Jüdischer Einspruch XXI: befreit euch.

Unbedingt lesen: https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-02-19/page_2.454859/article_1.5210583/article.html

In einer langen Diskussion zwischen Susan Neiman und Michael Brenner sagt Neiman u.a.:

Das ist eine Taktik von Rechten, den eigenen Rassismus mit einer Art Philosemitismus zu verdecken, das kann man auch anderswo beobachten, bei Trump etwa. Nur sind die Rechten in Deutschland auf deutsche Schuldgefühle gestoßen. Hier sagt niemand: Moment mal! Sondern: Oh mein Gott, wir müssen für die Juden aufstehen! Ich finde es wichtiger, sich mit dieser Taktik zu befassen als mit allen möglichen Definitionen von Antisemitismus. (19.2.2021)

Natürlich geht es auch um BDS, um Mbembe, um Netanjahu und um Kritik an Israel. Aber schon dieser eine Absatz ist in seiner Klarheit befreiend.

Bitte auch zurückschlagen und lesen: Jüdischer Einspruch XVIII und XX. danke.

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 Es mag  euch Leser*innen seltsam erscheinen, dass mich das Thema ein Leben lang beschäftigt. Seit meiner Kindheit, und sicher avant la lettre,  wie man sagt. „du bist der deutsche Michel,  und nicht der jüdische Michael“, sagte eine entfernte Verwandte aus dem nichtjüdischen Zweiglein meiner Familie des Öfteren. Hab ich gar nicht verstanden. Aber die vielschichtige Umgebung von Beschweigen und Offenbaren, sozusagen eine immer negative Identitätsdiskussion über viele Jahre hinweg, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt und mich umso nachhaltiger um Positionen jenseits von Anti- und Philosemitismus suchen lassen, inclusive der retrospektiven Scham über Judenwitze und Missverständnisse der Kindheit. Als das vorbei war, da begann ich 16 und älter zu werden, bildete sich ein Selbstverständnis heraus, das sich immer mehr der Position von Hannah Arendt in ihrer späten Auseinandersetzung mit Gershon Scholem annähert. Ludger Lütkehaus in Kurzform: https://www.nzz.ch/ unversoehnte_dissonanz-1.7800677 (20.2.2021) . So hoch greifen? Natürlich, wir sind auch nicht anders als andere, was übrigens der Kern des Problems ist. Der andere Kern: natürlich sind wir wir und nicht ihr. und umgekehrt.

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Dass auch diese einfache Tatsache den frühesten wie den späteren Antisemitismus prägt, habe ich anhand des neuen Buchs von Delphine Hofvilleur im letzte Blog ja dargelegt. Die ständig unfertige, nie ganzheitliche Struktur jüdische Identifikationen ist weder Makel noch Auserwählung,  sondern, wenn man so will, Kultur- und Sozialanthropologie in einem. 

Es gibt in den verschiedenen Varianten keinen Philoislamismus, keinen Philoarianismus, keinen Philogermanismus. Philo=Anti, Freund=Gegner, manchmal nicht so gemeint, fast immer so bedeutet. Schuld sühnt man nicht durch die Entschuldigung. (Sprachspiel, gewiss, aber Entschuldung ist eben etwas anderes). Umgekehrt wäre Judäophobie so inkorrekt wie es die Islamophobie noch kaum ist, und religionsgeschichtlich müsste wenigstens die Christophobie ihren Begriff haben. Aber der Philosemitismus wird ein stehendes Kennzeichen angeblich begriffener Geschichte und Entschuldigung. Etwas härter formuliert: diese Judenfreundschaft ist wie Aneignung der Juden, die man dann eben neu definiert, weil man das Vergangenheit schuldig ist, nicht aber jemandem oder wem.

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Ich erinnere mit Grausen der neuen Hochachtung für Moshe Dayan[1] im Sechstagekrieg1967 seitens der deutschen Rechten, natürlich niemals offiziell.

Warum ich mich darüber aufrege, naja, gedämpft, ermüdet seit meinen ersten öffentlichen Äußerungen dazu[2], vor vielen Jahren? Das Pathos der 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland nervt. Ihr findet hunderte Eintragungen im Netz unter diesem Stichwort. Bei 1699 war noch nix los. Es ist gut, dass man einer von vielen nicht bewussten Geschichte gedenkt. Aber: Was gibt es da zu feiern? Dass wir – wer ist wir? Siehe oben – aus der Geschichte gelernt haben? Und was, wenn ich bitten darf? Gerade weil vieles heute bewusster und damit besser ist als früher, weil bewusst ja auch kritischer bedeutet, ist die Bemächtigung Israels durch die heutigen Rechten keine Lappalie. Sie baut nämlich auf eine ideologische Verbindung, die vor der Politik auch nicht Bestand hätte, incl. Netanjahu, weil es dieser deutschen Rechten ja darum geht, sich mit Zeugen zu wappnen, an deren Entwicklung sie bzw. ihre Vorbilder mit Schuld haben: die Entwicklung mit mehr als 6 Millionen Toten und einem Staat, der nicht nur dieser Toten wegen auch, auch von Überlebenden gegründet wurde. An denen  vergreift sich die deutsche, die europäische, die antisemitische Rechte, die sich mit Philosemitismus tarnt und mit einer Israelfreundschaft, die übersieht, dass nur Kritik Zeichen aufrichtiger Anerkennung sein kann.

Daxner, M. (1995). Die Inszenierung des guten Juden. Kulturinszenierungen. S. M.-D. u. K. Neumann-Braun. Frankfurt, Suhrkamp.

Daxner, M. (2007). Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg, merus.


[1] https://orf.at/v2/stories/2018637/ (20.2.2021). zu Recht umstritten, aber oft zu Unrecht mit den falschen Argumenten.

[2] Daxner, M. (1995). Die Inszenierung des guten Juden. Kulturinszenierungen. S. M.-D. u. K. Neumann-Braun. Frankfurt, Suhrkamp, Daxner, M. (2007). Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg, merus.

Hund und Hasenmasken, helau!

Nur, weil der politische Aschermittwoch digital stattfindet, werden Anlass und Ergebnis des närrischen Treibens nicht lustiger. Mein Fasching in Ebensee – wo ich aufgewachsen bin – war immer sehr viel anregender als Funkenmariechen und Büttenreden, aber auch grausamer.

Erst einmal schauen: https://ooe.orf.at/stories/3090356/ ; https://www.unesco.at/kultur/immaterielles-kulturerbe/oesterreichisches-verzeichnis/detail/article/ebenseer-fetzenzug ; https://de.wikipedia.org/wiki/Fetzenfasching (alle 17.2.2021 – die Übertretungen des Lockdowns sind schon vermerkt. Es gibt auch Videos bei YouTube, mehr als genug)

Dann ergänzen: nur wenn man die Menschen unter ihren Fetzen wirklich erkennt, kann man sie verprügeln und sie für weit oder nahe zurückliegende Untaten, Ehebruch, Gemeinheiten, Rivalitäten bestrafen bzw. bestraft werden. Beim Umzug am Montag waren das Randerscheinungen. Das war eine Art von Be-Reinigung, auch.

