Epi & Pro Blem

Wer nicht mehr in die höhere Schule geht, weiß nichts mehr mit Epimetheus anzufangen, und eine Prodemie hat die WHO auch nicht ausgerufen. Die Politik der Vorsilben hat ihre eigenen Gesetze, nur lachen soll man nicht über alle Sprachspiele. Oder sich wundern.

Seit Jahrhunderten kämpfen die religiösen Klemmchauvies gegen die Prostitution, aber zur Epistution haben sie es noch nicht gebracht, und im Gottesdienst steht der Epistel noch keine Prostel gegenüber; beim Heurigen sagt man übrigens auch Episit!

Aber natürlich ist der Gebrauch von Vorsilben auch taktisch, ich habe ein medizinisches Pro Epi Institut entdeckt. Und Davor/Danach hat ja alltäglich oft seinen Reiz, erotisch wie politisch.

Es gibt 45 griechische und 43 lateinische Vorsilben, von den langweiligen deutschen rede ich gar nicht, aber die antiken haben wir zielgerichtet übernommen. Und profitieren davon.

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Auf diese krummen Gedanken bin ich auch gekommen, weil die Pandemie zur Epidemie heruntergestuft wurde und es noch keine Prognose für die Prophylaxe gegen die Affenpocken gibt. Zum Phylax, dem Beschützer, gibt es viele Vorsilben, aber den anaphylaktischen Schock wollen wir doch nicht in den Alltag übernehmen, da wäre pro- schon besser, ist aber nicht: Texasmassaker durch die progressive Constitution der USA.

Wir werden die Umgangs- und die Hochsprachen nicht mehr so schnell durchleuchten, sie verändern sich scheinbar unbemerkt, aber dann doch nicht, wenn sich Worte und Begriffe einschleichen und andere verschwinden.

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Seit Wochen kämpfe ich gegen die Besprechungssucht des Kriegs der Russen gegen die Ukraine. Diese Abhängigkeit von den Bildern und Kommentaren dessen, was alle aus den Nachrichten wissen können und dann bedenken, nicht bereden müssen, ist die eine Seite. Die andere gibt es auch: die völlig unangemessene Nazisprech der russischen Führung hat eine Geschichte, die spätestens 1943 real wurde. Das sollte und muss man besprechen, und dann auch die Politik von Polen mit, für, gegen die Ukraine erkunden, und die Politik mit, für, gegen die Russen und die Deutschen in den Kontext e3inbringen, – bevor man dazu etwas haltloses sagt. (man kann dazulernen: Ukraine-Polen: Die Grenze der Solidarität – arte | programm.ARD.de (24.5.2022, 21.05). Was hat das mit Vorsilben zu tun? Nichts, und mit unserem Politsprech viel. Pro und Contra sind beliebte Überschriften von Zeitungsdiskussionen, auch Pro und Anti treffen sich bisweilen, aber Prokorruption wird in der Politik nicht so genannt, sondern die Versöhnung von Ökonomie und Moral. Und dem Antisemitismus steht kein Pro- entgegen, sondern Philo-Semitismus, das ist vorgetragene Freundschaft, die meist nicht echt ist.

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Genug der spontanen Philologie. Die Epidermis juckt, und Epimetheus beherrscht die Zeit.

Frühlingserwachsen

Schön wärs, wenns ein Druckfehler wäre.

Der Mai schwindet schnell dahin, der Frühling ist trocken, man begrüßt jeden Regentropfen, aber es deutet sich an, was wir wissen. Keine Zeit für Müdigkeit?

Weil Krieg ist und weil das Unvorbereitete immer auch die Wahrnehmung des Un- und Unterbewussten schärft, reagieren die Menschen auf mehr als nur Covid, Affenpocken, und die Politik. Nervosität ist zu einem Alltagshabitus geworden, außer für die, denen Lethargie gerade recht kommt.

Man schaut nicht ungerührt, aber unangerührt, auf die Folgen des Kriegs für die und in der Ukraine. Zehntausende Tote, Städte, Einrichtungen, Verkehrswege zerstört, und man redet von Wiederaufbau, als ob er gewiss und in Reichweite wäre, also die Ukraine einen Verteidigungskrieg bald gewinnen würde und Russland seinen Angriffskrieg verloren geben müsste. Die Flachen flüchten sich in Putins Krankheit oder die russische Regimewechselclique, die Informierten kommentieren sich um ihre Stimme. Die Normalen versuchen weiter zu helfen, die Schlagzeilen sind längst wo anders, in Davos, im Budgetausschuss, bei den wenigstens Sichtbaren im Regime.

Keine Angst: ich wende mich nicht der Kriegsberichterstattung zu, weiterhin. Sie erscheint mir für viele ein Ausweg aus dem Dilemma, im Krieg aber nicht im Kampf zu sein und zugleich sich ablenken zu lassen, weg von der Wirklichkeit.

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Kann man das alles überbrücken, die reale Perspektive einer erodierenden Evolution unserer Gesellschaften und das, was uns in Wahrheit helfen würde, die grauenvollen Vorboten abzuwenden: Klima, Hunger, Weltkrieg, Verblödung? Wiederum keine Angst: es bleibt uns eh nichts anderes übrig, oder?

Unausgeschlafene Kämpfer und Kämpferinnen für die Freiheit schießen daneben. (für uns geht es um mehr Freiheit, für die meisten erst einmal um Befreiung)

Unwissende straucheln nicht beim Angriff, sondern bei der rettenden Flucht (man muss die Karten lesen können!)

