Namenskrieg

Namenskrieg

  1. Einleitung: Ein Vorwort ist notwendig, denn ich will hier nicht die wissenschaftlichen Abhandlungen fortsetzen, die ich 1974 begonnen und dann abgebrochen habe. Die Onomastik wird viel seltener erwähnt als die meist biologische Nomenklatur, und sie hat ihren Platz in praktisch allen Sozialwissenschaften, aber auch in Spezialdisziplinen wie den Jüdischen Studien oder auch der Theologie. Wer trägt warum welchen Namen, der ja mehr als nur eine Bezeichnung ist, sondern oft eine Bedeutung, die oft nicht mit dem Träger identisch ist (Der Name der Rose), manchmal aber darauf genau abzielt: Michael = Wer ist wie Gott? Ich bin die Frage, nicht die Antwort. Da die Menschen sich und Dinge benennen können, die teuflischen Geister aber nicht, liegt es nahe, dass sich Gott ein Stück Ebenbild angeeignet hat. Darum geht es hier nur sehr am Rand, aber immerhin…
  2. Die Geschichte eines Ärgers: Namensgebung hat eine gesellschaftliche Geschichte, in die der Staat zunehmend eingegriffen hat und fast ein Monopol auf diesen Akt hat (ich erinnere mich nicht mehr an meine Namensgebung, als ich 5 Jahre alt war, und einen Namen an einen anderen abgeben musste). Namensgebung ist niemals nur privat. Am Namen erkennt man bestimmte Menschen, und wenn man sie kennt, kann man sie mit ihrem Namen ansprechen. An der Schnittstelle zur Öffentlichkeit werden Namen plötzlich politisch, historisch bedeutungsvoll, sie sind mehr als „sprechend“, sie sagen uns etwas, das die Straßenbehörde, meist nach Rats- oder Versammlungsbeschluss sagen will (sehen wir einmal von den langweiligen Vorstadtgassen ab, die dann Rosengasse, Lilienweg oder Eichenstraße heißen).

Straßennamen sind Teil einer politischen Erinnerungskultur. Der Ärger beginnt schon sehr früh. Straßennamen – da gab es eine Roonstraße  – Roon war Kriegsminister im 19. Jahrhundert. Jahnplatz – Jahn war ein Antisemit, auch schon als Turnvater. Karajanplatz – Karajan war ein Nazi (2x Parteimitglied) und ein guter Dirigent. Hunderte Beispiele in allen Gesellschaften. Mein Ärger: Sowohl die Geschichte der Namensgebung als auch der Kontext des Verlangens ihrer Tilgung werden kaum vermittelt. Wenn eine Gruppe oder Partei einen Namen tilgen möchte, kann das sehr vernünftig oder blödsinnig sein, wenn eine andere Gruppe oder Partei auf einem Namen besteht, kann das blödsinnig oder sehr vernünftig sein.

  • Zentralrat der Juden schaltet sich in Streit um Straßennamen ein: Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat sich in den Streit um einen Straßennamen in der brandenburgischen Stadt Oranienburg (Oberhavel) eingeschaltet. Am Dienstag traf sich die Straßenbenennungskommission der Oranienburger Stadtverordneten und beriet darüber, ob eine Straße in einem neuen Wohngebiet weiterhin nach Gisela Gneist benannt wird. Ergebnislos, wie der Tagesspiegel in den späten Abendstunden erfuhr: Die Kommission fand zu keiner Einigung und keinem Kompromiss. Jetzt sollen die Stadtverordneten befinden. Gisela Gneist war nach 1945 in einem Speziallager der Sowjets interniert, von Mitte der 1990er-Jahre bis zu ihrem Tod 2007 Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950“ – bewegte sich aber auch im Umfeld von Rechtsextremisten und diffamierte Historiker antisemitisch. „Alle Beteiligten sollten sich noch einmal zusammensetzen, um offen und sachlich über alternative Namensgeber zu diskutieren“, sagte Schuster dem Tagesspiegel. (Tagesspiegel online 19.1.2022)
  •  „Alternative Namensgeber“, Schuster meint sicher auch „Namensgeberinnen“, das sind solche die allgemein anerkannt werden. Sagt mir mehr als zehn, die allgemein jenseits aller Kritik, aber auch Verblödelung durch Kleinreden (Veilchenstraße oder Tannenweg, das kann man ja machen, unter den Linden). Alternative Namensgeber setzen auf andere politische Mehrheiten. Das kann, muss nicht, ein Indikator sich ändernder Erinnerungskultur und von Zustimmungs- und Ablehnungshierarchien sein.
  • Die Feuerbachstraße in Potsdam ist nach dem Maler Anselm F., und nicht nach dem Philosophen  Wenn man die Biographien, Beziehungen der beiden, Wirkungen studiert, kann man sich fragen wie? Warum? Der Eine ist nicht der andere. So ist das bei der Namensgebung immer. Bei der Müllerstraße ist das noch häufiger so. Manchmal wird das an Ort und Stelle erklärt, gut so, aber eben nur manchmal, zu selten.
  • „Umbenennung oder Kontextualisierung? Antisemitische Bezüge bei 290 Straßen und Plätzen in Berlin. Es ist der erste systematische Überblick über problematische Straßennamen. Berlins Antisemitismusbeauftragter hofft auf eine konstruktive Debatte“. (Tanja Kunesch) (Tagesspiegel 13.12.2021). Gute Überschrift. KONTEXTUALISIERUNG.
Wir kommen zur Liste der 290 Berliner Straßen und Plätze, deren Namen einen antisemitischen Bezug haben (Q: Studie von Felix Sassmannshausen für den Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn). Empfehlungen zur Umbenennung sind gefettet, bei den anderen Namen wird zu weiterer Forschung bzw. einer Kontextualisierung geraten (etwa mit einer Erläuterung am Schild). Heute: Lichtenberg und Marzahn Hellersdorf. Wissen Sie, wo Sie wohnen? Lichtenberg:
Dönhoffstraße (August Graf von Dönhoff war Mitglied der antisemitischen Konservativen Partei); Eitelstraße (Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl von Preußen war Mitglied im antisemitischen Stahlhelm und in der antisemitischen Harzburger Front); Hauffstraße; Junker-Jörg-Straße (benannt nach Luther, verfasste antisemitische Schriften); Oskarstraße (benannt nach Oskar, Prinz von Preußen, Mitglied im antisemitischen Stahlhelm und in der antisemitischen DNVP); Rienzistraße (benannt nach dem Antisemiten Richard Wagner); Roedernstraße; Tannhäuserstraße (siehe Wagner); Waldowallee; Walkürenstraße (siehe Wagner).

Marzahn-Hellersdorf:
Cecilienplatz (benannt nach Cecilie, Kronprinzessin von Preußen, Schirmherrin des antisemitischen Bundes Königin Luise); Cecilienstraße (siehe Cecilienplatz); Eitelstraße (siehe Lichtenberg); Fritz-Reuter-Straße; Herderstraße; Jahnstraße (benannt nach Friedrich Ludwig Jahn, Elemente eines frühantisemitischen Weltbildes); Lohengrinstraße (siehe Wagner); Lutherstraße (siehe Junker-Jörg-Straße); Melanchthonstraße; Pestalozzistraße; Roedernstraße; Roseggerstraße; Strindbergstraße; Sudermannstraße.
  • Kontextualisierung zu fordern, ist richtig. Aber auch hiergelten Regeln, und gibt es Fallen.
  • Es kommt nicht unbedingt darauf an, wie man selbst die Namen auf Straßen und Plätzen findet. Geschmack muss man nicht immer begründen, aber wenn man ein historisch/politisch/soziales Urteil zu einem Namen hat, kann das relevant sein, zumal wenn der Name „prominent“ ist, d.h. über eine Gruppenanerkennung hinaus mit bestimmten Qualitäten assoziiert wird. Diese Assoziationen bedeuten bei manchen berühmten Namen, dass sich die Gesellschaft oder die Politik oder der Staat oder „alle“ mit ihnen assoziieren, ja, identifizieren. Bei anderen fragen sich viele: Wer? Oder, reflektiert, warum der oder die? Oder sie hängen gleich ihr Wissen und ihre Ressentiments an die Ablehnung oder Zustimmung. Hat diese private Meinung Folgen? Z.B. ich will nicht in der Hindenburgstraße wohnen, obwohl das Haus schön und die Miete niedrig ist? .
  • Aber so einfach ist es nicht. Nach wem werden Straßen in Israel benannt,  z.B. Rehov Heinrich Heine 94 Ma’Arav Yerushalayim? Und warum ist das im Kontext wichtig, mir zumindest?
  • Jüdisch sein, jüdisch leben ist ein ASPEKT in einem Leben, das niemals nur EINE Identität haben kann. Namensgebungen, zumal öffentliche, können gar nicht anders als einen wichtigen Aspekt herauszuheben, man kann ja nicht bei jedem Straßennamen alle Identitäten auflisten, wenn man sie denn kennt. (Dies eine Ermahnung an den Zentralrat). Und wie seltsam wäre es, Orte, Straßen, Gebäude nur nach Opfern zu benennen, oder auch nach abgeurteilten Tätern, oder nach den Namen, die zur E Literatur und Musik gehören, und manchmal doch zur U….Sinnvoll ist es, anstatt blind zu gendern, wirklich mehr Frauen als Namensgeberinnen wirken zu lassen, aber auch hier: Kontext und viele Identitäten.
  • Wer sich also (kultur-)politisch zu solchen Namen äußert, muss sich der Verallgemeinerung der vordergründigen Identität stellen. Mir wäre es wichtig, wenn alle Namensgebung immer mit Erklärungen versehen würde, Stolpersteine über und für alle Identitäten.

Lust vor dem Ende

Es gibt einen umstrittenen großartigen neuen Film bei Netflix: DON’T LOOK UP, mit Meryl Streep, Leo di Caprio, Jennifer Lawrence und Kate Blanchett und vielen anderen guten SchauspielerInnen. Es geht um das Verhalten von Menschen und Gruppen angesichts der drohenden und schwer abwendbaren Auslöschung der Menschen auf dieser Erde. Der Film ist groteske Übertragung der US-amerikanischen Wirklichkeit, hier nicht auf den Klimawandel, der gemeint ist, sondern auf seine symbolische Abwendbarkeit (ein Komet (!)…). Lest Bitte: Spektrum.de/…1967161 und spiegel.de/wissenschaft/don-t-look-up/-auf-netflix… das reicht erstmal.

