Polizei: bitte sei dazu still.

Als ob die deutsche Polizei nicht genug mit ihren rechtsradikalen Nestern und prekären Verhaltensweisen zu tun hätte. Jetzt äußert sich der ansonsten zu Recht unbekannte Präsident der Bundespolizei, ausländerfeindlich, asylrechtsfeindlich und – wenig intelligent, was dann auch wieder nicht verwundert:

„https://www.tagesschau.de/inland/abschiebungen-rueckgang-101.html:       „
…Die Bundespolizei spricht von einer „Stagnation der Rückführungszahlen“ und nennt als Grund „ein erhebliches Maß“ an stornierten Abschiebungen durch die Bundesländer.
Bundespolizeipräsident Dieter Romann sieht deren Rolle kritisch: Die Bundesländer stellten zu wenige Abschiebehaftplätze zur Verfügung. „Gemessen an den rund 248.000 ausreisepflichtigen Drittstaatsangehörigen sind die 577 Abschiebehaftplätze, die es in den Ländern gibt, viel zu wenig“, sagte Romann den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Dazu ein Bild:

Ein gefesselter Mann wird auf dem Frankfurter Flughafen zu einem Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht.

Abgelehnte Asylbewerber häufig geduldet….“

Soweit der Ausschnitt aus dem Artikel bei der Tagesschau. Abgesehen davon, dass Polizisten sich der Politikerschelte dort enthalten sollten, wo sie ausführende Organe („Exekutive“) sind, redet Romann rechts- und menschenverachtenden Unsinn. Dass gerade die Duldung der abgelehnten Asylbewerber auf rechtsstaatlichen und humanitären Grundlagen unserer Gesellschaft beruht, macht u.a. den Unterschied zu Regimen wie dem ungarischen aus. Dass man gerade einen gefesselten Afghanen zeigt, ist aber auch ein Zeichen für die geradezu blödsinnige Ignoranz unserer Behörden gegenüber den wirklichen Zuständen in dem von uns mit „befriedeten“ Land. Nun ist Herr Romann die Spitze eines Eisbergs, der besser gesellschaftlichen Distanz als weiterer umworbener Integration bedürftig ist. Er spricht dem populistischen Popanz der Reinigung des Landers von unerwünschten Personen aus der Seele, und leider auch für 25% der Bevölkerung, die es auf diese Weise nie zum Volk schaffen wird, von dem das Recht ausgeht.

• Wir müssen ein Jahr beschließen, das zeigt, wie falsch und unaufrichtig unsere Flüchtlingspolitik ist, obwohl wir „besser“ als viele EU Staaten sind und obwohl wir tatsächlich sehr viel dafür zahlen, besser als die meisten dieser Staaten zu sein. (Wir zahlen mehr, weil wir das können).
„Besser“ heißt natürlich auch, dass unser Rechtsstaat noch besser intakt ist als der mancher illiberaler Demokratien oder neuer autoritärer Staaten; intakt trotz der populistischen Vorfeld Instanzen, und da ist keineswegs nur der Innenminister, da sind die Sicherheitsorgane, Geheimdienste, und ganz viele staatliche Instanzen, denen die Zustimmung der fatalen 25% wichtiger ist als ihre übertragene Aufgabe staatlicher Leistungen für das ganze Volk. (Ein Beispiel, das nichts mit Flüchtlingen zu tun hat: der Minister B. Scheuer lehnt Geschwindigkeitsbegrenzungen u.a. mit dem Argument ab, dass die Mehrheit der Bevölkerung dem wohl nicht zustimmen würde…da sind wir nicht weit von der Wiedereinführung der Todesstrafe, wenn nur 51% der Bevölkerung die halt mal an einem Montagmorgen gern wieder hätten. Gemein, gell, so mit dem Volkswillen zu spielen?). Zurück zu den Flüchtlingen. Ich wiederhole den gestrigen Blog: Habeck hat Recht. Holt wenigstens die Kinder raus aus den Flüchtlingslagern. Darin kann man übrigens auch messen, um wieviel besser unser Rechtsstaat ist als der in andern Ländern. (Und dass die Kirchen und andere humanitäre Organisationen Habecks Forderung unterstützen, sollte den Christlein im Lande zu denken geben).
Aber fast noch wichtiger ist mir zu untersuchen, warum es eine Reihe von EU-Ländern gibt (und solche außerhalb der EU), die eine so unmenschliche Asyl- und Flüchtlingspolitik betreiben. Ihr Argument, von Trump über Orban bis Erdögan, ist zuvörderst die nationale Sicherheit, eng gekoppelt an eine Identität, die vom Wortlaut her meist als faschistisch bezeichnet werden muss. Dass das z.B. in vielen östlichen EU-Staaten etwas mit der stalinistischen Nachkriegsordnung zu tun hat, auch und insbesondere in der DDR, haben wir schon 1989 gewusst, aber zu wenig beachtet. Dass das Nationale die unterdrückte Nationalstaatlichkeit ersetzen, kompensieren sollte, haben wir auch gewusst, aber versucht, wegzukaufen. Dass Flüchtlinge eine Leerstelle demokratischen und republikanischen Bewusstseins besetzen, so wie früher und teilweise auch heute jüdische Menschen, hätten wir spätestens 2014 wissen können, aber das ist ein heikles Feld, für viele zu heikel.
Unsere deutsche und eurowestliche Mitschuld an der miserablen Entwicklung des rechten Populismus, der sich oft mit so genanntem linken Populismus (zB. vor zwei Jahren: Sarah Wagenknecht-Frauke Petry) trifft, muss ein Thema sein. So, wie die Wiederaufnahme der post-kolonialen Debatte unabweisbar wird, und langsam in die Gänge kommt, so sollte auch bei uns die Aufarbeitung der Zeit nach 1989 sich aus dem infantilen Ost-West-Geplänkel in etwas rationalere und kritische Ebenen bewegen (Ein Beispiel, dass und wie das versucht wird, ist Ines Geipels “Umkämpfte Zone“, 2019, wobei es da nicht explizit um Flüchtlinge geht, aber die ganze Identitäts-Rhetorik auf den Prüfstand gestellt wird, und die Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privaten Beschweigen konkret wird). Diese Art von Schuldbearbeitung unterscheidet sich von der Schuldzuweisung an die alten und neuen Diktaturen. Aber eben diese Differenz kann dazu führen, dass wir es besser machen: Ende der Abschiebung, Aufnahme der Kinder (was spricht dagegen Vorbild zu sein), Revision der Innenpolitik.

Darf ich, bitte? Zu spät

Gerade habe ich darum gebeten, sich mit Kommentaren zur unangegriffenen Befindlichkeit im Krieg zurückzuhalten. Man kann über alles reden, aber man muss nicht seine Meinung zum archimedischen Punkt der Aufmerksamkeit machen. Allerdings: verstummen in Not und Gefahr sagt viel, bereitet aber die eigene Auslöschung auf dieser Welt vor. Man kann es also nicht wirklich richtig machen; obwohl: wir sind ja nicht wirklich in Not und Gefahr, wir gehören nur ihr, die andere trifft und bedrängt. Wir haben damit „zu tun“, aber wir tun oft zu wenig, oder nichts. Manchmal auch das Richtige. Wir werden auch Stellung nehmen müssen, uns zuordnen, ich hoffe, wir haben längst Partei ergriffen…aber über die Umstände muss man ja nicht dauernd reden.

