Polizei: bitte sei dazu still.

Als ob die deutsche Polizei nicht genug mit ihren rechtsradikalen Nestern und prekären Verhaltensweisen zu tun hätte. Jetzt äußert sich der ansonsten zu Recht unbekannte Präsident der Bundespolizei, ausländerfeindlich, asylrechtsfeindlich und – wenig intelligent, was dann auch wieder nicht verwundert:

„https://www.tagesschau.de/inland/abschiebungen-rueckgang-101.html:       „
…Die Bundespolizei spricht von einer „Stagnation der Rückführungszahlen“ und nennt als Grund „ein erhebliches Maß“ an stornierten Abschiebungen durch die Bundesländer.
Bundespolizeipräsident Dieter Romann sieht deren Rolle kritisch: Die Bundesländer stellten zu wenige Abschiebehaftplätze zur Verfügung. „Gemessen an den rund 248.000 ausreisepflichtigen Drittstaatsangehörigen sind die 577 Abschiebehaftplätze, die es in den Ländern gibt, viel zu wenig“, sagte Romann den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Dazu ein Bild:

Ein gefesselter Mann wird auf dem Frankfurter Flughafen zu einem Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht.

Abgelehnte Asylbewerber häufig geduldet….“

Soweit der Ausschnitt aus dem Artikel bei der Tagesschau. Abgesehen davon, dass Polizisten sich der Politikerschelte dort enthalten sollten, wo sie ausführende Organe („Exekutive“) sind, redet Romann rechts- und menschenverachtenden Unsinn. Dass gerade die Duldung der abgelehnten Asylbewerber auf rechtsstaatlichen und humanitären Grundlagen unserer Gesellschaft beruht, macht u.a. den Unterschied zu Regimen wie dem ungarischen aus. Dass man gerade einen gefesselten Afghanen zeigt, ist aber auch ein Zeichen für die geradezu blödsinnige Ignoranz unserer Behörden gegenüber den wirklichen Zuständen in dem von uns mit „befriedeten“ Land. Nun ist Herr Romann die Spitze eines Eisbergs, der besser gesellschaftlichen Distanz als weiterer umworbener Integration bedürftig ist. Er spricht dem populistischen Popanz der Reinigung des Landers von unerwünschten Personen aus der Seele, und leider auch für 25% der Bevölkerung, die es auf diese Weise nie zum Volk schaffen wird, von dem das Recht ausgeht.

• Wir müssen ein Jahr beschließen, das zeigt, wie falsch und unaufrichtig unsere Flüchtlingspolitik ist, obwohl wir „besser“ als viele EU Staaten sind und obwohl wir tatsächlich sehr viel dafür zahlen, besser als die meisten dieser Staaten zu sein. (Wir zahlen mehr, weil wir das können).
„Besser“ heißt natürlich auch, dass unser Rechtsstaat noch besser intakt ist als der mancher illiberaler Demokratien oder neuer autoritärer Staaten; intakt trotz der populistischen Vorfeld Instanzen, und da ist keineswegs nur der Innenminister, da sind die Sicherheitsorgane, Geheimdienste, und ganz viele staatliche Instanzen, denen die Zustimmung der fatalen 25% wichtiger ist als ihre übertragene Aufgabe staatlicher Leistungen für das ganze Volk. (Ein Beispiel, das nichts mit Flüchtlingen zu tun hat: der Minister B. Scheuer lehnt Geschwindigkeitsbegrenzungen u.a. mit dem Argument ab, dass die Mehrheit der Bevölkerung dem wohl nicht zustimmen würde…da sind wir nicht weit von der Wiedereinführung der Todesstrafe, wenn nur 51% der Bevölkerung die halt mal an einem Montagmorgen gern wieder hätten. Gemein, gell, so mit dem Volkswillen zu spielen?). Zurück zu den Flüchtlingen. Ich wiederhole den gestrigen Blog: Habeck hat Recht. Holt wenigstens die Kinder raus aus den Flüchtlingslagern. Darin kann man übrigens auch messen, um wieviel besser unser Rechtsstaat ist als der in andern Ländern. (Und dass die Kirchen und andere humanitäre Organisationen Habecks Forderung unterstützen, sollte den Christlein im Lande zu denken geben).
Aber fast noch wichtiger ist mir zu untersuchen, warum es eine Reihe von EU-Ländern gibt (und solche außerhalb der EU), die eine so unmenschliche Asyl- und Flüchtlingspolitik betreiben. Ihr Argument, von Trump über Orban bis Erdögan, ist zuvörderst die nationale Sicherheit, eng gekoppelt an eine Identität, die vom Wortlaut her meist als faschistisch bezeichnet werden muss. Dass das z.B. in vielen östlichen EU-Staaten etwas mit der stalinistischen Nachkriegsordnung zu tun hat, auch und insbesondere in der DDR, haben wir schon 1989 gewusst, aber zu wenig beachtet. Dass das Nationale die unterdrückte Nationalstaatlichkeit ersetzen, kompensieren sollte, haben wir auch gewusst, aber versucht, wegzukaufen. Dass Flüchtlinge eine Leerstelle demokratischen und republikanischen Bewusstseins besetzen, so wie früher und teilweise auch heute jüdische Menschen, hätten wir spätestens 2014 wissen können, aber das ist ein heikles Feld, für viele zu heikel.
Unsere deutsche und eurowestliche Mitschuld an der miserablen Entwicklung des rechten Populismus, der sich oft mit so genanntem linken Populismus (zB. vor zwei Jahren: Sarah Wagenknecht-Frauke Petry) trifft, muss ein Thema sein. So, wie die Wiederaufnahme der post-kolonialen Debatte unabweisbar wird, und langsam in die Gänge kommt, so sollte auch bei uns die Aufarbeitung der Zeit nach 1989 sich aus dem infantilen Ost-West-Geplänkel in etwas rationalere und kritische Ebenen bewegen (Ein Beispiel, dass und wie das versucht wird, ist Ines Geipels “Umkämpfte Zone“, 2019, wobei es da nicht explizit um Flüchtlinge geht, aber die ganze Identitäts-Rhetorik auf den Prüfstand gestellt wird, und die Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privaten Beschweigen konkret wird). Diese Art von Schuldbearbeitung unterscheidet sich von der Schuldzuweisung an die alten und neuen Diktaturen. Aber eben diese Differenz kann dazu führen, dass wir es besser machen: Ende der Abschiebung, Aufnahme der Kinder (was spricht dagegen Vorbild zu sein), Revision der Innenpolitik.

Paris Bahnhofsviertel

Am letzten Wochenende war ich zum zweiten Mal in der Ausstellung der Impressionisten der russischen Brüder Morozow im herrlichen Gehry Bau des Vuitton Museums am Bois der Boulogne. Dazu kommt wahrscheinlich noch ein längerer Blog der Nacharbeitung. Hier ein paar andere Eindrücke: Die Franzosen nehmen die Covidkontrollen sehr ernst, in jedem Lokal wird ordentlich kontrolliert und nicht gemotzt. Ankunft und Abfahrt waren durch keinen Pofalla getrübt, also pünktlich, und die Bahnhöfe sind wenigstens zur Gänze regenfrei. Darüber will ich aber gar nicht schreiben, auch keine Vergleiche ziehen, das machen sowieso die Meisten.

Zwei Erlebnisse hingegen machen uns so schnell keine anderen Besucher nach. Nahe unserem Hotel, eine Gebäudereihe hinter der Einfahrt zur Gare de l’Est, am ansteigenden Schüsselrand der Stadt, der sie so kompakt wie übersichtlich macht, also nahe dem Hotel ein Gebäude im typischen neo-palais-artigen Stil des 19. Jahrhunderts, Pompiers, eine frühere Feuerwehrkaserne. Jetzt ein Kulturzentrum, ähnlich dem Potsdamer RZ, nur eben in einem alten Gebäude und in Paris. Mit einem imposanten Innenhof und großen Binnenfenstern, sodass man schon gut sieht, was sich da alles tut. Unter anderem ist gegenüber dem Einfahrtstor ein Restaurant. Von außen normal modern, verglast, auffällig nur, dass keine Speisekarte ausgehängt ist…wir gehen auf unserer Tour weiter und stoßen auf den Namen des Restaurants erst bei der durchforstung der digitalen Stadtpläne, wenn man einaml nicht französisch, nicht indisch, nicht vietnamesisch, nicht…etc. essen will, sondern – ja was? vegetarisch, aber vielleicht nicht ethnisch bestimmt. Und stoßen genau auds Lokal „Ora“ in dieser Pompierkaserne. „Une table végétarienne et festive comme on en a jamais vu à paris“ ​Nina V. Das haben wir natürlich nicht gelesen: „Une table végétarienne et festivecomme on en a jamais vu à paris“​Nina V. Die Bilder im Internet sind auch schön, aber die Realität noch spannender. Wir waren etwas früh (19.00) und gerade einen Tisch haben wir noch ergattert. Ausgelegt mit dünnem, fettabweisenden Packpapier sind die Tische großzügig, kerzenbeleuchtet. Die Inneneinrichtung des Lokals zu beschreiben führt automatisch zu einer Diskussion über Retrokitsch der 70er-Jahre, Verwendung gerade vorhandener Glasflaschen und von Staubfängern, deren Reinigung noch nicht ansteht (bunte Palmwedel). Eine sehr freundliche Influencerin erklärt uns das Prinzip des seit zwei Wochen offenen Lokals: Jeden Tag ein neues vegetarisches Menu, nur eins, und also hat man keine Auswahl. Guter offener Wein, in der Tat, die Bordeaux sind preiswert und sehr gut; wir fragen zwar nach dem Preis (44 € pro Menu), aber der passt zum Niveau des Zentrum, also: was kommt jetzt? Drei Gänge vegetarisch, ein Gemüseberg mit Saucen und Kräutern und Nüssen und und und wird auf den Tisch gekippt, dazu ein dunkler Laib Brot, und der Chef mit dem Sous-Chef-mit dem Sousous-Chef tanzen, wie bei jedem Gang, um das Essen Ballett, da kommt noch Pfeffer drauf, und hier Öl und dort Gewürz, nur beim Salz bedient man sich eines kleinen Häufchens auf dem Papier. Was eben am Markt heute morgen frisch war, Selleriensauce mit Spinat zum Beispiel, Hummus gerade komponiert…Das Hauptgericht lauwarm oder kalt, auch hier Gemüse (Broccoli, Karotten), aber auch eine sehr große, sehr heisse Ofenkartoffel, mit Creme gefüllt und benusst…seltsam, man wird von diesen leichten Dingen trotzdem satt, aber da kommt zum Abschluss der Bratapfel, ein Berg Kuchenkrümel und eine Mousse au chocolat vom allerfeinsten…uff. Viel und gut, zum langsamen Essen. Am Nebentisch ein Mensch, den wir lange Zeit als Restaurantkritiker eingeschätzt hätten, so beobachtet und notiert er rundherum, nach einer Stunde kommen bekannte, und dann wird gefeiert. An den andern Tischen immer mehr Menschen, die genauso essen wie wir. Die sehr laute Retromusik soll offenbar die Gespräche an den Tischen für sich halten. Beim Hinausgehen fragt uns ein Sicherheitsmann, wo wir denn unser Auto haben…erstaunt, dass wir zu Fuß weggehen, denn die Menschen hier kommen nicht aus dem Bahnhofsviertel. Wer weiß, wann man den Hotspot in den Gourmetrubriken der Magazine findet…Gentrifizierung beginnt mit dem Magen.

