Deutsch-Österreich, war da was?

Warnung: dieser Blog ist typisch österreichisch, fragmentarisch, inkonsequent, bedeutungsarm und anspielungsreich. Das ist ein probates Mittel meines Herkunftslandes, eine ganz wichtige Aussage so zu verpacken, dass sie wenigstens bis zum Ende des Textes frisch bleibt. Es ist der erste Blog in Reihe, Österreich betreffend.

WIENER ZU BESUCH IN WIEN

Vor ein paar Wochen, von drei Tagen aus Wien zurück, in das schwierige Umfeld von Arbeit unter Zeitdruck und Vorfreude auf andere Freizeiten, muss ich ein Thema anreichern, das bei mir mehrere Regalmeter und in der Literatur (Wissenschaft, Kultur, Trivial- und Vorurteilswelt) Bibliotheken füllt. Es gibt drei Anlässe, einige Überlegungen mit Ihnen zu teilen:

  1. Ein Auslöser ist das frappierende Erlebnis eines funktionierenden ÖPNV in Wien, mit einer raschen Zugfolge pünktlicher Verbindungen, höflichen zweisprachigen Ansagen und einem Maximum an Orientierung – da ich dies im Alltag hier wirklich vermisse und mich resigniert ständiger Wutausbrüche enthalte, also eine positive Nachtricht mit der Frage – warum die dort in Wien und nicht wir hier in Berlin?
  2. Ein zweiter Auslöser ist viel ernster und sitzt bei mir tief. Ich liebe Musik, ohne sie anders als hörend und interpretierend zu erfahren (frühere Versuche zu spielen gehören meiner abgeschlossenen Vergangenheit an. Ich muss hier deutlich sagen, dass meine Vorlieben vor und bis Monteverdi liegen, und dann mit der Wiener Klassik beginnen, bevor sie sich bis in die Gegenwart verzweigen. Da fällt mir ein Buch in die Hände: Ian Bostridge: Schuberts Winterreise (C.H.Beck 2017). Nun habe ich mit der Winterreise und Schubert schon einige biographische und  sonst wichtige Verbindungen, aber von einem der besten Sänger dieses einmaligen Zyklus das zu lesen, ist etwas besonderes: hier wird ein Zyklus – Gedichte von Müller und Musik des Wieners Schubert in jeder Hinsicht – politisch, psychoanalytisch, ästhetisch, auch ein wenig musikologisch os interpretiert, dass es lesbar und – teilweise erschreckend ist. Dazu später, hier aber die Frage: warum der Wiener Schubert aus dem österreichischen Biedermeier eine so mächtige Ausstrahlung in die deutsche Romantik und die Verbindung des deutschen Liedes mit der schrecklichen nachfolgenden Geschichte haben sollte – und trotzdem bleibt Österreich als etwas anderes sichtbar. (Thomas Manns Zauberberg mit dem Lindenbaum als Zentrum und Ausklang – Nähe und Distanz zum Todestrieb zugleich)
  3. Und dann die anamnestische Wiederbegegnung mit meinem Wien, die ich ein-, zweimal im Jahr habe und die mir vor Augen führt, was vielleicht meine Enkelinnen so nicht mehr wirklich erleben werden, was aber erstaunlich widerständig sich der Verwandlung der wachsenden Millionenstadt in eine zeitgenössische widersetzt und wie die neue Stadt mir teilweise entgleitet, teilweise mich aber festhält.

Nein, ich habe nichts besseres zu tun, als die drei Auslöser zu verbinden und darüber nachzudenken, warum Deutschland und Berlin doch etwas anderes sind als Österreich und Wien.

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Vor kurzem habe ich in einem Vortrag wiederum erwähnt, wie seltsam es ist, dass jüdische Österreicher*innen aus dem alten und auch aus dem Nachkriegsösterreich immer dann der deutschen Kultur zugerechnet werden, wenn es um ihren Beitrag zu derselben geht: Freud, Kafka, Mahler, Karl Kraus…das Umgekehrte ist ganz selten. Ausgeweitet kann man das auch am Beitrag der Österreicher zu der großen Literatur und zu anderen Kulturbereichen erkennen, wo man dann gar nicht auf das Jüdische schauen muss. (Da ich in Wien GEBOREN  wurde, gehöre ich auch nicht tentativ zu dieser Liste. Aber der peinliche Witz eines deutschen Regierungspräsidenten, dass wir Österreich stolz darauf sind, dass Hitler deutscher, und Beethoven österreichischer Bürger war – ein überall gern erzählter Unsinn – sitzt bei mir tief. ich war damals deutscher Beamter, Behördenleiter und sprach mit dem Flegel hochdeutsch).

Augenscheinlich ist die Sprach- und Kulturnation „Deutschland“ so komplement-bedürftig, dass es ohne die dauernde Transfusion aus Wien (und den Schweizer Alpen) nicht geht. Was übrigens während der Studentenrevolte 68 zu heftigen Disputen mit meinen deutschen Genossen führte, die nur Politik, nie Literatur lasen und deshalb Politik aus Wien nicht verstanden).

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Ich leide an einem etwas verzerrten Patriotismus. Es freut mich, wenn ich deutsche Gastarbeiter als Hüttenwirte in den Schutzhütten antreffe. Wenn gelungene Bahnhofsneubauten in Salzburg und Wien trotz aller Skandale und Ärgernisse so fertig in Betrieb sind wie die Wiener Flughafenerweiterung. Es freut mich, dass in der Statistik pro Kopf der Bevölkerung die Österreicher 3000 € mehr im BIP haben als die Deutschen. Und dass die Donau breiter ist als der Rhein. Und: die Deutschen können nicht kochen, jedenfalls in der Mehrheit.

Das ist natürlich nicht patriotisch, es deckt auf keine offene Wunde ab, aber es hilft bei der Rache an dem seltsamen Nachkriegs-Anschluss, den Deutschland im und nach dem Wirtschaftswunder immer wieder ökonomisch versucht hatte. Noch 68, in der Studentenbewegung, hatte ich „deutsche Verhältnisse“ als erstrebenswert für die gesellschaftliche Dynamik empfohlen, auch, weil vor diesen Verhältnissen von offizieller Seite nachdrücklich gewarnt wurde.Das ist kein Widerspruch zur Kritik am Selbstbildungspotenzial, das deutscherseits von den Studis damals verschenkt wurde.

Österreich hat sich außenpolitisch oft weggeduckt, das war nicht nur unklug. Innenpolitisch hat das Land eine Vulgarität und Gemeinheit hervorgebracht, die Beobachter, auch aus Deutschland, als –> Wiener Schmäh missverstanden. Und dann hat Österreich ein kluge und nachhaltige Politik umgesetzt in vielen Lebensbereichen, die bei den Deutschen keinen Neid erweckte, weil sie gar nicht hinschauten.

Der deutschen Verhältnisse (unter anderem) wegen habe ich Österreich 1974 verlassen und es nicht bereut. Aber mir fällt auf, dass ich mich wie ein richtiger –> Diasporist verhalte. (Jüdisch ist einer, der tausende Jahre über die Heimkehr nach Israel nachdenkt; die österreichische Diaspora träumt von einer Rückkehr nach Wien oder wenigstens in ein alpines Bundesland, oder wenigstens von einem Grab ehrenhalber oder gar Ehrengrab am „Zentral“ (-friedhof) post mortem). Die jüdische österreichische Diaspora überlegt nicht, wo sie begraben werden möchte, sondern wie sie leben möchte.

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Mein Blog ist ja keine getarnte Autobiographie, und als Nostalgiekästlein taugt er auch nicht. Aber ich brauchte einen Aufhänger für eine bitterernste Vergleichsübung. Bald gibt es in Österreich Wahlen, kurz nach den Wahlen in Deutschland, und Kurz heisst der wahrscheinliche Wahlsieger, ein junger Mann im Schatten des Vorbilds Horst Seehofer, nicht weniger aggressiv und ausländerfeindlich, aber gescheiter und mit mehr Potenzial. Ich nenne ihn gerne Kurtz, nach Joseph Conrad oder Apokalypse now, aber das ist vielleicht ungerecht.

Ob dann die Nazis von der FPÖ mit den Sozialdemokraten (SPÖ) oder mit der ÖVP des Herrn Kurz regieren werden, ist eine Frage, die schon fast – hoffentlich nicht sicher – als Prognose erscheint. Ob diese Nazis Kreide fressen oder sich wie die AfD oder andere Trump-Verehrer verhalten, wissen wir nicht. Was wir aber wissen, und warum ich nicht so pessimistisch bin, ist etwas anderes: der kulturelle Widerstand gegen die deutsche, d.h. konkret deutschnationale Leitkultur der österreichischen Rechten, wird relativ stärker, hartnäckiger und erfolgreicher sein als die analoge in Deutschland.  Das zu begründen wäre sehr aufwändig, aber ein Hinweis kann sein, dass die Deutschen immer „deutsch“ sein wollten (weil sie sonst nichts hatten, vor 1871) und die Österreicher zwar immer „deutsch“ als erstes Attribut anführten, dann aber viele Ethnien, Genealogien, Sprachen und Kulturen politisch vereinen mussten, weshalb nur wirkliche Deppen glauben konnten, die deutsche Sprache Restösterreichs würde eine nationale Identität stiften können – der Einfluss von Literatur, Musik und allen Künsten, sowie die Bestückung von Vorstandsposten und Küchen mit Österreichern in Deutschland ist ja gerade so frappierend, weil selbst die deutsche Sprache aus Österreich und nicht aus Deutschland kommt. Ich wollte fast schreiben „unsere deutsche Sprache“.

Antistrophe: ein paar Wochen später. Besuch in dem Ort, in dem ich als Kind aufgewachsen bin, noch nicht bewusst der Tatsache, dass ich ja Wiener bin….Im Lindenbaum heisst es: „Nun bin ich manche Stunde/entfernt von jenem Ort,/Und immer hör ich’s rauschen:/Du fändest Ruhe dort“. –> Ebensee ist kein Lindenbaum, und den Weg dahin habe ich in allen möglichen Varianten für die Kinder, Enkel, Freunde, Tagebücher beschrieben – nicht hier. Aber die Brücke  darin schließt direkt an die Frage an: ist das, was ich in Österreich auch sehe, nicht schon ein europäisches Phänomen, könnte es ein Bayer, Gott behüte, oder ein Belgier oder Lette nicht auch so empfinden und wahrnehmen?

AUSTROTRUMP und RUSTBELT

Ebensee. Es war immer ein historisch beladener, bedeutsamer Fremdkörper in der Holz- und Salzlandschaft des Salzkammerguts gewesen. Der Industrieort hatte seine Klassenkonflikte, seine Traditionsbrüche, seine politische Geschichte, immer stark durch die Geographie mitbestimmt. Meine Kindheit hier und die wiederkehrenden Ferien und Urlaube haben mich auch Veränderungen aufnehmen lassen, es gab keine grossen Intervalle in der Umgebung meiner hier epizentrischen Familie. Ein Bruder und seine Frau leben hier noch in der Wohnung aller Wohnungen, wo sich Generationen stauten, wo Geschäft und Privates sich bis in die Hinterzimmer mischten, wo die Nachtglocke der Apotheke auch den Tagesrhythmus bestimmte.

Weil sich dieses Segment von Heimat so tief eingeprägt hat, dienen die Beobachtungen auch zur Verallgemeinerung. Österreich steht vor einer Wahl, die Nazis sind längst regierungsfähig und hof-fähig. In Ebensee gabs Jahrzehntelang eine rote Ortsregierung (SPÖ). In der Vergangenheit war der Ort rot, mit Kommunisten und Sozis, dann stark braun, mit Widerstand, dann wieder rot…das ist ja nicht so aussergewöhnlich, aber es war halt der Industrieort in der sich entwickelnden Touristenregion. Nach dem Krieg aber blühte der Ort auf mässigem Niveau. Die Kinder gingen meist zur Hauptschule und in die Berufsschule, sie kamen bei der Bahn, bei der Post, bei der Saline, der Solvay, den anderen kleiner Industrien und im Gewerbe unter (Unterkommen war Entwicklungsziel), Frühpension ein Lebensziel, in unserem engen alten Ortsteil konzentrierte sich die Bourgeoisie, die Kriegsschäden verschwanden, es entstand kein Zentrum, sondern eine Willkür. Immerhin: mehr als 10000 Einwohner, fünf Ärzte, unsere Apotheke, später eine zweite jenseits der Traun, elf Wirtshäuser entlang der Markt- und Berggasse, Einzelhandel, Bäckereien, drei Fleischer im Ortszentrum, und einer drüben.

