Ich habe eine Meise…

…gerettet und sterben sehen, gemeinsam mit meiner Frau. Auf einem Alleenweg im Park Sanssouci flatterte gestern eine winzige Meise, die offenbar aus dem Nest gefallen war, um ihr Leben. Aus der Nähe konnte man schon gierige Krähen sehen. Leichte Beute. Also hoben wir die Meise behutsam auf, trugen sie nachhause, setzten sie mit Wasser, einem kleinen Käfer als Futter und ein wenig Zucker in eine Schachtel. Heute Morgen wollte ich noch Mehlwürmer für die kleine Meise holen, da war sie schon gestorben.

An sich nicht Berichtens wert. Auch keine Metapher auf menschliches Leben oder Umweltgeschicke. Eigentlich gar kein ausdeutbares Gleichnis. Was berührt, außer dem Mitleid mit der Kreatur, ist die Distanz, mit der wir schon die kultivierte Naturkulisse betrachten: es ist nicht selbstverständlich, dass in diesem von der Trockenheit so sehr beschädigten Park sich kleine Tiere überhaupt zeigen, die Ringelnatter vor ein Paar Tagen, ab und an ein Waschbär, ja und in diesem Jahr etwas mehr Regen und einige Insekten mehr.

Kein Anlass zu Kitsch oder Sentimentalität, auf dieser Ebene der Wahrnehmung schon gar nicht, gemessen an den großen Zerstörungen, vom Klima bis zur organisierten Tötung von Flüchtlingen zu den Abschiebungen zu den wirtschaftlichen Übeltaten…und dann eine Meise, mein Gott, das kommt ja jeden Tag vor, nur habt ihr es diesmal selbst gesehen?!

Nihil est in intellectu quod non antea in sensu fuerit, sagen die Philosophen, nichts ist im Verstand, das nicht vorher in den Sinnen war[1] stimmt so nicht, klar, aber es ist ein Hinweis, wie man immer wieder aufgeweckt wird, über bestimmte Dinge erneut und anders nachzudenken als davor. Das wiederum klingt trivial, ist es aber nicht. Viele Kinder haben keine Schmetterlinge mehr gesehen, und viele werden bald keine Gletscher mehr sehen. Aber darüber nachzudenken, was man erleben kann, und was nicht, wird durch solch kleine Erlebnisse angeregt. Ich habe (natürlich (?)) auch schon andere Tiere sterben gesehen und tot gesehen. Und es geht mir nicht um die Rührung, die sich herbeizitieren lässt wie in einer Opernarie. Aber es geht mir nahe, dass es dieses kleinen Ereignisses bedurfte, an einem Tag, der mir die Gedanken eher durch die Politik belastete, damit ich auf den Boden der Tatsachen geholt wurde. Und die sind begrenzt.

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Ihr mögt euch fragen, warum ich diese fast private Geschichte hier in den Blog schreibe. Sie beschäftigt mich, weil ich fast alltäglich Tiere und Pflanzen sterben sehe, an deren Auslöschung Menschen beteiligt sind – Verkehrsunfälle, Achtlosigkeit, Umweltgifte, also „normale“ ethische Konstellationen. Das tote Meisenküken war offenbar aus dem Nest gefallen, niemand hatte es gestoßen, es galt nicht das survival of the fittest, Menschen finden das kranke Tier – und es setzt mehr als ein Instinkt, „es“ zu retten.

Dieser Instinkt und eine ethische Selbstverständlichkeit fehlen unseren Regierenden, fehlen vielen in der politischen und ökonomischen Oberschicht, und hier z.B. könnte man darüber nachdenken, ob das Hinhauen auf die Eliten eine Ersatzhandlung ist. Natürlich geht’s nicht um die Meise. Bei allem Bedauern auch mir nicht. Aber was mir aufstößt, dass niemand von den Seehofers, Maas, Scholz etc. auf der Ebene von Menschen-LEBEN-Rettung etwas verlangt, das auch mit der Wahrnehmung dieses Elends, dieser Not zu tun hat. Sie beschränken ihre „Ethik“, ihre „Moralität“, ihre „Kultur“ auf ein anscheinend unangreifbares Handeln innerhalb der Gesetze. Und sind deshalb gerichtsfest. Das Handeln außerhalb des Normalzustands bedeutet nicht den faschistischen Ausnahmezustand, sondern das Überschreiten dessen, was wir an Wahrnehmung als normale Bandbreite von Glück und Unglück, von Erfolg und Scheitern ansehen.

