Jüdischer Einspruch X: Nochmals linker Antisemitismus

Geschrieben vor Schließung der Wahllokale in Israel am 9.4.2019; bevor wir also wissen kann, ob Benjamin Netanjahu oder Benny Gantz die stärkste Fraktion führen werden, und bevor wir wissen welche Koalition ansteht.

Update 10.4.: es sieht so aus, als ob Netanjahu mit seinen rechten Koalitionären die Politik weiterhin bestimmen wird. Das ist ziemlich schrecklich, man kann eigentlich nur auf einen ISRAELISCHEN FRÜHLING hoffen, der demokratische säkulare und nicht nationalistisch gesinnte israelische Bürger_innen aller Ethnien zusammenschließt. Ich behaupte, dass eine solche Bewegung durchaus wahrscheinlicher ist als in nicht demokratischen Staaten der Umgebung,und vielleicht sogar erfolgreicher werden kann. Allerdings stelle ich auch fest, dass Netanjahus und seiner Verbündeten Wahlsieg nicht zuletzt das Resultat von sozial „Abgehängten“ ist, deren Zurückschlagen aufgrund ethnischer und kultureller Differenzen vorhersehbar war (Großer Unterschied zu unseren „deutschen“ Populistenund Identitären).

Bevor ich das Wahlergebnis, wenn überhaupt, kommentiere. Ich bin in letzter Zeit in heftiger Kontroverse mit einigen Parteikollegen, nicht -freunden, über den linken Antisemitismus (den es angeblich nicht gibt, und der in der Israelkritik der Linken nicht vorhanden sei). Eigentlich lohnt es nicht, gerade heute darauf einzugehen, aber mich regt diese Sturheit der Geschichtsverbiegung schon auf. Ich habe im Jüdischen Einspruch mehrfach darauf hingewiesen. Muss also hier nichts wiederholen – einfach zurückblättern im Blog.

Nun will Netanjahu die Siedlungen auf der Westbank dem Staatsgebiet Israels eingliedern, ermutigt durch Trumps Anerkennung des Golan als solches. Das ist natürlich nicht richtig. ABER: genau das hatte ich seit Jahren vorhergesagt, nicht wegen der Koalition von Likud mit rechtsnationalen und ultra-orthodoxen Parteien (Gott hat da aber auch gar nichts verloren), sondern wegen der logischen Weiterentwicklung eines Staatskonzepts, das gar nicht anders kann als die Bedrohung von Außen (also die meisten arabischen Länder und einen palästinensischen Staat) in eine palästinensische Bedrohung von Innen zu verwandeln, wenn man dafür einigermaßen Ruhe mit den arabischen oder islamischen Nachbarn hat (Kommt darauf an, auf welche Interpretation man sich einlässt). Dass es die Westbank gibt, dass es den Gazastreifen gibt, dass die Konflikte so sind, wie sie sind und nicht anders, liegt in der Vergangenheit insofern, als man das Jahr 1947 nicht genutzt hat, die Kolonialgeschichte der ganzen Region (Osmanisches Reich, England, Frankreich) ganz aufzuheben und die Region mit einem Staat Israel neu zu ordnen. Dazu ist es bald zu spät gewesen. Die dauernden Legenden über die Schuld von Zionisten, religiösen wie säkularen, über die Schuld (an) der Nakba, am Islamismus usw. sind ebenso verkürzt wie eine Neubewertung der Rolle der USA  bei der Gründung des Staates Israel und später bei der einseitig taktischen Unterstützung des Staates im internationalen Geflecht, wie später auch die sowjetische und ganz anders die autokratische Rolle von Putin-Russland die Akzente verschoben haben.

