Normale Nazis und ein Ausweg?

Die Angriffe sind begründet, aber taktisch und strategisch falsch. Die Parteispenden-Affaire der AfD ist natürlich wichtig und ein Angriffspunkt, aber die Kampflinie verläuft doch ganz woanders. Alle Parteien hatten in unterschiedlichem Ausmaß ihre Spendenaffairen, manche größer, manche lokal und kleiner. Wenn man hier in der Kritik an der AfD über die Stränge schlägt, hilft man der Partei, normal zu werden – und das ist politisch falsch. Taktisch, weil es sicher auch bei anderen Parteien wieder zu Unregelmäßigkeiten kommen wird, – das ist nicht gut, aber wir sind im Antikorruptionsindex nicht außerhalb der Maßstäbe. Und strategisch – haben wir nicht besseres zu tun? Überlassen wir den Fall der Bundestagsverwaltung.

Gaulands „Vogelschiss“-Bemerkung ist auch in ein Debattenendstadium getreten. Die Staatsanwaltschaft hat die Frage nach Volksverhetzung u.ä., verneint, weil im Kontext der Rede so ein Begriff durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei (kann man so sehen), auch wenn Begriff und Rede in der Wahrnehmung der Kritiker beleidigend und strafwürdig empfunden wurden.  Recht basiert eben nicht auf Empfindungen (muss man so sehen). Man kann und soll die Rede weiter kritisieren, sich aber nicht an dem aufhängen, was Sache der Nazis, aber nicht unsere ist.

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Nazis haben vor 1933 auf mehreren Instrumenten gleichzeitig gespielt und so viele Milieus und Gefolgsleute angesprochen. So entstehen auch Volksparteien. Es gibt immer mehr Vergleiche zwischen Weimar und der Berliner Republik, viele von ihnen Kenntnis- und Analogie-reich. Nur wer vergleicht, kann Unterschiede ausmachen. Das ist wichtig, weil ja die Nazis von heute in ihrer Erscheinung nur teilweise den Nazis von damals ähneln.

Ein wichtiger Unterschied wird leichtfertig aufs Spiel gesetzt: Nicht nur in der Bundesrepublik, auch weithin in Europa und vielen Ländern anderer Kontinente sind die Grundlagen demokratischer Republik einem großen Teil der Bevölkerung durchaus bewusst, weshalb die Kritik gegen das völkische und rassistische Empfinden auch substanzieller ist als in Weimar, der „Republik ohne Republikaner“ (Ossietzky). Der Populismus ist ein Sammelbegriff für viele politische Extremismen, auch die der „Mitte“. Er setzt die Rechts-Links-Koordinate außer Kraft. Und – wichtiger – er eint Nazis (AfD, FPÖ, Fidesz, PIS etc.) mit glaubwürdigen Nazigegnern, weshalb es so schwierig ist, zu vermitteln, dass im Kern die Nazis tatsächlich und ohne „Neo-„ Präfix vorhanden sind. Wir waren vielleicht in den 60er Jahren, vor und zu 1968 hin, etwas zu naiv zu glauben, dass Demokratie als Struktur bereits gegen die Ideologie immunisiert, die sich im Nazismus und im Stalinismus und etlichen anderen System, nennen wir sie autokratisch oder faschistisch oder schlicht diktatorisch). Der Republikanismus war damals noch nicht weit genug entwickelt, und die heute auch bei uns breite Abwehr gegen Demokratie als Grundlage von Regierung und Entscheidungsprozessen hat auch hier ihre Wurzeln. Wenn man das alles nur auf den globalen Kapitalismus schiebt, dann hat man wahrscheinlich grosso modo Recht, nur ist es unsinnig, die Kritik daran bereits als Ausweg zu sehen. Da sehe ich ein gefährliches Einfallstor geschwächten Widerstands, wenn man das rechte Muster in ein linkes verwandelt. Die Rechten sind gegen das System. (Das waren die radikalen Linken immer). Die Systemkritik möchte a) die Demokratie austauschen gegen die Unmittelbarkeit von Volksempfinden, und bei den Nazis, von völkischem Empfinden, auszutauschen  (Betonung auf unmittelbar und repräsentiert durch ein Führersystem: Trump,  Orban, Erdögan); b) die Menschen unter der neuen Leitkultur ständig gegen den Feind positionieren (da ist natürlich Carl Schmitt ideologisch präsent, wie übrigens früher auch bei manchen Linken). Darum taugt „Rechts-Links“ hier nicht, und der Ersatz von repräsentativer durch plebiszitäre Demokratie auch nicht.

