Shit, it is the global finance system…?

In dieser dunklen Zeit, in der sich der Gott des Einzelhandels als kleines Kind tarnt, um den Konsum anzustacheln; in dieser dumpfen Zeit, wo es schon zu Erleichterung führt, wenn ein Blackrockbonze einer gemäßigten Marktwirtschaftlerin unterliegt; in dieser Zeit gibt es auch etwas Gutes zu vermelden.

am 7.12. hat Anne Pettifor den diesjährigen Hannah Arendt Preis der Heinrich Böll Stiftung und der Stadt Bremen erhalten. Ihre Rede und die Preisumgebung werden demnächst veröffentlicht, hier lege ich erst einmal einen Zugang:

Aus der Pressemitteilung vom 29.11.2018:

Die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2018 an Ann Pettifor findet am Freitag, den 7. Dezember 2018 um 18.00 Uhr im Bremer Rathaus statt. Den Preis überreichen die Bremer Bürgermeisterin und Senatorin Karoline Linnert, Ellen Ueberschär, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Ole-Sören Schulz, Vorstand des Hannah-Arendt-Preis e.V.. Der Hannah-Arendt-Preis wird von der Stadt Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert.

Ann Pettifor ist Ökonomin und Direktorin von Policy Research in Macroeconomics (PRIME) sowie Mitglied der Organisation New Economics Foundation in London. Sie lehrt am Political Economy Research Centre der City University London. Als geschäftsführende Direktorin von Advocacy International berät Ann Pettifor Regierungen und Organisationen in Fragen von unabhängiger Schuldenrückführung, internationalen Finanzen und nachhaltiger Entwicklung. (Begründung der Jury )

Ihr Buch „Die Produktion des Geldes“, Hamburger Edition 2018, ist gut lesbar, provokatdes iv, regt zur politischen Praxis an. Ich schreibe hier keine Rezension, sondern mäandere von Veranstaltung zur Diskussion am nächsten, von einigen wichtigen Sätzen zu politischen Assoziationen und vom Glück einer geglückten kritischen Veranstaltung zu Überlegungen, die sehr wohl den Zustand unserer Gesellschaften und Politik zum Inhalt hatten. Das Lesen des Buchs erspare ich euch nicht, aber manche Hinweise könnt ihr auch ohne das Durcharbeiten als Motivation aufgreifen.  Als Mitglied der Jury weiß ich mich mit der Entscheidung für Anne Pettifor einig, und meinen Themen hilft sie auch.

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Einige Assoziationen.

Nicht weit vom Diskussionsort an der Contrescarpe in Bremen liegt das Finanzministerium am Rudolf-Hilferding-Platz. à Rudolf Hilferding[1]? War da was? Bei der Veranstaltung meinte ich nicht ihn, wenn meine Mitschrift R.H. vermerkte, à Rudolf Hickel[2] ist gemeint, einer der beiden Kommentatoren, der andere war Dieter Rucht[3] vom à WZB.

Selten hat es eine Preisverleihung gegeben, bei die Namensgeberin Hannah Arendt soviel Erwähnung und Zuordnung erfuhr wie in der Laudation von Monika Tokarzewska und im Vortrag der Preisträgerin. Bei beiden drehte es sich um den Sinn der Politik, die Freiheit.

Antonia Grunenberg, ohne die der deutsche zeitgenössische und -gemäße Bezug zu Hannah Arendt nicht vorstellbar ist, moderierte die Diskussion am zweiten Tag. Bei ihr ist die Verbindung von Politik und Freiheit, und der Zug zum Handeln in jeder Frage sichtbar.

Pettifor macht sich die Kritik des global vagierenden Finanzkapitals, der Banken, nicht leicht, sie setzt gleichwohl auf die Veränderbarkeit der bestehenden Systeme, das bedeutet Politik zu machen, politisch zu sein.