Das ist mir heute durch den Kopf gegangen, als ich mehr als fünf Stunden meines Lebens vergeudet habe, privilegiert die meiste Zeit in der Sonne vor dem Bahnhof, auf dem Bahnsteig, im Umsteigebahnhof, vor den Informationstafeln zugebracht habe. Über die Bahn zu schimpfen, hat keinen Sinn, obwohl fünf Stunden…So sind sie halt, die Mehdorns,. Pofallas, die Deutschen. Witzig? Ich hätte auch etwas schreiben können, etwas lesen, über etwas nachdenken. Nein, ich starrte meist auf die unergründlichen Fahrpläne und hörte dass Knacken im Handy, wenn die DB Reisebegleitung mir zum 6., 7. mal mitteilt, ich würde nicht weiterkommen. In Marburg und Kassel, wo ich den Zeitverlust unterbrechen musste, wurde alle Naslang angesagt, warum das alles so ist, es wurde sich entschuldigt. Is ja gut. Da kam mir der Gedanke, aus den Ursachen der ungefahrenen Züge ein Lehrgedicht zu machen, Plutarch oder Klopstock. Nicht über Tod und Vernichtung grübeln, die Wirklichkeit in Verse fassen, sich lösen vom Grauen und Aufschwingen zur Welt, der wir mit einer Spielzeugeisenbahn auf die Pelle rücken.

Die Verspätung oder Zugausfall kommen

… weil das Personal zu spät eingetroffen war, weil eine Weiche repariert werden musste, weil der Zug aus voriger Fahrt schon verspätet war, weil der Zug zu spät bereit gestellt wurde, weil eine Strecke gesperrt war, weil Menschen im Gleis waren, … und

zwei Tage später:

tschulgung, bitte. Abends, im natürlich verspäteten Zug nach Berlin, Weichenreparatur, eine Minute vor dem geplanten Zug wir kommen nie an, Umleitung. Der Zugführer hat keinen Fahrplan für die Umleitung. In Spandau offenbar reichen 4 Gleise nicht für einen Personenschaden. Lächerlich, so wie mein Heißhunger in Hannover. Nachdem ich gefüttert wurde.

Wenn all das geschieht bei der Mobilmachung, kommen alle zu spät an die Front.

Wenn all das bei unserer Hilfeleistung geschieht, kommen Lebensmittel und Medizin nie zu denen, die sie bitter nötig haben.

An und für sich können Verspätungen Leben retten oder gefährden (nicht die eigenen) oder verkürzen – heute meines. Ja, Herr Lehrer, auf den Kontext kommt es an.

*

Im Fronttheater wäre das Stoff für einen Comedian oder eine Diseuse. Aber wir sind nicht Front, sondern Etappe, wie ein Kollege gerade treffend gesagt hat. Auch die Etappe gehört zum Krieg, so, wie die Medien, die Fourage, die Angst und die Betäubung dazu gehören. Im Krieg geht viel Ironie verloren, wird durch Pathos ersetzt (als wäre man in den Feuerlinien, unangreifbar zwar…in Wien sagt man: rede nicht so, am Ende erlebst du es wirklich…umgangssprachlich rückt es dir näher).

Zum Pathos des Schützengrabens hat seit jeher gehört, die kleinen Bemerkungen über die kleinen Dinge auszutauschen, weil die großen Dinge, das Leben der Kinder, der Eltern, der Partner längst dem entrückt sind, was man selbst tun könnte, auch was man versäumt hatte und was man hätte anders machen wollen, bekäme man die Chance. Ich habe diese Pathétique nie gerne gelesen, weil ich a) nie im Schützengraben war und auch jetzt nicht bin, und b) einem die Konfrontation mit dem Sterben nicht so wirklich die Wahl lässt, wie man es anders machen könnte, jetzt sofort. Mit dem Sterben, nicht mit dem Tod. Darum werben ja die Patrioten immer mit dem Heldentod, dem Tod fürs Vaterland, auf einem Denkmal stand: Unser Tod für euer Leben. Nur: wie bedankt man sich bei den Gestorbenen?

Diese Gedanken kamen mir bei den zwei Optionen des verspäteten Zuges. Zu tief haben sich die Zugmetaphern in meine Bildung eingegraben, Nicht nur Kriegsgeschichte, aber viel davon. Und welche Rolle die Züge von und nach der Ukraine spielen, können wir sehen, wissen.

*

Einmal kam ein Zug zu früh an, fuhr auch vor der Zeit ab, und ich bekam mein Geld wirklich zurück. Aber meist, und hier bei uns besonders, kommen die Züge zu spät und rauben uns Lebenszeit und Nerven, es sei denn man genösse den Zwischenraum zwischen Plan und Fahrt als unerwartetes Stück Freiheit. Gerade jetzt, also nach 5 Stunden Verspätung hält der Zug in Wolfsburg, weil noch immer Menschen im Gleis sind. Auf unbestimmte Zeit, bis die Polizei ihre Arbeit getan hat. Da hat sich einer umgebracht, das wird nett umschrieben und niemand sagt tschulgung. In meinem frühen Lieblingslied sang die Knef „und kommst du mal aus dem Gleis, dann war es Erfahrung und nicht Offenbarung, was macht das schon?“ J, aber. Der Zug, der nie sein Ziel erreicht oder in der Hölle landet oder unverrichteter Dinge rückwärts in die Heimat rollt.

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Man muss im Leben zusammenbringen, was nicht zusammenpasst und zusammengehört. Das ist so trivial wie wichtig. sonst hält man das eine nicht aus, während sich das andere ereignet, und umgekehrt.

Spalten und Abgründe. Wenn es so weit ist.

Sie streiten nicht. Sie vergleichen ihre Ansichten. Meinungen darf jede(r) haben und sie auch in der Regel sagen: zu sich selbst oder öffentlich oder dazwischen. Meinungen sagen etwas über die Wirklichkeit iher Besitzerin oder ihres Machers aus, aber nichts über die Wahrheit. Oder nur wenig.

Die Menschen streiten über den richtigen Umgang mit dem Krieg in der Ukraine. Sie streiten auch um die letzte Flasche Pflanzenöl und billige Spaghetti im Supermarkt, die Hamster. Sie werden zu Pazifisten, wenn es gegen Waffenlieferungen geht und zu Bellizisten, wenn sie dafür sind. Ob sie ihren Energieverbrauch jetzt reduzieren wollen oder sollen, entscheiden sie, wenn es so weit ist.

Weil wir schon im Krieg sind, ist er noch lang nicht da, und wäre er da, wäre er noch lange nicht hier. Im letzteren Fall hätten die Recht, die solange von ihren gehamsterten Spaghetti essen könnten, bis ihr Keller von einer Rakete getroffen würde. Wäre er offenkundig schon da, also Deutschland offenkundige Kriegspartei, dann müsste man sich orientieren, d.h. weitgehend den Anweisungen von oben folgen oder sich gegebenenfalls verweigern, auflehnen. (Im Kaiserreich brauchte man zum Protest eine Bahnsteigkarte…sagt man heute ironisch. Was braucht man heute?).

Der Pöbel streitet nicht. Der Pöbel ist dagegen. Ich rede aber jetzt von den Menschen, die aus ihrem Meinungsanzug herauswollen, die wollen, dass etwas geschieht, an dem sie mithandeln können.

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Deutschland ist, wie viele andere Länder gespalten. Alte Grenzlinien Ost-West, christlich-muslimisch oder reich und arm sind nie tragfähig gewesen und eröffnen heute eher den Blick auf die wirklichen Spaltungen, Brüche, Verwerfungen. Das Überbrücken der Meinungsgräben zwischen Waffenlieferungen und ihren Gegnern ist kein Kompromiss, auch keine Realpolitik. Meinungen und der gesunde Menschenverstand reichen nicht aus, um denken, was richtig ist. es geht in die Beschränktheit der persönlichen Vorstellungen, die auf relativ viel Wissen, auf der Fähigkeit Zukunft zu denken, auf Konstruktionen dessen beruhen, was welche politische Handlung für mich, für meine Umgebung, für meinen Lebens- und Arbeitskontext, vor allem für meine Kinder und Enkel bedeutet. Und für jeden Menschen gelten diese Bedeutungskreise. Ich halte es für wichtig und richtig, diese Bedeutungen in Konstruktionen einzupacken, die konditional sind: wenn…dann…und alternative Verhaltensvorbereitungen, sozusagen ein Portefeuille zu haben. Natürlich – hier stimmt der Begriff nun wirklich – natürlich nicht nur auf mich bezogen, aber innerhalb dieser Kreise nicht opportunistisch sich darauf vorbereiten, hinzunehmen was kommt, sondern Wenn…Dann… hat seine Ethik, seine Vermittelbarkeit und erst in dritter Reihe die Frage, ob das, was man dann tut, auch gelingt.