Wenn ich jetzt sage, für menschliches Handeln gelten die staatlichen Gesetze nur eingeschränkt, müsste ich ein Seminar anhängen, um es zu erklären. Ich betone einmal anders: menschliches Handeln, und vor allem menschliches Handeln.

Brauche ich dazu den Umweg über die erfahrene Meise und den halb -unsinnigen Satz aus der Philosophie? Umgekehrt.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Sensualismus?fbclid=IwAR063P890i7oiQh8S-xsDsInXujiHx3ZYK6-YLim9hyyFn0cBIdMZs2uA7g –  Variationen gibt’s dazu, egal.

Seid illoyal

die schärfsten Kritiker der Elche

waren früher selber welche

(Robert Gernhard)

https://www.sueddeutsche.de/medien/baerbock-ard-farbe-bekennen-1.5318705 – lest das und zieht den Kopf nicht ein. Die Baerbock macht das schon gut, nicht sie allein…

In welchem Land leben wir?

Bei den Grünen wird am Parteitag heute und morgen 11.-12.6.2021 wirklich darüber diskutiert, ob Deutschland im Mittelpunkt der Partei steht …300 Antragsteller wollen Deutschland raus aus dem Motto. “Bisher heißt das: „Deutschland. Alles ist drin“. Aber geht es nach dem Kreuzberger Antragsteller, der bundesweit Unterstützer mobilisiert hat, soll sich das ändern. In der Begründung heißt es: „Im Mittelpunkt unserer Politik steht der Mensch in seiner Würde und Freiheit. Und nicht Deutschland.“ (tagesspiegel 11.6.2021). Mit Recht wird darüber diskutiert. Ich sage voraus, dass Deutschland im Titel des Slogans bleibt, aber es ist gut, dass es thematisiert wird. Es kommt darauf an, was aus Deutschland wird, nicht was es schon oder bis jetzt ist.

Im Augenblick fällt der Pöbel über Annalena Baerbock her. Vergessen die Korruption von Scheuer (CSU), die Finanzskandale von Scholz (SPD), die Unsäglichkeiten von Spahn (CDU), die Lobbyunterwerfung von Klöckner (CDU), der Abschiebezynismus des ansonsten untätigen Maas (SPD), das Ranranzen von Lindner FDP an die AfD, vergessen das Spitzelprogramm des „Staats“Trojaners, vergessen die digitale Rückständigkeit des Landes, vergessen die außenpolitische Irrelevanz des Landes, vergessen die unmenschlichen Abschiebungen und die Gefährdung von Ortskräften der Bundeswehr in Afghanistan…

Das zeigt, dass ein Teil der herrschenden Klasse Angst davor hat, Macht an die Grünen zu verlieren.

Ich weiß, das klingt nach dem linken Sektensprech der 68er Jahre. Ich schreibe es absichtlich SO, weil die Retropolitik UNSERER STAATSTRAGENDEN Gruppen – die ja nun weiß Gott keine Eliten sind – eine passende Antwort braucht.

Die innerparteilichen Kritiker des Mottos – siehe oben – irren. „Der Mensch“ steht nicht im Mittelpunkt, weder bei den Grünen noch irgendwo in der Zivilisation. „Den Menschen“ gibt es nicht, nur die Menschen oder Menschen. Eine Kleinigkeit? Ums Ganze geht’s hier. Selbsternannte linke Marginalisten machen ein Fässchen nach dem andern auf, können aber noch nicht richtig trinken. Natürlich müssen wir erstmal schauen, dass wir vieles in Deutschland besser machen, dazu gehört auch, den Nationalismus zu reduzieren. Und auch die politische Dilettantenrunde, die sich weit unterhalb der Kanzlerin angesiedelt hat und dort zwischen neoliberal und reaktionär schmatzt. Manieren, meine Herrschaften, bitte wenigstens die.

Dass der Pöbel auf die tatsächlichen Fehler bei Baerbock und anderen so reagiert, ist in gewisser Weise eine Selbstanklage. Bläst man die Fehler auf, sieht man sich selbst. Ignoriert werden sie nicht, aber sich darauf zu konzentrieren in einem Land, das hinten nachhinkt und vorne nicht glänzt, ist peinlich. Die Gegner der Grünen ahmen die AfD nach.