Was war daran lustig? Was ist an einem Gottesdienst lustig? Was ist am Rosenmontagsumzug lustig? Die Lust am Ritual ist nicht unbedingt an Fröhlichkeit oder befriedigte Bedürfnisse geknüpft. Als Kinder war schon wichtig, den oder die einen oder anderen hinter ihren Masken und Verkleidungen zu erkennen. Aber wenn der Zug vorbeizog und man war nicht Teil desselben, dann schien es manchmal wie eine Prozession. Heute würde man sagen, wie eine Pestprozession. Man kann auch ethnologisch forschen, der Winter wird ausgetrieben – schwaches Motiv, die abgelegene  Salinenortschaft Ebensee, – schon stärker, weil der Fetzenzug wirklich einmalig ist wie die Basler Fasnacht, das kann man vergleichen.

Ja, und nun laufen heute am katholischen (auch evangelischen) Land noch die Kinder mit dem Aschenkreuz auf der Stirn herum? Eher selten. Die Geschichte des Tags zu Beginn der Fastenzeit der Westkirche ist mäßig spannend, die Geschichte des Fastens schon eher. Und der politische Aschermittwoch ist eine gute Idee gewesen. Mit und ohne Bier. https://de.wikipedia.org/wiki/Politischer_Aschermittwoch/ (17.2.2021)

Woher der Drang kommt, mit erlaubter Rüdität ein Ritual abzuspulen, das zwar wirkliche Konflikte und Gräben sichtbar macht, aber – auch wenn man lacht – keinen Ausweg aufzeigt, weiß ich nicht. Kritik kann schärfer als die heutigen Gemeinheiten sein, auch verletzen, aber nicht dieses entlang einer Gefühlsmauer Schrammen…

Kein Fleisch = nicht dauernd über Corona reden

Kein Fett = nicht dauernd über die Benachteiligung beim Impfen schimpfen

Kein Alkohol = sich über den bescheuerten Herrn Minister n + 1 nur aufregen, wenn er neue Untaten verübt, die alten kommen in den Ablassgraben = Beichtspiegel der Kanzlerin

Kein Zucker = 40 Tage nicht Tatort, Bergretter und Hafenkante schauen

Kein Nikotin = mit klarem Kopf Wölki und seine Brüder verfolgen

Selbstgeißelung = meinen Blog kritisch kommentieren

Bußübungen = das Parteiprogramm der eigenen Partei einmal lesen

Noch mehr Buße = auch das Parteiprogramm anderer Parteien den GenossInnen vorlesen

In der Osterwoche kommt der Gerichtsvollzieher und teilt einem mit, wieviel Bußgeld man für die Missachtung dieser Gebote und Verbote zahlen muss – und zwar an den nächstgelegenen Karnevalsverein. Meine Stunksitzung habe ich hinter mir, leider dieses Jahr kein Fasching im Weltkulturerbe Ebensee. Hinter meiner Maske erkennt ihr den Sauertopf nie, trotz Hund- und Hasenmaske.

Jüdischer Einspruch XX unfertiges Judentum überlebt

Seit Tagen arbeite ich an Texten von KZ Überlebenden. Versuche die Distanz des heute lesenden Lebenden von Erinnerungsindustrie zu begreifen. Vor allem Yishai Sarid hat mich schwer beschäftigt (Sarid 2019). Glücklich fiel mir beim Büchereinkauf mit meiner Enkelin ein anderes Buch in die Hände:

Delphine Horvilleur Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. (Horvilleur 2020). Sie ist eine junge, liberale Rabbinerin. Mit einer stupenden Kenntnis des Talmud und der Geschichte des Antisemitismus, bevor es Juden gab. Der bescheidene Titel verdeckt ein gutes Buch. Sie baut ein wenig  auf Sartre, Lacan, Derrida auf….ist aber sehr eigenständig, manchmal nahe an Bodenheimer. Im ersten Teil eine blendende Thora und Talmud Exegese,  die den AS bis auf Abraham, Isaak, dann vor allem Jakob vs. Esau begründet. Thesen hier und später: die Zweiten sind weiter als die Ersten (habe ich schon  früher gesagt, es tut gut, das zu lesen), weil sie nicht vollendet, immer im Werden sind, die Ersten beanspruchen Macht und vor allem Ganzheit. Schön entwickelt anhand von Ester, Haman versus Mordechai, das kann man auch genealogisch hinbiegen. Aber schon hier: AS ist übermäßig männlich, Jakob und die Juden mit hoher Weiblichkeit.  Juden gegen Römer, das Gleiche. Der Rabbi und der Kaiser (Antoninus Pius spielt da eine namentliche Rolle). Juden werden gehasst,  weil sie etwas haben, das ihre mächtigeren Gegner gerne hätten, und weil sie nicht haben, was diese Gegner aber integrieren müss(t)en um ganz zu werden. Sie geht auch das nachfolgende stereotype Gewirk des AS durch, wenig Politökonomie, viel Freud. Gut der Abschnitt über Weininger. Spannend und brisant die gegenwärtigen Varianten – das kann man fortsetzen, etwa den AS, der auch in black lives matter enthalten ist, und vor allem in identitären Ideologien.  Israelkritik ist dann und nur dann richtig  und legitim, wenn sie sich der Identitätsdebatte entzieht. Der wirft sie vor, sich dem aufgeklärten Anspruch der Person (fände ich besser als Individualität) zu verweigern, und dann zu einem falschen WIR zu kommen; man kann hier von  einer Opferkonkurrenz sprechen, in dem die Juden negativ, alle andern Opfer positiv konnotiert sind. Horvilleur lässt sich auch (zu) kurz mit der gegenwärtigen aus den USA herüberkommenden Bewegung der kulturellen Aneignung ein. ich stimme mit ihr überein, dass wir nicht die Shoah zum Brennpunkt und Maßstab alle jüdischen Geschichtemachen sollen, können.  Da steht uns noch ein gewaltiger Kampf um. Gerechtigkeit bevor. In ihrer Kritik am linken AS und an einem AS Feminismus kann ich ihr zustimmen, die Brücke allerdings von der schon hebräischen Weiblichkeit des später jüdischen Mannes als eines unfertigen, weil der Zukunft noch offenen Menschen, gegen die Ganzheitlichkeit, müsste noch viel weiter ausgebaut werden. Hinweise auf die Quellen bei Mo Urban, und der will ich neue Quellen in diesem Buch mitteilen. Schöner Satz „Das wahre Judentum ist in Israel nicht präsenter als in der Diaspora. Letztlich ist es nur dort wahr, wo es nicht alles über sich selbst gesagt zu haben glaubt“ (128). Darum schreiben wir weiter.

Gerade in den letzten Tagen habe ich viel Frankl (Frankl 2008), Sarid (Sarid 2019), dann Primo Levi und Fred Wander gelesen (Wander 1985, Levi 1986) gelesen. „Der Jude“ im KZ. Immer mehr wird mir gerade an der Leidensgeschichte auch klar, dass Kertesz recht hat: ich – ein anderer . Dann kann ich über das Überleben berichten. Dieses Überleben, die Hartnäckigkeit der Nichtintegration hat diese Position der Juden von Anfang an geprägt, seit Amalek, und wenn Max Czollek (Czollek 2018) mit seiner Desintegration das meint, kann ich mich eher mit dem Aufruf versöhnen.   

