OHNE MIT, bitte

(https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/bonner-polizei-bewacht-synagoge-rund-um-die-uhr_aid-46416039)

Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan erklärte: „Das Attentat auf die Synagoge in Halle erfüllt mich mit Abscheu und mit Trauer um die Toten. Ich weiß, dass ich im Namen der ganzen Stadt spreche, wenn ich Ihnen, den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Bonn, versichere, dass wir an Ihrer Seite stehen und uns Ihnen zutiefst verbunden fühlen.“

 

https://www.welt.de › Regionales › Bayern :

Welle der Solidarität mit jüdischen Mitbürgern

Nach der antisemitischen Gewalt in Halle zeigen sich viele Bayern solidarisch mit ihren jüdischen Mitbürgern.

https://www.sonntag-sachsen.de/bischof-rentzing-zeigt-solidaritaet-mit-opfern-und-juedischen-mitbuergern (20191010) :

Bischof Rentzing zeigt Solidarität mit Opfern und jüdischen Mitbürgern

 

Bischof Rentzing zeigt Solidarität mit Opfern und jüdischen Mitbürgern. Er fordert: Gefahren des Rechtsextremismus klar beim Namen nennen.

Ausgerechnet Rentzing: er tritt wegen rechtsradikaler Meinungen zurück: https://www.tagesschau.de/investigativ/bischof-rentzing-101.html

FÄLLT EUCH/IHNEN AN DIESEN TITELN ETWAS AUF?

Wir sind MIT-Bürger, MIT-Bürgerinnen. Ist ja wohl gut gemeint, diese Bekundung von Solidarität. Aber dieses MIT ist zutiefst falsch, war es immer schon. Mit wem sind wir Bürgerinnen und Bürger? Mit den „deutschen“ Bürgerinnen und Bürgern, mit den Einheimischen, mit den Staatsbürgern anderer Staatsangehörigkeit…So harmlos, das kleine Vorwörtchen – nicht wahr? Mitbürger sein, heisst akzeptiert sein von denen, die selbstverständlich hier sind. Wir sind hier um mit denen zu leben, die ohnedies hier sind.

Ich habe mich jahrelang über das UND bei Deutsche UND Juden aufgeregt. Zu Recht, wie ich denke. Es ist der oft gut gemeinte, oft gehässige Trennstrich entlang von Grenzen: ethnischen, politischen, sozialen und religiösen. (Auch wenn es nicht so scheint, wäre aus christlicher Sicht Christen und Juden leichter zu ertragen, schon bei den Israelis müsste man sagen: jüdische Israelis und jüdische Deutsche; oder staatsbürgerlich Israelis und Deutsche).

Wer einige weitere Argumente dazu lesen will: Rund um uns Millionen Nichtjuden. Vortrag am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin am 25.6.1996 (kann ich aktivieren).

Mir ist sonst sehr zum Kalauern mit dieser Sprachflapse zumute, heute und aus dem Anlass von Halle nicht. Wir sind also Mitbürger. (Ein Gast zum Abendessen ist doch kein Mitesser im Kontrast zu den Familienmitgliedern, die immer hier essen, und wir sind auch keine Gäste, – und entgegen modischer Diversion sind wir durchaus integriert in eine Gesellschaft, in der wir uns gar nicht von Deutschen unterscheiden können, weil wir welche sind. (In der Mehrzahl. Die jüdische Minderheit anderer Staatsbürgerschaft würde ja nicht als Mitbürgertum bezeichnet). Nun reden all die solidarischen und gutmeinenden Sympathisanten ja gar nicht von Staatsbürgern. Die Konstruktion der Bürgergesellschaft besteht aus „Gruppen“, denen in unterschiedlichem Maß die Bürgerqualität zugesprochen wird, und Mit- ist pejorativ, abwertend (Vorsicht: bei Mitschülern heißt „Mit-„ einfach auch…aber „auch Bürger“ würde die Abwertung ja offenkundig machen).