Johann Nestroy: 1833

…Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang. …

Drum sag’ i, aus sein’ Gleis’ wird erst dann alles flieg’n,
Wenn Sie Ihre Nachsicht und Huld uns entzieh’n.
Da wurd’ ein’ erst recht angst und bang,
denn dann stund’ d’Welt g’wiß nicht mehr lang.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Kometenlied#Text)

Die Nachsicht und Huld wäre im Film die Anstrengung, national-übergreifend den Kometen abzufangen und aus der Zielbahn auf die Erde zu entfernen. Schwierig, aufwändig, aber möglich…das Gegenstück heißt Politik, eigentlich unverbundene Politiken einer ambigen amerikanischen Präsidentin, konkurrierender medialer und geschäftsmäßiger Profis und Betrüger, Influencer, Beziehungen, Wissenschaftler. Die eigentlichen Entdecker (ein Professor und seine Assistentin) und ein ganz kleiner Kreis erkennen die Unabwendbarkeit ab einem bestimmten Augenblick. Das letzte Abendmahl ist so beeindruckend wie die abstruse Wiederankunft der nackten Präsidentinnencrew, die sich kryomäßig ins Weltall gerettet hatten und nach ihrer Rückkehr, mehr als 20000 Jahre später, im Paradies landen, wo sie von Dinosauriern verspeist werden. Der letzte Überlebende twittert diese Tatsache in sein Handy…ok? So wird es kommen, WENN.

WENN

…die Klimapolitik nicht an der Lausitz und im rheinischen Kohlerevier zur Seite rückt

…keine Kernkraftwerke mehr gebaut werden

…keine Kriege mehr die Politik aufhalten

…der Hunger nicht vorher beseitigt wird.

DIE LITANEI KENNEN WIR

Die Diktatoren, die Neoliberalen, die Populisten dieser Welt finden immer die Brücken zu einer Realpolitik, die die jeweiligen Systeme weiterexistieren lässt und so tut, als fände man sich im Einklang mit den Notfallstrategien, nur etwas langsamer, etwas wirtschaftsfreundlicher, etwas sozialer, ja, auch das ist plötzlich ein Argument der Verzögerer. („Man muss die Dinge ändern, damit sie die gleichen bleiben“, sagt Lampedusa). Verzögerung heißt aber, dem eigenen Ende gelassen bis gleichgültig, hedonistisch bis resigniert entgegensehen – oder sogar die letzten Barrieren zivilisierten Verhaltens kündigen, weil ohnedies alles keinen Sinn hat. Zur Sinnlosigkeit gehört übrigens die Litanei.

Die autoritären Staatstrottel, die neoliberalen Markttrottel, die populistischen Befindlichkeitstrottel etc., die auch ich öffentlich nicht SO anspreche, natürlich nicht, also diese Typen gehören in den Bereich einer Weltanschauung, in der es zwar einen (kollektiven) Tod gibt, in der aber die Privilegierten, die ihn denken, nicht sterben, und wenn, dann sofort ausgeblendet werden (so, wie ja Covidleugner, die statistisch zu Recht von der Seuche getötet werden, sofort ausgeblendet werden von denen, die noch leben und leugnen. „Statistisch“ meine ich ernst, wir können die Kranken und Sterbenden nicht nur nach ihren Kriterien behandeln…aber die einseitige Ethik der Populisten aller Lager zerstört die Denkstruktur des Möglichen, auch beim Klimaschutz, auch beim Friedensprozess, auch beim Hunger.

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Robert Habeck hat einen kleinen Sturm ausgelöst, als er weniger erfreuliche Lebensumstände vorausgesagt hatte. Dabei war er noch zurückhaltend und höflich. Wer, wie im Film übrigens, die Wahrheit und die Wahrscheinlichkeit gleichermaßen sieht, also dem Sterben der Enkel und Urenkel und vielleicht dem eigenen ins Auge schaut, wird nicht freiwillig sein Konsumverhalten aufgeben, wenn es ihm als Endzeitlebensform noch von den jetzt Regierenden angeboten wird.

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Wenn wir vom Film in die Wirklichkeit springen, gibt es nur wenige Optionen, lokal, national, global:

  • Entweder die Politik verblödelt weiter die möglichen Aktionen und Neustrukturierungen – weltweit und lokal – und verhält sich „wie im Film“. Dann wird das Ende jäh eintreten, die Verhaltensweisen werden sich entsprechend ausdifferenzieren, aber „Zukunft“ wird kein Begriff mehr sein. (Wenn z.B. die Erderwärmung noch in diesem Jahrhundert über 2,5° sein wird)
  • Oder es wird die pragmatische Lösung zur Befriedigung der meisten Bedürfnisse der größtmöglichen Zahl sein, dann bedeutet Zukunft immer schlechteres Leben für immer mehr Menschen (was automatisch eine Verklärung von Vergangenheit mit Auswirkungen auf die Politik hat). Der Bezug zu früher wird eine autoritäre Abschottung der privilegierten Herrschenden bewirken, und alles versinkt in ungleichmäßiger Verteilung der Ereignisse…bis zum Ende.
  • Oder ABER es wird so gehandelt, wie wir WISSEN, dass wir HANDELN müssen. Dann handeln wir innerhalb der Bewährungsfrist, und die muss nicht, kann gar nicht philosophisch oder moralisch begründet werden. ALLES zu tun um das 1,5° Ziel zu erreichen, bedeutet ALLES  dieser Politik unterzuordnen.

Nun ja, gut gebrüllt, Daxner. Und wer folgt dir? Mir niemand. Darum geht es nicht. Je mehr Menschen die drei Optionen verstehen, sich klar machen, was sie für sich und die Nachkommen bedeuten, desto einfacher wird es sein, sich zu entscheiden. Übersetzt Nestroys Nachsicht und Huld in Wiedergutmachung denen gegenüber, denen wir so geschadet haben, dass sie aus eigener Kraft keine der drei Optionen in Angriff nehmen können. Und für sich und ihre Umgebung bedeutet es, das zu tun, was WIR BEREITS WISSEN.

(Man könnte das auch Bildung nennen).

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Ich habe diese sehr einfache, fast flache Überlegung deshalb geschrieben, weil die Komplexität, die im Handeln liegen wird, aus einer nicht sehr komplexen Entwicklung als Folge der Erderwärmung hervorgeht. Deshalb auch der Bezug zum Film. Handeln heißt, sich Pflichten auferlegen, die keineswegs daran hindern, zusammen gut und vernünftig zu leben. Dass das der Fall sein kann, ist Aufgabe der Politik, genauer: der Demokratie.

Wenn „links“ rechts ist, wird es nicht besser

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

Neujahrsgrüße kommen später, erfreuliche Berichte aus dem warmen Winter am Ende des koalitionären Wonnemonds ebenfalls, jetzt einmal ein spitzer Fokus. Der mich seit längerem verfolgt, aber letzthin zu massiv wurde, als dass ich ihn wie so vieles abgetan hätte als Geschwätz unreifer Marginalisten.

Die alte Diskussion um die Unschärfe der links-rechts-Dimension, die kein tragfähige Koordinate (mehr) ist, eröffne ich gar nicht neu. Natürlich gibt es auch auf der Linken, der Grünen, der Liberalen und anderen Flachländern esoterische, rechte, nationale und identitäre Einsprengsel, die meisten davon blödsinnig, manche aggressiv und einige bedenkenswert. Also keine Verallgemeinerung – und ich nenne im folgenden auch keine Namen von kritisierten Personen und Institutionen, um die Kontroverse einaml im Grundsätzlichen zu lassen.

In der Frage, ob und wie der Nationalsozialismus und der Stalinismus sich prinzipiell unterscheiden, welches die Vergleichskriterien sind und vor allem, wie man mit den Resultaten umgehen soll, ist vieles offen, solange man nicht auf dem Standpunkt steht, dass man die beiden nicht vergleichen KANN, was allerdings nicht nur randständig ist (sondern z.B. der Mainbstream der linken Sozialisation meiner Studienjahre, wenn es um die Geschichtsaufarbeituzng in beiden Sphären – dem Westen und der sowjetischen Sphäre – ging. Diese Diskussion aus der Mitte des Kalten Kriegs lasse ich weit hinter mir. Es geht mir um die Gegenwart, die auch ihre Vergangenheitsdimension hat.

Die derzeitige russische Politik und ihre Narrative setzt viele Maßnahmen der stalinistischen und der post-stalinischen Politik sowie ihrer Unterbrechungen fort. Konkret, was die politische Justiz, die Straflagerverbringung und die offiztiellen Legitmierungen betrifft, an markanten Beispielen wie Nawalny oder Memorial oder der Unterstützung für Lukashenko demonstriert (was bedeutet, dass es sehr viele nicht-demonstrierte Fälle natürlich auch gibt, die mehr oder weniger glaubwürdig berichtet werden. Eher mehr…).

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen der westlichen Aufarbeitung der NS-Untaten und der stalinistischen Ist, dass Russland die meisten Belege für den stalinschen Terror nicht freigibt und deshalb Herkunft und Form vieler Narrative sich von der westlichen Beschäftigung mit dem Thema unterscheiden, auch im Grad der subjektivierten Quellen. Aber diese Quellen werden beharrlich und präzise immer wieder aufgebracht und reproduziert, und hier geht es wahrlich nicht nur um ein NICHT VERGESSEN, sondern um die Wiederkunft der Vergangenheit, um die PRÄSENZ des Gulag. Mir geht es nicht darum, die Unterschiede herauszuarbeiten, die lassen sich beschreiben und belegen. Mir geht es darum, Elemente des Vergleichs und des Vergleichbaren umso mehr zu sichern, je weniger Überlebende Zeitzeugen es gibt (aus den Nazi-KZs natürlich noch weniger als aus dem Gulag). Und es geht mir gegen eine gewisse „linke“ Attitüde, die Grauen des Gulag den Grauen der NS Lager unterzuordnen (wobei es in beiden Fällen um die Überlebenden geht, die Millionen Getöteten auf beiden Seiten konnten ja nicht berichten.

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Quelle: Ruth Franklin „The Lucky Ones“, NYRB 21.10.2021, S. 59-62. Rezensiert werden drei Bücher über die polnischen Überlebenden des Holocaust – Überlebende im Gulag, wohlgemerkt (Autoren: Mikhal Dekel, Eliyana R. Adler und Julius Margolin (letzterer schrieb seine Reflexionen 1946, und ist besonders einprägsam kommentiert von Timothy Snyder)). Ein Fazit vorab: diese Leidens- und Überlebensgeschichten sind viel weniger präsent und im heutigen politischen Alltag diskutiert, bewertet und umgewertet als die Narrative des Holocaust. Das liegt auch an der linken Unvergleichlichkeitsthese. Der stellte ja schon 1951 Hannah Arendt die These von vom symmetrischen Phänomen der totalen Vernichtung/totalitären Vernichtungsmaschinerie entgegen. Timothy Snyder behauptet, das sowjetische System sei „älter, umfangreicher, haltbarer“ als das Nazisystem gewesen, bis auf letzteres aber kann man sehr vieles schlicht nur indirekt erschließen. „But we cannot assess, what we don’t know. Until the KGB archives are fully open to researchers, Stalin’s crimes will remain incompletely examined“ (Ruth Franklin). Recht hat sie vor allem aber mit der Bemerkung, dass es (im Westen? in den USA? nicht unerhebliche Differenz) gegenüber den russischen Unterdrückungspolitiken eine ähnliche Blindheit wie gegenüber dem Gulag gäbe. Das entschuldigt oder relativiert nichts an den Nazi-Verbrechen. Wenn nun scheinbar linke Positionen die sowjetischen Grausamkeiten und oft auch chinesischen mit den Ereignissen im US System vergleichen und eben relativieren, dann wird hier sehr viel mehr als eine Verfälschung der Geschichte betrieben.

