Es wird deportiert: deutsche Leitkultur

Heute wurden wieder 46 Afghan*innen aus Bayern im 25. Deportationsflug nach Kabul abtransportiert.

Deutschland war in der Vergangenheit so wenig ein humanitäres Beispiel wie die anderen europäischen Länder, es gab Ausnahmen, aber wenige. Das sollte sich nach 1945 langsam ändern, und nach 1989 konnte man die Hoffnung haben, dass das Lernen aus der eigenen Geschichte von Schuld und Haftung nicht nur bestimmten Ereignissen galt, sondern auch nachhaltig wirken würde.

Am Beispiel der Deportationspolitik können wir das Gegenteil belegen, nicht flächendeckend, aber signifikant und von der ganzen Bundesregierung geteilt – es ist nicht nur die CSU – die mit ihrem Sektenchristus vor allem -, auch CDU und SPD machen mit, getrieben von den Nazis im Parlament und in der Bevölkerung.

Wer nach Afghanistan abschiebt, nimmt den Tod und weitere Verfolgung von Deportierten billigend in Kauf, man könnte bedingten Vorsatz unterstellen, denn die Situation dort ist bekannt. (Die Beschwichtigungen durch das AA sind unglaubwürdig, weil das Ministerium gar keine Leute vor Ort hat und unsere Dienste schlechter informieren und informiert sind als die Expert*innen der verbliebenen humanitären Institutionen).

Um des bayrischen Wahlkamps willen werden Menschen in den Tod geschickt.  (Das Argument, dass ja nicht alle in Lebensgefahr geraten, ist so unsinnig wie die Aussage, dass es ruhigere Zonen im Land – ES GIBT KEINE SICHERE GEGEND IN AFGHANISTAN. Aber wenn die Taliban, der IS, kriminelle Banden die Rückgekehrten bedrohen, töten oder weiter vertreiben – was kümmert es den deutschen Rechtsstaat in der Interpretation von Seehofer, Hermann & Konsorten.

Nun ist es richtig: der Rechtsstaat ist selten auf Menschlichkeit aufgebaut; aber die Normen, die ihn konstituieren, sollten es sein.

Eine Hoffnung. Die Tage des Angstblütlers Seehofer und seiner Kumpanen sind ohnedies gezählt, da brauchen wir gar nicht auf Entführung oder anderweitige rechtsstaatliche Verbringung nach Afghanistan zu hoffen, Bayern in seinen dunkelsten Regionen reicht da schon.

Eine Hoffnung weniger: Faschistische, nationalistische, unmenschliche Regierungen formen immer stärker die Regime europäischer und weltweiter Governance. Da ist Deutschland eine Ausnahme, im Inneren noch – NOCH – sogar eine bessere Option als vielerorts. Darum arbeiten wir ja hier politisch und nicht subversiv.  Aber die Ruhe, mit der man Deportationen geschehen lässt, erinnert nicht nur an die Konferenz von Evian, sie erinnert nicht nur an das Schweigen zu den regierungsamtlichen Nazis der Nachkriegszeit, sie erinnert nicht nur an die wiedergängerischen Wellen  nationalistischer Selbstzerstörung – genannt Leitkultur von den Unzivilisierten.

Deportiert, damit ihr in Zukunft deportiert werdet. Das wäre eine Variante von Söders stupender Bibelkenntnis.

Im Ernst: die 46 Opfer von Seehofers 69er Barbarei sind nur die Spitze dieser unzivilisierten Harmonie einer Regierung, die sich selbst des Angriffs auf die Demokratie und den Rechtsstaat schuldig macht.

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Ich versuche, trotz dieser ernst gemeinten Worte nicht zu agitieren. Denn ich habe in Forschung, Beratung und Vermittlungsarbeit immer wieder auch darauf hingewiesen, dass es Maßnahmen und Politiken geben kann, mit denen z.B. Afghan*innen in ihr Land zurückkehren können. Diese werden aber nicht ergriffen – man hat andere Sorgen, nicht nur in Bayern.

Jüdischer Einspruch IV: Israel und der Dritte Weltkrieg

Kassandra hat sich schon dadurch unbeliebt gemacht, dass ihre düsteren Visionen keine schwarze Zukunft,  sondern eine ebensolche Gegenwart aufgerufen haben – nur hat das niemand so richtig verstehen wollen.