Der Umweg des linken Antisemitismus, der ja ganz massiv auf die Verbindung von Judentum und Kapital(ismus) und auf die Konfrontation mit einer (angeblich nicht kapitalistischen, sondern ???) Umgebung von Israel aufbaut, erfolgt über das Völkerrecht oder über eine Umkehrung von Beweislasten durch eine Parteinahme für „die Palästinenser“, die weder humanitär noch demokratisch, sondern ethnopolitisch – und anti-israelisch ist. Die Wurzeln dieses Amalgams aus Antisemitismen sind vielfältig und können hier nicht ausgebreitet werden. Was die Ressentiments anheizt ist, dass nun Netanjahu wahrlich weder besonders demokratisch noch besonders friedensfreundlich noch besonders rechtstreu ist – er ist ein Reaktionär, der sich einer seltsamen Mischung von Nationalisten, oft faschistoiden, und religiösen Sektierern bedient, was aber im Rechtsstaat Israel bislang noch, mit einigen Schrammen, eingehegt werden konnte. Trumps Sprengung von Schutzräumen dieser Demokratie und die Unterstützung von arabischen Ländern für Netanjahu im Kampf gegen den Iran sind da viel bedrohlicher.

Was linke Argumente betrifft, so ist die Hamas kein legitimer Gegner Israels, so sind die staatlichen Sicherheitsbedürfnisse Israels nicht schlechter als die anderer souveräner Staaten, so sind die Araber nicht die prädestinierten „ewigen“ Verlierer eines epochalen Zweikampfs.  Dass Israel heute sehr vielweiter rechts steht (innenpolitisch) als in den 50er-80er Jahren, hat ganz andere Gründe als die gegenwärtige Konstellation, die die Folge von massiven Verschiebungen in der Position dieses Staates sind. (Ich kann nur darauf verweisen, wie hellsichtig Tony Judt das schon sehr früh gesehen hat, und wenn man sich die religiöse Landschaft ansieht, dann muss man wohl Jeshajahu Leibovitz lesen (schon 1953), bevor man sich zu Recht auf Amos Oz „Judas“ (2014)einlässt, um dann zu seinen früheren  Werken des Friedens zurückzukehren). Dass es einen jüdischen Staat gibt, ist auch eine Folge von Antisemitismus seit 1700 Jahren, nicht nur eine Folge der Shoah; und dass der Zionismus, des stalinistischen Ostblocks liebster Feind, nur eine Variante genau des Antisemitismus ist, der im christlichen und faschistischen Westen auch als Kapitalismus daher kam in Verbindung mit dem Christusmord und der unsympathischen Einwanderung, das  liegt ja tausendfach belegt vor. 1947 war ein Glück, und hätte eins für alle werden können, auch für alle Araber in der Region. Die Konstruktion des Palästinensischen Volkes wird demgegenüber überhaupt nicht dekonstruiert, d.h. man meint zu wissen, was und wer die Juden sind, aber man ist ziemlich unklar darüber, was und wer die Palästinenser sind. (Das gilt nicht für interne Analysen, die eine bestimmte ableitbare Definition vorgeben, sondern für die Verallgemeinerung des Begriffs im politischen Alltagsdiskurs, und da changieren die P. sehr viel mehr als jüdische Israelis bei der Hauptvariable: Muslime, Araber, eine eigene Ethnie, territorialdefiniert oder Teil eines größeren Zusammenhangs…). Jüdische Israelis werden oft entweder durch die Religionszugehörigkeit oder durch ethnische Ableitung (jüdische Mutter) definiert, und z.B. Binnendifferenzierung entlang von religiösen Praktiken oder aber der wichtigen Trennung ashkenasischer versus sephardischer Herkunft).

Was hat das mit meinem Aspekt des linken Antisemitismus zu tun? und was mit der Trivialität, dass jüdische Menschen wie alle anderen auch Populisten, Faschisten und politische Idioten sein können, und die jüdische Geschichte keine Immuntherapie gegen all das war. NUR: Israel ist weder ein faschistischer noch ein imperialistischer noch ein populistischer Staat, noch ist die israelische Gesellschaft durchweg populistisch. Und indem dies übersehen wird, nutzen die linken Antisemiten, unter dem Deckmantel der Solidarität mit den Palästinensern, die Israelkritik als ihre Argumentationsbasis.

