Spahn = Seehofer –> der Kampf gegen den Rechtsstaat

Man liest „es ist im Grunde ein unfassbarer Vorgang: Da gibt es ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das besagt, dass Schwerstkranken in unerträglichen Leidenssituationen der Erwerb tödlich wirkender Medikamente erlaubt werden soll. Doch das zuständige Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte weist reihenweise Anträge Schwerstkranker ab – und zwar auf persönliche Weisung von Gesundheitsminister Jens Spahn. Dem Tagesspiegel liegen Regierungsdokumente vor, die das belegen, darunter eine handschriftliche Notiz von Spahn. Im Ergebnis sind 93 von 123 vorliegenden Anträgen bereits abgelehnt worden. 22 Antragsteller sind in der Wartezeit verstorben, der Rest der Anträge wird wohl demnächst abgelehnt. Von Einzelfallprüfung kann also kaum die Rede sein. Dass Spahn die Sterbehilfe so verhindert, geschieht aus Überzeugung – keine Frage. Doch dass der Minister damit ein höchstrichterliches Urteil unterläuft, ist bedenklich. In einem Rechtsstaat geht Recht schließlich vor Überzeugung“. (Tagesspiegel online 19.2.2019)

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Deportationsminister Horst Seehofer, „christllich-sozialer“ Angstblütler und Innenminister einer apathischen und in wichtigen Fragen uneinigen Koalition, hat wieder abgeschoben; heute Nacht, Afghanen nach Kabul. Das ist aktive Sterbehilfe, allerdings ohne Antrag der Opfer. Er glaubt, unterstützt von ein paar charakterlich schwachen „Innenministern“, allmählich stumpfe die öffentliche Aufmerksamkeit zu diesen potenziellen Tötungsakten ab. Ob Herr Seehofer heimtückisch, absichtsvoll, besonders grausam handelt, ist bei seinem Geistes- und Seelenzustand egal. Er schickt Menschen in den Tod. Dass seine durchaus unfähigen Mitarbeiter im Innenministerium das Schicksal der Deportierten nicht nachverfolgen können, verwundert nicht.

Dem Gesundheitsminister kann man nur schwerste Schmerzen und weiterhin eingeschränkte Wahrnehmung von Recht und Moral wünschen, man kann das, aber man soll es nicht: Gleiches mit Gleichem vergelten, geht eben im Rechtsstaat auch nicht.

Dem Deportationsminister kann man nur wünschen, er möge seine Opfer mit in die Todesgefahr begleiten. Er muss ja nicht gleich sterben, aber ihn in Gefahr zu bringen kann ein Weg sein, ihn und die Regierung zur Vernunft zu bringen.

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Natürlich können wir deutsche Staatsbürger, sofern sie in Terror und politischen bzw. religiösen aktiv sind, sofort zurückholen und dann hier dem zitierten Rechtsstaat zuführen, einschließlich der Würdigung ihrer Distanzierung von ihrem gewaltsamen Vorgehen (schützt ja nicht vor Strafe).  Und das ist die Brücke zu den Abgeschobenen: wenn sie wirklich Straftäter sind oder nachgewiesene Gefährder, dann gilt auch für sie der Rechtsstaat und nicht die öffentliche Meinung oder das Volksbewusstsein.

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Vertrauen wir nicht mehr auf diesen Rechtsstaat? Räumen wir den Spahns, Seehofers und Konsorten ein Trumpoides Rechtsverständnis ein? Das ist keine triviale Frage. Bei den Straftätern aus Afghanistan und anderen Fluchtausgangsländern ist es ja wirklich fragwürdig, ob man d-ie auch bei uns „behalten“ solle, sozusagen ein „Belonging aus übergeordneten rechtlichen Grünen (Asylrecht)“.

Aber wir können uns die Menschen doch nicht aussuchen. Ich hatte aus anderem, vergleichbaren Anlass darauf hingewiesen, dass Überlebende der Shoah nicht automatisch besser und moralisch seien als ehemalige Täter usw. (was von eben diesen bzw. ihren geläuterten Nachfolgern geradezu penetrant verlangt wird.“gerade die müssten doch wissen…“). Wenn einer verfolgt wird und sich auf das Asylrecht bezieht, muss er deshalb kein guter Mensch im Sinne einer konstruierten Grenzlinie zwischen normalen Guten, also Staatsbürgern, Deutschen, Christen etc. sein. Wenn einer nicht verfolgt wird, sondern keine Zukunft hat und fast verhungert, gilt das Gleiche.

Wer leben möchte, möchte gut leben. Das ist ein Menschenrecht.

Wer nicht mehr leben möchte, möchte als Mensch, d.h. würdig sterben. Und aus Selbstbestimmung.

Beides wünschen wir diesen unsäglichen Typen in unserer Regierung.

 

Nasenring

Als der Zirkus in Flammen stand…

Eines der schönsten Lieder von Georg Kreisler. Und natürlich rennt alles, das nicht verbrannt ist, kreuz und quer durch die Straßen der Stadt, rennet, rettet, flüchtet.

Nur seelenruhig zieht der Bärenführer Donald seine Teddys hinter sich her, am Nasenring. Das Maas-Bärchen, ein drolliger Fremdsprachler, knurrt nicht einmal, wenn der dreiste Grenell statt Botschafter zu sein, Hetzbotschaften für die deutschen Wirtschaftsbären loslässt (die auch Nasenringe tragen, aber meinen, der Markt hätte sie ihnen verpasst); wenn der deutsche Bär den Botschafter einbestellt hätte, wäre für den ein Nasenring eigentlich auch ganz gut angestanden. Donald führt auch das Bärenröschen, so gar nicht pummelig und höchst aufrecht, es hat ein Ringpolster verpasst bekommen, als sie Donalds Geldforderungen verteidigte, damit die europäische Armee nicht auch die NATO bedrohe; gern habens die Grizzlys gehört, dass jemand die amerikanischen Bärenführer verteidigt und nicht immer nur mäkelt. Ja und unsere Bärenmutti hat längst Frieden mit der Massentierhaltung NSA geschlossen, keine Spur von Missbrauch mehr, und ihr Nasenring ist von Melania mit einem speziellen Parfum eingesprüht worden (Moschus und Florida).

Eigentlich wollte ich ja über das hündische Benehmen der deutschen Großkopferten schreiben, wie sie sich demütigen vor dem Donald. Aber da ich einen lieben und klugen Hund besitze, wäre „hündisch“ eine Beleidigung der Schöpfung und zu viel der Ehre für den Trump. Sein Problem ist nur, dass er den Zirkus anzünden muss, um mit den Bären losziehen zu können.

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Also keine Tiervergleiche. Trump könnte man natürlich alle Formen historisch gewachsener Metaphern anhängen, und bei einigen Adjektiven assoziieren viele gleich ein Tier mit…soll man aber nicht, es muss uns schon etwas menschliches einfallen.

Von Putin lassen sich nur ein paar praecocte Jugendliche mit einem Ring durch die Arena ziehen, in der Hinsicht geht von ihm weniger Gefahr aus, wenns zu arg wird, vergiftet er halt schnell einen Widerständler. Die Unterwerfung unter die Amerikaner durch Regierung, Industrievorstände und andere Nutznießer ist eine spezielle Form der Bündnistreue. Hier geht es nicht um die Verteidigung des Westens, wenn man als Tanzbär die Aushebelung der amerikanischen Demokratie unterstützt, und damit unsere eigene gefährdet.