Sich so IN einem Krieg vorbereiten ist noch einfacher als sich AUF einen Krieg vorbereiten.

*

Ich schreibe das, weil mich die bloße Meinungsfreizügigkeit irritiert bzw. ärgert. Zum einen ist es denen, die in diesem Krieg schon gefallen sind und weiterhin sterben, verwundet werden, ausgebombt und gefoltert werden, unmittelbar nicht wichtig, was wir darüber denken, sondern was wir tun. Und wir tun hoffentlich nicht nur, wovon wir individuell überzeugt sind, dass wir darüber entscheiden – neoliberal, pöbelhaft, dogmatisch,…. – sondern dass wir es aushandeln, vermitteln, also dass wir Einfluss gewinnen wollen, also dass in unserem Namen gehandelt werden kann und so – hoffentlich – Menschen gerettet werden, und dass so etwas wie Frieden verhandelt werden kann. Frieden fordern grenzt fast an Amnesie. Frieden schaffen ist schwieriger und muss wohl während der Kämpfe beginnen. (Wenn es keine eindeutige Lösung gibt, wie bei den Gasimporten, dann kann man ja sehen, wie wenig weit die individuellen Meinungen tragen und wie brüchig bisherige Formelkompromisse sind). Die schreckliche Wahrheit moralisch und rational gleichermaßen richtigen Handelns ist im Krieg, dass es unmittelbar keinen Menschen rettet. Es gehört, jedenfalls für mich, viel dazu, DAS auszuhalten. Kein Stratege zu sein, sondern das Leiden anderer wahrzunehmen. Eingreifen geht für uns nur mittelbar. Umso wichtiger ist es HIER die Zivilisation immer einzuüben und zu erneuern, die Putin und seine Truppen zielstrebig zerstören, DORT erst einmal.

Wem das zu abstrakt ist. Spenden, helfen, Unterkunft besorgen kann jede(r) und immer, und den Pöbel abwehren auch.

*

Nachtrag, ein paar Tage später: wenn Autokraten wie Erdögan oder Orban ihre dreckigen Spiele in diesem Konflikt spielen, darf und kann es nicht überraschen. Das Ertragen der zweiten Reihe von Tyrannen, um geschlossen gegen die erste Reihe vorzugehen, macht uns nicht sauberer oder anständiger, es beschmutzt. Habeck muss am Klimaschutz Abstriche machen, andere Autokratien erwerben Strafnachlässe, und mit der Logik der Beobachtenden ist es nicht getan. Aber wäre selbst das wirkliche Ende näher als viele glauben wollen, so sind wir nicht am Ende, das ist nun mal so in der Vergänglichkeit. Ein Beispiel: ich war und bin immer noch ein Gegner der NATO. Aber ich war und bin immer noch ein Befürworter einer europäischen Streitmacht der EU. Das wäre eine realistische Drohung gegen die Diktatoren. Ohne die Türkei könnte man vielleicht ein demokratisches Verteidigungsbündnis neben den USA, nicht gleich gegen sie, etablieren. Trotzdem müssen wir jetzt zu Finnland und Schweden halten, siehe oben.

Ende vor dem Ende vor dem Ende

Der Krieg reiht die Prioritäten der Lebenden beständig um. Gerade waren noch Klimaschutz und Energiewende und Sozialreform mühselig nach vorne gerückt worden, so stehen sie jetzt im Schatten des Kriegs. Ich behaupte, dass wir im Krieg sind, und nicht, dass wir versuchen ihn fernzuhalten. Deutschland wurde nicht am Hindukusch verteidigt (BMVg Struck 2002), wir verteidigen uns auch nicht militärisch, aber wir sind ohne jedes Drumherumreden im Geflecht eines imperialen Kriegs. Was heißt „imperial“? dass im gesamten Kriegsgebiet nicht die nationale Homogenisierung erfolgt und ein Land ein anderes angreift oder sich dagegen verteidigt, sondern dass ein kompliziertes Geflecht ungleichmäßiger Interessen, aber auch ungleicher Potenziale herrscht und uns zu bestimmten Handlungen zwingt, uns andere näherlegt und wieder andere abwehren lässt.

Krieg ist keine wissenschaftliche Denkaufgabe, bei die Reduzierung von Komplexität zum Handwerkzeug gehört. Die realistische Prognose der Situation ist: das 2° Ziel wird nicht gehalten, die bis dann Überlebenden werden vielleicht die letzten sein, aber die gegenwärtigen Oligarchen, Meinungsmacher, Influencer werden sich mit ihren Partikularinteressen durchsetzen. Die Profiteure des Kriegs verteilen sich ungleichmäßig über die Erde wie Überfluss, Hunger, gutes Leben, schlechtes Leben, Burka und Entblößung, Gebet und Blasphemie. Eine optimistische Prognose gibt es so wenig wie eine pessimistische: beide würden unser Leben, d.h. innerhalb der Lebenserwartung zum Rahmen nehmen. Wie lange brauchen wir, um das Zerstörte wieder aufzubauen, wie lange müssen wir Glyphosat sprühen, um die Menschen zugleich zu ernähren und zu vergiften, wie lange noch?

Aber es gilt auch: Prosperos Vision der Wirklichkeit: Das Spiel ist nun zu Ende – alle Spieler…/ waren Geister, / und sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft……ja der Erdball selbst / mit allem was ihn schmückt, es schwindet einst / und läßt wie dies unkörperliche Spiel / nicht eine Spur zurück – wir sind der Stoff / aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben / ist rings vom Schlaf umhüllt… (Shakespeare, Der Sturm, (1611), übersetztvon Wolfgang Swaczynna, Bärenreiter Verlag, Kassel).

Wir können wieder unbeschwert leben, wenn das Spiel zu Ende ist. Nur die Gestorbenen können das nicht, und ob die Gefolterten, Gefangenen, Hungernden aus dem Schlaf erwachen wollen, ist nicht nicht unsere Entscheidung.

Wenn das Spiel nicht zu Ende wäre, also nicht nur wir überlebten, dann müssten wir handeln. Etwas tun, das unser bisheriges Leben (und sei’s der letzten Zeit) aus Bahn wirft um sich anderswie bewegen zu können, dann gewinnen alle Begriffe wieder eine andere Bedeutung, vom Waffenstillstand bis zum Neuaufbau. Dem CO² ist das egal. Den Kindern und Gefährten der Gefallenen, den Eltern nicht.

Oft habe ich in diesen Tagen den Eindruck, die (oft) durchaus gut gemeinte Interpretation des Geschehens, eben die Kritik der kritischen Kritik, hüllt uns ein in den Kokon der Gleichgültigkeit.

Wir kehren den Wiener Spruch um: Es muss etwas geschehen! – Da kannst du eh nichts machen!

Einhalten

Eines dieser dialektischen Wörter: ich halte die Regeln ein, ich unterbreche eine Handlung, . Manchmal unterbrechen auch die Regeln das, was man gerade tun möchte, und das Gegenteil ist zur Zeit angezeigt. Haltet ein, nicht nur, wenn ihr Freunde oder Genossen oder Verbündete seid.