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Mir hat der Nebensatz gefallen, wonach Ökonomie ohnedies keine Wissenschaft sei, wie wissenschaftlich sie auch daherkomme; und wie unsichtbar sich das Kapital global bewege, ganz anders als die Erscheinungen der Missstände, die sinnlich wahrnehmbar und attackierbar sind. Pettifors Rahmen ist die Aufklärung, naja, das wundert nicht, aber sie ist dezidiert, wenn es um das Wissen, das Kennen der Strukturen geht, und da rangieren die zwei Bereiche Frauen und Umweltpolitik gut begründet ganz oben. Wobei mich die Analyse der Steuerleistung berufstätiger Frauen – mehrheitlich im Gesundheits- und Bildungswesen – beeindruckt; und stieß auf eine der Diagnostik bedürftige Ableitungskette: Weil man überall auf der Welt mit der Karte an Geld kommt, steigern wir selbst über Konsum eine bestimmte Form wirtschaftlicher Dynamik, alles ist easy in der „Easy-Markenfamilie“

: Easyenergy, Easyproperty, Easyshopping, Easyjet…unsere Verhaltensdispositionen wurden bei der Diskussion durchaus erwähnt, kamen aber zu kurz. Wir sind, wir agieren als Verbündete eben dieses Kapitals – und ich denke an die anthropologischen Diagnosen, die not tun, warum so handeln, obwohl wir es besser wissen könnten. Das erscheint mir eine entscheidende Hürde auf dem Weg zu wirkungsvollem Handeln aus Widerstand, politischer Einsicht und Zeitnot.

Und das, was „leicht“ erscheint, weil als Schmiermittel zum Kauf und zur Verschuldung angepriesen, sollte in diese kritische Anthropologie einbezogen werden, weil es auch die leichte Durchquerung großer Räume und Überbrückung von Zeiten beinhaltet, die unser wirkliches Leben überholt. Und damit auch demonstriert, wie wenig wir tun können, auch wenn wir mehr zu sagen haben.

Erst politische Bewegungen, – man wird auch sagen: Parteien – verstehen, dass man das Finanzsystem ändern muss und die eigenen Verhaltensweisen, Konsum, Lifestyle, Habitus. Soweit so gut, aber wie kommt man da hin? Bei der Diskussion am nächsten Tag treten dann die Brüche auf. Die Dialektik von „Leadership“, aber ohne „Leader“, und demokratischer Teilhabe am politischen Prozess, z.B. der Bankenregulierung, ist offen, wenn es konkret wird. Leadership ist eine voraussetzungsreiche Konstruktion, Leader sind reale Personen – die oft Institutionen ersetzen à letzte Blogs. Ohne die Ordnung der politischen Ziele – und ihrer praktischen Konsequenzen – können die besten Bedürfnisse und Wünsche („1000 Blumen“) zu keinem Erfolg führen (Beispiel: Klimagipfel Kopenhagen). Aber wer führt die Ziele wie zusammen? Die Vorstellung der naturwüchsigen Demokratie wurde noch nicht einmal vorgebracht, und ob  jeder angesichts drohenden Klimazusammenbruchs besondere Verantwortung „fühlt“, ist mehr als fraglich. Also bedeutet Leadership auch Anführen, Lenken, Macht erobern und gestalten – wieweit die dann legitim(iert) ist, hängt nicht nur vom demokratischen Prozess ab (Teure Spritpreise sind ein Beispiel, bei dem man die Gelbjackenargumente, die dauernd vorgebracht werden, gut studieren könnte).

In der Differenz von sozialen Bewegungen ist spannend, wieweit erste Systemänderung auch mit Gewalt fordern bzw. initiieren dürfen. (Gesa Lindemann hat über notwendige Gewalt argumentiert, sie binde widersprüchliche gesellschaftliche und staatliche Politiken zusammen, was wenig über Legitimät und Anlässe aussage, zB. beim G20 in Hamburg).