Die deutschen Eliten haben Angst (das haben sonst nur die für die AfD abgehängten Randschichten). Die deutschen Eliten haben Angst: wenn sie den Iran-Sanktionen widersprechen oder gar trotzdem mit dem Land Handel treiben – was sinnvoll ist, dann fürchten sie als Freunde oder gar Verbündete des Iran missverstanden zu werden. Abwegig. Diese Angst gibt es auch bei der politisch sich links verortenden Randgruppe: wer sich von Putin oder gar Assad distanziert, kommt in den Verdacht, ein Anhänger Trumps zu sein. Igittigitt, da helfen keine Argumente. Wer Netanjahu kritisiert, kommt in den Verdacht, ein Freund der Hamas zu sein, wer Netanjahu nicht kritisiert, kommt in den Verdacht, die Palästinenser nicht zu mögen, und wer beide kritisiert, kann ja gar nicht mehr in den Boulezsaal gehen und Musik von beiden hören. (genauer: https://boulezsaal.de/de/barenboim-said-akademie).

Was sich da an Lügen und Verdrehungen bei der Sicherheitskonferenz ansammelt, ist schon am ersten Tag schlimm, und wird mit Lavrov und Pence noch schlimmer, wenns geht. Vielleicht ist der Zirkusbär doch eine gute Metapher, weil der Nasenring gegenüber der zweiten Garnitur europäischer Politiker*innen die langsam erprobte Waffe des amerikanischen Narzissten ist. Der braucht gar keine Zölle erheben, wenn er grunzt, schweigt das Publikum im Parkett ergriffen.

Und alles nur aus Angst. Dafür können die Deportationssektierer Seehofer und Hermann immer wieder auf sichere Länder verweisen, in Afghanistan sterben ja nur Kinder, und die schiebt man noch nicht ab…und sie haben ja ein Vorbild an der mexikanischen Grenze, der Trump hat ja recht, da kommen doch die ganzen Drogen, Huren und Arbeitskräfte ins Land, igittigitt, Sklaven darf man ja keine mehr einführen. Scheuer hat Angst vor Daimler, Maas hat Angst vor Pompeo, Merkel hat Angst um die alternativlosen Unterwerfungsgewinne, die SPD hat Angst, dass die Braunkohlenverfechter von ihren Kindern beim Ersticken beobachtet werden, obwohl sie noch einen Arbeitsplatz haben, bätschi; die Grünen haben Angst, dass ihr Erfolg in der Mitte wirklich ihnen, den Grünen, zugerechnet wird und nicht einfach der Dummheit der anderen (weshalb einige Grüne gerne nach Links gehen möchten, da braucht man keine Angst mehr zu haben, weil man da auch nicht gewählt wird). Die CDU hat Angst, dass die Kinder, die von ihren Männern gezeugt werden, von den überzeugten Frauen nicht ausgetragen werden: wo komme wir denn da hin, wenn jeder Fremdgänger so bestraft wird…Und ich mach einen Angstkatalog, ganz und gar ungeordnet. Es ist nämlich egal, wo man anfängt: ein kluger Hund verbellt vor allem diejenigen, die zeigen, dass sie Angst vor ihm haben.

(Aber so klug sind Grenell und Trump nicht zusammen).

 

Liebe ist nichts als Gewöhnung, oder: Leidenschaft & Politik

Als ich vor vielen Jahren begann, mich mit Rousseau zu beschäftigen, fiel mir immer wieder auf, wie sehr er dem Begehren Platz einräumte und der Liebe die Eigenschaft der Gewohnheit.

·       Prolog I

 

 
Doch heute ist ja erst mal streikfreier Valentinstag (gestern protestierten u.a. Lehrerinnen, Erzieher, Polizistinnen, Feuerwehrleute, Förster), und den stellt die BVG wie immer unter das Motto „Weil wir Dich lieben“ (morgen dann „Weil wir Dich schieben“). Apropos Valentinstag: Die weltberühmte „Hafenbar“ will eine „Mauer der Liebe“ errichten und sucht dafür Fotos von Paaren, die sich in den vergangenen 52 Jahren eben dort kennen und lieben gelernt haben. Gerne mit der dazu gehörenden Geschichte an ahoi@hafenbar-berlin.de schicken. Tagesspiegel online: 14.2.2019
  • Prolog II

Vor vielen Jahren habe ich an der Universität Osnabrück über Rousseau gearbeitet, gegen seine Gegner, die ihm Erziehungsdiktatur und Unlebbarkeit vorwarfen…längst vorbei. Aber immer erinnere ich die Diskussion um die Phrase, dass Liebe nichts sei als Gewöhnung, und andere Sprüche über die Liebe, die man gut im Zitatenlexikon nachlesen kann, aber nicht hier, weil der Kontext zu wichtig ist. Überhaupt ist die Verwendung und Abflachung des Liebesbegriffs so inflationär wie die Ratgeberkonjunktur zu Glück, Kulinarik und Schönheit.

  • Prolog III

Warum stört es jemanden wie mich, wenn ich überall lese „wir lieben es“, wenn der Burger so wie das Auto und der Zustand der Sättigung gleichermaßen mit dem synthetischen Begriff Liebe verknüpft wird? Sollte ich darüber nicht hinaus sein?

Die Emanzipation von der romantischen Liebe ist ein Lebenswerk, und vieles wird auf dem Weg dahin zerstört. Wers nicht glaubt und Freud auch nicht lesen mag, dem sei Eva Illouz empfohlen (Warum Liebe weh tut, Warum Liebe endet).

Mich stört daran, dass hier ein säkularer Begriff so platt gemacht wird. Die religiöse Liebe hat ihre Tücken: amor dei heißt eben nicht nur die Liebe zu Gott, sondern auch die Liebe Gottes, in schöner Analogie zur amor patriae.  Oder anders, die zunehmende Gleichsetzung von Liebe und Zufriedenheit fokussiert einen Zustand von Lebensabläufen, in denen so etwas wie die „objektivste Subjektivität“ eines jeweiligen nur du, nur ihr keinen Platz hat (der Plural ist wichtig: nur einen Menschen zu lieben, ist eine pragmatische oder normative, aber irreale Forderung). Deshalb war ich auch nie ganz zufrieden mit meines Freundes Erich Frieds berühmten Gedicht „Es ist, was es ist“ (1983). Wir haben lange darüber diskutiert, warum ausgerechnet die Liebe plötzlich eine Stimme, nicht aus dem Off, sondern im Streit mit allen Tugenden und Normen, haben sollte, die uns bestärkt im Gefühl, im Begehren (obwohl ich mir die Situation, in der eine( r) zu solchem Zitieren der oberen Instanz greifen möchte, nur zu gut vorstellen kann.  Ich setze dem entgegen „Nichts ist, was es scheint“ oder auch „Nicht ist, was es ist“.

Wenn mich nun die Berliner Verkehrsbetriebe lieben, wenn ich mein Auto lieben soll oder den Zustand des Genießens, dann wird die Warenwelt humanisiert, also ent-säkularisiert. Da ist man schnell bei Marx und Freud und Illouz, je nachdem, von welcher Seite man kommt.