Das andere Erlebnis ist nicht so deutlich zu beschreiben. Es besteht aus meiner Erinnerung, vielfach überbaut. In den 1970er Jahren, genau 1970-1974, war ich mehrmals im Jahr beruflich für das Wissenschaftsministerium als österreichischer Vertreter in verschiedenen Kommissionen der OECD und des Europarates (weil ich Französisch gesprochen habe, nu, das hat sich ausgezahlt). Und dabei habe ich nicht nur, aber vor allem ganz andere Stadtviertel kennengelernt – und meine Zeit natürlich zu Entdeckungsreisen in die und in der Stadt genutzt. Erinnerung als Erlebnis: dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie ich mit knapp über 20 dazu gekommen bin, das zu machen – zu verhandeln, Hochschulpolitik europäisch und Interessen österreichisch zu vertreten, und noch nicht einmal zu verstehen, was wie hier vor sich ging. Was geblieben ist, neben der beruflichen Erinnerung, bleibt das Gedächtnis der Stadt. Bestimmte Straßen, Schaufenstergestaltung, Aufschriften, Klassenschranken, und endlose weite Gänge, um Arbeits- und Besuchspausen zu überbrücken. Wenig Lust aufs Quartier Latin, auch auf die großen Museen, das kam erst später. Jetzt kommt keine erinnerung an die Erinnerung, dazu könnte ich meine Tagebücher öffnen; das Erlebnis von Paris ist, dass ich es mir gemerkt habe, anders als z.B. London oder andere Städte, unabhängig davon, wie oft ich dort war. Anamnesis, Wieder-Erinnern=Erkennen. Diesmal – und vor ein paar Wochen, als ich mit einem Freund den Christo verpackten Arc de Triomphe und die Morozow-Ausstellung das erste Mal besuchte – kam wieder, was gut verpackt bereit gelegen hatte, nicht auf dem Bord der abgelegten Lebensalter verstaubend. Kann es sein, dass die wenig verdeckte Realität postkolonialer Bevölkerung – alle Farben, alle Geschlechter, alle Habitus, und oft streng nach Stadtvierteln und Häuserblöcken separiert – einem die stereotypen Engramme von Klassen- und Politikanalyse an den Rand rücken lässt. Es ist einfach herrlich, eine solche Stadt mit Radfahrern und E-Rollern stärker als mit PKW befahren zu sehen (stimmt natürlich nicht, aber relativ, und in vielen Bereichen geht es sich besser). Und es holt einen aus der übertriebenen Romantik herunter, wie krass die sozialen Grabenbrüche zutage treten, unverkleidet, und nicht nur in den Bahnhofsvierteln. Ein wenig erinnern auch die Wohnstraßen der Oberschicht an die Vorstellung von Kulissenstädten, Vorbild für Potsdam. Mir ist aufgefallen, dass ich nichts einkaufen will und es auch nicht mache; dass kein Wiedererkennen eine Wiederholung anbietet, als würde ein Stadtführer Weitergehen, Weiterschauen verordnen. Das ist es, der übermäßige Reichtum, besser, die Reichhaltigkeit, lässt keine Privatsammlung an Details zu. Vielleicht es ist esd ganz einfach. Die Stadt war nicht zerstört, da steht noch alles oder es ist zerfallen oder es ist neu.

Impfen, zum STEINER weichen…

Kafka sprach zu Rudolf Steiner:
»Von euch Jungs versteht mich keiner!«
Darauf sagte Steiner: »Franz,
ich versteh’ dich voll und ganz!«

Steiner sprach zu Hermann Hesse:
»Nenn mir sieben Alpenpässe!«
Darauf fragte Hesse Steiner:
»Sag mal Rudolf, reicht nicht einer?«

Steiner sprach zu Thomas Mann:
»Zieh dir mal dies Leibchen an!«
Darauf sagte Mann zu Steiner:
»Hast du’s auch ‘ne Nummer kleiner?«

Robert Gernhardt: Gesammelte Gedichte 1954 – 2006

So unbekannt war Steiner also nicht. Und wenn jetzt in den Medien berichtet wird, wieviele Impfgegner unter den Anthroposophen sind, belebt das die Erinnerung an den Gründer dieser Zweigreligion der gebildeten Mittelschicht.

Was hat die Anthroposophie mit der großen Impfskepsis in Baden-Württemberg zu tun? (SWR 21.10.2021); eine bedenkswerte, wahrscheinlich unvollkommene These vertritt der Antisemitismus beauftragte und Religionswissenschaftler Michael Blume:

Andererseits gibt es historisch eine starke Verbindung zu Verschwörungsmythen. Zum Beispiel zum Antisemitismus: der Austrofaschismus, der italienische Faschismus ab 1919 in Mailand. Die NSDAP entsteht in Bayern. Oder die Anti-Impf-Bewegung. Die Salpeterer-Unruhen im heutigen Baden-Württemberg im 19. Jahrhundert richteten sich gegen die Pockenimpfungen, auch in Tirol gab es Aufstände gegen das Impfen. Dazu kommen noch die esoterischen Bewegungen, zum Beispiel die Anthroposophie. Die erste Waldorfschule entstand in Stuttgart. Oder schauen Sie sich ganz aktuell die Wahlergebnisse der Querdenkerpartei „Die Basis“ an: Die besten hat sie im südlichen Bayern und im Bodensee-Raum.(SZ 19.11.2021). Er führt das auf die kulturautonome Aversion gegen den Zentralstaat zurück. Bedenkenswert, wohl nur Ansatz zu weiterführenden Studien im ethno-geo-kulturellen und nicht im polit-ökonomischen Raum.

Aber man sollte unbedingt auch lesen: Waldorfschule und Impfgegner In Steiners Sekte

Ein autobiografischer Essay von Tobias Rapp (https://www.spiegel.de/kultur/waldorfschule-und-impfgegner-in-steiners-sekte-a-8242889d-190f-479f-bf6d-a22ccab54013). Warum unbedingt? Das gilt auch und nicht nur für mich, weil ich, ohne Waldorfschule, teilweise im anthroposophischen Umfeld aufgewachsen bin und viel von sektenaffinen und sektenskeptischen Seite mitbekommen habe, auch viel Weleda und vor allem ein Bücherregal voll Steinerliteratur. Rapp ergänzend – ein großer Teil von Steiners Werken ist aus der intellektuellen und psychosozialen Situation der Welt vor 100-120 Jahren zu erklären; verstanden hat man immer nur die Hälfte, aber die Vermischung von Wiedergeburt, östlicher Weisheit, Gnosis, lebensphilosophischer Privatisierung und mehr noch war damals anziehend, und nach der Sektengründung auch ein gewisser Protest gegen den Stillstand der beiden großen christlichen Kirchen, Protest, der im Gottesdienst der „Christengemeinschaft“ diese peinlich nachgeahmt hatte.

Ich hatte also viel gewusst, das jetzt, über 60 Jahren wieder hochkommt. Impfgegnerschaft gabs in meiner Apothekerfamilie nicht. Aber sonst eine Reihe von Dingen, die Rapp aufzählt, andere und vielfältige, vor allem widersprüchliche. (Die wenigen Steinerianer, die ich jetzt, eher zufällig kenne, sagen dazu natürlich nichts, und die offiziellen Stellungnahmen winden sich).

Man kann das alles auch von einer ANDEREN: EHER COVID-FERNEN Seite sehen: bestimmte Sekten, die nicht Zivilreligionen sein wollen, versuchen zu beeinflussen (Influencer!) durch eine Mischung von rationalen und esoterischen, traditionellen und hyperrealen Elementen, die die Geschichte der Steinerianer, ihre politischen Affinitäten, ihre Förderer und Kritiker eher rauslassen und dafür aktuell sich anbieten: mehr oder weniger gute Kosmetik, mehr oder weniger kluge Pädagogik – der Übergang in die andere, wirklichere Realität, ist für viele SchülerInnen nicht ganz einfach, aber auch nicht ganz falsch, was z.B. den ästhetisch körperbetonten Aspekt betrifft, geht zurück nach 1900! – und: man muss sich ja nicht Steinerschen Theologie, pardon: Anthroposophie und ihrer Geheimwissenschaft anschließen (Vgl. Die Geheimwissenschaft im Umriss (Rudolf Steiner 1910, Taschenbücher aus dem Gesamtwerk). Aber geht einmal ins Internet, die Zahl der angebotenen Schriften ist beachtlich: Unter „Steiner Geheimwissenschaft“).

Ich konnte später die Form distanzierter Anerkennung bei den mir bekannten Anthroposophen analysieren; sie haben durchaus die Rolle der Religion (glauben konnte man so einen Quirl ja nicht) als sozialer Instanz, die „Gemeinschaft“ fördert, studieren wollen – und man hatte es leichter, schwer zugängliche Quellen der Gnosis und der Ägypter und Inder bereits aufbereitet zu finden.

IMPFGEGNER? Vielleicht. Nicht viel anders als aus anderen Quellen berufen sich viele Impfgegner und -skeptiker auf eine Vorstellung der Eingriffsmöglichkeit spiritueller Kräfte UND eines gesunden oder asketischen Lebenswandels. Das ist nicht weit von den bürgerlichen mittelständischen, oft gebildeten, Zivilreligionen entfernt. Hat mit Steiner nicht so viel zu tun. Den kann man geistesgeschichtlich in der Schublade: vergangen und weitgehend vergessen, rubrizieren. Und seine kosmetischen und pädagogischen Nachwirkungen mit Skepsis nachverfolgen.

Immerhin merkt ihr, es hatte einen gewissen Einfluss auf meine Jugend, zum Missfallen der Gläubigen habe ich es bis zur Kritik durchgehalten. Die kam dann nicht so gut an.

ABER bis heute: ich komme in einem meiner Forschungsprojekte oft in und durch die kleine Stadt Gloggnitz in Niederösterreich. Die hatte mit seinem Leben zu tun (1861-1925), und von dort zur Goetheausgabe, zum Goetheaneum, zu Demeter und Weleda war es sehr weit.

GEGEN IMPFUNGEN WAR ER NACHWEISLICH NIE….nur so nebenbei.