Ein Vergleich: Toleranz ist eine Tugend. Wenn die Mächtigen, die Herrschenden sie ausüben, ist das aber etwas anderes als übten sie die Schwachen, die Unterlegenen, die Ausgegrenzten aus.

Wann wird der Mitbürger zum Bürger, die Mitbürgerin zur Bürgerin?

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Bin ich zu empfindlich. Typisch jüdische Haarspalterei. Ja, ich bin da sehr empfindlich, weil ein Vorfall – das Attentat – unbewusst ausgenutzt wird, um andere Botschaften im Subtext mit unterzubringen.

Jüdischer Einspruch XIa: wir sind nicht 9/11 – und es gibt keine Zeitenwende

Halle ist kein 9/11.

Literaturempfehlung und Medien: Süddeutsche Zeitung vom 11.10., DLF 10.10. und 11.10., vor allem Markus Pindur. Vor allem auch Hajo Funke https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/das-kann-niemand-dulden-100.html sowie https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/antisemitischer-anschlag-in-halle-gastbeitrag-von-max-czollek-a-1290955.html

Fortsetzung von gestern. Sehr jüdischer Einspruch.

Zunächst eine Korrektur: gestern hatte ich Steinmeier mit seinem Rekurs auf die deutsche Geschichte kritisch zitiert. Am Abend habe ich ihn dann bei einer jüdischen Festveranstaltung gehört, und da war er wie ausgewechselt: seine Wut gegen den Attentäter und dessen Umfeld war angemessen, das war nicht jene Betroffenheit, die alle zu jedem Thema empfinden können. Das war konkrete, ich nenne es „gesellschaftliche“ Wut, die ja vor dem Art. 20 des Grundgesetzes steht und den Feinden der Demokratie zu gelten hat.

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Das Umfeld des Täters – virtuell, digital, kommunikativ, – stellt andere Beziehungen zu den Opfern her als die konfrontative Gewalt in ihrer Unmittelbarkeit. Außerdem gibt es einen anderen Bezug von Sprache, Sinn und Handlung. Funke sagt zu Recht: Sicherheitsorgane UND Öffentlichkeit sind gefragt. Die Polizei, der Verfassungsschutz haben bei NSU und leider auch danach bewiesen, dass sie keineswegs geschlossen gegen die Extremisten andenken und handeln wollen (mein böses Wort von den rechtsextremen Vorfeldorganisationen in Teilen halte ich aufrecht, trotz spontan gewandelter Sprache und neuen Absichten, aus dem Hause Seehofer u.a.). Mich aber bewegt die Öffentlichkeit:

Die Empfänglichkeit für die Hassbotschaften ist nicht einfach aus der Omnipräsenz der digitalen Medien abzuleiten. Die Urheberschaft der Hatespeech und Fakenews muss ja aus dem Unbewussten der autoritären Subtexte und Denkstrukturen, wohl auch aus dem unreflektierten Gefühlshaushalt in die Sprache und das Bild kommen, bevor sie von dort „objektiv“ zurückkommen und millionenfach „geteilt“ werden.

Die Frage, ob jüdische Menschen in Deutschland sicher leben können, ist so fragwürdig falsch wie das Wiederaufkommen des Hinweises: solltet ihr nicht doch nach Israel auswandern? Da sagte eine mutige Stimme gestern, so nebenbei gäbe es ja auch in Israel Terrorismus…damit wird aber ein anderes Problem nicht nur berührt: auch wenn es Hass und Angriffe gegen jüdische Menschen in Deutschland gibt, geht es doch nicht nur gegen „Juden“ (Ihr wisst, warum ich „Juden nur in „“ setze…). Es bestätigt sich meine These, dass die identifizierten,  sozusagen festgenagelten Juden auch ein Produkt des Antisemitismus sind, genauer auch der Antisemiten – und die zielen ja nur exemplarisch auf jüdische Menschen, sie zielen auf alle solidarischen und kommunikativen Menschen, über denen es eben keine ausgewählte Rasse mit Herrschaftsanspruch geben darf.