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Die Kommentare zu den Kommentaren retten niemanden, sie gefährden höchstens zustimmende Beitritte in nicht demokratischen Gesellschaften. Brutaler gesagt: seid für einen Augenblick still; Atemholen; Nachdenken….uiuiui, da sagt ihr, haben wir schon, lange genug. Die Zeit drängt. Das ist richtig, und die Opfer von Russlands Krieg haben nicht darauf gewartet, dass ihr die Zeit für eure Ansichten drängen lasst.

Manche Auseinandersetzungen erinnern mich an eine Stelle bei Borges‘ Bibliothek von Babel: (Die Bibliothek um fasst alles): „…die Geschichte der Zukunft bis in einzelne, die Autobiographien der Erzengel, den echten Katalog der Bibliothek und Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Kataloges, …die wahrheitsgemäße Darstellung deines Todes, …“ (J.L.Borges: Labyrinthe, München 1959, S. 191). Auch diese Bibliothek ist nicht unendlich…Die Auseinandersetzung um die beiden Unterschriftlisten erinnert mich spontan und systematisch an diese Stelle. In beiden Gruppen habe ich Bekannte und Freunde, auch Gegner, und ließe ich mich auf die Kritik der jeweiligen Aufrufe ein, würde ich nicht mehr handeln können, weil ja die Intentionen und der Instrumente der AufrufautorInnen so weit von einander nicht entfernt sind.

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Ja, ich weiß, ich habe mich auch einige wenige Male zu diesem Krieg geäußert; ich habe viel mehr dazu gehört, gesehen, gelesen, als ich kommentiere. Weil eine Meinung eben nicht zur Demokratie beiträgt, wenn man sie nur hat. Jede(r) kann etwas tun, man kann handeln, aber man muss nicht immer darüber reden. Das bedeutet gerade NICHT, dass man den Krieg verdrängen darf, ihn sozusagen auf die Seite der „Sie“ schieben kann, denen „Wir“ kommentierend gegenüberstehen. Aber die Tatsache, dass WIR IN DIESEM KRIEG SIND, muss nicht in jeder Kommunikation und allen Gesprächen stattfinden, wir können tatsächlich eine Menge tun. (Und viele tun das, und sie berichten bestenfalls, aber sie reden nicht darüber hinweg, wenn sie Wohnung geben, Spenden abliefern, Botschaften vermitteln oder den Geretteten in den Ämtern helfen).

  • Es ist richtig, dass wir uns auf eine Verringerung unseres Wohlstands einstellen müssen, udn das kann Anlass sein, die Sozialpolitik zu korrigieren, weg von den neoliberalen Kriegsgewinnlern hin zu den von Armut bedrohten Menschen.
  • Es ist richtig, dass es Verwerfungen in der Klimapolitik gibt, die unlösbare Gleichungen auslösen. Wer jetzt den Klimawandel von der Priorität verdrängt, braucht seine Nachkommen nicht zu retten, die ersticken sowieso…
  • Es ist leider auch richtig, dass es jetzt schon Kriegsgewinner gibt, nicht nur die Rüstungskonzerne und Lobbys, auch andere Profiteure. Und mit manchen müssen wir zusammenarbeiten, aber sie sollen wissen, auch ihnen wird im Frieden wieder der Prozess gemacht werden. (Das gilt auch für mindere Diktaturen, die zur Zeit auf der „richtigen“ Seite in dem Konflikt stehen, aber im Krieg dominieren scharfe Grautöne gegenüber der klaren Zuordnung, das gehört ebenso leider dazu.
  • Über dem einen Krieg dürfen wir nicht vergessen, was wir auch wissen: dass wir zum Beispiel den Menschen in Afghanistan helfen müssen, die am verhungern sind und in einer elenden Diktatur leiden; viele Flüchtlinge hier bei uns drohen in den Schatten der anderen Schwerpunkte zu geraten, auch Geflüchtete aus dem Jemen, aus Syrien. Auch darauf kann man aufmerksam machen, man muss es nicht kommentieren, aber man kann etwas tun.

*

Draußen blüht der weiße Flieder, man kann den trockenen blauen Himmel bewundern und die Atempause des Wochenendes. Das macht nichts besser, aber wichtiger: es macht nichts, das wir richtig machen, schlechter.

Wir sind im Krieg, aber wir brauchen diese Atempausen weniger als die von den Kämpfen wirklich Betroffenen, Traumatisierten, Geflüchteten. Das Komitee für Grundrechte hat schon von Jahren ganz praktisch „Ferien vom Krieg“ dekretiert und tut etwas. Im Jahresbericht 1920/21 hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine gerade für das Vorwort gereicht, März 2022. Auch hier gehen alle Argumente durcheinander, aber diese Fokussierung auf die nicht nachlassende Aufmerksamkeit und die Ferien vom Krieg zeigen, dass man nicht selbst der Versuchung erliegen soll, zu leben, als wäre man in der Feuerlinie.

Zynisch, das sagt sich leicht

Deutschland schlittert – wieder einmal – in eine Beschimpfungskultur. Da sind die einen Kriegstreiber, die andern im naiven Unrecht, wenn es um Waffen für die Ukraine geht. Nicht einmal vor diesem Thema macht das behagliche Nichtbetroffensein – scheinbar! nicht betroffen – halt.

Nicht selten ertappe ich mich, dass ich auch „mit-„schimpfe, nicht bei diesem Thema, aber aus anderen Anlässen, so geht es wahrscheinlich vielen. Aber Mitglied dieser Kultur der entpolitisierenden Beschimpfung bin ich nicht. Es gibt viele Gründe, sich nicht alle Höflichkeit und Zurückhaltung zu verbieten. Klartext, nennt man das. Aber bei „großen“, vielleicht lebensbedrohlichen Themen kommt dem Klartext eine besondere Bedeutung zu. Und die wird durch die krasse Beschimpfung gemindert, nicht erhöht.

Kultur wäre es erst, wenn es die Massen ergreift, nicht wenn einer den andern beschimpft. (Das soll niemand mit der persönlichen Kultiviertheit verwechseln, zu der auch einmal schimpfen gehören kann, oder loben, oder Ironie).

Der heutige Anlass ist auf allen Kanälen, also nichts weiter dazu. Aber da lese ich einen bemerkenswerten Artikel, ein Interview mit Peter Sloterdijk. Damals, 1983, haben wir im Kollegenkreis nächtelang die „Kritik der zynischen Vernunft“ diskutiert, Es war wie ein Angriff auf unsere angestrebte modernisierte Aufklärung.

Sloterdijk hatte für uns, auch für mich, höhere und tiefere Entwicklungen, wurde zur Seite gerückt. Nicht wichtig. Heute schreibt er aber, bedenkenswert mindestens und nicht zynisch: die idealisierenden Programme, v.a. der Grünen, erscheinen in reinen Farben. Die Realität der Politik (also der „Wirklichkeit“, frage ich, mein Thema) hingegen lehrt schnell, das Grau in seinen Abstufungen wahrzunehmen, zu beachten. „Für mich bildet die Sammlung der Graumotive in der Summe so etwas wie eine Freiheitslehre, die Befreiung von starkfarbigen Illusionen betreffend“, sagt er. Ich stimme nicht zu, weil Befreiung andere Prämissen hat als Freiheit. Aber meine zu wissen, was er meint. Die Zustimmung zu den Waffenlieferungen ist grau, nicht idealistisch, die Kooperation mit Katar oder Polen gegen Russland ist ein anderes grau und auch nicht idealistisch, und die Ängste sind schrill, knallfarbig, aber ausweglos (das sage ich zum Atomkrieg).