Aber ich denke da eine andere Allee im Park der schönen Gedanken.  Die Gewöhnung an das geliebte Objekt, Mensch, Bild, Vase, Hund, Landschaft etc. erzeugt die Einbildung, ohne diesen Menschen, ohne dieses Bild, diese Stadt etc. „könnte, wollte ich nicht sein“. Unsinn. Die schreckliche Erfahrung aller Zeiten hat gezeigt, leidvoll, ohne was und wen jemand sein kann. Unglücklich ja, leidend ja, nachtrauernd oder resigniert. Aber doch weiter, immer weiter.

 

Und dann das. Ich nehme nur englisches LOVE, weil dort ja auch LIKE stehen könnte (mögen), und nur auf der ersten IT Seite bei der Eingabe „love IT“. Marx: Verdinglichung. Darf, kann man das gleiche Wort auf beides anwenden, Mensch und Ding? Ja, tun wir täglich, und doch nicht?

we love it! GmbH, Hamburg – Firmenauskunft – firmenwissen.de

  • firmenwissen.de

Wiesbaden – That´s why we love it – YouTube

http://www.youtube.com/watch?v=ZUA7G64pa2s

Outasight – We Love It Lyrics | AZLyrics.com

  • azlyrics.com

We love it vegan – Vegan aus Leidenschaft

weloveitvegan.com

We love Geflügel! (@we_love_gefluegel) • Instagram photos and…

http://www.instagram.com/we_love_gefluegel

We Love: Bekleidung

http://www.amazon.de/We-Love-Bekleidung/s?page=1&rh=n:77028031,k.

Es entsteht der Eindruck, dass die geliebte Ware die gleichen Wirkungen erzeugen kann wie Menschen sie herstellen, nur dass es halt keine Reziprozität mit der veganen Geflügelwurst gibt.

Eine steile These wäre, dass genau die Abschaffung dieser Reziprozität die Intention derer ist, die sie durch die Ware simulieren wollen. Das ist nicht neu, aber dass der Begriff allgegenwärtig verwendet wird, ist relativ neu.

Die Gegenthese sagt, es sei immer schon so gewesen, dass es eine Wechselwirkung mit der Dingwelt gegeben hätte, die durchaus den Charakter von Liebe gehabt hätte, und es bei der Liebe nicht darauf ankommt, welcher Natur das Objekt ist. Beleg: Taktik des Ehekriegs, von Chlodwig Poth 1980 geschrieben und gezeichnet, wo das „kleine, englische Pfeifchen“ die Rolle des geliebten Objekts spielt – und hier lernt man schnell, was eine Konstruktion ist.

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Und weil die Liebe, die Zuneigung, das gegenseitige Begehren etc. über diese Verdinglichung erhaben zu sein scheint, ist das Diktum, sie sei nichts als eine Gewohnheit, gar nicht so dumm. Es setzt nur voraus, dass man sich zwar in einen Burger oder Pullover „verlieben“ kann, aber dann wird daraus vielleicht eine Beziehung,  die es mit Subjekt-Objekt nicht so ernst nimmt.

Denkt daran, wenn euch ein Valentine näher gebracht wird.

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Und Politik? 1984 endet mit der Liebe zum Großen Bruder. In allen Diktaturen tausendmal erprobt. Dauert die Diktatur lange genug, wir die Gewohnheit zur Liebe und die Liebe zur Gewohnheit. Das gilt auch für die Heimatliebe, die oft eine Phantasmagorie der liebenswerten  Erinnerung ist, vielleicht an die Kindheitslandschaft (aber wer bleibt schon bei seiner ersten Liebe, vielleicht der Hikimori?). Deshalb beschwören die Retropolitiker der Linken wie der Rechten gleichermaßen die vergangene Liebe, die nicht mehr antworten kann (das Proletariat schweigt, die Frau am Herd schweigt, der im Felde unbesiegte Landser schweigt etc.). Sie aufzuwecken ist eine Übung, die die Parteistrategen fleissig betreiben, niemand ist von dieser Versuchung frei.  Aber Politik duldet keine Gewohnheit. (Außer habituell, das heißt: wir müssen die kommunikativen und empathischen Tugenden auch unter sich rapide wandelnden Umständen ständig erneuern, sozusagen „polieren“). Wer in die Politik verliebt ist, läuft Gefahr, betrogen zu werden.

 

 

 

 

 

Garnisonkirche zum weiteren Mal: es gibt keine Versöhnung

 

 

VORBEMERKUNG:

Diesen Vortrag habe ich am 9.2.2019 in Auszügen bei einer Veranstaltung „Geist von Weimar – Geist von Potsdam“ gehalten; ich bin gemeinsam mit Eugen Ruge, Matthias Grünzig und Hanne Birkenbach aufgetreten, es wurde diskutiert, und vor der Veranstaltung wurde ein Baum gepflanzt. Die Vorträge waren durchaus heterogen und sind auch Ausdruck der Breite und unterschiedlichen Struktur der Ablehnung gegen den Bau der Garnisonkirche Potsdam.

Den Leser*innen des Blogs lege ich eine frühere Version des Themas nahe, die viele Argumente vorbereitet hatte und auch eine Reihe von Literaturstellen und Referenzen enthält, die ich jetzt nichtmehr eingebaut habe. TAG VON POTSDAM: DIE GARNISON DER UNBELEHRBAREN, 23.3.2018, wie immer unter michaeldaxner.com

 

ABLEHNUNG DES AUFBAUS DER GARNISONKIRCHENTURMS IN POTSDAM

 

Die Stadt ist gespalten. Unter dem Neubau der Garnisonkirche in Potsdam leiden Freundschaften, politische Beziehungen und mein Lebensgefühl in dieser Stadt. Es gibt Gründe, warum ich diese Verwerfungen auf mich nehme; einige werde ich hier vortragen, zugleich versuche ich, die subjektiven Kernbereiche des Konflikts vor zu großer Beschädigung zu stützen. Jedenfalls hat dieses Bauwerk mein Leben in Potsdam verändert, der Widerstand dagegen hat es jedenfalls schwieriger gemacht.