Wie  also mit den Nazis umgehen? Im ersten Ansatz gar nicht.  Wie wir mit uns umgehen und wie wir uns im öffentlichen Raum verhalten, den wir immer wieder, täglich, neu schaffen müssen. (andere, auch konservative Geister, die aber den Nazis nicht sich anmuten, haben dieses Motiv „Du musst dein Leben ändern“ schon ebenso früh aufgegriffen wie frühe Flügel der Grünen. Sloterdijk nimmt das Motiv von Rilke und stellt unsere Gesellschaft in den Status ständiger Einübung und Selbstbeschäftigung. Rilkes Gedicht endet „…denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht/ du musst dein Leben ändern“.  (Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009), Das ist verführerisch, weil es auch zur hamsterradartigen Selbstbeschäftigung unter Außerachtlassung von sozialer Struktur, Macht, Herrschaft und Ungleichheit führen kann, formuliert durch die (selbst)bewusste Elite. Aber das Öffnen der hermetischen Gewissheiten über unsere menschliche Verfassung (Condition humaine) um derer Willen, die dieser Herrschaft unterworfen – das alte aufgeklärte, humanistische, oft revolutionäre Widerstandsargument, das auch einmal „links“ hieß, kann natürlich einen Ausweg bezeichnen, von dem wir nicht wissen, wohin er führt, weil er fast nur mehr im Verhindern besteht: eben der Klimakatastrophe, eben der milliardenfachen Hungersnot, eben der zivilisatorischen Retroaktion, eben des finis terrae – auch wenn es absurd wäre, dieses Ende aufhalten zu wollen, weil man es nicht kann.

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Lohnt es, sich mit den Nazis auseinanderzusetzen. Ja, wenn es um die politische Besetzung von Positionen im sozialen Raum geht. Nein, wenn wir selbst nicht verstanden haben, dass wir die „Einzigen“ sind, die Demokratie weiter und die Republik stabiler entwickeln können. Anstatt diesen Trotteln die Meinungsfreiht zu bestreiten, müssen wir uns darum bemühen, in diesem „Wir“ erkennbar zu werden und zu bleiben. Auch dazu kann jede( r) das Leben ändern, seins und seiner Gesellschaft.

Dann kann man Gauland und Weidel und die 130.000 €  vergessen.

Zurück in die Politik. Rechts ist nicht unwidersprochen, gerade in Österreich, wo ja die Nazis maßgeblich mitregieren, ist auch der Widerstand artikuliert: Lest doch

Globaler Rechtsruck: „Etwas geht gerade weltweit schief“

Interview Bert Rebhandl 7. November 2018, 06:25 https://derstandard.at/2000090755265/Globaler-Rechtsruck-Etwas-geht-gerade-weltweit-schief

Wenn, wie in der Folge ausgeführt wird, die Mehrheit die „illiberale Demokratie“ ablehnt, aber die Mitte sich selbst nach rechts verschiebt, was hat das mit „UNS“ zu tun, dem lebenden Widerstandspotenzial, das sich nur nicht als politischer und kultureller Widerstand positioniert, sondern meist nur mitreden will?

Wir können uns nicht passiv gegen die Übernahme der Macht durch die unaufgeklärten Endprodukte einer Entwicklung wehren, die ja nicht aufgehört zu existieren, als die Aufklärung angetreten war. Aktiv heißt aber auch, nicht nur das eigene Leben städnig überprüfen, sondern die Umstände des Lebens der Anderen abhängig machen davon, wie wir Politik machen.

Verkehr und Stau

Gerade wollte ich mich nach Köln aufmachen um am 11.11. um 11 Uhr endlich die ernsthafte Einbringung des Humors in die deutsche Leitkultur mit zu erleben, da hörte ich zum tausendsten Male die Verkehrsnachrichten: Stau in der Umgebung von Köln auf allen Verkehrswegen. Wie in Trance, um mich nicht in die täglich Blockierten empathisch zu versetzen, begann ich, der Frage auf den Grund zu gehen, warum im öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Verkehr auf die Beförderung von Menschen in Autos beschränkt wird,  wo doch die Circulatio eine viel weitere und freiere Bedeutung aufweist.

Politisch war Herbert Wehners Wutausbruch nicht korrekt: „Sie sind ja so klug, Sie sollten sich auf die Verkehrsdebatte beschränken!“. Aber im Licht des weiteren Nachdenkens kann der Satz ja fast als Adelung der Phantasie des Angebrüllten verstanden werden: Kannst du über dein Verkehrsverhalten auch debattieren?