Ich hatte mehrfach beschrieben, wie diese Haltung eine dringend nötige Kritik an den USA und Teilen des Westens erschwert, weil der Vergleich so grotesk ist, dass man die diskursive Auseinandersetzung nicht führen kann. Man muss diesen Konflikt aber führen, sonst arbeitet man denen zu, die eine ständig erneuerungsbedürftige Demokratie gern gegen eine machtregulierte Funktionalität eintauschen möchten.

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Nun ging es im vorliegenden Fall vor allem jüdische Polinnen und Polen. Man kann sagen, die waren zwischen allen Fronten. Soll man diese Fronten nicht vergleichen dürfen, weil sie die jeweils andere Seite rechtfertigen helfen?

Nun sagt die von mir eingangs kritisierte, aber nicht genau benannte Linke, dass die Fehlhandlungen der Russen und Chinesen ja auf die Fehler zurückzuführen sind, die die USA mit ihren Verbündeten – die meinen auch uns! – begangen hätten und weiter dadurch begehen, dass sie die Opfer dieser Fehler wegen ihrer Retourkutschen weiter kritisieren, im Namen der Menschenrechte und Freiheiten, die dort Missbrauch der legitimen Ordnung genannt werden. Der einfache Test, diese linken Kritiker in Moskau und Peking schreiben zu lassen, kann ihnen sogar gelingen, weil sie mit ihrer engen Denke und Schreibe diese Regime unterstützen. Aus dem Gulag klänge es anders. Und dies wiederum machen sich die autoritären Kräfte, die gegen die Demokratie anarbeiten, im Westen zunutze, um ihre objektive Balance mit den östlichen Diktaturen unter Beweis zu stellen.

Wer an dieser Schraube weiterdreht, hat nicht nur rechts-links verspielt, sondern bald seine eigene Freiheit.

Der Riss geht durch die Kontakte

Der Riss zwischen Deutschland und Österreich, zum Beispiel. Wie im letzten Blog (Wien weint anders) beschrieben. Und es ist nicht so, dass das jeweils andere Land das bessere oder schlechtere ist, je nachdem, wo ich mich gerade aufhalte. Dazu sind die Unterschiede zu subtil und zu groß, gleichzeitig.

Ich kann nur andeuten, was mich seit drei Tagen beschäftigt, Arbeit und an ihrem Rand Kommunikation mit Freunden und Bekannten. Dabei wird, nicht zufällig, die zwar unterbrochene, vielleicht auch gebrochene, Kontinuität des Faschismus in Österreich aufgezeigt, bisweilen bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das ist nicht banal, weil der Austrofaschismus des jetzt wieder exhumierten Dollfuss (+ 1934, von den Nazis ermordet) offenbar kaum entstaubt werden muss, um als solcher bekannt und erkannt zu sein. In vielen Diskussionen sehe ich mich bestätigt, dass a) Faschismus und Nationalsozialismus nicht deckungsgleich sind, und der erstere viel weitere Spielräume eingenommen hat, dass b) das Überwechseln von Austrofaschisten zu den Nazis und das Rückwechseln zu den Konservativen (nicht nur in der ÖVP) die Aufarbeitung und reale demokratische Umkehr geradezu blockiert hatte, weshalb c) meine subjektive gute Erfahrung mit 68, Kreisky, Firnberg usw. in vielen Fällen nur Milderungen und illusionäre Verallgemeinerungen waren, und ich mich heute freue, wenn es noch einige unangetastete Idole gibt. .

Natürlich sprechen viele Fakten und Erscheinungen der Politik, Nachkrieg, Nach-68, gegen diese Sicht. Nach-89 hingegen macht sie wieder diskursfähiger, schaut euch doch Kurz, Nehammer & Konsorten an. Aber das wäre zu personalisiert, zumal das faschistoide Rhizom auch bei den Sozialdemokraten durchaus seine Organe gefunden hatte und hat. Bei den Nazis von den Post-Nazis von der FPÖ ist es komplizierter, weil da noch die Spaltung in deutsche und österreichische Faschisten, in den retro- und den präsenten Faschismus eine Rolle spielt. Aber zurück zum Hauptstrang.

Warum, fragen meine klugen, traurigen, entmutigten Freunde, warum hat sich das so gehalten, wo doch eine nicht nur intellektuelle Opposition dagegen, vor allem in Wien, glaubwürdig dagegen aufgestanden ist und weiterhin die Stimme erhebt? Und warum ist es so, trotz der Belege für das andere, das demokratische, das nicht auf eine Ethnie geschrumpfte Österreich?

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Ich würde gerne die Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich weiter ausdifferenzieren: warum eigentlich? Naja, der doppelte Staatsbürger hat gestern im Erdgeschoss des herrlichen Schlosses Mirabell seine Personaldokumente unbürokratisch, schnell und kostspielig erneuert; das herrliche Schloss, natürlich für eine Freundin eines Bischofs etwas zu groß, war auch Schauplatz meiner Hochzeit vor zehn Jahren; bei früheren Hochzeiten war ich auch schon dagewesen, und es steht, was Lokalität und Ambiente betrifft, 1:0 für Österreich. Danach laufe, ich, Bekannte, Freunde, Nachtquartier aufzusuchen, und trotz aller Gewichte der Erinnerung (da war ich so oft, so lange, und die Sommer waren damals viel länger…., und die Wochenenden), trotz aller Regression nutze ich den langen Fußweg, in drei Etappen 8 km, zum Bedenken des anderen, gegenwärtigen Drucks auf mir. Wenn das Thema „rechtsradikales Erbe“ aufkommt, fallen zwar die negativen Vergleiche leicht, aber die Verdrängung dessen, wovon man weiß, dass es unter der dünnen kultivierten Oberfläche ganz wach ist, ist so unvollkommen, dass man auch von der Verdrängung weiß.

Da sage ich einmal, beiläufig, dass ich einige Gedichte von Weinheber gut gefunden habe, wurde zurechtgewiesen, ein Nazi. Unerträglich. Heute lese ich, dass das in einem neunen Buch (Einem kultivierten Wienführer: Ilsa Barea, Wien. Edition Atelier 2021. In den konservativen Salzburger Nachrichten wird eben dies gerügt, dass Weinheber hochgelobt wird, aber seine NS und antisemitische Vergangenheit abermals unterschlagen wird. Diese Routine, nicht nur anhand W., wird von meinen GesprächspartnerInnen am schärfsten gerügt, es hat sich so wenig geändert. Und ich könnte n+1 Beispiele bringen, sie sind übrigens bestens dokumentiert (da nehmen sich die beiden Länder nichts), aber etliches ist „anders“. Darum geht es mir auch und zuvörderst. Die Österreicher, bis auf einen kleinen Nazirest innerhalb der Rechten) wollen sich ja nicht „deutsch“ verstehen, während die Deutschen Rechten und nicht nur die, ganz deutsch sein wollen. Das Vielvölkergemisch  der alten Habsburgermonarchie hat einiges an nationalen und nationalistischen Identitäts- und Authentizitätspirouetten geschlagen, aber man wollte nicht sein, was man nicht sein konnte (kulturell, genealogisch) und durfte (Deutsch-Österreich nach 1919). Das hat erstaunlich Progressives hervorgebracht und fürchterlich Faschistisches. Aber das Eine hebt niemals das Andere auf, und es gibt auch keinen Durchschnitt. Da unterscheiden sich die beiden Länder erheblich.

Egal, könnte man sagen, wenn eine dritte Dimension, also weder D noch A, dazukommt: dass in allen Gesellschaften Residuen von Faschismus aufzufinden wären, dass sie wie Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, religiöse Intoleranz etc. nicht auf die ethnische Zusammensetzung und kaum auf das gesellschaftspolitische Modell zutreffen bzw. aus ihm abzuleiten sind. Sozusagen eine Konstante, die überall auftreten kann, über all auftritt, nur unterschiedlich wirkungsvoll, intensiv und erkennbar.

Zu diesen Thesen habe ich mehrere Regalmeter zuhause, auch viele digitale Quellen und noch mehr Gespräche, und es ist alles, auch im besten Fall, unabgeschlossen. Der Faschismus ist langlebig und ubiquitär, wie ein Spötter in meiner Jugend sagte, wie der Fußpilz. Also, folgert der Berater, keine übergreifenden Theorien, in der Praxis und im Konkreten reagieren.

Ein schwerbehinderter Sterbender sagte seinem Sohn kurz vor dem Tod, dass er, wäre er kein Krüppel gewesen, auch Nazi hätte werden können – er war zeitlebens ein linker Widerstandsgeist, kein Held. Eine Tante sagte mir, dass jeder von uns auch ein Faschist hätte werden können, wenn wir nicht ohnedies jüdisch gewesen wären[1]. Davon gibt es  unzählige Varianten. Ich nähere mich dem Unbehagen dabei aus der Perspektive, dass ich das in immer neuen Varianten über die Vergangenheit so sagen kann, aber wenn es um die Zukunft geht, wird es heikler: können Sie sich vorstellen, in Zukunft Faschist zu sein? A so a Bledsinn, sagt ein österreichischer Freund. Ich kenne aber Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, Konversion vom Faschismus zur demokratischen Praxis, auch in der anderen Richtung.

Und obwohl ich den größten Teil meines erwachsenen Lebens, also vor allem meines Berufslebens, in Deutschland und als Deutscher gelebt habe, erkläre ich mir dieses Phänomen in Österreich viel aufwändiger und mühseliger. Wie sind die mehr oder weniger offenen Faschismen der Naziparteien AfD oder FPÖ und der mit ihnen affinen Ränder demokratischer Parteien zu erklären, zusätzlich zur intellektuellen und moralischen „Rückständigkeit“, die ja auch der Deutung harrt. Bildung ist nicht alles.

Wie ich dazu komme, das jetzt, heute, in der coronaschwätzigen Vorweihnachtszeit, zwischen D und A reisend, hautnah zu bedenken? Eine kurzfristige Erklärung wäre, dass das Gleiche in den beiden Ländern doch sehr unterschiedlich in die Gesellschaft hineingetragen wird, Diskurse und Narrative prägt, mit einem Wort, derselbe Faschismus tritt gut verkleidet jeweils an die ihn umgebende Kulisse angepasst auf.

Eine Antwort ist so trivial, wie für die Differenz absolut bedeutsam. Dass Österreich zwei Faschismen hintereinander durchlebte, und dass der Austrofaschismus und die Nazis zwar kontrovers und konflikthaft, aber ideologisch nur teilweise antagonistisch waren, erklärt vieles, das man sonst nicht verstehen kann.

Dass der radikale Umschwung westlicher Lagermentalität vom glaubwürdigen Antinazismus zum ambigen Antikommunismus im Kalten Krieg das neutrale Österreich besonders erwischt hat, darf man ebenfalls nicht vergessen. (Im hervorragenden Sammelband zur Amerikanisierung/Verwestlichung Österreichs von Bischof und Pelinka 2004[2] wird dieser Aspekt so gut wie nicht bearbeitet, am ehesten noch kulturell, aber dann nicht explizit – für Außenstehende also rätselhaft.