Dass die dauernde Ablehnung durch die Umgebung, die  dauernden Angriffe auf israelisches Territorium, die dauernde Isolierung des Staates im internationalen Kontext den sozialen und den kulturellen Kontext verdecken, macht die Sache nicht leichter. Aber man könnte sich die Mühe machen, das einmal differenziert aufzublättern, das würde übrigens den Palästinensern mehr als gute Worte helfen, ihnen, die ja so wenig alle Hamas sind wie die Israelis Anhänger der gewaltsamen Ultrareligiösen. Dass das Land innenpolitisch nicht mehr „links“ ist, mag man bedauern – ich bedaure es – aber es im sozialen Durchschnitt nicht markant „rechter“ als viele EU Staaten. Nur hat das alles im regionalen Kontext sehr viel mehr Brisanz als zwischen Wien und München und Budapest.

Am 30.11.2018 habe ich einen Blog gepostet: Jüdischer Einspruch VI: zur Kritik muss man nicht Antisemit sein, zur Migration kein Nationalist. Er fand damals viel Zuspruch, aber die Kontroverse, unter ich durchaus leide, weil sie untergriffig ist, ist damit nicht erledigt. Der Augenschein, ausgelöst u.a. durch Trump, durch die amerikanische rechte Israel-Lobby (im Gegensatz zu anderen) und die Iran-Kontroverse sind eine Sache. Die andere Sache aber ist, dass eine unterschwellig antisemitische Kritik an Israel ja den Palästinensern, die nun wahrlich bedürftig der Solidarität sind, nicht hilft.

Ich wiederhole hier keine Literaturempfehlungen mehr, die warne schon das letzte Mal gut. Ich füge zwei hinzu: Thomas Assheuer: Sie können es einfach nicht lassen. ZEIT #12, 14.3.2019; Und die Chimäre des jüdischen Bolschewismus verbunden mit dem Kapitalismus: Christopher R. Browning: The Fake Threat of Jewish Communism NYRB  21.2.2019, (Rezension von Hanebrink „A Specter Haunting Europe – The Myth of Judeo-Bolshevism“. Harvard). Dass dieser Mythos die Shoah überlebt hat, ist eines der Probleme, mit dem linker Antisemitismus bis heute zu kämpfen hat). Update 10.4. II: Und generell eine Beobachtung, die mich sehr beunruhigt. Viele linke „Freunde“ der Palästinenser beteiligen sich an einem politisch und moralisch gerahmten „Boycott“ von Israel unter der Flagge BDS. Divest and Sanctions Movement. Dazu sollte man eine wichtige Stimme aus den  USA lesen: Deborah Lipstadt (die die Holocaust-Leugner folgreich bei Gericht bekämpft hat): Der neue Antisemitismus, Berlin Verlag 2019, v.a. ab Seite 189 bis zum  Ende. Nun, die USA sinnd nicht deutschland, und die akademische Meinungsfreiheit ist bei uns (noch) weniger in  Korsette gepresst als in Amerika, aber die Analogien und der Verweis auf linke Antisemitismen im Rahmen dieser Israelkritik ist notwendig. Ich weiß, jetzt kommen wieder die einseitgen Vorwürfe, gegenüber Israel weniger strenge Maßstäbe anzulegen als gegenüber den …ja, wem gegenüber? das ist und bleibt ein Problem, dass man mit den Feinden Israels so leicht Positionen changieren kann, und natürlich recht hat, wenn man den angeblichen Freund Trump immer ins Treffen führt. Aber der hat ja mit dem Problem weniger zu tun als die wirklich im Nahen Osten Beteiligten (ohne Trump wäre Frieden eher möglich,aber noch nicht automatisch auf der richtigen Spur. Da sind die Netanjahus, Bennetts, Shakeds etc. vor – und Hams, Fatah, und wie sie alle heißen: Bitte beantwortet: welche Maßstäbe legen an wen an?)