Wie im Straßenverkehr kann ja auch der Gefühlsstau Einfluss auf den Geschlechtsverkehr haben, wobei der Einfluss wiederum genau und sogar rasiert bildlich bei Wikipedia eingegrenzt wird. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtsverkehr  Dass dieser Begriff abtörnt, und manche lieber Sex sagen, schon ganz zu schweigen von den vielen Begriffen für die verschiedenen Verkehrssituationen, liegt auf der Hand. Ob der Kreisverkehr auf den Gruppensex hinweist, oder eher auf den Vollzug der seriellen Monogamie, sei dahingestellt. Sicher ist, dass neben der räumlichen Komponente – irgendwo muss der Verkehr ja stattfinden – die zeitliche  eine große Rolle spielt: wann nämlich die Verzögerung, der Stau, ein Ende hat und die Verkehrsteilnehmer ankommen. Jeder kennt den Ruf des Beifahrers „komm schon“, wenn man bei grün nicht sofort losprescht. Der Verkehrsfunk sagt auch, in welcher Situation man mit wieviel Verzögerung zu rechnen hat, und das kann dem beliebten Stellungsspiel der freizeitlichen Sexualdiskurse nur praktisch dienen, oder wie die Wiki sagt: von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden. Auch wenn man zu spät kommt, kann das verheerende Folgen haben und ruft die Verkehrsminister aller Denominationen auf den Plan.

Ach ja, ich wollte ja zum Karneval. Nun steh ich Stau und lese weiter:

„Im Jahre 1966 sah der Bundesgerichtshof den engagierten ehelichen Beischlaf unter Berücksichtigung des damals für die Scheidung geltenden Schuldprinzips als Ehepflicht an:[1]

„Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen (…) versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen. Denn erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, auf die Dauer kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet. (…) Deshalb muss der Partner, dem es nicht gelingt, Befriedigung im Verkehr zu finden, aber auch nicht, die Gewährung des Beischlafs als ein Opfer zu bejahen, das er den legitimen Wünschen des anderen um der Erhaltung der seelischen Gemeinschaft willen bringt, jedenfalls darauf verzichten, seine persönlichen Gefühle in verletzender Form auszusprechen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ehelicher_Beischlaf)

Wenn ich mir die Flüche und Hupereien bei der Autobahnabfahrt in den Berufsverkehr anhöre, dann wird der verletzenden Form doch Hirn und Ohr geöffnet.

Nein, das ist nicht Karneval. Es gibt bei Verweigerung auch kein Schuldprinzip mehr. Bei der Zerrüttung muss man sich fragen, dass sie durch zu häufige Beiwohnung ebenso wie durch zu großen Gefühlsstau herbeigeführt werden kann. 1966…Leute, damals gabs kaum Staumeldungen außer vor unbeschrankten Bahnübergängen. Aber heute:  wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, also war ich nicht auf der Karnevalseröffnungssitzung und habe mich nicht über die unsittlichen oder gar lustigen Zoten zum Thema aufregen können. Staat dessen könnte man auf die sozialen Folgen der Beiwohnungsknappheit verweisen, was im Übrigen gar nicht metaphorisch, sondern real ist.

Glaubt ihr, mir macht das Kreisen um diesen Verkehrsfluss Freude? Gerade unter dem Beischlaf-Hauptparagraphen steht genau ein Absatz, nur einer: Hamid Karsai, Präsident Afghanistans, unterzeichnete ohne parlamentarische Debatte am 2. April 2009 ein Gesetz zur Regelung des Familienlebens unter den Schiiten in Afghanistan, das laut Meldungen in der europäischen Presse in Artikel 132 „Ehefrauen dazu verpflichtet, sich mindestens einmal in vier Tagen den sexuellen Forderungen ihres Mannes zu unterwerfen“.[5] Das Gesetz wird auch in Afghanistan scharf kritisiert.

Sonst ist das alles uninteressant und das Hirn der aufgegeilten Leser bleibt in stabiler Seitenlage (die ist nicht aus dem Kamasutram, sondern aus der Jugendrotkreuzanleitung). Afghanistan…die Ehegesetze der meisten Länder sind entweder menschenfeindlich, meist frauenfeindlich, oder sie sprengen den Rahmen von Charlie Hébdo. Aber Afghanistan, das muss sein…weil wir ja wissen, was Deutschland mit Afghanistan zu tun hat. Preisfrage: warum „einmal in vier Tagen“? (ich weiß es, verrat ich aber nicht). Und warum Afghanistan hier angeführt wird, aber nicht San Marino, Kamerun oder Neu Seeland.

