Retten können, trotz Wut und Resignation

Man möchte gerne den noch amtierenden Innenminister und seine Prätorianer abführen, im Büßergewand der Aussätzigen an die polnisch-weißrussische Grenze führen, dort anketten und frieren lassen. Man, d.h. nicht alle, aber ich auch. Man tut es nicht, ich beteilige mich auch nicht, weil Menschenrechtsverletzungen und Zynismus, beide, keine Revanche dulden; man würde sich auf das Niveau des Untam[1] begeben, und damit mitschuldig werden.

Der Konflikt zwischen der EU und Polen, aber auch zwischen der EU und Ungarn, Slowenien, und anderen Mitgliedsländern ist so viel größer als Seehofers Angebot an die Flüchtlingsschinder, und doch ist seine Sicht der Dinge „realistisch“ – das Schinden, bis hin zur Tötung, geschieht wirklich, und ob und wie Putin und Lukashenko schuld sind, oder Putin an Lukashenko, oder wer die Menschen schlechter behandelt, ist wie ein Vergleich von KZ und Gulag – auf der Ebene der Wortklauberei sinnlos und vor allem Zeitvergeudung.

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Als BürgerInnen dieses Staates sind wir allerdings auch an diesem Minister schuldig, und an seinen Untaten. Wir haften, ohne dass wir direkt Verantwortung dafür tragen, was an der deutsch-polnischen und polnisch-belarussischen Grenze geschieht, und an den anderen Außengrenzen der EU, und und und.

Mich regt das doppelt auf. Zum einen, weil es die Schwächen und Versäumnisse, aber auch Fahrlässigkeiten von EU-Verfassung, Kommission und den Mechanismen zeigt – schlimm genug, aber reparierbar. Selbst in der Flüchtlingsfrage, gekoppelt an die Menschenrechte, KANN man etwas machen. Dazu eine Rückerinnerung: als die ehemaligen Sowjetuntertanen aus dem Griff des Poststalinismus befreit wurden, haben wir uns alle gefreut, vor allem, dass und wie sie in die EU gedrängt hatten. Solange Geld floss, und der Kapitalismus neoliberaler Art keine zu schnellen Wunden schlug, hat man alles mit Geld zugedeckt. Es war aber vorherzusehen, dass Befreiung nicht automatisch Demokratie und Republik bedeutet, befreit kann man leichter sein als frei. Ich wurde damals von Liberalen eher verspottet, als ich voraussagte, dass mit der Aufnahme dieser postsowjetischen Länder nicht automatisch ein Zuwachs an Demokratie und guter Politik erfolgen würde, sondern dass eher der Anteil der schlechten Politik des Westens auf die neuen Mitglieder übertragen würde – wenigstens für den Übergang (den ich viel zu kurz prognostiziert hatte, mein Fehler). Die Angst vor Selbstbestimmung und Aufklärung ist in weiten Teilen der Regierungen und einem Teil – keineswegs immer der Mehrheit – der Bevölkerung geradezu mit Händen zu greifen, in Polen kleriko-faschistisch, in Ungarn direkt faschistisch, in vielen anderen Ländern der EU populistisch bis hin zur korrupten Buberlpolitik in Österreich.

Das hindert an wirklicher Politik, ob Klima, ob Flüchtlingsrettung, ob Armutsbekämpfung…

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Der Trigger dieser leicht aggressiven Betrachtung von Seehofers Politik ist ein anderer, nämlich die Frage, wenn wir noch aus Afghanistan retten können, und wenn wir Deutschland heißt, wie koordinieren wir eine langfristige Hilfspolitik der angekommenen Asyl- und Bleibeberechtigten und ggf. ihrer Familien hier im Land und nicht im Stacheldraht unserer Außengrenzen. Das sind ein paar Hundert, noch nicht Tausende, aber es werden sicher mehr. Und hilft das wohlfeile Gehtze gegen Ausländer und Migration nicht, wir brauchen die sowieso und sie ausbilden, sie integrieren – das werden wir doch noch hinkriegen? Oder? Mit den AfghanInnen – ob über Griechenland oder Belarus oder Polen oder. – zeichnet sich der gestrigen Besprechung der Taliban ein ähnliches Dilemma wie mit Polen ab:

https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-10-21/page_2.496974/article_1.5444711/article.html („Punktsieg für Russland“ von Thomas Avenarius). Die Russen verhandeln mit den Taliban und bringen die gleichen Forderungen wie der Westen vor: Schutz von Frauen und Minderheiten, Bekämpfung von Hunger und Armut. Der Westen hat einen Krieg verloren und ist daher in der schlechten Position gegenüber den Siegern. Demokratie und nachhaltige Politik bleiben dabei auf der Strecke…macht doch dem Kreml nichts, aber uns und den AfghanInnen.

Und was machen wir? Keine rhetorische Frage, und jetzt, bevor wir den Seehofers den Zapfenstreich blasen, kann man noch darauf drängen, dass die neue Regierung das deutsche Gewicht in der EU nutzt, um eben das zu ändern, was uns jetzt blockiert. Wenigstens eine Korrektur von Dublinabkommen, Aufnahme- und Asylbedingungen und Verteilung von ankommenden Geflüchteten MUSS im Programm stehen und verwirklicht werden.