Mir ist bei der Diskussion an beiden Tagen aufgefallen, dass zwei Begriffe nicht gefallen sind: Republik und Establishment. Die Republik, den Republikanismus, braucht man aber, um den öffentlichen Raum zu bestimmen, in dem Demokratie wirken kann und ausgehandelt wird. Auch wo sich demokratische „Leadership“ entfalten kann oder verbietet. Und der Kampf der Bewegungen gegen das Establishment verbindet „rechte“ und „linke“ Bewegungen, im Populismus, es kommt immer weniger auf Inhalte an, wenn es um die bloße Dynamik gegen die da oben geht bzw. darum, sie am regieren zu hindern. Ein Wagenknecht-Anhänger hat das in der Diskussion deutlich gemacht, eher ohne Argumente single issues hervorhebend, aber ungewollt löste er die Diskussion darüber aus, ob denn die Grünen, wieder an der Regierung, nicht sich genauso dem Finanzkapital unterwerfen würden wie sie das vor 2005 getan hätten –  und etwas gewittrig war die Zustimmung zu diesem Zweifel.

Hier schließt sich ein Kreis: wenn man die aufgeklärte Bevölkerung über identifizierbare Ziele zur Änderung von Strukturen animiert, kann das gelingen, links wie rechts. Welche Art diese Änderungen sein sollen, dürfen, – Beispiel: Klima und Finis terrae – hängt von der Macht ab, die in die à time of useful consciousness, also jetzt, also politisch eingebracht wird. Ob das Handeln am Abgrund und mit ungewisser Zukunft demokratisch sein wird, kann, ist ebenso ungewiss wie die Antriebe, es geschehen zu lassen angesichts der Dynamik des Zuspät, und der unsichtbaren Macht des Geldes (Letzteres muss ironisch sich verkleiden).

Ich fand interessant, dass und wie Frauen in die politische Ökonomie dieses komplexen Zusammenhangs hinein ermächtigt werden können und damit politisch handlungsfähiger werden. Und wie sich dies möglicherweise dynamisierend auf den zweiten Handlungsbereich, die Ökologie, verstärkend auswirken könnte. Hickel hatte die Parteien als dritte Ebene (der konsolidierten Demokratie, schränke ich ein) eingebracht, die die Interessen zusammenfassen und in Machtstrukturen umwandeln sollen. (Dann würde der Druck der Zivilgesellschaft und vor allem der Wissenschaft auf sie wirken, für die Pettifor und Rucht stehen).

Und ich frage mich, wie man Globalisierung kritisieren, sie anerkennen und in der Lokalität über viele Anlässe hinaus umgestalten kann; von gelingenden wichtigen Einzelfällen abgesehen. Es muss wohl noch in letzter Minute einen Sprung in der Evolution geben.

 

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Mir war keinen Augenblick dieser Veranstaltung langweilig, was selten vorkommt. Ich habe auch weder Handy gelesen noch etwas anderes geschrieben. Ein Lob der Heinrich Böll Stiftung also, Aufklärung im besten Sinn, und die Formen des verbindenden Diskurses pflegend. Das ist auch für künftige Jurysitzungen wichtig, wenn wir eine neue Preisträgerin für 2019 aussuchen.

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[1] Hilferding passt nur beschränkt zu Pettifor. Aber manches bei ihm ist wie ein antizipiertes Wetterleuchten. Erste Hinweise bei https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Hilferding#Theorie

[2] Rudolf Hickel erschließt sich schon beim Aufsuchen seines Namens im Netz, und sein medialer Einfluss ist so groß wie sein theoretischer. Man muss bei ihm unter die Oberfläche seiner umfassenden Kommentierung von allem und jedem schauen, um die Zusammenhänge klar herauszuarbeiten, und dann lohnt es sich. Bei unserer Veranstaltung hat mich sein ambiger Kommentar zur Griechenlandrettung/verdrängung überzeugt. Dass er auf allen polit-ökonomischen Hochzeiten tanzt, ist auch ein Zeichen dafür, wie wenige ernsthafte Ökonomen es in unserem Land gibt.