Temps perdu. Die Saline wanderte flussaufwärts, Die Solvay baute bis auf Reste ab, die Weberei verschwand, der Ort wuchs die Wiesen jenseits der Traun zu, ein Einkaufszentrum entstand, die Dampferanlegestelle und die beiden Dampfer Gisela und Elisabeth verschwanden, neue kleine Fahrgastschiffe blieben gleichwohl. Dann wurde die neue Traunbrücke, deren Bau ich in den 60er Jahren noch erlebt hatte, baufällig und gesperrt. Vor ein paar Jahren. Weil es ohnedies die Bundestrassenumfahrung gibt, hat man es mit dem Neubau nicht eilig. A tale of two cities, jenseits der Traun, der grössere Ortsteil ist nun vom Zentrum abgeschnitten, das Zentrum behält ein paar Funktionen (Gemeindeamt, Kirche, eine Apotheke, Friedhof und die Zufahrt zu den Touristenstellen Seilbahn und Seen, aber das Leben ist anderswo. Kein Gasthaus mehr in der Marktgasse, keine Kaufhäuser, keine Bäckereien, keine Fleischer, keine Buchhandlung, kein Blumenladen, keine Trafik!

Noch gibt es einen Lederhosenmacher, den Friseur. Das Schuhgeschäft verkauft Ramsch, im Textilladen annoncieren die beiden esoterischen Töchter ihre Dienste. Drüben ists nicht viel besser, jenseits der Traun, aber immerhin jünger. Menschen bauen weiter Einfamilienhäuser, weil Gmunden und Altmünster zu teuer sind. Das Kino spielt noch seltener.

Würden andere Orte verschandelt oder prekär, man hätte nostalgisch mehr Ursache sich zu grämen. Aber Ebensee war bis auf ein paar Punkte nie schön. Es dokumentiert umso mehr den Wandel, verschuldet durch schlechte Politik, Unbildung, Ressentiment. Das, was zum Leben gehört, Bücher, Blumen, Kleidung usw. ist einer massierten Angebotspolitik gewichen oder verschwunden. Es gibt keine Erinnerung daran. Der Ort ist trashig, und nur an den Peripherien sind Widerstandsnester erhalten, das Museum, die KZ Gedenkstätte, aber auch der Lebensstil der erinnerten richtigen Zeit. (Richtig heisst hier, dass sie zukunftshaltig war, nicht dass sie gut und alt war).

Pittsburgh, der Rust-Belt, White Trash und Österreich.

Ich untermische das nicht mit meinen ausführlichen Memoiren aus der Kindheit und Jugend, die zur Autobiographie, aber noch nicht zur Zeitgeschichte zählen. Der Versuch, zu entsubjektivieren, ist mühsam, weil sich natürlich auch Gewissheiten von Verlust einstellen. Würde ich jemals meiner Josefine erzählen, „wie es früher war“? Und was sollte sie sich darunter vorstellen? Und wie es sein wird –  das ist allerdings leider vorhersehbar. Österreich wird West-Virginia – in der europäischen Analogie, die stärker mit Verlusten und Zeit behaftet ist, bei der vielleicht auch mehr zu verfallen ist.

Widerstand dem entgegensetzen, wird schwierig. Es kann nicht ohne Europa, ohne Republikanismus, ohne Bildung gehen – jeder zehnte Berufstätige in Österreich kann nicht gut lesen und schreiben, sagt selbst die Regierung – aber damit es mit Europa, Republik und Denken geht, reichen längst die Wahlen und Rituale nicht mehr aus.

Den Grenzfläche zu einem erstarrenden, unfruchtbaren Konservatismus ist sehr fragil. In vielen Fällen kann ich sagen: früher war wirklich alles schlechter (die Spiegel Kolumne ist da nicht verkehrt), und in ebenso vielen kann ich sagen: alles war früher besser. Das liberale „es war anders“ in beiden Fällen ist blödsinnig wahr und stimmt oft nicht. Dass man Dinge ändern müsse, damit sie die gleichen bleiben (Lampedusa) hat sich ja oft bewahrheitet, und dann haben sich die Umgebung und der Kontext verändert, und die gleichen Dinge sind nicht mehr dieselben, und alles wird schräg. Bei meiner Fahrt von Ebensee nach Salzburg und durch die Dörfer habe ich viel Schönes gesehen, das eine Beziehung zur Erinnerung an eben die gleiche Schönheit getragen hat, jetzt aber gerahmt von heutigen Erscheinungen, die dem widersprechen und McDonald, Esso und Billa heissen. Die Frage ist immer, welche Kompromisse mit dem Fortschritt gefallen mir und sollen doch uns gemeinsam ein Urteil wert sind, und darin müssen wir uns von den Kulturnazis alles Couleur, ja, auch Ihr Linken, aller Couleur, unterscheiden. Warum Nazis? Weil die wussten, wenn man erst die Moral und die Ästhetik verhunzt hat, kommt man an den Rest umso leichter. Das wusste natürlich die DDR auch, darum hatte sie ja so viel Nazi-Erbe. Und warum die harten Worte? Weil es eben nicht stimmt, dass diese Art von Vergleichen die Nazi-Zeit verharmlose, ganz im Gegenteil. Wenn ich eine Zukunft will, muss ich die Erinnerung mit dem kulturellen Gedächtnis verknüpfen, und nicht meinen Geschmack gegen den Lauf der Zeit stellen und aufwiegen.

Sentimental kann einem werden, was man an Ebensee hat verschwinden sehen. Das war aber die Oberfläche eines Verhaltens der Bewohner, der Farbe an ihren Häusern, der Embleme für ihren Lebensstil – dass das damals genauso Nazis, Kommunisten, Kreuzelschlucker und Opportunisten waren, die alle daran mitgearbeitet haben, dass es wo würde, wie es jetzt ist, war damals nicht und erst später in Ansätzen absehbar. Darum auch sind Jugenderinnerungen doch wichtig. Nicht so sehr, um sich seiner selbst zu vergewissern.

Was es für ein Leben bedeutet, keine Buchhandlung vor Ort zu haben, keinen Fleischer sondern nur eine Fleischtheke, keinen Wirten sondern nur Fastdrinktheken, kein tägliches Kino…das kann kein Kompensationstheoretiker abmildern, es behindert unsere Evolution – auch wenn die Früchte im Supermarkt sauberer, vielleicht öko und bio geadelt wären. Darum eben geht es NICHT.

*

Man verfällt leicht in Kulturpessimismus und macht sich doch nur lächerlich, weil das Gute Alte nur gut in Ansehung der eigenen reflektierten Geschichte ist, und vieles, das jetzt schrecklich ist – Mc Donalds zum Beispiel oder Starbucks oder Libro oder überall die gleichen Ketten, ist auch Produkt unserer Abwehr des Alten und der Übernahme des Neuen als Fortschritt. Wir sind natürlich vom Krämer zum Supermarkt fort geschritten, sowie die Klassentrennung vom Proletariat und den Prekären durch die Mehrwertsteuer bewirkt wird, unter der wir am wenigsten leiden. Das aber sagt die AfD auch und will sie auf 12% senken. Dass wir es nie gesagt haben und statt dessen ja vom Steuersystem profitieren, sagen wir nicht so laut immer dazu.

In Österreich, darum geht es ja jetzt, verlangt die FPÖ das Ende der staatlichen Finanzierung von Kultur, also v.a. der Subventionierung von Kulturereignissen (high) und Events (lower). Aber ich ärgere mich, wenn die staatliche Leistung für die Kultur an Ordnungen gebunden ist, die ich für falsch halte, von der Zensur bis zum Recht auf Versorgung des Künstlers ohne Gegenleistung (also dass jemand Künstler ist und nicht was er macht…. DDR Variante oder österreichische Bahnbediensteten Variante …“Unterkommen“.

Nun fördert die öffentliche Hand alle Kunst und Kultur in Österreich besser als in Deutschland, absolut und relativ. Aber der Kampf dagegen wird auch hier von allen Seiten geführt und die negative Prognose, wie es nach uns sein wird, und wovon meine Enkelinnen nicht mehr profitieren können, nur noch nach hinten, also in meine Gegenwart träumen, ist so ähnlich wie wenn jemand meinen Urenkeln von Schmetterlingen erzählte und dazu sagte, zu Michaels Zeit hätte es sie gegeben. Die Politik, und nicht nur meine ästhetische Praxis zur stilsicheren Verbesserung meines Lebens, die Politik sollte verpflichtend die Erinnerung dort pflegen, wo sie nicht Erneuerung selbst betreiben kann, aber dann die Erneuerung auch nicht behindern.

Widerspruch und Einspruch: der Vergleich bringt nichts. D ist D und A ist A. Die Vorlieben sind sozialisationsbedingt und folgen der kulturellen Erfahrung. Aber der Vergleich ist kulturogenetisch unausweichlich. Fortsetzung folgt.

Nachwort: ich schreibe das in den Südtiroler Bergen, aufder Südseite des Zillertaler Alpenhauptkammes im Ahrntal. Ich bin hier in vielen Ländern zugleich, und doch nur in einem kleinen Gebiet in den Bergen, wo ein Zweig des Jakobswegs begann. Ich bin in S.Giacomo/St. Jakob und viele Kapellen sind muscheltragend dem Heiligen gewidmet. Nach einer Bergtour und entsprechender Umwidmung der körpereigenen Befindlichkeiten, bevor das Gemüt drankommt, sind diese Gedanken viel näherliegend als die Wirklichkeit. Ich lese hier natürlich von Maizieres neuerlicher Deportation mit 77 Afghanen – möge er selbst deportiert werden!, ich lese von Trump und Erdögan und Kim und Aung und…ich schalte gerade nicht ab, aber ich weiss, dass genau diese Gleichzeitigkeit der Ereignisse die Ungleichzeitigkeit der notwendigen Politik, die Zeit des notwendigen Bewusstseins bis zur Praxis, prägt. Hoffentlich schneit es morgen nicht wieder.

 

 

 

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HARVARD IST AUCH NICHT MEHR. WAS ES WAR

Chelsea Manning sollte Visiting Fellow in der besten Universität der USA werden. Chelsea Manning gehört zu denen, die das Verdienst haben, geheime Informationen aus moralisch und politisch fragwürdigen Geheimdienstoperationen veröffentlicht zu haben. Sie erinnern sich: damals noch als Bradley Edward Manning weltbekannt, verurteilt, von Obama begnadigt, nunmehr Chelsea Manning.

https://www.yahoo.com/gma/cia-director-bails-harvard-speech-over-chelsea-manning-062805724–abc-news-topstories.html?soc_src=hl-viewer&soc_trk=ma

Weil Herr Pompeo, Trumps CIA-Underling, nicht in Harvard sprechen wollte, wenn sie, Chelsea Manning, weiter dort als Fellow eingeladen würde, machte dieser Hort der Wissenschaftsfreiheit einen Rückzieher. Die Begründung des zuständigen Dekans ist abenteuerlich.

Man kann sich auf nichts mehr verlassen….

 

Nachtgedanken

In der Schaubühne gibt man den Professor Bernhardi von Schnitzler, vorzüglich gespielt und inszeniert. Das Stück ist von 1913 und erschreckend aktuell, mit drei vier Wortveränderungen ist es von ganz heute. Allein das Programmheft macht deutlich, wie wichtig die 10er Jahres des 20. Jahrhunderts waren, und ich fürchte, die 10er Jahre des 21. sind es auch, noch mehr. Zensur und Problembewusstsein im Vorfeld des Großen Krieges – zu Recht bezeichnet Schnitzler dieses Drama als Komödie. Man muss lachen, wenn man die Institutionen einschließlich ihrer Gegner erodieren sieht. (Wer Zeit hat, soll vor allem das Gespräch von Regisseur Ostermeier mit Heinz Bude dazu lesen).