Mit Gegnern reden macht sie nicht zu Freunden

Merkt denn niemand etwas? Die vehemente Unterstützung für Polen im Abwehrkampf gegen wehrlose Flüchtlinge wird dazu führen, dass die angedrohten, ohnedies schwachen, Strafmaßnahmen gegen polnische Rechtsbrüche und Menschenrechtsverletzung nicht angewendet werden, solange es um Flüchtlinge geht. Die EU Außengrenze als Grenze der Humanität.

Merkt denn niemand etwas? Die vehemente Kritik an Lukashenko, und damit an Putin, und damit an den Fluglinien aus Istanbul, und an der zynischen Schlepperpolitik, wäre auch dann richtig gewesen, wenn es nicht einen Flüchtling an der polnischen Grenze mit Ziel Deutschland gegeben hätte.

1:0 für Putin und den neuen Kalten Krieg. 0:1 gegen die Europäische Kälte gegen Flüchtlinge, Menschenrechte, Asyl. Merkt das niemand? Doch, einige, aber: was tun? Ist wichtiger als die Frage: Was nun?               

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Ich bezeichne die polnische Regierung als kleriko-faschistisches Regime, und das Regime in Belarus als wahlweise spätfaschistisch oder spätstalinistisch.

Begriffe sind nicht egal, aber totalitäre Regime folgen selten den untergeordneten Klassifikationsmerkmalen anteilsarmer Beobachter.

Polen wird als weniger diktatorisch als Belarus angesehen, zumindest in der Politik. Was die Bevölkerung beider Staaten angeht, sind die Unterdrückten in Belarus noch härteren Repressalien ausgesetzt als in Polen, wo sie der Unterdrückung effektiver begegnen. In Polen ist es noch möglich, durch demokratische Wahlen das Bündnis aus Faschisten, einem Teil der Kirche und den Populisten am rechten Rand zu beenden. Das kann auch das Ergebnis von EU Politik sein. Mit Donald Tusk kommt ja kein Linker ins Spiel, sondern ein liberaler konservativer Pragmatiker, muss nicht „unsere“ Linie sein, aber wenn wir Polen in der EU behalten wollten, dann müssen die Sanktionen gegen die Justizmissbrauch und die frauenfeindliche Gesetzgebung aufrecht erhalten bleiben, Belarus hin oder her. Dass die Deutschen Flüchtlinge aus Angst vor der AfD verrecken lassen, ist besonders peinigend – aber historisch nicht unerklärt.

Zu Polen heute: Die polnische Regierung hat die Unabhängigkeit der Justiz in den vergangenen sechs Jahren systematisch untergraben. Damit ist die rechtliche Integrität der EU in Gefahr. Von Dariusz Mazur (https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-11-12/page_2.500583/article_1.5461667/article.html): Das lässt Polen noch immer nicht mit Belarus, Putin und seinem Gulag vergleichen. (leider? Gotzeitank? das ist hier nur auf der Vergleichsebene von zwei Gegnern möglich).

Also erstens: keine Gleichsetzung von autoritären Systemen, und zweite Lektion: nicht an den Enden der Lieferkette von Menschenrechten oder Demokratie ansetzen. Die Ursache dafür, dass Geflüchtete aus allen prekären Ländern nach Deutschland wollen, und nicht nach Polen, Ungarn oder Bulgarien, ist leicht erklärt: das Sozialsystem und die Rechtsordnung in Deutschland sind gefestigter, humaner und belastbarer. Gegen ein scheinbar linkes oder radikal-demokratisches Argument: diese Tatsache ist unabhängig davon, welchen Anteil Deutschland an den Fluchtursachen und – gründen hat. In einigen Fällen sind wir außenpolitisch arg in der Verantwortung, in anderen weniger – nehmt nur alle beteiligten Länder, dann wird diese Dialektik bei der Türkei besonders deutlich, aber auch direkt in Afghanistan, weniger deutlich dort, wo unsere Wirtschaftspolitik sich gegen die autoritären Systeme nicht wirkungsvoll durchgesetzt hat, und ganz und gar undeutlich dort, wo wir nur ein indirekter Player sind. Das muss aber egal sein, wenn es um erfrierende und hungernde Flüchtlinge geht. Hier  in Deutschland: Aufnehmen, Asylansuchen bearbeiten, verteilen, zurückschicken oder hier behalten. Dafür gibt es Regeln, die man auch im negativen Ergebnisfall einhalten kann und soll. Das gilt für die gesamte EU. Lassen wir uns doch nicht von den kleinen miesen Diktatoren in der EU auf der Nase herumtanzen, wenn es um die Abwehr der größeren und gefährlicheren geht.

Natürlich ist der Umgang vor allem mit Polen, Ungarn schwierig. Nur mit Druck oder Geldpaketen wird der Konflikt weder in noch außerhalb der EU gelöst. (Mit Verlaub, als wir die exkommunistischen Länder in die EU aufgenommen haben, war dies auch ein Argument jenseits des erfolgstrunkenen Triumphs des Westens). Und bei Lukashenko kommt man nur mit Russland und der Türkei an die Macht heran: Wenn wir Belarus politisch isolieren, müssen wir zugleich an der Basis, die ja demokratisch ist, etwas riskieren: nämlich dort agieren. Das gilt für Russland noch viel stärker, wo gerade an Memorial ein stalinistisches Verbrechen verübt wird, ähnlich wie bei Nawalny. Nun wird dem entgegengehalten, dass man mit dieser Bezeichnung ja den Dialog unmöglich mache. Falsch: Runde Tische haben immer nur funktioniert, wenn man die schlimmsten Gegner auch am Platz hat (wenn man sie ausschließt, wie bei Afghanistan 2001, sieht man noch Jahrzehnte später die Folgen). Mit Gegnern reden, wischt ja nicht vom Tisch, dass sie Gegner sind.

So neo lieber nicht

Nathan Gardels, Noema Editor-in-Chief:

While our species, unique in its capacity to envision a future and plan its behavior, stumbles toward climate action in the misty precincts of Scotland this week, the rest of nature can’t wait. It is moving on in evolutionary resilience, one organism at a time, flexibly adapting to human-induced planetary warming.

This capacity to conjoin “urgency” with “agency,” biologist Thor Hanson writes in Noema, is a lesson humankind needs to learn sooner rather than later if it is going to either avoid the tipping point of no return in despoiling our only livable biosphere, or figure out how to survive after the fact.

“In nature, the responses of individual organisms determine the fate of populations, species and entire ecological communities,” he writes. “The same pattern applies to society. Addressing climate change requires a fundamental cultural shift in our relationship with energy, from how we produce it to how much of it our lifestyles demand. That makes individual action more important, not less so, because it is the collective behaviors and attitudes of individuals that define and change a culture. Yes, we need stronger climate policies and strong leadership to carry them forward, but those things will be the results of cultural change, not the cause of it.”

                                                                                              (NOEMA, NOVEMBER 6, 2021 – Berggruen Institute)

*

Ja, die Neoliberalen predigen die Verantwortung für sich selber, dann wird schon alles gut: schließlich willst du ja auch nicht, dass die Welt zu deinen Lebzeiten untergeht oder du stirbst vor der nächsten Dividendenausschüttung und Erbschaft…Und wie trägt man die Verantwortung? das weiß nicht nur der Lindner nicht, da haben sie Probleme, denn das gehört nicht zu den konkreten Dingen die man tut, und wenn diese Vorstellung revolutioniert ist, kann die Wirklichkeit gut standhalten: ich habe halt verantwortlich an dies und jenes gedacht. Greta Thunberg: Blablablah…richtig. Aber das Volk, das hörts gern, denn die „die“ nichts tun, dann brauchen „wir“ auch nicht so schnell zur Praxis greifen.

Geh ich aus dem Haus, stehen da die SUVs in Reihe. Geh ich an der E-Tanksäule vorbei, stehen da riesige Autos; nichts ist einfacher, als diese Klimadeppen zu kritisieren. Aber selber, was macht man selber? Trennt man den Biomüll vom Plastiksack, in dem man ihn gesammelt hat? Dreht man das Licht aus, jedesmal wenn man den Raum verlässt? Verzichtet man auf Rindfleisch wegen des CO2, und weniger weil die Tiere leiden? Wo kippt das eigene Verhalten in sektiererische Vorbildfunktion für all diejenigen, die einem ohnedies nie zuschauen?

Solche Fragen erlebe ich viel häufiger, als ich vor, sagen wir, zehn Jahren, noch gedacht hätte. Oft gibt es leichte, folgenarme Kontroversen unter Freunden – Mülltrennung, Müllvermeidung, das gehört genauso zum Lebensstil wie Kleidungsstoffe, Möbel aus Naturholz, und immer wieder essen.

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Trivial? Alle schimpfen auf die zögerlichen, heuchlerischen Politiker, die in Glasgow nichts wirklich praktisches vereinbaren, die ausmalen, was wir alle wollen, aber nicht entscheiden, was sie tun wollen, wenn sie es können, und was sie können, d.h. wenn sie die Widerstände brechen können und nicht mit Rücksicht auf sie faule Kompromisse machen.

Dies alles ist bekannt, also spinnt diesen Faden weiter und kommt zu den richtigen politischen Schlüssen. Mich beschäftigen noch einige andere Aspekte des gleichen Phänomens: da geht es nicht ums Klima, sondern um Corona, und auch hier wird der Kompromiss mit den Leugnern, Verschwörungsrechten, Verweigerern, Egoisten – leider auch mit den Dummen und Uninformierten, schon angeboten, bevor er verlangt wird. Und auch hier muss man die obige Frage, ob das Verhalten, also die Lebensführung, der Lebensstil die entscheidenden Variablen für das Kollektiv sind, durcharbeiten.

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Natürlich ist die Antwort: „Beides“ immer einfach naheliegend. Aber beides zugleich ist oft sehr schwierig und manchmal rechtlich unmöglich: z.B. individuelles gesundheitsschädigendes Verhalten durch Behandlungsverbote grob fahrlässiger Gesundheitsverweigerer zu steuern. Die Situation verbessern und Gerechtigkeit durchzusetzen sind oft gleichzeitig nicht möglich, und dann muss das Verbessern Vorrang haben, auch vor der Rechtsprechung, auch vor der ständigen Frage nach Schuld & Sühne. Das sage ich mir, und es geht mir nicht gut dabei.