Ich spreche heute ausdrücklich als Wissenschaftler und als jüdischer Deutscher bzw. Österreicher. Das bedeutet zum einen, dass bestimmte Formen der Argumentation keine Rücksicht auf ihre Wirkung nehmen dürfen; in diesem konkreten Fall geht es um die Behauptung der Illegitimität, den Kirchenbau mit dem Angebot zur Versöhnung zu verbinden. Zum anderen fühle ich mich als jüdischer Mensch angegriffen durch eine Politik, die sich der Geschichte bemächtigt und sie mir durch das Faktum aufzwingt, dass ja längst gebaut wird: ich soll mich abfinden, aber ich werde es nicht, und so muss ich den Turm als das denunzieren, was er ist: die Versöhnung der Täter mit sich selbst. Es handelt sich auch um jüdische Selbstverteidigung[1], die ich nicht alltäglich üben muss. Im Judentum spielt Versöhnung eine große Rolle. Dabei ist sie innerhalb der Religion wesentlich für die jüdische Gotteskonstruktion, während sie im Verhältnis zur Umgebungskultur vor allem aus den Quellen des christlichen Antijudaismus an die jüdischen Nachgeborenen eines vergangenen Unrechts herangetragen wird. Beides spielt hier eine Rolle: Gott braucht die Versöhnung der Menschen untereinander, damit er sich seiner Welt sicher kann, und dann den einzelnen Menschen ihre Sünden vergeben kann (d.h. etwas verkürzt, nur wenn er die Welt richtig gemacht hat, können die Menschen sich über ihre Wirklichkeit verständigen. Einer braucht den anderen dazu). Dies ist ein religionswissenschaftliches, wenn man will:  ein theologisches Argument. Das andere ist politisch: wenn den Christen von heute die Judenverfolgungen der Vergangenheit Leid tun, dann wollen sie, dass ihnen ex post vergeben werde. Das ist verständlich, aber nicht auf die Präsenz des Geschehenen Unrechts gerichtet. Verzeihung in diesem Sinn bliebe folgenlos. Und Versöhnung ist unmöglich, es sei denn – und das ist für das Folgende entscheidend – das Unrecht der Vergangenheit bestünde bis jetzt und in Zukunft fort, schüfe also eine Wirklichkeit, deren Anerkennung allein Versöhnung sinnvoll und möglich macht. Der Tag von Potsdam ist noch nicht vergangen. Deshalb einige verdichtete Aussagen dazu:

  1. Ich lehne das Angebot der Versöhnung durch die Erbauer des Turms ab. Es ist moralisch illegitim und politisch eine Provokation, d.h. angebotene Versöhnung ist nicht möglich.

Was Versöhnung nicht sein kann, wird mein Hauptargument gegen das Vorhaben sein. Es gibt noch weitere, auf die ich hier verzichte, die aber im Gesamtzusammenhang gleichwohl wichtig sind:

  • Stadtbild und kunsthistorische Erwägungen. Auch dies spaltet die Stadt, kann jeder Position zu Hilfe kommen oder sie abwerten. Aber es ist sozusagen eine intervenierende Variable, kann nie ein Hauptanlass für oder gegen den Bau sein.
  • Tilgung des DDR Unrechts und Vergleich der Regime der Vergangenheit, mit der Garnisonkirche als Anlass, nicht als Ursache des Diskurses. Dieser Aspekt kann noch eine wichtige Rolle spielen, steht heute bei mir nicht im Vordergrund.
  • Bewältigung oder Verarbeitung der Vergangenheit. Das wird ja heute wie ständig geübt, kann nicht aufhören. Aber es ist so vielschichtig und bedarf nicht der Garnisonkirche, um neu aufgelegt zu werden: gestern war es die Verfassung von Weimar im Nationaltheater, morgen wird ein anderer Splitter des zerbrochenen Spiegels sein, aus dem sich unsere Geschichte zusammensetzt, im besten Fall erkennbar.

Alle drei Bereiche stützen mein Argument, sie machen den Sachverhalt nicht komplexer, nur die Diskussion komplizierter.

Dadurch, dass die Argumentation der Erbauer in den Texten der Stiftung ausdrücklich religiös erfolgt, werfe ich dieser Stiftung Blasphemie gegen die eigene christliche Religion und eine unerträgliche Beleidigung nichtchristlicher Menschen vor. Die Blasphemie könnte mir gleichgültig sein, ich bin kein Christ, und religionssoziologisch handeln alle Kongregationen politisch, um ihre Anhänger weiter zu binden. Aber im Zusammenhang ihres Programms wird hier ein Angriff gegen genau die Wirklichkeit gefahren, mit der zu versöhnen die Turmbauer aufrufen.

  1. Die wesentlichen Programmpunkte der Stiftung und der Bauherrn lauten: „Geschichte erinnern – Verantwortung lernen – Versöhnung leben“ und „Es geht um die Heilung der offenen Wunde im Stadtbild Potsdams und um den christlichen Auftrag, Botschafter der Versöhnung an Christi statt zu sein.“

Diese beiden Prämissen der Stiftungsarbeit – und Grundlage des Einverständnisses vieler gut-meinender Bürgerinnen und Bürger – sind blasphemisch, unlogisch und politisch gefährlich. Irgendwie sind mir diese Sätze ungeheuerlich, unheimlich. Wären sie auch nur naiv und in gutem Glauben gesagt, schlimm genug. Aber es stehen auch Politiker, Theologen, Intellektuelle hinter diesen Worten. Ich habe dazu bereits ausführlich Stellung genommen, ein erster Versuch liegt Ihnen vor, ein weiterer wird demnächst in einem Buch erscheinen. Hier ganz kurz meine Antwort für die aktuelle Diskussion:

  • Geschichte erinnern – stattdessen müsste es heißen: Geschichte lernen und kritisch bewerten. Erinnern? Wie soll das geschehen außer mit Quellen, die unhinterfragt im kulturellen und kollektiven Gedächtnis aufbewahrt werden?

Antiphon: Wenn Geschichte erinnern soll, dann ist es die Erinnerung an die Abwesenheit Gottes in der Shoah. Wer soll das erinnern? Die, deren Grab in den Lüften ist[2], können es nicht. Wir Nachgeborenen sind entweder Kinder der Täter oder der Opfer. Wir können bedenken, aber nicht erinnern. Oder meint der Spruch, dass die Stiftung andere, vielleicht uns, erinnern will an die Geschichte, in ihrer Deutung? Auschwitz, die Shoah, beginnt auch in Potsdam, hier. Das braucht uns niemand zu sagen, aber vielleicht denen, die den Kirchenbau unterstützen? Die Geschichte lernen: Das wäre es. Aber der Turm steht ja schon. Dass man diesen Turm baut, bevor Geschichte gelernt werden kann, ist die Herausforderung, die nicht mehr eingeebnet werden kann.

In langen Jahren der Zusammenarbeit haben Aron Bodenheimer[3] und ich das Satzpaar entwickelt: nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Warum sollen sich die Opfer und ihre Nachfahren erinnern wollen? Sie haben ja überlebt. Für die Täter sind die Toten bequemer, aber die Taten wollen sie auch nicht erinnern. Natürlich nicht, da braucht man nicht viel Psychologie. Aber weil sich nicht vergessen lässt, was unbegraben vor sich hinrottet, muss man erinnern, was sich nicht vergessen lässt, auch wenn man es nicht selbst erlebt hat (nur: warum gibt es mich, und meinesgleichen? Und wen gibt es nicht? Und derer zu erinnern, ist nicht einfach Volkstrauertag und ähnliches oberflächliches Ritual. Gedenken und Erinnern stehen in einem Spannungsverhältnis zu einander).

 

  • Verantwortung lernen – stattdessen müsste es heißen: Verantwortung tragen, haften. Die Stiftung bürdet die Verantwortung für ihre Missetat uns auf, wir müssen ertragen, was sie anrichtet.

Antiphon: wer hat was getan und gewusst, erinnert und vergessen? Verantwortung tragen bedeutet zu haften. Hier geht es nicht um Pädagogik, sondern um das Wissen Gottes: hat er das angerichtet? Und wenn nicht, wer dann? Die Prädestination, Hitlers Vorsehung, oder wer?