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Spontan beim Abhören der tägliche  Verkehrsmeldungen assoziiert und mich hiermit jeder Kritik ausgesetzt. Aber im Stau stehen ist auch Zeitverschwendung, Lebenszeitverschwendung.

Heuchelei zur Garnisonkirche: Vor dem 9. November

Die Wallfahrtskirche zum preußischen Militarismus, also auch zu Adolf Hitler und Paul von Hindenburg, heißt im Volksmund „Garnisonkirche“ und wird in Potsdam gerade wieder errichtet. Ein Neubau des Turms entsteht, gerade sind die Fundamente betoniert. Für die Ewigkeit, also die nächsten tausend Jahre. Ich habe dazu geschrieben, auch in den Blogs; ich bereite einen Buchbeitrag dazu vor und diskutiere mit anderen Gegnern des Neubaus. Es ist interessant,  wie scheinbar festgefügte Positionen, z.B. christliche Gemeinden, politische Parteien und weltanschauliche „Lager“ Sprünge zeigen, sich ihrer dogmatischen Position unsicher werden. Bei Befürwortern ist der Ton etwas leiser geworden, das Lager reicht ja von Bischöfen mit recht deutscher Sozialisation über nostalgische Architekturdenkmalschützer bis zur AfD, da muss man sich abgrenzen, bevor man seine Haltung vertreten kann. Der wissenschaftliche Beirat des Vorhabens verzichtet auf Klasse und kann deshalb ohnedies nicht ernst genommen werden. Aber diese Befürworter interessieren mich weniger als die Argumente, die wir Gegner ins Treffen führen und wohl ordnen und werten müssen.

Mein Ziel ist es, unter anderem zu erreichen, dass Besucher Potsdams, dieser kultivierten und herrlich widersprüchlichen Stadt, diesen Wallfahrtsort des historisch und politisch Bösen meiden oder, wenn sie ihn denn besuchen oder da hin geführt werden, entsprechend kommentieren und ablehnen. Dazu müssen sie einiges wissen, denn bloß ein Bauwerk gut gelungen oder schlecht platziert zu sehen, reicht nicht. Wie überall, ist der Kontext entscheidend. Mir reicht es, wenn der Turm, wie fertig und umnebelt er werden mag, als Zeichen der Spaltung,  des Widerspruchs und der offenen Wunde aktiv am Bewusstsein der Besucher und der Stadt arbeitet. Dazu muss man die von den Heuchlern angebotene Versöhnung ablehnen.

Bitte lest an dieser Stelle meinen alten Blog: Tag von Potsdam, Garnison der Unbelehrbaren – und Widerstand  23.3.2018

 

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Die Spaltung der Stadt existiert, mit oder ohne Garnisonkirche. Sie kann nur durch einen ausgetragenen politischen Konflikt in eine lebendige demokratische Auseinandersetzung umgewandelt werden. Ohne einen solchen Konflikt wird sie sich vertiefen und zur Feindschaft werden. Keine ernst zu nehmende Konflikttheorie würde dies anders sehen, bis auf ein wenig Literatur werde ich diese Theorie hier nicht vertiefen. Klar aber ist, dass der Konflikt eines nicht verträgt: Lösung durch Harmonisierung (alle haben irgendwie Recht) oder Kompromiss (beide Seiten gehören „dazu“, d.h. zum nicht weiter konkretisierten friedlichen Zusammenleben). Konflikte kann man überhaupt nicht lösen, sondern nur regeln (im Englischen ist das besser: resolution, d.h. auflösen). Die Regelung hebt den Konflikt jedenfalls auf eine neue Ebene, in der die alten Mächte nicht mehr agieren können. In unserem Fall: Versöhnung wird dann möglich, wenn sich alle Konfliktparteien zur Anerkennung der eingetreten Realität bereit finden. Worin besteht diese?

Real ist eine heftige Auseinandersetzung um gültige und anerkannte Geschichtsdeutung. Deutungshoheit heißt u.a. Beeinflussung der öffentlichen und veröffentlichten Meinung (als scheinbare Grundlage, von der aus sich ein Diskurs entwickelt, d.h. die Herstellung eines „Man“, das nicht mehr an Personen festgemacht werden kann und muss). Das heißt nicht, dass ich streiten will, sondern dass ich streiten werde, bis der Konflikt geregelt ist.  In diesem Prozess kann auch die Spaltung ein Stück weit reduziert werden, wobei es nicht darauf ankommt, wie groß oder nachhaltig mein Beitrag dazu ist, sondern wie richtig und wirksam er den Konflikt aufgreift.