Nein, wir dürfen nicht fliehen, denn bekanntlich setzt der Feind nach und wir haben ihn im Rücken.

Nein, wer eine Kippa tragen will, soll sie tragen, wo immer er will (das gilt für das Kopftuch bei Frauen genauso, manche Muslime haben das offiziell so verstanden, und es geht nicht um die Vollverschleierung).  Nur tragen halt viele jüdische Menschen, auch religiöse, die Kippa nicht oder selten.

Das Problem ist nur marginal zu lösen, wenn Synagogen und jüdische Einrichtungen geschützt werden, auch bei Restaurants und Geschäften mit erkennbar jüdischem Personal ist das nicht viel anders. Das Problem ist die behauptete Erkennbarkeit „der Juden“ (der „Araber“, der „Schwulen“ etc.) und die Fähigkeit, sie zu erkennen, die aus dem längst unbewusst gebunkerten Tatwissen ans Tageslicht kommt, durch vieles provoziert und bereitwillig angewandt. Oder anders: der Antisemitismus ist nicht neu, er verwendet nur andere Vehikel zu seiner Mobilität und Ausbreitung.

Wir brauchen kein Coming out. Es gibt Situationen, da spreche ich mit meiner jüdischen Stimme, andere Situationen verlangen andere Eigenschaft. Jüdisch kann wichtig sein, dominant, aber es nicht ausschließlich. Kein Mensch ist ausschließlich jüdisch. Kein jüdischer Mensch kann seine anderen Eigenheit aufs „Jüdische“ reduzieren. Das scheint mir ein Problem zu sein, wenn Deutsche durchaus ihren lebensweltlichen Pluralismus ausleben – sozusagen intern ethnopluralistisch sind – aber auf den Juden in seiner Singularität – Eine wie alle, „alle Juden sind…“ – hinweisen (noch schlimmer, wenn dann der Jude schon Opfer ist, bevor der Diskurs historisch renoviert wird).

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Halle ist kein 9/11. Nein seit vorgestern  ist keine Zeitenwende eingetreten, es ist „nicht alles anders“, wie mehrere Stimmen sagen. Es ist nur deutlich geworden, dass es zuviele gibt, die nicht wollen, dass wir in diese Gesellschaft so integriert sind wie andere Menschen, fast möchte ich sagen: wie alle. Aber das stimmt nicht: die Mörder und die Schreibtischtäter, deutsch oder nicht, begeben sich selbst ihrer Würde, und dann sind sie unsere Gegner und wir müssen ihnen Widerstand entgegenbringen, obwohl sie unter uns sind.

Jüdischer Einspruch XI: Yom Kippur 5780

Nicht schon wieder Opfer.

Das Schema passt zu schön. „Die Juden“ dürfen nicht (schon) wieder Opfer werden. Das ist der Tenor vieler Stellungnahmen nach dem Mord von Halle.

Anmerkung für meine Leser*innen: „Die Juden“ immer in „“ bei mir, weil ich mich gegen die Ontologisierung einer ethnisch, kulturell, religiös durchaus uneinheitlich entwickelten sozialen Gruppe wende, und getreu meiner Buchthese Der Antisemitismus macht Juden (2006) nur das Attribut oder Adverb jüdisch gebrauche. Dem allgemeinen Diskurs folgend, muss ich hier von „Juden“ sprechen.

Für Ent-Schuldung und Entschuldigung ist es bequem, aus dem zunehmend wahrgenommenen Antisemitismus die Opfer-Rolle den Juden zuzuweisen, weil man sie dann schützen kann und der Anlass – Antisemitismus – hinter der Schutzpolitik zurücktritt.