H.C.Artmann, einer meiner großen Dichter, schreibt 1966: (Sämtliche Gedichte 2003, S. 203)

Frog me ned

Wos fia r a numara

Da dod hod

De numa r is owa

Scho soo schwoazz

Das e s ned lesen kau

Wan e a woit!

 

Gib liawa

Die frogarei auf

Sunzt dales e s aum end

No wiaklech…

 

Muss ich übersetzen? Frag mich nicht welche Nummer der Tod hat…Die Nummer (auf der Mütze, MD) ist aber schon so schwarz, dass ich sie nicht lesen könnte, wenn ichs auch wollte. Gib lieber die Fragerei auf, sonst lese ich es am Ende noch wirklich…

 

Nicht hinschauen, nicht genau hinschauen. Den Heißsommer abhaken, die Heisszeit ignorieren, wenn der Regen kommt, die Schockstarre dieser Bundesregierung ist keine Duldungsstarre (wenn das Kabinett zum Beispiel von der Vernunft begattet würde), sondern die Politik nicht nur bei uns steht unter dem Eindruck völligen Ausgeliefertseins eines bereits beschlossenen (die letzten  Gottgläubigen) oder unabwendbaren (die letzten Rationalisten) Geschehens. Zwischen Klimawandel und Drittem Weltkrieg.

 

(Ein kleiner Einschub, der aber wichtig ist: einer meiner Leitphilosophen, Hans Ebeling, schreibt über unsere Zeit, im Kontext von Kriegsführung zunächst, dass „der dritte (Weltkrieg) gar nicht mehr zu geschehen braucht, um ganz ins Bewusstsein als Selbstbewusstsein der Gattung zu treten“. Wir wissen es schon…(aber frag mich nicht). Wenn es um das Leben „aller“ geht, dann sind Politiken, die die Rettung einer Weniger, die den Neuanfang wagen könnten, Unsinn. Der begriff des Holozids, also weiter als Suizid und Genozid zusammen, ist erschreckend, und bei genauem Hinsehen auch ganz wirklich (H.E.: Vernunft und Widerstand, 54-61).)

Ich lass mir natürlich keine machokassandrogene Rhetorik nachsagen, aber gerade dann ist zu fragen, was zur Zeit eigentlich geschieht.

 

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Dieser Blog ist weiterhin ein jüdischer Einspruch, und nicht gleich wieder Finis terrae XXII. Das Durchdenken des unbedacht, ethnozentrischen, gotteslästerlichen (das ist mir egal) und kriegsförderlichen Nationalitätengesetzes in Israel hat viel Böses geschaffen, von dem wir vielleicht hoffen können, dass entfesselt auch einige Machthaber zum Umdenken bewegt. Aber solche zynische Dialektik kann nur die  Philosophie spinnen. Ob und wie Israel ein jüdischer Staat ist, ist die rhetorische Form einer Politik, die vielleicht folgendes behaupten kann: regt euch nicht auf, für das Alltagsleben der allermeisten – auch der Araber, Drusen Palästinenser in Israel – wird sich nichts ändern; wir werden gestützt auf dieses Gesetz die Annexion der Westbank fortsetzen, und lieber palästinensische Arbeiter beschäftigen als importierte aus Asien – ein eigenes Kapitel israelischen Ethnozentrismus, nicht hier – und schließlich: wir wollen ja nur, dass der jüdische Staat jüdisch bleibt, ist das so illegal? Und dieser Rhetorik stimmen wahrscheinlich fast alle zu, aus zwei von einander unterschiedlichen Positionen: die neuen Nazis, Faschisten, Populisten links wie rechts aus dem Grund, dass ja der Ethnopluralismus die stärkste Waffe gegen den Aufbruch in kosmopolitische Demokratie ist, und die Verluste, die wir durch durchgesetzte Leitkulturen erleiden, allesamt durch nationales Bewusstsein kompensiert werden: All, weltweit, verarmen, aber dafür selbstbewusst. DAS ist die Analogie zwischen dem Ganef Netanjahu und dem Irren Trump. Israel hatte lang vor Trump mit diesem Gesetz begonnen, die orthodoxen Rabbiner haben die Landnahme befördert, und die Israeli, die mit der Shoah nichts mehr verbinden, müssen sich auf sie als raison d’etre auch nicht berufen. Gar nicht unlogisch, wenn damit Israel ein ganz normaler Staat -nicht unbedingt ein jüdischer – Staat werden würde, eine Einstaatenlösung, die für alle noch immer besser als das Leben in den umliegenden arabischen Ländern wäre.

