze Gruppen üble Folgen haben, Verfolgung, Justiz, Ächtung. Auch für mich, für dich, Leserin und Leser. Mit politischer Korrektheit kommt man nicht weiter, aber mit dem Sagen, was ist. (Damit ist es nicht genug: à Parrhesia (Foucault u.a. Michel Foucault: Der Mut zur Wahrheit:). Da reicht es nicht, zu jeder der beschriebenen oder erlebten Katastrophen eine Meinung zu haben, da muss schon Denken Politik werden (und damit die Kritik der Politik einbeziehen). Schwierig? Ja.

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Es hängt nicht alles mit allem zusammen. Aber was zusammenhängt, etwa im obigen Katalog, können wir in Bewegung bringen.

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Jaspers arbeitet sich an all dem ab, in einem knappen Büchlein behandelt er die Situation als Wunderkammer und unsere Geistigkeit als selbstverantworteten Museumsführer durch die Existenz. Wir können ihn übersetzen, müssen wir aber nicht. Aber da stehen auch ganz zeitgenössische Sätze:

„Die Konstruktion der geistigen Situation der Gegenwart, welche nicht in die runde Gestalt eines geschaffenen Bildes vom Sein verfallen will, wird sich nicht schließen“ (S.24)

Heute kann ich Jaspers, wo ich ihn verstehe, gut lesen. Er hilft dort, wo wir in der Situation, in der Wirklichkeit, Gefahr laufen, etwas zu übersehen, und sei es, um uns selbst zu schützen.

Finis terrae XXXVII: Yourope Först

So dumm wie andere sind wir noch lange…und die lästige Rechtsschreibung wird auch bald ein Ende haben. Masken- und Tabletpflicht in Schulen, und immer einen draufsetzen, wenn die lustigen Hackerbuam (=“Buben“ für Norddeutsche) wieder einmal schuhplatteln. (nicht nur inTirol: https://www.suedtirol.com/kultur/traditionen/schuhplatteln)

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Die demütigende Haltung, mit der sich deutsche Außenpolitik und Industrie den großen Diktaturen unterwerfen und die kleinen in Gesprächslaune halten, ist beschämend, aber sie zeigt auch, dass Made in Germany keine Germany First bedeutet. Und in der Tat, Mittelmacht heißt, dass man nach oben sich beugt, und neben und unter sich selbst wenn nicht bereichert, so doch ermächtigt.

Dabei ist es nicht so wichtig, wie und ob die Bezugsländer autoritär oder diktatorisch regiert werden, auch ist es mit den geteilten Werten nicht so weit her: die Gefahr dieses wirtschaftsbestimmten Pargmatismus ist, dass immer weniger Angriffsflächen für Kritik gibt. Herr Pompeo aus dem Hinrichtungsland USA kann die Menschenrechtsverletzungen in Hongkong anprangern, wir fürchten dabei um unsere Wirtschaftsbeziehungen. Umgekehrt kann China mit 5G Huawei uns besser drohen als den USA oder Russland mit Nordstream, wogegen die Gasfuzzys aus den USA wiederum Sturm laufen.

Es hat den Anschein, dass eine der Hauptkomponenten des Kalten Kriegs wiederkehrt,  die Politik durch Drohung.

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Nun ist es nicht so, dass die EU keine Macht und keinen Einfluss hätte, aber sie wendet unverhältnismäßig viel Kraft auf, um die innere Balance zu halten. Das ist nicht viel anders als im ersten Jahrhundert der USA, und bis heute. DAS BERUHIGT KEINESWEGS; ES IST AUCH NICHT NORMAL: Warum sanktioniert man die Klerikofaschisten der PiS oder die Faschisten um Orban nicht? Die EU ist mehr gefährdet, wenn man diese Kräfte im Inneren wirken lässt – Demokratie als Tarnung, Einstimmigkeit als undemokratische Norm – als wenn man bestimmte Prinzipien bedingungslos und andere bedingt durchsetzt.

Aber dagegen spricht auch, dass wir – in Deutschland, in Österreich, im EU Norden, im globalen Norden – ja nicht frei von dem sind, was wir dem europäischen und globalen Süden vorwerfen, oft noch nicht einmal ansatzweise empirisch nachweisbar. Deutsche Korruption, deutsche rechtsradikale Unterwanderung der Sicherheitsorgane (nicht nur Hessen), deutsche Geldverschwendung (bis ins Kabinett hinein), Deutsches Bildungsversagen etc. – alles DEUTSCH. Und deshalb zu Recht von Italien oder Griechenland kritisiert werden. Was wiederum nicht heißt, dass man in diesen Ländern nichts kritisieren dürfte, im Gegenteil, aber dann muss man sehen, was von diesen Missständen auch uns wieder satte Profite gebracht hatte usw.

Ausweglos? Keineswegs. Aber auch nicht hoffnungsvoll.

Seit langem verfolgt mich ein Widerspruch: noch nie – zu meinen Lebzeiten jedenfalls – hat es derart viele und gute Analysen des gegenwärtigen Spektrums weltpolitischer, global kultureller, wirtschaftlicher Situationen gegeben. Und noch nie war ihnen eine gewisse Folgenlosigkeit geradezu emblematisch eingeschrieben. Bewegungen hingegen – die gibt es, auch bei uns – haben Situationen bewegt – Fridays for Future, Black Lives Matter – und werden von den anscheinend drängenderen Aktualitäten – CoVid – verdrängt. Immer wieder die Vertauschung von Anlässen und Ursachen; sind wir so blöd? Wohl ja.