Eines teilen wir mit den Unterdrückten und Bedrückten: die Notwendigkeit des nächsten Tags, das muss Alltag werden. Ihr erinnert euch an mein wichtigstes Gedicht, „Alle Tage“ von Ingeborg Bachmann. Hier zum wiederholten Mal, täglich:

INGEBORG BACHMANN

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

1953 (Piper 1978)

Was daran auch wichtig ist, dass wir uns den Stern der Hoffnung nicht erfinden müssen, ihn erwerben können durch Handeln. Und das geschieht nicht nur im Kampf, wo „man“ sich beweisen müsste, und dann fallen sie, eine(r) nach der/m andern. Der Freund ist hier im Alltag, die Geheimnisse lähmen die Gerechtigkeit und das soziale Leben, die Befehle sind etwas anderes als die selbst und mit-verantwortete Ordnung. Was für den Kalten Krieg galt, der außerhalb unserer Wohlfühlzelle so kalt nicht war, nie war, gilt heute genauso.

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Was hat das mit dem späten Frühlingstag zu tun? es hat ein wenig, ganz wenig geregnet – und man freut sich, rauszugehen und nass zu werden und die Bäume aufatmen zu hören. Man hört vom Widerstand gegen die Umweltgangster der großen Landwirtschaft, die rücksichtlos die letzten Lebewesen von den Äckern vertreiben wollen. Man erfährt die Trumpside von Elon Musk, der nicht nur Autos anbaut; Man hört Habeck und versteht, dass Davos nicht sein muss, aber wenn es ist, sich verändern muss. Man lernt, dass Geflüchtete, die einmal hier sind, hierbleiben müssen und nicht abgeschoben werden dürfen – da können wir Befehle missachten, damit Richtiges geschieht.

Der Flieder ist abgeblüht, die Pfingstrosen wachsen. Wie oft wird wer das noch erleben, in Jahreszyklen, die immer unwahrscheinlicher werden.

Retro

Zwei Tage des Rückblicks, den ich teilen möchte. 1986 war ich nach Oldenburg gezogen, um an der dortigen Universität zu arbeiten. Ich hatte 12 Jahre in Osnabrück zurückgelassen, auch Beziehungen, Freundschaften. Was ich davor von Stadt und Universität wusste, hatte vielleicht Pläne, aber keine Vorausschau erlaubt. Die nächsten 12 Jahre sollten weitgehend bestimmt werden durch learning by doing und durch Anwendung von Wissen, das nicht unbedingt durch die verfestigte Ansicht über diese Universität – Carl von Ossietzky ! – und die Residenzstadt der Großherzöge vorstrukturiert war. Keine Angst: es folgt auch nicht eine noch so kurzgefasste Geschichte meiner Zeit als Präsident dieser Universität. Auch nicht meine Jahre danach, die ich hauptsächlich im Kosovo und Afghanistan zugebracht habe, bis ich auch formal Oldenburg mit Berlin und Potsdam eingetauscht habe. Ich will über die RÜCK-SICHT nachdenken und berichten. Zwar habe ich Freunde und Kollegen ab und an besucht, auch an Begräbnissen und Feiern teilgenommen, aber ich war zunehmend nicht mehr an einem Wohn- und Arbeitssitz, wo man nicht nachdenken musste, um sich auszukennen. Dann kam Corona, noch seltener besuchte ich Freunde und Kollegen und jetzt musste ich zielgenau zu einer Disputation, verbunden mit diesen nahen Besuchen, und ohne weitere Kür.

Erstens: ich hab mich nicht mehr genau ausgekannt. Nur annähernd. Buslinie, Straßennamen, Erkennungspunkte. Das ist geographisch nichts besonderes, manche Punkte haben sich dem Wiedererinnern gefügt. Nicht so wichtig.

Zweitens: Vor der Doktorprüfung war ich dem Lokal zum Mittagessen, in dem so um die 1500 Mahlzeiten eingenommen hatte, fast unverändertes Menu, teurer, aber nicht anders, und der Chef erkannte mich umgehend und ich ihn. Er setzte mich auf den Stammplatz.

Drittens: Noch immer Zeit. Also durchstreife ich die Gebäude und sie waren mir fremd, obwohl ich sie schon noch kannte, nicht so viel Neues. Fremd von den Bezeichnungen an den Türen, nicht die Namen, die ich alle nicht kannte, sondern die Funktionsbezeichnungen, die fachlichen Translokationen, und die Unsicherheit, wo ich denn Aus- und Übergänge finden würde. Fremd heißt hier konkret, es wurde nicht mit der Veränderung und Gleichgebliebenen gearbeitet, sondern mit dem anderen, das keine direkte Erinnerung hervorrief. Manche Flure und Bezeichnungen hätten auch in Marburg oder Potsdam sein können und riefen keine Assoziationen hervor, einige taten es schon, aber die wenigsten.

Binnen einer Stunde traf ich auf genau drei Menschen, die mich erkannten: einen früheren Studenten, von vor 30 Jahren, der jetzt promovierte; eine frühere Mitarbeiterin; einen Lehrbeauftragten, den ich beim besten Willen nicht einordnen konnte. Drei. Hunderte Studis zogen in bunten Gruppen an mir vorbei, strömten wie zu einem Jugendcamp, d.h. ich war nun wirklich alt geworden. Hat mir gefallen, so kann man eine Uni auch beschreiben, eine Uni, nicht meine Uni. Selbst während der Disputation erinnerte ich zwar, mit wem ich im gleichen Raum gesessen und geprüft hatte, aber auch hier keine Assoziation von Zugehörigkeit.

Was ich an dieser Uni bewirkt und verwirkt hatte, kann ich schon noch rekonstruieren, aber das Gedächtnis hat den Ort, die Zeiträume, die Anlässe, relativiert, weggerückt. Also normal. ABER da brachen dauernd Blitze in dieses Gefühl der Fremde, die nicht konkret sagten, was da war, aber dass da etwas war, war reaktiviert werden sollte. ein Ereignis, eine Begegnung, ein Ärgernis oder eine Erfreulichkeit. Retro sprach zu mir, das müsstest du doch noch vor dir haben. Ich hab es hinter mir.