Czollek, M. (2018). Desintegriert euch! München, Hanser.

Frankl, V. (2008). Man’s Search for Meaning. London, Rider.

Horvilleur, D. (2020). Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Berlin, Hanser.

Levi, P. (1986). Die Untergegangenen und die Geretteten. München, Hanser.

Sarid, Y. (2019). Monster. Zürich, Kein&Aber.

Wander, F. (1985). Der siebente Brunnen. Darmstadt, Luchterhand.

Fortsetzung der Spaltung

Eigentlich wollte ich über etwas schönes, erfreuliches schreiben: den Schnee vor meinem Fenster. Aber:

Österreich…egal, gilt auch hier und überall.

Tanners Stabschef will Äußerungen von Soldaten reglementieren

Das Verteidigungsministerium will Meinungsäußerungen von Soldaten und Soldatinnen in der Öffentlichkeit reglementieren. Der Stabschef von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP), Generalmajor Rudolf Striedinger, hat einen Erlass formuliert, mit dem „unerbetene öffentliche Meinungsäußerungen von Ressortangehörigen“ untersagt werden sollen. Das mit 19. Jänner datierte Papier liegt der APA vor.

Im Ministerium bestätigt man den Vorstoß und argumentiert mit unangebrachten Auftritten von Bundesheer-Angehörigen im Internet. So trat etwa ein Brigadekommandant in einem Interview auf Facebook in einem T-Shirt mit einem Neonazi-Spruch auf und wetterte dort gegen „die da oben“. In einem anderen Fall verbreitete eine Soldatin online CoV-Verschwörungstheorien. (Orf online 7.2.2021)

Protest kommt von Liberalen und anderen, die Zensur schreien und sie fürchten.

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Gerade nimmt die Diskussion zu, was auf der Bühne, im öffentlichen Raum, vor allem in der Kunst gesagt werden darf, und von wem. das geht über die fatale Doppelgesichtigkeit politischer Korrektheit weit hinaus. Black lives matter spielt  da hinein, die tatsächliche und die gefühlte Unterbesetzung von Positionen mit Frauen, mit LGBTY, mit Behinderten. Tritt man dem Thema zu naiv entgegen, erntet man Unverständnis oder unmittelbare Ablehnung. Dem universalistischen Weltbild tritt eine Differenzierung entegen, die selbst dort noch differenziert, wo als Resteinheit eine mehrschichtige Persönlichkeit übrigbleibt, deren einer Teil emanzipiert ist, während der andere noch kolonisiert oder rassistisch sich äußert.

Der umstrittene Philosoph Markus Gabriel[1] hatte heute mein Ohr, als er u.a. meinte, dass es durchaus möglich sei, dass ein Mensch, ohne etwas zu wissen (dass es nämlich keine Rassen gibt) sich rassistisch äußere und zugleich unentschuldbar auch Meinungen vertrete, die dem eigenen Universalismus widersprächen. (Er meinte Kant).

Die alte Diskussion: darf ein Weißer den Othello spielen, darf ein Schwarzer den Jago spielen? Darf man Shylock überhaupt unverändert zitieren? DARF MAN…so fangen schon falsche Fragen an. Eine der wichtigsten Unterscheidungen wird schon vor der Klammer unterschlagen: gelten für die Kunst die gleichen Regeln wie für die Politik? Und die nächste Frage: darf man äußern, was einen andern Menschen oder eine Gruppe kränken kann?

Kann, nicht gewiss kränkt.

Die einfachste Antwort ist: wenn der Einzelfall Anlass zum Generalverdacht gibt, dann muss es Gesetze oder wenigstens Rechtsverordnungen geben, aber der Generalverdacht muss belegt werden. Ob es um Rechtsradikale beim Militär geht oder um eine rassistische Tendenz bei bestimmten Kunstschaffenden geht, der Verdacht reicht nie und die Evidenz muss sich mitteilen lassen und nicht im Zirkelschluss bei denen bleiben, die die Konsequenzen für alle ziehen – meinen, ziehen zu dürfen: die Exekutive, Gerichte, die Medien.

Die komplizierte Antwort hat zwei Ebenen: den Kontext und die Rezeption. Dazu kommt das Prinzip des Umkehrverbots.

Kontext :

Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen scheinbar gleichen Aussagen in Politik und Kunst. Politik will und soll etwas bewirken und ist auf verschiedene Konsense, z.B. einen demokratischen und rechtsstaatlichen,  auch ein schützenden angewiesen. Kunst will und muss dort agieren, wo die Politik nicht agieren kann, man könnte von einem vorausgesetzten Dissens oder einer Provokation sprechen, die entweder von der Politik eingeholt wird oder aber ihr entgegensteht. Das sollte sich auf die Meinungsbildung der Menschen auswirken, man kann es auch Freiheit nennen. Damit das nicht abstrakt klingt: spielt das einmal an der Diskussion um Privilegien für Geimpfte durch oder an der Meinungsfreiheit für Verschwörungstheoretiker.

Wer was in welchem Kontext wie rezipiert, ist nicht unwichtig. Am Beispiel der Satire, die m. E. alles darf, habe ich das mehrfach beschrieben. Aber nicht nur Satire. Beide, Politik und Kunst, müssen aufklären, d.h. über den Normalpegel des Verstandenen und Selbstverständlichen hinausgehen. Beim politischen Handeln gelten u.a. Mehrheiten und Loyalität zu den Gesetzen. Bei Kunst jedenfalls niemals existierende Mehrheiten, vielleicht angestrebte. Damit das nicht abstrakt klingt: spielt das einmal an Shylock durch oder am Verbot zeitgenössischer Literatur an einigen amerikanischen Schulen.

Umkehrverbot:

Es hat nachweislich auch unter Nazis,  selbst SS-Leuten, einzelne gegeben, die menschlich gehandelt haben; auch unter Stalins Schergen, in jeder Diktatur. Deshalb kann man noch lange nicht die Nazis, Stalinisten in ihrem Verbrechen abmildern oder dies als Argument gegen Kollektivschuld verwenden.

Zurück an den Anfang: in den österreichischenund deutschen Sicherheitsbehörden gibt es faschistische Netzwerke und damit kein Generalverdacht entsteht, muss man die Netzwerke zerschlagen, mit legitimer Gewalt,  die vom Staat und „Volk“ ausgeht. Gegen solche Gegenmaßnahmen zu protestieren heißt, die konkrete Minderheit der Nazis u.ä. im Militär zu schützen, unter Zitieren der vornehmsten Verfassungsartikel, etwa der Meinungsfreiheit. Das ist eine illegitime Umkehrung.

Coda:

Privileging the marginalized heißt eine Politik,  die Minderheiten Vorteile in der Normalgesellschaft erlaubt, damit sie auf die Nachteile ihres Minderheitsstatus aufmerksam machen können. Sie werden sozusagen veröffentlicht und dadurch geschützt.  Will man den Brigadier und die Verschwörer in Österreich schützen? Umkehrung der Freiheiten gilt nicht.  sowenig wie die Verallgemeinerung des österreichischen Erlasses hingenommen werden kann, so wenig gilt die Verteidigung des anlassgebenden Einzelfalls.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Gabriel 20210207

Demokratur?