Es ist ja gut, dass wir endlich wahrnehmen, wieviel antijüdischer Diskurs und wieviel praktischer Antisemitismus rund ums ist und sich entwickelt hat. Dass diese späte Wahrnehmung, noch nach den NSU Morden und den vielen tätlichen Angriffen auch ein Hinweis darauf ist, dass es sich bei ethnischen und religiösen (und sozialen, und kulturellen, und psychologischen) Opfer-Zuschreibungen immer auch darum handelt, dass das wahrnehmende Subjekt die Deutschen sind. Womit man einerseits sich in die Definitionsbestrebungen der Höckes oder der Staatsbürgerschafts-Interpreten oder der Historiker in vielfältigen Kontexten einfügt, was dann oft (nicht bei Höcke) schwierig zu dekonstruieren ist. Welche Deutschen sprechen mit welcher Legitimation von der Besonderen Verpflichtung gegenüber den Juden, also den Nachkommen der Opfer aus der Shoah oder als einer sozialen Gruppe, die nie wieder Opfer werden soll. Was indirekt, und das hat sich nach Halle schon im Subtext angedeutet, dass es möglich wäre, jüdische Menschen in Deutschland als latente oder potenzielle Opfer zu platzieren. Hier? Bei uns? Ungläubig bis empört, die Reaktion. Besserer Schutz wird gefordert –  ein flexibler Begriff. Ja, eine Synagoge zu bewachen ist nicht so schwierig, oder das Jüdische Museum oder eine jüdische Einrichtung. Aber die nicht als solche erkennbaren jüdischen Menschen zu schützen, würde bedeuten, sie vor den Auswirkungen des Antisemitismus zu schützen. Oder diesen selbst bekämpfen. Ersteres ist einfacher, aber auch nicht wirklich einfach. Die Auswirkungen des Antisemitismus kann man eng fassen: er richtet sich gegen „die Juden“ (siehe oben). Es gibt hier Überschneidungen zur Israelkritik aus Antisemitismus, und da wiederum Überschneidungen mit dem arabischen Antijudaismus, auch bei uns. Man kann sie auch weit fassen, dann geht dieser Antisemitismus in die Textur der wichtigen Diskurse unserer Gesellschaft ein, richtet sich nicht mehr gegen Menschen, sondern gegen eine Gesellschaft, die „diesen Juden“ nicht wehrt oder ihnen einen Platz in unserer Gesellschaft gibt, gewährt. Womit logisch die Gesellschaft selbst als Objekt unseres Nachdenkens wird, in dem „die Juden“ für einige –  die aktiven Antisemiten – eine präfigurierte Rolle spielen. (Das ist etwa ein Tenor der Berichterstattungen zu Halle am Tag danach). Kampf gegen den Antisemitismus: das setzt voraus, dass wir seine Wurzeln, Ursachen, und seine pertinente Nachhaltigkeit verstehen. Und ess hätte im besten Fall zur Konsequenz, dass der Erfolg daran gemessen werden kann, dass es immer weniger „Juden“ gibt (keinesfalls jüdische Menschen, Kultur, Kommunikation). Denn solange wir dem Antisemitismus überlassen, letztlich die Juden zu identifizieren, haben wir ein wichtiges Kampfmittel aus der Hand gegeben. Die AfD solidarisiert sich mit den jüdischen Opfern von Halle oder ihrer Gemeinschaft. (DLF 12.30). Das schiebt die Diskussion auf die Auswirkungen.

Ich brauche nicht weiter auszuführen, was diese Politik für Folgen hat: man lässt den Antisemitismus wo und wie er ist, es dürfen „nur“ bestimmte Handlungen nicht vorkommen. So umkleidet man sich selbst mit der Unschuldsvermutung, die wiederum gestattet, andere zu Opfern zu machen ohne selbst Täter zu werden.