Ich erzähle das, weil es mich doch an etwas erinnert, das mein damaliger Kollege Ulrich Teichler vor 40 Jahren als das Nicht-Eigentliche der Universität bezeichnet hat. Gestern ging mir weder Lehre noch Forschung noch Verwaltung durch den Kopf, sondern es wurde eine punktuelle Anamnese, Wiedererinnern, losgetreten, die mich zu einem Selbstgespräch, einem Verhör über das, was dieser Ort damals an meinem Leben gut oder ungut gemacht hatte, und nicht, was ich gut oder ungut angestellt hatte. Wie Tätowierungen auf der Lederhaut meiner Lebenserinnerungen wirkten Gebäude, Grünflächen, Formen, begleiteten mein Flanieren oder auch Stöbern.

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Das war kein Thema im Abendgespräch mit meinen Freunden gestern Abend und heute Morgen. Als ich für eine knappe Stunde bei einem freundlichen Brunch mit dem Präsidium versuchte, die Retrospektive zu objektivieren, war das nicht so schwierig, wenn man den positivistischen Teil der Rückerinnerung hernimmt: was habe ich damals getan, was gibt es davon noch heute. Aber die kritische Reflexion dessen, was die UNi mit mir und ich mit ihr gemacht habe, stellt sich da nicht einfach ein: denn es ist eine andere Uni.

Ich musste an Italo Calvinos Unsichtbare Städte denken.

Keine Resignatur

Die größte Schwäche der so genannten Realpolitik ist das Ausrufen der Alternativlosigkeit an falscher Stelle und das Anrufen des abstrakten Rettenden, wo man meint, die Gefahr sei am Größten. „Dazwischen“ kann man so handeln, als wäre vieles normal.

Normalitätspolitik kippt vieles über den Rand in den Abgrund. Dier afghanischen Schutzsuchenden – nach hinten gedrückt; die syrischen – schon fast vergessen; die paar Jahre der Überlebenssicherung im Klima – jetzt einmal noch nicht wirklich etc.

Viele haben resigniert, weil sie glauben, wir – die sich für die „Menschheit“ halten, hätten bereits den Endpunkt der Einsicht in die Wirklichkeit und die Notwendigkeit erreicht. Wenn wir die 2° nicht binnen zwanzig Jahren halten, stimmt das vielleicht sogar, aber nicht, was Gesellschaft, Handeln, und die Potenziale betrifft, sollte die Menschheit wirklich überleben. Wollen wir aber überleben, dann empfiehlt es sich, mehrspurig den Tag und die Nacht hinzubringen, den Krieg nicht auszublenden und die Wirklichkeit, von der aus wir ihn wahrnehmen, kommentieren und für uns Konsequenzen ziehen. Nur wer an das Ende der Evolution (lacht heute noch über das Ende der Geschichte?) glaubt, ist zugleich überheblich und dumm. Oder jenseitsorientiert.

Wir lernen zum Überleben etwas dazu, wenn wir etwas tun. Das, was wir tun können und was wir unterlassen sollten, steht in den letzten Blogs. Wenn ihr die lest, dann seht ihr ja, wie wenig ich über die Zwischenräume schreibe; aber in denen leben wir auch, und sie sind zum Überleben weit genug, hoffentlich noch.

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Nach einigen Regenschauern kann man auf etwas Entlastung hoffen, nicht wahr? Quatsch. Brandenburg versteppt absehbar, mit und ohne Gewitter. Diese Verödung wird auch dann eintreten, wenn wir den Klimawandel überleben, ihn überstehen. Die Evolution kann weitergehen, auch wenn die Lebensbedingungen und Umstände schlechter werden. Jetzt bereits resignieren, wie das die Neoliberalen, die alten und neuen Faschisten, die Identitären u.ä. gerade deshalb tun, weil sie nicht an das Überleben denken, jetzt resignieren geht nicht. Nicht nur unsere Kinder und Enkelinnen werden es wahrscheinlich schlechter haben als wir bisher, auch wir. und die Verteilung der Ungerechtigkeit wird zu neuen globalen Verdüsterungen führen, und darin zu überleben wird vielleicht Science Fiction und düstere Prognosen verbinden.

Also: die einen Dinge, spenden, helfen, beraten, unterrichten, ernähren etc., wie gesagt, weiter tun und eigene Reduktionen dafür vornehmen – bitte sagt nie „opfern“ oder gar hier unseren Wohlstand einschränke. Nicht erst im allgemein Sterben sollen die Menschen gleich werden, das ist auch noch nicht zu Ende. Die andern Dinge: nicht Atlas spielen und die ganze Welt auf den schmalen Schulterchen tragen, Menschlein, und darüber dei der Jause reden, die Kommentare kommentieren, die Hoffnungen sezieren, auf der eigenen Spur immer weiter im Kreis reiten, bis sie wie eine Autobahn ausschaut. Weiter so heißt eben nicht weiter SO. Auch so kann man Lampedusa lesen: man muss die Dinge ändern, damit sie die gleichen beiben. Nur, welche Dinge, Umstände?

Wir können die Evolution an die künstliche Intelligenz abtreten, eine Option (Harari). Wir können an Leben jenseits des Sterbens glauben (einfach), aber mit unserem subjektiven Bewusstsein (Unsinn); wir können die kleinen Zwischenräume gegen die Resignation abdichten, dazu gibt es nur keine Didaktik, keine Pädagogik, und wenig brauchbare Ratgeberliteratur.

Solange uns der Krieg nicht selbstzerstörerisches Verhalten aufzwingt, ist es besser ausgeschlafen an den Alltag zu gehen, sonst kann man nicht helfen, nicht sich aufs überleben einstellen sondern nur resignieren: das heißt, man unterschreibt die eigene Entmündigung. Die fängt bei manchen schon damit an, dass sie keine Blumen mehr anschau-en oder gar pflanzen, dayss im Umgang mit den andern jede Form der Gefühle dem Weltuntergang opfern, und Gottbehüte, nichts mehr denken oder erzählen, zu dem andere oder man selber lachen kann. Hier gibt es noch Entwicklungsmöglichkeiten…wer mit tödlicher Resignation das Wiener „Kannst eh nix machen“ VOR das „Da muss was geschehn“ setzt, begrenzt sich selbst.