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Das berühmte „…denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“ (Rilke 1908) kann man gut zu Feiertagen sagen, aber worin das Ändern besteht, kommt nicht einfach aus „Archäischen Torso Apolls“, das heißt, es kommt schon daher, aber da ist erst einmal das Nachdenken, was es heißt, sein Leben zu ändern. Das kann einer allein anfangen, aber nicht fortsetzen. Welche Grenzen wir überwinden müssen, in der Familie, im engeren Umfeld, in der Politik, um auch nur eine Bedingung zu ändern, unter der wir leben, mit der wir so nicht weiter leben wollen… (ja, wir, jeder von uns, könnte sich da schnell umbringen, aber wenn wir nicht so weiter leben können, haben wir wenig Alternativen dazu, etwas zu ändern, das ist noch unser „Leben“, aber es gehört schon dazu, oder wir treten dem Verein der lebendig Begrabenen bei, was eine neoliberale Vorstufe der Hölle ist…

Politik fängt nicht bei der Politik an, sondern bei dir und bei mir, und das Ändern stößt schnell auf Widerstand, und wie man sich dann verhält, das kann entscheidend sein. Beim Klima, bei den Flüchtlingen, bei Corona, auch beim Beenden des Selbstbetrugs, dass es darauf, was man gerade unterlässt, ohnedies nicht wirklich ankommt. Wirklich? Noch einmal anders: man kann sich durchaus dauernd selbst denken, aber man kann nicht immer nur an sich selbst denken. Oder das Man sagt nie „ich“.

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Die Rücksicht auf die Grundrechte der Impfverweigerer, der Klimaverderber, die Vorstellung, man selbst könne die Grenze so einfach ziehen hat den Nachteil, dass diese Form der Selbstverkleinerung dem Großen Ganzen, dem Klima, der Gesundheit vieler, dem Überleben mehr schadet als der immer nur beschränkte Erfolg, den die Praxis von Einzelnen haben kann. Wir werden es nicht mehr erleben, weil wir schon mittendrin sind.

Impfen statt Schimpfen. Ich bin so frei

Ganze Bibliotheken, Studienpläne, Predigten und Kommentare nutzen den Begriff der Freiheit ab wie eine matt glänzende Türklinke. Ich bin so frei…wenn jemand ungebeten ein Zimmer oder einen Körper betritt.

Die Impfverweigerer berufen sich auf ihre Freiheit, und die politischen Schmalhirne nehmen das hin, weil sie zwei Irrtümer dogmatisieren: erstens sei es das Grundrecht eines Menschen, über sich selbst zu entscheiden – das ist ja schon beim Rauchen problematisch, aber dort ist die direkte Ansteckung wohl geringer als bei Covid. Zweitens würden die Einschränkungen, die Ungeimpften angedroht und selten verwirklicht werden, das Risiko der Infektion weit übersteigen.

Reflektierte Liberale würden hier auf die die Verantwortungsfähigkeit von Skeptikern und Verweigerern hinweisen: die werden sich schon impfen lassen, wenn sie überzeugt sind. Dass mittlerweile mehr Menschen sterben als notwendig, nehmen wir im Namen der Freiheit in Kauf.

Die Medien sind voll von allen Varianten des Freiheitsgemurmels, nur weil die Regierungen nicht konsequent handeln und jede Partikulargruppe mit ihren partikularen Interessen sich relative Standortvorteile sichern möchte, – nicht selten im Namen von Freiheiten und Grundrechten.

„Irgendwas muss getan werden, das wird in diesen Tagen immer deutlicher. Aber was? Während der Bund vor einem Jahr noch ohne große Proteste einen Lockdown durchsetzen konnte, ist die Situation mit Geimpften und Ungeimpften heute sehr viel vielschichtiger. Ratlosigkeit und Angst vor neuen Zumutungen mischen sich unter die vielen Stimmen, die sich jetzt melden.“ (tagesspiegel, Morgenlage 3.11.2021)

Das schreibe ich nicht, um eine philosophische Debatte aufzumachen: kann ich gar nicht, bin auch zu müde, – und zu beschäftigt z.B. mit afghanischen Flüchtlingen, meiner Lehrveranstaltung und anderen naheliegenden Problemen. Ich ärgere mich, dass mir dieses Freiheitsgebrabbel die Chance nimmt, meine Argumente für eine unbedingte Impfpflicht zu überprüfen.

In der Tat würde das vielen Personen einiges abverlangen, Widerstand hervorrufen, und echte sowie angebliche FreiheitEN (Plural ist hier ganz wichtig) einschränken. Das kann man nicht „einfach“ damit begründen, dass das Leben, Überleben, noch wichtiger sei als die Freiheiten, weil man diese ja nicht ausleben kann, wenn man gestorben ist. Trivial…? Sagen Sie das einmal Frau Wagenknecht. Würde ich eine Impfpflicht per Gesetz (nicht per Dekret) anordnen, müsste ich Sanktionen benennen, und diese durchsetzen wollen…gar nicht so einfach: wie bestraft man einen maskenlosen grinsenden Trottel, der alle andern Fahrgäste im Regionalexpress provoziert und vor dem die Schaffner kuschen? Zunächst: Sanktionen sind nicht immer Strafen. Aber dann…was tun?

Ich bedaure, dass es keinen breiteren Diskurs zur Ordnung der Freiheiten gibt. Die Brennpunkte der politischen Ellipse – marktliberale Freiheit des Einzelnen oder staatlich verordnete Einschränkung der Freiheit als Ausdruck von ?legitimer? Macht – sind nicht interessant. Im gesellschaftlichen Feld konkurrieren die Freiheiten unablässig und oft nicht koalitions- und kompromissfähig. Und hier liegt eine Schwäche des aktuellen Systems. Die wäre vielleicht geringer, wenns nicht Covid wäre, sondern die Pest. Dann würden die einen ins Decameron flüchten und die andern eben massenhaft verrecken, die Begründungen sind selbst dann egal, wenn sie nicht oberflächlich sind. Aber so erträgt man das Chaos um Covid, weil es ja zunehmend die trifft, die es nicht besser verdienen. Und die auf unser aller Kosten behandelt werden, wie alle Kranken, die ja an der gesellschaftlichen Lebensform im staatlichen Rahmen als krank anerkannt sind.

Die Freiheiten, die anderen das Leben erleichtern oder verlängern…das klingt so karitativ, aber ich meines ganz trocken, fast autoritär, ich nehme mir Freiheiten, die mir zustehen nicht, aber keineswegs als Verzicht, sondern als Politik (wie steht es mit der Reflektion des Rauchverbots? Oder mit den Restriktionen im Namen der Gleichheit zugunsten von Menschen mit Einschränkungen? Aber gerade an Covid toben sich die marktliberalen oder autoritären Wortfetzen aus).

Ja, gut: wie begründe ich den Aufruf zur (gesetzlich) angeordneten Impfpflicht denn nun wirklich? Einfach. Weiter leben, auch leben lassen, ist die Bedingung zwischen Freiheiten auszuwählen, und zwar begründbar – und leider, aber zu Recht, begründungspflichtig. Im Falle der Impfung stößt eine Freiheit an ihre Grenze. Dennis Yücel fordert die Meinungsfreiheit auch für unerträglich dumme Meinungen – implizit: solange sie nicht real schaden, und dann keine Meinung sind, sondern Tat, Gewalt, … Es geht aber nicht um Meinungen zum Impfen. Das gefühlsmäßige Misstrauen oder die Unfähigkeit, eine Statistik zu lesen, erlaubt noch keine populistische Politik zu betreiben oder zu unterstützen. Die nicht mehr überraschende Antwort ist, dass die Aufklärung noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Das gefährdet Freundschaften, Positionen, Beziehungen, Selbstverständnis…aber wer sich einer Pflicht unterzieht, muss ja vielleicht mit seinem oder ihrem Leben etwas anfangen wollen und können.

Aller Seelen Feiertag

Was zu Allerheiligen wirklich gefeiert wird

Zu Allerheiligen am 1. November gedenken Katholikinnen und Katholiken traditionell ihrer Verstorbenen. Seinem ursprünglichen Sinn nach ist der Tag für das Totengedenken allerdings das Allerseelen-Fest am 2. November. Dass sich das Totengedenken mehr und mehr auf den Allerheiligentag verschoben hat, hat vor allem pragmatische Gründe, schließlich ist Allerheiligen ein gesetzlicher Feiertag. (ORF Online 1.11.21)

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Feierliches Gedenken, ist doch schön. Gesetz schlägt Glaubenstradition, noch besser. Richtig auch, dass es um die Verstorbenen geht, und nicht um die Toten.

Stefan George sieht im „Tod der Armen“

Es ist der Tod der tröstet und belebt ·

In dem wir einzig ziel und hoffen sehn ·

Das thor zum unbekannten paradies.

Der ganze Todeszyklus ist weniger erhellend. In diesen Tagen reden viele vom Tod, sie gehen auf die Friedhöfe und kerzeln dort nach Kerzelslust oder räumen das Laub von den welken Blumen. Das alles gilt dem Tod, der ein Speditionsunternehmen für Erinnerungen ist; denn an das Sterben auch der nächsten Menschen kann man sich nur vermittelt erinnern, man sehen dass jemand, leidet, Schmerz empfindet, sich in grausamen Träumen oder schönen Gedanken bewegt, aber man ist nicht dran, noch nicht. Der Tod ist konstruiert wie die Liebe; und deshalb auch eine nicht nur männlich notierte Singularität – vgl meinen Blog zu Marlene Streeruwitz vor ein paar Tagen).  (Wenn er einmal weiblich und nicht so beherrschend ist, wie bei Saramago, da ist die Tod eine wichtige Metapher, uns von der Überhöhung abzubringen. (Saramago 2007).

Mexiko feiert Tag der Toten wieder mit Parade

Mit einem farbenfrohen Umzug in der Hauptstadt haben gestern in Mexiko die Feierlichkeiten zum Tag der Toten begonnen. Hunderte Verkleidete tanzten und musizierten durch das Zentrum von Mexiko-Stadt, teils auf karnevalesk geschmückten Wagen. Tausende Zuschauer und Zuschauerinnen standen am Straßenrand. (ORF ebenda).

Mit dem Tod kann man so was machen, mit dem Sterben nicht. Eine Konstruktion wie Liebe oder Tod kann nur subjektiv glücklich machen, sie hat nur die Bedeutung, die wir geben. Wenn du stirbst, hat das nur eine Bedeutung: es wird dich absehbar nicht mehr geben, es kann dir egal sein, was danach geschieht.

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In diesen Tagen strotzt alles vom Begriff der Erinnerungskultur, und die Totenkulte, die der Verstorbenen gedenkt, der Helden, der Gefallenen, bemüht sich, den Sinn darin zu schaffen, dass sie ausführt für wen oder wofür gestorben wurde. Also für welche Lebenden und Überlebenden, für welche Regierung, für welches Land, bei manchen auch für welchen Gott. Wer mich gerettet hat und dabei gestorben ist, sich geopfert hat, verdient eine andere Erinnerung als jemand, der fürs Vaterland oder dauernden Ruhm geopfert wurde.