Eine dritter Aspekt ist geradezu schmerzhaft präsent: die dünne Haut des Verdrängens und Vergessens wird andauernd und teilweise brutal aufgerissen, auch wenn wenig realer Anlass besteht: die Ursachen sitzen tief, ein unvollkommen eingehegtes Geflecht nicht absterbender Vergangenheit, Präterito-Präsens. Das kann man gut am neunen Innenminister Karner, einem Lokalpolitiker der dritten Reihe mit einem wenig erbaulichen Lebenslauf studieren: dass er aus dem Dorf des Dollfuss-Museums kommt, das er von seinem Vorgänger übernommen hat und sogar modifizieren wollte, zählt nicht. Dollfuss ist wieder da, obwohl er nie weg war[3]. Wie nun die Faschismen zusammenhängen, ist eine Frage; die andere ist, was die unbewältigte Vergangenheit bis heute transportiert, abgesehen von der föderalen Opposition gegen das „rote“ Wien allenthalben, v.a. aus Niederösterreich – ein Nebenstrang, eine Angina politica.

Die vierte Frage weckt nur bei den Älteren Aufmerksamkeit. Österreich war einmal ein sehr katholisches Land, anders als Polen – hier wären Vergleiche interessant, wieder eine Differenz. Die katholische Erbschafdt des Austrofaschismus wiegt wirkungsvoll schwerer als die des österreichischen Katholiken Adolf Hitler (Friedrich Heer), der darüber sich weniger definieren lässt als durch andere Attribute. Aber da habe ich selbst die Spaltung bis in die Schulen, Universitäten erlebt, vom Kardinal König bis zum abtrünnigen Adolf Holl, den ich noch ganz gut kannte, und bis zum Neuen Forum des Günther Nenning, wo ich eine Zeitlang arbeite und eine frühe Alice Schwarzer und Ivan Illich und die tschechischen Demokraten von 1968 kennenlernte… (hier hängt alles mit allem zusammen). Zwar hat sich die Mitgliedschaft der Kirche halbiert, vor allem wegen Missbrauchs, aber das katholische Substrat ist nach wie vor in dieser Gesellschaft wirksam, Mainstream und Widerstand. Wie es in meiner Jugend gewirkt hat, konnte mich zwar nicht langfristig prägen, aber es hatte mich beeinflusst – und damals den Faschismus ausgeklammert. Der kam später ins Bewusstsein, zugleich mit dem realen und nachgeholten Jüdischen. 

Diese Fragen beantworte ich nicht, schon gar nicht hier im Blog. Aber die Differenz zu Deutschland wird schon an der faschistischen Doppelgeschichte deutlich, im basso continuo der völlig anders gestrickten Sozialdemokratie, nach dem Ersten Weltkrieg, fast bis heute. Dass es diese Fragen gibt, wirkt aber in die Politik hinein, einschließlich meiner Erinnerung von früher Kindheit an, einschließlich Kardinal Innitzer, studentische Widerstandsrhetorik auf der Linken, unverschämte Offenheit der Rechtsradikalen, von den Burschenschaften bis hin zu den Freiräumen, die dem verhüllten Faschismus gewährt wurden, weil und obwohl wahrscheinlich die kulturelle Opposition in Österreich viel aussagestärker war als in Westdeutschland, und sich auch vom vereinten Deutschland unterscheidet – Thema für viele wissenschaftliche und kulturelle Arbeiten.

Aber im Kern quält mich die Beobachtung, dass sich auch ansonsten eher vorbildliche Sozialdemokraten lieber mit Ex-Nazis verbündeten um gegen die Ex-Austrofaschisten zu arbeiten. Und dass der Austrofaschismus natürlich von Seipel vorbereitet und von Dollfuss initiiert und von Schuschnigg exekutiert wurde, aber viel weiter zurück wurzelt in der Monarchie in all ihren kontroversen Stadien – das wissen wir alles, und doch folgt so wenig daraus. Obwohl, und das ist mir wichtig, ich kaum eine bessere und kritischere und genauere Aufarbeitung aus der Sicht demokratischer Politik und Kultur kenne als in Österreich (Befreundete Namen nenne ich hier nicht, um niemanden wichtigen auszulassen).

Obwohl, so müsste ich diese Überlegungen übertiteln.

Hier liegt das Unbehagen daran, dass und was ich an Österreich um so viel besser, nicht nur anders, als in Deutschland empfinde – und wenn ich es nenne, kommen die VertreterInnen des Obwohl zum Vorschein und sagen mir: der war doch auch…

Aber das war auch: nach 1933 und vor dem Anschluss (nicht sog. Anschluss, angeschlossen werden…1938) fanden viele jüdische Deutsche wenigstens zeitweilig eine Bleibe in Österreich, auch unter den Austrofaschisten. Also mitten in einem konkreten Antisemitismus, der bloß kein überwiegend naturwissenschaftlich gestützter war. Wie das? (Und vergessen wir nicht, in beiden Ländern diffamieren jüdische Extremisten jeden Kritiker der korrekten Position als Antisemiten, weil das alles in der Israelkritik und der Religionskritik und der Kritik als Vernunft ja so angelegt ist, als wäre die Wirklichkeit eine jüdische Erfindung…schön wär’s).

Dann die letzten Jahre, erst beherrscht von SPÖ Medien-Untergebenen wie Klima, Faymann, und dann der schreckliche ÖVP-türkise Sebastian Kurz, der solange es ging mit den Faschisten von der FPÖ zusammenregierte, und dann…türkis-grün ist schwer zu vermitteln, ich weiß, Obwohl. Jetzt ist wieder die Rückschwärzung im Gange. Vergleiche dazu die erste Bilanz des Kanzlers Nehammer, nach einer Woche: Karl, der Nächste[4].

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Werte LeserInnen dieses Blogs: fragen Sie sich, was ich mit diesem Blog „eigentlich“ sagen wollte? Als Gegner der Eigentlichkeit wohl eher die spracharme Erkenntnis, dass die Rhizome des Antisemitismus, der faschistischen, also gegendemokratischen Weltanschauungen sich in Österreich ganz anders gehalten haben als in Deutschland (von der Differenz bin ich ja ausgegangen), und dass mich das seltsamerweise ermutigt, nicht resignieren lässt, weiter auch hier in Österreich in Projekten, Diskussionen und mit Freundschaften zu arbeiten, die dieses absurd nie-abschließbare, unabgeschlossene Kapitel eines Landes, das nie Staat, Nation oder Volk war noch sein wird, weiter einzuschreiben, auch in meine Biographie. *

Drei Tage zu früh für Festtagswünsche, und wer weiß, was dazwischen noch alles geschieht.


[1]  Ein Pendant sagte noch deutlicher, dass die Austrofaschisten schlimmer gewesen seien als die Nazis, wenn es die Shoah nicht gegeben hätte. Hier die Begründung zu suchen, nicht den unsinnigen Satz selbst zu dekonstruieren, ist wie ein klimatischer Wind, der durch Österreich weht.

[2]  Bischof, Günther und Pelinka, Anton (eds.): The Americanization/Westernization of Austria. Contemporary Austria Studies, Vol. 12, New Brunswick 2004

[3] https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/2000131835189/rot-gruener-druck-auf-innenminister-karner-wegen-dollfuss ¸ https://zackzack.at/2021/12/19/die-oevp-und-der-austrofaschismus-karner-und-dollfuss/ (alle 20.12.2021 u.v.m.)

[4] Klenk, Florian und Toth, Barbara: Karl, der Nächste. Falter 49/21, 12

Wien weint anders…

Nicht zufällig bin ich gerade in Wien, zwei Projekte führen mich für eine Woche her, und ich leide darunter, dass mir kaum Zeit bleibt, die Menschen auch nur anzurufen, die mich mit dieser Stadt noch, wieder, seit damals verbinden; nicht erst neuerdings. Kein Gejammer allerdings, ein paar Besuche sind möglich, und ein langer Weg von Freunden zu meinem Domizil beim Freund und Forschungspartner. Anders als bei der letzten Parisreise sehe ich in Wien fast alles von Außen, und die Erinnerung muss dichtes Gewebe von Vergessen und Verschieben durchbrechen, um dann wie gegenwärtig zu erscheinen. Straßennamen, unzählige, drücken mir die Hand und erinnern mich daran, was hier, oder auf dem Weg oder von jemandem an dieser oder jener Ecke sich ereignet hatte oder gerade nicht, wenn es doch erhofft war…nichts davon heute. Schnee liegt, wenig Schnee, es ist kalt, nicht sehr kalt, der Himmel ist klar, die Restaurants und Cafés sind geschlossen, nur die take aways und Dönerbuden und Weihnachtshütten sind offen, womit man eine ethnische Vielfalt in Augenschein nehmen kann, die sonst nur in bestimmten Gebieten anzutreffen ist, jetzt anscheinend eine Mehrheit: bei einem Flüchtlingsfeind als neuem Bundeskanzler und einem Dollfuss-Wiederbeleber als neuem Innenminister und dem CoVid-Genesenen Anführer der Nazipartei als Anführer großer Demonstrationen…von all dem bekommt man in der großen Stadt nichts mit, wenn man nur von der Senke des 6. Bezirks am Wienfluss durch den leicht ansteigenden 5. Bezirk (Margareten) zum Gürtel hochgeht, und von dort steiler ansteigend den Schüsselrand der Großstadt bergauf nach Hause läuft: Längst sind die bürgerlichen Mietshäuser durch die Gemeindewohnungen und Genossenschaftsblöcke ersetzt, früher war der 10. Bezirk wirklich rot, heute schweigen wir darüber, und die vielen Ausländer sind daran nicht schuld, dass sich das alte, das rechte Österreich im linken, im besseren Wien ausbreitet wie eine neue Variante politischer Infektion. Wie gesagt, in dieser einen Stunde 6-5-10 habe ich von Politik wenig mitbekommen, kaum Sprays und Plakate, aber mehr Einzelhandelsgeschäfte auf diesen drei Kilometern als in ganzen deutschen Großstädten, und mehr Einblicke in das, was „urban“ heissen kann, im Alltag als in Berlin (Außerdem wird eine neue U-Bahn gebaut, heute….). Ich muss also bei den Abendnachrichten die Politik nachholen, kommentieren mag ich sie so wenig wie die deutsche, in langsamen Wellen bricht sie sich am Sandstrand der schnellen Vergänglichkeit; wenn mich nicht nur dauernd die Mails aus Deutschland für die afghanischen Flüchtlinge erreichten, wo immer ich gehe. Es sind die Fliegen der Tragödie, wenn ihr wisst, was ich meine.