Das ist nicht abstrakt. Wir erleben das Entweder-Oder des Verhaltens geistig resignierter und psychisch angstvoller Personen dort, wo andere sonst befürchten würden, die nähmen die Klimakrise oder die Ukraine nicht ernst. (Das ist die Hybris, sich als den Mittelpunkt der Welt zu sehen).

Vorschlag: macht zwei Listen, je eine für die beiden vorgeschlagenen Handlungsbereiche. Und fragt euch, zu welchen Zielen ihr auch noch etwas an euch entwickeln könnt. (Leider doch belehrend, aber die Didaktik im Überleben kann man so ganz kurz zusammenfassen). Auch helfen kann man lernen, nicht nur Trinkwasser bei- Zähneputzen sparen.

Darf ich, bitte? Zu spät

Gerade habe ich darum gebeten, sich mit Kommentaren zur unangegriffenen Befindlichkeit im Krieg zurückzuhalten. Man kann über alles reden, aber man muss nicht seine Meinung zum archimedischen Punkt der Aufmerksamkeit machen. Allerdings: verstummen in Not und Gefahr sagt viel, bereitet aber die eigene Auslöschung auf dieser Welt vor. Man kann es also nicht wirklich richtig machen; obwohl: wir sind ja nicht wirklich in Not und Gefahr, wir gehören nur ihr, die andere trifft und bedrängt. Wir haben damit „zu tun“, aber wir tun oft zu wenig, oder nichts. Manchmal auch das Richtige. Wir werden auch Stellung nehmen müssen, uns zuordnen, ich hoffe, wir haben längst Partei ergriffen…aber über die Umstände muss man ja nicht dauernd reden.

Das ist mir heute durch den Kopf gegangen, als ich mehr als fünf Stunden meines Lebens vergeudet habe, privilegiert die meiste Zeit in der Sonne vor dem Bahnhof, auf dem Bahnsteig, im Umsteigebahnhof, vor den Informationstafeln zugebracht habe. Über die Bahn zu schimpfen, hat keinen Sinn, obwohl fünf Stunden…So sind sie halt, die Mehdorns,. Pofallas, die Deutschen. Witzig? Ich hätte auch etwas schreiben können, etwas lesen, über etwas nachdenken. Nein, ich starrte meist auf die unergründlichen Fahrpläne und hörte dass Knacken im Handy, wenn die DB Reisebegleitung mir zum 6., 7. mal mitteilt, ich würde nicht weiterkommen. In Marburg und Kassel, wo ich den Zeitverlust unterbrechen musste, wurde alle Naslang angesagt, warum das alles so ist, es wurde sich entschuldigt. Is ja gut. Da kam mir der Gedanke, aus den Ursachen der ungefahrenen Züge ein Lehrgedicht zu machen, Plutarch oder Klopstock. Nicht über Tod und Vernichtung grübeln, die Wirklichkeit in Verse fassen, sich lösen vom Grauen und Aufschwingen zur Welt, der wir mit einer Spielzeugeisenbahn auf die Pelle rücken.

Die Verspätung oder Zugausfall kommen

… weil das Personal zu spät eingetroffen war, weil eine Weiche repariert werden musste, weil der Zug aus voriger Fahrt schon verspätet war, weil der Zug zu spät bereit gestellt wurde, weil eine Strecke gesperrt war, weil Menschen im Gleis waren, … und

zwei Tage später:

tschulgung, bitte. Abends, im natürlich verspäteten Zug nach Berlin, Weichenreparatur, eine Minute vor dem geplanten Zug wir kommen nie an, Umleitung. Der Zugführer hat keinen Fahrplan für die Umleitung. In Spandau offenbar reichen 4 Gleise nicht für einen Personenschaden. Lächerlich, so wie mein Heißhunger in Hannover. Nachdem ich gefüttert wurde.

zwei weitere Tage später: wieder sind die Zugführer zu spät eingetroffen. Minutenweise tropfen die Verspätungsmeldungen. Und vier Tage später: Es sind zu viele Kunden, die sich um Karten bemühen, versuchen Sie es später…der Zug ist abgefahren.

Wenn all das geschieht bei der Mobilmachung, kommen alle zu spät an die Front.

Wenn all das bei unserer Hilfeleistung geschieht, kommen Lebensmittel und Medizin nie zu denen, die sie bitter nötig haben.

An und für sich können Verspätungen Leben retten oder gefährden (nicht die eigenen) oder verkürzen – heute meines. Ja, Herr Lehrer, auf den Kontext kommt es an.

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Im Fronttheater wäre das Stoff für einen Comedian oder eine Diseuse. Aber wir sind nicht Front, sondern Etappe, wie ein Kollege gerade treffend gesagt hat. Auch die Etappe gehört zum Krieg, so, wie die Medien, die Fourage, die Angst und die Betäubung dazu gehören. Im Krieg geht viel Ironie verloren, wird durch Pathos ersetzt (als wäre man in den Feuerlinien, unangreifbar zwar…in Wien sagt man: rede nicht so, am Ende erlebst du es wirklich…umgangssprachlich rückt es dir näher).

Zum Pathos des Schützengrabens hat seit jeher gehört, die kleinen Bemerkungen über die kleinen Dinge auszutauschen, weil die großen Dinge, das Leben der Kinder, der Eltern, der Partner längst dem entrückt sind, was man selbst tun könnte, auch was man versäumt hatte und was man hätte anders machen wollen, bekäme man die Chance. Ich habe diese Pathétique nie gerne gelesen, weil ich a) nie im Schützengraben war und auch jetzt nicht bin, und b) einem die Konfrontation mit dem Sterben nicht so wirklich die Wahl lässt, wie man es anders machen könnte, jetzt sofort. Mit dem Sterben, nicht mit dem Tod. Darum werben ja die Patrioten immer mit dem Heldentod, dem Tod fürs Vaterland, auf einem Denkmal stand: Unser Tod für euer Leben. Nur: wie bedankt man sich bei den Gestorbenen?