Antiphon:  Jüdische Verantwortung ist stark aufs Leben, aufs diesseitige und wenig aufs ewige Leben orientiert. Nicht zufällig heißt die Zeitung des „Humanistischen Judentums“ diesseits.de[4]. Und im Zusammenhang mit der Verantwortung heißt das auch, dass wir zunächst Verantwortung für die Lebenden und die Überlebenden tragen. Friedensbewegung und Empathie speisen sich aus dieser Quelle. Ich würde gerne ausholen, um zu behaupten, die Verantwortungskategorie der Turmbauer sei jenseitig, wenn sie lernen wollen, was sie tragen müssen, weil es jetzt – bildlich gesprochen – ihr Kreuz ist, an Christi statt…dafür sprechen alle die Ornamente, die man jetzt schon in die Schaukästen stellt.

  • Versöhnung leben – stattdessen müsste es heißen: Versöhnung anstreben. Versöhnung kann man nicht leben. Zwei oder mehrere Kontrahenten können miteinander versöhnt leben, aber der Lebensvollzug als Versöhnung kann nicht sein. So einseitig, wie die Wirklichkeit von den Turmbauern angesehen wird, ist das eine Anmaßung.

Und das Stadtbild in Zusammenhang mit der Platzhalterschaft des Gottes(sohnes), an dessen Stelle man sich setzt, zu bringen, ist vielleicht eher sarkastisch oder gar komisch als blasphemisch. Aber ich bleibe beim Vorwurf der Blasphemie, weil ich an die Wirkung der Aufbauargumente auf andere Menschen denke, die nicht alle Fakten kennen oder die diese Fakten so gut kennen, dass sie das, was hier geschieht, schwer fassen können. Ich nenne den Bau des Turms bewusst Hitler-Hindenburg-Wallfahrt. Man kann auch noch die Preußenkönige hinzufügen.

 

  1. Nun soll es jetzt um den speziell jüdischen Aspekt gehen. Seit der Reichsgründung, seit dem deutschen Kolonialismus[5], seit Anbeginn der Weimarer Republik spielt der Antisemitismus und das Ziel der Judenvernichtung eine bedeutende Rolle in einem großen Teil der deutschen Bevölkerung (keine Verallgemeinerungen bitte, nie alle….aber eine offensichtliche Mehrheit, die sich nach 1933 nicht gegen den staatsbildenden Rassismus auch nur verbal aufgelehnt hätte, auch in den christlichen Kirchen). Wenn nun Versöhnung durch die Turmbauer angeboten wird, dann wem? Mit wemanders wollen sich die Nachfahren der Täter versöhnen als mit sich selbst? Mit uns jüdischen Deutschen gewiss nicht. Denn Versöhnung bedeutet etwas anderes als einseitige Vergebung der Schuldigen durch die Opfer. Versöhnung ist auch nicht wechselseitige Verzeihung zweier inkompatibler Schuld-Zusammenhänge. (Über die moralische Kollusion der Turmbauer mit ihren politischen und intellektuellen Unterstützern würde ich auch gerne weiter eingehen, denn hier findet diese Inkompatibilität ja statt).

Ich gehe jetzt auch nicht auf die religionswissenschaftliche Verbindung von Versöhnung und Judentum im Allgemeinen ein, dazu liegen in meinen Texten einige Zugänge und Textstellen vor. Im Kern geht es immer darum, Versöhnung mit Gott zu erlangen, nachdem man sich mit den Menschen versöhnt hat. (Sehr klar, man erbittet keine Verzeihung von Gott, nachdem man seinen Mitmenschen für irgendetwas verziehen hat…so einfach ist es nicht). Natürlich stehen die beiden in Verbindung zu einander, aber im Judentum ist es Gott, der verzeiht, wenn und nachdem sich der Mensch mit ihm versöhnt hat[6]. Nur reicht diese exegetische Auslegung nicht. Die Macht zu verzeihen hat, wer Macht hat. (Wenn das Opfer verzeiht, dann hofft es auf einen Mächtigen an seiner statt…)[7]Das Opfer kann sich nicht mit der Wirklichkeit versöhnen. Darum aber geht es.

In Abgrenzung zum Christentum hat das Judentum schon sehr früh keine oder wenige Rituale oder Autoritäten über das Gewissen und den Willen zur Umkehr gesetzt. Das müsste nun den Vertretern der Taten (also Täter und ihre Rechts- bzw.  Geistesnachfolger) zu denken geben: Aufrechnung verbietet sich bei sechs Millionen Ermordeten und unzähligen mehr Opfern, emotionales Verzeihen verbietet sich, weil ja niemand außer uns Nachkommen da ist, sie zu üben, und vollständige Vergebung kann, dem Dogma entsprechend, nur von Gott kommen. Das aber müssten die Täter schon mit ihm ausmachen, nicht mit den anderen Menschen[8]. Man möchte in das Geschichtsbild auch den Widerstand gegen die Nazis einbauen, um seine guten Intentionen zu beweisen (schlechtes Gewissen macht nicht automatisch klug).

 

Versöhnung kann nur anbieten (wollen), der eine bestimmte Wirklichkeit im Auge hat, die auch anderen Menschen erlauben würde, sich um diese Versöhnung zu bemühen. Versöhnung wird nicht angeboten und von anderen angenommen.  (Man hätte die Wirklichkeit des Turmbaus so lange warten lassen können, bis wir uns insofern damit hätten arrangieren können, in ihm keinen Ort einseitigen, blasphemischen, geschichtsleugnenden Gedenkens zu sehen. „Wir“ heißt dezidiert ich und andere Gegner des Projekts.  Bei einem spezifischen Potsdamer Shoah- und Kolonialmuseum wäre ich sofort dabei gewesen, als Ort, in dem sich die Täter eine andere Geschichte einfallen lassen können, als die, die sie gern erinnern wollen). Ich sage das als jüdischer Deutscher.

 

Das könnte nun genauso anmaßend klingen, wie ich es den Bauherrn vorwerfe. Aber es hat eine Intention, die nicht nur dem Bau entgegensteht, sondern den Konflikt aufgreifen will, nicht schon schlichten, bevor klar ist, worum es geht.

 