Was dazu gehört: im Grau verschwinden oder verschwimmen die Konturen. Es ist nicht zynisch sich zu irren, verirren, aber es ist zynisch darauf zu bestehen, dass alle andern irren, wenn man selbst falsch liegt. Der Geisterfahrer beschimpft die tausenden Falschfahrer in der Gegenrichtung.

1. Mai, Quantenmechanik des Friedens

No person with a conscience can abide the crimes against humanity Russia is committing in Ukraine today. But the moral myopia of those who sanctimoniously see the transgressions of others as unfathomably different from their own historical wrongs dilutes the outrage that would forge a liberal order the rest of the world can stand behind. (Nathan Gardels)

Hast du keine anderen Themen, fragen mich die LeserInnen des Blogs? Doch, ungezählt viele. zu gestern nur ein Nachtrag.

Ist es richtig, was die GRÜNEN abgestimmt haben, für Waffenlieferungen an die Ukraine, für eine Stärkung der Bundeswehr? Oder haben Jürgen Habermas und die Proteste dagegen Recht?

weil ich kein Opportunist sein möchte, mich auch nicht weg ducke, ist meine Antwort paradox: BEIDE haben Recht, je nachdem, wo in der Weltpolitik sie sich befinden.

ES KOMMT DRAUF AN.

Wenn wir uns im Krieg befinden, wenn das DORT der Kämpfe und das HIER der relativen Ruhe, also nur wirtschaftliche und soziale Bedrohungen und Opfer sind, dann passen die Beschlüsse. Sie sind folgerichtig, haben wenig mit den Westen und der amerikanischen Führungsrolle zu tun, aber immerhin: man rückt zusammen und macht eine rote Linie: WIR vs. SIE, mit dem Blick auf die Stellvertretung unserer Werte durch die Ukraine. Ob der Krieg damit verlängert wird, ins Endlose, steht dann nicht im Vordergrund.

Wenn wir uns nicht im Krieg befinden, wenn das DORT der Kämpfe nur durch eine friedensfördernde Haltung HIER abgeschwächt, unterbrochen, beendet werden kann, dann sind Aufrüstung und Waffenlieferungen falsch, weil es nicht um Selbstverteidigung geht, sondern der Krieg ins Endlose verlängert würde. Das hieße, wir setzen auf FRIEDEN. Wir, bitte, nicht „die“.

Beides hat etwas für sich und viel dagegen. Die Waffenlobby, die Rüstungskonzerne, und die Westgewaltredner profitieren so vom Krieg, wie andere widerwillig ihnen auch Raum lassen, um mit Waffen der Ukrainer gegen den Aggressor zu helfen. Die Gegner der Waffenlieferungen müssen damit fertig werden, dass der Westen keineswegs völlig unschuldig an der Entwicklung Russlands und seines Selbstherrschers ist, aber – natürlich! – wir hier das denken und sagen dürfen, was dort mit Tod und Gift bestraft wird. Deshalb lieber hier für den Frieden arbeiten?!

Das kleinliche Gezänk, auch der Medien, über Zögerlichkeit, Einseitigkeit, mangelnden Patriotismus etc. deckt unter anderem die Angst zu, dass es uns im Fall der Übertragung des Dort nach Hier schlechter gehen wird, den Ärmeren noch schlechter als dem Wohlstand. Und eine Vorahnung, wie es sein würde, hätte man im Ergebnis die falsche Position eingenommen – Angst vor den irdischen Höllenstrafen, klassisch.

*

Heute reden noch manche vom internationalen Kampftag der Arbeiterklasse. Keine Arbeiter, keine Kämpfe. Was kann der Beitrag aller arbeitenden Menschen zum Frieden sein? Das kommt darauf, woran und wofür wir arbeiten. Jede(r) von uns.

Nicht dort: hier.

(Gegen den Krieg)

In wenigen Tagen erscheint ein Buch, ein HANDBUCH GEGEN DEN Krieg.

Marlene Streeruwitz: Handbuch gegen den Krieg: ISBN 978-3-903290-76-1 (Bahoe)

Wenn es vor Ihnen und euch liegt, lest es. Beginnt nicht mit dem letzten Satz:

Frieden ist ein anderes Wort für Gerechtigkeit. 

Da müssen wir erst hinkommen.

*

Es sind beschämende Tage. Man weiß, aber ich sage es nicht. Man erfindet Wahrheiten zum Krieg, aber man drückt sich vor seiner Wirklichkeit; ich drücke mich. Es macht aber keinen Sinn, die Meinungen zu sammeln und zu kritisieren, oder ihnen zuzustimmen: es sind Meinungen, die nichts bewirken als uns zu beruhigen, in Stellung zu bringen, uns – nicht die, die sterben, getötet und verwundet werden, auch nicht die töten oder töten lassen. Was wir meinen, betrifft erstmal uns.

Das sieht nicht jeder so: ein mäßiger österreichischer Autor und Literaturwissenschaftler[1], sagt dazu: „Künstler und Intellektuelle im Westen haben es leicht, sie müssen für nichts ihren Kopf hinhalten – dialektische Diskurse über „Meta-Narrative“ zu führen ist gänzlich ungefährlich…“. Und in einer bissigen Kritik an Marlene Streeruwitz fragt er gegen sie, ob es denn um „unsere Befindlichkeit“ ginge. Danach hackt er noch eine ganze Reihe anderer Künstler und Intellektuelle durch, zu denen er sich offensichtlich nicht zählt. Ich habe ihm einen kurzen Leserbrief geschrieben, er ist nicht mehr wert. Aber seine Fangfrage, die ist seltsam. Natürlich geht es um unsere Befindlichkeit. Als ob das Empathie, Stellungnahmen, Hilfe ausschlösse.

Was sich im Krieg abspielt, sind keine Befindlichkeiten, dort wo Krieg stattfindet.

Es ist leicht nachzuweisen, dass die meisten zugänglichen Texte und Bilder solche vom und über den Krieg sind, und nicht über den Frieden. Dass der gewollt und von vielen angestrebt wird – nehme ich doch an; dass der Frieden mit mehr Waffen oder welchen Waffen oder mit weniger Waffen oder nur durch Gespräche oder durch welche Maßnahmen auch immer, nähergebracht werden kann – mag diskutiert werden. Bei uns, bitte. Dort, im Krieg, sind diese Erörterungen oft Rahmungen einer Politik, die jedenfalls bis zum Waffenstillstand angreift oder sich verteidigt, oder gegen-angreift.

Kritische Leserinnen und Leser werden fragen, warum ich nicht die Schuldzuweisung in den Vordergrund rücke: Putin hat angreifen lassen – warum und wozu auch immer, die Ukraine ist das Opfer – warum und wie es dazu kam, mag analysiert werden. Krieg geht nach dem Muster, wer hat angefangen? Und das ist der Rahmen der Wahrheitssuche. Töten und Sterben und verwundet werden und vertrieben werden, das ist das Bild der Wirklichkeit. Aber Krieg wird ja nicht erklärt, er war da und ist da.

Wer kritisiert, dass wir in dieser Situation über uns nachdenken, in dieser Situation, hat eine unaussprechliche Option: in diesem Krieg selbst handeln, töten, sterben lassen oder selbst sterben.

*

Die jetzige Diskussion ist Teil eines hierarchischen Diskurses, der gerade – und schrecklich genug – beim Krieg Russlands gegen die Ukraine anhält. Er hält stärker an als beim Krieg um Syrien, um Afghanistan, um Jemen, um….(Herr Zeillinger: warum wird unsere Befindlichkeit stärker gereizt als bei den jüngsten anderen Kriegen, die ja alle nicht zu Ende sind und in den Frieden gemündet haben?).