[1] In keinem der etymologischen Wörterbücher mehr verzeichnet: Untam ist nicht die Ableitung aus „untamed“=wild, ungezähmt, sondern meint einen, der kein Tam ist (der wäre ein Guter, Kluger etc.), aber den Tam gibt es nicht, und der Untam, unvergesslich aus der Wiener Kindheit, ist ein Naffel oder sonstwie aus der Reihe der Respektierten tanzender – so wurde ich auch bisweilen beschimpft. Später nicht mehr, da war der Begriff verschwunden.

Herrgott noch mal

Welcher Teufel reitet mich, Gottseibeiuns zu rufen und diesen Teufel gleich zu bitten, die folgenden Gedanken zum Herrn Gott nicht in seine Spitzfindigkeiten aufzunehmen.

Mich nervt das Bemühen v.a. der christlichen Kirchen, auch vieler Muslime und jüdischer Stimmen, Gott in Beziehung zum Covid-Chaos zu setzen. Zwischen den Zeilen kommen wieder diese alten Ideen von der Kollektivstrafe für liederlichen Lebenswandel und der letztmaligen Mahnung zur Umkehr zum Vorschein (gebt euch nicht die Hand, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt…ist noch eine harmlose Variante des Berührungsverbots, das ja auch seine religiösen Wurzeln hat).

Am meisten nervt mich, dass es sich noch um den Herrgott handelt, den Herrn, der sich allem entzieht: #meToo, der Missbrauchsdebatte, der Coronaheuchelei (womit ich die Grundrechte für die Impfverweigerer und Verschwörungsfuzzis meine), den Feldkuraten der Bundeswehr und den normalen Menschen.

Ich bin da nicht allein und verfolge, wie der Chor der KritikerInnen anschwillt, aber aus Angst, in der Blasphemie-Ecke isoliert oder gar ausgegrenzt zu werden, den Klartext vermeidet.

Ich mache einen Umweg: Der bekannte Gottesbiograph Jack Miles unterscheidet zwischen Gott und Gott, dem Herrn, um einen bestimmten Gott historisch zu fassen, im Gegensatz zu einem volatilen, wandelbaren Gottesbegriff. Die theologische und geschichtliche Struktur des Buches ist mir an dieser Stille nicht so wichtig wie die Festlegung auf den Herrn. (Jack Miles: God. A Biography. Knopf (NY)1995; deutsch: WBG Hanser 1996). Das Buch ist so stark oder fehlerhaft wie viele Gottesbiographien, aber die Festlegung auf den Herrn wirkt irgendwie anachronistisch? Dass sie theologisch und anthropologisch inkorrekt ist, tut ja leider im Alltag nichts zur Sache. Aber in einer aufgeregten, fast hysterischen Diskussion um Korrektheit und widerstreitende Identitäten – was schon zeigt, wie prekär die Diskurse sind – wirkt der Herr so provokativ wie nur.

Nicht, dass ich mich jetzt an LGBTY heranwanze. Mich nervt im oben beschriebenen Sinn, dass eine obere Instanz „Herr“ uns sozusagen noch mehr belastet und ärgert als wir es uns selber antun.

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Das kommt nicht von ungefähr. Viele erhoffen sich vom Herrn auch Linderung ihrer Ängste oder Pandemie-Verstörungen, weil es in der Tat nicht einfach ist, für sich selbst und andere verantwortungsvoll sich auf neue Umstände einzustellen (und das nutzen der Rundfunkprediger in ihren Morgenandachten hingebungsvoll aus). Diese neuen Umstände haben mit Covid wenig zu tun, das Virus wirkt höchstens als ein Brandbeschleuniger. Die neuen Umstände haben einen Namen: wir müssen uns alle auf diverse Konsumverzichte einstellen, und damit ist die soziale Gerechtigkeit, d.h. also konkret die Unterstützung der ärmeren Schichten in unserer Bevölkerung – wir müssen Steuern erhöhen, wir müssen Konsumgüter und Infrastrukturen nachhaltiger gestalten, und zwar – Brücke zur Herrschaft des „Herrn“ Herrn – alternativlos, wenn wir das Leben auf dieser Erde überhaupt noch längerfristig erhalten wollen. Wir, nicht der Herr. Das alles würde nicht besser, wenn wir bloß ergänzten: Herr & Frau Gott/Göttin, das Neutrum des göttlichen Wesens ist zu wenig anthropomorph und leider gibt es keinen Weg zurück zu den Nymphen und Satyrn und höheren Göttlichkeiten.

Die vielfältigen Lektüren sind durchaus geeignet, das „höhere Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll) wieder ins Gespräch zu bringen. Ich habe damit in meinem Alltag wenig zu tun, finde aber zu wenig Welt- und Realitätsnähe der Argumente jenseits der faktischen 1,5° und der CO2 Reduktion. Das klingt so abstrakt, nicht wahr? Das hebelt die so genannte Schöpfung aus, die der Herr ja angeblich nach unserem Ebenbild geformt hat. Das Elend des Konstruktivismus….