Das Sterben wird ausgeblendet, der Tod steht als desinfiziertes Monument auf dem Paradeplatz des Verdrängens (Diskussionen über Covid zeigen das meistens). Hingegen: welche deutsche Politik kümmert sich um das Sterben der afghanischen Flüchtlinge im polnischen Stacheldraht, die von dortigen Klerikofaschisten geopfert werden, nur weil Belarus noch schlimmer ist? Der Tod als Spielzeug der Tyrannen. (Nicht vergessen: die deutsche Politik steht in diesem Punkt an der Seite Polens!).

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Aller Seelen. Weil die Christen Angst hatten, im toten Körper keine Seele zu finden oder davor, dass diese Seele gerade bei dem ersten Sezierschnitt entfleucht, haben sie die Leichenöffnung lange verboten. Jüdische und muslimische Ärzte waren damals besser…Die Auferstehung hat noch wenige Comedians gefunden. Denn wer will eigentlich, dass das ganze Gesindel, das so viele Menschen zum Sterben gebracht hat und auf den Lebenden herumgetrampelt ist, auch noch ewig lebt, neben denen, die sich gerne im Jenseits erholen würden, bevor ihnen das auch langweilig wird?

Bleibt die Erinnerungskultur. Die trennt im besten Fall zwischen der Erinnerung an das Sterben eines geliebten oder sonst wie wichtigen Menschen, an das erzählte Leiden der namenlosen Flüchtlinge, der Katastrophenopfer – und der Erinnerung an den Tod: mit jedem Tod rekonstruieren und verändern wir unsere eigene Biographie, die Erinnerung an uns selbst.  

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Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest ce jour-là
Et tu marchais souriante, épanouie, ravie, ruisselante sous la pluie

…Des chiens qui disparaissent au fil de l’eau sur Brest
Et vont pourrir au loin
Au loin, très loin de Brest
Dont il ne reste rien

(Jacques Prévert)

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Die Erinnerung erweckt das Leben dort, wo es nicht, niemals, zu wiederholen ist (das wäre Philosophie). Weniger lyrisch lässt sie uns nicht los, es sei denn, wir verdrängten, was erinnert werden kann. Darum, auch zu Allerseelen, macht der Tod niemals traurig, denn

Es gibt keinen Tod. Es gibt nur mich, der stirbt (André Malraux).

Saramago, J. (2007). Eine Zeit ohne Tod  Reinbek, Rowohlt.

Der alte Kurz ist klein geworden

„Vom Staatsfeiertag zu unterscheiden ist der 1965 eingeführte, für das nationale Selbstverständnis Österreichs weit bedeutendere Nationalfeiertag am 26. Oktober, an dem Österreich seiner 1955 in Kraft getretenen „immerwährenden Neutralität“ und indirekt des Abzugs der letzten alliierten Besatzungssoldaten gedenkt. Verwechslungen der beiden Feiertage und zahlreiche weitere Irrtümer zum Staatsfeiertag sind in der Praxis häufig.“ (Es lohnt den Artikel zu lesen https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsfeiertag_(%C3%96sterreich) – weil er ein rationales Österreich darstellt, das es so nie gegeben hat – die beiden Feiertage sind der 1. Mai und eben der 26. Oktober (damals ist der letzte Russe heimgefahren, schade, sagen manche, denen hat es in Österreich besser gefallen als den ständig nörgelnden Einheimischen). Erst Tag der Flagge, dann Tag der Fahne – schon besser, weil, wer Wein trinkt, eine Fahne hat und keine Flagge, und Wein trinken wir doch fast alle.

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Schon allein die Frage, ob, und wenn ja, wie, Österreich eine Nation ist, eine Nation, kommt vielen Studierenden und Journalisten entgegen, der Stoff geht einem nicht aus. Die letzten Wochen und Monate, die so genannte Krise um Kanzler Kurz, der zur Seite tritt, machen diesen Diskurs nicht unwichtig. Seit meiner Schulzeit bis heute, eigentlich, ist die Frage nach dem wirklichen Status dieses Landes keine triviale, die Nation Österreich fällt in die Abhandlung zum Singular (vgl. den vorletzten Blog und Marlene Streeruwitz‘ Ausführungen zu Herrschaft und eben diesem Singular); ich habe mich längst darauf geeinigt, mit mir, dass es Österreich nicht „geben“ muss, um zu existieren: Nicht umsonst sind wesentliche Ergebnisse der Physik in Wien gefunden worden, und die Katze, die es lebendig gibt oder auch nicht mehr ist ja mehr als nur ein Symbol. https://www.welt.de/wissenschaft/article118912805/Wie-Erwin-Schroedingers-Katze-zu-Weltruhm-kam.html

Die Unsterblichkeit der Wurschtelei zwischen Sein und Nichtmehrsein und Schonwiedersein hat die herrlichste Literatur hervorgebracht, die ich nun einmal nicht deutsch- sondern österreichsprachig nenne, weil sie wirklich anders ist. Vor allem mehr als eine Wirklichkeit in ihren Beschreibungen und Erzählungen zulässt, a priori auf jede unterwerfende Eindeutigkeit verzichtet. VORSICHT: das ist nicht nur gut. Das ist bisweilen schlecht, wenn man etwa das Herauswinden der österreichischen dominanten Selbstrechtfertigungen aus ihren Faschismen (lest Streeruwitz), ihren Verdrängungen (Lest Eva Menasse oder Freud), ihrer Neigung, den Falschen das Falsche zu verzeihen und das Richtige zu spät, oft post mortem anzuerkennen. Gut ist die fehlende Eindeutigkeit dort, wo aus einer klaren Ansage unklare und oft überraschend bessere Praxis folgt. Das gilt nicht nur, aber wahrnehmbar stark, in der Kultur, die sich an Spannung zwischen unerträglich und unfassbar gut geradezu überschlägt. Das alles hat seinen Preis.

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Am 30.11.1954 stattete Kaiser Haile Selassie Österreich einen Staatsbesuch ab. Mit Äthiopien hatte Österreich keine kurzfristige Erinnerungskultur zu teilen.

30.11.1954: Haile Selassie I. im Wiener Rathaus

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Staatsbesuch des Kaiser Haile Selassie von Äthiopien

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Kaiser Haile Selassie von Äthiopien trägt sich in das Gästebuch ein

Heute stattete Haile Selassie I. mit seinem Gefolge dem Wiener Rathaus einen Besuch ab. In Anwesenheit der gesamten Stadtregierung empfing Bürgermeister Jonas den Kaiser von Äthiopien.

  • Warum ich das erwähne? Ich glaube mich zu erinnern, dass wir SchülerInnen abkommandiert wurden, den Kaiser am gerade eröffneten neuen Wiener Westbahnhof zu besichtigen, wo er aus München per Bahn ankam – ein bis heute unfassbar gutes, modernes Gebäude, das gut zu den nicht-eindeutigen Schwerpunkten der Nachkriegszeit passt, einschließlich der teilweisen Westorientierung. Für mich war der Bahnhof wichtig, weil ich als Schüler später über den Verschubarealen an der Einfahrt auf der Signalbrücke viele Stunden damit verbrachte, mich in den unter mir fahrenden Zügen anderswohin zu beamen. Dass da ein Kaiser ankam, der den Nachkriegsösterreichern eine Schule schenkte, …wir wurden, glaube ich, mit Fähnchen an den Bahnhof geordert.

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Ach ja, Österreich. Die wirklich guten und die wirklich schlechten AutorInnen, MusikerInnen, bildenden KünstlerInnen reflektieren dauernd Österreich, weil es so unfassbar erscheint. Meine Theorie dazu war die Periode zwischen Napoleon und dem Ersten Weltkrieg als Zeit der strukturellen Andersartigkeit: die Energie der meisten großen Imperien und Nationen ging in die koloniale Unterwerfung riesiger Länder, ganzer Erdteile. Österreich dehnte seine Kolonien nicht überseeisch aus, sondern verschob sich immer weiter nach Osten, bald an den Bahnlinien entlang. Darum hatte man mehr Zeit und Energie sich mit sich selbst zu beschäftigen, das führte nicht nur zur Psychoanalyse, zu großartiger Mathematik und Kernphysik, sondern auch zu einer beständigen Frage, was an diesen Ländern, später an diesem Land, „eigentlich“ „dran“ sei – und die Antworten sind ein Kulturkanon, der sich nachhaltig vom deutschen unterscheidet, ohne deshalb „österreichisch“ zu werden.

Dazu werde ich, aus gebotenem Datum, in zwei Tagen einen Blog schreiben, schaut euch schon einmal den Wiener Zentralfriedhof auf der Karte an, und die herrlichen kleinen Gräberstätten von Wien. Da liegt man gerne…aber so lange wir leben: was ist dieses Österreich?

(Mich beschäftigt das Thema umso mehr, je älter ich werde, und die Rückkehr, die ja kaum eine Heimkehr wäre, sich immer mehr in Richtung Friedhof verschiebt anstatt dass uns jemand eine Wohnung nahe dem Burgtheater zum Nießnutz anböte…)

Talking Holocaust, again

On invitation by Tim Kucharzewski I participated online in a seminar hegave in the context of his engagement in European adult education on democracy, history and enlightenment. This is not a condensed summary of my research on the topic of Shoah, but a kind of transitional motivation for further discussions and commitment to a theme that is never going to die, but must be renovated all the time.

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Shoah today – Memory, Reminiscence, and Fake

Michael Daxner

14 October 2021

Online[1]

Dear participants,

Talking about Shoah has become a necessary routine on many levels, whenever reminiscence, memory and obliviousness of important periods or moments in our history become thematic. There are no longer around too many witnesses of the terrible events, there are less survivors and even not too many second and third generation persons who are affected by the Holocaust ‘directly’. Do we need to apologize for never letting go the topic? Do we need new concepts in a discourse that has had the profile of a never-ending loop?

I am grateful for the invitation discussing the answers with you, and yet it is difficult, because I come from a generation, where the history of the answers did affect private lives and politics likewise in a way that will be impossible in the future.

Too many comparisons, that’s one of my problems. The comparison between actual contemporary atrocities, torture, dictatorships and other human-made disasters with the Holocaust or the Shoah, as I prefer to call it.

Of course, comparison is always necessary and often unavoidable, but if there is an inflation of a certain attitude, it becomes flawed and incredible; the comparison is losing effect. Thus, the Shoah is becoming less relevant and significant when it is compared with each cruel event in present times. On the other hand: if you don’t compare, you don’t understand. Not enough comparisons, that’s another one of my problems.

When I visited Auschwitz/Oswieczim for the first time, I watched other visitors and how they expressed their interests and feelings. I was astonished that they were less interested in the gas chambers, where human beings were killed, than in the cremation ovens, where their dead bodies became annihilated. Later in the day, I was really shocked and emotionally driven by walking over a meadow with most beautiful flowers and very green grass: underneath, there were the ashes of hundreds of thousand people[2].