Ich habe hinreichend genau über die Illegitimität der Ansinnen der Turmbauer geschrieben. Im Folgenden werde ich die Argumente in Richtung auf Konfliktaustragung und Konfliktregelung drehen, also politisieren. Dieses „Also“ ist wichtig. Neue Argumente finde ich jenseits der Dekonstruktion des falschen Versöhnungsansatzes nicht, aber sie geben nicht hinreichend Antwort auf die Frage: was tun? Und was jetzt zu tun ist.

Dazu ist es wichtig, die gesellschaftlichen Ebenen der Argumente zu präparieren, von denen aus die Befürworter arbeiten. Ich wähle von noch weiteren vier aus: Religion, Geschmack, nationale Identität, Geschichte. Auch wenn diese auch irgendwie zusammengehörig gemacht werden können, wird erst ihre Isolierung deutlich machen, wie fatal sie eingesetzt werden.

Religion: sind religiöse Argumente auf einer höheren Ebene anzusiedeln als politische, ästhetische, ökonomische oder ideologische? Die Frage ist insofern von großer Wichtigkeit, weil ja viele und wichtige Gegner religiöse Gemeinschaften, Kirchen, Gemeinden, repräsentieren, und mit ihren Argumenten gegen die GK ja Recht haben. Aber nicht, weil sie als Vertreter*innen dieser Gemeinden sprechen. Religion ist ein gesellschaftliches Ordnungssystem neben anderen und kann nur beanspruchen, neben diesen anderen anerkannt zu werden und im Wettbewerb zwischen Machtansprüchen zu. (Ganz anders sind Argumente aus dem Glauben heraus, aber da Glauben für soziale Interaktionen unverfügbar ist, kann es hier nicht um Konfliktregelungen, sondern nur um Selbstbestätigung oder Zweifel gehen). Religion wird oft mit besonderer Empfindsamkeit geschützt (als wäre eine Kirche vor Kritik eher geschützt, weil in ihr ein Gott angebetet wurde/wird, als jedes andere öffentlich Gebäude). Das ist kein trivialer Punkt: denn wir wissen aus der Geschichte, dass jedes Bauwerk (Schloss, Schaftstall, Denkmal, …), jeder Gegenstand (Reliquie, Waffe, Brief,…) und jede repräsentierende Person solchen Schutz erfahren, je nach gesellschaftlicher Werteordnung. Damit wird der Religionsbezug zu einem Element der verfassungsrechtlich geschützten Freiheit der Religionsausübung gemacht und braucht sich um Kritik  nicht so sehr  zu  kümmern wie andere Gemeinschaften. Ich argumentiere hier ähnlich wie in Fällen, wo Ärzte oder Verwaltungspersonal von Kliniken nicht nach ihrer humanitären Qualifikation, sondern ihrer Religionszugehörigkeit Arbeitsverträge erhalten. Also: nur weil die GK eine Kirche, eine Staatskirche übrigens, genießt sie kein Meinungsprivileg. Und manche müssen sich die Frage gefallen lassen, welcher von den vielen Göttern darin angebetet wurde.  Da ich kein Christ bin, und diese Form der Idolatrie mir fern liegt, muss ich jetzt meine Freunde und Verbündeten in den Kirchen in Schutz nehmen, sofern nämlich ihre Kritik am Turmbau sich mit mehr Recht auf die Verfassung ihrer Kongregation berufen kann als die Blasphemie der Befürworter. Anders gesagt: aus Sicht der Theologie, nicht der Wissenschaft, ist die Berufung auf einen Gott kontrafaktisch, blasphemisch, wenn sich darin bloß die Interessenbekundung  verbirgt, die durch den Namen Gottes unangreifbar gemacht werden soll. Es ist meine fundamentale Kritik am Deus lo vult der Kreuzzüge, am Inshallah und an der Behauptung, Gott hätte die Shoah gewollt, sonst hätte er sie ja nicht geschehen lassen brauchen. Aus Sicht der Wissenschaft könnte man hinzufügen, dass ein Bezug zu Gott jedenfalls in dieser Form ohnedies sich nicht aus dem Zweiten Gebot vom Sinai ergibt. (Und Religion als Brücke zu andern Rechtfertigungen braucht man nun wahrlich nicht, um die eigenen Interessen zu stärken).