Diese Gedanken kamen mir bei den zwei Optionen des verspäteten Zuges. Zu tief haben sich die Zugmetaphern in meine Bildung eingegraben, Nicht nur Kriegsgeschichte, aber viel davon. Und welche Rolle die Züge von und nach der Ukraine spielen, können wir sehen, wissen.

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Einmal kam ein Zug zu früh an, fuhr auch vor der Zeit ab, und ich bekam mein Geld wirklich zurück. Aber meist, und hier bei uns besonders, kommen die Züge zu spät und rauben uns Lebenszeit und Nerven, es sei denn man genösse den Zwischenraum zwischen Plan und Fahrt als unerwartetes Stück Freiheit. Gerade jetzt, also nach 5 Stunden Verspätung hält der Zug in Wolfsburg, weil noch immer Menschen im Gleis sind. Auf unbestimmte Zeit, bis die Polizei ihre Arbeit getan hat. Da hat sich einer umgebracht, das wird nett umschrieben und niemand sagt tschulgung. In meinem frühen Lieblingslied sang die Knef „und kommst du mal aus dem Gleis, dann war es Erfahrung und nicht Offenbarung, was macht das schon?“ J, aber. Der Zug, der nie sein Ziel erreicht oder in der Hölle landet oder unverrichteter Dinge rückwärts in die Heimat rollt.

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Man muss im Leben zusammenbringen, was nicht zusammenpasst und zusammengehört. Das ist so trivial wie wichtig. sonst hält man das eine nicht aus, während sich das andere ereignet, und umgekehrt.

Spalten und Abgründe. Wenn es so weit ist.

Sie streiten nicht. Sie vergleichen ihre Ansichten. Meinungen darf jede(r) haben und sie auch in der Regel sagen: zu sich selbst oder öffentlich oder dazwischen. Meinungen sagen etwas über die Wirklichkeit iher Besitzerin oder ihres Machers aus, aber nichts über die Wahrheit. Oder nur wenig.

Die Menschen streiten über den richtigen Umgang mit dem Krieg in der Ukraine. Sie streiten auch um die letzte Flasche Pflanzenöl und billige Spaghetti im Supermarkt, die Hamster. Sie werden zu Pazifisten, wenn es gegen Waffenlieferungen geht und zu Bellizisten, wenn sie dafür sind. Ob sie ihren Energieverbrauch jetzt reduzieren wollen oder sollen, entscheiden sie, wenn es so weit ist.

Weil wir schon im Krieg sind, ist er noch lang nicht da, und wäre er da, wäre er noch lange nicht hier. Im letzteren Fall hätten die Recht, die solange von ihren gehamsterten Spaghetti essen könnten, bis ihr Keller von einer Rakete getroffen würde. Wäre er offenkundig schon da, also Deutschland offenkundige Kriegspartei, dann müsste man sich orientieren, d.h. weitgehend den Anweisungen von oben folgen oder sich gegebenenfalls verweigern, auflehnen. (Im Kaiserreich brauchte man zum Protest eine Bahnsteigkarte…sagt man heute ironisch. Was braucht man heute?).

Der Pöbel streitet nicht. Der Pöbel ist dagegen. Ich rede aber jetzt von den Menschen, die aus ihrem Meinungsanzug herauswollen, die wollen, dass etwas geschieht, an dem sie mithandeln können.

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Deutschland ist, wie viele andere Länder gespalten. Alte Grenzlinien Ost-West, christlich-muslimisch oder reich und arm sind nie tragfähig gewesen und eröffnen heute eher den Blick auf die wirklichen Spaltungen, Brüche, Verwerfungen. Das Überbrücken der Meinungsgräben zwischen Waffenlieferungen und ihren Gegnern ist kein Kompromiss, auch keine Realpolitik. Meinungen und der gesunde Menschenverstand reichen nicht aus, um denken, was richtig ist. es geht in die Beschränktheit der persönlichen Vorstellungen, die auf relativ viel Wissen, auf der Fähigkeit Zukunft zu denken, auf Konstruktionen dessen beruhen, was welche politische Handlung für mich, für meine Umgebung, für meinen Lebens- und Arbeitskontext, vor allem für meine Kinder und Enkel bedeutet. Und für jeden Menschen gelten diese Bedeutungskreise. Ich halte es für wichtig und richtig, diese Bedeutungen in Konstruktionen einzupacken, die konditional sind: wenn…dann…und alternative Verhaltensvorbereitungen, sozusagen ein Portefeuille zu haben. Natürlich – hier stimmt der Begriff nun wirklich – natürlich nicht nur auf mich bezogen, aber innerhalb dieser Kreise nicht opportunistisch sich darauf vorbereiten, hinzunehmen was kommt, sondern Wenn…Dann… hat seine Ethik, seine Vermittelbarkeit und erst in dritter Reihe die Frage, ob das, was man dann tut, auch gelingt.

Sich so IN einem Krieg vorbereiten ist noch einfacher als sich AUF einen Krieg vorbereiten.