Das Urteil über Schuld, Strafe, Vergeltung, Versöhnung kommt immer wieder, es kommt dazwischen, während der Krieg weitergeht, gestorben wird, getötet wird. Wenn diese Urteile aus unserer Befindlichkeit kommen, sind sie meist das Resultat der Tatsache, dass der Krieg dort, seine Narrative aber hier stattfinden. Anscheinend. Wenn dort nahe ist, dann färbt das die Diskurse mit Angst ein. Dort könnte hier sein, bald. Wenn nicht…und dann kommt die Schleife, Waffen, Dialoge, beides liefern…alles das kann moralisch begründet werden, aber diese Begründungen treffen Sachverhalte, in denen vieles fehlt: unsere Kinder und Enkel, unsere Fähigkeit, mit mehr als Worten zu verhandeln, also zu helfen und den Krieg anzuhalten, zu bremsen…für all das gibt es Beispiele, Vorbilder, aber das findet alles im Krieg statt, nicht im Frieden.

Ich habe den bitteren Verdacht, dass der Diskurs über das, was gedacht und gesagt werden kann und soll, eine Normalität des Kriegs befördert, die das Umschlagen von Befindlichkeit in Betroffensein, Flucht, Widerstand oder Untertauchen näher rücken lässt, ohne dass eben das thematisiert wird. Wir ergreifen Partei, das ist ethisch begründet und markiert unsere Befindlichkeit. Die Befindlichkeit derer, die im Krieg sind und bei uns eine sicherere eintauschen könnten, aber es nicht wollen, erwähnt Zeillinger am Ende seines Essays, als ob die Nichtannahme dieser Alternative unsere Fähigkeit zum Frieden beizutragen beschädigte – und die der Kämpfenden, Sterbenden, behinderte.

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Wir beruhigen uns dadurch, dass wir ganz militaristisch eine Hauptkampflinie ausmachen, Russland gegen den Westen, die Ukraine in der Mitte. Und dann wird, analog zum Kalten Krieg abgestuft.

Befindlichkeit ist keine Konstante. Welche Befindlichkeit, wie sie zustande kommt, ist wichtig, und wodurch sie gefestigt oder erschüttert wird, wie sie sich zusammensetzt und wer sie mit wem teilt. Trivial? Nicht unwichtig.

Der eine akute Krieg teilt kämpfende Männer und fliehende unterstützende Frauen (jeweils in der Mehrheit). Die Frauen und Kinder werden aus den Kampflinien gebracht, gerettet, bei uns in Sicherheit gebracht. Das wirkt auf unsere Befindlichkeit. Übrigens auch auf die migratorische Arbeitsmarktpolitik. Falsch? Aber das ist die zweite Linie. Uns klar zu machen, dass schon dieser Krieg uns zwingt, von unserem nestbauenden Wohlstand Abstriche zu machen, nicht nur bei Gasöl, das sagt niemand so laut. Dass die Menschen in Afrika und Afghanistan weiter und vermehrt verhungern (das ist kein Kampf, sondern rangiert unter zivil), dass anderswo die Folgen weiter verheerend zunehmen, ohne dass sie kausal mit uns in Verbindung gebracht werden…

Das wäre ein pazifistischer Diskursrahmen, der aber den Krieg nicht eindämmt oder abschwächt; er beruhigt unser Gewissen, unsere Befindlichkeit nicht viel anders als die Begründung für mehr Waffen und eine Ausweitung der Kriegszone.

Einige Leseempfehlungen, die sehr unterschiedliche Meinungen zusammenbringen:  

Fred Grimm: Wie geht Frieden? Greenpeace Magazin 3.22, 4-10

Helmut Lethen: „Nicht die Zeit einer Kultur des Ausgleichs“ Der Freitag, 16/22, 18-19

Alissa Ganijewa: Wir Russen leben in einer Kultur der Lüge. Die Presse, 23.4.2022, III

Wladimir Sorokin: Unser Krieg. Süddeutsche Zeitung, 23.4.2022, 15

Jackson Lears: The Forgotten Crime of War Itself. NYRB LXIX, #7, 21.4.2022

Diese Liste soll auch bestätigen, dass man nicht mit zweierlei Maßstäben messen kann, die Verbrechen der Russen und die der USA oder die Chinas in ideologische Monaden kleiden.

Nebensatz: ich, in diesem Fall doch „man“, muss nicht alles immer und immer lesen und vergleichen und meta-meta-bedenken. Die „Kritik der kritischen Kritik“ hilft nicht. Aber wo immer man hineinsticht (Bibel? Zeitungsstechen?), es ist schwer, politisch und kriegsbezogen hinter Orwells 1984 zurückzugehen, aber ein Großteil der Friedensbewegung hat vielleicht doch ein Stück starrer Befindlichkeit gegen die Bewegung eingetauscht?

Was tun?

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Was wir tun können, klingt auf den ersten Blick paradox. Lassen wir, wider besseres Wissen, die Schuldfragen und Beschuldigungen einmal beiseite, ohne sie zu vergessen; lassen wir auch die gewussten oder vermuteten Folgen unserer privaten Handlungen – Spenden, soziale Integration der Geflüchteten, was auch immer wir leisten – in unserer Befindlichkeit und erörtern sie nicht öffentlich; bedenken wir nur, dass es auf uns ankommt, auch auf uns, vielleicht vorrangig auf uns, dass wir Frieden und nicht Krieg als Rahmen für unser Denken und Handeln annehmen.

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Ich mache einen Umweg. Wisst ihr noch, welchen Beitrag Deutschland zur Entstehung und Konsequenz der Balkankriege in den 1990er Jahren geleistet hat? Welchen Beitrag wir direkt und indirekt in Afghanistan erbracht haben? Was wir mit den Kriegen im Nahen Osten zu tun haben?

Noch einmal: es geht hier nicht primär um Schuld und Kausalität. Es geht darum, dass die Wahrheiten unserer Befindlichkeit oft mit Wirklichkeit nichts oder nur wenig zu tun haben.

Wirklichkeit ist dort. Wahrheit ist in den Bildern, den Berichten, die uns erreichen, in unzähligen Analysen, Aufrufen, politischen Entscheidungen zersplittert und nicht zusammensetzbar, fake news, Offenbarungen, Glauben und schlichte Evidenzen – gibt es alles, aber wenn dieses Mosaik nicht uns mit verändert, dann wäre unsere Befindlichkeit statisch, erstarrt im Auge des unendlichen Kriegs. Mit andern Worten: wenn wir uns nicht ändern, dann ändert sich nichts.

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Jetzt nicht zynisch fragen, bitte, wie geht denn das? Vieles wissen wir, aber wir geben dem Handeln eine Schonfrist, bis das Dort hier einbricht. Es kommt, denken wir, noch früh genug. Wofür? Leider für unsere Kinder und Enkel, wenn nicht für unseren Lebensabend….

Wenn sich die Globalität anlässlich von Covid und dieses wie anderer Kriege auflöst, also die Lieferketten reißen und die Dominanz der ganz Großen zerbricht, kann es sein, dass wir in den alten Nationalismus zurückfallen, und daraus rechtfertigen mit welchen mittleren Tyrannen wir gegen die großen Tyrannen anrennen? Plötzlich ertragen wir Erdögan, PiS, Orban, und zugleich bemäkeln wir die SUVs von Oligarchen der kriegführenden Parteien vor unseren Luxushotels. Als ob wir an all dem keinen Anteil hätten und jetzt aus der Hügelperspektive die Schlacht beobachteten. Ein Bild, ein Text, ein Lied wird sich in unsere Geschichtsbücher eingraben, wenn die der Zensur entkommen…(Da haben wir es doch besser als viele andere, von wegen Gleichsetzung aller Systeme mit allen anderen).