Ich erinnere mich an meine Einlassungen zum Konflikt zwischen Martin Walser und Ignaz Bubis anlässlich der Paulskirchenrede (In Gänze: Universitas, 53. Jg., Dezember 1998, #630).  Walser würde heute diese Rede nicht mehr halten, vor allem seine Erklärungen, und ihm würde eher Unverständnis als Verharmlosung der Geschichte vorgeworfen. Weiter reicht die Beziehung zu heute, zu Halle, nicht direkt. Aber Walsers hartnäckige Beziehung der Täter und Opfer und der relativen Nähe oder Distanz zu den Opfern ist angezeigt zu diskutieren. Was mir damals gar noch nicht so aufgefallen ist wie 20 Jahre später: die jüdischen Menschen politisch und gesellschaftlich zu verengen auf die Schoah allein, und nicht diese als Produkt eines langwierigen und antisemitischen Prozesses (und nicht als ein „Entwicklung“) zu verstehen. Das verkleinert oder verharmlost die Schoah nicht, aber die ist ja kein Solitär der Geschichte, einmalig, aber nicht vereinzelt. Heute und schon gestern in den Medien wurde dauernd darauf verwiesen: „Angesichts der besonderen deutschen Geschichte…“ (Steinmeier: „In einem Land wie dem unseren…“). Das hilft, sich als deutscher Opferanwalt zu machen.

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Ich bitte alle, jetzt noch einmal weiter oben ein zweites Mal zu lesen: über die Auswirkungen des Antisemitismus zu denken, und zu analysieren, wie politisch und kritisch wir die Ursachen erkennen und erforschen und wissen können.

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Yom Kippur: ich bin versucht, nicht meine Überzeugung, sondern religionswissenschaftlich und -kritisch auszubreiten, was es mit diesem Tag auf sich hat. In einem ist die jüdische Religion aber eindeutig: um die Vergebung eines Gottes zu beten/bitten, macht nur Sinn, wenn sich zwischen den Menschen die Bedingungen der Versöhnung erfüllen. (Dazu braucht es keines Rituals). Wenn dies ernst genommen wird, dann hat der Mörder darauf aufmerksam gemacht, wie gering diese Bedingungen heute geachtet werden. Das stärkt die Antisemiten mehr als vieles andere und ermutigt weitere Gewalt. Wer will uns davor schützen?

Wenn nicht auch wir selbst.

Gut gestorben?

Vor Jahrzehnten, auf einer hochgelegenen Berghütte, plärrte das Radio, und verkündete den Tod von Herbert von Karajan (1908-1989). Ich erinnere mich, dass ich spontan sagte: Gott sei Dank. Laut, deutlich. Meine Begleiterin und einige Gäste starrten mich entsetzt, dann feindselig an. Mit einigen kam ich in eine Diskussion, und rechtfertigte meinen spontanen Ausbruch.

Karajan war ein Feind. Da ich auch familiäre Gründe hatte, ihn nicht zu mögen, zählten die die musikalische Größe und sein Ruhm als Dirigent und Festspielmaestro wenig.  Ich werde auch heute zu seiner von mir wenig geschätzten Kunst nichts sagen, obwohl ich mir da einiges Urteil zutraue. Ich würde überlegt, prämeditiert, niemandes Tod öffentlich so „begrüßen“, auch wenn mich dieses Ereignis, wenn schon nicht freut, so doch nichts bedauern lässt. Ist das richtig, moralisch wodurch gerechtfertigt, wo ist die Wahrheit?

Umweg. Immer wieder zitiere ich meinen Grundsatz – Es gibt keinen Tod, es gibt nur mich der stirbt (André Malraux).

Darin ist meisterhaft knapp die Tatsache festgeschrieben, dass der Tod eine Konstruktion ist. Geboren werden, leben, sterben ist wirklich.

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Attentate: bei welchen Attentaten reagieren wir mit Erleichterung, Sympathie, Abscheu, Gleichgültigkeit? Hier geht es um Tod, nicht darum, wie sich die letzten Augenblicke des Getöteten (also Gestorbenen) auf dieser Erde gestalten. Dieser Gedanken sind so wenig trivial, wie die aus dem Unbewussten ins Bewusste drängenden Wünsche, dass ein bestimmter Mensch sterben möge – um seinem Wirken ein Ende zu setzen, vom Tyrannenmord bis zum Widersacher aus Eifersucht.