Den Horizont der Möglichkeit des Gelingens haben Freud wie Schnitzlder in den Knochen – und den gibt es nicht mehr. Weil vor ihren Augen eine Möglichkeit des Gelingens zerfällt. Und das ist für das Bürgertum natürlich charakteristisch: Sie wollen und können sich weder der faschistischen noch der kommunistischen Variante anschließen.

(Heinz Bude: …aus dem Programmheft S. 35).

Wo ist die „Mitte“?, das ist die Quizfrage der unernsten Politik.

Wer das Stück nicht kennt, hat von der Kurzrezension wenig, aber neben der Aufforderungen zu lesen und zu schauen kann man schon eine Konsequenz ziehen: nicht was grässlich aussieht, ist das Schlimmste, sondern was zu einem irren Lachen reizt, legt die Wahrnehmungsorgane offen und macht sie für einen Augenblick bereit,die Wahrheit zu schauen – die wird dir nimmermehr erfreulich sein, sagt Schiller, und recht hat er: wenn man sich ihr naht durch Schuld. Und unsere Schuld ist, die Verhältnisse zu ertragen, nicht aus Opportunismus, sondern aus mangelndem Leistungswillen zur Veränderung.

Revolution? Verweigerung? Empörung? Hinnahme? Die Ratgeberliteratur auch in der Politik ist unübersehbar und unerträglich. (Keiner von uns, auch ich nicht, ist gefeit davor, selbst in den Beraterduktus zu verfallen). Sich dagegen zu wehren, heisst, das zu verändern, was sich noch nicht als versteinerte Grundlage der Herrschaft den Spielräumen verweigert, in denen Macht noch zu verteilen und auszuüben: der Sinn aller Politik ist die Freiheit (H.A.), und die Freiheit hat etwas mit dem Élan vital, mit der Leistung zu überleben zu tun, eine Leistung, die wir bestenfalls zwei Generationen im Voraus denken können. Also können wir nicht nur Gut udn Böse unterscheiden, sondern auch, was wichtig und was unwichtig ist.

Das ist die Einsicht aus Verzweiflung, die mich immer wieder neu ansetzen lässt. Viele Leser*innen dieses Blogs folgen mir mittlerweile darin, dass ich gerad,e weil es so wenige Auswege gibt, diese ganz anders nutzen möchte als in Allem alles „politisch“ zu sehen und zu denken, man könne überall anfangen.

Ein böses Beispiel nach dem andern: wenns um die Stickoxydreduzierung geht, sind mir die geschlechtergerechten Aufschriften auf Toiletten gleichgültig. Wenn es um die Zensur aus politischer Korrektheit geht, sind mir die Argumente unreifer linker Studentenvertretungen egal (Hinweis __> Recherchieren, was sich an der sog. Alice-Salomon-Hochschule mit der Entfernung eines Gedichts von Eugen Gomringer getan hat). Wenn es um die Türkei geht, gibt es keine eindeutige Lösung eines Problems, das nie offen ausdiksutiert und wahrgenommen wird (dazu schreiben und denken alle, aber kaum jemand kann mit der Ambiguität umgehen, dass und wie man mit Diktaturen umgehen sollte…), und plötzlich wird aus meinen moralischen Spaziergängen blutiger Ernst, blutig, weil Erdögan die deutschen Geisel ja bis zum Verbluten einsperrt, um damit die Auslieferung seiner Gegner aus Deutschland zu erpressen. So, und jetzt darf sich jede(r) von uns in die Lage versetzen, als Außenminister oder Kanzlerin zu agieren. Was tun? Und herauszufinden, was die Beispiele mit einander zu tun haben.

In jedem Beispiel ist immer die ganze Welt enhalten, und trotzdem hängt NICHT alles mit allem zusammen; und trotzdem muss ich in jedem Fall die Reichweite, die Konsequenzen für die Welt abschätzen, bevor ich meine Kraft erschöpfe, das Problem angemessen komplex zu lösen. Im Diesfall muss es zur Anwendung staatlicher Gewalt gegen die Autokonzerne kommen, des Strafrechts und der Inkaufnahme große Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt dieser Industrie. Das heisst auch, das Gewaltmonopol darf vor der Arbeitsplatzargumentation und Exportindustrie so wenig Halt machen wie vor der völkisch-blöden Verweigerung von Geschwindigkeitsregulierung und dem Umstieg auf die Bahn. Das hat Folgen für die gesamte Wirtschaft, vielleicht sogar langfristig gute, aber diese Gewalt muss sein.

Da wird ein Gedicht von Eugen Gomringer, einem der guten Dichter der letzten Jahrzehnte, von einer Hochschulwand entfernt,weil ein ASTA mutmasst,es könnte als geschlechterdiskriminierend empfunden werden. Für ganz Eilige: https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Gomringer . In allen Medien wird darüber berichtet. Für mich ist nicht entscheidend, dass das Gedicht Avenidas bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Reaktionen auslöst, dass man zwar keinen Kontext zur Frauenfeindlichkeit erkennen, aber wie üer konstruieren kann, sondern, dass plötzlich die sogenannte Meinung, die Empfindung verallgemeinernd politisiert wird. Aus einem Gespräch mit dem Rektor:

Teilen Sie die Ansicht des Asta, dass dieses Gedicht „wie eine Farce“ wirke und daran erinnere, „dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können“?

Nein, aber wir nehmen diese Rückmeldung von Studierenden sehr ernst, insbesondere dann, wenn sich Personen diskriminiert fühlen.

(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/asta-der-alice-salomon-hochschule-will-ein-gedicht-von-der-fassade-entfernen-lassen-15172671.html)

Wenn ich mich diskriminiert „fühle“, habe ich das Recht, gleichberechtigt in die Politik einzugreifen. Wenn ich diskriminiert „bin“, lässt sich das empirisch und im Kontext bestimmen. Was aber da eine Psyche fühlt, projiziert die objektive Diskriminierung von Frauen – die ich genauso bekämpfe wie viele ander auch – in einen Gemütszustand, der alles un jedes, das einem unangenehm aufstößt zur res publica machen darf. Das ist das gegenteil von Politik und schadet natürlich den Frauen. Dass es dem ASTA nichts nütze, erfordert jetzt schon der Stellungnahme.

So, und warum gleich die Türkei oder Nordkorea in den Kontext stellen: weil das ja jetzt geschieht. Was Korea betrifft, ist die amerikanische Logik „Überwachen und Strafen“, da will ich diesmal nicht ran. Was die Türkei betrifft, ist es schwieriger: 50% alle erwachsenen Türken sind gegen Erdögan. Die Mehrzahl der in Deutschland lebenden Türken sind für den fernen Diktator, a) weil sie nicht in der Türkei leben, und b) weil ihnen Deutschland nicht genug Anreize zur zivilen Integration in die Offene Gesellschaft bietet. Wir sind daran beteiligt, aber nicht „schuld“. Es gibt hier keine eindeutige Lösung des Problems, also muss es ambig gelöst werden. z.B. Wirtschaftssanktionen, NATO Suspendierungen, Aussetzen von Assoziierungsprämien usw. ABER nicht mit dem Abbruch der EU Integration drohen. Wie kommen 50% der Türken, die vernünftigere Mehrheit, dazu, in einer osmanischen Despotie zu verkommen? Wie kommen wir dazu, die Achse der Diktatoren, von Putin bis Duterte, mutwillig zu verstärken? Wenn wir nicht einmal eine Reisewarnung für knausrige Touristen wagen, wie wollen wir dann Politik machen?

Wir sollen die Gülen-Anhänger ausliefern. Gülen verhält sich zu Erdögan wie Trotzki zu Stalin. Wenn trotzki an die Macht gekommen wäre, wer weiß, ob er schlimmer oder besser regiert hätte. Ist er aber nicht. Stellen Sie sich einen blödsinnigen Spruch vor: WIR SIND ALLE GÜLEN. So aber sieht Erdögan uns, und wie bei den Moskauer Prozessen ist der Vorwurf des Gülenismus ein Ideologicum und nichts Reales, selbst wenn es millionenfache Anhänger des Gülen in USA und bei uns und in der Türkei gäbe. Auch hier finden Verwechslungen von Tatsachen mit virtuellen Realitäten, nicht unbedingt Fake-News, aber Unwirklichkeiten statt. Erdögan in der Komödie bis zum bitteren Ende?

Vorschlag: aus diesen drei Beispielen und der Vorrede keine Konsequenz ziehen als einmal konsequent die Kontexte auszuarbeiten, herauszuarbeiten, sich gescheit machen, d.h. sich kritisch auch gegenüber den eigenen Reflexen machen. Sorry, das war ein Rat. Ich breche ab….

 

 

Mal ehrlich…

So fangen meistens unsägliche Sätze an, und es folgt oft keine aufrichtige Aussage.

In Paris hatten sich vier wichtige europäische Politiker getroffen, mit afrikanischen Unterlingen und dem zweifelhaften Partner Lybien. Ziel: Europa abschotten. Jeder weiß, das kann nicht gelingen, aber man möchte Zeit gewinnen – über die Wahlen hinaus, über neue, überlagernde Ereignisse hinaus, – so hatte man früher auf Wunder gehofft. Das Rettende naht nicht.

Mal ehrlich – was wir an der Nazi-Politik der AfD kritisieren, ist klar; was wir an der Entwicklungszusammenarbeit kritisieren, wissen die großen NGOs und Wissenschaft genau zu untermauern; was wir an Einwanderung und Hilfeleistung ändern wollen, steht im Programm fest. Etwa so, wie Claudia Roth es heute (29.8.) früh im DLF gesagt hat. Alles richtig. Aber mal ehrlich …was täte ich, wäre ich hier und heute ziuständiger Minister? wie könnte ich die Handelsbeziehungen zu den Herkunftsländern schnell und wirkungsvoll gerechter und nachhaltiger umgestalten. Wie könnte ich den Export von Waffen in diese Länder nicht von Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern unterbinden? (Mit Gewalt, mit Waffengewalt?). Wie könnte ich unseren Agrarmarkt gegen die Ansprücher der der geplagten Länder schützen? Mal ehrlich…allein natürlich gar nicht, aber sagen wir: mit einer wichtigen Partei, in starker Position in einer Regierung, mit viel Europaparlament hinter mir und vor mir?

Fehlanzeige. Im Prinzip wissen alle, was zu tun ist; im Prinzip, aber sie verstecken sich hinter nationalen Interessen – unzulässig – oder hinter pragmatischen Hürden – meist unzulässig – oder hinter unklaren Machtverschiebungen – oft zulässig (war es nicht unter Saddam oder Ghadaffi oder Sadat doch noch etwas besser?)….also: mit dem Prinzip funktioniert es nicht. Globalpolitisch könnte es nur nach einem Kataklysma – viele Fukushimas, viele Harveys, viele Weltwirtschaftskrisen – mit einer erneuten und verbesaserten Ermächtigung der Vereinten Nationen funktionieren – mit durchgesetzter Gewaltanwendung gegen Spoiler. Oder wir erklären die gesellschaftliche Evolution für gescheitert und vertrazuen darauf, dass der Absturz bei uns nicht so schlimm wird, wie anderswo. Wie ein sehr kluger, philosophischer Freund sagt: wir sind schon im Dritten Weltkrieg, wie müssen ihn nicht erwarten.

Mal ehrlich…ach, Klappe. Sich in die Politik und ihre Entscheidungen hineinzuversetzen, also institutionelle Empathie zu entwickeln, könnte wenigstens den Ton moderieren, in dem die Unvergleichbarkeit der eigenen Position mit der von Politikern diskutiert wird (das ist, wenn auch nicht gleich merkbar, ein Argument FÜR die repräsentative Demokratie und gegen diese anscheinende Gleichheit der plebiszitären Richtung).