Let me start with a personal note. Born into a family, where my father was Jewish and my mother half, it took years until understood the full reality, call it truth. Many members of the family had died in the Shoah, there were survivors on both sides, not many, but sufficient to bring me up in a pseudo-Christian environment, where Judaism was ignored. I had to learn my own history during my childhood and adolescence, fully aware of the facts not until I was sixteen, and by then my sources were entangled. At the age of 18 I quit the church, a few years later – under some troubles for a secular young scholar – I “converted” back into a Jewish community. Since then, I am engaged as a rather earthly activist in Jewish organizations, I have been teaching in Jewish studies since the mid-90s, and I did some research. All this was never in the centre of my professional life, but it became a steady companion of both private and public communication. Survivor’s Guilt was not my profile, nor was it the exaggerated Jewishness of a late returnee. In a way, I have become a survivor of survivors’ guilt terrain. Of Course, the Shoah and its narratives were ever present in my work. Of course? However, I am opposing any elevation of the Shoah as the turning point in history. Terrible as it was, the Shoah has been and still is part of history, and whether it is our history, as human beings, as Jews, as Europeans, as Germans etc., is also an effect from the context into which we put it. The Shoah has been real, and nobody should even dare to neglect it. But what reality it was, and how it still influences our present lives, is not a self-explaining fact. For me, the Shoah is company to both, the Jewish studies I am committed to, and my mainline research in Conflict studies and Sociology. It had an influence on my family life, this goes without saying, but also on my political and public agenda. One cannot put down this coat.

The Shoah still has a different impact on the cultural and political lives in Germany and Austria, and in Israel, than on other nations’ understanding. This is easily to explain, – and most of the explanations are questionable.

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Let us start from another angle: None of you is an eyewitness of the Shoah; many of you have seen the memorial sites, the former concentration camps, the monuments; you know the position of the Shoah in your curricula and in everyday discourse, you may know jokes, Jewish or anti-Semitic, referring to the Shoah; you may have read historiography, or personal accounts – Anne Frank as a symbolic figurehead, or a person close to your family, or one with a certain reputation in your cultural or political environment. It is likely that you have perceived the air of a survivor, still alive, or his or her representation, you have seen movies and other features, and you have learned about the Shoah, mainly by reading and discussing. And there is one aspect that might be important in the future as well: all of us, and you certainly, know about the processing of the Holocaust in diverse forms of trials and the elaboration of justice, you know the defence of the perpetrators, you have learned about bystanders and seemingly innocent persons, and the Shoah has become a narrative, perhaps far away from your experience or immediate contact with affected persons, “real” survivors.

That is one of the reasons why we meet today. The Shoah has become a landmark in global history, and it will need more und differentiated understanding, the further the real events of the Holocaust are gliding into the past. So, we may also discuss why you might be interested in the Shoah, why it has become part of this seminar, why Tim Kucharzewsky and Silvia Nicola have invited me to talk here, and to discuss with you.  

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Within the diverse discourses about the Shoah, there are many streams and deviations and abbreviations. Certainly, the focus should remain the policy and action of the Nazi extermination policy and practices. But this was not the entire Shoah, nor can it be explained by National Socialism alone, nor should it be reduced to Anti-Semitism alone. The roots of Nazi ideology go far back into history, and there are relatives to this policy in other political systems, like Stalinism.

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For a contemporary debate, it may be good to ask two questions:

  • How do we know what we know? (Gaston Bachelard)
  • What will the Shoah mean for the future, and how shall we deal with it?

Both questions aim at your and our common interest in the Holocaust. The first one refers to something that happened individually in our past, far, or recent. How do you, each one of you, know what we are talking about at this moment? Of course, all of you are educated persons, thus, we can start with the assumption that knowledge about the Holocaust is part of general education. Is it? For a long time after the war, the Holocaust was clad into national interests, it was not the Jews who had been tortured and killed, but they were Polish, Ukrainian, German Jews. Comparisons were strictly forbidden, e.g., drawing similarities between concentration camps of the Nazis and the Gulag. When it comes to the roots of the Shoah, there were anti-capitalist, antisemitic, racist, ethnophobia, or simply political arguments explaining the Shoah. And in many cases, these widespread collection of explanations, excuses, or accusations, is still in use, sometimes in strange coalitions. To learn about our knowledge about the Holocaust means that we will learn about our parents, family members, social and cultural environments, our teachers and textbooks – and we will suddenly learn about the complete silence, when the topic is being raised.

The next step answering the first question will be the distinction between scholarly expertise and laypersons everyday discourse. There is a lot of research in all varieties of Shoah appearances and facts, and it still is as controversial as in the beginning. You need not be an expert yourself if you gain insight from this research. But if you compare the movies “Night and Fog”[3] or the mini-series “Holocaust” (1978) with other movies[4], you will find rather many of these motives, either focussing on the victims or on the perpetrators, either broken through a subjective lens or trying to present an objective view. There are conferences, podcasts, blogs, and a host of documentary, docufiction, fiction and poetry; there is drama and fine art, there are installations, comics, and satire. Why has been there a “culture” of concern for the Shoah? Again, we can divide the agenda: there is a lot of culture of memory (Erinnerungskultur) and there is a culture of lessons learned. Both are often intertwined. The culture of memory is part of ethical obligation or commitment, often ordered top-down and frequently framed by politics. Lessons learned are lessons applicable to the present and the future. They are also within a political frame. Both cultures have a list of intervening variables, such as nationalism, cultural tradition, opposition towards imposed strategies of mourning or displacement. For both varieties, Aron R. Bodenheimer’[5]s statement is valid: “Only he/she who wants to forget will be able/allowed to remember”. Aron was a close friend of mine, and I may interpret this recommendation: to forget it is necessary to know what you may want to forget; before that, relying only on vague orders or dogmas, forgetting will be either careless or frivolous.

One other aspect among the answers to the first question is the problem of defining the victims of the Shoah, i.e., the Jews, either through a religious interpretation or within an ethnologic and anthropologic frame. The results might be stunningly different and produce more diversion and conflict. If the religious interpretation prevails, then the conflict between the Christians and the Jews, including inquisition, discrimination, downgrading in the eyes of the respective god etc., will come into the picture. The history of anti-Jewish resentment cannot be written without referring to the Christian anti-Judaism, which often has merged and is merging with anti-Semitism. (A similar, however incongruent) window can be opened about Islamic anti-Judaism and anti-Semitism). The enlightened anti-Semitism would be split into a vision of tolerance towards all religions, if they won’t subdue other denominations, and into an anti-religious secularism. Then, anti-Semitic resentments against Jews would be based more on a socio-economic prejudice or cultural “ethnopluralism”)[6]. The secular approach is more complex; religion is only one among other ingredients of socio-anthropological construct of ethnic entities (The Jews, The Hebrews etc.), and this is leading both to a modern, post-revolutionary secular distinction between religion and other qualities of a certain societal group (language, tradition, environment etc.) that play roles, and religion is more often playing the role of an ideological glue to stabilize the intra-societal relations). For both answers, one of the clues is a thorough analysis of anti-Semitism, and almost inevitably, the reference to Zionism and Israel.

This is, among other reasons, why I am normally never speaking of Jews, but of Jewish people, thus avoiding an ontology (Jews are…; or “Germans AND Jews”). My main book on this subject is “Antisemitism makes Jews” (Correct in German “Antisemitismus macht Juden” (2007). Much of this approach is also inherent to the recent book by Delphine Horvilleur, a French woman rabbi: (Horvilleur 2020) who has worked on an ethno-cultural difference between the unfinished Jewry and the urge for completeness in other ethnicities.

The second question may lead as to answers that are more relevant for our present and future; they are linked to the deconstruction of the first question. Now, we should have an idea how to deal with the Holocaust.

Today, and in the future, there will be many accounts to the Shoah, but will it be the central focus of any perception of Jewry, of history at large, of political ethics, of global justice, of universalist ideas…?

Before I say, “certainly not”, give me a moment.

In Germany, Antisemitism has never ceased to exist after the war. There were periods of relative calm, when anti-Jewish resentments were silenced because of political and juridical countermeasures. And there are periods, like today, when antisemitic discourse and action are showing their faces. This is not a phenomenon restricted to a few social and cultural groups. The German army and police have their right-wing extremism as well as political parties, prominent clusters, – and an invisible layer through all classes and segments of the society. Estimates say that some 25 – 30% of Germans are anti-Semitic, that is about the percentage the neo-Nazi party AfD holds in some parts of the country, but generally, the anti-Semitic segments are not congruent with clusters that belong only to the political right. I am not going to analyse these facts now, but I shall point at another aspect: whenever an anti-Semitic or anti-Jewish or anti-Israeli slogan or action appears, the Holocaust is likely to be cited immediately. With or without a direct connection, and very often without a rational explanation of the link. When this happens, opposition or even criticism in the context are considered either politically incorrect or a confirmation of the suspicion that the Shoah is not valued adequately. This might be the case, but as an attitude, it is exactly this kind of superficial judgment and rhetoric that makes it rather difficult to seriously argue against both: anti-Semitism and the denial of the Holocaust.

And there are many young persons, not only “Germans”, but also persons with a migration background, with a different religious or political background, with a different economic framing…and their convictions and prejudice must come from somewhere: from their families, their friends, their religious embedding, and their cultural background, – and their opposition to the system, based on exactly these prejudices and ideologies. Of course, this is not typical German. In the US, look at the evangelicals or the followers of Trump and the racist bottom of society; in many European countries, anti-Semitism is still penetrating the tiniest pores of society, BUT the Shoah is seldom the reference point of their anti-Jewish resentment. I said ‘seldom’. (If they would refer to the Holocaust, the involvement of their country, their nation etc. might become obvious; for them, it is better to leave these facts in the subtexts, and derive their anti-Semitism from other, more historical or religious sources). Or, the Shoah is deliberately compared to other atrocities, from civil wars to dictatorships to legal orders referring to the Corona pandemic.

Antisemitism has become part of the identity for many persons. The present debates have created a dilemma: if there is only one identity to be aimed at, then what will it be, in competition with other values? Anti-colonial, gender-related, religion-related, colour-of-skin-related, political conviction etc. identities compete, quite clearly, and as long as there are not several identities with one person or one group as a legitimate construct, there will be conflict and exclusion.

If this true, then the Shoah will be one particle or element of a complex Jewish identity, which consists of many identities. Very often, non-Jews ascribe only one identity to Jewish persons, and then, conflicts are unavoidable, if this ascription is based mainly on the Holocaust. Today’s Jews would then be the survivors of the survivors, and what happened before, beside and after the Shoah is reduced. Being survivors also means in the eyes of the non-Jewish majority that they should behave better and more ethical and more sociable than the indigenous environment. They should be, in the subtext, grateful that they living as the survivors. For many Jewish societies whose ancestors have never been in contact with the events of the Shoah, this is a strange situation vis-à-vis their experience and their traditions and narratives. Because then, they must adopt a central element of identity which is not originally theirs.