Es handelt sich um psychische Emanationen, die sich, weil spontan und aus dem Unbewussten, nicht sofort um die Folgen eines gelungenen Attentats kümmern (können).  Wenn das zeitnah nachgeholt wird, tritt die Überlegung in eine andere gedankliche und politische Sphäre: was wäre, wenn … die Namen, die einem spontan einfallen, werden gereiht, in eine variable Hierarchie eingebracht, je nachdem, welche Information uns gerade aufregt. Ein Übeltäter in einer Demokratie, ein Gefährder unserer politischen Überzeugungen, nötigt uns andere Überlegungen auf, Trump oder Orban eher als Putin oder Xi (denn in einer Diktatur sind Attentate kein Anlass zu einem Systemwechsel). In einer Demokratie wird der meist charismatische Führer  ersetzt, fast wie durch die nachwachsenden Köpfe der lernäischen Hydra. Also braucht man sie nicht gleich beseitigen… Ja, wenn das alles so einfach wäre.

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Der Todeskult erzeugt Märtyrer oder eine schreckliche Erinnerungskultur; das kann man gut in Polen beobachten, aber auch bei uns, und nicht nur am „rechten“ Flügel. Todeskult („Patria o muerte“, zum Beispiel), ersetzt die Empathie und das Mitleid mit dem Sterben, mit dem unzeitigen Ableben von Menschen durch eine Zeitlosigkeit, die die Todeskonstruktionen zu einem wichtigen Instrument totalitärer Herrschaft machen. Denkmäler, Schulbücher, Schutz der als „heimatlich“ geprägten Gedenkpolitik. Auch ohne Attentat sterben Menschen oft gewaltsam. Aber die erzwungene Abdankung durch ein Attentat, durch Folter, oder durch Absaufen lassen im Mittelmeer, ist Teil einer Politik, die die Todeskonstruktion einer lebensnahen Praxis vorzieht.

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Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback schreibt mein Freund Erich Fried: zitiert in einer langen Kritik von Walter Hinderer an Kritiker Sepp Binder gegen Erich Fried:

Der für den Zusammenhang entscheidende Kommentar steht in der sechsten Strophe: „Sein Tod wird helfen / das Denken / auf ihn abzulenken / und so zu verdecken das Unrecht / von dem dieser Mensch / nur ein Teil war / Schon darum / kann ich nicht ja sagen / zu seinem Tod / vor dem mir fast so sehr graut / wie vor seinem Leben.“ Diese dialektisch formulierte Aussage variiert die siebte und letzte Strophe: „Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / wäre nicht so gestorben / Es wäre besser gewesen / ein Mensch / hätte nicht so gelebt.“

https://www.zeit.de/1980/51/von-der-unfaehigkeit-zu-lesen

Mir ist wichtig, auch mich daran zu erinnern, dass die Schmähkritik an Fried ihm unterstellte, er hätte geschrieben: „Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / hätte nicht gelebt“. Der Kalauer lag den Fried-Gegnern, und nicht nur ihnen auf der Zunge. So ein Satz erinnert an die Folgen des spontanen Ausrufs: „Sieh da, sieh da, Timotheus, /die Kraniche des Ibykus“, nur eben in einem anderen Kontext. Fried soll einer Täterschaft geziehen werden, die er einem Toten nicht, sondern seinen Mördern nur teilweise zuspricht. Und noch etwas: vor dem Leben eines anderen Menschen darf, kann einem immer grauen; besser, man überlegt sich eine Rechtfertigung dazu.

Nur mit der Todeskonstruktion kann man so umgehen, der Vorgang des Sterbens, des das Leben Aushauchens, des Übergangs aus dem Leben, lässt sich so nicht fassen. Wo Tod gesagt wird, ist es nicht politisch, oder nur, wie ein Bild oder ein Gedicht politisch sein kann; Sterben ist dann politisch, wenn es durch Unrecht und zur Unzeit geschieht. Auch sterben lassen, im Mittelmeer, durch Hunger, Verdursten, durch Waffenlieferungen und unterlassene Hilfeleistung, ist politisch.

(Das müssen nicht nur klassische Schreibtischtäter sein.)