Wohlgemerkt, ich habe einen moderaten, nicht siedlungsaffinen und nicht ultra-orthodoxen israelischen Likudmenschen simuliert (Vgl. dazu heute Alexandra Föderl-Schmid: Land im Stress, 9.8.2018, S. 3). Kritisieren kann ich ja nicht den Pragmatismus des ethnischen Herrschaftsvolks, das ja nach 1945 eben deshalb auch einen Staat gründen konnte, den es sonst als ethnobasierte Demokratie nirgendwo gehabt hätte – kritisieren kann ich den Verlust an Menschenrechten, an Unabhängigkeit der Justiz, an faktischer Diskriminierung – das kritisiere ich und wundere mich über die zaghaften Proteste hier in Deutschland. Die Israelis sind da viel couragierter, nicht nur die nicht-jüdischen…Und ich kann kritisieren, dass mit diesem eher symbolischen Gesetz es noch schwieriger wird, der terroristischen Hamas Herr zu werden, was an der Zeit ist; und ich kann kritisieren, dass das Gesetz Antisemiten aller Couleurs Auftrieb gibt (Dazu gibt es spannende Briefwechsel, u.a. lässt ein deutscher Linker verlauten, dass Barenboims Protest gegen das Gesetz ja wohl „nicht antisemitisch“ sei, als ob DAS jemand behauptet hätte…ich erspare euch diese Kommunikation).

 

Das Auflösen der als sicher geglaubten Plattformen staatlicher Einbund von demokratischen Gesellschaften bedeutet aber, dass man gar nicht mehr an den Klimawandel und die tatsächlichen Kriege denkt, das eigene Volk steht einem ja natürlich viel näher…so ein Volk waren wir jüdischen Menschen aber nie und werden es hoffentlich nicht sein. Unterstützt den Protest gegen dieses unmenschliche Gesetz in Israel, lest israelische Autoren (es gibt keinen, der schreiben kann, der das Gesetz unterstützt) und schaut euch an, wie die AfD, die CSU und andere Kriegstreiber der Form dieses Gesetzes sich annähern. Ja, Kriegstreiber: wer dem Ethnos Raum gibt gegen die demokratische Republik, riskiert, dass der Dritte Weltkrieg manifest wird.

Verbrecher, Irre, Beleidigungen und Politik

So ist das, kaum freut man sich, freiwillig gegen ein strafbewehrtes Beleidigungsverbot gegen Staatsoberhäupter verstoßen zu wollen – schon wird der § 103 StGB als „entbehrlich“ abgeschafft. Noch einmal Böhmermann – nein. Es reicht, Potentaten, Wirtschaftsverbrecher, Übeltäter aller Art nach den gleichen Regeln zu bestrafen oder freizusprechen. Aber die Begrenztheit des Rechtssystems im Angesicht des Sozialsystems, der Wissenschaft und der Moral wird schon deutlich, wenn wir in die Diskurse hineingehen und schauen, wie man beleidigen kann, weil man die Wahrheit sagen muss, und dann eben Strafe in Kauf nimmt, oder wie man sich der Wahrheit enthält, damit kein Staatsanwalt ein Haar in der Suppe findet.

Als Wissenschaftler würde ich vor Gericht aussagen, dass nach meinem Dafürhalten und einer Vielzahl von Quellen, Dokumenten, Aussagen und eigenen Überlegungen ich

Donald Trump für einen voll verantwortlichen, unheilbar pathologischen Sexisten und Rassisten halte, der in der Lage ist, Gewaltexzesse und gar Kriege zu provozieren;

Waldimir Putin für einen völkerrechtlich verantwortlichen Verbrecher halte, der ebenfalls in der Lage ist, Kriege zu provozieren;

die Vorstände von Daimler und den Industrieunternehmen, die sich Trump unterwerfen und aus dem Iran zurückziehen, für verantwortungslose Zerstörer von demokratischer Glaubwürdigkeit halte, gegen die der Staat und vor allem ein Käuferboykott rasant vorgehen müsse;

Horst Seehofer für einen nicht mehr voll, nur teilweise verantwortlichen pathologischen Fall von „Angstblüte“ (Metaphorisch à ) halte, der mit seiner Politik die legitimen Grenzen seines Ministeramtes missbraucht und deshalb umgehend aus dem Amt entfernt werden sollte.