Kein Ereignis entgeht der Historisierung. Alle Versuche, die Geschichte mit Alleinstellungsmerkmalen zu fixieren, scheitern.  (Das ist auch eine Konfliktlinie innerhalb der jüdischen Diskurse, durchaus zum lernen von Geschichte geeignet). Hier geht es darum, eine bestimmte Deutung der Potsdamer Garnisonkirche ins kulturelle Gedächtnis der Deutschen einzubringen, und zwar nicht nur durch den Text der Stiftungspolitik, sondern durch den Kontext eines Bauwerks, das ja räumlich und unangreifbar hier stehen soll – und etwas aussagt. (Hier kann auch die kunsthistorische Kritik der Potsdamer Stadtentwicklung, v.a. der Mitte ansetzen, die höchst selektiv auswählt, was diesem Gedächtnis hinzuzufügen wäre, was abgeräumt werden kann, und was neu dazu kommen darf, ohne die politische Ästhetik zu stören)[9]. Das kulturelle Gedächtnis ist keine lokale oder individuelle Angelegenheit, hier wird ein gesellschaftliches Ganzes kohäsiv zusammengebunden (nicht kohärent, in vielen Fällen)[10]. Mit dem Neubau der Garnisonkirche wird eine Tradition weitergeführt und befestigt. Die kann noch so kritisch und pluralistisch ummäntelt werden, was man sieht, steht ja da. Und dass es neu gebaut wurde, ist der Kitt zu einer Politik, die genau das rehabilitiert, wovon man eigentlich wegkommen wollte, wenn man Versöhnung sagt. Der Bau widerlegt all die schönen Worte, den Einbezug des Widerstands, die Offenheit gegenüber Kritik am Vergangenen. (Jüdisch und metaphorisch gesprochen, man darf lächeln, es hat hier keine Reinigung stattgefunden. Die wäre Voraussetzung von Versöhnung geworden). Die Rituale dazu sind mannigfach und hier nicht anschaulich zu machen. Im HOT gab es vor kurzem einen Dostojewski, der nicht Schuld und Sühne, sondern Verbrechen und Strafe hieß. So einfach wird der Text zurechtgeschoben, zu Recht. Die Strafe ist das Erinnern müssen, weil die, die am meisten Gedenkkultur in Stein und Ornament gießen, am liebsten vergessen wollen, was wirklich war. Ihre Strafe ist unsere Gegnerschaft, und die tragen wir politisch aus.

Ein letztes: wenn der Turm stehen wird, und nach unerfindlichem Ratschluss nicht gleich wieder in Staub zerfällt, dann wird viel Geschichtsunterricht und Anschauung um ihn herum geschehen, den Touristen wird die Wahrheit mehr oder weniger richtig erklärt, die Reiseführer, Zeitungen, Medien allgemein werden sich mit diesem Ort an der Breiten Straße auseinandersetzen, es wird Kritik und Zustimmung geben.

Dann werde ich mich noch immer fragen: wie konnten Millionen Menschen, das so genannte deutsche Volk, sich der Gewalt anschließen, um Millionen Menschen auszulöschen.  Die Frage Wozu? Wäre gar nicht zu beantworten, aber die Warum? doch sicher.  Und die Garnisonkirche ist Teil der Antwort, nicht die ganze Antwort und nicht die endgültige. Hier wurde gelernt und gelehrt, was nach 1933 furchtbarste Wirklichkeit werden sollte, und hier hat das Wort die Massen ergriffen, sodass die Wirklichkeit nicht standhalten konnte[11], z.B. am Tag von Potsdam.

Versöhnung kann und will ich nicht, weder anbieten noch annehmen. Aber versöhnlich denen gegenüber will ich sein, die meinen, trotz des fait accompli – der Turm wird ja gebaut – an der Verantwortung arbeiten zu können: dazu ist es auch jetzt nicht zu spät, ebenso wenig wie zur Umkehr.

 

[1] Warum ich nie von Juden spreche, habe ich ausführlich dargelegt: M.D.: Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg (Merus), 2006. Darüber hinaus muss ich hier in Anspruch nehmen, was Hannah Arendt konkret so benannt hatte: „Wenn man als Jude angegriffen ist, muß man sich als Jude verteidigen“ (Interview 1963). Nur, wie verteidigt man sich als Jude, also als jüdischer Mensch, in einem Land, dessen Politiker manchmal feierlich noch immer von „Deutschen und Juden“ sprechen?

[2] Paul Celan: Todesfuge 1944/45

[3] Wer von ihm nicht gehört hat, möge zunächst nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Aron_Ronald_Bodenheimer. Hier findet man auch eine kurze Bibliographie. Und es lohnt immer, sich auch kontrovers mit diesem Menschen auseinanderzusetzen.

[4] http://www.diesseits.de/perspektiven/s%C3%A4kulare-gesellschaft/begriffskl%C3%A4rung-humanistisches-judentum

 

[5] Ob die Begegnung Herzls mit Wilhelm II dem Zionismus bzw. der Idee des Judenstaates gedient oder geschadet hat, und in welchem Kontext zum Antisemitismus sie steht, ist umstritten. Deutschland hörte bald auf, in Hinsicht auf den jüdischen Staat eine große Rolle zu spielen, bis es negativ durch die Shoah seine Rechtfertigung zusätzlich lieferte. Aber da war es kein verhandelnder Akteur mehr.

[6] Ganz einfach: http://religionv1.orf.at/projekt03/religionen/judentum/feste/ju_fe_jom_kippur.htm (3.2.2019). Etwas mehr:  Jüdisches Lexikon, 1927 (1987: Athenäum), Stichwort V.: Bd. 5, 1200-1201.  Ein durchaus nicht religiöses Wörterbuch verzeichnet eine wichtige Einsicht: im frühen Glauben schafft der Mensch die Umkehr durch den Willen, Gotte bewirkt sie als Vergebung (Jes.45,7; Ex. 334, 6-7; Ez. 36,26). Vgl. auch Bd. 3, 310-313. Über das Problem von Schuld und Sühne gar nicht einfach: Babylonischer Talmud, hrsg. Lazarus Goldschmidt: Traktat Joma (Vom Versöhnungstage). Hier besonders: 85b, VIII, vii-ix. Auslegung von „Sünden der Menschen gegen Gott sühnt der Versöhnungstag, Sünden der Menschen gegen seinen Nächsten sühnt der Versöhnungstag nicht eher, als bis man seinen Nächsten besänftigt hat“. Und bitte die Fußnoten des Vortrags vom 3.2.2018 beachten.

[7] Die Macht zu begnadigen spielt in „Schindlers Liste“ von Spielberg für den KZ Kommandanten Amon Göth eine große Rolle: vor dem Spiegel wiederholt er zu sich dauernd: „Ich begnadige dich“. Zur Zeit viele IT-Links weil der Film wieder in die Kinos kommt.

[8] Aus dem jüdisch-christlichen Dialog, nicht gerade meine Sache: David R. Blumenthal. Umkehr und Vergebung. JCR 419 (2012): http://www.jcrelations.net/Umkehr_und_Vergebung.3958.0.html?&L=2 (3.2.2019).

[9] Das Gebäude am Eingang der Humboldtstraße ist ganz neu und verkörpert ziemlich eindeutige Nazi-Architektur, wird aber so nicht wahrgenommen, weil die meisten gar nicht wissen wollen, worin die auch bestand und was das heute bedeutet).

[10] In Anlehnung und Weiterdenken der Ansätze von Jan und Aleida Assmann.

[11] Die Paraphrase des Marxzitats bedeutet nur, dass die drei Ziele des Kirchenbaus zur materiellen Gewalt werden können, in Zukunft, so wie der Ort selbst der materiellen Gewalt früher seinen Rahmen und Standplatz gegeben hatte.

Wer darf, und wer nicht? Sagen, was ist.