Das müsste ich nicht im Blog berichten, wenn nicht die Wirklichkeit die Nostalgie des Wieners erodieren ließe (ich bin ja einer der wenigen Wiener, die wirklich hier geboren wurden; schon die Umstände dieses Zufalls binden mich an diese Stadt). Also mache ich heute früh einen PCR Test, weil ich morgen einen Krankenbesuch im Haus der Barmherzigkeit machen will: Man registriert sich (mehr Umsicht und Datenschutz, nichts für Analphabeten, schade), folgt der Gebrauchsanweisung, vom Gurgeln ins Röhrchen, von da ins größere Gläschen, verschließen, codieren, abgeben, und sechs Stunden später sind alle Befunde im Mail, wehe dem, der kein Handy hat, da wird es zwar auch möglich, aber komplizierter. O schönes negativ, aber ab morgen wird „gelockert“…

Natürlich frage ich nach den alten Bekannten, die am Anfang meines beruflichen Werdegangs standen, der mich ja aus der Uni Wien herausgelöst hatte, bevor andere noch sich entscheiden konnten für oder gegen Wissenschaft oder Lehramt. Die mich damals dirigierten, sind alle um die 85 oder gar älter, und die gleichaltrig Gedachten sind zehn Jahre jünger als ich und bereiten sich auf die Pension vor. Viele der Wohnviertel, Caféhäuser, Treffpunkte verbinde ich nicht mit diesen Menschen, sondern umgekehrt: plastisch treten Orte und Ereignisse vor mein Gedächtnis, und die Personen, die einen so verschwunden wie die andren, nur wenig Schwankungen in den Emotionen, keine Zeit für den Realismus der Vergangenheit, eher für die Abstraktion. Nur vergessen sich die meisten Namen nicht so massiv wie die jüngst abgelegten…auf diese Weise rekonstruiert sich Wien anders als andere Städte, die ich/=man dann doch erinnern muss. die wichtigen oder beiläufigen Menschen formen den fliegenden Teppich, auf dem man sitzt oder durch die Gassen läuft und weiss, man wird nicht mehr erleben, dass sie endgültig der Zeit zum Opfer fallen. Wenn Freunde mir heute erzählen, was sie in letzter Zeit gehört oder in der Oper genossen haben, was die Theater natürlich nicht mehr so hergeben wie früher, dann werde ich nicht nostalgisch, sondern fühle mich eher jünger als die so viel Jüngeren. Getraut Jesserer ist gestorben, verbrannt in ihrer Wohnung, Ernie Mangold lebt noch, ein paar ganz Gute sind jetzt in Berlin, aber das ist schon alles: hier wird gespielt und gesungen.

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Von meinem Krankenbesuch mag ich nicht erzählen, und dieser Widerwille unterscheidet mich von vielen österreichischen Schriftstellern, die solche Gelegenheiten zum Ausbreiten ihrer Philosophie benutzten. Nur so viel, auf dem Weg zum und vom Krankenhaus kann man eingehend studieren, wie in einem Mischgebiet auf der einen Straßenseite noch die kleinbürgerliche Ärmlichkeit hinter ganz schönen Fassaden der Gründerzeit verbergen, während gegenüber die Gemeindebauten der Nachkriegszeit glatt und stereotyp die Wiener Variante der wirtschaftlichen Stabilisierung zeigen, nicht annähernd so schön wie die Bauten der Zwanziger Jahre, aber „sozial“ hatte damals schon seinen verständlichen Sinn und macht Wien heute zur Ausnahme in der postmodernen Wohnungsnot. Ich wandere auch an Sozialeinrichtungen vorbei, die gibts in Deutschland auf), aber hier sind sie offen, erkennbar, oft schäbig, aber frequentiert, wie die Wärmestube.

In der Straßenbahn nach Hause bin ich für einige Zeit der einzige Wiener deutscher Muttersprache, umso bemerkenswerter die Wiener Familien balkanischer und türkischer Herkunft in einer Normalität, die ich in Berlin vermisse. Das ist keine Idealisierung, weil zu dieser Normalität die austrofaschistische Neigung der „Anderen“ gehört, die contra Rationen zu zehntausenden gegen die Coronamaßnahmen demonstrieren, gewaltbereit die Saat aufgehen lassen, die durch Jahre hindurch im schwarzbraunen Populismus angelegt wurde. Jetzt, ja jetzt, ist man dagegen, sieht aber keinen Zusammenhang wischen der Flüchtlingspolitik, der Nähe der Innenpolitik zum deutschen Seehofer, einer immer schon dagewesenen Ethnophobie im kleinsten sozialen Maßstab neben der oben zurecht gelobten Normalität. Bei meinen deutschen Freunden, engsten und diskutierenden ferneren, stößt das „Österreich ist anders“ von mir auf eine seltsame Abwehr, als ob die scheinbar gleiche Sprache Deutschösterreich wahrscheinlicher machte als ein Riss zwischen zwei Kulturen. In Gedanken mache ich eine Stadtführung…

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Eines unserer Projekte führt mich in ein Kreativzentrum, wo Versammlungen, Workshops und Projektunterstützung zusammenkommen. Das wird nicht öffentlich gefördert….bietet aber trotzdem eine synergetische Zusammenarbeit…so steht im Hof des Gebäudes, einer ehemaligen Schule, ein Modellholzhaus für ökologische Demonstration…Wir besprechen und bearbeiten unser Startup-Projekt (nicht wir sind ein Startup, sondern versuchen, solche mit etablierteren Unternehmen zusammen in eine neue Form von geteilter Ausbildung zu organisieren (in Ö heißen die Lehrlinge noch nicht Auszubildende, sondern Lehrlinge…). geht man aus dem Gebäude raus, erkennt man schnell die „Dialektik“ des 3. Bezirks, der hat eine feinere Seite, Botschaften rund ums Belvedere, Konzertsäle, oberes Bürgertum, und Richtung Osten alte Industrie, jetzt überbaut durch Bürohochhäuser; seltsamerweise denke ich an ähnliche Konglomerate in Queens, es passt zusammen, was nicht zusammenpasst und -gehört.

Die Abendnachrichten ernüchtern. Corona, Omikron, Skifahren, Rechtslastigkeit und Augenreiben der Kultur…immerhin fordert eine konservative Zeitung Gegendemonstrationen der Geimpften und eine Eröffnung der Dollfuss-Debatte. Gar nicht schlecht, Geschichte aus den Subtexten zu holen.

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Macht es Sinn, die Unterschiede zwischen den beiden Gesellschaften aufzuspüren, zu analysieren, und auszuwerten? Sicherlich, weil man beiden Differenzen verpflichtet ist, nicht nur als Doppelstaatsbürger, sondern auch wegen der durchaus umbalancierten Bezugsschaukel: nicht ich allein „pendle im Bewusstsein“ zwischen Wien und Berlin…im Alltag sind das Trivialitäten. Was ist wo „besser?“. In Wien die Öffis, die Bundesbahn, die Wohnbaustruktur,…aber um etwa die Wohnungspolitik der Hauptstadt zu erklären, bedarf es vieler geschichtlicher, ethnischer Rückblicke, bis weit ins späte 19. Jahrhundert zurück. Und dann wird es sofort politisch, weil man sich schon des staatlichen Vorzugs der Donausmonarchie vor dem deutschen Reich nach 1871 bewusst sein muss, um zu erklären, was wo jeweils wie geworden ist und was eben nicht.

Unser Entwicklungsprojekt „Wohnen im Alter“ nimmt mit dem Abschlussbericht an die auftraggebende Landesregierung von Niederösterreich konkrete Formen an (dann erst kommen die wirklichen Mühen der Ebene, Ergebnisse „Vor Ort“ umzusetzen. Und was das „Alter“ mit den Zeitläuften, vom Klimawandel bis hin zur rasanten Veränderung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung zu tun hat, fasziniert mich – auch wegen der Unterschiede zu Deutschland.

Aber erst einmal unterbreche ich diese Arbeit, fahre zu meinem Verlag, überquere die Hohe Brücke an der Wipplinger Straße, die ich als Kind schon kannte, weil es dort die Lotterie-Agentur gab mit dem Rauchfangkehrer als Symbol der Glücksbereicherung durch die Klassenlotterie. Später wurde der Wortwitz der Linken mit dem „Klassenlos“ daraus.

Und wieder fahre ich durch die Stadt und lerne mit jedem Blick auf ihre Geschichte auch ein Stück meiner Geschichte. Beruhige mich, dass ich nicht berühmt bin; wäre ich es, würde Wien erst nach meinem Tod etwas für mich tun.

(Übrigens muss ich ja übermorgen nach Salzburg, weil ich dort gemeldet bin und neue Papiere rauche. Zu Salzburg fällt mir diese Geschichte nicht ein, ob eine andere sich mit mir so verbindet ist wahrscheinlich…).

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Zu den Unterschieden zählen auch Gestalt und Vermittlung der Abendnachrichten im Fernsehen. Hier geht es nicht um besser oder schlechter. Aber weil Österreich nicht so wichtig ist wie Deutschland, erfährt man hier mehr von der Welt – und von lokalen Ereignissen.

Aufwachen…in Kabul? In Berlin.

Aufwachen in Kabul? In Berlin.

Ich hatte versprochen, den Blog nicht mehr zu Afghanistan zu füllen. Aus dem Kampf gegen das Vergessen der deutschen Beteiligung und auch Schuld in der Intervention seit 2002 wurde ab Mai 2021 ein Kampf um die Rettung von Menschen. Über 20.000 stehen auf den genehmigten deutschen Ausreiselisten, grad einmal 7000 hat man bisher gerettet. Es sind tatsächlich noch sehr viel mehr Menschen, die rauswollen und müssen aus diesem Land, und dass jetzt Tauschgeschäfte mit der nicht-anerkannten Regierung angestrebt werden, sollte nach einer militärischen Niederlage nicht ironisch oder gehässig kommentiert werden – immerhin lässt es für einige hilfsbedürftige Menschen hoffen. Aber wie schon Bloch sagte: Weil es lang dauert, bis man Gefängnisse abschafft, sollte man in der Zwischenzeit die Gefängnisbetten verbessern.

Ohne Zweifel wird es völkerrechtliche Nachwirkungen geben, gegen die Taliban, gegen die USA, vielleicht gegen die Mujaheddin, vielleicht gegen die Russen davor, vielleicht gegen die Begleitorgane, deren eines Deutschlands ist. „Vielleicht“ heißt, dass natürlich auch die Missetaten und Vergehen früherer Zeiten nicht vergessen sind, aber die Zeit spielt, oft: leider, eine böse Rolle bei der globalpolitischen Vergessenskultur, das wissen wir seit dem Kalten Krieg, den wir gerade wieder ansteuern.

Dass der neue Bundeskanzler kein Wort des Bedauerns und der Selbstkritik äußert darüber, wie er und seine Partei den Rettungsversuch durch Grüne und Linke verhindert haben, ist schandbar. Aber auch dazu haben wir, juristisch und moralisch, noch mehr Zeit als zum gegenwärtigen Vorrang: Retten, helfen, in der Diaspora integrieren. Das heißt konkret: Alle, die zu Recht Visa beantragt haben, nicht nur Ortskräfte und verfolgte Intellektuelle, vor allem aber Frauen und Angehörige von Minderheiten aufnehmen, versorgen, stabilisieren, hierbehalten.