[3] Einer, der sich intensiv mit den sozialen Bewegungen beschäftigt hat. Erfahrungenmit Attac waren in der Diskussion hilfreich, und der Ernst seiner Ableitungen aus der Kantischen Aufklärung überzeugt, wenn Wissenschaft und Politik einander gegenübergestellt werden. https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Rucht

Pause beim Abstieg

 

Beim Aufstieg zum Gipfel will man seine Kräfte einteilen, oder sich erholen, bevor man den Stein ganz nach oben drückt. Es gibt viele Gründe, beim Abstieg zu bremsen, um nicht zu früh anzukommen oder auch, um nicht zu schnell zu werden, zu stolpern und endgültig bergab zu stürzen.  Das gilt nicht nur für den heutigen Sisyphos, das gilt nicht nur für Bergsteiger; das ist auch richtig, wenn wir in Richtung Finis terrae gleiten.

Bevor man zu müde wird, um seine Bewegungen, seine Politik kontrolliert einzusetzen, ist es wichtig anzuhalten. Über die a habe ich schon mehrfach geschrieben. Zusätzlich kommt es auch darauf an, bei sich zu sein, wenn man alternativlos handelt. Das gilt jetzt bei den Klimaverhandlungen, das gilt beim Kampf gegen die zusammengeschlossenen linken und rechten Plebejer in Frankreich (deren vereinte Forderungen ein Nullsummenspiel ergeben), das gilt beim globalen Endkampf um die Strukturen, in denen wir Finis terrae aufhalten könnten. Könnten, können, nicht werden.

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Sich bestätigt wissen, ist nur dann ein Hochgefühl, wenn es um eine außergewöhnliche Einsicht geht. Mein sehr früher Befund, dass mit der fatigue de democracie die Institutionen unterlaufen und durch Personen ersetzt werden, die deren Funktion sich auszuüben anmaßen, ist nicht außergewöhnlich, sondern empirisch. Die Beobachtung muss nicht sogleich verstanden, analysiert und begründet werden. Ihr Ausmaß und ihre Folgen sind vor jeder Erklärung sichtbar.

Diese Personen sind meist Männer; sie üben Regierungsämter aus – an der Spitze wie Trump oder Putin oder Xi – oder im Orchester – wie Salvini oder Kickl, sie sind Wirtschaftsführer (wie die Autovorstände), sie sind Lobbyisten, nicht selten vertreten sie die Medien, die die anderen Medien angreifen, und sie stehen an solchen Positionen, von denen aus sie die Diskurse lenken und die daraus sich ergebende Politik gegen die Demokratie, und damit gegen die Institutionen orientieren können. Sie sind selten durch einen Putsch oder eine Revolution an die Macht gekommen, häufig durch demokratische Wahlen. Demokratie schwimmt an der Oberfläche politischer Systeme, sie kann nur wirken, wenn sie auf einer republikanischen, aufgeklärten, rationalen Gesellschaftsstruktur aufbaut und nicht formal aufgesetzt ist auf eine Bevölkerung, die sich nicht als das Volk konstituiert hat, von dem das Recht ausgehen kann.  Große Worte, ….ich weiß. Und? Sags kleiner.

Wenn die Leute nicht bereit sind, sich zu dem zu verfassen, was demokratische Strukturen trägt, dann kann man sie nicht auf direktem Weg dazu zwingen (das haben ja einige sozialistische Staaten versucht – Ergebnis? Sachsen…und schlimmeres).  Warum sind die Leute dazu nicht bereit? Weil sie befürchten, in kurzer Zeit das zu verlieren, was ihnen jetzt wertvoll ist. Was langfristig kommt, interessiert sie wenig a) weil und wenn sie ans Jenseits glauben, b) weil und wenn sie an das Nichts nach ihrem Tod glauben, c) wenn ihnen die Lebens- und Überlebenschancen anderer gleichgültig oder äußerlich sind.

Man kanns aber auch anders sagen: demokratische Wahlen und Verfahren sind als Teil, nicht als Ensemble, demokratischer Gesellschaften nur dann eine Legitimation von Herrschaft, wenn diese Gesellschaft darauf ausgerichtet ist. In der fatigue de democracie ist genau dies nicht der Fall.