The paradox in my argument is that it has less to do with the intra-Jewish discourse than with the discourses of the society around.

The solution, you may call it liberation, may be not so difficult. On the one hand, you help fighting antisemitism, this will require political commitment, cultural pluralism, and a farewell to all kinds of superior anthropology. On the other hand, it needs an education for the coming generation, where the Shoah is one element in a multitude of elements in a Jewish history. History means also social, cultural, economic context, and not just formulated by an elite for an elite.

The last point is important. May I give you an example from my research. There are numerous good books and features based on the investigation of the Jewry in the city of Berlin. Most of them concentrate on immigrated people from the East; they were concentrated in a relatively small section of the city. Research on another segment of the Jewish people in Berlin has been relatively slim, and some traditions, not based on recent immigration, i.e., the last 120 years, is less structured and productive[7].

*

This is, where we can reach another generation, both Jewish and non-Jewish. Based on the principle of equality, I can imagine how interested Jews would be in the history of Muslim in Germany and vice versa. And of course, the same is true for Christians, and apart from religion, for persons of any kind of religion, or secular persons. This idea does not simply aim at an educational reform. It should break up the national and cultural self-narrowing by the narratives of identity by origin.

The Shoah has never been the origin of Jewish generations after its ending. Even looking at 6 million Jews killed in the Holocaust, the survivors have not been the survivors of the deluge, coming from Noah’s boat and building a new people. The disaster of the Holocaust has been a global one, and its companions have never relativized the Shoah. But, please remember that you can, you must compare. In order to being able to do so, you must know something about the Shoah, and not only from those who instrumentalize it. This is not easy; it is hard work, and it never ends. If you will, Jewry begins with the transition from the Hebrews…if you will, after the separation from the Christians in the 3rd century…if you will in the Middle Ages…start discussing the right moment. If you really think that Jewry restarts with the Shoah, then you may ask which traditional laws and dogmas, Halacha and others, would be still intact. The Shoah has demonstrated that the answer to the question Who is a Jew? cannot be given, if we let it prevail as if nothing had happened. But for that it is necessary to know what the Jewish reality in the centuries before the Holocaust has been. My answer is: Jewish.

References:

These are numerous or no books directly related to the Shoah. They deal with a less pretentious approach. If you want more and more detailed Holocaust references, please contact me: In my blog http://www.michaeldaxner.commichaeldaxner.com, there are occasional entries under “Jüdischer Einspruch”, or Jewish Intervention.

Daxner, M. (2007). Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg, Merus.

Fölling, W. (1995). Zwischen deutscher und Jüdischer Identität. Opladen, Leske+Budrich.

Geisel, E., Ed. (1981). Im Scheunenviertel. Berlin, Severin und Siedler.

Horvilleur, D. (2020). Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Berlin, Hanser.

Knott, M.-L., Ed. (2000). Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. München, Piper.

Levi, P. (1986). Die Untergegangenen und die Geretteten. München, Hanser.

Sarid, Y. (2019). Monster. Zürich, Kein&Aber.

Winger, A. (2020). Unorthodox. (A film):

Busemann, H., M. Daxner and W. Fölling (1992). Insel der Geborgenheit: die Private Waldschule Kaliski, Berlin 1932 bis 1939. Stuttgart ; Weimar, Metzler.

Horvilleur, D. (2020). Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Berlin, Hanser.

This presentation was given in the context of a seminar: A very diverse and interested group of educators from Poland, Greece, and Germany joined the training „Entangled History as a perspective for non-formal education“. In discussions, they quickly realised how little they knew about the history, histography, and perspective of the respective countries. This resulted in long and intense conversations.

The first part of the training was held in the IYMC Krzyżowa, the second in the IYMC Oświęcim. What the participants will particularly remember is the visit to the Memorial and Museum Auschwitz-Birkenau. Some of them said they would never forget it. The majority of the participants is active in civic and social fields and some of them are planning their own projects and visits to the memorial site with young people. For this purpose, trainers presented and applied relevant methods.

The training course was co-funded by the Erasmus+ Programme of the European Union and Rotary International.

Michael Daxner

michaeldaxner@yahoo.com

+49-01741805837


[1] This essay was read during an online session of the seminar and later amended for a readable version. Thanks to Tim Kucharzewski and Silvia Nicola for valuable support.

[2] Cf. Sarid, Y. (2019). Monster. Zürich, Kein&Aber.

[3] https://en.wikipedia.org/wiki/Night_and_Fog_(1956_film)

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Holocaust_films –  incomplete list: that is also important, what is NOT included in such lists.

[5] Cf. https://de.wikipedia.org/wiki/Aron_Ronald_Bodenheimer . Aron was a close friend and we worked together on many such themes as the Shoah. His view was often controversial, e.g., against the “official” philosemitic answers to the Shoah or a merely religious interpretation of the fate of the Jews.

[6] The term looks nice, but it means that each ethnicity should have their rights only in their domain or country…(Cf. https://en.wikipedia.org/wiki/Ethnopluralism#References); cf. also: Frank Teichmann: Der Ethnopluralismus, oder wohin die völkische Vielfalt führt. In: Henning Eichberg: Nationalrevolutionäre Perspektiven in der Sportwissenschaft. Reihe: Europäische Hochschulschriften, 211. Peter Lang, Bern 1991, Kapitel B.4, S. 157–199.

[7] It is about a school in the Western parts of Berlin, Jewish, reform-oriented, focussed on escape from Germany: Busemann, H., M. Daxner and W. Fölling (1992). Insel der Geborgenheit: die Private Waldschule Kaliski, Berlin 1932 bis 1939. Stuttgart ; Weimar, Metzler.

Singularer Pluralismus

„Wenn es eine Antwort gibt auf die Frage, warum Menschen Karrieren knicken, um Antiquare zu werden, dann heißt sie: Aus Liebe.“

ZEIT Magazin #43, 21.10.2021, S.37

Die Menschen, Plural; Liebe, Singular.

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Selten hat eine bedeutende Autorin in so knappen Worten den Singular in unserer Sprache, in den Sprachen allgemein, dekonstruiert, wie Marlene Streeruwitz. Da ich sie kenne und schätze, muss ich versuchen, nicht einfach ihr Recht zu geben, wo der Weg zu diesem Recht klippig und schwierig ist. Geschlecht. Zahl. Fall. So heißt das neue Buch mit den Poetikvorlesungen zur Joseph-Breitbach-Dozentur 2021, S. Fischer Verlag.

Auf knappen zwei Seiten einer hochverdichteten Vorlesungsreihe wird die HERRschaft des Singular unaufgeregt präzise beschrieben, erläutert, kritisiert und attackiert, wie meines Wissens kein einschlägiges Fachwerk es so präzise könnte. Ich zitiere erst einmal die mir wichtigen Sätze: Was Liebe ist, diktiert sich aus den kulturellen Zusammenhängen im Verhältnis zu der eigenen, gelebten Erfahrung. Aber. Die jeweilige Bedeutungsfüllung eines solchen Worts. Sie ist einerseits notwendig, das Zeichen überhaupt erkennen zu können. Dass es Liebe gibt und dass wir wissen, was dieses Bezeichnete ist, das ermöglicht Kommunikation. Aber. Der Ausschluss aller anderen möglichen Bedeutungen und die Einengung der enthaltenen Bedeutung auf den Singular der jeweiligen Kultur macht andererseits ein Gebot aus dem Wort. So und nicht anders ist Liebe zu verstehen. Jedenfalls bei uns. Dieses in aller Informalität alles bestimmende „So“. (S. 14) Und ähnlich knapp, vermittels ihrer Erfahrung als katholisch sozialisierter Frau, beschreibt sie den Weg von der Liebe zu Jesus zur Liebe zu einem Mann. „Die Vorschrift romantischen Liebens, „Er atmet. Sie atmet in ihm.“, war im Singular der Liebe eingeschlossen. Diese so früh vermittelte Gebotsstruktur hat lebenslängliche Wirkung…Die Verwendung des Singulars verhindert ja schon die Sicht auf den Widerspruch zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Es geht um diese eine, gültige Deutung von Liebe.“  Das Ideal aus dem Singular finden wir nicht, aber „Diese Wahrheit gegen die Einmaligkeit der Bedeutungsanhäufung des Singulars gehalten, wird als Verlust erlebt. Das Aufgeben des Singulars wird als kaum verschmerzbare Amputation gelebt“. (S. 15).

Kaum denkt jemand, na und?, da kommt die Ungeheuerlichkeit dieser Wahrheit zum Vorschein, wenn es nämlich zum Plural käme, wie anders vieles werden würde und müsste. Wir müssen nicht bei der Liebe stehen bleiben, was sie hier auftut, kann man auch übertragen auf andere Abstrakta, auf Glück, Not, Angst, Tod…und wieder, Drehung und Wendung: Volk, Zukunft, Ehre, Land. Natürlich ahnt ihr, worauf das hinausläuft. Aber ihr wisst auch, wie viele Seiten und Nebenwege die verschiedenen Wissenschaften und Poetologien wohl gehen, um das zu erträglich zu machen, was hinter dem Singular steht. Es ist für mich kein Zufall, dass die Vorlesung mit der Liebe beginnt, und später politisch und sehr gegenwärtig sich ausdifferenziert, aber bei der Liebe bricht der Subtext ja wohl bei jedem und jeder Erinnerung hervor.

Denn, was hat nicht alles das Wort „Liebe“ hervorgebracht und bewirkt? Weil sein Plural unkorrekt war, schon lange bevor das politisch gedeutet wurde. Dass und wie die Religionen, die christliche zumal, den Singular zum Dogma gemacht haben, wird nicht dadurch geheilt, dass viele Menschen ihren je eigenen Singular dem Dogma entgegenstellen, aber selten ihre Lieben leben, ohne dass diese nur Vor-Lieben wären…Geht einmal ins Internet und schaut nach, was da steht unter „Liebe bei Paulus“, nur ein Beispiel für den Singular. Nein, die Streeruwitz hält sich nicht bei dieser Rahmung von singulärer Unfreiheit auf. Das Entscheidende ist doch, dass jedes Verlassen dieses Singulars mit schlechtem Gewissen, Strafe, Ausgrenzung – oder Marginalisierung verbunden ist, man muss sich rechtfertigen für den Plural, der ja so nicht vorkommt…ich weiß schon, die Lieben, das sind Liebesbeziehungen, aber nicht der Plural von Liebe; ich weiß schon, wie das etwas weicher gespült werden kann, nur damit nicht die Macht, und die Herrschaft sozusagen vor der Klammer zivilisatorischer Entwicklung festgelegt wird.