Wenn ein verhasster Mensch stirbt, löst das andere Gefühle aus als wenn ein geliebter oder geschätzter Mensch stirbt, jedenfalls, wenn er einem etwas sagt. Die meisten sterben, ohne uns irgendetwas zu sagen, und wir finden sie bestenfalls in den Statistiken wieder, die allerdings Auskunft geben über viele, die wir in die Todesursachen involviert sehen. So schließt sich ein Kreis, nur sage ich heute nicht mehr Gottseidank, oder vielleicht doch, wenn es aus dem Unbewussten kommt. Nur, mit dem kann man die Welt schlecht verändern.

 

 

 

 

Finis terrae XXX: Na vreme, s’ist Zeit

 

Nur ein Atemholen. Ihr kennt das alle.

Na vreme, so hieß vor längerer Zeit eine NGO, an der ich beteiligt war. Es ist an der Zeit.

Das sagen uns auch alle, die in seriöseren Medien zu den drei großen Problemen schreiben oder reden, die zum Überleben jedenfalls wichtig sind: Klima, Gewalt, Migration. Weltprobleme, für die es einen Winkel gibt, der Abtauchen, Verstecken oder auch nur Schatten erlaubt. Und es hat den Eindruck, dass in den Ländern, wo freie Medien noch existieren und beachtet werden, ein fragendes Erwachen vor sich ginge: da wird nicht nur argumentiert, sondern auch abgewogen und – es wird gesagt, was getan werden muss. In den meisten Gesellschaften, die unfrei sind, werden diese Themen mit der Politik von Opposition, Widerstand, und dem Nachweis, was denn so ein Problem die Agitierenden anginge, behandelt.

Das Muster ist ziemlich abwechslungsarm. Zunächst wird der Alarmzustand – Notstand – bestätigt und ausgemalt, meist handelt es sich jetzt ums Klima, vor ein paar Jahren waren es die Flüchtlinge, und der Krieg, die Gewalt, im nahen oder weiten Sinn, bricht thematisch immer wieder herein. Dann wird beschrieben, wer was gegen die drohende Gefahr unternehmen soll, will, kann. Wie groß das Risiko des Nichthandelns in Überschaubaren Zeiträumen ist. Warum das, was manche tun, falsch, was andere tun ungenügend ist, und wie es vielleicht richtig sein könnte.

Ekelhaft ist das Argument, wie wenig es der Erde hilft, wenn nur wir in Deutschland, ja nur wir in der EU, ja wir in den entwickelten Ländern etwas tun, wenn die Diktaturen und Zwangsherrschaften ohnedies weiter machen, was sie wollen. (So nach dem Motto, Gott soll doch die größten Sündern zuerst und besonders streng strafen…tut er aber nicht).

Auch ist die Dummheit, wie sie die Große Koalition in Deutschland praktiziert, nahe an diesem ekelhaften Argument. Beim Klima – viel machen, um niemandem weh zu tun. Was tönt aus den Lobbyetagen, die ja längst Minister und Abgeordnete in ihrem Sold haben: Arbeitsplätze erhalten, die Armen am Konsum nicht noch mehr zu benachteiligen, Investitionen nicht gefährden. Alle diese Argumente sind falsch.

Arbeitsplätze gehen durch eine neue Klimapolitik nicht verloren, es werden mehr und diverse gebraucht. Nur nicht in der Autoindustrie… na und? Wenn die Mobilität als bürgerliche Tugend so hochgeliebt wird, dann gibt es auch eine Mobilität bei Qualifikation und beruflicher Tätigkeit. Die Hochlohnkulaken der Braunkohleindustrie brauchen unsere Solidarität nicht.