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Die Unterwerfung unter den Herrn bedeutet auch eine Abwehr und Unwilligkeit gegen Politik (nämlich politisch zu handeln, nicht darüber zu reden). Wenn jetzt jemand dies als eine abermalige Kritik an der Religion liest, mag er oder sie bedenken: Religion als soziale Organisation braucht man gar nicht zu kritisieren, solche Organisationen befinden sich in der ständigen Konkurrenz mit anderen sozialen Gruppen und Institutionen. Mich ärgert die Bevorzugung der Religion vor anderen Institutionen, als hätte der Herr das angeordnet. Da wünscht man sich eine Aphrodite oder Pallas Athene oder die Nymphe Echo als Alternative. Herrgott noch einmal…

A:E:I:O:U zum Zweiten

Vor längerer Zeit hatte ich einen Blog AEIOU, Austria erit in orbe ultimo, und einige Sottisen. Heute fällt mir dazu nur der Kalauer ein „allen Ernstes ist Österreich unerträglich“, was auch blödsinnig ist.

Als Doppelstaatsbürger hab ichs leicht: sind die Österreicher blöder, dann freu ich mich, Deutscher zu sein, sinds die Deutschen, dann umgekehrt: ich bin ja Österreicher, gar Wiener. Man kann ganze Heimatdiskurse mit so einer Doppelmühle zerstören.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Bis auf gewisse sprachliche Nähe (85% des relevanten Vokabulars, aber 15% der wichtigen Dinge: Essen, Sex, Flüche sind eben doch verschieden) sind die beiden Ethnien (abgesehen davon, dass Österreich keine Ethnie ist wie die Deutschen, und der Migrationsanteil bei beiden zwar groß, aber unterschiedlich integrierbar ist) – von Völkern kann man ja bei beiden nicht so unbefangen reden – doch recht unterschiedlich. Eine Analogie z.B. zwischen den Monstren Seehofer, Maas, Scheuer….und den Monstren Kurz, Nehammer, Blümel…ist gar nicht so leicht herzustellen, weil die Monstrositäten durchaus schwer zu vergleichen sind. Das liegt an der objektiven relativen Bedeutungslosigkeit Österreichs in der globalen Politik, verglichen mit der selbstverschuldeten Bedeutungslosigkeit der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt. Das liegt auch daran, dass unsere Kulturen, unsere Sozialsysteme, unsere Landschaften, nicht zuletzt die Medien, schwer zu vergleichen sind…darüber wird ja jetzt jeden Tag berichtet. Übrigens ist die Süddeutsche das Brückenmedium zu Österreich, wen es wirklich interessiert.

In den letzten Tagen sticht Kurz mit seinen Finten die Hampelei der CDU und das Sondierungstheater aus. Niemand erwartet, dass Schallenberg die politische Richtung seiner Partei und eines Teils der Regierung auch nur einen Millimeter weit liberaler oder humanitärer macht. Aber er überschreitet auch die Grenze sowohl des Strafrechts als auch des Parteienpragmatismus nicht, da können die Grünen nur hoffen. Trotzdem geschieht in Wien, was Europa mindestens so schadet wie die deutsche Führungslosigkeit und der klerikofaschistische Angriff auf Europa durch PIS und der faschistische durch Orban und Bulgariens Weigerung gegen eine EU Erweiterung … Warum? So unwichtig ist Österreich nicht, wegen seines Reichtums, wegen seiner Lage zwischen den Blöcken. Machen wir uns nichts vor, die Blöcke gibt’s ja, und was der ehemalige kommunistische Block war, hat bis heute ein ganz anderes Europa im Sinn als der ehemalige Westen und der Süden. (Nur wird das in edler Sprache und sensibel abgehandelt, nicht so ranzig, wie ichs grad mache…es regt mich ja doch auf).

Österreich ist anders, aber anders als wer oder was? (Ich erspare euch meine nur scheinbar überhebliche Bemerkung, was Kultur, Sozialpolitik und die Bundesbahnen betrifft…). Österreich hat eine ganz andere Erinnerungskultur, meist eine Unkultur, und eine viel stärkere Trennung von Politik und subjektiven Selbstverortungen – das hat geholfen, manchmal gegen die Nazis von der FPÖ, manchmal gegen Übergriffe der Rechte, oft aber auch nicht geholfen, wenn alle hereingeholt (Kreisky/Peters, Waldheim, Kurz/Strache etc.) wurden, in ein Boot, das statt auf einem Weltmeer auf einer Bühne gerudert wird).

Was es gegen und zu Kurz zu sagen gibt, hat Heribert Prantl von der SZ Zusammengefasst. https://www.sueddeutsche.de/meinung/prantls-blick-kurz-oesterreich-1.5435597?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE (10.10.21). Ich sag dazu nichts, auch nichts aus der tiefgestaffelten Personalverklumpung aller drei großen Parteien. Lass mal die Grünen und die NEOs draussen…

Mir geht es um ganz was anderes: mein Mühlespiel – einmal sind die Deutschen korrupter, unfähiger etc., dann wieder die Österreicher, ist ja nur oberflächlich. In diesen Tagen bewegt mich der unendliche Stillstand in einer scheinbaren Krise, die keine ist, und für die Lampedusas Satz gilt, dass man die Dinge ändern müsse, damit sie die gleichen bleiben. Noch nicht einmal der Austausch von Personen bedeutet innerhalb eines „Systems“ etwas Grundlegendes, wie der neue Kanzler bei seiner Angelobung schon verkündete…