Wenn ich wieder höre: mal ehrlich, schalt ich ab.

*

Warum ich das schreibe? weil ich nicht wüsste, wie ich beim Pariser Gipfel eine andere Politik vorschlagen und durchsetzen hätte können. Forderungen hab ich schon ganz viele zum Thema, Ideen auch, aber wie sie verhandeln, dass etwas dabei herauskommt. Diese bescheidenen Töne sind wie ein Lackmustest: wenn sie bei nebensächlichen oder kleinen Problemen kommen, sind sie oft peinliches Understatement oder – Flucht vor der Praxis. Aber bei der globalen Fluchtsituation?

Das führt mich wieder zu Finis terrae, zur Politik in – nicht aus – Verzweiflung und der geringen Chance, die eigenen Vorstellungen auch noch im Stadium ihrer Verwirklichung zu erleben. Bald gehts dort weiter.

Nachsatz: es gibt einen Anlass für diese Überlegungen: die thematische Entleerung des Wahldarms, drei Wochen vor dem Urnengang: worüber sollen wir befinden, wenn alle nichts sagen. z.B. zu Paris…

 

 

de Maizière lässt nicht locker

Das BAMF entscheidet wieder über afghanische Asylanträge.

De Maizière möchte wieder deportieren, Teile des Landes seien sicher (das AA sagt, in ca. der Hälfte der Provinzen sei es sicher). Und die Bevölkerung sei ohnedies nicht so sehr gefährdet.

Die letzte Lage: in 30 von 34 Provinzen gibt es 200.000 neue Binnenflüchtlinge. Seit Jahresbeginn gab es schon über 650.000 zusätzliche IDPs im Vergleich zum Vorjahr.

Mehr als 20 Menschen sterben bzw. wurden schwer verletzt vor einer Moschee in Kabul (24.8.). Deutsche waren keine drunter.

Maizière will partout abschieben, nicht nur nach Afghanistan, natürlich. Deportationen sind sein Beitrag zur deutschen Leitkultur, Herr Gauland folgt ihm willig.

Wann wird der erste Abgeschobene zur Gefahr für die Deutschen in Afghanistan?

Wenn das geschieht, wird es auch eine Folge der hilflos-bösartigen Abschottungspolitik sein, für die der Minister und seine „Deutschen“ Helfer steht.

Wenn so ein Angriff stattfindet, war das auch die Schuld von einem Minister, der die Leitkultur eines fremden Volkes verkündet.

UPDATE ÜBER DEN DEPORTATIONSMINISTER:

am 31.8. melden die Medien, Herr de Maizière möchte den Familiennachzug für geduldete sysrische Flüchtlinge aussetzen. Sonst kommen zu viele, die ja vielleicht hier etwas sinnvolles machen könnten.

Ich schlage einen Austausch vor: je ein Mitglied der familienfreundlichen CDU/CSU (Deutsche Leitkultur, Seehofers Familienpolitik und Praxis, de Maizieres Christentum etc. als Auswahlkriterium) geht nach Syrien, dafür darf ein zusätzlicher Mensch aus Syrien zu seiner Familie nachziehen. Unsere Werte gelten ja nicht nur für das deutsche Herrenvolk.

 

 

 

Eine jüdische Gemeinde

Vor 25 Jahren wurde die Jüdische Gemeinde in Oldenburg neu gegründet. Ich war dabei, mitbeteiligt und auch von der Universität aus mit der neuen Gemeinde verbunden. Ich konnte dieser Gemeinde auch „treu“ bleiben, weil die Gemeinden in Berlin und Potsdam nicht wirklich als Alternative anzusehen sind. Ich habe heute anlässlich des Jubiläums eine Rede gehalten. Einige Erklärungen sind sinnvoll und werden am Ende angefügt. Bitte Stören Sie sich nicht an den Namen, die Sie nicht kennen, sie tun außerhalb des Oldenburger Kontexts nichts zur Sache. Die Literatur ist aber wichtig, für mich und zum Nachlesen empfohlen.

Michael Daxner

Von Leo Trepp in die Zukunft

Es gibt keine Kontinuität im Judentum; wir begründen unsere Tradition immer aufs Neue.

Zum 25 jährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg

  1. August 2017

Liebe Gunda Trepp,

lieber Jehuda Wältermann,

Sehr liebe Frau Rabbinerin Alina Treiger.

Meine Herrn Oberbürgermeister Krogmann, Vorsitzender Fürst und Zentralrat Grünberg,

liebe Sarah, lieber Jascha,

werte Mitglieder der Gemeinde, aus der Gründerzeit Oshra und Eduardo, liebe Freunde und Gäste!

1.

Vor 25 Jahren hätte ich eine so lange und prominente Liste nicht aufsagen können, und in Dankbarkeit denke ich an Sara Ruth Schumann, die diese Liste mit sichtlichem Vergnügen auch angesagt hätte. Ich will Ihnen keine Geschichtsstunde halten und keine nachgetragene Laudatio auf Leo Trepp, den ich meinen Freund nennen durfte und den auch in seinem Haus in Kalifornien zu treffen ich gleicher Freude erinnere wie die zahlreichen Begegnungen hier in Oldenburg. Das war zu einer Zeit, als man noch rausgehen und ein Zigarillo rauchen durfte, auch in den USA.

Wir sind hier nicht in der Synagoge, aber die ist nicht weit. Leo Trepp hat zu Anfang seines Hauptwerks[1] ausdrücklich gesagt, dass die Synagoge nie Gotteshaus genannt wird, sondern als Beth Ha-Knesset, Beth Ha-Midrasch, und Beth Am. Versammlung, Lernen und das Volk sind hier vereint (15). Das ist ein wichtiger Hinweis, weil Leo sich nicht nur den religiösen Juden, sondern auch dem nicht-„religiösen“ jüdischen Leben zugewandt hatte: „Nur jüdisches Leben hat die Kraft, künftige Generationen im Judentum zu halten“ (12). Glauben, Wissen und Handeln gehen im Judentum nicht überein.

Was aber jüdisches Leben ist, das war vor 25 Jahren den Gründern der Gemeinde keineswegs einheitlich klar. Eine einzige Überlebende aus der alten Gemeinde, Charlotte Seligmann, stand uns zur Seite. Wir hatten ungefähr 15 verschiedene Pässe, und waren auch nicht sehr viel mehr Personen. Nicht nur unsere Geschichten spiegeln die Vielfalt des Exils, auch die Motivation eine Gemeinde zu gründen. Wir haben uns nicht gegenseitig getestet, ob unsere Motive legitim und halachisch fundiert waren. Jüdisch sein als Intention band uns zusammen.

Keine Anekdoten, die wehmütige Seufzer auslösen: Dazu war die Gründungszeit zu ernst: die Versammlungsräume für Schabbath, mal bei den Evangelen, mal bei den Katholiken; da wusste dann ein Pastor besser, was und wie Juden beten; manche von uns hatten ja wirklich nie jüdisch gebetet. Da war der Dialog auch ein vorsichtiges einander Umkreisen. „Ach Herr Daxner, Sie sind ein Bruder in Israel? Sie sehen gar nicht so aus“ war eine meiner ersten Ansprachen durch den hiesigen Bischof. Aber Sara Ruth Schumann steuerte das Schiff durch die Untiefen der Gründungszeit. Ich verstand mich gut mit ihr, auch wegen einer Vorgeschichte. Schon in Osnabrück wollte ich Jüdische Studien einrichten, aber die Universität dort war noch nicht so weit und ich hatte zu wenig Einfluss. Hier in Oldenburg war die Situation leichter und wir konnten wenigstens einen ersten Schritt in Richtung auf Jüdische Studien machen. Das brachte mich auch nahe an Ignaz Bubis, und die Gemeinde fand durchaus auch in ihm einen Förderer. Bubis unterstützte auch die Vorstellung, dass Jüdische Studien nicht immer und immer wieder bei den Synagogen am Kinnereth zu beginnen hätten; und dass sie, bei aller Unvermeidlichkeit der Shoah, diesen nicht zur zentralen Definition des Jüdischen machen sollten.

Zur Gemeinde gehört eine Rabbinerin. Ich saß in New York am Broadway und hörte die Probepredigt von Bea Wyler. Die wurde dann unsere erste Rabbinerin. Das wäre eine eigene Seminarwoche wert. Zur Gemeinde gehört eine Synagoge. Gehören Verhandlungen mit Landesverband und Stadtgemeinde, gehören Anschlussstellen zur lokalen und zur weiter ausgreifenden Kultur; die Universität war hilfreich, konnte Kontakte und Namen vermitteln, aber das Zentrum der Kraft war die Gemeinde um die beiden Frauen, Sara Ruth und Bea. Und wieder eine Frau, die wunderbare Alina, setzt hier eine starke Grundlage für weitere Entwicklung.

2.

Sie alle wissen, dass es alte, wenn nicht gute Tradition ist, wenn manche jüdische Fromme sagen: in die Synagoge gehe ich täglich beten – und in die dort setze ich keinen Fuß. Für die einen waren wir zu wenig orthodox; für die andern zu konservativ; für wieder andere unverständlich, weil jüdisch sein nicht automatisch heißt, etwas vom Judentum zu wissen. Aber Deutschland machte ja auch Fortschritte, nicht nur was die Aufarbeitung der Vergangenheit betraf. Es gab eine neue Generation, die sich interessierte – aus vielerlei Gründen. Und wann immer Leo Trepp hier war, stellte er einen lebendigen Zusammenhang her zwischen einer jüdischen Geschichte von Oldenburg und einer Vorstellung, wie es weitergehen sollte. Das muss man immer wieder nachlesen, heute und in Zukunft: wie Leo Trepp 1988 zum 50. Jahrestag der Pogrome gemeinsam mit Henry Brandt und mir die Verbindung von Jüdischen Studien, Lernen und Zukunft zusammenfasste: “Jüdische Studien an deutscher Universität“[2] nannte er seinen Text, in dessen Mittelpunkt der Satz steht „Das Judentum gab der Menschheit die Idee der Freiheit“ (39). Darin war er sich mit dem andern Ehrendoktor im Kontext einig, mit Aron Bodenheimer. Dessen Leitsatz war auch für die Gemeinde wichtig: „Teilnehmen und nicht dazugehören“[3] heißt eines seiner wichtigsten Bücher, es beschreibt unseren Stamm nicht nur gleichnishaft in all seinen Situationen durch die letzten Jahrtausende. Der hat uns fast 10 Jahre später, 1996, noch einmal ins Herz der Gemeinde geredet: „Was der Jude weiß. Und was er niemals wissen kann“[4]. Da steht er Leo Trepp ganz nah, wenn er sowohl die Sicherheit des Wissens in den „Maßregeln der Halachah“  ausdeutet als auch das Stehen zur Zerrissenheit von Welt, Gesellschaft und Judentum (63f.). Sowohl in Deutschland, namentlich in Mainz, als auch in den USA, gab Leo Trepp immer wieder Anlass, sich in Widerstand gegen diese Zerrissenheit zu üben, und man könnte sagen, er gehört zum Kreis derer, die ihre Überzeugungen weniger auf Glauben als auf Wissen gegründet haben, und auf die Fähigkeit zur Empathie, die zum jüdischen Leben zusammenführt ohne zu zwingen.