Solches und hunderte möglicher weiterer Antworten würde ich, wie gesagt, aufd meine wissenschaftliche Erkenntnis und meinePosition in den moralischen und sozialen Systemen unserer Gesellschaft ungeschützt äußern, wie auch außerhalb des Gerichts, bei Veranstaltungen, Panels, Dialogen, oder zum Beispiel hier im Blog.

Wenn ich rüberwechsle in die Politik, würde dies eher mit Vorschlägen für empfindliche Warnungen verbunden sein und nicht mit den Invektiven:

Also zB.  Zollfreien Handel mit Autos über den Atlantik, weil die Europäer den US Schrott eh nicht kaufen; Visapflicht bzw. Abweisungen für NRA Mitglieder; Binnenboycott für Mercedes und alle großen Firmen, die sich den Trump Sanktionen für den Iran beugen. Also eine ganze Reihe von Maßnahmen, die niedrigschwellig sich dem Würgegriff der Irren und der Diktatoren entwinden. Aber dabei die eigene Bevölkerung nicht mitnehmen mit einem neuen nationalen „First“, nicht einmal „EU first“, sondern mit global equity.

 

SO EINFACH IST DAS?

 

Ich mache ja nur schale Witze,  denk ich mir. Schaut mal auf den Iran. Wäre es NICHT um das GUTE UND RICHTIGE ATOMABKOMMEN, so müsste man doch fast alle Anschuldigungen, die nicht nur die USA machen, unterstützen? Und was dann? Alles neu verhandeln. Am Ende hat der Iran zwar die Bombe, aber die anderen Missetaten wären abgeräumt, incl. Unterstützung von Hamas und Hizbollah. Das ist nur ein Beispiel, dass man Komplexität nicht straffrei reduzieren darf, dass es also der Politik bedarf (Denken!) und nicht einfach der näherliegenden Meinung eine Gasse hauen.

Schaut mal auf unsere Staatsgäste: Jeder Verbrecher bekommt eine Bundeswehrparade, einen roten Teppich, ein Staatsbankett. Aber auch jeder politische Freund und Verbündete. Die Proteste gegen den ersten Fall sind verständlich, aber sie würden uns in eine Reihe mit dem Rüpel von US Botschafter stellen (den hätte man übrigens sofort ausweisen müssen, nach dem gleichen Reglement…traut man sich nicht, oder?). Oder anders: die Lasten zivilisierten demokratischen Umgangs enthalten auch Formen und Verhaltensweisen. Aber,  auch wenn Erdögan als und wie ein Mensch neben Steinmeier essen darf: kumpeln sollte man mit ihm nicht und  keinen Finger breit an einer Kultur teilhaben lassen, die er bekämpft. (Das hat Schröder so widerlich mit Berlusconi gemacht, naja, bei Fussball…).

WOFÜR DAS EIN PLÄDOYER IST?

Für die Wissenschaft, paradox, aber praktisch. Denn nur wir können uns noch den Freiraum erlauben, Wahrheiten nicht nur zu wissen, sondern auch auszusprechen, solange wir sie nicht gleich exekutieren wollen oder müssen. Das bedeutet nicht, sich jeder Gefahr zu entziehen: bei den Putins oder Erdögans ist die Wahrheit lebensgefährlich, bei den Trumps noch nicht, aber bald. Bei europäischen Nazi- und Faschisten-Mitregierungen (Österreich, Italien, Ungarn Polen, Dänemark…) gibt es noch Schutzwälle. Aber Wissenschaftsfreiheit ist mehr als Meinungsfreiheit. Sie bedeutet die Pflicht sich einzumischen kontra jedem privaten Interesse (Klimawandel so gut wie Menschenrechte), und im Vorfeld neuer Kriege und Diktaturen hilft Konformismus gar nicht. Er wird nicht belohnt.

Deshalb: die Irren, die Verbrecher, die Gewalttäter als genau das bezeichnen, was sie sind. Verhandeln kann man mit ihnen aber nicht über ihre Namen, sondern ihre Praktiken, und die muss man kennen und analysieren können. Siehe Beispiel Iran.