Der Konsum ist ein Problem, was die Lebenswelt mit ihren Regeln und den Lebensstil mit seinen Präferenzen betrifft (und er ist ein Problem der Mehrheit, denn tatsächlich können nur die Bewohner der oberen Etagen der sozialen Struktur tatsächlich auf etwas verzichten, ohne weiteren Schaden anzurichten  –  das sind wir, und wir sind gar nicht so wenig). Da geht es in der Tat um Binnenflüge, Kreuzfahrten, SUVs, übertriebenen Fleischkonsum, um die Attitüden der Wegwerfgesellschaft, um andere Formen der sozialen Beteiligung an Gegenmaßnahmen gegen den Klimawandel… (Solidarität ist nicht ein Prinzip, das verordnet werden kann, sondern eine Tugend, die angeeignet und kommuniziert werden kann, praktisch).

Investitionen… dass ich nicht lache: es wurde in den vergangenen Jahren eben nicht investiert. So lange, wie Deutschland braucht, um eine Stromleitung von Nord nach Süd zu legen, so lange, wie Bahnhofsneubau braucht,  so unfähig, wie die Öffnung des Nahverkehrs sich gestaltet, so wenig, wie zur Wiederaufforstung getan wird, so gewaltig, wie nur die Rüstungsindustrie und der Todesexport nach Saudiarabien und anderen Diktaturen gefördert wird, kann man nicht von Investitionslenkung, sondern von Marktversagen sprechen.

Ich spreche nicht nur vom Klima. Die Flüchtlingsströme werden anwachsen, so oder so, und viele werden zu uns kommen… wenn nicht legal, dann illegal, und vielen Illegalen wird man dabei helfen müssen, anzukommen… Schleyerfahndung hin oder her. Die Gewalt anderswo hängt vielleicht doch mit unserem Leben hier zusammen? Der Faschist Bolsonaro ruiniert den Regenwald. Ja, aber auch, weil wegen des Sojaanbaus und des Fleischkonsums hier, bei uns. Der Verbrecher Trump ruiniert die Handelsbeziehungen und zugleich ökologische Technologien. Ja, aber auch weil wir viele der amerikanischen Produkte bewusstlos übernehmen, anstatt uns ihnen gegenüber zu positionieren. Von den Diktatoren erwarten wir jetzt einmal nichts. Von den Demokratien, von der EU sehr wohl.

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Wie? Kennen wir alles? Ja, in der ZEIT, im SPIEGEL, in der SZ…in den Kulturprogrammen ist das alles zu finden.  Und?  Wird schon weitergehen, und lieber kleine machbare Schritte zu unternehmen als gar nichts zu machen, seid schön brav, Thunberg-Follower (aber kopiert nicht ihre Anständigkeit und ihren Mut).

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In der Diskussion wird oft gefragt, wer auf wieviel verzichten muss, um bestimmte Ziele – sagen wir 1,5 Grad C – noch zu erreichen; wieviel an Demokratie wir opfern müssen, damit die richtige Politik umgesetzt werden kann; wie schlecht unser Leben sein wird, wenn wir tatsächlich beim Klima Erfolge haben werden. Die Frage ist berechtigt, aber unzureichend.

Für alle drei Probleme gilt: wer die sogenannte Schöpfung bewahren will, muss dafür sorgen, dass die Menschen so schnell wie möglich aus ihr verschwinden, sondern wird sie viele Arten und Erscheinungen einbüßen, bevor sie beginnt sich zu regenerieren. Wer an den Unsinn nicht glaubt, aber die Natur erhalten will, die auch unsere Lebensgrundlage ist, steht hier vor einem Dilemma insoweit, als es keine Politik, keine Handlung nicht geben darf. Finis terrae oder weiter leben. Dass und nicht wie.

So, wie die Klimakatstrophe die unabhängige Variable größter Dimension für das Überleben ist, und Krieg und Migration besonders wirksame intervenierende Faktoren sind, bleibt uns nur: selbst richtig zu handeln (wie zB. die Grünen jetzt beim Klimapaket) UND Druck auf die andern auszuüben. Das kann unangenehm werden.

Und noch eines: diejenigen, die jetzt um Arbeitsplätze, Märkte und Kooperation barmen, werden (Gott sei Dank, möchte man sagen) nicht mehr erleben, wie ihre Enkel ersticken oder ertrinken. Das kann man leider nicht umkehren.