  • Warum redet der Daxner vom Pöbel? Das gehört sich doch nicht in der von ihm angemahnten zivilisierten Sprache. Nein, dort gehört es sich nicht. Aber was anderes sind denn die Ausfälle gegen die Grünen, nicht nur in den Drecksmedien, sondern auch in reputierlichen Blättern und AV-Medien: Merkt ihr denn nicht die Erleichterung, scheinbar doch eine Grüne kurz vor dem Ende auszubremsen?

Da hilft jetzt nur Solidarität mit Personen und, ja, eine heftige Auseinandersetzung um das Programm. Kein Kleinreden der Differenzen. Leicht regiert es sich nicht in einem Land im Sinkflug.

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Darum also meine Ansage: Loyalität an das Land, an den Staat nicht freigiebig anbieten. Der Gesellschaft gegenüber, der man ohnedies ausweglos angehört, kann man Loyalität jederzeit entwickeln oder reduzieren, aber nie abschaffen. Oft ist nur der Widerstand loyal, aber auch oft ein Kompromiss, das ist Politik.

reiss di zsamm!

Reissts euch zsamm…sagt man bei uns zuhaus, wenn sich jemand beherrschen soll oder nicht so blöd daherreden oder wenn jemand aus dem leim oder aus dem ruder läuft, im plural immer einer gruppe zugeeignet.

Man kann das auch an sich selbst richten, wenn man befürchtet, dass bestimmte assoziationen oder so genannte schnell-schüsse einen selbst beschädigen oder gar gefährden können. Reiss di zsamm, sagt man sich dann. Zeit gewinnen. Nach der weissrussischen flugzeugentführung und folterung nicht gleich sagen, bombardiert umgehend kiew mit der nato und nehmt den botschafter fest, bis lukashenka nachgibt. Oder wenn der seehofer wieder abschieben lässt, ihm die begleitung seiner opfer so androhen, dass er sich selbst in gefahr wähnt. Oder wenn der spahn wieder in die virenwolke hineinredet, seine immobilien besprühen. Oder…nichts von dem macht man und noch nicht einmal droht man es öffentlich an, man verlangt es gar nicht.

ICH SCHREIBE DAS ALLES IN KLEINBUCHSTABEN, WEIL ICH MICH NATÜRLICH VON SOLCHEN ASSOZIATIONEN SELBST DISTANZIERE: GROSZBUCHSTABEN WÜRDEN DAS ALLES JA HERVORHEBEN.

Also ich reiss mich zsamm. Und frage mich, wie man als individuum, als „person“ inmitten einer sich merklich auflösenden so genannten welt nicht nur ruhig und alltagsnormal bleiben kann, sondern als beobachter ein kultiviertes leben in genau umschriebenen kreisen „führen“ kann, während um einen herum – im „makro“ – nichts mehr so ist, dass man meinen könnte, jemand wäre in der lage, es einzufangen; jemand, eine Regierung, eine Armee, ein Mittelfinger Gottes (groß geschrieben, ihr wisst schon….).

Zum chaos gehört, dass es fast gleichgültig ist, an welcher stelle man anfängt es aufzudröseln und – manche behaupten, das könne man – es zu ORDNEN. Durch den coronadiskurs wisst ihr ja, was TRIAGE heisst, das kann man natürlich auch auf die politik anwenden (https://de.wikipedia.org/wiki /Triage), aber auch triangulierung. die reihenfolge der aktionen an einem schema ausrichten, das einem nachher als legitimation dient. Erst kiew bombardieren oder erst orban aus der EU werfen oder erst dänemark daran hindern, weiterhin so grausam mit flüchtlingen umzugehen oder… da die liste unendlich ist, muss wiederum borges‘ bibliothek von babel angewendet werden. Die hat den vorteil, dass jeder zeitpunkt zum einstieg und jeder anlass zu fast gleichen resultaten führen kann.

Ich will darauf hinaus, dass nicht jeder beobachter der unglaublichen, ja schrecklichen zustände der welt schuldig als untätiger zeuge wird, automatisch, unentrinnbar. Wenn wir, einer allein, also ein „ich“ kann das gar nicht, wenn wir die zustände der welt überhaupt fassen, sie in ihrer monstrosität begreifen und nicht daran irre oder verzweifelt werden liegt das daran, dass die abstände zwischen den ereignissen, das „dazwischen“, noch gerade so viel raum lässt, dass man selber sich begreift und teil der großen katastrophe jetzt ist, jetzt also im augenblick des beobachtenden erkennens wie schlimm das alles tatsächlich ist. stoisch zwischen den kriegen, sage ich mir ein wenig pathetisch.