Die Personalisierung verschmilzt Führer und Volk. Deutschland, Deutschland über alles ist nichts anderes als America First unter Trump. Das Brechen von Verträgen ist ein Kennzeichen dieser Legierung, und zwar nicht als „Ausnahmezustand“  (Carl Schmitt), sondern als Normalität von Herrschaft im Namen des Volks, das es nicht gibt. So wenig wie Gott als Patron eines Volkes (Reaktionäres Russland).

Die Blindheit gegenüber dem notwendigen Instrument der Demokratie besteht unter anderem darin, dass eine aufgeklärte Verantwortungsethik als etwas angesehen wird, das den Bereich individueller, d.h. personaler Handlungsmöglichkeit, „ohnedies“ ausschließt – der einzelne kann eh nichts machen, sagen die Gelbjacken. Und ähnlich erleben die Besucher des Glacier Nationalparks in Montana (70% Trumpisten) das Glück, die sterbende Spezies noch zu erleben; die nächsten Generationen werden dort keine Gletscher mehr sehen. Aber weil diese Menschen dann eh nicht mehr leben werden, ist das doch egal. Demokratie hieße im konkreten Fall, eine Meinung öffentlich zur Politik werden zu lassen, die z.B. der Enkelgeneration das Anschauen von Gletschern ermöglichen sollte.

Ist das alles so schwierig zu begreifen? Wahrscheinlich ja. Was haben wir über die Erziehungsdiktaturen von Rousseau und Herbert Marcuse gerätselt…was haben wir über die Verkürzung nachgedacht, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen darf und kann. Es kommt  auf die Betonung an. Zu seinem Glück – oder zu seinem Glück – oder zwingen.  Offensichtlich dürfen die neuen Zwingherrn sehr wohl viele oder gar alle zu ihrem Unglück zwingen, und werden dafür noch zu Dinners eingeladen und schauen auf dem Gruppenfoto alle so deppert aus, wie sich die Betrachter fühlen. Mit Ehrenkompanie…das nehmen wir übel.

Die Pause geht langsam zu Ende. Wir packen unsern Ethikvorrat wieder ein – Ethik ist die Idee vom guten Leben. Noch ein Schluck, dann geht’s weiter bergab. Und die Schleimknechte bauen weiter ein SUV Werk in den USA. Währenddessen finden in den Parteien im demokratischen Deutschland überall Kandidatur-Debatten statt, die einen oft an den demokratischen Verfahren zweifeln lassen, und das belegt nur, dass auch bei uns Demokratie noch nicht tief wurzelt – oder gar nicht verstanden wird.

Ich wollte ja eine Pause einlegen. Aber bei den nächsten Schritten bergab stellen wir alle fest

  1. Demokratie tut mindestens so weh wie die Liebe (–> Eva Illouz, und zwar aus ähnlichen Gründen)
  2. Der Stein ist so schwer zu bremsen und unser demokratisches Fitnessstudio ist eine Bruchbude
  3. Nur in den Abgrundspringen ist noch schlimmer

Grausame Provinz

„ZWEITER MIME: Morgen habe ich einen Funk … Kinderstunde … ‚Schneewittchen‘ … Ich spiele einen Zwerg …
ERSTER MIME: Welchen?
ZWEITER MIME: Den vierten …
ERSTER MIME: Wie legst du ihn an?
ZWEITER MIME: Hintergründig …“
(„Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben“, S. 139)[1]

Die Übereinstimmung der folgenden Beobachtungen mit wirklichen Menschen, Orten und Situationen ist beabsichtigt, könnte aber rein zufällig auch ganz anderswo sich ereignet haben und beansprucht keinen Anspruch auf objektive Überprüfbarkeit außer durch Theaterbesuch und Kritikoffenheit.