Das alles hat mit uns zu tun, ich sage mir mit mir, und es ist gefährlich, den Umfragen, die in das Man des Kriegs zeigen, zu glauben. Das Wir des Friedens ist ihm entgegengesetzt. Altmodisch gesagt: wenn wir jetzt gerecht handeln, jede und jeder für sich, und zusammen, ändert das vielleicht mehr am Krieg als die Frage, welche Waffen geliefert werden und wie verhandelt werden soll. Wir sind schon mittendrin, die Chaussee von dort hierher ist kürzer als man denken mag.


[1] Gerhard Zeillinger: Feigheit oder Freiheit. Die Presse, 16.4.2022, I-II; Zusatz, der anderswo genauer ausgeführt wird: Künstler – d.i. maskulin, Intellektuelle – kann beide Geschlechter beinhalten. Das Femininum kommt nur bei Marlene Streeruwitz und sonst im Text nicht vor, bis auf ein Zitat einer Ukrainerin: „Die Wahl für die Ukrainer steht nicht zwischen feig und tot, sondern zwischen tot und feig und trotzdem tot“. Verstanden?

Finis terrae: vom Krieg zum Krieg

Lawrow hat heute angekündigt, was längst ist. Der dritte Krieg, anders als WKI und WKII, aber Krieg. Der braucht meine Kommentare nicht. Aber jeder Krieg hat eine Unterseite. Wenn man die Wahrnehmung anhebt, also ihn aus der Betonplatte unseres Bewusstseins bewegt, kommt der Rest zum Vorschein, die scheinbare Normalität des sonstigen Lebens, nicht nur Politik, nicht nur Inflation und Korruption, sondern auch der Alltag „geht weiter“.

A, geh weida! ein Wiener Spruch in der Richtung: Schleich dich! Auf Deutsch: hau ab!

Wohin? Wohin des Wegs. Man geht (natürlich) weiter, die meisten von uns sind keine Lemminge. Man fragt sich nicht, was man (=alle im eigenen Revier) noch erleben wird, plant Urlaube, Kinder, Renovierungen, Begegnungen und die Aufrechterhaltung oder Beendigung von Beziehungen. Plan ist höchst menschlich, längst sind die Überreste von göttlicher Vorherbestimmung vermodert. Auf der Oberseite sind Krieg, Hunger, Flucht und Vertreibung. Unten, hier bei uns, sind die Erzählungen von Oben, die dringen aber nicht in unseren Alltag. Die Ukraine ist von der ersten Seite der meisten Zeitungen verschwunden, seit man glaubt, dass Russland auch den Krieg verlieren kann. Obwohl der ja keinen Anfang und kein Ende mehr haben wird. Wenn er dem Klimatod zuvorkommt, umso schlimmer für unsere Kinder, Enkel, vielleicht Urenkel, aber nicht mehr für die Generationen danach. Wenn er mit dem Klimatod Hand in Hand geht, umso schlimmer auch für uns jetzt Lebenden. (Die Hoffnung auf das Nicht des Grabs ist ja auch eine erfüllbare, aber nicht wissbare, man darf da nicht von Vergessen und Erinnern sprechen, Moleküle bleiben als Nicht).

Die Normalität der Unterseite hat auch ihr gutes. Man besucht einander, man redet, man liest, man hört und schaut und schmeckt. Die abgelegte Philosophie des „Als ob“ lebt im Alltag wieder auf, wenn man ihn nicht dem Hamstern von Reis, Klopapier und Öl verplempert. Als ob das, was weitergeht, weiter so ginge, als ginge es weiter.

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Ruhig bleiben heißt nicht beruhigt sein.

Und wenn nicht? Die Ungleichzeitigkeit im globalen Krieg eröffnet den trügerischen, anscheinend friedlichen Zonen, die Hoffnung, dass der wandernde Schorf der Erdhaut zur Ruhe kommt. Wie sagtenn die Österreicher: bella gerant alii, tu felix Austria nube! Sollen sich die andern bekriegen, du glückliches Österreich, heirate. Ich meine damit nicht Frau Kneissl mit Putin als Trauzeuge. sondern ernsthaft sich wegducken und so tun, als würde das Entlangschürfen am Abgrund eine gewisse Festigkeit behalten, gerade weil die andern in diesen Abgrund schlittern. Auf der noch festen Seite des Abbruchs lebt es sich nicht besser, aber „normal“. Es lebt sich, das ist ein Kompromiss. Man heiratet sich selbst.

Ruhig bleiben heißt nicht beruhigt sein.

Jüdischer Einspruch: Freiheit, welche Freiheit?

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Antisemitismus in Österreich und Deutschland ähnelt sich, da haben die Rechten schon eine Vorstellung von Einheit…aber das nur nebenbei, die kulturellen Unterschiede sind dennoch erheblich.

In Wien gibt es ein jüdisches Filmfestival, das 30. Eröffnung im ehemaligen Einkaufszentrum, wo jahrzehntelang „Autofahrer unterwegs“ (täglich)mit Rosemarie Isopp und Walter Niesner meine Jugen mit verbogen haben. Jetzt ein sehr gutes Kinozentrum, im großen Saal, der gut gefüllt ist, eine überraschend kurze Eröffnung: nur der Botschafter, die Stadträtin, eine Frau der Kultusgemeinde, und der Regisseur halten gute, betont säkulare Reden (das ist wichtig, weil die Phänomene des „Jüdischen“ öffentlich zu stark auf die Glaubensgemeinschaft zugerichtet werden. Der Film: Ein Nasser Hund. (ttps://de.wikipedia.org/wiki/Ein_nasser_Hund). Es geht um den erhofften Plural von Identitäten, keiner ist nur Jude, nur adoleszent, nur auf der Suche nach Geschlecht und Zuneigung, nur…und ist sehr gut gespielt, mit zuvielen schwarz-weißen Verkürzungen der Hauptfrage, aber…ein guter Auftakt.

Die vorletzte Szene, in Israel bei einer Auseinandersetzung mit steinewerfenden Palästinensern und dem emigrierten Berliner jüdischen Hauptdarsteller, schließt direkt an die Diskussion um die antisemitischen Demonstrationen und die nie ausdiskutierte Frage der Meinungs“freiheit“ an, die heute in den Medien aus Berlin wieder anschwillt.

Auch um jüdisch zu sein, muss man sich der Kontexte versichern, in denen man, d.h. ich du er sie es, lebt und eben nicht „man“.

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Du hast keine Chance, nutze sie. Das ist mein Fazit dieser letzten 24 Stunden. Die Unmöglichkeit, bestimmten Themen zugunsten anderer Prioritäten zu entkommen, gelingt nur wenigen (die, die das können, darunter auch Bekannte und Freunde, sind an der Borderline des Realitätsverlusts – das gehjt nur, solange sie sich gut in ihrem Leben eingerichtet haben; wehe, sie werden herausgerissen).

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Dass Selensky aus seinem jüdischen Ursprung so wenig her macht, und dass Putins Antisemitismus die perverse Nazikeule herausholt, ist so wenig Zufall wie der betrübliche Fakt, dass im Krieg die Verhaltensweisen der Normalität ohnedies nicht gelten. Ein Nebeneffekt ist, dass dort, wo kein Krieg ist, aber beobachtet und unterschiedlich befeuert wird, die Regeln gelockert werden, bei Corona wie beim Antisemitismus. Wenn die Schlange viele Objekte im Blick hat, wird sie nicht ausgerechnet mich beißen, hofft man. Solange die jüdische Selbstbezeichnung als Vermeidung von Provokation amtlich empfohlen und oft psychologisch angeraten wird, muss man sich nicht wundern, dass aus der Identität ein haftendes Stigma wird.

(Man fängt ja auch nicht eine erste Begegnung bei einem Rendezvous mit dem Satz an: weißt du, ich bin jüdisch…).