Das ist heute: „An estimated 22.8 million people — more than half the country’s population — are expected to face potentially life-threatening food insecurity this winter. Many are already on the brink of catastrophe.“ NYT 20211209

Die unmenschlichen Vergehen der alten Bundesregierung – aus welchen und wie vielen Gründen auch immer – werden als Schuld auf der deutschen Innen- und Außenpolitik lasten, in dieser Reihenfolge, bitte. Es gibt, wie so oft, keine Opfer-Täter-Balancer, aber die wird noch eine Rolle bei der juristischen Aufarbeitung spielen – siehe oben. Wichtiger ist, sich aus der einseitigen Unterwerfung unter die amerikanische Zentralasienpolitik zu befreien, und zugleich auf größeren, nicht opportunistisch kleineren, Abstand zu Russland und China zu gehen. Das ist nicht einfach ein unfrommer Wunsch. Konkret heißt es, militärisch nicht der Kellner im Sternelokal NATO zu sein, sondern als europäische Macht – Macht! – diesem Verein etwas entgegenzusetzen haben, bevor man sich loslöst. Distanzieren kostet nichts, Wortgeklingel. Und eine moskaugesteuerte politische Rhetorik verkennt die Wirklichkeit der Aggression auch von dort; auch mit China ist es im Kontext ähnlich, und die kleinen Akteure sind de facto sehr groß: Iran, Pakistan, Indien.

Wer Afghanistan nur ein wenig besser kennt als diplomatisch-mediale Ebene, wer Thomas Ruttig, Christoph Reuter und ihresgleichen liest und nachvollzieht, der muss wissen, dass es keine einseitigen, moralisch gepolsterten Lösungen gibt, um einen großen Teil des afghanischen Volkes am Verhungern zu hindern (und so eine Flüchtlingswelle im Vorfeld zu unterbinden….). Als Unterlinge der amerikanischen Militärmacht haben wir eben die Niederlage mit eingefahren, die wir nur politisch, humanitär und kulturell abfangen und umkehren können (das nennt man Entwicklungspolitik, und Maas und Seehofer hören das gottseidank nicht mehr). Das heißt nicht einfach und naiv: abrüsten; das heißt, diese Umkehrung auch beschützen und verteidigen können. Aber eben nicht „umgekehrt“, dass man das militärische Versagen dann auch noch soziokulturell abfedert.

Man kann – abgesehen von einer weiteren Programmschrift, dem Koalitionsvertrag, solche Umkehrung von der neuen Regierung erwarten und erhoffen. Wir, also die Zivilgesellschaft und der politische Strahlenkranz einer kurzzeitigen Sonnenfinsternis – wir können dazu einen Beitrag leisten: nicht in die komischen Kritikchöre einstimmen (Kritik der kritischen Kritik, die Pubertätsmelodie der Linken, wie man sich wieder den bösen Großen unterwirft und nichts ändert, wie die USA noch böser sind als…), und nicht den bis weit in die Mitte der Gesellschaft ragenden rechten und faschistoiden Ausländerhass, Ethnophobie, Frauendiskriminierung und Gleichgültigkeit gegen Kinder damit transportieren, dass wir Deutschen uns selbst genug sind. Sucht euch die Hilfsprogramme, Kontonummern, Personen vor Ort (auch in Potsdam gibt es zB. mehr als 50 gerettete Ortskräfte, teilweise mit Familien, und das ist fast überall so….). Sich „kümmern“ heißt nicht Kummer teilen, sondern empathisch die Schwelle von Wir und Sie schleifen.

Das erfordert Zeit, das erfordert Information und Lernen, Kommunikation, und nicht ideologiekritische Abwägung, wem man damit noch einen Gefallen tut oder ihm schadet. Wir können handeln.

P.S. Doch ein grimmer analytischer Nachtrag: Der hat mit Afghanistan zu tun, dem Land, der Gesellschaft, die zum Proxy der hier beschriebenen Politik gemacht wird. Die AfghanInnen müssen seit langem ausbaden, was sich die großen Akteure nicht direkt sagen können. Darum kommt Afghanistan auch nicht in den folgenden dri Punkten vor.

* Die scharf antagonistische Einstellung zu den USA, zum „Westen“, zur NATO, zur Doppeldeutigkeit der Expansion von Wirtschaft und Beeinflussung ist so unsinnig wie die russophile Blindheit gegenüber einer post-stalinistischen Diktatur, die in ihrer Vergangenheitsverzerrung unbeirrt die Fakes als Wahrheiten verkauft, schon weil man es mit den westlichen Fakes ja leichter hat.

* Das Ausblenden der Binnenstruktur, der Würgegriff gegen jede Form demokratischer Opposition (eine bloße Meinung ist noch kein Widerstand!) macht die USA-Kritik zu einem Instrument der vom Kreml effektiv gesteuerten Beeinflussungspolitik, weil ja der Westen nicht über die Vertikale der Macht und die Allgegenwart des Gulag verfügt, sondern nur über autoritäre Vielfalt und ebenso vielfältige Opposition. Die Schwächen der Demokratie auszuspielen gegen die homogene Oberfläche der Diktatur – siehe oben den Text – ist ebenso einfach wie zynisch. Damit wird aber – leider, sage ich – jede Form der berechtigten und scharfen Kritik an den USA und der westeuropäischen Globalpolitik entwertet, weil diese Politik für uns noch immer – hoffentlich immer – ein leichteres Leben bedeutet als für die Kritiker in Russland, nicht nur Nawalny, nicht nur Memorial.

* Weil immer wieder die Entspannungspolitik von Brandt, die verloren gegangen ist, angedeutet wird: damals hat es auf allen Seiten eine Einsicht in die Notwendigkeit gegeben, die heute auf allen Seiten fehlt. DAS ist der Ausgangspunkt tragfähiger politischer Analysen.

Paris Bahnhofsviertel

Am letzten Wochenende war ich zum zweiten Mal in der Ausstellung der Impressionisten der russischen Brüder Morozow im herrlichen Gehry Bau des Vuitton Museums am Bois der Boulogne. Dazu kommt wahrscheinlich noch ein längerer Blog der Nacharbeitung. Hier ein paar andere Eindrücke: Die Franzosen nehmen die Covidkontrollen sehr ernst, in jedem Lokal wird ordentlich kontrolliert und nicht gemotzt. Ankunft und Abfahrt waren durch keinen Pofalla getrübt, also pünktlich, und die Bahnhöfe sind wenigstens zur Gänze regenfrei. Darüber will ich aber gar nicht schreiben, auch keine Vergleiche ziehen, das machen sowieso die Meisten.

Zwei Erlebnisse hingegen machen uns so schnell keine anderen Besucher nach. Nahe unserem Hotel, eine Gebäudereihe hinter der Einfahrt zur Gare de l’Est, am ansteigenden Schüsselrand der Stadt, der sie so kompakt wie übersichtlich macht, also nahe dem Hotel ein Gebäude im typischen neo-palais-artigen Stil des 19. Jahrhunderts, Pompiers, eine frühere Feuerwehrkaserne. Jetzt ein Kulturzentrum, ähnlich dem Potsdamer RZ, nur eben in einem alten Gebäude und in Paris. Mit einem imposanten Innenhof und großen Binnenfenstern, sodass man schon gut sieht, was sich da alles tut. Unter anderem ist gegenüber dem Einfahrtstor ein Restaurant. Von außen normal modern, verglast, auffällig nur, dass keine Speisekarte ausgehängt ist…wir gehen auf unserer Tour weiter und stoßen auf den Namen des Restaurants erst bei der durchforstung der digitalen Stadtpläne, wenn man einaml nicht französisch, nicht indisch, nicht vietnamesisch, nicht…etc. essen will, sondern – ja was? vegetarisch, aber vielleicht nicht ethnisch bestimmt. Und stoßen genau auds Lokal „Ora“ in dieser Pompierkaserne. „Une table végétarienne et festive comme on en a jamais vu à paris“ ​Nina V. Das haben wir natürlich nicht gelesen: „Une table végétarienne et festivecomme on en a jamais vu à paris“​Nina V. Die Bilder im Internet sind auch schön, aber die Realität noch spannender. Wir waren etwas früh (19.00) und gerade einen Tisch haben wir noch ergattert. Ausgelegt mit dünnem, fettabweisenden Packpapier sind die Tische großzügig, kerzenbeleuchtet. Die Inneneinrichtung des Lokals zu beschreiben führt automatisch zu einer Diskussion über Retrokitsch der 70er-Jahre, Verwendung gerade vorhandener Glasflaschen und von Staubfängern, deren Reinigung noch nicht ansteht (bunte Palmwedel). Eine sehr freundliche Influencerin erklärt uns das Prinzip des seit zwei Wochen offenen Lokals: Jeden Tag ein neues vegetarisches Menu, nur eins, und also hat man keine Auswahl. Guter offener Wein, in der Tat, die Bordeaux sind preiswert und sehr gut; wir fragen zwar nach dem Preis (44 € pro Menu), aber der passt zum Niveau des Zentrum, also: was kommt jetzt? Drei Gänge vegetarisch, ein Gemüseberg mit Saucen und Kräutern und Nüssen und und und wird auf den Tisch gekippt, dazu ein dunkler Laib Brot, und der Chef mit dem Sous-Chef-mit dem Sousous-Chef tanzen, wie bei jedem Gang, um das Essen Ballett, da kommt noch Pfeffer drauf, und hier Öl und dort Gewürz, nur beim Salz bedient man sich eines kleinen Häufchens auf dem Papier. Was eben am Markt heute morgen frisch war, Selleriensauce mit Spinat zum Beispiel, Hummus gerade komponiert…Das Hauptgericht lauwarm oder kalt, auch hier Gemüse (Broccoli, Karotten), aber auch eine sehr große, sehr heisse Ofenkartoffel, mit Creme gefüllt und benusst…seltsam, man wird von diesen leichten Dingen trotzdem satt, aber da kommt zum Abschluss der Bratapfel, ein Berg Kuchenkrümel und eine Mousse au chocolat vom allerfeinsten…uff. Viel und gut, zum langsamen Essen. Am Nebentisch ein Mensch, den wir lange Zeit als Restaurantkritiker eingeschätzt hätten, so beobachtet und notiert er rundherum, nach einer Stunde kommen bekannte, und dann wird gefeiert. An den andern Tischen immer mehr Menschen, die genauso essen wie wir. Die sehr laute Retromusik soll offenbar die Gespräche an den Tischen für sich halten. Beim Hinausgehen fragt uns ein Sicherheitsmann, wo wir denn unser Auto haben…erstaunt, dass wir zu Fuß weggehen, denn die Menschen hier kommen nicht aus dem Bahnhofsviertel. Wer weiß, wann man den Hotspot in den Gourmetrubriken der Magazine findet…Gentrifizierung beginnt mit dem Magen.