Geschmack: dass man über Geschmack nicht streiten kann, gehört in den Kanon des Spießbürgers oder Flachkopfes. Man kann, manchmal soll man, manchmal muss man streiten. Ob etwas schön ist, ob es gefällt, ob die GK an diesem Ort, in dieser Form sein soll, wieviel „Abstriche“ von einem Muster man machen muss…all das gehört in eine komplexe psychologische und soziale Komplexität von Habitus, Erziehung, Wissen, herrschender Meinung, politischer Korrektheit. Ein gutes Beispiel ist die Frage, ob denn der Turm zum Stadtbild gehöre, nur weil er auf alten Ansichten da war und man diese wieder vervollständigen  möchte. Kann man wollen, ohne Zweifel. Wann sollte man barocke Altäre aus gotischen Kirchen verbannen, wann sind sie dort besonders schön? Wann ist eine Silhouette beindruckend, wann ist sie bombastisch? Antworten auf diese Fragen sind immer politisch – Entartete Kunst, Kulturschutzgesetz, Erziehung der nächsten Generation, sie formen immer den Habitus, v.a. im kulturellen Kapital, aber auch im sozialen, und greifen tief ins ökonomische ein – über Reiseführer, Ferienangebote, Orte, wo „man“ sich trifft oder die „man“ besser meidet. Sie zwingen die Individuen, Stellung zu beziehen, und sei es durch Nichtbeachtung oder Abwendung.

Nationale Identität: gefährlich wird die Geschmacksfrage, wenn sie zugleich aus dem kollektiven und kulturellen Gedächtnis auswählt und Objekte präsentiert – den Turm der Garnisonkirche –  um unverzichtbare Bestandteile einer bestimmten Geschichte, einer bestimmten Identität vorzustellen. Ich karikiere das: Johann Sebastian Bach gehört zu uns, Goethe gehört zu uns, daran sollte niemand zweifeln; der Alte Fritz gehört zu uns, die preußischen Tugenden gehören zu uns, das Wirtschaftswunder gehört uns…Identitäten sind Konstruktionen, die über ein ausgesprochen tieferliegendes Moment – z.B. den Nationalismus – gebildet werden. „Uns“, bzw. „Wir“ sind unscharf genug, uum sogar in Maßen Kritik zuzulassen. Aber es kann wenig daran gezweifelt werden, dass die Identität dieser Art immer etwas „Deutsches“, „Türkisches“ „Italienisches“ zeigt – dem ohne dass es gesagt wird, etwas Undeutsches, Untürkisches, Unitalienisches entgegengestellt wird. Erdögan und Salvini spielen dieses Instrument auf staatlicher Ebene virtuos, bei uns eher die Politiker am rechten und linken Schmutzrand, gleichermaßen. Warum gehört dieser Turm eher zu uns als die Gefängniszellen der Nazis und der Stasi in der Lindenstraße? Weil ihm Zuschreibungen gewidmet sind, denen der Turm gleichgültig ist, nicht aber die Ideologie und das Bewusstsein seiner Betrachter und der Touristen und der Geschichtsbücher usw.

Geschichte: da erklären uns befugte und unbefugte, d.h. kenntnisreiche und wissensarme,  Experten, warum die GK wichtig sein soll. Die Relevanzerklärung ist so kontextabhängig wie die Geschmacksfrage, schwieriger zu dekonstruieren allemal, weil hier auch die Komponenten der Heuchelei und der Ideologischen Verschiebung hineinkommen. Geheuchelt wird, wenn die GK Bauherrn im Namen der Versöhnung darauf verweisen, dass man ja (jetzt erst? Jetzt!) auch des Widerstands gedenken darf (dessen Bezug allerdings zur Kirche und ihrer Geschichte marginal bis nichtig ist). Und die ideologische Verschiebung kommt deutlich daher, dass man die Gräuel,  die mit der GK verbunden sind, nicht leugnet (dazu liegt ja Grünzigs Buch und viel Material auf dem Tisch), aber so klein redet und marginalisiert, dass Preußens Gloria und die heroische Geschichte dieser Wehrburg des Militarismus umso strahlender erscheinen. Kolonialkirche, Propagandakirche, Unterdrückungskirche und alles im Gottesdienst der Herrn Hitler und Co., abgefedert von den Mittätern aus dem Haus Hohenzollern, und nicht einsichtig bis heute von den Erben der Gewalt.