 

Angst Wut Ohnmacht Resignation

Eine Metadiskussion ist eine, in der Menschen darüber diskutieren, worüber Menschen diskutieren; und zwar intensiv, aggressiv, widersprüchlich, mit oft bösen Folgen für die Politik, aber auch für das alltägliche Leben. Die Quadriga ANGST WUT OHNMACHT RESIGNATION hat dazu geführt, dass täglich über sie in den Medien, in Panels, Seminaren, Tagungen, etc. diskutiert wird, und die Anlässe selbst schon „meta“ sind, d.h. ihr wirkliches Substrat – Menschen, Situationen, Handlungswege etc.- ausblenden.  „Flüchtlinge“ sind dann eine Chiffre, oder „Handelskrieg“, oder auch nur das heiße Wetter, das den „Klimawandel“ begrifflich näher rückt, aber fern von konkreten Verhaltensänderungen (außer wieder einmal Subventionen zur Kompensation der Eigentümer) ist.

Ich gehe zunächst auf die Quadriga ein:

Die Angst der Bürger vor allem ist mit Händen zu greifen. Aber das alles gibt es nicht. Sie haben wirkliche Angst vor Ereignissen und Dingen, die sie erst glauben müssen – also von anderen erfahren – oder die sie selbst konstruieren. Da gibt es einiges, vor dem man Angst haben kann, aber das meiste ist, wie gesagt, eine Vorstellung, der die Wirklichkeit standhält – oder auch nicht. Mein Vorschlag:

  1. Lesen: Heinz Bude: Gesellschaft der Angst, Hamburger Edition 2014. Bude ist kein Psychologe, und Angst als soziales Phänomen ist politisch wichtig. Aber wie gesagt: lesen.
  2. Ich sage wie vor Jahren politisch: ich nehme die Angst, die Ängste, vieler Menschen zur Kenntnis, aber nicht ernst oder nicht wichtig. D.h., die bloße Tatsache, dass jemand Angst hat vor etwas sagt noch nicht, dass ich Empathie entwickeln muss, und schon gar nicht, dass ich handeln muss, weil und wie diese Angst auftritt.
  3. Die Gegenstände dieser Angst sollten uns allen politisch angelegen sein, d.h. wovor die Menschen vorgeben, Angst zu haben (Abgehängt sein, Ziele nicht erreichen, abgestuft zu werden…). Hier kommt die Politik zum Tragen, gegen die Sorgen in Abwägung ihrer Legitimität und gegen die instrumentalisierten Ängste.

Wer mir jetzt selbst einen zu kalten Pragmatismus vorwirft möge bedenken, dass ich in der Kommunikation, in der Wahrnehmung von Menschen, die Angst zu haben ausdrücken, schon ernsthaft damit umgehen möchte; aber aus der Konstruktion ein Politikfeld machen, führt zur Diktatur.

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Wenn die Angst zu groß wird, werden die Bürger wütend, weil ihnen niemand einen Weg raus aus der Angst zeigt, sie nicht anleitet. Peter Brückner erzählte mir einmal die Anekdote vom italienischen Reisenden, der bei einem endlose Gewitter hoch im Apennin, als natürlich kein Zug kam, die Fäuste ballte und zum Himmel schrie: „Verdammter Staat“. So kommen mir viele vor, die jetzt Wutbürger heißen, was für sich schon eine Verschiebung der Bedeutung ist: wenn er einer konkret über etwas wütend zu sein das Recht hat, dann ist es dieses Konkrete, das Anlass zur Aktion sein kann – die Bahn zum Beispiel, die einen mit Recht wütend macht; und hier ist Staatsversagen ein Anlass zu Kritik, die aber mit dem „Staat“ nicht so viel zu tun hat, so wenig wie ein Gewitter (wenigstens bislang).Wut ist oft hilflos, und ebenso oft ungenau gezielt auf Hass- und Abwehrobjekte, die ohnedies schon im negativen Fokus waren: Ausländer, Flüchtlinge, Nichtweiße, Nichtkonforme, überhaupt Nicht-e. Damit werden Leerstellen geschaffen, in die die Demagogen, auch Populisten, beliebig ideologische Reizwörter einsetzen können – und drehen damit an der Angst-Wut Spirale.