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Ich schreibe das, weil mich die bloße Meinungsfreizügigkeit irritiert bzw. ärgert. Zum einen ist es denen, die in diesem Krieg schon gefallen sind und weiterhin sterben, verwundet werden, ausgebombt und gefoltert werden, unmittelbar nicht wichtig, was wir darüber denken, sondern was wir tun. Und wir tun hoffentlich nicht nur, wovon wir individuell überzeugt sind, dass wir darüber entscheiden – neoliberal, pöbelhaft, dogmatisch,…. – sondern dass wir es aushandeln, vermitteln, also dass wir Einfluss gewinnen wollen, also dass in unserem Namen gehandelt werden kann und so – hoffentlich – Menschen gerettet werden, und dass so etwas wie Frieden verhandelt werden kann. Frieden fordern grenzt fast an Amnesie. Frieden schaffen ist schwieriger und muss wohl während der Kämpfe beginnen. (Wenn es keine eindeutige Lösung gibt, wie bei den Gasimporten, dann kann man ja sehen, wie wenig weit die individuellen Meinungen tragen und wie brüchig bisherige Formelkompromisse sind). Die schreckliche Wahrheit moralisch und rational gleichermaßen richtigen Handelns ist im Krieg, dass es unmittelbar keinen Menschen rettet. Es gehört, jedenfalls für mich, viel dazu, DAS auszuhalten. Kein Stratege zu sein, sondern das Leiden anderer wahrzunehmen. Eingreifen geht für uns nur mittelbar. Umso wichtiger ist es HIER die Zivilisation immer einzuüben und zu erneuern, die Putin und seine Truppen zielstrebig zerstören, DORT erst einmal.

Wem das zu abstrakt ist. Spenden, helfen, Unterkunft besorgen kann jede(r) und immer, und den Pöbel abwehren auch.

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Nachtrag, ein paar Tage später: wenn Autokraten wie Erdögan oder Orban ihre dreckigen Spiele in diesem Konflikt spielen, darf und kann es nicht überraschen. Das Ertragen der zweiten Reihe von Tyrannen, um geschlossen gegen die erste Reihe vorzugehen, macht uns nicht sauberer oder anständiger, es beschmutzt. Habeck muss am Klimaschutz Abstriche machen, andere Autokratien erwerben Strafnachlässe, und mit der Logik der Beobachtenden ist es nicht getan. Aber wäre selbst das wirkliche Ende näher als viele glauben wollen, so sind wir nicht am Ende, das ist nun mal so in der Vergänglichkeit. Ein Beispiel: ich war und bin immer noch ein Gegner der NATO. Aber ich war und bin immer noch ein Befürworter einer europäischen Streitmacht der EU. Das wäre eine realistische Drohung gegen die Diktatoren. Ohne die Türkei könnte man vielleicht ein demokratisches Verteidigungsbündnis neben den USA, nicht gleich gegen sie, etablieren. Trotzdem müssen wir jetzt zu Finnland und Schweden halten, siehe oben.

Ende vor dem Ende vor dem Ende

Der Krieg reiht die Prioritäten der Lebenden beständig um. Gerade waren noch Klimaschutz und Energiewende und Sozialreform mühselig nach vorne gerückt worden, so stehen sie jetzt im Schatten des Kriegs. Ich behaupte, dass wir im Krieg sind, und nicht, dass wir versuchen ihn fernzuhalten. Deutschland wurde nicht am Hindukusch verteidigt (BMVg Struck 2002), wir verteidigen uns auch nicht militärisch, aber wir sind ohne jedes Drumherumreden im Geflecht eines imperialen Kriegs. Was heißt „imperial“? dass im gesamten Kriegsgebiet nicht die nationale Homogenisierung erfolgt und ein Land ein anderes angreift oder sich dagegen verteidigt, sondern dass ein kompliziertes Geflecht ungleichmäßiger Interessen, aber auch ungleicher Potenziale herrscht und uns zu bestimmten Handlungen zwingt, uns andere näherlegt und wieder andere abwehren lässt.

Krieg ist keine wissenschaftliche Denkaufgabe, bei die Reduzierung von Komplexität zum Handwerkzeug gehört. Die realistische Prognose der Situation ist: das 2° Ziel wird nicht gehalten, die bis dann Überlebenden werden vielleicht die letzten sein, aber die gegenwärtigen Oligarchen, Meinungsmacher, Influencer werden sich mit ihren Partikularinteressen durchsetzen. Die Profiteure des Kriegs verteilen sich ungleichmäßig über die Erde wie Überfluss, Hunger, gutes Leben, schlechtes Leben, Burka und Entblößung, Gebet und Blasphemie. Eine optimistische Prognose gibt es so wenig wie eine pessimistische: beide würden unser Leben, d.h. innerhalb der Lebenserwartung zum Rahmen nehmen. Wie lange brauchen wir, um das Zerstörte wieder aufzubauen, wie lange müssen wir Glyphosat sprühen, um die Menschen zugleich zu ernähren und zu vergiften, wie lange noch?

Aber es gilt auch: Prosperos Vision der Wirklichkeit: Das Spiel ist nun zu Ende – alle Spieler…/ waren Geister, / und sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft……ja der Erdball selbst / mit allem was ihn schmückt, es schwindet einst / und läßt wie dies unkörperliche Spiel / nicht eine Spur zurück – wir sind der Stoff / aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben / ist rings vom Schlaf umhüllt… (Shakespeare, Der Sturm, (1611), übersetztvon Wolfgang Swaczynna, Bärenreiter Verlag, Kassel).

Wir können wieder unbeschwert leben, wenn das Spiel zu Ende ist. Nur die Gestorbenen können das nicht, und ob die Gefolterten, Gefangenen, Hungernden aus dem Schlaf erwachen wollen, ist nicht nicht unsere Entscheidung.

Wenn das Spiel nicht zu Ende wäre, also nicht nur wir überlebten, dann müssten wir handeln. Etwas tun, das unser bisheriges Leben (und sei’s der letzten Zeit) aus Bahn wirft um sich anderswie bewegen zu können, dann gewinnen alle Begriffe wieder eine andere Bedeutung, vom Waffenstillstand bis zum Neuaufbau. Dem CO² ist das egal. Den Kindern und Gefährten der Gefallenen, den Eltern nicht.

Oft habe ich in diesen Tagen den Eindruck, die (oft) durchaus gut gemeinte Interpretation des Geschehens, eben die Kritik der kritischen Kritik, hüllt uns ein in den Kokon der Gleichgültigkeit.