Ich bin aus bestimmten Debatten innerhalb meiner grünen Partei ausgestiegen, weil sie irrelevant für die Politik der Partei sind, aber den Keim von Spaltung und Verwirrung in sich tragen, und, wie ich behaupte, durch einige wenige (<10) Spoiler Unheil anrichtet. Auch sind dauernde Drohungen über netiquettierende Moderation  oder die ungezügelte Freiheit und Gleich=Gültigkeit jeder Aussage nervig, weil man – also die bereits offen liegenden Diskurse – sehr viel weiter sind. Ich verzichte auf jede Namensnennung und persönlich sind mir die Spoiler so unerheblich wie unsympathisch. Politisch kann ich so irren wie alle anderen auch, aber ich bestehe darauf, dass es mehr als Laienverstandes bedarf, um politische verallgemeinernde Aussagen zu treffen, wir sind eben nicht die Gelbwesten oder Sarah Wagenknecht. Um es klar zu sagen: die Grüne Partei ist in ihrer offiziellen Politik, in ihren Diskussionsprozessen und im Umgang mit Realität und Diskurs sehr viel weiter, aufegklärter und geschlossener.

Anhand von zwei Debatten will ich mein Unbehagen zunächst verdeutlichen: Lieblingsthema der Spoilergruppe ist der Nahostkonflikt, der schon einmal auf zwei Linien zusammengekürzt wird: Israel vs. Palästina, und Legitimität der russischen Politik zur Unterstützung von Assad. Die erste Linie zeigt bei einigen deutliche Anzeichen auch eines tiefwurzelnden linken Antisemitismus (den sogar Saul Friedländer im Bundestag beim Namen nennt, der mir aber regelmäßig um die Ohren fliegt, wenn ich keine Namen lebender linker Antisemiten nenne, weil es ein Strukturproblem ist, das seit den Anfängen der Arbeiterparteien besteht). Wir haben keine „rechten“ Antisemiten in unserem Umfeld, aber die Nähe der Argumente zu Lasten Israels und, auf der zweiten Linie, zugunsten Russlands in Nahost zeigen sprachlich und ideologisch eine bedenkliche Nähe zur AfD. Gerade weil ich gar nicht allein in der Kritik der israelischen Besatzungspolitik und der Aushöhlung des einzigen Rechtsstaats in der Region durch die derzeitige Regierung und ihre populistischen Anhänger bin, gerade weil ich das als jüdischer Mensch geradezu als meine Pflicht erachte, bin ich auf das antisemitische Substrat der Israelkritik besonders empfindlich. Hier wird sowohl historisch als auch in Bezug auf die Gegenwartsdiagnose ein Kurzschluss an den anderen gereiht, und vor allem werden wie bei einem „Mühlespiel“ dauernd die historischen und die aktuellen Befunde hin und hergeschoben. Ich habe mich, wie ich denke: redlich, über Jahre bemüht, mit Unterlagen, Hinweisen, Literatur, und vor allem mit meiner Kenntnis der Situation die Politik zu erklären, und vor allem die moralisierende Israelkritik, die einen antisemitischen Kern hat, abzuwehren (ohne dass es so ausgesprochen wird, hat die immer den Unterton, die Juden müssten es doch besser wissen/machen…).  Dass viele der Israelkritiker gerade hier mit dem Völkerrecht argumentieren, ohne davon wirklich viel Ahnung zu haben macht es noch schlimmer: denn was Russland (und die Türkei und Assad und die USA und Iran…) in der Gegen aufführt, hat mit Völkerrecht so viel und so wenig zu tun, wie mein zweiter Beispielfall: Venezuela. Nur noch zum Nahen Osten: was versäumt wurde, eine Intervention, ggf. auch bewaffnet, der UNO, um den Aufstand gegen Assad zu unterstützen und den IS zu bekämpfen, würde völkerrechtlich jedenfalls sicherer gewesen sein als alle anderen Lösungsvorschläge seit 2013.

Zweite Linie: Bei Venezuela ist die Sache zugleich komplizierter und ganz einfach… Es ist selbstverständlich  nicht richtig, wenn Trump eine Kette von Unterstützern nach sich zieht, die den neuen Präsidenten anerkennen und den Diktator Maduro abservieren wollen; d.h. ihn abzuservieren, ohne Krieg und Bürgerkrieg, wäre richtig, kann aber nur durch die Bevölkerung UND eine nicht durch Partikularinteressen gebildete internationale Vermittlung geschehen. So einfach, so kompliziert. Russland kann hier völkerrechtlich sauber argumentieren, dass die Souveränität v.a. durch die USA gefährdet wird – und zeigt damit auf sich selbst, auf den Überfall auf die Krim, auf die Besetzung der Ostukraine, durch die aktuelle Bedrohung der baltischen Staaten.  Anerkennung ist ein völkerrechtliches Mittel, militärische Drohung oder Erpressung keineswegs. Die EU hätte zu beiden Positionen Äquidistanz üben können. Venezuela ist potenziell unendlich reich. Das macht den Unterschied zum Donbass. Die Einsätze aller Akteure sind entsprechend höher.  In der Diskussion hat Omid Nouripour in zwei knappen Absätzen alles zusammengefasst (am 24.1.2019, Grüner Pressedienst), was man sagen kann. Darüber hinaus kann man unterschiedliche Meinungen haben, die man auch austauschen kann, aber im politischen Raum haben sie zur Zeit wenig Gewicht. Das gilt zu den Nahostmeinungen erst recht, die ich oben angesprochen habe.

Es ist gerade fünfzig Jahre her, dass alle Linken in Ost und West, und ihre Theoretiker, das Entfernen von Diktatoren als edle revolutionäre Aufgabe im Sinne der Dekolonisierung gefeiert hatten. Faktische koloniale und postkoloniale Abhängigkeiten erzeugen mehr Innenpolitik als transnationale Abhängigkeiten es erscheinen lassen. Und da gilt plötzlich das Nichteinmischungs-Gebot? Erst die UNO schwächen und dann beklagen, dass Nationalisten wie Trump und Putin, Brüder im Geiste, analog handeln.

(An dieser Stelle spätestens setzt dann ein didaktischer Sturm ein, der mir aber hundert Gegenbelege gegen diese und andere Behauptungen vor die Füße wirft. Ob ich diese oder jene Stellungnahme, Aussage oder Fakten nicht kenne. Hier ist nicht der Platz zur Kritik des vereinfachenden Konstruktivismus. Ein wenig wissen sollte man schon, und ein wenig erklären können, warum man was weiß. Aber was soll’s? In einer Zeit der Abwertung von Verträgen, einer Überhöhung des Völkischen (das anstelle des Volkes tritt,  bei Russen, Amerikanern, Deutschen, Italienern, Türken und und und) kann man nicht entlang der einfachen Linien rückwärts gewandter Utopien argumentieren (Heute im DLF Interview „War es dann nicht doch im Kalten Krieg besser?“). Sagt mir jetzt einer: in der Aufzählung fehlen die Chinesen. Ja, die fehlen,  weil ich dort eine eher unsichere staatsdiktatorische als völkische Politik vermute, die ich anders erklären muss; weiß ich zu wenig Innenpolitisches).

*

Zurück zum Anfang. Mit den aktuellen Aufregern verschwinden die kurz davor hektischen Diskussionen. Es gilt „der Terror der Aktualität“ (Carl Amery). Man darf sich ruhig gegenüber der vorletzten Aussage widersprechen, die gibt es ja kaum mehr im fixierten Gedächtnis von Debatten.