Das gesellschaftliche Rendezvous ist kompliziert und es ist komplex, weil die Welt eben nicht nur aus jüdischen und nichtjüdischen Menschen besteht. Ich kann die Aversion der Türken gegen die Kurden, gegen die Araber, gegen die Afrikaner und vice versa ebenso beobachten wie die innerslawischen Aversionen, es gibt halt nicht nur zwei Menschengruppen und zwei Geschlechter. Was tun?

Nicht immer als erstes über sich sprechen und den ersten Standpunkt zum Ausgangspunkt von Kommunikation machen…(Rabbi Hillel fügt hinzu: und jetzt geh und lerne).

Hinschauen – Wegdenken – Herschauen

Ruhiger ist es, die guten Blätter zu lesen: Eine lange Fahrt, maskiert, im ICE. Ein Stapel Zeitungen neben mir. Ich muss mich zwingen, wirklich zu lesen, die feinen Unterschiede zwischen den Artikeln wahrzunehmen, nicht nur zu wissen. “ Dabei reicht der politische Teil nicht, die wichtigen Diskurse sind oft abgedrängt in Wirtschaft, Kultur, Soziales, darin liegt, genau soviel Wahrnehmung und Beschreibung. Corona ist verschwunden, man stirbt mit Hilfe der Liberalen und der Leugner, das ist gut für die Rentenkasse und das Gewissen der Populisten; im Ernst, ich bin froh, diesen zu erwartenden Dauerzustand nicht kommentiert zu haben. Bleibt, „bleibt?“, die Ukraine. Auch zu diesem Krieg keine direkte Meinungsäußerung, was ich dazu denke, ist oft nicht straflos sagbar, und was ich tun würde, ist Unsinn, machtlos bedenkt man, was ist. Hinschauen ist gut, aber die Bilder sind gefährlich. Ja, wir müssen den Diktator Putin mit Hitler, Stalin und anderen seinesgleichen, auch Trump, vergleichen, wir dürfen, wir sollen, wir müssen. Aber hinter der Personalisierung stehen viele Menschen mit partikularen Interessen, und noch mehr, deren Interessen schon längst verzerrt, zerstört oder ersetzt wurden. Dass aber auch eine alte, wichtige Kultur zerstört wird, eine Zivilisation, ein europäisches Gedächtnis, wird hinter den Bildern oft mit-verdrängt. Ohne die Bilder geht seit My Lai gar nichts mehr, aber sie sind trügerisch und wahr in einem. Hinter den Bildern sind nicht nur Opfer, Sterben und Zerstörung wissbar, sondern auch die Vernichtung des Anderen, um deretwillen die Diktatoren alles Recht außer Kraft setzen, in ihrem „Exceptionalism“,m worin sich alle gleichen, auch kleine, wie Erdögan, Kaczinsky oder Orban.

Über die drohende Vernichtung des Gedächtnisses einer Kultur schreibt Wladimir Sorokin unermüdlich.

Indem ich das alles immer wieder nach-lese, schaue ich anders hin als beim spontanen Hinschauen. Die Gedanken schweifen ab in das, man schon kennt oder selbst erinnert. Auch hier Vorsicht: 1968, im August, in am Vor-Tag des russischen Einmarschs raus, eine Woche später Demo am Heldenplatz in Wie. Vorladung zur Polizei, man darf nicht auf Englisch gegen die Russen aufrufen…sonst nichts. Nichts? 1956 war ich ein Kind, aber ich weiß noch, wie man Pakete für die Ungarn macht, und wer Imre Nagy war. Die Tschechen habe ich jahrelang in Wien beim Neuen Forum getroffen, und das war eben nicht anti-russisch, sondern gegen die Kremldiktatur. Die sich immer wieder neu aufbaut, wie die lernäische Hydra. Es hilft eben nur bedingt, wenn man die Köpfe abschlägt, solange Millionen hinter dem Führer stehen, und heute auch noch hinter dem Gott des Uhrendiebs Kyrill. Die unkultivierte undemokratische Gewalt(bereitschaft) wächst nach, und hat die kurze Zeit der Hoffnung nach 1989 nicht mit einer Rekonvaleszenz bereichert, wenigstens teilweise.

Die Verteiodiger von Putin argumentieren, dass der Führer nur beantzwortet, was ihm ide USA und die NATO eingebrockt haben, und das Stück Wahrheit, das in jeder Lüge steckt, wird umgedreht bis zurm demagogischen Glaubensbekenntnis, hier treffen sich die linken und rechten Extreme, – bitte nicht die Radikalen, die sind eher sprech- und sprachlos im Formulieren der wirklichen Friedensziele (Lest Slavoj Zizek).

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Hinschauen, wenn Menschen ermordet und vergewaltigt werden, bedeutet auch, die Täter und Taten wegdenken, sonst verliert man die Empathie. Sonst wird es ein Schlachtengemälde. Sieht man doch gerne? im Museum. Hinschauen, das kann und soll nicht nur, das muss wehtun.

Keiner wird mehr lebendig, kein Vergewaltigungskind wird ohne Trauma aufwachsen, keine Mutter dazu. ABER. Zum einen wird die Ukraine letztlich siegen, aber letztlich ist wie der Sieg der Sowjetunion und der Westallierten im 2. Weltkrieg. Atomkrieg? kommt er, dann verkürzt er die Zeit bis zum Klimatod unserer Erde, vielleicht sind wir verstrahlt, das bedeutet noch früher Sterben. Dann macht er die Politik noch mehr schwarz-weiß. Kommt er nicht, auch gut. Gestorben wird trotzdem.

Die lächerlichen Ängste um den Wohlstand verkürzen die Furcht vor der globalen Verelendung. Die ist grausam, wird noch schlimmer, sie hat nur ein Gutes: es gibt wenige Handlungsalternativen. Das Jenseits ist erstmal keine Hoffnung, länger Überleben wird nur geringfügig zur Klassenfrage und schon gar nicht zur Identitätsoption. Wenn die Überlebenden Recht haben (Jean Améry), dann muss sich jeder denkende und solidarische Menschen das Recht zu überleben erarbeiten, verdienen. Das kann einfach sein, karitativ, mitfühlend, kommunikativ, oder herausfordernd, kämpfen, verwundet werden, sterben, allein lassen und allein gelassen werden.

Und die Kultur bis zum letzten Neuron im Gedächtnis bewahren (Fahrenheit 451 von Bradbury empfiehlt sich). Dann sind wir wieder bei den wichtigen Kommentatoren, bei Sorokin. (Und bitte nicht bei Scholz, der sich hinter dem Wegschauen duckt, ohne etwas zu sagen.).

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Herschauen, sich selbst erblicken, warnend fragen, und was machst du? et tu Brutus? Das wir zahlt für Gas in den Krieg ein und mildert mit Krediten die Folgen ab. Hauptsache, die Wirtschaft warnt und die Aktien bleiben konstant. Wer sagt denn, dass unser ethischer Pelz nicht nass werden darf, wer bitte? das ist nicht die NATO, nicht die weit entfernten USA und nicht die Opposition. Das sind wir selbst. Solange das nicht wirklich wird, tut es nicht weh, diese Wahrheit hinzuschreiben. Aber wenn sie da ist, wer wird sie dem Pöbel opfern und auf dem Heldenplatz, pardon: auf dem Roten Platz, jubeln und wer wird das nicht tun? Gegen die Exceptionalists, die Ausnahmestaaten, sich auflehnen, heißt auch es muss nicht gleich unser Leben sein. Wir müssen und werden etwas riskieren. Zwischen uns und der Zelle sind sie, die Assanges, Nawalnys, Cavallas, Etwas riskieren, heißt: darüber, darüber müssen wir uns schon verständigen.

Und daran denken, dass hier, bei uns, auch wir mitbeteiligt waren und sind, unseren Kindern eine weniger friedvolle Zukunft zu überlassen wie wir sie erlebt haben.