Mir geht es an die Nieren, mein Herkunftsland, das ja so wenig Heimat sein kann wie Deutschland, so beschreiben zu müssen, dass es in deutschen Ohren oft wie Verteidigung klingt, wenn fast das Gegenteil gemeint ist – dann müsste ich die deutsche Vergleichsvariante hervorholen, die Duldung von Mafia und Finanzkriminalität, die Mitschuld am Kriegsgeschehen in Afghanistan und die Opferung tausender Ortskräfte, die schräge Rolle im EU Einigungsprozess z.B. gegen Macron, usw. Das aber wäre Aufrechnen unter Vergleichbaren, und dann steht Deutschland schlechter da, weil mächtiger, und mein Österreich wäre eine wohlhabende Bananenrepublik. Ist es aber nicht, es ist die Herrschaft einer gesellschaftlichen Zerklüftung, die bis auf die Gründung der kaum überlebensfähigen Republik 1918 zurückgeht.

Mein Leitwerk war seit mehr als 5 Jahrzehnten Karl Kraus‘ „Letzte Tage der Menschheit“ (1926), aus dem ich bis heute Analogien und fortdauernde Verhaltensweisen ableiten kann…und jetzt einmal nicht zitiere. Was er an der österreichischen Gesellschaft beschreibt, ist das Gegenteil des Strebens nach Eindeutigkeit – kulturell, sozial, religiös, diskursiv. Man hat das Gefühl, es gäbe keine „Politik“ in Österreich. Das stimmt real natürlich nicht, hat auch nie so gestimmt, aber es wird bis heute oft so empfunden, weil das Politische zerlegt wird in die Mosaiksteine der Gruppen, die eben nicht sich an einer Ethnie, einer Ideologie ausrichten. Bis auf die jeweils echten Faschisten haben fast alle politischen Personen ihre schizophrenen Mehrfach-Zugehörigkeiten, die natürlich von der Kritik erkannt werden, oft ausgeschlachtet, oft aber hingenommen. Die Kritik ist übrigens seltsam intakt, in vielen Medien, in Kunst und Literatur (ich empfinde sie schärfer und tiefergehend als in Deutschland, aber oft ohne unmittelbare Wirkung – jetzt sind wir in der Gegenwart). Was da an Kurz kritisiert wird, ist arg, aber natürlich keine Staatskrise. Die gibt es schon längst woanders, etwa in der österreichischen Führungsrolle der EU-Feinde in Visegrad-Gruppe und in der Flüchtlingspolitik. Nein, die Kritik arbeitet sich oft auch ab an der nichtkritisierbaren Vielfalt des Objekts, in der Betäubungspolitik gegenüber den vielen, mittlerweile hingenommenen Vergangenheiten. Vieles an dieser Vielfalt war und ist ja vielleicht besser als anderswo, von der Wiener Wohnbaupolitik bis hin zu Vermittlerrollen in internationalen Konflikten und mehr Freiheit für die Kunst als in den meisten europäischen Ländern. Aber es bleibt beim Pluralismus der Mosaiksteinchen des zerbrochenen Spiegels.

Die Grünen sind in der Tat ein Keil in diesem Gewölle. Sie haben sich sozusagen Reforminseln erarbeitet, da geht es voran, aber es sind Inseln. (Dass sie das können, liegt an der Parteienautonomie eines Regierungssystems, wo die einen dies, die andern etwas anderes tun können, ja „dürfen“, solange sie sich gegenseitig nicht dreinreden…). Über den Unterschied wird in den Vergleichen kaum geredet.

Was mich jetzt umtreibt, ist auch ein Frust, dass ich mich nicht „richtig“ dem äußern kann, was ich wie in einer Kristallkugel sehr genau sehe und meine zu verstehen. Mich bewegt, als ein Beispiel, die nicht aufgearbeitete Folge zweier antagonistischer Faschismen (1933-1938, 1938-1945), die hingenommenen und wirksamen Reformen gegen die Folgen, und das ganz und gar nach Innen gerichtete Symptom der Selbstbeschäftigung. Meine These kennt ihr, dass Österreich ja seine Kolonien nie Übersee, sondern an den Bahnlinien hatte und deshalb sich ein Überschuss an Überbau in die Literatur, die Psychoanalyse, die Kunst hat eindrängen lassen – DA ist wirklich ein Unterschied – und eine „andere“ Form mitteleuropäischer Verarbeitung, d.i. Gegenwartsbewältigung, hervorgebracht hat. Zum Beispiel einmal den großartigen Bruno Kreisky, zum Beispiel Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, zum Beispiel einen Bundespräsidenten van der Bellen, der deshalb zum Land passt, weil er überhaupt nicht in diesem beschriebenen Gewölle von Uneindeutigkeiten verfangen ist, und deshalb einen weiteren, diesmal guten Splitter darstellt (wir hatten auch einen antisemitischen sozialistischen Bundespräsidenten (https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Renner) , der natürlich auch noch denkmalig erinnert wird.