Politik aber ist die Veröffentlichung eben der Resultate dieses Gedächtnisses und ihr Abgleich mit der Wahrnehmbaren, beobachtbaren, deutbaren Realität. Ihr Sinn ist die Freiheit, das sagt nicht nur Hannah Arendt. Aber ihre Praxis ist nicht Freiheit, sondern Befreiung, (im besten Sinn; oder eben ihre Verhinderung) und die Befreiung ist kein Punkt, kein Ereignis[1] sondern ein immer wiederkehrender Prozess (den kann man zu Recht dialektisch nennen). Nun kann man kurz sagen, dass es ohne Wissen kein Gedächtnis gibt. Man kann auch sagen, dass die moralische Abkürzung noch keine Legitimation für die Akteure schafft, sondern nur für die Interpreten,  die Diskutierer. Natürlich brauchen wir die politische Ethik, die Moral unseres Handelns etc., aber die Moral kann nicht Machtverhältnisse durch bloße Urteile ersetzen.

[1] Dazu kann man Bahman Nirumand zur Ablösung der Shah-Diktatur durch Khomeini lesen).

Finis terrae XXVIII: Vom Ende her denken

Ende Januar. Die Neujahrsempfänge sind vorbei,  die guten Vorsätze auch. Der Umweltverbrecher Scheuer und die Lungenquacksalber um den so genannten Arzt Koehler provozieren frühes Sterben, die Deportationen gehen weiter und im Mittelmeer schwimmen auch deutsch-mitverursachte Tote zuhauf.

Das wäre ein Auftakt zur depressiven Stunksitzung des rheinischen Karnevals. Falsch. Zwar stimmen alle Behauptungen der ersten Absatzes, aber ein Panoptikum aus Symptomen macht noch keine Politik. Wir könnten hunderte Seiten im Stil der vier ersten Zeilen füllen, ohne Ende, und würden doch den Zustand der Welt, der Menschenwelt, nicht wirklich beschreiben können.

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Aus allen unguten Gegenwartsbefunden kann man Apokalypsen zimmern: jeder Befund für sich kann als Offenbarung dienen und Ankündigung, was da kommen wird, ob man etwas dagegen tut oder nicht. (Und in der Tat, wenn ich n+1 Befunde aneinanderreihe, dann ist Beten besser als Handeln, denn wo fängt man an?). Lungenwurm Koehler ist ein Zeichen für die Verrottung von Ärzten, Scheuer ist ein Zeichen für die verkommene Politik in der schwachen Demokratie, Deportations-Seehofer ist ein Zeichen für die Unmenschlichkeit unkontrollierbarer Herrschaft. Lauter Zeichen. So gesehen, kann man nur verzweifeln und resignieren, daran zweifeln, dass die Zeichen die Wahrheit wiedergeben, sich gegen die Wirklichkeit stemmen oder etwas anderes machen. Resignieren kann jeder, und damit die jeweils nächstliegenden Herrschaften stützen (Lass die Leute doch ersticken, Hauptsache, ich behalte meinen Arbeitsplatz). Den Zeichen ihre Bedeutung absprechen bzw. sie als Phantasma abtun, ist hingegen kompliziert und durchaus politisch. Was ist wahr, was ist wirklich, was stimmt? Sich dazu auf den “gesunden“ Menschenverstand zu verlassen, ist gefährlich – das wusste die Philosophie  immer schon und die Stimmungsdemokratie macht daraus die Tugend der Volksverdummung (Herr Scheuer und der VdA gegen die Wirklichkeit).  Dass es ohne den Verstand nicht geht, ist andererseits auch klar. Deshalb gehört zur Politik die unablässige Auseinandersetzung mit der Kritik der Zeichen, mit ihrer Deutung, und mit Konsequenzen, die jedenfalls den Alltagsverstand übertreffen – also eben politisch handeln. Ändern, reformieren, revolutionieren kann man in die Programme schreiben, es machen, heißt: Risiko eingehen (wenn man die Gefahren kennt), unbekanntes Terrain betreten und sich exponieren.

Das sind die Strukturen des Denkens vom Ende her, vom Ende der Welt, aber auch vom Ende einer Kette von kausalen und zufälligen Entwicklungen, die abzusehen ja unsere Aufgabe und Fähigkeit ist. (weniger hochtönend: darum muss Bildung „gescheit“ machen, damit solches geschehen kann, und sich nicht blind dem unterwerfen, was gerade schon eingetreten ist (z.B. Digitalisierung). Die ursprüngliche Eschatologie steht nicht für Ende und Neuanfang, sondern für die völlige Änderung von Verhältnissen im Bestehenden. Was würde sich ändern, korrekter: was wird sich geändert haben müssen,  wenn wir uns gegen die Fortsetzung des immer Gleichen wehren und dessen Fundament aushebeln: am Beispiel der Idolisierung von Arbeit habe ich es schon einmal gezeigt, an  einem anderen Beispiel kann man es deutlich machen im  anscheinend ganz kleinen: da wird eine Straße nicht gebaut, wo sie gebaut werden soll, weil eine Krötenart gefährdet ist. Wie, schreit der gesunde Menschenverstand, für eine Kröte auf einem Gebiet von 100 qm opfert ihr die Mobilität und schnelle Beförderung? Ja, sagt die Wirklichkeit. Da sich Artenvielfalt nicht wiederherstellen lässt, muss das so sein. Die Kröte auf dem Weg zum Ende…

Ich mache einen großen Sprung, um anschaulich und zugleich verständlich zu werden. Lest einmal Houellebecq, eigentlich ist er ziemlich unerträglich, aber er schreibt gut, ausgezeichnet sogar, und klar: die Entwicklung weg von einem  imaginierten, nie wirklichen Stillstand der Kritik zu einer politischen Dynamik führt uns in Zwänge, in denen es keine akzeptablen Alternativen gibt (am besten in der „Unterwerfung“ dargestellt). Die grauenvolle deutsche Vokabel der Alternativlosigkeit dessen, was eingetreten wird, und deshalb ein treten soll gibt es allerorten, und sie markiert die Trennung von konservativ und reaktionär: Alternativlosigkeit ist aggressive Resignation…Wohlgemerkt, früher war nicht alles besser, und wenn, dann wäre es ja früher gewesen, nicht künftig. Benjamin Button kommt nur im Wunschdenken vor.

Der große Sprung ist hier wie selten sonst so deutlich anzusetzen: wenn wir dem Ende vor dem Ende entgehen wollen, dann gilt zunächst, dass wir nie nie nie nie zurückkehren können (es gab nie ein goldenes Zeitalter, aber wir brauchen sein Bild, um zu sehen, wie es jetzt ist). Und die letzten Worte des „Prinzip Hoffnung“ von Bloch sind eben auch letzte Worte:

Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor der Erschaffung der Welt, als einer rechten[1]. Die wirkliche Genesis ist nicht  am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein[2] radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch[3]. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat (Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, Ffm: Suhrkamp, S. 1628).

Wenn man sich die programmatischen Sprechblasen der resignierten Zuschauer des politischen Geschehens vor Augen hält (Heimat Lausitz: 2038 ist zu früh für den Kohleausstieg…), dann vernimmt man mit einiger Hoffnung schon  wieder die richtigen Begriffe.

[1] Lasst den Rechten nicht die Begriffe. Recht war einmal richtig, traut man sich kaum mehr zu sagen.

[2] Vom Staat ist hier nicht die Rede.

[3] Vgl. dazu: Hannah Arendt, Vita activa, München 2001.