Das sollte die Gemeinde auch mit bestimmen: wir lernten am Anfang Gemeinde. Gemeinde kann man nicht, die muss man lernen. Direkt Anschließen an die Vergangenheit kann niemand; niemals. Aber sich im Leeren neugründen kann auch niemand. Zwischen der Zeit Leo Trepps in Oldenburg 1936 und 1992 lag ja nicht nur die Auslöschung des europäischen Judentums; nicht nur Shoah, weitere Vertreibung, neue Diaspora, der Staatsgründungskrieg Israels und die dauernden Konflikte im ganzen Nahen Osten, dazwischen lag die deutsche Teilung und die Vereinigung der beiden Staaten, der Morgenthauplan, der Kalte Krieg und sein Ende…und in uns lag zeitlich, aber auch persönlich jenes vielfältige Dazwischen, das eine der Grundlagen des aktiven Lebens ist – ich verweise darauf, dass das Dazwischen für Hannah Arendt eine ganz wichtige Kategorie des Handelns im öffentlichen Raum ist, aber auch in den Zwischenräumen von Denksystemen und Beziehungen. Und unsere Gemeinde war ein Konglomerat aus dem sehr vielstimmigen Dazwischen – zwischen unterschiedlichen Herkunftsorten, Familienschicksalen, Generationen, Bedürfnissen. Warum geht einer hier und heute in eine Gemeinde, wenn er schon nicht drin ist? Vielleicht um zu zeigen, dass es heute nicht mehr gefährlich ist, sich jüdisch zu zeigen, vielleicht um deutlich zu machen, dass die jüdische Geschichte Deutschlands auch neu begründet werden muss. Man kann nicht dauernd Heine zitieren und im weiteren Kulturkreis Freud, Kafka Gustav Mahler. Vielleicht, um fortzusetzen, wo es keine Anknüpfung mehr gab, wie bei mir. Die Großeltern waren 1943 ermordet worden. Aber ich bin noch da. Vielleicht auch um die Intention zum Jüdischen zu lernen. Jedenfalls haben wir einen Minimalkompromiss bei den Ritualen gefestigt; wo Konversionen gewollt waren, erfolgten sie schonend – Hillels „Jetzt aber geh hin und lerne“ erfolgte ja auch nach der Goldenen Rege und nicht davor; wir hatten auch Konflikte, damals nicht viele, aber tiefgreifende. Ein Mitglied verließ uns bald, weil wir nicht spirituell genug waren, ein anderes fand in einer orthodoxen Nachbargemeinde eine bessere Umgebung. Wichtig aber war eines: die Gemeinde wollte und konnte dabei sein – und ob wir dazu gehörten, hing davon ab, wie wir dabei waren: zur Stadt gehörten wir, weil wir da waren und uns nicht wegdenken ließen. Wir waren nicht nur am Judengang sichtbar oder beim Denkmal neben der früheren Synagoge. Zur Uni gehörten wir partiell, ein etwas antisemitisch eingestellter Kollege giftete, dass zu den Jüdischen Studien doch auch Christliche treten könnten; dass wir füreinander da waren, zeigte sich spätestens, als viele hunderte von Gemeindemitgliedern aus dem Bereich der früheren Sowjetunion kamen und die Gemeinden sich vergrößerten, anders wurden, das Dazwischen erheblich erweiterten. Delmenhorst wurde gegründet. Ethnische und kulturelle Diversitäten verschieben sich. Nicht nur bei uns: in Berlin leben mittlerweile tausende meist junger Israelis, denen die Freiheiten in Deutschland und die Umgebungskultur angenehmer und anregender erscheinen als im zunehmend autoritären Israel. Damit müssen wir uns auseinandersetzen und das ist gut so: es zeigt, wie sehr die jüdischen Elemente sich im Leben unseres Landes selbst diversifizieren und präsent sind. Und dazu kommt noch eine Erkenntnis: so wie sich die Gemeinden wandeln, so wie die Frage, wer Jude oder Jüdin sei, allmählich in den Hintergrund tritt gegenüber der Frage, warum ein Mensch Jüdisch sein und jüdisch leben möchte, so hat sich auch der Antisemitismus gewandelt, den es noch immer gibt und schon wieder: in den Schulen werden Schimpfworte wie „du Opfer“ und „du Jude“ oft synonym gebraucht. Dagegen kann man nicht mit Gesetzen und Verachtung vorgehen. Das erfordert Politik.

2.

Von den vielen Häusern, die sich in der Synagoge zusammenfinden, ist mir immer das Beth Ha-Midrasch am liebsten gewesen, weil sich im Lernen alles zusammenfindet; die Erinnerung, die Gegenwart und die Zukunft. Wenn unsere Rabbinerin Alina die 25 Jahrfeier als Datum des immer neu ansetzenden Lernens bezeichnet, ist das richtig. Die Erinnerung setzt unsere Geschichte fort, aber eben gegen den Strich jeder Kontinuität, die es im Judentum nie gegeben hat, auch nicht im Gedächtnis der Shoah – was wir heute in Israel und in unseren Gemeinden zwiespältig beobachten können; die Gegenwart wäre sinnarm und leer, könnten wir nicht immer wieder praktisch erproben, was wir unter „jüdisch“ verstehen, manche sprechen vorschnell von einer jüdischen Identität. Eine Identität gibt es schon gar nicht, und die jüdische ist dialektisch, zwischen der Überlieferung und Wirklichkeit unseres Lebens aufgespannt, bis hin zu den formalsten Fragen unserer Textgestaltung. Ich spiele damit auch auf das Apostroph an, mit dem manche das deutsche Wort Gott heiligen wollen. Da lohnt es sich, genauer darüber nachzudenken, woher solche Idolatrie kommt, die wir an anderen kritisieren oder ablehnen; aber das ist nur ein Nebenbeispiel. Gegenwärtige Praxis einer Gemeinde ist immer auf Praxis, auf Praktiken gerichtet, aus denen wir eine oder mehrere unserer Identitäten beziehen, es gibt immer genügend Lebensbereiche, die beim besten Willen nicht unter ein jüdisches Dach gebracht werden können. Wo wir aber die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen überschreiten, sollte das Jüdische auch denen sichtbar sein, die gar nicht unter diesem Begriff sich wissen. Anders gesagt: wo eine jüdische Gemeinde sich öffentlich äußert, ist sie immer politisch, immer gesellschaftlich, immer sozial. Hannah Arendt hat mehrfach und immer wieder betont, dass „jüdisch“ der Inbegriff von Menschenrechten und Geschichtlichkeit sei. In einer zugegeben sehr schwierigen Schrift „Aufklärung und Judenfrage“[5] von 1932 bindet sie die Gegenwart an Bildung und die ambivalente Geschichte: „Innerhalb einer geschichtlichen Wirklichkeit, innerhalb der europäischen säkularisierten Welt, sind sie, (die Juden, M.D.), gezwungen, sich dieser Welt irgendwie anzupassen, sich zu bilden. Bildung aber ist für sie notwendig all das, was nicht jüdische Welt ist. Da ihnen ihre eigene Vergangenheit entzogen ist, hat die gegenwärtige Wirklichkeit begonnen, ihre Macht zu zeigen. Bildung ist die einzige Möglichkeit, diese Gegenwart zu überstehen“ (124). Das ist vor dem Anbruch der Shoah geschrieben, und in einem Aspekt unmissverständlich deutlich: aus dem Judentum allein heraus können wir unser Jüdisch-Sein nicht verstehen. Arbeit genug für eine Gemeinde, Arbeit genug für unser Jüdisches Studienwerk ELES (Ernst-Ludwig-Ehrlich Studienwerk), Arbeit genug für das Lehrhaus und vor allem für unser tätiges Handeln in der Welt, wo die Erkennbarkeit als jüdische Menschen hinter der Praxis zurücktritt.

Bleibt die Zukunft der Gemeinde. Ganz unter dem Einfluss von Lebensphilosophie und dem Zusammenbruch der alten Zweireiche-Systeme, schreibt Leo Baeck sein „Wesen des Judentums“[6]. Baeck erklärt das Messianische am Judentum als jene Spannung zwischen Hoffnung und Erwartung, die Ernst Bloch umgekehrt als die zwischen Hoffnung und Zuversicht schon zeitgleich und immer wieder aufruft. Bei Baeck ist das „Erlebnis des Erwartens“ an die Sicherheit des Erscheinung des Messias gebunden – und, für uns jetzt wichtiger: „In diesem Messianischen erhält das Gebot die Erfüllung seines Sinnes. Das Gebot, die Aufgabe ist unendlich; eine Aufgabe, die beendet wird, ist keine Aufgabe“ (253). Stimmt es wirklich, wenn er sagt: „Es gibt kein Gebot ohne die Gewißheit, und jede Gewißheit von ihm ist die Gewißheit der Zukunft“ (ebda.)?

Werden wir in zwei, drei Generationen, lange nach unserer begrenzten Zeit, weitergeben können, wovon wir heute sprechen – oder wird der Klimawandel, das Zwei-Grad-Ziel verfehlt? Wird die Dauerhaftigkeit der Abfolge von Generationen von der Unvernunft, Unmenschlichkeit, Engstirnigkeit und Engherzigkeit überholt, die uns zerstören werden? Dies sollte auch in unserer Gemeinde eine zentrale Frage sein, wichtiger als alle Konventionen im Ablauf unserer Gegenwart: wie bringen wir uns in die Praxis des Überlebens ein? Dies mit der Kongregation, der unbehüteten Herde zu verbinden, ist schon eine Aufgabe. Eine andere ist es, den Versuchen der Instrumentalisierung von jüdischem Leben für alle möglichen Zwecke, darunter auch die brisante Nahostpolitik und die vielen Schichten des Antisemitismus in unserem Land. Beth Ha-Midrasch ist hier die Antwort und Beth Am, das gebildete, sich bildende Haus der Menschen, sozusagen die ständige Volks-Hochschule von Ethik und Politik. Wobei Ethik ja nicht nur der Rahmen für das richtige Leben ist, sondern für das gute Leben. Dieses gute Leben ist der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg und Ihnen allen, uns allen zu wünschen!

[1] Leo Trepp: The Complete Book of Jewish Observance. Behrman , New York 1980

[2] Henry G. Brandt, Michael Daxner, Leo Trepp: Dem Vergessen entgegentreten. Oldenburger Universitätsreden 25, 1989.

[3] Aron Ronald Bodenheimer: Teilnehmen und nicht dazugehören. ImWaldgut, Wald 1985

[4] Rolf Rentorff und Aron R. Bodenheimer: Jüdische Studien an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Oldenburger Universitätsreden 84, 1996

[5] Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Jg. 4, Nr. 2/3, Berlin 1932. Den religiösen Fokus hat Leo Trepp in der Einleitung und im ersten, auch der Synagoge gewidmeten Kapitel seines Buches, fast absolut gesetzt: Leo Trepp, a.a.O., xi-xiv und Kap.2, 13-15. Den andern Aspekt trifft dieser Fokus gerade dort, wo die Synagoge nicht als das Haus Gottes dasteht: Es ist der Ort der Reflexion über das Wissen. Fragen wir uns täglich, woher wir wissen, was wir wissen oder zu wissen meinen.

[6] Leo Baeck: Das Wesen des Judentums. 4. Auflage 1925. Nachdruck: Wiesbaden 1991 (Fourier).

ANMERKUNGEN.

ich mache selten von meinem jüdischen Segment Gebrauch. Aber manchmal, wie im Blog „Jüdischer Einspruch“ ist es notwendig. Nicht um sich zu „outen“ oder in bestimmter Weise als jüdisch wahrgenommen zu werden. Sondern um deutlich und klar zu machen, was Religion und jüdische Gemeinden jenseits aller individuellen Überzteugungen, zur Ordnung und Lebernspraxis unserer Gesellschaft beitragen können. Ich hätte nie Mitglied einer Gemeinde werden müssen. Ich hätte immer meine Herkunft politisch und kultiurell so verarbeiten können wie viele säkulare Stammesmitglieder auch. Aber ich wollte es, und einen der Gründe nenne ich im Vortrag. Hätten meine Großeltern überlebt, dann wäre mein Leben ein ganz anderes gewesen, wenn es überhaupt zustande gekommen wäre. Nun ist ja die Normalität der unvollkommenen, streitenden und produktiven Gemeinden nicht nur ein Zeichen für ein wenig Normalität des jüdischen Lebens im deutschen, österreichischen usw. , ironisch, aber nicht nur, des richtigen Lebens im falschen. Ich hatte mich in meinem Buch „Antisemitismus macht Juden“ (2006) ausführlich damit auseinander gesetzt, und jetzt, 10 Jahre später, bin ich in der Tat etwas ruhiger, dass es solche Gemeinden gibt wie die in Oldenburg. Die Probleme bleiben.

Sterben in Kabul, schon vor der Wahl?