Ein Personalrat verhindert die Entfernung eines Coronaleugners und Verschwörers.

„Ein Lehrer an einem Berliner Oberstufenzentrum sprach von Masken als „neuen Hakenkreuzen“ und schwadronierte von „Gesundheitsdiktatur“. Die Senatsverwaltung hat nun versucht, ihn aus dem Schuldienst zu entfernen – und scheiterte laut „RBB“ am Personalrat der berufsbildenden Schulen. Stattdessen werde der Mann – es soll sich um einen Informatiklehrer handeln – abgemahnt und dürfe vorerst nicht mehr unterrichten, sondern solle technische Funktionen übernehmen. Wobei IT-Leute, die die Existenz von Viren leugnen, auch nicht ungefährlich sind“. (Tagesspiegel 5.2.2021)   Mir geht es nicht um Übeltäter, sondern um den Personalrat. Dass sich die Personalvertretung häufig und belegbar vor die unmöglichsten Bediensteten stellt, ist ein Randprodukt der Demokratisierung von Betrieben und Unternehmen, privat und öffentlich. Sozusagen die einkalkulierte Fehlerquote einer „an sic“ richtigen  Mitbestimmung und ihrer Institutionalisierung. Das An sich ist die eingebaute Schwäche der Demokratie, man kann auch sagen, ihre Stärke, denn trotz der Randmisere bleibt sie die
Sinnvollste gesellschaftliche Organisation. Alter Hut, was?

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Kann man das auf die große, gar Außenpolitik, übertragen? Muss man in Kauf nehmen, dass Demokratien sich gemäßigt, „diplomatisch“ mit Ländern vereinbaren, die eigentlich gegen den Strich unserer jetzigen und zukünftigen Politik und Erwartungen agieren. Alter Hut, erneut?

Mir geht es nicht um die Übeltäter, sondern um die als Diplomatie getarnte Interessenvertretung von Nichtdemokraten. Die täglichen Beispiele sind ja einsehbar: Nordstream 2, Autofabriken im Ujgurengebiet in China, Stillschweigen zu Ungarn usw.

Die beiden Probleme, der Personalrat und die Diplomatie, haben eines gemeinsam: es muss einen Zusatz zur Demokratie geben, sonst taugt sie nichts, auch nicht zur Legitimation einer schlechten Entscheidung.

Die Personalvertretung geht davon aus, dass sie für die Rechte und die gute Behandlung der ArbeitnehmerInnen ein Mandat hat, und die Machtverhältnisse etwas ausgleicht. Nicht sie strukturell ändert.

Hier liegt die Analogie zur globalen Außenpolitik, nicht bei den Inhalten. Solche Ausgleiche funktionieren nur dann, wenn die Macht selbst nicht unbegrenzt und unerreichbar ist, was aber nichts an ihrer Qualität ändert. Und das geht nur innerhalb demokratischer Strukturen, nicht zwischen Demokratien und Diktaturen. Darum ist es Unsinn, wenn Herr Platzek, SPD, im Zusammenhang mit Nordstream2 von  „Augenhöhe“ mit Russland spricht, die kann es zwischen Demokratien und Diktaturen nicht geben. Auch nicht zwischen demokratischen und totalitären NATO Partnern.

Warum dann die Analogie zum Schulpersonalrat einer Berufsbildungsanstalt in Berlin? Die Ablehnung der Kündigung erzeugt eine scheinbare Augenhöhe mit dem Verschwörungslehrer. Dieser Schein verwechselt juristische Gleichheit mit praktischer Gleichberechtigung.

In Erwartung etlicher Einsprüche. Der Vergleich der beiden Sphären ist, zugegeben, sehr weit hergeholt. Aber er verweist auf ein Prinzip: Demokratien sind anfällig auf die Hereinnahme von unzuträglichen Akteuren, beinahe um jeden Preis. Das kommt von ihrer strukturellen und prinzipiellen Unfertigkeit. Die autoritären Demokratiegegner, dieser Lehrers also, kümmern sich darum nicht, sie sind bereits fertig mit der Demokratie und können mit einem Freispruch rechnen, oder einer folgenarmen Abmahnung in diesem Fall. So geht’s den Russen und Chinesen auch.

Soll man nun Gewalt anwenden, gegen den Lehrer, gegen die Nawalny-Attentäter und Undemokraten? Das lässt sich nicht so beantworten, da muss man erst abklären, wie weit die Macht in der Demokratie reicht, die Macht der Demokratiebaustelle reicht. Dazu geschieht noch zu wenig.

Österreich ist schrecklich

Natürlich nicht nur Österreich. Aber als Wiener möchte man doch manchmal dorthin zeigen, wo alles besser geht als in Deutschland…da gibt es ja soviel. und immer wird einem die Heimatsuppe versalzen.

Österreichs Innenminister Nehammer, in vieler Hinsicht ein Pendant zu Seehofer, hat beim Terroranschlag vor ein paar Wochen in Wien versagt. Um das zu verdecken, verfolgt er jetzt Unschuldige. Und er schiebt Kinder gewaltsam ab. https://orf.at/stories/3199353/;

die Reaktion der Kirchen: https://religion.orf.at/stories/3204363/

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Das passt ganz gut zu der Gratwanderung, die Österreich zwischen aufgeklärter Alpenrepublik und nachwirkendem Austrofaschismus einigermaßen virtuos begeht. Einen tadellosen demokratischen Bundespräsidenten wie Alexander van der Bellen muss man lange suchen, er mischtsich  auch sofort und unmissverständlich in die verbrecherische Abschiebepolitik des Innenministers ein. Aber leider muss man auch einen juvenilen Akrobaten wie Kanzler Kurz lange suchen. Österreich macht vor, was vielleicht die Zukunft aller europäischer Staaten sein kann: ressortierte Demokratie.

Das ist eine wissenschaftliche Variante des früheren Pöbelspruchs „…es war nicht alles schlecht unter…Hitler, Stalin, Honecker, …bis hin zu Kohl, Schmidt, und dem jeweiligen Oberbürgermeister…“. Dass der Pöbel nicht differenziert, macht den Spruch so gerichtsfest.

Polen, Ungarn, gehen in der EU diesen Weg voran. Da ist nicht alles schlecht, auch der Wetterbericht stimmt in regierungsnahen Zeitungen und wirkungslose Demonstrationen sind allemal möglich. Das kann auch kippen, gewiss, aber dann wird es blutig-ernst. Sagt einer: davon ist Österreich doch meilenweit entfernt. Sagte man 1934 auch, in Deutschland 1933 schon nicht mehr, in Ungarn und Polen nach 1989 allemal, in ex-Jugoslawien nach Milosevic allemal, beim frühen Erdögan allemal…

In Österreich und in Deutschland sitzen die Nazis stark repräsentiert in den Parlamenten. Demokratisch gewählt. Das reicht für die republikanische Demokratie noch lange nicht. Es destabilisiert, wie die vielen rechtsradikalen Sicherheitskräfte wie viele Gerichtsurteile, wie viele Details der Flüchtlingspolitik beweisen.  Kinder abschieben (darunter ein 12 jähriges Mädchen, das in Österreich geboren ist). Nehammer kann man nicht abschieben lassen, weil so einen niemand nimmt, und wir sind ja gegen unmenschliche Behandlung, obwohl sie ihm vielleicht nicht weh tut…soll mans versuchen? Ach, ein Gericht hätte die Abschiebung erlaubt? Furchtbare Juristen gibt es in jeder Gesellschaft.