Wir kehren den Wiener Spruch um: Es muss etwas geschehen! – Da kannst du eh nichts machen!

Einhalten

Eines dieser dialektischen Wörter: ich halte die Regeln ein, ich unterbreche eine Handlung, . Manchmal unterbrechen auch die Regeln das, was man gerade tun möchte, und das Gegenteil ist zur Zeit angezeigt. Haltet ein, nicht nur, wenn ihr Freunde oder Genossen oder Verbündete seid.

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Die Kommentare zu den Kommentaren retten niemanden, sie gefährden höchstens zustimmende Beitritte in nicht demokratischen Gesellschaften. Brutaler gesagt: seid für einen Augenblick still; Atemholen; Nachdenken….uiuiui, da sagt ihr, haben wir schon, lange genug. Die Zeit drängt. Das ist richtig, und die Opfer von Russlands Krieg haben nicht darauf gewartet, dass ihr die Zeit für eure Ansichten drängen lasst.

Manche Auseinandersetzungen erinnern mich an eine Stelle bei Borges‘ Bibliothek von Babel: (Die Bibliothek um fasst alles): „…die Geschichte der Zukunft bis in einzelne, die Autobiographien der Erzengel, den echten Katalog der Bibliothek und Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Kataloges, …die wahrheitsgemäße Darstellung deines Todes, …“ (J.L.Borges: Labyrinthe, München 1959, S. 191). Auch diese Bibliothek ist nicht unendlich…Die Auseinandersetzung um die beiden Unterschriftlisten erinnert mich spontan und systematisch an diese Stelle. In beiden Gruppen habe ich Bekannte und Freunde, auch Gegner, und ließe ich mich auf die Kritik der jeweiligen Aufrufe ein, würde ich nicht mehr handeln können, weil ja die Intentionen und der Instrumente der AufrufautorInnen so weit von einander nicht entfernt sind.

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Ja, ich weiß, ich habe mich auch einige wenige Male zu diesem Krieg geäußert; ich habe viel mehr dazu gehört, gesehen, gelesen, als ich kommentiere. Weil eine Meinung eben nicht zur Demokratie beiträgt, wenn man sie nur hat. Jede(r) kann etwas tun, man kann handeln, aber man muss nicht immer darüber reden. Das bedeutet gerade NICHT, dass man den Krieg verdrängen darf, ihn sozusagen auf die Seite der „Sie“ schieben kann, denen „Wir“ kommentierend gegenüberstehen. Aber die Tatsache, dass WIR IN DIESEM KRIEG SIND, muss nicht in jeder Kommunikation und allen Gesprächen stattfinden, wir können tatsächlich eine Menge tun. (Und viele tun das, und sie berichten bestenfalls, aber sie reden nicht darüber hinweg, wenn sie Wohnung geben, Spenden abliefern, Botschaften vermitteln oder den Geretteten in den Ämtern helfen).

  • Es ist richtig, dass wir uns auf eine Verringerung unseres Wohlstands einstellen müssen, udn das kann Anlass sein, die Sozialpolitik zu korrigieren, weg von den neoliberalen Kriegsgewinnlern hin zu den von Armut bedrohten Menschen.
  • Es ist richtig, dass es Verwerfungen in der Klimapolitik gibt, die unlösbare Gleichungen auslösen. Wer jetzt den Klimawandel von der Priorität verdrängt, braucht seine Nachkommen nicht zu retten, die ersticken sowieso…
  • Es ist leider auch richtig, dass es jetzt schon Kriegsgewinner gibt, nicht nur die Rüstungskonzerne und Lobbys, auch andere Profiteure. Und mit manchen müssen wir zusammenarbeiten, aber sie sollen wissen, auch ihnen wird im Frieden wieder der Prozess gemacht werden. (Das gilt auch für mindere Diktaturen, die zur Zeit auf der „richtigen“ Seite in dem Konflikt stehen, aber im Krieg dominieren scharfe Grautöne gegenüber der klaren Zuordnung, das gehört ebenso leider dazu.
  • Über dem einen Krieg dürfen wir nicht vergessen, was wir auch wissen: dass wir zum Beispiel den Menschen in Afghanistan helfen müssen, die am verhungern sind und in einer elenden Diktatur leiden; viele Flüchtlinge hier bei uns drohen in den Schatten der anderen Schwerpunkte zu geraten, auch Geflüchtete aus dem Jemen, aus Syrien. Auch darauf kann man aufmerksam machen, man muss es nicht kommentieren, aber man kann etwas tun.

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Draußen blüht der weiße Flieder, man kann den trockenen blauen Himmel bewundern und die Atempause des Wochenendes. Das macht nichts besser, aber wichtiger: es macht nichts, das wir richtig machen, schlechter.

Wir sind im Krieg, aber wir brauchen diese Atempausen weniger als die von den Kämpfen wirklich Betroffenen, Traumatisierten, Geflüchteten. Das Komitee für Grundrechte hat schon von Jahren ganz praktisch „Ferien vom Krieg“ dekretiert und tut etwas. Im Jahresbericht 1920/21 hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine gerade für das Vorwort gereicht, März 2022. Auch hier gehen alle Argumente durcheinander, aber diese Fokussierung auf die nicht nachlassende Aufmerksamkeit und die Ferien vom Krieg zeigen, dass man nicht selbst der Versuchung erliegen soll, zu leben, als wäre man in der Feuerlinie.

Zynisch, das sagt sich leicht

Deutschland schlittert – wieder einmal – in eine Beschimpfungskultur. Da sind die einen Kriegstreiber, die andern im naiven Unrecht, wenn es um Waffen für die Ukraine geht. Nicht einmal vor diesem Thema macht das behagliche Nichtbetroffensein – scheinbar! nicht betroffen – halt.