Deportationsminister de Maizière hat sich rückversichert. Das Auswärtige Amt, bisher zurückhaltend und vorsichtig – schließlich wurde eine Botschaft und ein Konsulat beinahe in die Luft gesprengt, – das AA also hat festgestellt, dass es für abgeschobene Afghan*innen gar nicht so gefährlich ist wie für Deutsche, die deshalb kaum mehr in Afghanistan sind und deshalb genau wissen, wie es in den einzelnen Provinzen zugeht.

Wahltaktisch klug setzt sich der Innenminister für das Abschieben derer ein, die hier ohnedies niemand mag, Gefährder, Straftäter und – solche, die ihren Namen nicht nennen mögen (was ja bei deutschen Menschen auch vorkommt; und wer das afghanische Namensrecht nicht kennt, wie die meisten Ministerialien, sollte hier aufpassen). Zwar hat die Botschaft kein Personal, die Deportierten zu empfangen oder gar zu betreuen, aber, wie gesagt, der Zwangsdeportierte kann ja im Volk diffundieren und wird sogar in Orten, die von den Taliban beherrscht werden, weniger gefährdet als z.B. deutsche (von denen fahren nur ein paar Desperados freiwillig nach Afghanistan, die andern dürfen zu Recht aus Sicherheitsgründen nicht da hin).

Unrecht wird nicht dadurch besser, dass man sich daran gewöhnt und andere Aktualitäten diese grenzenlose heuchlerische Unmenschlichkeit überbauen. Es werden jetzt in nächster Zeit nicht viele abgeschoben, es geht aber um mehr als ums Prinzip: wer den Tod von Menschen billigend in Kauf nimmt, obwohl man ihn gut verhindern kann, schadet auch dem Vertrauen in den Rechtsstaat hier im Land. Die Hermanns und Maizieres werden mit daran Schuld haben, dass die Verächter des Rechtsstaats weiter Aufwind verspüren.

Ich werde den Argumenten gegen die Zwangsdeportation nichts mehr hinzufügen. Thomas Ruttig und andere, darunter auch mein Blog, haben die Problem oft und genau dargestellt. Mir geht es um etwas anderes, genauso wichtig:

Die Situation Deutschlands in Europa und der Welt verführt viele Politiker*innen, nicht alle, zu einer fast unerträglichen moralischen Arroganz: Korruption – das sind immer die andern (VW und Autovorstände, Energiekonzerne, Glyphosat, Kohle, Presselenkung und Windkraftzerstörung in NRW …die Unschuldsvermutung für die Regierungen gilt nicht). Dass die berechtigte Kritik an der polnischen Demokratiezerstörung auch zum Nachdenken über unsere Wahlverfahren zum Verfassungsgericht führen könnten – Fehlanzeige. Dass alle Umweltzerstörung von Regierungsseite immer mit Arbeitsplätzen begründet wird, und manche Gewerkschaften hier plötzlich ganz neue Bündnispartner entdecken, ist pure Heuchelei. Dazu demnächst ein Blog. Aber, um auf die Deportationen zurückzukommen, es ist auch Heuchelei, wenn die Abgeschobenen mit den freiwilligen Rückkehrern in einen Topf geworfen werden, um darzustellen, dass ja für die Menschen keine wirklich Gefahr bestünde. Die beiden Gruppen haben wenig miteinander zu tun, und das kann man beweisen. Mich erbittert, dass man über Trumps Fake-News lästert, aber sich in Fragen überprüfbarer Realität, wenns um nicht-deutsche Menschenleben geht, derselben Methoden und unbelegten Annahmen bedient. Menschenrecht müssen Vorrang haben vor der Wahltaktik, und da geht es im konkreten Fall nicht nur um Deportationen nach Afghanistan, sondern in ganz viele Herkunftsländer, woher die Elendsten der Elenden kommen. Dass darunter auch ein paar sind, die besser in einem Gefängnis aufbewahrt würden, leugnet niemand. Aber die Flüchtlinge pauschal zu diskriminieren, ist unmenschlich und unklug: daran wird  man noch lange gemessen.

 

 

Anderer Terror

Ich bin aus dem Urlaub zurück. Eine lange Liste von Themen – und plötzlich keine Eile, sie loszuwerden. Bevor ich die Netze füttere, muss ich mich selbst an die karge Kost des zerrissenen Arbeitsalltags wieder gewöhnen. Und da will ich mich nicht überrollen lassen von Aufruf/Anruf-Marathon: dazu musst du etwas sagen. Deshalb, ganz altmodisch, eine Reminiszenz und eine Überlegung, aus der noch nicht einmal ein Ratschlag als vielmehr eine politische Vorstellung von Praxis kommt.

Vor Jahren (1971) hat Carl Améry, nicht Jean, ein anderer Mayer, einen wichtigen kurzen Essay zum Terror der Aktualität geschrieben: „Während in steigendem Maße ein jeder Vorgang zu unserer Sache wird, desengagieren wir uns und lassen gleichsam den lieben Herrgott einen schlechten Mann und die Geschichte eine abgeschmackte Veranstaltung sein, über die man mit Phrasen der Gleichgültigkeit und Gesten der Resignation zur ganz intimen Tagesordnung übergeht.“ – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/15646350 ©2017. Mit diesem Terror habe ich mich zunehmend auseinander gesetzt, wenn es um die Verzweiflung geht, die wirklichen Probleme nicht wahrnehmen zu wollen, und deshalb nicht wahrnehmen zu können (vgl. Blog: Meine Sorgen und das Geld von Rothschild… und die ersten Essays zu „Finis terrae“). Es ist ja zum Verzweifeln, wenn wir uns nicht der Frage stellen, wie weit wir in einer Nachkriegszeit (z.B. nach Afghanistan) oder Zwischenkriegszeit (z.B. im Übergang zum globalen Bürgerkrieg) oder schon im 3. und letzten Weltkrieg (Hans Ebeling)  unsere Vorstellungen von der Sinnhaftigkeit des Erhalts unserer Spezies gar nicht mehr stellen. Es reicht, jedem kurzfristigen Ereignis mit kurzer Halbwertszeit die Bedeutung einer globalen und dauerhaft aktuellen Entwicklung zu geben und zugleich die wirklich dauerhaften Folgen dieser Aufregung zu ignorieren, neue wichtige Trigger wahrzunehmen, sich in der Empörung neu zu positionieren.

Die Gleichwertigkeit alles Aktuellen führt zur Gleichgültigkeit gegenüber der Bedeutung, handeln zu müssen oder zu sollen. Geschlechterkampf um Toilettenaufschriften, Dieselfahrverbote, eine gekaufte grüne Abgeordnete, ein verschüttetes Alpental, eine Kriegsdrohung vom Wahnsinnigen, eine Gegendrohung vom Gegenherrscher, ein Erdbebeb. Alles heute. Und?

Hier folgt kein Plädoyer für die Gelassenheit. Aber eines dafür, sich vernünftig für den Widerstand gegen bestimmte Entwicklungen in Stellung zu bringen. Améry nimmt „Terror“ anstatt „Terrorismus“ und beschreibt also den normativen, „objektiven“ Gewaltakt, nur dass der diesmal nicht einfach vom Staat ausgeht, sondern von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die sich zu einer Herrschaftsform über das Bewusstsein aufgeschwungen haben. Wer von der Aktualität gejagt wird, weiß bald nicht mehr, warum was aktueller sein soll als das Vorangegangene, weil man – man – von ihm/ihr verlangt, dass er/sie sich jetzt dem zu widmen, hinzugeben habe, was aktuell ist.

Das ist nicht trivial. Unser soziales Reaktionssystem wird auf eine Oberfläche hin ausgedünnt, die in den Erscheinungen nicht mehr ihre Gründe und Herkunft erkennen lässt. Man erwartet eine Abfolge von Aktualitäten, je dichter sie sind, desto schwieriger wird die Kontextualisierung und schon gar die Aktion im Kontext, also Politik. Und man sinkt in die Untätigkeit, den Fatalismus gegenüber einer Welt, in der alles aktuell ist, zurück.

Die Rhetorik der Empörung zielt darauf ab, sich über alles und jedes, was aktuell daherkommt, so aufzuregen, als gelte es jedesmal dem Kapitalismus, dem System, der Politik.

Widerstand dagegen heißt zunächst akzeptieren, dass erst die Ordnung der Ereignisse Analyse und Kontextualisierung zulässt. Und wenn man nicht zu allem und jedem, worüber man sich – zu Recht, wohlgemerkt – aufregen könnte, gleich Stellung nimmt? Dann machen einem zwar einige ein schlechtes Gewissen, weil die sich an ihre Reproduktion durch aktuelle Ärgernisse schon gewöhnt haben, aber was solls? Täglich ärgern sich ungefähr 2 Millionen Menschen in deutschen Verkehrsstaus von kumuliert mindestens 250 km Länge, jeder Stau ist aktuell, jeder Ärger authentisch, und es geschieht – nichts. Täglich ertrinken hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer, man protestiert, und es geschieht – nichts. Widerstand in diesen beiden nicht vergleichbaren Fällen hieße ja Handeln. Verkehrspolitik hat vor allem mit dem Klimawandel zu tun und dann mit den Mobilitätskonzepten, die selbst durch die Aktualität manipulierter Freiheiten und der Notwendigkeit von Sachzwängen einer Arbeitswelt gesetzt werden, die man – gar nicht so schwierig, ganz anders gestalten könnte. Da sei aber unsere Kultur vor, z.B. die Leitkultur keine Geschwindigkeitsobergrenze zu akzeptieren. Und weil schon diese paar kleinen Ornamente alles kompliziert machen und die wirkliche Komplexität unbewältigbar wird, kann nur solches Aktualität beanspruchen, was Komplexität schon so weit reduziert hat, dass man mit Fug und Recht feststellt, so schlimm der Sachverhalt ist, man kann gegen ihn – „als solchen“ – nichts ausrichten.

Diese didaktische Fingerübung schreibe ich, aus dem Urlaub zurückkehrend und vor mir die Aktualitäten des Juli sortierend: mein Thema ist es weiterhin nicht, aktuell zu sein – dazu musst du jetzt aber was sagen – sondern das nicht zu vergessen, was schon vor vierzehn Tagen nicht mehr neu war.  Meine Leser*innen wissen, dazu gehört Afghanistan. Heute (8.8.2017) machen der Deportationsminister und der Außenminister wieder ihre Aufwartung an den Populismus. Ja, im Prinzip kann man, Einzelfallprüfung vorausgesetzt, abschieben. Das wird groß geschrieben ist aktuell. Dass man es vor der Wahl nicht macht, ist der Duldungsstarre der Politik geschuldet, die keinen Aufreger braucht.

Was ist aus dem geworden, das aktuell war, als wir es durch anderes Aktuelleres ersetzten? Diese Erinnerungsübung steht auch am Anfang von Politik.

 

 

RasPUTIN, TRUMPolin & Co. – Ein Selbstgespräch

 

 

Ein Ausreißer. Ich schreibe einen Blog, der weder systematisch noch monothematisch sein will, er ist auch nicht das neumodische „puzzle“, sondern schlicht ein Selbstgespräch. Am Ende erklär ich einiges. Aber die ernste Einleitung kann ich mir und Ihnen nicht ersparen: wenn man die letzten 24 Stunden Revue passieren lässt und aus Müdigkeit keine disziplinierenden Strukturen einzieht, der zerfließt die Beobachtung des sich abzeichnenden fortgesetzten Schreckens in Mosaiksteiunchen, die einer inneren Logik – meiner – folgen, aber nicht den Erscheinungen der Welt in einer gleich verständlichen Ordnung. Und so habe ich, inmitten schwerer Arbeit, eben dies aufgezeichnet und schlage vor, jede® Leser*in nimmt sich einen oder zwei Absätze und spinnt das Garn fort.