Ressortierte Demokratie heißt, dass innerhalb eines Regierungssystems, also vor allem in der Exekutive, aber auch entlang von Parteifronten, bestimmte Ressorts ihre relative Autonomie und ein bestimmtes Profil erhalten (dürfen). Entscheidend ist die imperative Macht der Mehrheitspartei, in Österreich der ÖVP, aber die Grünen haben noch hinreichend Spielraum, dass sie die Koalition nicht verlassen – weil jede andere Konstellation schlechter wäre. Das ist riskant bis va banque.

Im Prinzip kommt das in jeder Demokratie vor, aber in relativ engen Grenzen. Das Rückholen, wenn die Grenzdämme gebrochen sind, ist schwierig. Und erst recht in Österreich, das die frühere faschistische Erfahrung mit der nachfolgenden erschlagen hat, und danach wieder mit der ersten ein Bündnis eingegangen ist…und immer war die wirklich demokratische Opposition ziemlich stark, nur selten war demokratische Mehrheit in der Mehrheit. Darum freut mich der Bundespräsident, und dass es noch nicht aussichtslos ist.

Trotzdem müssen die Flüchtlinge in Österreich bleiben und vor allem vom Balkan in die Sicherheit geholt werden.

Vielleicht kann man den österreichischen Innenminister mit Seehofer auf Auslandseinsatz schicken, die beiden sind ja gegen menschliche Leiden immun.

jüdischer Einspruch XIX. Bitte keine Ultras

Um das zu verstehen, muss man ein wenig genauer lesen. Es geht hier nicht um den ewigen Disput zwischen mehr oder weniger Frommen, es geht schon mehr um den Konflikt zwischen Glauben und Religion und um die Verhaltensweisen, die politisch gemeint sind und sich hinter der Religion verstecken. Das gibt’s bei Christen, Muslimen und eigentlich in allen Religionen und ideologisch gestützten Parteien. Die jüdischen Ultras sind wie alle Ultras dieser Welt, nur gefährden sie gleich den ganzen jüdischen Staat und die israelische Identität.

Update am 1.2.2021.

Trauer im Lockdown: Obwohl in Israel so schnell geimpft wird wie nirgendwo sonst und ein strenger Lockdown galt, sind die Corona-Infektionszahlen hoch. Warum? Dieses Bild gibt eine Erklärung. Tausende ultraorthodoxe Juden erweisen einem Rabbiner die letzte Ehre. In der Koalition gibt es Streit darüber, ob die Polizei konsequent genug gegen Verstöße der Strengreligiösen vorgeht. (Süddeutscxhe Zeitung 1.2.2021)

„Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 27. Januar 2021

Israel An der Bruchlinie

Die Ultraorthodoxen genießen eine De-facto-Autonomie. Viele von ihnen halten sich nicht an Corona-Maßnahmen. Das empört säkulare Bürger. Für den jüdischen Staat kann der Konflikt bedrohlich werden.

Von Peter Münch

Korrespondent in Israel

Nach dem Abitur in Düsseldorf, einem Geschichtsstudium in Bonn und einer Promotion in München kam Peter Münch 1990 als Redakteur zur Süddeutschen Zeitung. Von den Landkreisausgaben führte sein Weg über die Nachrichtenredaktion in die Außenpolitik. Als Reporter war er für die SZ vor allem auf dem Balkan, in Afghanistan, Pakistan und im Irak im Einsatz. Vier Jahre leitete er das Ressort Seite Drei, bevor er als Nahost-Korrespondent nach Tel Aviv wechselte und von dort nach Wien, um über Österreich, Ungarn und den Balkan zu berichten. Er kehrte im Juli 2020 als Korrespondent nach Israel zurück.

Per Gesetz ist Jerusalem anno 198o zur ungeteilten Hauptstadt Israels erklärt worden. Vollzogen wurde damit die Annexion des arabischen Ostteils der Stadt. Doch wer in diesen Tagen durch Jerusalem streift, der findet eine zweigeteilte Stadt vor. Die Trennung jedoch verläuft nicht zwischen dem arabischen Osten und dem jüdischen Westen, sondern zwischen den Vierteln der ultraorthodoxen Juden und dem Rest Jerusalems. Die Corona-Pandemie hat hier eine Bruchlinie in grelles Licht getaucht, die für den jüdischen Staat und seine Identität genauso bedrohlich werden kann wie der althergebrachte israelisch-arabische Konflikt.

In dem einen Teil Jerusalems rund um die zentrale Jaffa-Straße sieht man verriegelte Läden und Passanten, die Masken tragen. Die Schulen sind hier seit Langem schon geschlossen. In dem anderen Teil Jerusalems wie im streng religiösen Mea Schearim dagegen herrscht ein Treiben, als ob es keinen Lockdown und kein Coronavirus gäbe: Fast alle Geschäfte sind geöffnet, kaum einer trägt Maske, und in vielen Jeschiwot, den Religionsschulen, wird scheinbar sorglos unterrichtet.

…Schließlich entfallen auf den religiösen Sektor, der zwölf Prozent der Bevölkerung ausmacht, aktuell rund 40 Prozent aller Corona-Infektionen. Vor allem aber sind sie gesellschaftspolitischer Sprengstoff: Denn sie werden vom säkularen Teil der Israelis als Provokation und als Warnzeichen dafür wahrgenommen, wohin die De-facto-Autonomie der Ultraorthodoxen führen kann.

Sie genießen viele Privilegien

… wie die Befreiung vom Militärdienst. Die Ignoranz gegenüber der Pandemie allerdings zählt nicht zu diesen Privilegien – und ist trotzdem über Monate hinweg weithin geduldet worden vom Staat. Nur 2,3 Prozent aller Strafzettel, die landesweit wegen Regelverstößen im jüngsten Lockdown verteilt wurden, betrafen die ultraorthodoxen Wohnviertel. Offenbar fällt es der Regierung leichter, den Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen für den gesamten Luftverkehr zu schließen als eine Schule in Mea Schearim.

Der Eindruck also, dass ein Teil der Gesellschaft über dem Gesetz steht, wird von der Politik befördert – und verantwortlich dafür ist in erster Linie Premierminister Benjamin Netanjahu. … Netanjahus Macht hängt von der Unterstützung zweier ultraorthodoxer Parteien in der Koalition ab, und das hat jenseits der nun gefeierten Impferfolge nicht nur dunkle Schatten auf die Corona-Bekämpfung in Israel geworfen, sondern auch die Gräben in der Gesellschaft vertieft.

Es herrscht Wahlkampf in Israel, und Netanjahu ..“. siehe oben.