Wenn ich in mein wirklich geliebtes Wien komme, bin ich immer „freier“ als anderswo, aber ich kann nicht genau beschreiben, was diese Insel, neben anderen im Land – siehe oben – so am Leben erhält, dass ich mir von Herzen ein Ende der Ära Kurz mit allen Anhängseln wünsche, nicht ahnend, was dann kommt. Vielleicht kanns ich erlesen und erschauen und erhören…

Ernst Jandl „Wir wurschteln, wir wurschteln immer weida…“ (Requiem).

Erinnerung ist nicht Gedächtnis

Aber sie hängt davon ab, wer sich woran wie erinnert. Das Gedächtnis ist kein Begräbnisort der Vergangenheit, den man aufsucht wie ein Museum oder eine Gedenkstätte.

So komplex die bio-psycho-physiologische Erklärung von Gedächtnis ist, Erinnern und Vergessen werden dauernd gebraucht und aufgerufen. Das Jahrwort ist ja nicht Sondierung, sondern Erinnerungskultur. Jetzt gerade ist Babin Yar an der Reihe, zu Recht, und das Gastarbeiterabkommen mit der Türkei, und die dauernd aufgerufene Erinnerung an die Shoah, die ein Anrennen gegen die Mauer des Vergessens ist. Niemand erinnert sich an die Shoah. Das heißt, fast niemand: der hundertjährige Lageraufseher von Sachsenhausen vor Gericht erinnert sich vielleicht, er sagt nichts, aber er erinnert uns, mich, an das Versagen der deutschen Justiz, fast 80 Jahre nichts gegen die Nazis im eigenen Nachkriegsland getan zu haben, gerade weil sie nichts vergessen haben, von den Globkes bis heute. Die Shoah wird oft aufgerufen, ja herbeizitiert, um das Vergessen zu bemänteln. Sie wird zur taktischen Konstruktion. Das muss beunruhigen, dann damit wird der Holocaust aus der Geschichte in eine randlose unbestimmte, manipulierbare Sphäre gerückt. Die ersten beiden Generationen voll „Survivor’s Guilt“ traten auch ab, die dritte hat es da schon schwerer. Was aber alles vergessen wurde, damit die Erinnerungen an die Shoah einen Platz in der eigenen Kultur (national, lokal, persönlich etc.) bekommen können, wird zu selten und oft ungenau aufgerufen, obwohl anscheinend immer mehr AkteurInnen mit der Erinnerungskultur beschäftigt sind.

Ich habe Aron Bodenheimers Satz schon mehrfach hier zitiert: Nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Das bedeutet, dass man wissen muss, was man vergessen will, und dann kann man auch das erinnern, was sich sonst dem Unbewussten wie dem Bewusstsein sperrt und verweigert.

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Die Auswahl dessen, was vergessen wird – das ist ja ein Prozess – ist nicht zufällig. Was geschehen ist dringt auf vielen Wegen ins Subjektive, ins Gedächtnis ein, und der Löschvorgang bzw. das Wegsperren der Wahrheit haben sehr viele kulturelle und soziale Wurzeln. Mich interessiert dieser Vorgang weniger als die Probleme, die entstehen, wenn man dem Vergessen Wahrheiten entreißt, die noch gar nicht erinnert werden, wenigstens nicht vollständig und wahrhaftig.

Anlass zu dieser Überlegung ist unter anderem der Umgang mit dem Krieg in Afghanistan. Da setzt eine unbedarfte und unwissende Ministerin eine Konferenz an und umgibt sich doch nur mit Diskutanten, deren Interpretation mit am Vergessen beteiligt sind (teilweise von Anfang an. Das kann man in der Literatur gut verfolgen: z.B. ganz neu (O’Toole 2021) oder bei AAN; aber auch im eigenen Erleben. Was hat meine Arbeit über 20 Jahre mit Afghanistan gemacht, und was hat Afghanistan seit 2003 mit mir gemacht? Zwei ungleichgewichtige Fragen, die sich doch einige, viele? stellen können. Das Gedächtnis aktivieren, um erinnern und werten zu können. Erinnerungspolitik ist immer Legitimationspolitik, auch die Rechtfertigung, das kollektive Gedächtnis nur in bestimmten Bruchstücken der Wirklichkeit zu rechtfertigen – als ob sich vergessen ließe, was wir vergessen wollen.

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Hier liegt die Analogie, und auch die Begründung dafür, was ich heute schreibe. Beides, Erinnern und Vergessen, gehört zu jeder Kultur. Und was wir vergessen wollen, damit es sich nicht wieder ereigne, muss erst einmal erinnert werden, darf nicht verdrängt werden. Der inflationäre Umgang mit dem Erinnern (E-Kultur) ist so fatal wie das Zudecken des Erinnerbaren durch politisch motiviertes Vergessen (siehe oben: deutsche Justiz, siehe später: Afghanistan – über der „Aufarbeitung“ werden die todbringenden Ortskräftepolitiken der deutschen Regierung einfach verdrängt).

O’Toole, F. (2021). „The Lie of Nation Building.“ NYRB: 16-19.

Sondierungen ins Ungefähre – Nowhere/Now here

(Seit William Morris häufiges Wortspiel, aber nicht unsinnig).

Mit einer Panne hat auch die CDU zu kämpfen. Ein Sondierungs-Leak bei der Union ärgert die FDP. Aus einer vertraulichen Runde wurden Informationen öffentlich gemacht, berichtet mein Kollege Georg Ismar. Ob es heute besser läuft? Erstmals treffen sich Union und Grüne zu einem Sondierungsgespräch. (Tagesspiegel online 5.10.21).