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Die Ohnmacht ist ein Zustand, ein Gefühl, nichts tun zu können, das das Unheil aufhält, es abhält. Sie kann auch die Umsetzung der Gewissheit, des Bewusstseins von der Aussichtslosigkeit sein. Und hat gerade noch Kraft genug, zur Wut zurückzukehren, die sich gegen die richtet, die uns ohnmächtig gemacht haben. Daraus kommt der Affekt, jenes Vitamin des Populismus, das sich gegen eine virtuelle Elite und jenen Teil des Establishments richtet, dem man gerade nicht angehört. Ein Teil der Ohnmacht ist dem pseudoliberalen Individualismus geschuldet, der die Bildung von solidarischen Kollektiven geradezu verhindert. Pseudoliberal deshalb, weil „liberal“ dieses ursprünglich keineswegs ausschließt, sondern schon in der Verhandlung gemeinsamer Interessen diese Ich-Dogmatik von Lindner bis Trump ausschließt. Ohnmacht ist das Gegenteil von Macht und Ermächtigung, von aktiver Mitgestaltung der Welt….auch im Kleinen, Mikro-Sozialen. Die Ohnmacht-Wut Spirale ist die zweite Drehung, die uns atemlos macht. Die Frage: aber was kann man denn machen? Und die Frage: aber was soll man denn machen? Sind nicht deckungsgleich. Aber in beiden Fällen geht’s mir darum, Politik zu machen und nicht Gesinnung. (Deshalb ist die Initiative der erfolglosen Linken „Aufstehen“ kein Ausweg aus der Ohnmacht, sondern nur die Hoffnung, dass sich aus der Ohnmacht etwas formuliert wie das „Rettende“, das bekanntlich auftaucht, wenn die Gefahr groß ist. Bekanntlich taucht es nicht auf, und wenn man Wagenknecht hört, geht’s mehr um Erlösung als um Rettung.

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Resignation ist die Folge der Akzeptanz von Ohnmacht, die Versöhnung mit ihr. Dann wirft man sich in Armes des unendlichen Geschicks und merkt gar nicht, wie sich alle Ethik, alle Ästhetik, alle Moral, aber auch jeder Antrieb zur Politik in die Versorgungsmentalität der Henkersmahlzeit verwandelt: wenigstens noch einmal gut essen, einmal noch unbeschwert auf Urlaub fahren, einmal noch…

WARUM SCHREIBE ICH DIESE ALLGEMEINEN ÜBERLEGUNGEN NOCH EINMAL AUF?

Weil ich denke, dass sie hinreichend klar sagen, warum die Angst für unsere Politik keine hinreichend klare und folgenreiche Kategorie sein kann. Wer mit Angst Politik macht oder sich von ihr leiten lässt, kommt nicht einfach um, sondern produziert die Anlässe zur Angst mit. Sich dem Druck  Trumps in der Wirtschaft zu beugen, als Angst um Dividende und Absatzmärkte, heißt sich abhängig machen – und davor müsste man Angst haben, aber nicht nur in den verrotteten Vorstandsetagen der Autobauer. Es handelt sich um eine politische Psychologie der Angst und um eine politische Soziologie, und alles auf der Ebene der Diskurse. Denn vieles würde sich anders darstellen, wenn begründbare Besorgnisse politisiert würden, während Angst ja schwer zu begründen ist, wenn sie in den politischen Raum hineindrängt.

Würde ich hier ausbreiten, wovor ich Angst habe, viele würden wahlweise lachen oder sich wundern. Aber schon es nicht zu tun, hat die Funktion, nicht durch Veröffentlichung etwas zu kommunizieren, was so nicht gesellschaftlich vermittelt werden kann.

Das Geschäft mit der Angst blüht, das wissen wir. Wenn man es an Sicherheit koppelt, oder an soziale Stabilität, dann kann man in die Gefühlsebene und die Wahrnehmungen gut hineinschauen, aber meist sind die Anlässe von den möglichen Begründungen genau um den Abstand entfernt, in dem Politik ansetzen kann.

Ich habe eingangs Heinz Bude zu lesen empfohlen. Das letzte Kapitel seines Buchs zeigt einige wichtige Ansätze, den begriff nicht einfach verachtungsvoll wegzulegen, weil er angeeignet wird von denen, die uns ausnützen. Fast unscheinbar kommt eine Methode daher, vor der ich z.B. Angst habe: „Das äußere Mitmachen ohne innere Beteiligung ist hier die Methode, sich der Angst um sich selbst zu entledigen“ (156). „Hier“ meint Konformismus. Und schon die sprachliche wichtige Differenzierung der Angst um und der Angst vor hilft weiter.  Vor dem Klimawandel darf man keine Angst haben, sondern muss ihn bekämpfen, käme er sowieso ohne unser Zutun, müssten wir Angst haben, dass unsere Enkel nichts mehr von dem sehen, was uns weiter leben hilft.