Ich habe das so umfangreich abgedruckt, weil man sonst nicht versteht, welche Auswirkungen eine kleine, zeugungsfreudige Minderheit macht, die noch dazu von Zuwendungen lebt, die mit der israelischen Volkswirtschaft nichts zu tun haben. Die Ultras sind rechts, staatsfeindlich, wollen sich nur verteidigen lassen und helfen jeder noch so reaktionären Regierung in den Sattel, um weiter zu profitieren. Viele konservative oder rituell-orthodoxe jüdische Gläubige sehen das genauso – und der Vergleich mit den rechtsextremen politischen Gruppen in Europa ist oft angebracht, aber natürlich, zumal in der deutschen Öffentlichkeit gefährlich. Na gut, ich darf so etwas sagen.

Die orthodoxen jüdischen Religionsmitglieder bei uns, in Deutschland, weltweit, sind so strenggläubig wie in allen Glaubensgemeinschaften mit ihren Flügeln, von liberal über konservativ bis eben: orthodox. Die letzteren haben mit den Ultras bisweilen die etwas anachronistische Kleidung und einige rituelle Elemente gemein, aber sonst nichts, schlimmstenfalls fast nichts. (übrigens gibt es auch säkulare jüdische Menschen…). Umgekehrt sind die verschiedenen Sektionen der jüdischen Gemeinschaften bei uns zwar durch Rituale, aber selten durch dogmatische Mauern getrennt. (da gibt es einige Anachronismen, wenn Frauen nicht an die Thora dürfen z.B., auch nicht gut, aber nicht fundamental). Fundamental ist, dass die Ultras ein politisches Anliegen religiös ummänteln und als Lebensführung einen Habitus gewählt haben, der sie durch ideologische Absurdität auserwählt erscheinen lässt – zum Schaden der Kinder, der Frauen, der Gesellschaft. Sie erpressen das demokratische System. Damit  kann ich es bewenden lassen bis auf einen Punkt: die Ultras sind eben nicht privilegiert, die Grundrechte selbst in Anspruch zu nehmen und allen anderen jüdischen Richtungen abzusprechen. Diese Toleranz darf man  uns nicht abverlangen, weil wir gegenüber politischen Sekten immer auf dem Vorrang der Menschenwürde vor einer beliebigen Gotteskonstruktion bestehen müssen. 

ZwischenKitsch und Pathos die Befreiung

Am 23.1. ist Arik Brauer gestorben.

„Seine letzten Worte waren laut seiner Familie: „Ich war so glücklich mit meiner Frau, mit meiner Familie, mit meiner Kunst und meinem Wienerwald. Aber es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht.“

Brauer wurde am 4. Jänner 1929 in Wien als Erich Brauer in eine russisch-jüdische Handwerkerfamilie geboren. Der Nationalsozialismus beendete seine Kindheit im Wien der 30er Jahre, über die er in seinem auch vom Fernsehen ausgestrahlten Soloprogramm „A Gaude war’s in Ottakring“ berichtet hat. Brauers Vater starb in einem Konzentrationslager, er selbst überlebte in einem Versteck.“ (https://orf.at/stories/3198782/)

Aber es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht. Was für ein Satz. Die Wahrheit ist einfach und schlägt das ganze Jenseitsgerede in den Wind. Vieles von dieser Wahrheit war auch in den vielen Erscheinungen, die Arik Brauer produziert hatte: Bilder im phantastischen Realismus, Lieder, Bücher, Judaica – und immer war er wichtig,  vor allem in den 60er und 70er Jahren, wo wir aufnahmefähig waren für diese Art von universeller, nicht eindimensionaler Kunst.

Wer die Lieder ausführlich und genau anhört, der wird einen Sinn von Wahrheit in der Ironie und im Komischen auch des traurigsten Zusammenhangs entdecken.

Wir hab’n in der Schul‘ ein‘ g’habt, den hab’n wir terrorisiert!
Der hat rote Haar‘ g’habt und Brill’n mit dicke, dicke Augenglas’ln
Und ich war der Allerärgste von allen. Und heut‘ tut mir das ja so leid…

Rostiger, die Feuerwehr kommt,
Schieb die Haar‘ in‘ Arsch.

https://www.songtexte.com/songtext/arik-brauer/rostiger-die-feuerwehr-kommt-5bc26b80.html

Oder hört sie euch selbst an, ein Lied so gut wie das andere. https://www.songtexte.com/artist/arik-brauer-3bd60898.html:besser auf wienerisch, aber auch in deutscher Übersetzung.

Und Bilder seht ihr in Fülle[1] . Viele sagten damals, so ein Kitsch, zu den Bildern und zu den Liedern. Schon früh habe ich begonnen, den schmalen Grat zwischen Kitsch und dem Pathos der großen Kunst als einen Weg des Widerstands gegen den auferlegten Geschmack zu betrachten. Dass Brauer nicht mehr lebt, macht nachdenklich und traurig.  Zugleich eine Brücke zur Politik heute.

Die Gratwanderung ist dauernd aktuell, man kann sich nicht in ein geschmackliches Wochenende flüchten, um dann wieder sicher durch die ästhetische und politische Woche zu wandern. Wahrheit hat keinen Kalender. Das konnte man vor einer Woche erleben, beim Amtsantritt von Joe Biden.Für einen Augenblick war die Ära Trump vergessen, der Sturm der Verschwörer aufs Kapitol. Schön, nicht wahr?

Da hat auch eine sehr junge Lyrikerin ein Gedicht vorgetragen.

Amanda Gorman „The Hill We Climb“: Das Gedicht im Wortlaut https://www.sueddeutsche.de/kultur/joe-biden-gedicht-amanda-gorman-the-hill-we-climb-1.5181310

Dazu schreibt die Süddeutsche zu Recht, dass so etwas bei uns nicht möglich wäre, nicht nur, weil es als zu kitschig angesehen würde.

„Sprich, Zukunft

In Deutschland hätte Amanda Gorman mit ihrem Gedicht an keiner Schreibschule eine Chance. Im amerikanischen Kontext aber ist es alles andere als trivial. Über die Kraft von Lyrik.“

Von Felix Stephan (https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-01-25/page_2.450465/article_1.5184505/article.html).

Ich drucke absichtlich weder Gedicht noch Artikel. Als ich das Ganze im Fernsehen verfolgte, einschließlich Lady Gaga und Jenifer Lopez, war mir klar, dass die Gratwanderung längst nicht mehr eine Frage des Geschmacks ist (Fortsetzung meines Blogs: wer von uns Biden hat recht?

Arik Brauer war ein junger Überlebender, Jahrgang 1930. Wie wird man nach 1945 „Universalkünstler“, wie man ihn in den Nachrichten nennt? Man kann das studieren, nachvollziehen, aber nicht nach-erleben, natürlich nicht. Aber dann schaut man sich die Bilder an, liest die Songtexte, liest die Bücher, und es gibt die Möglichkeit, viel von dem sich vorzustellen, als erlebte man Teile davon selbst. (das geht uns bei wenigen Künstlern so, aber entscheidend ist, dass man nicht in den Irrweg der „schuldigen Überlebenden“ abdriftet, wenn man sich fragt, woher die ihre Zukunft und Ironie haben).