*

Ich will nicht witzig sein. Angesichts der Appeasement-Politik und der mangelnden Selbst-Kritik der agierenden Demokratien gegenüber den Diktatoren und Autokraten könnte einem die Lust an der Satire vergehen, von der gebotenen ironischen Distanz zu schweigen. Aber es ist notwendig, auf einige Grundsätze zu verweisen, die auch diesen meinen Blog bestimmen:

  • Wir kritischen Intellektuellen dürfen und müssen eine Sprache pflegen, die bis an die Grenzen aushaltbarer Wahrheit gehen kann: einen Wahnsinnigen wahnsinnig nennen, einen Faschisten einen Faschisten heißen und einen Verbrecher als das bezeichnen, was er ist: ein Verbrecher.
  • Das müssen die Regierenden unserer Demokratien nicht, weil sie mit all diesen grotesken Gewaltherrschern sprechen müssen und das geht natürlich nur mit unseren Sprachformen und nicht im Ton der hysterischen Kaczinskys, Erdögans und Trumps.
  • Aber wenn wir – als republikanisches „System“ zu Recht auf die Unerträglichkeiten von anderen hinweisen, müssen und können wir fast automatisch den Reformbereich in den gleichen Politikfeldern aufrufen: der kann demokratisch bewältigt werden, wo andere Gewaltanwenden, aber wir sollen nicht überheblich sein.

Polen katapultiert sich mit der klerikofaschistischen Gewalt einer reaktionären Wohlfahrtspolitik aus der europäischen Zivilisation heraus, solange Kaczynski den Pöbel hinter sich versammelt. Sein Angriff auf die Justiz bestellt die republikanische Gesellschaftsform in Frage, das ist weit schlimmer als undemokratische Fehltritte. Zu Recht droht die EU mit dem Entzug des Stimmrechts – schwierig durchzusetzen. Geld kann man den Polen schon vorher entziehen, aber dann leiden die, die gar nicht wissen, wie viele Eisenbahnen, Straßen und Brücken sie der EU in den letzten Jahren zu verdanken haben. Nur: wie demokratisch sind unsere Ergänzungen zu den obersten Gerichten in Karlsruhe? Hier gibt es durchaus noch Verbesserungsbedarf.

Russland schaut genüsslich zu wie sich die neuen Gewalttäter zur „kleinrussischen Republik“ erklären. Russland kann seine Vasallen und Satrapen zwingen, diese Diktaturen anzuerkennen, weil die ja von Putin abhängig sind. In Kleinrussland gibt es Konzentrationslager. Was kann und muss der Westen machen? Auf jeden Fall drohen und verhandeln. (Jedenfalls kein G20 als Fassade irgendeiner Gemeinsamkeit herstellen). Aber auch seine Fehler bedenken, die bei der Ausgrenzung Russlands nach dem Kalten Krieg objektiv begangen wurden. Das wäre AußenPOLITIK, und nicht nur Außenvertretung.

Über den Verbrecher Erdogan wurde schon zu Recht viel und kritisches gesagt. Aber gemacht wurde wenig, weil man ja Firmen in der Türkei hat, weil man dieses Land in der NATO halten will – falsch! Solange dieser Diktator herrscht, brauchen wir keine NATO mit der Türkei, sondern müssen militärische Operationen ohne die Türkei unternehmen. Trotzdem reden und verhandeln, trotzdem das Flüchtlingsabkommen weiter entwickeln (vielleicht auch es zurücknehmen). Aber die Samthandschuhe gegenüber den türkischen Religionsvereinen ausziehen, wenn die – Ditib und Konsorten – bis in den Verfassungsschutz eindringen und vor allem Kinder verschrecken und belästigen. Religion ist immer nachrangig gegenüber dem Rechtsstaat. Aber auch hier: der Verfassungsschutz war ja schon bisher kein verlässliches Organ, sondern vielfach eine Vorfeldorganisation rechter Gewalt (à NSU u.a.), weshalb er natürlich auch Nährboden gewalttätiger Gesinnung sein kann – in Teilen, nicht pauschal, aber nachweisbar.

  • Nein, ich falle jetzt nicht in die Falle der groben Beschimpfungen und guten Ratschläge; ich möchte mit den drei Beispielen nur darauf hinweisen, dass AMBIGUITÄT immer auch einen Bezug zu den eigenen Praktiken und damit Fehlern hat. Das bedeutet nicht: Relativierung. Aber zwischen Verhandeln und Appeasement ist ein großer Unterschied. Appeasement ist in nicht-konfrontative Vorleistung gehen (Erdögan darf verhaften, Trump darf abschieben, Putin darf hacken lassen etc.)

Mir geht es heute um etwas anderes. In „meinen Kreisen“, d.h. der politischen Kommunikation, werde ich oft gescholten, weil meine Attacken auf Putin und Osteuropa so viel häufiger als die Angriffe auf den wahnsinnigen amerikanischen Präsidenten sind. Und meine Antwort, wenn sie sich mir entringt, ist regelmäßig, dass es einen verständlichen und berechtigten Überhang an Trump-Kritik und –verachtung gibt, eben weil er einer „Sphäre“ entstammt, die irgendwie als „unsere“ betrachtet wird, während man leicht verächtlich von denen da im Osten ohnedies nichts oder nicht so viel erwartet. Es gibt sozusagen eine unbewusste Loyalität zum eigenen Lager, wobei genau das das Problem ist: zu diesem Lager will man ja gerade nicht gehören, wenn es von Trump repräsentiert wird. Die AMBIGUITÄT in diesem westlichen Lager besteht ja gerade  darin, dass wir den USA nach 1945 fast alles an Freiheiten, aber auch an Habitus, Protestagenda, Kulturformen usw. zu verdanken haben, ihre andere Wahrheit aber nicht erst seit Trump der Exzeptionalismus, die Ausnahmestellung gegenüber Völkerrecht und normalen bürgerlichen Tugenden besteht (dass diese Lust an der öffentlichen Hinrichtung, am Lynchen, am übermäßigen Geld anhäufen, am Demütigen der Abhängigen zur Unvereinbarkeit mit unserem Tugendkatalog gehört, darf nur beanspruchen, wer den kritischen Einwand unserer moralischen Überlegenheit – siehe oben – in praxi akzeptiert.

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Das Verhältnis von relativ gefestigten demokratischen Gesellschaften zu nicht gefestigten Demokratien und Diktaturen ist etwa 40:170. Die Verteilung deckt sich nicht ganz mit dem demokratischen globalen Norden versus Süden. Aber die Last der Vergangenheit, die die Mehrzahl der Staaten zu abgehängten gemacht hat, soll nicht ausgeblendet werden. Mich treibt ein einfacher Hinweis um: würde man diese Vergangenheit immer dekonstruieren, wenn es um konkrete Politik gegen einen Gegner, einen Diktator geht, dann könnte man ihn besser verstehen, ohne ihn zu entschuldigen. Das spricht für unsere trans-disziplinäre Forschung und unser Aussprechen, was die Politik selbst nicht darf und kann.

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     Unlösbares: Netanjahu, ein rechtsradikaler israelischer Nationalist, für den „jüdisch“ nur ein Etikett ist, bekämpft George Soros, den jüdischen Ungarn, genauso wie Orban, der rechtsradikale ungarische Nationalist. Die Gründe und Ursachen dafür kann man unschwer nachverfolgen. Lesen Sie: http://www.taz.de/!5427086/ oder http://www.spiegel.de/politik/ausland/ungarn-viktor-orban-benjamin-netanyahu-und-die-anti-soros-kampagne-a-1157229.html Dass Netanjahu dabei Antisemiten in Schutz nimmt, gehört zu den offenen Wunden rhetorisch beschworener Wertegemeinschaften, wo es um Taktik und Geschäfte geht. Nur muss uns das wiederum in der umso schärferen Kritik an Netanjahu und einer etwas anderen Herangehensweise an Israel bestärken, das eben aus jüdischen und anderen Israelis besteht.

  • RasPUTIN und TRUMPolin. Die beiden sind weder geistes- noch politikverwandt, außer in einer gewissen Skrupellosigkeit. Putin ist im Sinne der Psychopathologie keineswegs wahnsinnig, er zeigt nur alle Eigenschaften von Diktatoren und weiß sich so zu verhalten, wie es die, die ihn stützen, erwarten. Macht ist wissen. Trump ist unbehandelbar narzisstisch, die Störung ist nicht lateral, sondern er ist die Störung. Würden beide durch ein Attentat beseitigt, wären die Folgen unabsehbar. Die alte Rechtfertigung des Tyrannenmordes würde niemandem weiterhelfen, weil sie im russischen Fall eingebettet wäre in ein Gespinst von bestehenden Machtbeziehungen, also nichts würde sich ändern, kurzfristig. In den USA gibt es einen Rechtsstaat, der müsste die meisten Mitglieder des Kabinetts und der Beraterstäbe ja im Amt lassen. Ein Alptraum, Pence, Sessions, de Vos…Diese Gedankenspiele sollen die hilflose Wut etwas dämpfen, schimpfen hilft wirklich nur lokal. Das Kabarett und die Satire sind allerdings gegen beide und alle bisher genannten gute Waffen, nur wer kommt denn da noch mit dem Schreiben nach?

*

Würden wir bei uns mit einer Reform der offenen Flanken unserer Demokratie ernst machen, könnte das unsere Politik gegenüber den Tyrannen verbessern…Nur so ein paar Hinweise:

  • Befreit die Regierung von der Autolobby, Glyphosatlobby, Kohlelobby, àwie dann mit der Opposition der Industrie und Wirtschaftsverbände umgehen?
  • Befreit die Umweltdiskussion von der Rhetorik der Mülltrenn-Vegan- Lederverzicht-Neubürger. Das 2 Grad Ziel von Paris verlangt Politik, nicht Meinungen: d.h. die –> „Time of Useful Consciousness“ wird immer kürzer, und da muss endlich über eine Verzichtethik und eine Umstellung der Ethik – Gutes Leben – verhandelt werden und nicht über nachhaltige Wohlstandsanhäufung bei immer weniger Superreichen.
  • Befreit uns und andere von der Vorstellung, man könne mit antikapitalistischen Rhetorik den Kapitalismus als ersetzbar und die Ersatzkonstrukte als realistisch an die Wand pinseln: Noch immer wurden die besten Sozialprogramme im Kapitalismus verwirklicht. Hej, spinnt der Daxner? Nein, die gelungene Sozialstaatspolitik wurde, teilweise mit Gewalt, innerhalb des Kapitalismus erkämpft, während die Alternativen, wenn sozialistische Staaten eine gewesen waren, an sich selbst gescheitert sind.
  • Dazu den von Ernst Bloch maßgeblich formulierten Hinweis: –> Hoffnung ist nicht Zuversicht.
  • Gebt ein Beispiel, dass schwer vorstellbare Maßnahmen „in praxi“ gar nicht so schwierig sind, z.B. 2-3 Millionen Flüchtlinge aufnehmen und integrieren. Ich habe nicht gesagt, alle 60 Millionen aktuelle Flüchtlinge einladen. Aber ich sage: wer um 200.000 feilscht, muss ein Problem über lange Zeit in Kauf nehmen wollen. Ethno-nationalistische Politik auf dem Rücken der Ärmsten.
  • Keine Kompromisse mit den identitären Leitkulturblökern: von de Maizières dummdreisten Phantasien bis hin zum Kulturschutzgesetz der durchaus ungebildeten Kulturstaatsministerin geht hier das Land einen Weg, wie wir ihn schon weiter fortgeschritten in anderen rechtsnationalen Gesellschaften beobachten (Übrigens: warum ist der Schreibtisch von Friedrich II ein identitätsstiftendes Objekt (Grütters)?).

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Werte Blog Leser*innen: Wie ich eingangs sagte: dieser Blog ist kein Tagebuch, das führe ich altmodisch nur für mich selbst. Ich habe hier die politisch gesellschaftlichen Assoziationen aufgelistet, die mich gestern und heute neben, vor allem unter einer sehr anstrengend Arbeit verfolgt haben, sozusagen unabweisbare „Trigger“ in Form eines Selbstgesprächs, das sich um die Arbeit gelegt hat wie ein Ring, der langsam sich zuzieht. Ich weiß, es gibt noch mehr. Die Überfülle, nicht vervielfältigt auch noch durch social media, ist eine heimtückische Attacke der Feinde ordentlichen Denkens. Und man muss nicht über alles reden, aber das was im Selbstgespräch sich à engrammatisch festsetzt, will ich doch der virtuellen Resonanzgemeinschaft anbieten…bevor ich zu murmeln beginne.