So wie jetzt müssen sich doch vergleichbar die besseren, klügeren, anständigeren menschen der zwischenkriegszeit begriffen haben. Gerade wenn sie hinschauen und urteilen, kritik üben, gar reformen wollten, könnten sie denn, gerade dann müssen sie ja doch sie selbst bleiben und sich nicht überantworten, was leider im lauf der zwanziger und dreißiger jahre doch die mehrheit der deutschen getan hatte. Weil der satz ohnedies auf etwas anderes gemünzt war: wir müssen geradezu das richtige leben im falschen (Adorno) auch leben, sonst gehen wir zugrund bevor alles zugrunde geht.

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Diese überlegungen stelle ich an, nachdem ich die unkommentierbar oberflächlichen berichte zum ergebnis der wahlen in sachsen-anhalt vernommen habe. Dass 37% CDU AUS ALLEN DEMOKRATISCHEN PARTEIEN ZUSAMMENGEKRATZT DEN ABSTAND ZUR AFD ZU RECHT VERGÖSSERT HÄTTEN: weshalb alle anderen parteien verloren haben oder ärmer aussehen, und hier die demokratie gesiegt hätte.

1932 gab es eine koalition NSDAP und DNVP, die nazis waren die stärkste fraktion. Ich vergleiche nicht – NICHT – die cdu mit der dnvp, aber die nazis von der afd stehen für eine derartige koalition bereit. Und eine reihe cdu-mandatare auch, sagen sie, und wollen „wählerinnen und wähler von der afd zurückholen“, keine funktionäre. Reiss di zsamm mit deinen vergleichen, sagt das über-ich. Nein, sage ich. Erst die unstimmigkeit der vergleiche zeigt die problematik der situation. Und in der situation habe ich begonnen, die integrität der person gegen den zeitgeist und mainstream zu verteidigen.

Damit man sich widersetzen kann, darf es erst einmal keine frechheit sein, „ich“ zu sagen (adorno). Zweitens ist es mit der ablehnung oder kritik nicht getan, wenn man praktisch werden darf (in der meinungsfreiheit kann man sich als opposition vor der praxis mit guter kritik noch fernhalten, aber wenns um diese praxis selbst geht, nicht mehr). Darum geht es in der jetzt so ausufernden diskussion um sophie scholl. Das ist sozusagen der schritt vom bewusstsein zum handeln, einem öffentlichen und einem wirksamen, das über einen hinausweist. Aber davor, daneben, dazwischen war man ja auch ein anderer. Von denen gab es in den zwanziger jahren viele, die wir heute erinnern, lesen, hören, sehen, und noch mehr, in deren umgebung sie so waren, dass wir sie heute erinnern. DARUM haben wir dann ihr handeln so besonders gefunden, sie bewundert oder bedauert, und sie einem leben eingeschrieben, das die anderen nicht oder nur am rand geführt haben.

Das hatte ich vor dreißig jahren mit kollegen über tucholsky und ossietzky diskutiert, das wird durch eine erinnerungskultur zerstört, die die ankerplätze dieser in die gegenwart geholten erinnerung nicht bewahren will. Aber neben diesen beiden namen noch ganz viele zu rezitieren, mag eine farge des wissens und der bildung sein, darum geht es nicht. Wichtig ist, angesichts dessen was überall und ständig geschieht, lebendig zu bleiben und sich durchaus für den beobachterposten auch zu kräftigen und nicht gleich in verzweiflung auszubrechen, die ja nur den Capos nützt und ihnen gefällt.

Die konsequenz ist scheinbar paradox. Jederzeit bereit zu sein, aus der deckung in die politische praxis zu steigen, aber in dieser latenten situation nicht in alarm „stimmung“ sich zu versetzen, sondern den alltag, das denken und fühlen, vor allem aber die beobachtung der welt wirklich zu leben. Nur die helden der geschichte waren immer herrscher, heerführer, anstifter und haben atemlos 25 stunden am tag ihrer sache geweiht. Meistens ohne erfolg, darum sind sie ja auch helden.