Was man bei Biden auch erlebt hat, ist nicht das Überleben eines tödlichen Regimes, sondern das Überstehen einer entwürdigenden Zeit, die viele zivilisatorische und kulturelle Errungenschaften vier lange Jahre in Fragegestellt hat. Diese Entwürdigung ist eine Gefahr, die in allen Demokratien und immer besteht, und bisweilen besser, oft schlecht, bekämpft wird. Auch die USA haben Reagan, Bush jr. Als jüngere Vorbereitung auf den Unsäglichen hinter sich gebracht, mit Obama als Wegweiser aus der Krise – da kann man jetzt politische Geschichte und Kulturkritik  anschließen. Mir geht es aber darum aufzuzeigen, wie das Überstehen, das Überstanden-Haben sich ausdrückt, in der Feier der Befreiung. (die kann auch fürAußenstehende kitschig daherkommen, Befreiung ist ja immer nur der Erste Schritt, und Freiheit ist keine Frage des Geschmacks…

Warum dann Arik Brauer damit verbinden? Warum nicht zwei Blogs, einen für ihn und einen zu den Amerikanern? Erstens, weil bei mir beides zusammengekommen ist, mich sein Tod und sein letzter Satz nicht nur beschäftigen, sondern meinen Widerstand, meine Lebensfreude stärken. Zweitens, weil der Auftritt von Lady Gaga, Jenifer Lopez und Amanda Gorman deutlich gemacht haben, dass es nicht auf den Geschmack der Beobachter von oben ankommt, wenn ein Schritt ins Freie gemacht wird… Die Freiheit wird noch schwer genug. 

In seinen Bildern und Liedern übt der überlebende Brauer das Überstehen, die Umkehr ein, die in die Zukunft zeigt – und in die Dimensionen, die nicht schon der Normalität unterworfen sind. Mit ihrem Gedicht übt Amanda Gorman den Widerstand gegen eine Stimmung im Volk ein, von der Trump und sein Pöbel behaupten, sie sei normal.

Jedediah Purdy, junger Rechtsprofessor in New york, beschreibt aus dem gleichen Anlass, warum die hochgepriesene Verfassung der USA heute auch nicht mehr die Freiheit verspricht, die sie damals geschaffen hat: „We the People“ (SZ 21.1.2021, 57f.). Damals waren Sklaven noch keine Menschen, darum konnte man Gleichheit fordern.

Singt „sein Köpferl im Sand“, auch erhältlich in deutscher Übersetzung. https://www.songtexte.com/songtext/arik-brauer/sein-kopferl-im-sand-5bc26b8c.html


[1] https://www.google.com/search?q=arik+brauer+bilder&client=firefox-b-d&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=rmWtS0eAe0k-5M%252CfSZ08u0kDtDrIM%252C_&vet=1&usg=AI4_-kQ9Wv0r87UnM0hvVMak8w5H0dzUww&sa=X&ved=2ahUKEwiKtpOimLruAhVJwKQKHQOjA1kQ9QF6BAgREAE&biw=1280&bih=606#imgrc=rmWtS0eAe0k-5M

wer von uns Biden hat recht?

Freude, Erleichterung, gar Hoffnung – wie anders wurde vorgestern die Vereidigung von Joe Biden wahrgenommen als vor vier Jahren. Ich sags gleich: mir haben diese zwei Stunden auch gefallen, ich war nicht enthusiastisch und ich kanns nicht lassen. Die Predigt des Kardinals Biden war herzwärmend eher als politisch dynamisch, sie hat kein wichtiges Thema ausgelassen, sie war ohne Zweifel eine im Ton angemessene Antwort an den Unsäglichen, den man gerade ins Abseits hat fliegen sehen. Warum sie mich verfolgt, die Predigt?

Ich sehe zwei Probleme in dieser sanften Vorschau. MAINSTREAM: Zum einen wird das Gute, das Richtige immer leicht enttäuscht, weil jede einzelne Abweichung vom Programm das Ganze und seine Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Das wird sich in Deutschland bald zeigen, an Nordstream, am 2%-Ziel der NATO usw. und  an den unterschiedlichen Interessen an der Chinapolitik. Umgekehrt, kann das verabscheuungswürdige Böse und Schlechte nicht durch eine einzige gute, erfreuliche Aktion nicht umgekehrt werden. GEFAHR: zum andern kommt mit jeder Enttäuschung die Erwartung wieder, dass schon nach zwei Jahren, bei den Wahlen, die parlamentarischen Mehrheiten kippen und den Präsidenten lähmen.

Musst du denn dauernd mäkeln, fragen mich meine imaginären Gesprächspartner. Und ich muss mich rechtfertigen. Über zwanzig Jahre hatte ich, als Hochschullehrer, Grüner, Konfliktforscher…immer die USA gegen die anmaßende Kulturkritik an der amerikanischen Zivilisation verteidigt. Das änderte sich allmählich, der Bruch im Westen hatte mit dieser eher altmodischen Spaltung wenig zu tun, umso mehr mit der Genügsamkeit, sich gleichweit zu so unterschiedlichen Mächten aufzuführen, als könnte man drunter wegtauchen. Gegenüber den Diktaturen von Gewicht, Russland, China – und oft auch gegenüber Türkei, Brasilien, Indien, werden die Menschenrechte dauernd durch wirtschaftliche Interessen überbaut, gegenüber den USA und oft innerhalb der EU ist es geradezu umgekehrt. Ich rede nicht von unseren intellektuellen, kritischen Zirkeln, die eine solche einfache Darstellung gar nicht auf- und ankommen lässt. Ich behaupte, dass diese altmodische und durchaus nach rechts schwankende Ablehnung der amerikanischen Gesellschaft noch längst nicht erledigt ist, und dass das Aufbrechen dieser Irrwelt in der Studentenbewegung zu kurz und unvollständig war. Man kann auch sagen, dass man hier von den USA nicht mehr weiß als die Menschen dort von uns wissen. Und dass das nicht ein Gleichgewicht von Wissen und Durchblick ist, und zwei unvereinbar unterschiedliche Gesellschaften kann man nicht durch ein einigendes Band übergeordneter, abstrakter Begriffe dauernd versöhnen. Zum Beispiel, weil wir der WESTEN sind. Was immer wir sind, der Westen ist und war nie eine Einheit. Trotzdem verbindet uns ETWAS, das darin auch eingeschlossen ist, aber das wird ja gar zu selten herausgearbeitet.

Europa hat gerade wieder begonnen, sich seiner kolonialistischen und imperialistischen Vergangenheit stärker zuzuwenden, das ist gut so. wie sehr analoge Bewegungen in den USA immer wieder hochkommen, kann für uns lehrreich sein, nicht nur bei Black lives matter, sondern auch bei den Analogien unseres Rassismus und unserer Geschichtsverzerrungen.