Ich bin nicht die Sprachpolizei. Aber ich störe mich an der zeitweisen Heiligung von Begriffen, unter denen man eher Diffuses als konkret Profiliertes versteht. Darum verwenden die Beteiligten viel Aufwand, um dem Publikum zu erklären, was sie unter „Sondierung“ verstehen und worum es „eigentlich“ geht.

Die Verhandlung als Vorbedingung vor Verhandlungen als Bedingung von Koalitionsgesprächen ist selbstverständlich, weshalb ihre Betonung misstrauisch macht. Es wird ein Terrain erkundet, auf dem Widersprüche und Konflikte in einem vorher begrenzten Rahmen bearbeitet werden können, auch das ist normal. Wo es Übereinstimmungen gibt, müssen die Sondierungen inzestuöse oder ganz und gar personalisierte Konflikte ausschließen, damit nicht das Ziel durch personalisierte Machtkämpfe reduziert wird.

Ich bin misstrauisch, weil ich annehme, dass die Sondierung so eine Art Vorspiel auf dem Theater ist, die den erhofften und erwarteten Vertrauensbonus mitkochen oder mitservieren soll.

Im Faust wird das demonstriert:

DIREKTOR: Ich wünschte sehr der Menge zu behagen. (V.37) – ALLE BETEILIGTEN

LUSTIGE PERSON: Laßt Phantasie mit allen ihren Chören, / Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft, / Doch merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören (V.86-89). – PARTEIMITGLIEDER, DIE NICHT DEM SONDIERUNGSTEAM ANGEHÖREN, AUCH VERLIERER IM INNERPARTEILICHEN MACHTKAMPF

DICHTER: Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen, / Erscheint es in vollendeter Gestalt. / Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, / Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren. (V.71-74) MERKEL oder SCHOLZ‘ HOFFNUNG AUF WIEDERWAHL

DICHTER: Gib meine Jugend mir zurück! (V.197) CDU/CSU, CSU,

DIREKTOR: So schreitet in dem engen Bretterhaus  / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus, / Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle/ Vom Himmel durch die Welt zur Hölle (V.240-244). LINDNER, LINKE; LASCHET:::LLL

Die Passagen aus dem Faust sind eine Sondierung mit dem eigenen Unterfangen (ich habs aus einem Didaktikblog genommen, einfach so: https://bobblume.de/2019/03/14/unterricht-faust-i-vorspiel-auf-dem-theater-v-33-242/

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Zu sondieren, ob man überhaupt mit verhandeln kann und wenn ja, worüber, ist alltäglich und selbstverständlich. Aber das WIE? Bestimmt schon den Hintergrund. Nur nicht Kellner werden, immer mitkochen … das ist ja gut so. Der Menge allerdings behagt es, auch einmal mehr als die Vorspeise serviert zu bekommen.

Kurt Kister in der SZ (Deutscher Alltag, 5.10.21) macht das noch viel deutlicher. Und die Abendergebnisse der Gründschwarzen Erstsondierung dann noch mehr. Man braucht eine Magensonde. (aber nicht wegen dessen, was besprochen wurde, sondern dessen, was BILD durchgestochen erhält und was daraus in der Glaskugel gemacht wird).

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In diesen Tagen überbauen das föderale Herumgehampel mit Corona und die Pandora-Vermutungen die wichtigen Aspekte der Politik. Niemand regt sich wirklich darüber auf, dass in Afghanistan hunderte, vielleicht tausende Ortskräfte von der Bundesregierung in Lebensgefahr geschickt wurden und noch immer bürokratisch bedroht werden – das Thema wird mit der blöden Ansetzung der so genannten Afghanistan Evaluierung durch AKK noch nicht einmal öffentlich verknüpft. Eine abtretende Regierung verwischt die Spuren ihrer welt- und innenpolitischen Schwachstellen und tut so, als wäre Deutschland in jeder beliebigen Konstellation ein mächtiger Spieler in der ersten globalen Reihe. Die ehemaligen Volksparteien haben bundesweit nicht mehr Prozente als die Nazis von der AfD in manchen Bundesländern, aber keine Spur von Überdenken der eigenen Position als Altparteien der Älteren. Die Jungen sind wo anders und werden von anderen (FDP, Grüne) abgeholt – aber nicht, um nur zu Kellnern.

Im Sondieren wird man, so ist zu hoffen, auch die eine oder andere Wahrheit jenseits der Statistik entdecken. Dann wäre am besten Schluss mit der Vertraulichkeit, dann muss die Menge daran teilhaben.

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Die Grünen haben Recht. ALLES, ausnahmslos ALLES muss sich unter dem Fokus der Klimapolitik anordnen, auch wenn es die unterschiedlichsten Bereiche der Politik sind. Die Zusammenhänge herzustellen, kann bei den Sondierungen schon besprochen werden, das Aushandeln wird schwierig, aber – um Merkel zu zitieren, es ist alternativlos.

Anlass und Ergebnis: Paris

Ein Reisebericht

Paris: 60 Stunden, Anlass und Ergebnis

1.