Dazu handelt Marlene Streeruwitz den Zusammenhang politisch, kompromisslos weiter ab, und leitet auf die Facetten über, die aus der Maxime kommen, alle: „Immer aber geht es um die vorgeschriebene Eindeutigkeit als Ziel“ (17). Lest das weiter, mit mehr als Gewinn: es aktiviert, und nicht nur das Gewissen.

  • Ich bleibe beim Singular der Liebe.

Der hat mich immer beschäftigt, etwa wenn von der Liebe Gottes die Rede ist, oder der eindeutigen Zweideutigkeit der amor patriae: die Liebe des Vaterlands und die Liebe zum Vaterland verschmelzen im Helden, im Veteranen, im Toten. Und ein Satz verfolgt mich über Jahrzehnte: Ödön von Horvath am Ende der Geschichten aus dem Wienerwald: Du wirst meiner Liebe nicht entgehen. Eine Drohung, die den Begriff zerstört, in dem „man“ „eigentlich“ das Maximum an Menschlichkeit vermuten müsste, eindeutig aus der Liebe Gottes abgeleitet und im Menschen gottähnlich verwirklichbar – aber das muss, kann nicht anders, als zur lebenslangen Amputation führen.

Dass sich die Weltliteratur bis ins kleinste Dorf („Welt“) immer um Liebe und/oder Macht dreht, ist so wenig originell wie trivial, ohne die beiden Singulare wäre die Kultur anders; und, darauf weist Marlene Streeruwitz hin, man muss auch fragen, welche „Identitäten zulässig“ ,   welche Identität behaupten darf – bei uns, diesem seltsamen Uns, das in die Eindeutigkeit gezwungen wird, von der Herrschaft.

(Ein Einschub: in einem früheren Blog habe ich auf Delphine Horvilleur hingewiesen, die eine der Wurzeln des Antisemitismus schon sehr früh darin gesehen hat, dass das Judentum nie fertig ist, nie eindeutig ist, und die anderen Ethnien in ihrer Eindeutigkeit die größten Perspektiven sehen (Horvilleur 2020). Man muss hier nicht die ganze Dialektik der Aufklärung und andere Kritiken der Eindeutigkeit aufrufen, wenn es um Begriffe geht (gerade die Abstrakta sind es ja, die Streeruwitz als Hebel der verengenden Herrschaft erkennt).)

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Die „Weise von Liebe und Tod“ (1899) von Rilke kennen viele, gleich zwei Singulare, gleich die adelige Selbsterhöhung, nicht nur Kitsch, sondern zeitgemäße Selbsterhöhung. Später dann verschwindet diese „Liebe“ weitgehend aus dem Vokabular des Dichters, und die Anklage gegen die männliche Herrschaft wird in den „Späten Gedichten“ in der Nonnen-Klage überdeutlich.

HERR Jesus, – geh vergleiche

dich irgendeinem Mann.

Nun bist du doch der Reiche,

nun hast du Gottes weiche

Herrlichkeiten an.

Lest das weiter, diese vergebliche Nachklage einer nicht erfüllten Liebe, weil sie in der Vorstellung eben keine Liebhaber gehabt hatte, aber nun fragt: „Nun da ich bei keinem schlief / sag: hab ich nichts begangen?“. Da ist dieses „Anti-„ schon drin; bei Streeruwitz kurz angeleuchtet „Im Antirassismus. Im Antifaschismus“ – damit berührt sie den heiklen Punkt, dass bloße Negation noch kein Widerstand ist. Erich Fried:

Ein Faschist, der nichts ist, als

ein Faschist, ist

ein Faschist. 


Aber ein Antifaschist, der

nichts ist, als ein Antifaschist, ist

kein Antifaschist.

Die Vorlesungen von Marlene Streeruwitz zu bedenken und zu besprechen, heißt zunächst sie ganz und gar zu lesen, fast nachzusprechen. Und dann etwas herauszunehmen, was ja schon bedeuten kann, sich etwas herauszunehmen, das sanktioniert wird.

Warum mir das so viel bedeutet, neben der Liebe an einem ganz anderen Beispiel: „Keine neue Herrschaft hat den Singular von Freiheit abgeschafft“ (18) – Beweis: die entkolonialisierte Diktatur, der Normalfall in den meisten Ländern.

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Das alles sind keine Angriffe auf den Universalismus, der in der Würde steckt, die durch den falschen, ja gewalttätigen Singular der Ehre verdeckt wird. Es sind Angriffe auf das Verdecken, das uns möglich wäre, wo die Wirklichkeit, sowie sie ist, uns unterdrückt, bedrückt. Nur der Partikularismus der Herrschaft erlaubt es, die Beherrschten abzuwerten. Die Umkehrung dieses Satzes stimmt auch dann nicht, wenn sie zur Begründung von Revolution genommen wird.

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Aber Dankbarkeit ist eine Kategorie, die weder Singular noch Plural kennt. Wer weiß, wem er/sie wofür Dank entgegenbringt, und warum er/sie dankbar bedacht wird, ist den Schritt weiter, zu dem die Poetikvorlesung von Marlene Streeruwitz ermutigt.

Retten können, trotz Wut und Resignation

Man möchte gerne den noch amtierenden Innenminister und seine Prätorianer abführen, im Büßergewand der Aussätzigen an die polnisch-weißrussische Grenze führen, dort anketten und frieren lassen. Man, d.h. nicht alle, aber ich auch. Man tut es nicht, ich beteilige mich auch nicht, weil Menschenrechtsverletzungen und Zynismus, beide, keine Revanche dulden; man würde sich auf das Niveau des Untam[1] begeben, und damit mitschuldig werden.

Der Konflikt zwischen der EU und Polen, aber auch zwischen der EU und Ungarn, Slowenien, und anderen Mitgliedsländern ist so viel größer als Seehofers Angebot an die Flüchtlingsschinder, und doch ist seine Sicht der Dinge „realistisch“ – das Schinden, bis hin zur Tötung, geschieht wirklich, und ob und wie Putin und Lukashenko schuld sind, oder Putin an Lukashenko, oder wer die Menschen schlechter behandelt, ist wie ein Vergleich von KZ und Gulag – auf der Ebene der Wortklauberei sinnlos und vor allem Zeitvergeudung.

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Als BürgerInnen dieses Staates sind wir allerdings auch an diesem Minister schuldig, und an seinen Untaten. Wir haften, ohne dass wir direkt Verantwortung dafür tragen, was an der deutsch-polnischen und polnisch-belarussischen Grenze geschieht, und an den anderen Außengrenzen der EU, und und und.

Mich regt das doppelt auf. Zum einen, weil es die Schwächen und Versäumnisse, aber auch Fahrlässigkeiten von EU-Verfassung, Kommission und den Mechanismen zeigt – schlimm genug, aber reparierbar. Selbst in der Flüchtlingsfrage, gekoppelt an die Menschenrechte, KANN man etwas machen. Dazu eine Rückerinnerung: als die ehemaligen Sowjetuntertanen aus dem Griff des Poststalinismus befreit wurden, haben wir uns alle gefreut, vor allem, dass und wie sie in die EU gedrängt hatten. Solange Geld floss, und der Kapitalismus neoliberaler Art keine zu schnellen Wunden schlug, hat man alles mit Geld zugedeckt. Es war aber vorherzusehen, dass Befreiung nicht automatisch Demokratie und Republik bedeutet, befreit kann man leichter sein als frei. Ich wurde damals von Liberalen eher verspottet, als ich voraussagte, dass mit der Aufnahme dieser postsowjetischen Länder nicht automatisch ein Zuwachs an Demokratie und guter Politik erfolgen würde, sondern dass eher der Anteil der schlechten Politik des Westens auf die neuen Mitglieder übertragen würde – wenigstens für den Übergang (den ich viel zu kurz prognostiziert hatte, mein Fehler). Die Angst vor Selbstbestimmung und Aufklärung ist in weiten Teilen der Regierungen und einem Teil – keineswegs immer der Mehrheit – der Bevölkerung geradezu mit Händen zu greifen, in Polen kleriko-faschistisch, in Ungarn direkt faschistisch, in vielen anderen Ländern der EU populistisch bis hin zur korrupten Buberlpolitik in Österreich.

Das hindert an wirklicher Politik, ob Klima, ob Flüchtlingsrettung, ob Armutsbekämpfung…

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Der Trigger dieser leicht aggressiven Betrachtung von Seehofers Politik ist ein anderer, nämlich die Frage, wenn wir noch aus Afghanistan retten können, und wenn wir Deutschland heißt, wie koordinieren wir eine langfristige Hilfspolitik der angekommenen Asyl- und Bleibeberechtigten und ggf. ihrer Familien hier im Land und nicht im Stacheldraht unserer Außengrenzen. Das sind ein paar Hundert, noch nicht Tausende, aber es werden sicher mehr. Und hilft das wohlfeile Gehtze gegen Ausländer und Migration nicht, wir brauchen die sowieso und sie ausbilden, sie integrieren – das werden wir doch noch hinkriegen? Oder? Mit den AfghanInnen – ob über Griechenland oder Belarus oder Polen oder. – zeichnet sich der gestrigen Besprechung der Taliban ein ähnliches Dilemma wie mit Polen ab:

https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-10-21/page_2.496974/article_1.5444711/article.html („Punktsieg für Russland“ von Thomas Avenarius). Die Russen verhandeln mit den Taliban und bringen die gleichen Forderungen wie der Westen vor: Schutz von Frauen und Minderheiten, Bekämpfung von Hunger und Armut. Der Westen hat einen Krieg verloren und ist daher in der schlechten Position gegenüber den Siegern. Demokratie und nachhaltige Politik bleiben dabei auf der Strecke…macht doch dem Kreml nichts, aber uns und den AfghanInnen.

Und was machen wir? Keine rhetorische Frage, und jetzt, bevor wir den Seehofers den Zapfenstreich blasen, kann man noch darauf drängen, dass die neue Regierung das deutsche Gewicht in der EU nutzt, um eben das zu ändern, was uns jetzt blockiert. Wenigstens eine Korrektur von Dublinabkommen, Aufnahme- und Asylbedingungen und Verteilung von ankommenden Geflüchteten MUSS im Programm stehen und verwirklicht werden.


[1] In keinem der etymologischen Wörterbücher mehr verzeichnet: Untam ist nicht die Ableitung aus „untamed“=wild, ungezähmt, sondern meint einen, der kein Tam ist (der wäre ein Guter, Kluger etc.), aber den Tam gibt es nicht, und der Untam, unvergesslich aus der Wiener Kindheit, ist ein Naffel oder sonstwie aus der Reihe der Respektierten tanzender – so wurde ich auch bisweilen beschimpft. Später nicht mehr, da war der Begriff verschwunden.