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In einer deutschen Landeshauptstadt gibt es ein renommiertes Stadttheater, das durchaus ein Staatstheater sein könnte, weil es ja die erste Bühne des Bundeslandes ist. Ich gehe gerne ins Theater, ca. 50 mal im Jahr treibt es mich zu den Bühnen des Sprech- und Musiktheaters, in jener Stadt oder in den großen Metropolen. Gewohnt bin ich das aus meiner Jugend und Studienzeit in Wien, und seitdem hat es mich nur verlassen, wenn ich beruflich lange Zeit in mimenfreien Gebieten war. (Ähnliches gilt auch für Kino und Konzerte).  So nimmt es kein Wunder, dass ich großen Anteil an der Entwicklung und den Geschicken jenes Stadttheaters genommen habe, in den letzten 12 Jahren, davon 10 Jahre unter einem Intendanten, mit dem mich eine Freundschaft, und oft, nicht immer, künstlerische Übereinstimmung verband, ebenso wie mit einigen der wirklich sehr guten Schauspieler*innen und vielen Produktionen des Hauses.  Man kann sagen, dass dieses Theater alles andere als ein provinzielles Stadttheater war, und es hat neben Furcht und Mitleid auch Bildung, Kritik, Widerstand und eine gewisse ästhetische Grundbildung vermittelt, die ja die deutsche Provinz nicht gerade auszeichnet. Der Intendant hat die Stadt verlassen, mit ihm mussten ganz viele der Mimen auch gehen. Eine neue Intendantin trat ihr Amt an, eine Frau aus dem Osten, was zu Hoffnung Anlass hätte geben können, wäre der neuen Leiterin nicht der künstlerische Bericht aus der westdeutschen Provinz vorausgeeilt und ihr Schwerpunkt auf politisch korrekte Kommunikation im Umfeld des Theaters läge, aber nicht drin, im Großen Haus.

Nun habe ich die letzten drei Premieren in ebendiesem Haus gesehen. Und werde in der laufenden Spielzeit diese Spielstätte nicht mehr besuchen, was keine Drohung ist, weil ich ohnedies keine Kritiken schreibe und veröffentliche. Ein Stück von Brecht, aufwändig grausam realistisch inszeniert, um eine platte Botschaft zu vermitteln. Langweiligst. Ein Stück von Shakespeare, eine Schändung eines der großartigsten Theatertexte, unlogisch und langweiligst. Ein Schwank aus der vorletzten Jahrhundertwende, mühsam aktualisiert, deprimierend, obwohl eine Dorfzeitung schrieb, er hätte sein Publikum „erheitert“.  Eine Inszenierung schlechter als die vorige, sodass auch die Hoffnung, das nächste Stück würde besser werden, enttäuscht wurde. Einige sehr gute und gute Schauspieler*innen mussten sich der jeweiligen Regie beugen, die meisten weniger guten fanden das Konzept wohl angemessen. (Ausnahme, um gerecht zu bleiben, gute Musik, bestens gespielt, ob sie nun dazu – wozu, eigentlich? – passte, oder nicht).

Diese Beobachtungen reichen für sich nicht einmal für einen Blog. Vergiss es, fahr nach Berlin, geh in die Schaubühne, ins DT,  ins BE, ins HAU, in die Volksbühne …. Dort gibt es auch einmal Mist oder ein missglücktes Konzept. Ja schon, ABER: das besagte Theater hatte sich weit über die Kategorie „Stadt-„theater“ herausgearbeitet gehabt und gab der Zuordnung neuen, lebendigen Sinn. Und jetzt das. Provinz muss nicht provinziell sein, aber wenn sie es ist, müssen andere Fragen gestellt werden. Zum Beispiel ob es richtig ist, Millionen an Subventionen für ein etabliertes Haus dieser Qualität zu zahlen, wenn die freien Bühnen und Theater am Existenzminimum herumkrebsen. Zum Beispiel ob die künstlerische Distanz zwischen beiden Klassen tatsächlich an der sozio-kulturellen und ökonomischen Differenz zu bemessen ist (ich habe genügend Vergleiche aus dem Off-Bereich um zu sagen, dass einiges dort eindrücklicher und eindringlicher ist als im Großen  Haus).