Der deutsche ICE beschleunigt nach dem Grenzübertritt auf 320 km/h, was man sich im eigenen Land nicht zutraut. (Auf der Rückfahrt ist die Verlangsamung kurz vor Saarbrücken besonders auffällig). Ansonsten habe ich an der Fahrt im vollbesetzten Zug fast nichts auszusetzen, was meinen Freund Tom verwundert, weil ich Pofalla für den Schreckens des deutschen Verkehrs halte…

La douce France, kaum Dörfer, endlose Landwirtschaft, kaum Wälder. Man kann auch von hier die EU-Agrarpolitik bereden. Irgendwann beginnen die Vorstädte von Paris, es ist der Eintritt in eine andere Welt. Keine Phrase, denn: schlagartig sind die Erinnerungen an die 1970er, 80er Jahre wieder da, als ich oft, meist beruflich in Paris war, aber auch das Umland kennengelernt hatte, und die schattigeren Seiten dieser Stadt. Davon jetzt nichts, nur wenig ist sichtbar.

II.

Warum jetzt nach Paris? Wie viele andere wollten wir den verhüllten Arc de Triomphe sehen. Und wir wollten die Sammlung Morozow sehen, die im Museum der Stiftung Louis Vuitton gezeigt wird. Vorab: das zweite Erlebnis übertrifft für mich den ersten Anlass bei weitem, das war nicht zu erwarten gewesen, aber gut so.

Wir kommen kurz nach 18 Uhr an der Gare de l’Est an, es ist noch hell, wir gehen ein paar Kilometer zu unserem Quartier, man durchquert einige soziale Zonen im weißeren Teil von Paris, aber auch hier unvergleichlich mehr Nichtweiße und eine uns weniger bekannte Normalität. Für mich ein sehr gutes Gefühl des raschen Wiedererkennens bestimmter urbaner Perspektiven, die nicht benannt werden müssen, um zu wirken. Das Gelände steigt zur Place Pigalle an, von dort keine hundert Meter steil den Montmartre hinauf in der rue Houdon zu unserem Hotel. „Luxelthe“, Billig, sehr sauber, sehr einfach, mehr braucht man ja nicht, ruhig, vom Treiben auf der „sündigen“ Meile ist so wenig zu hören wie vom Balkon zu sehen. Nicht nur Covid hat das früher hektische Viertel beruhigt, wie wir spät abends merken, als wir von der ersten Inspektion des verhüllt Arc de Triomphe zurückkehren. Dahin fahren wir gleich nach Ankunft mit der U Bahn (2), nicht sehr weit, und schauen uns die Verhüllung bei Nacht an. Seltsam klein kommt einem das Monument am Rand der Schüssel – links gehen die Champs Elysées bergab, rechts geht’s runter zur Defense, steht schon gut in der Perspektive, aber eben, verglichen mit dem verpackten Reichstag, klein…Wir werden kontrolliert, wie überhaupt die Covidkontrollen recht dicht und die Menschen diszipliniert sind, fast überall…Ja, also Christo hat das gut gemacht, aber es dringt nicht ein. Dann wandern wir erst die Champs hinunter, so richtig exklusiv wird’s erst in den Nebenstraßen, die wir allmählich in unsere Richtung gehen, es dauert schon eine Stunde, rue de Rome, St Lazare, bvd. Clichy. Rund um die Place Pigalle hat kurz vor Mitternacht schon vieles geschlossen, Auch die zweite Vorstellung des Moulin Rouge ist vorbei. Aber man kann gut draußen sitzen und die Buntheit genießen.

III.

Die Stadt erwacht zwar früh, aber unsere Schicht gehört schon zur zweiten Schicht. Das klar definierte Frühstück, erstmal Sonne, und bergab geht’s in die teuren Viertel, ziemlich gerade zur Concorde und zur Oper. Mich freut es immer, wenn es kleine Geschäft in große Zahl gibt, erinnert eher an Wien als an Berlin, und mich wundert die rasante Fahrt der vielen e-Bikes, Vorsicht. Wir müssen im Louvre kaum anstehen, Wir konzentrieren uns auf die griechischen Skulpturen, v.a. die Nike von Samothrake, und die italienische Malerei, weiter Bogen um die Mona Lisa, da staut es sich. Caravaggio, Cellini. Der Endlosigkeit dieses Schlosses und seiner Sammlungen muss man sich entgegenstellen, nach zwei Stunden wieder raus, man geht da durch eine integrierte Einkaufspassage zur Pyramide zurück. Jetzt den Arc de Triomphe bei Tageslicht, gefällt mir besser, verführt aber nicht zu weiteren Interpretationen. Wir bekommen mehrere Quadrate des Verpackungsstoffes geschenkt, sehr massives Plastikgewebe. Weiter Richtung Defense, an der rue d’Orleans essen wir einen Snack und im anströmenden Regen geht es zum Bois de Boulogne, zur Avenue Ghandi, wo die Stiftung Louis Vuitton ihr neues Museum hat. Man kommt an einer Art Wurstelprater für Kinder vorbei und geht am Rand des Bois einen guten Kilometer. Die Karten sind bestellt, man steht eingeteilt in der Schlange und wird mit einem Schirm bedacht (die meisten Pariser haben ihren dabei), es schüttet. Pünktlich kommen wir hinein…Bevor ich das großartige Gebäude von Frank Gehry beschreibe, eine ideale Hülle für die Ausstellung, zu den „Icones de l’art moderne“, wie die Collection Morozow betitelt ist. https://www.fondationlouisvuitton.fr/en/programme : 8, Avenue du Mahatma Gandhi Bois de Boulogne, 75116 Paris,