SCHLUSS MIT DER VORLESUNG. Man kann das ganz gut für die USA bei Jill Lepore[1] nachlesen, und für uns bei Slavoj Zizek, und umfassender für beide auch bei Hannah Arendt. Auf die komme ich nicht zufällig: der beste Abschnitt von Bidens Rede gilt der Wahrheit und der Lüge. Diese Lüge war und ist keineswegs nur Trump, den muss man nicht nennen. Lüge setzt sich durch, sagt Arendt[2], aber dazu braucht sie Gewalt und führt zu Gewalt. Und in vielfachem Umgang mit nachtotalitären Regimen birgt der Kompromiss mit der unbedingten Forderung nach Durchsetzung der Wahrheit den Keim neuer Lügen und Gewalt. Die Herrschaft beseitigt ihr Image-Problem…

„Image-Produktion aber beruhe auf dem Prinzip der Lüge; das Image gebe nicht die Wirklichkeit wieder, sondern verbreite Wunschbilder. Dies sei  letztlich demokratiegefährdend, weil es die Bürgerinnen und Bürger ihrer Fähigkeit beraube, über die politische Lage selbst zu urteilen. Letztlich seien die politischen Strategen in den Büros des Weißen Hauses zu Feinden der amerikanischen Demokratie geworden, denen die Täuschung der Öffentlichkeit mehr am Herzen liege als deren Information. Sie seien lebendiger Beweis für das Eindringen der Kriminalität in den politischen Raum…Der einzige Unterschied zu totalitären Regimen bestehe darin. Dass die amerikanische Regierung die öffentliche Meinung täusche, statt die Bürgerinnen und Bürger direkt zu terrorisieren.“ (Antonia Grunenberg: Verlust des Anfangs, was Hannah Arendt in den Vereinigten Staaten sah, in. (Blume, Boll et al. 2020), 130f.) Stimmt damals wie heute.

Da hat Biden natürlich einen Punkt, und seine junge Dichterin Amanda Gorman https://www.youtube.com/watch?v=Jp9pyMqnBzk auch.

Aber warum ich etwas weniger enthusiastisch bin, ist ein Paradox: bei UNS wäre eine Feier mit Jenifer Lopez, Lady Gaga unwahrscheinlich, und wenn die Stelle mit der Lüge in des neuen Kanzlers Rede kommt, würden wir an die Waffenlieferungen denken und die ertrunkenen Flüchtlinge und die Kotaus vor unseren wirtschaftsfreundlichen Diktaturen? Aber die amerikanische Feier finden wir kitschig, weil die auch nicht anders ticken als wir, nur haben sie mehr Macht.

Und manche bei uns haben sich mit Trump ganz komfortabel gefühlt, denn auf den DEN durfte man schimpfen und ihn verachten, ohne dass ein Finger auf uns selbst zeigte. Jetzt wird es wieder schwierig.

Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc.

Blume, D., M. Boll and R. Gross, Eds. (2020). Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert. München, Piper.

Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.


[1] Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.

[2] Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc. U.v.m.

vereinzelte Flocken

Draußen gibt es vor, ein echter Winter zu sein. Es ist kalt und vereinzelte Schneeflocken färben den Boden und die Dächer weiß. In den Alpen gibt es gar mehr Schnee als die Skilifte und Straßen vertragen, Lockdown hin und her… Idioten sprechen sofort davon, dass der Klimawandel doch jetzt widerlegt sei, genau wie die Coronaleugner das Virus damit bekämpfen, dass sie noch nicht künstlich beatmet werden müssen (vielleicht hat sie die Vorsehung immunisiert, mit so jemandem Blöden gibt sich ein  Virus gleich gar nicht ab, jedenfalls gegenwärtig). Eine Steilvorlage für alle Neugläubigen. Mir geht es aber um den Winter. Der ist mir jahrelang im schneearmen Potsdam abgegangen, der Park war selten weiß, und die Teiche fast nie gefroren, von betretbar gar nicht zu reden.

Winter ist also so ein Wort aus der Erinnerung, genauso wie  Insektenschwärme, oder massive Gletscher bei den Bergwanderungen. Jetzt braucht es die Klimadiskussion, nicht nachdem  alles zu spät gewesen sein wird.

Es scheint aber, dass niemand ernsthafte Entschlüsse zu fassen bereit ist, als ob es zwischen dem Freiraum für einzelne Menschen und einer solidarischen Ordnung nur einen Mittelweg gebe. Den zu bekämpfen braucht es einige Courage (Nawalny in der großen Politik, nicht Lispler Maas, dem ja nichts geschehen würde, sagte er einmal die laute Wahrheit…), aber natürlich auch ein Feld der Agitation. Wenn ich mir die neuerlich halbherzigen und halbdurchdachten Beschlüsse der Regierungen zu Covid anhöre, dann wundert mich eines nicht:

Die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut hatte bereits in der vorherigen Merkel-Runde auf ein viel härteres Vorgehen gedrängt: „Macht alles zu“, lautete ihr Rat. Doch anstatt auf sie zu hören, wurde sie diesmal gar nicht erst eingeladen. „Die war etwas zu forsch“, hieß es – einige Ministerpräsidenten fühlten sie von ihr „wie kleine Kinder“ behandelt. Vielleicht auch deshalb, weil einige von ihnen sich immer wieder wie solche benehmen? Nichts hören, nichts sehen, dann geht der Spuk schon vorbei? (tagesspiegel online, 19.1.2021)

Auch wenn sie Unrecht hätte, ist die Analogie zur Realitätsverweigerung einiger Landesfürsten nicht falsch. Sind ja nur 1000 Tote am Tag…kontrolliert wird gar nicht;

aber der Mittelweg, den man beim Klima nicht gehen darf, ist ja eine imaginäre Strecke, die überall unsere solidarische Ordnung erodiert, das geht von des Faschisten Orban Mitgliedschaft bei den europäischen Christdemokraten über die symbolische Gasleitung aus Russland bis zur Fortsetzung der Flüchtlingsmisshandlung durch unsere Regierung (Bosnien ist schuld, auch Ungarn ist schuld, auch diese Flüchtlinge sind selbst schuld…).

Heißt das, ich plädiere für Radikalisierung, wenn ich den Mittelweg kritisiere? Nein, der Radikalismus der Mitte ist schon lange eine gefährliche Variante der Gewalt. Die Kritik meint gerade nicht das Ausdehnen unserer Handlungen an die unerreichbare Peripherie – Utopia jenseits der Datumsgrenze, – sondern Verlagerung eben dieser Kritik in die Mitte, die dann keinen Mittelweg mehr erlaubt. Veränderung kann nur mit denen geschehen, die sich verändern müssen, sie kann nicht wie Billigproduktion ausgelagert werden, das heißt aber auch, hier den Konflikt riskieren, hier die eigene Position in Frage stellen lassen.

Groß geredet, mich triffts ja nicht. Eben. Ich denke an meine Lieben, an meine Freunde, an meine Kollegen. Uns triffts ja nicht. … so könnte man diese Gedanken abtun. Es kann aber uns alle schneller treffen als wir denken, schaut nach Amerika, wo es zu kippen droht, schaut in die Türkei und andere vormalige Demokratien.

Bevor mein eifrigster Leser fragt, ob ich wieder schlecht geschlafen hätte. Nein. Es gibt nur ein seltsames Gefühl, wenn sich die Verhältnisse rasant um sich selbst drehen, wie ein Kreisel, der auf der Stelle, mitten auf dem Mittelweg, sich dreht.

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod

 (Alexander Kluge und Edgar Reitz 1974). Aber da geht’s ja um ganz was anderes .! Eben.

Eigentlich wollte ich ja von der Sehnsucht nach einem echten Winter schreiben, nach der unwiederbringlichen Wirklichkeit der Erinnerung. Kann eine solche Sehnsucht politisch werden? Dann wird es wieder Winter und danach Frühling. Schaut jetzt nicht so aus.