Warum so wenig Ungeduld? Weil die meisten gar nicht glauben, dass die Klimakatastrophe nicht umkehrbar ist. Weil die meisten nicht daran glauben, dass sie auf das Virus anfällig wären oder für Altersarmut. Drei Beispiele, die nicht auf der gleichen Ebene sind. Aber das zu erkennen, braucht nicht nur Bildung, sondern auch einen Blick dafür, wo in welcher Situation auf dieser Welt man sich befindet. Finis terrae im Anzug, und man plant sanfte Energiedrosselung bis 2050. Wenn es zu spät sein wird, darf es auch globale Coronaparties geben. Aber wir werden sie nicht mehr erleben.

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Das alles ist nicht neu, nicht originell.  Ich schreibe es auch nicht hin, um jemanden zu beruhigen (nichts Neues) oder zu beunruhigen (es ist bald zu spät). Aber ich kann mir vorstellen, dass es zur Lebensqualität beiträgt, doch etwas zur Veränderung beizutragen, und da kann man sich vielleicht aus der nationalen Umklammerung etwas befreien und mehr als einen Gegner des freien Europa identifizieren. DEN Konflikt müssen wir ohnehin aushalten, aber je früher desto besser.

Konservative, billig abzugeben

Japan verkauft saubere Gebirgsluft in Konserven. (https://herisau24.ch/articles/17130-bergluft-in-konservenbuechsen-verpackt). Keine schlechte Idee. Das Schmelzwasser zurückgehender Gletscher könnte man gewinnbringend unter Memento Mori unter klimabewusste Gourmets bringen. Wer partout nicht vegan leben will, kann sich mit Konserven des Eichenprozessionsspinners eindecken. Fetischisten, die früher die Unterwäsche von Prominenten gesammelt haben, können jetzt ungewaschenen Mundschutz ihrer Idole in hübschen Gläsern kaufen, z.B. Söders weißblaue Raute oder Trumps schwarzen Mundslip. Auch gebrauchte Akupunktur-Nadeln mit nachgewiesenem Heileffekt sollten konserviert werden. Auf unappetitliche Varianten dieser Vorschläge verzichte ich, man kann sich statt konservierten Körpersekreten berühmter Spender ja auch Tonnies-Fleisch im Supermarkt einschweißen lassen, Hauptsache Konserve.

Soweit die materielle Kultur. Das Konservieren spiritueller Inhalte und Bedeutungen ist erheblich schwieriger, aber bisweilen lohnend. Man öffnet eine Dose und zieht das Grundgesetz heraus oder eine Anleitung zur Kritik. Diese Papierrollen kann man sammeln, manche versiegeln sie wieder, damit sie nicht herumliegen und verstauben. Das Urmodell sind chinesische Glückskekse. Das Haltbarkeitsdatummuss immer angegeben werden, denn konservierte demokratische Verhaltensregeln oder eine Therapie gegen Kriecherei vor den Potentaten in den USA oder China verfallen schnell und erwecken zu spät bestenfalls nostalgische Gefühle.

Überhaupt kann man Konserven besser hamstern und horten in diesen Zeiten, statt Klopapier und Spiritus. Die oben genannten Anregungen führen unweigerlich zu Konservenheimatmuseen und der vergleichenden Forschung, wer in welcher Gegend was konserviert, einschließlich sich selbst. 

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Die Konserven spiritueller Natur sind gewöhnlich langlebig, aber sensibel. Amerikanische, vor allem republikanische Rechtsextreme, horten seit Jahren Goldwater-Konserven. Sie öffnen sie, um sich ihres halbirren Rassisten Trump zu versichern. Dass das beinahe 60 Jahre her ist, gibt einem das Gefühl von sehr altem, aber leider gekippten Rotwein: A Long View: Goldwater in History, von Richard Hofstadter, NYRB 8.10.1964. Barry Goldwater kommt einem geradezu simpel vor im Vergleich Trump, aber viel Aroma und Nachgeschmack seines Wahlkampfs kann man heute noch nachempfinden. Die Fabrikation von Erinnerungskon-serven ist ein weites Feld, für viele nur ein lukratives Geschäft. Aber für einen selbst eine wichtige Freizeitbeschäftigung.

CoVid schädigt bekanntlich auch das Hirn, und damit das Gedächtnis. In ein paar Jahren, wenn die meisten das Wort Pandemie schon wieder nicht mehr schreiben werden können, werden die Konserven der maskentragenden Zeit geöffnet, und man wird sich der trotzigen unbedeckten Mäuler von Widerständlern und Polizisten erinnern (die Bayern machen wieder Grenzkontrollen mit schwer bewaffneten Dorfsheriffs, man darf erst einsteigen, wenn diese langbeinigen Konserven einer bösen Zeit den Zug durchschritten haben; naja, ich sitze ja schon…). Böse Erinnerungen werden wach, da muss man schnell andere Konserven mit Gegengiften öffnen. Aber CoVid wird es schaffen,  unsere Erinnerung in Museumsstücke zu verwandeln, und am Ende war gar nichts. Gut so, esst lieber ein paar frische Erfahrungen als zu viel Konservierungsstoffe im Dosenfleisch.

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Meine freundlichen Blogleser*innen sind irritiert: will der Daxner, dass wir vergessen? Keine Sorge, es ist nur die wachsende Aggression gegen die politisch und kulturell verabreichten Zusatzstoffe in den Erinnerungskonserven. Aktive Erinnerung gehört doch zu unserer Gegenwart, ich muss nur die Verpackung immer wieder entfernen.