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In den nächsten Tagen wird wiederum der Progromnacht, des Endes des 1. Weltkriegs, der Vereinigung gedacht. Für all das kann man auch die Garnisonkirche in Dienst nehmen. Es handelt sich um eine lästerliche Leibeigenschaft. In Beton wird gegossen, was im Bewusstsein des völkischen, aggressiven, versöhnungsfeindlichen und blasphemischen Ungeists nach wie vor besteht, das muss man gar nicht erst erfinden. Und wenn sich Kleriker dafür hergeben, dann müssen sie sich gefallen lassen, dass ihre Blasphemie auch von denen angegriffen wird, die mit ihrem Glauben ein anderes Religionsverständnis haben – oder gar keins, denn die Garnisonskirche war nie eine „Kirche“ und ist auch keine; sondern eine Wallfahrtsstätte deutschen Ungeists.

Hühner im Fuchsgehege

Hühner gackern im Fuchsgehege

Die armen Tiere … sie müssen immer für Metaphern herhalten, die nicht stimmen oder beleidigend sind, für die Tiere sowieso, aber oft auch für die verglichenen Menschen.

Die politische Erde bebt. Trumps Angriff auf die Synagoge (die Hinterlist der indirekten Gewalt), die Proteste gegen den Freispruch der angeblichen Prophetenlästerin unter pakistanischen Muslimen, die Wahl des Verbrechers Bolsonaro in Brasilien und die damit verbundene Freude der auch deutschen Wirtschaftsvorstände, die unbeugsame Versorgung der saudischen Verbrecher mit deutschen und anderen EU Waffen, der Ausstieg Österreichs aus der VN-Migrationsplattform (die machen sich mit den andern Nazis gemein, und Polen, Ungarn, Trump sowieso), … all das in den letzten 48 Stunden verdichtet, das und viel mehr.

Ach ja, und Merkel. Ihre Rückzugsrede war offenbar gut vorbereitet und sehr präzise. Stunden später gackern die Hühner. Der nicht-kluge Spahn möchte konservativ werden (FAZ 1.11. durch Inhaltslosigkeit), der nicht-demokratische Merz möchte mehr Frauen politisieren, als ob das sein Hauptthema wäre, der Laschet kommt und geht wie ein Drehtürfabrikant. AKK reibt sich die Augen. Obwohl sie alles gewusst hatte.  Und?

Die Normalität der Verdichtung von Ereignissen ist nicht außergewöhnlich; dass es fast nur unerfreuliche und zugleich folgenreiche Ereignisse sind, verstärkt den Verdacht bei vielen, die historische Konspiration hätte einen neuen Höhepunkt erreicht. Man kann auf dem Vulkan tanzen, wie 1913, man kann in Schockstarre abwarten wie die Schildkröte, die nur wenige Panzerbrecher fürchten musste, man kann Konfusion durch konfuses Verhalten steigern (die Macht der gewalttätigen Diskurse und die Bequemlichkeit der eigenen Lebensführung) oder gar legitimieren (das Volk wählt Verbrecher und beruft sich dabei auch noch auf die Demokratie).

EU ohne Merkel? Jetzt schauen wir einmal, ob die demokratischen Institutionen nicht nur auf Personalisierung beruhen. Das wäre im besten Fall die Umkehrung des Befundes, dass die neuen Diktatoren diese Institutionen durch ihre Person ersetzen, auch durch ihre Persona=Masken. Die Phänomene der Demokratiemüdigkeit, der fatigue de democracie, sind bis zum Überdruss beschrieben; aber deren Ursachen, deren langanhaltendes Untergraben des gut Gelungenen an der Nachkriegsordnung muss uns doch unruhig machen. Weil es bei uns relativ friedlich war, weil wir die Demokratie gefestigt hatten, weil wir den öffentlichen Raum teilweise besetzen und nutzen konnten, haben wir übersehen (wollen), dass es anderswo nie oder selten keineswegs dieser Glücksfall war. Wir haben geschwiegen, oder wohlfeil vom Sofa aus pazifistische Erklärungen abgegeben, gelegentlich gespendet usw. Wir waren, im Großen und Ganzen, und keineswegs „unpolitisch“, die Kippfiguren der Autokraten, deren Liberalität darin bestand, keine unrechtmäßige Gewalt auszuüben und die Meinung zwischen das Beobachten der Unmenschlichkeit und der Teilhabe an ihr einzuklemmen, die Meinung war durchdacht und kritisch. Nicht aufgewärmt, sondern erneuert, ist die repressive Toleranz eine Lieblingswaffe der Autokraten: es gibt doch oppositionelle Presse, es gibt doch kritisches Theater und doppeldeutige Musik etc., ja-ha, aber…