Letzter Punkt: das Wortspiel RasPUTIN ist fast schon fad. Aber Rasputin hatte ja auch eine gewisse Faszination über eine gewisse Zeit in einem sehr bestimmten Milieu gehabt, und als Gegenkaspar zum Verrückten in Washington taugt er schon. TRUMPolin ist ein Spielgerät für autistische Adoleszente, dessen Erfinder, hätte er keine Macht, an seiner Grenzwertigkeit längst verreckt wäre. Er ist nicht schlimmer als die, die ihn an die Macht gebracht hatten, deshalb springt lieber auf denen herum als auf ihm, er merkt es nicht. Ich gehe wieder an die Arbeit.

Nachsatz: am Abend dieses selbstredenden Tages traf ich eine Runde von angenehmen Konservativen. Weitab vom Reaktionären, verkörpern sie die Sparringpartner der gelungenen Republik.

G Null

 

Ich kann nicht anders, als meinen Senf zu dieser Wurst entstellter Ereignisse zu geben.

Ob solche Gipfel nötig sind, entscheiden nicht wir. Richtig ist, dass demokratische Regierungen – legitim, kompetent, fehlerbehaftet – mit Diktatoren, Wahnsinnigen und Autokraten reden müssen, das ist klar. Dass sie nicht alle Verdammten dieser Erde dazu einladen, ergibt sich aus den global etablierten Regimen. In Hamburg saßen die Obervögel auf der Vertikale der Macht, und für manche ekelhafte Gestalten war es wie der unverdiente Blick auf eine vergleichsweise harmlose Pausenlandschaft im Fegefeuer. Aber es waren eben nicht nur die Geier dabei, auch die Eulen und Raben.

Die damit verbundenen Rituale gehören so sehr zur Regierungsführung von Staaten wie die Kritik daran. Ich kann verstehen, dass einem diese säkularen Messen, mit obligaten Diners und Konzertbesuchen, so absurd vorkommen wie nur irgendein überkommener Brauch. Ich kann weniger verstehen, dass diese Pantomimen bei den Polonaisen und Quadrillen der Repräsentanten von Herrschaft für die Erscheinungen des Kapitalismus, wahlweise des globalen Wirtschaftssystems, der Umweltvernichtung, der schlechten Gesellschaft schlechthin, genommen werden.

Mancher Protest, nicht nur der gewalttätige, ist genauso symbolisch-abstrakt wie das Gehabe der G20 Teilnehmer und ihrer 6000 (!) Satrapen, die angeblich hinter den Kulissen (welchen) verhandeln. Deshalb ist er nicht legitim, weil er den konkreten Protest und Widerstand gegen das Unheil, das die Gipfeltiere anrichten, diskreditiert.

Es ist richtig, notwendig und klug, gegen die Politik, die „Agency“,  vieler dieser Herrschaften zu protestieren. Es ist richtig, gegen das zu demonstrieren, was sie immer stärker festzuzurren anstehen. Das muss in der demokratischen Republik nicht nur Bürgerrecht sein, sondern steht sozusagen unter dem Gewaltmonopol des Staates, gegen den – stellvertretend für alle, die sich da versammeln – demonstriert wird.

Zur Gewalt, zur Wahl der „Waffen“ komme ich, unabweislich. Aber später.

Erstmal zu den Umständen. Wahl des Ortes? Hamburg so gut wie jeder Ort in einem Land gleichmäßiger Geltung von Freiheitsrechten und Gesetz. Über Ort im Ort kann man streiten: es ist als, hätten die jetzt lautstarken Hassredner der CDCSU, Spahn und Konsorten, das Ergebnis provozieren wollen. Pragmatisch? Vielleicht nicht taktisch klug, aber vielleicht auch gerade angemessen: eine der schönsten Städte Deutschlands mit der kulturellen Fassade, an denen einige der versammelten Unholde schon auch bürgerschaftlichen Sinn studieren könnten. Aber dorthin dürfen sie gar nicht. Die von den Partys erholten Polizisten haben vorrangig sie beschützt und nicht die Bürger.

Die Inhalte dessen, was die G Leute besprochen haben, sind höchst unabhängig von dem, was sich Hamburg, im Schanzenviertel und anderswo „ereignet“ hat. Was aber dort geschah, hat einige dieser Inhalte im Focus. Zum Abschlusskommuniqué sage ich nichts wirklich wertendes, aber eines ist ganz wichtig: dass bestimmte Formen der Kommunikation leidlich von den Teilnehmern anerkannt werden; die Ausnahmen liegen bei der oben angesprochen Teilgruppe der Diktatoren und Wahnsinnigen. Aber sollte man sie austauschen; gar nicht einladen? Krieg erklären, eisigen Blicks sie verachten und strafen, öffentlich durch Juncker und Merkel beschimpfen lassen? Alles, was einem so einfällt, bleibt im Privaten. Die Res Publica, die öffentliche Sache ist im Verfahren ganz gut legitimiert, auch wenn sie nicht unbedingt und unmittelbar positive Folgen zeitigt. So, wie die G 20 in Zukunft geplant ist, hat sie schon vor allen Inhalten ihr Format verloren. In Saudi-Arabien zu tagen ist so wie im Vatikan eine Agnostiker-Konferenz abhalten. Aber siehe oben: Das ist nicht das Problem.

Zum wichtigsten Merkmal dieser Folgen des republikanischen Verhandelns gehört die Angstlust, die gewalttätigen Krawalle weit intensiver und dilettantischer zu diskutieren als das Gipfeltreffen mit seinen Ergebnissen.

BITTE VERGLEICHEN SIE DEN BLOG „Meine Sorgen möchte ich haben – und das Geld von Rothschild“

Mit dieser nicht nur medialen Aufmerksamkeit rechtfertigt man geradezu – paradox bis peinlich – die Gewaltargumentation des Schwarzen Blocks, der ja das Gewaltmonopol des Staates nicht anerkennen will, während wir meinen, dass jeder es in diesem Staat anerkennen muss. Nur, wenn Konflikte nicht eingebettet sind, dann kann man sie nicht herkömmlich auflösen. „Eingebettet“ heißt, dass alle Konfliktparteien bestimmte Regeln teilen, bis hin zur Handhabung von Gewalt, aber auch weit davor (dazu vgl. Georg Elwert). Nur, wer das nicht einsehen oder gar praktizieren will, kann sich nur beschränkt auf die Regeln berufen, unter denen in zivilisierten Gesellschaften Konflikte geregelt werden, um immer wieder Frieden zu schaffen.

Aber ich bin ja kein Mildredner, mir gefällt das Ganze auch nicht – politisch nicht, aber auch als kritischem Bildungsbürger nicht –  wie sich Trump und Erdögan und Putin und und und…aufführen. Nein, für die Reflexion dessen, was in Hamburg geschah, bedarf es der Kunst oder der Gewalt. Es wird durch einen Teil der Gipfelteilnehmer Gewalt ausgeübt, die ganz anders begründet und dimensioniert ist als die der Randalierer. Endgültig entziehen sich die Straßentäter der Bezeichnung „links“, so wie sich die G20 Nicht-Demokraten der unverschämten Behauptung entziehen, sie würden mit den Demokraten bei diesem Gipfel eine Wertegemeinschaft bilden. Da haben Altlinke leicht spotten: Mehrwertgemeinschaft…Aber ist es nicht egal, wie man die bezeichnet, die objektiv das Geschäft der Spahns, Hermanns und de Maizières betreiben? Ist es nicht, weil in der Genealogie des Protests „links“ schon noch etwas bedeutet. Die Linkenhatz aus der äußersten rechten Ecke der Union, also von der bayrischen Hetzmeute und den willigen Hetzern bei der Union, ist nicht allgemein. Sie verstärkt nur die Ressentiments der Unbelehrbaren auf beiden Seiten, nützt objektiv der AfD und stürzt die Sprachgehemmten auf der virtuellen Linken in wirkliche Probleme.

Zur Erinnerung: Vor einer Woche waren die pöbelhaften Partypolizisten in den Schlagzeilen, nicht wegen ihrer dämlichen, aber wahrscheinlich sozialisationsadäquaten Untaten, sondern weil sie einen unnötigen Autoritätsverlust des staatlichen Gewaltmonopols provoziert hatten. Ein paar Tage später waren ihre Taten nicht einmal mehr disziplinarrechtlich relevant, und jetzt lobt man den „heldenhaft“ (ja, wirklich) Kampf der Polizei. Ströbele sagt das Richtige: die Straftäter aburteilen und einsperren. Nicht weniger, nicht mehr. Was am Einsatz heldenhaft war, wissen nur die Veteranenvereine. Der Einsatz war nicht oder dilettantisch geplant, dann sind natürlich die Polizisten die Opfer und nicht die Polizeipräsidenten, aber ansonsten: business as usual, und bei den letzten Krawallen in Hamburg, Frankfurt u.a. wars auch nicht anders. Aber jetzt solls ja den Linken an den Kragen gehen, der Roten Flora, den Autonomen etc. Hier schließt sich der Kreis: wenn bestimmte Gruppen das Gewaltmonopol des Staates nicht anerkennen, kann sie dieser Staat nicht durch Umsiedlung überzeugen.

(Spahn und seine Kumpanen sollten einmal bedenken, wie nett sich dieser Staat den Reichsbürgern bisher gegenüber verhält….und die Vorfeldorganisationen der Nazis und des NSU, die sich im Verfassungsschutz und bei den Sicherheitskräften gebildet haben, sollten nicht auf „Links“ einschlagen, das ist schon mehrfach anders gelaufen, als von den quasi identitären Staatsorganen erhofft. Nur, es wird Gewalt provozieren). Es kommt auch die alte Leier. Wir Demokraten sollen uns von der Gewalt und den Tätern distanzieren. ICH DISTANZIERE MICH NICHT. Ich hätte ja auch nie mich auf die Wahl eingelassen, ob ich bei diesen Gewalttaten mittäte oder sie rechtfertigen wollte.

Mehr werde ich zu diesem Hamburger Skandal nicht mehr schreiben oder sagen, es gibt wichtigeres.

Aber ein P.S. ist nötig, zur Gewalt.

Der Innenminister und seinesgleichen fördern objektiv Gewalttätigkeit und relativieren, was sie zu schützen vorgeben. Sie fördern die Gewalt, indem sie die Untaten von politisch verhetzten Gewalttätern in einen Kontext setzen, als wären diese von breiten Massen von Sympathisanten umgeben und geschützt. Das ist nicht nur eine dreiste Lüge, es verkehrt die Situation in ihr Gegenteil.

(Und wenn ein Transparent des Schwarzen Blocks einen richtigen Satz sagt, so bedeutet das nicht, dass sein Träger richtig handelt. Wenn man also diesen Satz zustimmend wiederholt, kommt es nach Rechtsordnung und gesellschaftlicher Moral auf den Kontext und die Handlungen des Sprechers an, und nicht auf die Wahrnehmung eines parteilichen Beobachters).

Gewalt war zu erwarten gewesen, und die Prävention hätte besser sein können, aber nie vollkommen. Der Vorteil anomischer Gewalttäter ist immer, dass sie von vornherein die Regeln der Institutionen unterminieren, das ist ihre Stärke. Es verharmlost nicht, wenn ich diese Täter nicht Terroristen nenne, weil diese andere Ziele und Methoden haben. Gerade das unpolitische Element des Schwarzen Blocks und weiter Teile der Antifa sollten uns zu denken geben. Sie wenden linkes anti-kapitalistisches Vokabular so gedankenlos und sinnlos an, wie Maiziere und andere der AfD die rhetorischen Vorlagen liefern. Wenn sich das aufschaukelt, wird es mehr Gewalt geben.

(Und dann hat man diese Gedanken wieder einmal nicht gehabt).