Das andere Erlebnis ist nicht so deutlich zu beschreiben. Es besteht aus meiner Erinnerung, vielfach überbaut. In den 1970er Jahren, genau 1970-1974, war ich mehrmals im Jahr beruflich für das Wissenschaftsministerium als österreichischer Vertreter in verschiedenen Kommissionen der OECD und des Europarates (weil ich Französisch gesprochen habe, nu, das hat sich ausgezahlt). Und dabei habe ich nicht nur, aber vor allem ganz andere Stadtviertel kennengelernt – und meine Zeit natürlich zu Entdeckungsreisen in die und in der Stadt genutzt. Erinnerung als Erlebnis: dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie ich mit knapp über 20 dazu gekommen bin, das zu machen – zu verhandeln, Hochschulpolitik europäisch und Interessen österreichisch zu vertreten, und noch nicht einmal zu verstehen, was wie hier vor sich ging. Was geblieben ist, neben der beruflichen Erinnerung, bleibt das Gedächtnis der Stadt. Bestimmte Straßen, Schaufenstergestaltung, Aufschriften, Klassenschranken, und endlose weite Gänge, um Arbeits- und Besuchspausen zu überbrücken. Wenig Lust aufs Quartier Latin, auch auf die großen Museen, das kam erst später. Jetzt kommt keine erinnerung an die Erinnerung, dazu könnte ich meine Tagebücher öffnen; das Erlebnis von Paris ist, dass ich es mir gemerkt habe, anders als z.B. London oder andere Städte, unabhängig davon, wie oft ich dort war. Anamnesis, Wieder-Erinnern=Erkennen. Diesmal – und vor ein paar Wochen, als ich mit einem Freund den Christo verpackten Arc de Triomphe und die Morozow-Ausstellung das erste Mal besuchte – kam wieder, was gut verpackt bereit gelegen hatte, nicht auf dem Bord der abgelegten Lebensalter verstaubend. Kann es sein, dass die wenig verdeckte Realität postkolonialer Bevölkerung – alle Farben, alle Geschlechter, alle Habitus, und oft streng nach Stadtvierteln und Häuserblöcken separiert – einem die stereotypen Engramme von Klassen- und Politikanalyse an den Rand rücken lässt. Es ist einfach herrlich, eine solche Stadt mit Radfahrern und E-Rollern stärker als mit PKW befahren zu sehen (stimmt natürlich nicht, aber relativ, und in vielen Bereichen geht es sich besser). Und es holt einen aus der übertriebenen Romantik herunter, wie krass die sozialen Grabenbrüche zutage treten, unverkleidet, und nicht nur in den Bahnhofsvierteln. Ein wenig erinnern auch die Wohnstraßen der Oberschicht an die Vorstellung von Kulissenstädten, Vorbild für Potsdam. Mir ist aufgefallen, dass ich nichts einkaufen will und es auch nicht mache; dass kein Wiedererkennen eine Wiederholung anbietet, als würde ein Stadtführer Weitergehen, Weiterschauen verordnen. Das ist es, der übermäßige Reichtum, besser, die Reichhaltigkeit, lässt keine Privatsammlung an Details zu. Vielleicht es ist esd ganz einfach. Die Stadt war nicht zerstört, da steht noch alles oder es ist zerfallen oder es ist neu.

Impfen, zum STEINER weichen…

Kafka sprach zu Rudolf Steiner:
»Von euch Jungs versteht mich keiner!«
Darauf sagte Steiner: »Franz,
ich versteh’ dich voll und ganz!«

Steiner sprach zu Hermann Hesse:
»Nenn mir sieben Alpenpässe!«
Darauf fragte Hesse Steiner:
»Sag mal Rudolf, reicht nicht einer?«

Steiner sprach zu Thomas Mann:
»Zieh dir mal dies Leibchen an!«
Darauf sagte Mann zu Steiner:
»Hast du’s auch ‘ne Nummer kleiner?«

Robert Gernhardt: Gesammelte Gedichte 1954 – 2006

So unbekannt war Steiner also nicht. Und wenn jetzt in den Medien berichtet wird, wieviele Impfgegner unter den Anthroposophen sind, belebt das die Erinnerung an den Gründer dieser Zweigreligion der gebildeten Mittelschicht.

Was hat die Anthroposophie mit der großen Impfskepsis in Baden-Württemberg zu tun? (SWR 21.10.2021); eine bedenkswerte, wahrscheinlich unvollkommene These vertritt der Antisemitismus beauftragte und Religionswissenschaftler Michael Blume:

Andererseits gibt es historisch eine starke Verbindung zu Verschwörungsmythen. Zum Beispiel zum Antisemitismus: der Austrofaschismus, der italienische Faschismus ab 1919 in Mailand. Die NSDAP entsteht in Bayern. Oder die Anti-Impf-Bewegung. Die Salpeterer-Unruhen im heutigen Baden-Württemberg im 19. Jahrhundert richteten sich gegen die Pockenimpfungen, auch in Tirol gab es Aufstände gegen das Impfen. Dazu kommen noch die esoterischen Bewegungen, zum Beispiel die Anthroposophie. Die erste Waldorfschule entstand in Stuttgart. Oder schauen Sie sich ganz aktuell die Wahlergebnisse der Querdenkerpartei „Die Basis“ an: Die besten hat sie im südlichen Bayern und im Bodensee-Raum.(SZ 19.11.2021). Er führt das auf die kulturautonome Aversion gegen den Zentralstaat zurück. Bedenkenswert, wohl nur Ansatz zu weiterführenden Studien im ethno-geo-kulturellen und nicht im polit-ökonomischen Raum.

Aber man sollte unbedingt auch lesen: Waldorfschule und Impfgegner In Steiners Sekte

Ein autobiografischer Essay von Tobias Rapp (https://www.spiegel.de/kultur/waldorfschule-und-impfgegner-in-steiners-sekte-a-8242889d-190f-479f-bf6d-a22ccab54013). Warum unbedingt? Das gilt auch und nicht nur für mich, weil ich, ohne Waldorfschule, teilweise im anthroposophischen Umfeld aufgewachsen bin und viel von sektenaffinen und sektenskeptischen Seite mitbekommen habe, auch viel Weleda und vor allem ein Bücherregal voll Steinerliteratur. Rapp ergänzend – ein großer Teil von Steiners Werken ist aus der intellektuellen und psychosozialen Situation der Welt vor 100-120 Jahren zu erklären; verstanden hat man immer nur die Hälfte, aber die Vermischung von Wiedergeburt, östlicher Weisheit, Gnosis, lebensphilosophischer Privatisierung und mehr noch war damals anziehend, und nach der Sektengründung auch ein gewisser Protest gegen den Stillstand der beiden großen christlichen Kirchen, Protest, der im Gottesdienst der „Christengemeinschaft“ diese peinlich nachgeahmt hatte.

Ich hatte also viel gewusst, das jetzt, über 60 Jahren wieder hochkommt. Impfgegnerschaft gabs in meiner Apothekerfamilie nicht. Aber sonst eine Reihe von Dingen, die Rapp aufzählt, andere und vielfältige, vor allem widersprüchliche. (Die wenigen Steinerianer, die ich jetzt, eher zufällig kenne, sagen dazu natürlich nichts, und die offiziellen Stellungnahmen winden sich).

Man kann das alles auch von einer ANDEREN: EHER COVID-FERNEN Seite sehen: bestimmte Sekten, die nicht Zivilreligionen sein wollen, versuchen zu beeinflussen (Influencer!) durch eine Mischung von rationalen und esoterischen, traditionellen und hyperrealen Elementen, die die Geschichte der Steinerianer, ihre politischen Affinitäten, ihre Förderer und Kritiker eher rauslassen und dafür aktuell sich anbieten: mehr oder weniger gute Kosmetik, mehr oder weniger kluge Pädagogik – der Übergang in die andere, wirklichere Realität, ist für viele SchülerInnen nicht ganz einfach, aber auch nicht ganz falsch, was z.B. den ästhetisch körperbetonten Aspekt betrifft, geht zurück nach 1900! – und: man muss sich ja nicht Steinerschen Theologie, pardon: Anthroposophie und ihrer Geheimwissenschaft anschließen (Vgl. Die Geheimwissenschaft im Umriss (Rudolf Steiner 1910, Taschenbücher aus dem Gesamtwerk). Aber geht einmal ins Internet, die Zahl der angebotenen Schriften ist beachtlich: Unter „Steiner Geheimwissenschaft“).

Ich konnte später die Form distanzierter Anerkennung bei den mir bekannten Anthroposophen analysieren; sie haben durchaus die Rolle der Religion (glauben konnte man so einen Quirl ja nicht) als sozialer Instanz, die „Gemeinschaft“ fördert, studieren wollen – und man hatte es leichter, schwer zugängliche Quellen der Gnosis und der Ägypter und Inder bereits aufbereitet zu finden.

IMPFGEGNER? Vielleicht. Nicht viel anders als aus anderen Quellen berufen sich viele Impfgegner und -skeptiker auf eine Vorstellung der Eingriffsmöglichkeit spiritueller Kräfte UND eines gesunden oder asketischen Lebenswandels. Das ist nicht weit von den bürgerlichen mittelständischen, oft gebildeten, Zivilreligionen entfernt. Hat mit Steiner nicht so viel zu tun. Den kann man geistesgeschichtlich in der Schublade: vergangen und weitgehend vergessen, rubrizieren. Und seine kosmetischen und pädagogischen Nachwirkungen mit Skepsis nachverfolgen.

Immerhin merkt ihr, es hatte einen gewissen Einfluss auf meine Jugend, zum Missfallen der Gläubigen habe ich es bis zur Kritik durchgehalten. Die kam dann nicht so gut an.

ABER bis heute: ich komme in einem meiner Forschungsprojekte oft in und durch die kleine Stadt Gloggnitz in Niederösterreich. Die hatte mit seinem Leben zu tun (1861-1925), und von dort zur Goetheausgabe, zum Goetheaneum, zu Demeter und Weleda war es sehr weit.

GEGEN IMPFUNGEN WAR ER NACHWEISLICH NIE….nur so nebenbei.

Mit Gegnern reden macht sie nicht zu Freunden

Merkt denn niemand etwas? Die vehemente Unterstützung für Polen im Abwehrkampf gegen wehrlose Flüchtlinge wird dazu führen, dass die angedrohten, ohnedies schwachen, Strafmaßnahmen gegen polnische Rechtsbrüche und Menschenrechtsverletzung nicht angewendet werden, solange es um Flüchtlinge geht. Die EU Außengrenze als Grenze der Humanität.

Merkt denn niemand etwas? Die vehemente Kritik an Lukashenko, und damit an Putin, und damit an den Fluglinien aus Istanbul, und an der zynischen Schlepperpolitik, wäre auch dann richtig gewesen, wenn es nicht einen Flüchtling an der polnischen Grenze mit Ziel Deutschland gegeben hätte.

1:0 für Putin und den neuen Kalten Krieg. 0:1 gegen die Europäische Kälte gegen Flüchtlinge, Menschenrechte, Asyl. Merkt das niemand? Doch, einige, aber: was tun? Ist wichtiger als die Frage: Was nun?               

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Ich bezeichne die polnische Regierung als kleriko-faschistisches Regime, und das Regime in Belarus als wahlweise spätfaschistisch oder spätstalinistisch.