Nicht selten ertappe ich mich, dass ich auch „mit-„schimpfe, nicht bei diesem Thema, aber aus anderen Anlässen, so geht es wahrscheinlich vielen. Aber Mitglied dieser Kultur der entpolitisierenden Beschimpfung bin ich nicht. Es gibt viele Gründe, sich nicht alle Höflichkeit und Zurückhaltung zu verbieten. Klartext, nennt man das. Aber bei „großen“, vielleicht lebensbedrohlichen Themen kommt dem Klartext eine besondere Bedeutung zu. Und die wird durch die krasse Beschimpfung gemindert, nicht erhöht.

Kultur wäre es erst, wenn es die Massen ergreift, nicht wenn einer den andern beschimpft. (Das soll niemand mit der persönlichen Kultiviertheit verwechseln, zu der auch einmal schimpfen gehören kann, oder loben, oder Ironie).

Der heutige Anlass ist auf allen Kanälen, also nichts weiter dazu. Aber da lese ich einen bemerkenswerten Artikel, ein Interview mit Peter Sloterdijk. Damals, 1983, haben wir im Kollegenkreis nächtelang die „Kritik der zynischen Vernunft“ diskutiert, Es war wie ein Angriff auf unsere angestrebte modernisierte Aufklärung.

Sloterdijk hatte für uns, auch für mich, höhere und tiefere Entwicklungen, wurde zur Seite gerückt. Nicht wichtig. Heute schreibt er aber, bedenkenswert mindestens und nicht zynisch: die idealisierenden Programme, v.a. der Grünen, erscheinen in reinen Farben. Die Realität der Politik (also der „Wirklichkeit“, frage ich, mein Thema) hingegen lehrt schnell, das Grau in seinen Abstufungen wahrzunehmen, zu beachten. „Für mich bildet die Sammlung der Graumotive in der Summe so etwas wie eine Freiheitslehre, die Befreiung von starkfarbigen Illusionen betreffend“, sagt er. Ich stimme nicht zu, weil Befreiung andere Prämissen hat als Freiheit. Aber meine zu wissen, was er meint. Die Zustimmung zu den Waffenlieferungen ist grau, nicht idealistisch, die Kooperation mit Katar oder Polen gegen Russland ist ein anderes grau und auch nicht idealistisch, und die Ängste sind schrill, knallfarbig, aber ausweglos (das sage ich zum Atomkrieg).

Was dazu gehört: im Grau verschwinden oder verschwimmen die Konturen. Es ist nicht zynisch sich zu irren, verirren, aber es ist zynisch darauf zu bestehen, dass alle andern irren, wenn man selbst falsch liegt. Der Geisterfahrer beschimpft die tausenden Falschfahrer in der Gegenrichtung.

1. Mai, Quantenmechanik des Friedens

No person with a conscience can abide the crimes against humanity Russia is committing in Ukraine today. But the moral myopia of those who sanctimoniously see the transgressions of others as unfathomably different from their own historical wrongs dilutes the outrage that would forge a liberal order the rest of the world can stand behind. (Nathan Gardels)

Hast du keine anderen Themen, fragen mich die LeserInnen des Blogs? Doch, ungezählt viele. zu gestern nur ein Nachtrag.

Ist es richtig, was die GRÜNEN abgestimmt haben, für Waffenlieferungen an die Ukraine, für eine Stärkung der Bundeswehr? Oder haben Jürgen Habermas und die Proteste dagegen Recht?

weil ich kein Opportunist sein möchte, mich auch nicht weg ducke, ist meine Antwort paradox: BEIDE haben Recht, je nachdem, wo in der Weltpolitik sie sich befinden.

ES KOMMT DRAUF AN.

Wenn wir uns im Krieg befinden, wenn das DORT der Kämpfe und das HIER der relativen Ruhe, also nur wirtschaftliche und soziale Bedrohungen und Opfer sind, dann passen die Beschlüsse. Sie sind folgerichtig, haben wenig mit den Westen und der amerikanischen Führungsrolle zu tun, aber immerhin: man rückt zusammen und macht eine rote Linie: WIR vs. SIE, mit dem Blick auf die Stellvertretung unserer Werte durch die Ukraine. Ob der Krieg damit verlängert wird, ins Endlose, steht dann nicht im Vordergrund.

Wenn wir uns nicht im Krieg befinden, wenn das DORT der Kämpfe nur durch eine friedensfördernde Haltung HIER abgeschwächt, unterbrochen, beendet werden kann, dann sind Aufrüstung und Waffenlieferungen falsch, weil es nicht um Selbstverteidigung geht, sondern der Krieg ins Endlose verlängert würde. Das hieße, wir setzen auf FRIEDEN. Wir, bitte, nicht „die“.

Beides hat etwas für sich und viel dagegen. Die Waffenlobby, die Rüstungskonzerne, und die Westgewaltredner profitieren so vom Krieg, wie andere widerwillig ihnen auch Raum lassen, um mit Waffen der Ukrainer gegen den Aggressor zu helfen. Die Gegner der Waffenlieferungen müssen damit fertig werden, dass der Westen keineswegs völlig unschuldig an der Entwicklung Russlands und seines Selbstherrschers ist, aber – natürlich! – wir hier das denken und sagen dürfen, was dort mit Tod und Gift bestraft wird. Deshalb lieber hier für den Frieden arbeiten?!

Das kleinliche Gezänk, auch der Medien, über Zögerlichkeit, Einseitigkeit, mangelnden Patriotismus etc. deckt unter anderem die Angst zu, dass es uns im Fall der Übertragung des Dort nach Hier schlechter gehen wird, den Ärmeren noch schlechter als dem Wohlstand. Und eine Vorahnung, wie es sein würde, hätte man im Ergebnis die falsche Position eingenommen – Angst vor den irdischen Höllenstrafen, klassisch.

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Heute reden noch manche vom internationalen Kampftag der Arbeiterklasse. Keine Arbeiter, keine Kämpfe. Was kann der Beitrag aller arbeitenden Menschen zum Frieden sein? Das kommt darauf, woran und wofür wir arbeiten. Jede(r) von uns.