Das ist nun kein Katzenjammer der versäumten Aktionen, kein nachträgliches Rechtfertigen kindischen Terrorismus (mit furchtbaren Opfern) und kein konstruiertes schlechtes Gewissen. Aber die These stimmt schon, dass die kritische Beobachtung und Bewertung all der Ereignisse zwar die Kritik bereichert hat, aber so wenig bewirkt, wie das Münchner Abkommen von 1938.  Ich mache immer meine Witze über Marxens Sprachspiel von der Kritik der kritischen Kritik. Weil sich soviel darin abbildet: zum Beispiel der Blödsinn vieler hochdekorierter Volkswirtschaftler, die contra Wirklichkeit ihre Markt- und Wachstumstheorien verbreiten; zum Beispiel der Versöhnungsansatz von Ökonomie und Ökologie; zum Beispiel pazifistische Illusionen darüber, wie man Entwaffnung durch negative Gewalt befördern könnte; zum Beispiel in der gesinnungsethischen Blase, die die Verantwortungsethik marginalisiert; zum Beispiel in der fast biedermeierlichen Verlegung der Proteste in die diskursive Auseinandersetzung….nein, jetzt folgt kein Aufruf zu Kampf und Gewalt, und kein  Abstreiten der Tatsache, dass alle diese Beispiele ja nur die eine Seite einer durchaus für uns großartigen Friedens- und Demokratieperiode sind, die andere Seite zeigt unser Glück. Unseres.

Das müsste eine Periode der demokratischen Stärke, eine Plattform für demokratischen Widerstand, eine Chance für Exposition bieten, und ein wenig weniger Angst davor, dass ein  aus Hamburg freigestellter Polizist[1] uns sagt: zeigen Sie mal Ihren Ausweis oder kommen Sie mit.

Wir sind die Hühner. Und weil es so viele Füchse gibt, versäumen wir die Zeit unserer Verteidigung mit seltsamen Fragen: wer von diesen Füchsen wohl der böseste, der bestechlichste, der vorübergehendste oder gar der harmloseste ist.

Man kann sich auch nicht in kindischen Attentatsplänen trösten, weil es zu viele wären und mit ihrem Verschwinden kein Problem gelöst würde – außer vielleicht, dass ein Unsympath durch einen anderen, mit Hoffnung oder gar noch größerer Enttäuschung, ersetzt werden müsste. Was nämlich das Unangenehme ist: Das Volk bleibt, und die Herrschaft regiert nicht. Selten in der Nachkriegszeit hat es in so vielen Gesellschaften derart führerbedürftige wohlstandsverwahrloste Selbstunterwerfer gegeben. Die wollen unterworfen werden und erhoffen sich dafür Ruhe. Opposition stört. (Solche Stimmung gab es natürlich früher auch und immer, aber nicht so flächendeckend zeitgleich). Es ist nicht der Endkampf, sondern die Resignation vor den ungenutzten Möglichkeiten. So lange Demokratie, und so wenig genutzt? Das wäre falsch. Ich rede ja nicht vom ganzen Volk.  Aber von relativen Mehrheiten, ubiquitär, überall. Die uneinige Opposition wird ebenfalls überall zitiert, weil sie über den Anlass und die Ursache ihrer Gegnerschaft uneins ist. Es geht nicht um Dieselfahrverbote, Datenschutz, Wohnungsnot etc., sondern um den öffentlichen Raum, in dem diese Probleme verhandelt und zur Regierung gebracht werden können, mithilfe der Institutionen, in denen wir uns regelsetzend einbringen. Und nicht als befreite Individuen an die Stelle derer denken und träumen, die sich von ihnen freigemacht haben und nur mehr zerstören.

(Darüber kann man jetzt denken, schreiben, lehren, studieren etc. Weil ichs schon zweimal abgedruckt habe: lest Ingeborg Bachmanns „Alle Tage“, und Terezia Moras Büchnerpreisrede dazu).

Mir geht es seit Anbeginn der Finis-terrae-Diskurse darum, die Hybris anzugreifen, mit der die Menschen sich und ihre Lebenswelt ausliefern den Barrieren,  die man weiterer Zivilisation durch Gewalt, Herrschaft und Abstraktion von den möglichen Bedürfnissen setzt. Das „intelligente Design“ etwas schmalhirniger Schöpfergötter könnte so eine Verblödung gar nicht vorhersehen, mit der die Völker sich restringieren in den Hühnerstellen, hoffend, sie seien die letzten, die der Fuchs holt.

[1] Saufen, schlechtes Benehmen, Sex vor dem G20 Gipfel, dann wieder hoheitliche Verhöhnung der Menschen dabei und danach.