Begriffe sind nicht egal, aber totalitäre Regime folgen selten den untergeordneten Klassifikationsmerkmalen anteilsarmer Beobachter.

Polen wird als weniger diktatorisch als Belarus angesehen, zumindest in der Politik. Was die Bevölkerung beider Staaten angeht, sind die Unterdrückten in Belarus noch härteren Repressalien ausgesetzt als in Polen, wo sie der Unterdrückung effektiver begegnen. In Polen ist es noch möglich, durch demokratische Wahlen das Bündnis aus Faschisten, einem Teil der Kirche und den Populisten am rechten Rand zu beenden. Das kann auch das Ergebnis von EU Politik sein. Mit Donald Tusk kommt ja kein Linker ins Spiel, sondern ein liberaler konservativer Pragmatiker, muss nicht „unsere“ Linie sein, aber wenn wir Polen in der EU behalten wollten, dann müssen die Sanktionen gegen die Justizmissbrauch und die frauenfeindliche Gesetzgebung aufrecht erhalten bleiben, Belarus hin oder her. Dass die Deutschen Flüchtlinge aus Angst vor der AfD verrecken lassen, ist besonders peinigend – aber historisch nicht unerklärt.

Zu Polen heute: Die polnische Regierung hat die Unabhängigkeit der Justiz in den vergangenen sechs Jahren systematisch untergraben. Damit ist die rechtliche Integrität der EU in Gefahr. Von Dariusz Mazur (https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-11-12/page_2.500583/article_1.5461667/article.html): Das lässt Polen noch immer nicht mit Belarus, Putin und seinem Gulag vergleichen. (leider? Gotzeitank? das ist hier nur auf der Vergleichsebene von zwei Gegnern möglich).

Also erstens: keine Gleichsetzung von autoritären Systemen, und zweite Lektion: nicht an den Enden der Lieferkette von Menschenrechten oder Demokratie ansetzen. Die Ursache dafür, dass Geflüchtete aus allen prekären Ländern nach Deutschland wollen, und nicht nach Polen, Ungarn oder Bulgarien, ist leicht erklärt: das Sozialsystem und die Rechtsordnung in Deutschland sind gefestigter, humaner und belastbarer. Gegen ein scheinbar linkes oder radikal-demokratisches Argument: diese Tatsache ist unabhängig davon, welchen Anteil Deutschland an den Fluchtursachen und – gründen hat. In einigen Fällen sind wir außenpolitisch arg in der Verantwortung, in anderen weniger – nehmt nur alle beteiligten Länder, dann wird diese Dialektik bei der Türkei besonders deutlich, aber auch direkt in Afghanistan, weniger deutlich dort, wo unsere Wirtschaftspolitik sich gegen die autoritären Systeme nicht wirkungsvoll durchgesetzt hat, und ganz und gar undeutlich dort, wo wir nur ein indirekter Player sind. Das muss aber egal sein, wenn es um erfrierende und hungernde Flüchtlinge geht. Hier  in Deutschland: Aufnehmen, Asylansuchen bearbeiten, verteilen, zurückschicken oder hier behalten. Dafür gibt es Regeln, die man auch im negativen Ergebnisfall einhalten kann und soll. Das gilt für die gesamte EU. Lassen wir uns doch nicht von den kleinen miesen Diktatoren in der EU auf der Nase herumtanzen, wenn es um die Abwehr der größeren und gefährlicheren geht.

Natürlich ist der Umgang vor allem mit Polen, Ungarn schwierig. Nur mit Druck oder Geldpaketen wird der Konflikt weder in noch außerhalb der EU gelöst. (Mit Verlaub, als wir die exkommunistischen Länder in die EU aufgenommen haben, war dies auch ein Argument jenseits des erfolgstrunkenen Triumphs des Westens). Und bei Lukashenko kommt man nur mit Russland und der Türkei an die Macht heran: Wenn wir Belarus politisch isolieren, müssen wir zugleich an der Basis, die ja demokratisch ist, etwas riskieren: nämlich dort agieren. Das gilt für Russland noch viel stärker, wo gerade an Memorial ein stalinistisches Verbrechen verübt wird, ähnlich wie bei Nawalny. Nun wird dem entgegengehalten, dass man mit dieser Bezeichnung ja den Dialog unmöglich mache. Falsch: Runde Tische haben immer nur funktioniert, wenn man die schlimmsten Gegner auch am Platz hat (wenn man sie ausschließt, wie bei Afghanistan 2001, sieht man noch Jahrzehnte später die Folgen). Mit Gegnern reden, wischt ja nicht vom Tisch, dass sie Gegner sind.

So neo lieber nicht

Nathan Gardels, Noema Editor-in-Chief:

While our species, unique in its capacity to envision a future and plan its behavior, stumbles toward climate action in the misty precincts of Scotland this week, the rest of nature can’t wait. It is moving on in evolutionary resilience, one organism at a time, flexibly adapting to human-induced planetary warming.

This capacity to conjoin “urgency” with “agency,” biologist Thor Hanson writes in Noema, is a lesson humankind needs to learn sooner rather than later if it is going to either avoid the tipping point of no return in despoiling our only livable biosphere, or figure out how to survive after the fact.

“In nature, the responses of individual organisms determine the fate of populations, species and entire ecological communities,” he writes. “The same pattern applies to society. Addressing climate change requires a fundamental cultural shift in our relationship with energy, from how we produce it to how much of it our lifestyles demand. That makes individual action more important, not less so, because it is the collective behaviors and attitudes of individuals that define and change a culture. Yes, we need stronger climate policies and strong leadership to carry them forward, but those things will be the results of cultural change, not the cause of it.”

                                                                                              (NOEMA, NOVEMBER 6, 2021 – Berggruen Institute)

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Ja, die Neoliberalen predigen die Verantwortung für sich selber, dann wird schon alles gut: schließlich willst du ja auch nicht, dass die Welt zu deinen Lebzeiten untergeht oder du stirbst vor der nächsten Dividendenausschüttung und Erbschaft…Und wie trägt man die Verantwortung? das weiß nicht nur der Lindner nicht, da haben sie Probleme, denn das gehört nicht zu den konkreten Dingen die man tut, und wenn diese Vorstellung revolutioniert ist, kann die Wirklichkeit gut standhalten: ich habe halt verantwortlich an dies und jenes gedacht. Greta Thunberg: Blablablah…richtig. Aber das Volk, das hörts gern, denn die „die“ nichts tun, dann brauchen „wir“ auch nicht so schnell zur Praxis greifen.

Geh ich aus dem Haus, stehen da die SUVs in Reihe. Geh ich an der E-Tanksäule vorbei, stehen da riesige Autos; nichts ist einfacher, als diese Klimadeppen zu kritisieren. Aber selber, was macht man selber? Trennt man den Biomüll vom Plastiksack, in dem man ihn gesammelt hat? Dreht man das Licht aus, jedesmal wenn man den Raum verlässt? Verzichtet man auf Rindfleisch wegen des CO2, und weniger weil die Tiere leiden? Wo kippt das eigene Verhalten in sektiererische Vorbildfunktion für all diejenigen, die einem ohnedies nie zuschauen?

Solche Fragen erlebe ich viel häufiger, als ich vor, sagen wir, zehn Jahren, noch gedacht hätte. Oft gibt es leichte, folgenarme Kontroversen unter Freunden – Mülltrennung, Müllvermeidung, das gehört genauso zum Lebensstil wie Kleidungsstoffe, Möbel aus Naturholz, und immer wieder essen.

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Trivial? Alle schimpfen auf die zögerlichen, heuchlerischen Politiker, die in Glasgow nichts wirklich praktisches vereinbaren, die ausmalen, was wir alle wollen, aber nicht entscheiden, was sie tun wollen, wenn sie es können, und was sie können, d.h. wenn sie die Widerstände brechen können und nicht mit Rücksicht auf sie faule Kompromisse machen.

Dies alles ist bekannt, also spinnt diesen Faden weiter und kommt zu den richtigen politischen Schlüssen. Mich beschäftigen noch einige andere Aspekte des gleichen Phänomens: da geht es nicht ums Klima, sondern um Corona, und auch hier wird der Kompromiss mit den Leugnern, Verschwörungsrechten, Verweigerern, Egoisten – leider auch mit den Dummen und Uninformierten, schon angeboten, bevor er verlangt wird. Und auch hier muss man die obige Frage, ob das Verhalten, also die Lebensführung, der Lebensstil die entscheidenden Variablen für das Kollektiv sind, durcharbeiten.

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Natürlich ist die Antwort: „Beides“ immer einfach naheliegend. Aber beides zugleich ist oft sehr schwierig und manchmal rechtlich unmöglich: z.B. individuelles gesundheitsschädigendes Verhalten durch Behandlungsverbote grob fahrlässiger Gesundheitsverweigerer zu steuern. Die Situation verbessern und Gerechtigkeit durchzusetzen sind oft gleichzeitig nicht möglich, und dann muss das Verbessern Vorrang haben, auch vor der Rechtsprechung, auch vor der ständigen Frage nach Schuld & Sühne. Das sage ich mir, und es geht mir nicht gut dabei.

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Das berühmte „…denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“ (Rilke 1908) kann man gut zu Feiertagen sagen, aber worin das Ändern besteht, kommt nicht einfach aus „Archäischen Torso Apolls“, das heißt, es kommt schon daher, aber da ist erst einmal das Nachdenken, was es heißt, sein Leben zu ändern. Das kann einer allein anfangen, aber nicht fortsetzen. Welche Grenzen wir überwinden müssen, in der Familie, im engeren Umfeld, in der Politik, um auch nur eine Bedingung zu ändern, unter der wir leben, mit der wir so nicht weiter leben wollen… (ja, wir, jeder von uns, könnte sich da schnell umbringen, aber wenn wir nicht so weiter leben können, haben wir wenig Alternativen dazu, etwas zu ändern, das ist noch unser „Leben“, aber es gehört schon dazu, oder wir treten dem Verein der lebendig Begrabenen bei, was eine neoliberale Vorstufe der Hölle ist…

Politik fängt nicht bei der Politik an, sondern bei dir und bei mir, und das Ändern stößt schnell auf Widerstand, und wie man sich dann verhält, das kann entscheidend sein. Beim Klima, bei den Flüchtlingen, bei Corona, auch beim Beenden des Selbstbetrugs, dass es darauf, was man gerade unterlässt, ohnedies nicht wirklich ankommt. Wirklich? Noch einmal anders: man kann sich durchaus dauernd selbst denken, aber man kann nicht immer nur an sich selbst denken. Oder das Man sagt nie „ich“.

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Die Rücksicht auf die Grundrechte der Impfverweigerer, der Klimaverderber, die Vorstellung, man selbst könne die Grenze so einfach ziehen hat den Nachteil, dass diese Form der Selbstverkleinerung dem Großen Ganzen, dem Klima, der Gesundheit vieler, dem Überleben mehr schadet als der immer nur beschränkte Erfolg, den die Praxis von Einzelnen haben kann. Wir werden es nicht mehr erleben, weil wir schon mittendrin sind.