Wenn ich bloß an die grausame Inszenierung des Schwanks denke, bei dem ein Teil  des Publikums auch tatsächlich spontan gelacht hatte (man müsste die Stellen analysieren, oft ging es zum Beispiel darum, wie eine Behinderung erheiternd wirkte), dann kommt einem in den Sinn,  wie lustig das Groteske, das Ernste, das Tragische sein kann, von Qualtinger über Monty Python bis Loriot, und wie schrecklich die Klamotte wirkt, wenn sie für „leicht“ (o Ihr Musen) oder entlastend erachtet wird.

Beim Brecht hatte ich gedacht, Abituriententheater und gut gemeint sei das Gegenteil von Kunst. Bei Shakespeare hatte ich gedacht, dass Regietheater es auch vermag, einem Stück seinen Inhalt zu rauben. Beim Schwank kam beides zusammen. Der brutale Realismus, der der Phantasie keinen Raum bot, aber nicht die Abgründe, nur das Niedrigwasser der plebejischen Kultur zeigte, der auch noch jede Anspielung erklärte, weil man selbst das dem Publikum nicht zutraue, vor allem in der Zusammenfassung vor dem letzten Vorhang, dieser Realismus entbehrte nicht nur des Humors – kann man ja so machen – aber auch dessen Umkehrung in die Farce der Polaritäten gesund-normal-wahnsinnig, Stadt-Land, romantisches versus geldgieriges Begehren – nichts, aber nichts von all dem auch nur dramatisiert.

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Natürlich erzähle ich das nicht herum, ich habs schon verdaut, aber mich geärgert. Warum? Weil wir genügend andere Stoffe im urbanen Diskurs haben, die dringender und folgenschwerer zur Praxis drängen als diese Bühne. Schade nur für die guten Schauspieler*innen, und die Chance für die andern, besser zu werden. (In der Pause habe ich mitbekommen, dass ich mit meinen Wahrnehmungen nicht allein war, aber beim freundlichen und enden wollenden Schlussapplaus bekommt man ja dann doch Hemmungen, gleichmäßig apathisch auf das Ende zu warten, ohne jegliche Anerkennung für die, die sie verdienen…das wird einem dann als Zustimmung  ausgelegt, wie die Bemerkungen, „Sie haben da ja auch doch gelacht/geklatscht“, ohne zu fragen worüber und warum).

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Auch in der Provinz kann großes Theater geschehen. Nicht immer, nicht wallfahrtsmäßig entrückt, sondern einfach,  weil Kunst gesellschaftlich sich vermitteln kann, und das ist in einer komplizierten gespaltenen Stadt oft wichtiger als in der Konkurrenz der hundert Bühnen in den großen Metropolen. In Wien, Berlin oder Hamburg kann ich mir aussuchen, ob ich am Abend ins Theater gehe und wohin…das ist anderswo nicht ganz so einfach. Und Theater muss uns nachlaufen, wenns ums Angebot geht,  aber es muss uns nicht nachlaufen mit einer Anmutung, den vorhandenen Geschmack zu bedienen. Es muss schon provozieren, meinetwegen mit Leichtigkeit, aber nie ohne die Distanz, die die Kunst uns voraus hat, voraus haben muss.

Aus dem eingangs zitierten Dialog zwischen Qualtinger und Sklenka:

Erster Mime: Hast du Girardi noch gesehen?
Zweiter Mime: Ausgesprochen überschätzt.
Erster Mime: Er hatte gute Beziehungen zur Presse.
Zweiter Mime: Nur so kommt man nach Wien.
Erster Mime: Wien … Josefstadt … Volkstheater.
Zweiter Mime: (nachdenklich): Mährisch-Ostrau war besser als Teplitz-Schönau.
Erster Mime: Vom neuen Jedermann habe ich furchtbare Verrisse gelesen.
Zweiter Mime: Ich habe immer gesagt, das Stück passt nicht zu Salzburg.
Erster Mime: Vielleicht zu Linz … In Linz müsste man sein.

 

 

[1] Ilse Walter: Best of Qualtinger.Wien, München: Deuticke, 1999. S. 139