Wenn man nach mehreren Stunden rausgeht, muss man wohl den 4 kg schweren Katalog mitnehmen…Die meisten der Bilder hat man nie gesehen, oder nur in Kunstbüchern. Es ist die Sammlung der beiden Brüder Ivan und Michael Morozow, (beide geboren 1870 bzw. 1871 und gestorben 1903 bzw. 1921); wirklich gesammelt und in ihren privaten Häusern präsentiert, die Revolution überstanden, heute verteilt auf die Museen Tretjakov, Eremitage und Puschkin. Bestens beschildert und kommentiert. So, das ist der Rahmen. Es war nicht überüberfüllt, man konnte alles in Ruhe anschauen. Und sollte es.

Was heißt schon „Impressionisten“. Einen besonderen Platz hat Pierre Bonnard, der auch einzelnen Räume gestaltet hatte. Monet, Sisley, Cezanne, ein paar Picassos, Matisse, Corot, Pissaro, Degas, Renoir … was so außergewöhnlich ist: die fast durchgängig besondere Qualität, man kann auch über der den Geschmack der beiden reichen Brüder nachdenken, die durchaus mit der Sammlung auch der Zeit etwas vorausgeeilt waren. Und ihre französischen Bilder und Skulpturen mit den zeitgenössischen russischen konfrontiert haben, die meistens nicht so gut waren, bis auf Ausnahmen, aber auch interessant im Kontrast. So, hier keine Kunstgeschichte, ich weiß nur als ersten Eindruck, dass mich die Bilder den ganzen Abend und die halbe Nacht nicht verlassen haben. Und – was ich nicht immer mache – den Katalog werde ich genauer studieren. Da kann man sich auch auseinandersetzen, was „sammeln“ und präsentieren bedeutet, und wie Stalin und die frühe SU damit umgegangen ist (Die „westliche“ Kunst…) und wie sich das alles erhalten hat:

Bei Gallimard, ISBN9782072904585, englisch oder französisch.

Das Gebäude der Stiftung hat durchaus rechteckige und quadratische Räume in einem sechsstöckigen Innenraum, der aber von einem Gespinst aus filigranen Stahl- und Holzkonstruktionen überbaut wurde, mit Gewicht und Gegengewicht, ein breiter stufenförmiger Wasserfall führt ins Gebäude hinein und man steigt von der Ausstellung im Souterrain systematisch nach oben, bis man im Freien steht und in die Konstruktion und die Umgebung schauen kann, selbst bei Regen schön.

https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Frank+Gehry+Louis+Vuitton , https://www.bauwelt.de/themen/bauten/Die-Konstruktion-der-Foundation-Louis-Vuitton-Frank-Gehry-Paris-2445253.html

Es lohnt, sich die Details und auch die Kritik des 2006 geplanten Gebäudes anzuschauen. Also, das war schon einmal ein guter Tag. Und die Tour ist durchaus weiter zu empfehlen, Bis zum Januar ist die Ausstellung zu besichtigen.

Naja, jedenfalls war das eine verdiente Müdigkeit, und der Regen hat auch aufgehört.

Das war die Reise mehrfach Wert. Regennass um die Ecke eingekehrt (Auffallend, wie stark das Bier den Wein zu Tisch verdrängt hat…), gutes Essen, aber ein wenig marginal unter der Wirkung der Ausstellung.

IV.

Am nächsten Tag steigen wir direkt von unserem Hotel den Berg hinauf, mit jedem Schritt mehr ins überlieferte Touristenmilieu von Montmartre und Sacré Coeur, man kann dem leicht entkommen. Es gibt eingesprengte kleine Parks, die Kirche St. Jean ist 1904 ein Unikat – das an die Kirche am Hohenzollerndamm in Berlin erinnert und nicht wegen der Schönheit, sondern wegen der Undefinierbarkeit interessiert. Natürlich teuerste Geschäfte, Gentrifizierung und Widerstand nebeneinander, viele Menschen schlafen auch hier auf der Straße und an den Stiegen, ein Zelt mit herumgeordneten Ausstellungsstücken gemahnt an Vernon Subutex (Und ich kenne von früheren Besuchen die Hinterseite nach Norden mit allen sozialen Problemen). Der Ausblick ist bestens, in die Kirche geht man besser nicht, und die vielen Hinweisschilder auf die öffentliche Toilette sind ein Irrtum: das schöne Häuschen ist geschlossen. Kaum ist man den Hauptwegen entkommen, noch immer sehr schön. Wir wandern weiter nasch Süden, die rue des Pyramides hat soviele gute Schokolade- und Käsegeschäfte, soviele Fleischereien, man möchte den ganzen Tag hier einkaufen, und wäre. Wir laufen den ganzen Weg, teilweise die rue Lafayette entlang, und vor dem Bahnhof genießen wir ein Kunstrasengärtlein – der ICE rast aus der Stadt, als hätte er eilig uns zuhause zu deponieren.