Jüdische Menschen dürfen offenbar vieles sein, nur nicht normal. Und zur Normalität gehört, dass sie auch nicht so sein müssen, wie sich viele die Überlebenden und die, die von der Shoah nicht betroffen waren, wünschen. Es sagt mehr über die Antisemiten als über die jüdischen Menschen. (Wenn sie rechts,  nationalistisch, faschistisch, enghirnig sind, muss man sie bekämpfen wie alle andern, die diese Merkmale tragen, aber doch nicht, weil sie jüdisch sind und das deshalb nicht dürfen).

 

 

Verfluchter Lenz

Da überleben sie den Winter. Hustend, frierend, fiebernd. Endlich die ersten warmen Sonnenstrahlen, man hofft wieder – und jetzt beginnt die gefährliche Zeit: während der äußerlichen Erholung zu kollabieren, aus Schwäche sich zu übernehmen, zusammenzubrechen – und vielleicht zu sterben.

„Adieu l’Emile“ (Jacques Brel) oder „We had joy, we had fun” (Terry Jacks), das passt doch?

Und wenn unsere Umgebung Hoffnung einzugeben beginnt, dann sind wir erschöpft und sterben.

(Darüber kann man Gedichte schreiben, Lieder singen, auch schwadronieren, welchem seiner Bekannten es gerade so gegangen ist; aber das alles ist ja eine riesige politische Metapher, da will man seine gestorbenen Freunde nicht hineinziehen).

Gerade haben wir den sauren Regen abgeschaltet, und die Kernkraft beendet, und weitgehend Glyphosat verboten und die Dieselgangster in die Enge getrieben und das Pariser Abkommen hat ja doch etwas gebracht und die Grünen erleben ein Frühling…a propos Frühling. Prager Frühling, Arabischer Frühling. Was Erwartungen schürte hat nur beschränkt Früchte getragen. Auf Havel folgten Klaus und Zeman….brrrr, in was in Tunis und Kairo so erfreulich begann landete bei Al Sisi, und in Syrien bleibt der Lenz in der Familie…..

Frühlingsgefühle in der Politik sind eben aus dem Hormon- und Triebleben der Menschen nicht abzuleiten. Umgekehrt sind Frühjahrsoffensiven, z.B. der Taliban eine Tradition geworden, und vom Eise befreit, segelt es sich leichter durch die Nordwestpassage.

Erste Lektion: nicht alle Metaphern passen, und wenn sie zu schräg angelegt sind, führen sie in die Irre.

Aber es fällt einem schwer, das zu akzeptieren, der Frühling produziert ja Zuversicht. Ach so, die Erderwärmung. Das dämpft.

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Keine lyrische Hausapotheke. Ganz ernsthaft ist zu fragen, ob jenseits des „unintelligent Designs“ eines vorzeitlichen Schöpfers auch die Evolution an gewissen Er-Schöpfungszuständen leidet, die aufgeklärtes, politisches Denken und Handeln zugunsten atavistischer, diktatorischer  einfacher Lösungen von falsch georteten Problemen einfach nicht mehr „durchlassen“. Die Frage führt nicht nur zu Finis terrae, sondern auch zu Entscheidungen über Bildung, politische Partizipation und alle Formen von Widerstand gegen den Trend. Die Frage ist viel direkter darauf gerichtet, warum wir von den Instrumenten der Vernunft und der Wahrnehmung des Wirklichen so wenig Gebrauch machen. Es kann doch nicht wahr sein.

Wir lassen Verbrecher, faschistisch und spätstalinistische Diktatoren, Betrüger und Taugenichts in höchste Posten geraten – und immunisieren sie mit dem Hinweis, sie eine ja demokratisch gewählt, oder das Volk stünde hinter ihnen. Das kennen wir doch aus der deutschen Geschichte, oder?

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Wenn die Hoffnungen aufblühen sollten, weil uns die Umwelt dazu ermutigt, ist das ja nicht schlecht. Greta Thunberg ist so ein Zeichen. Wenn Habeck und Baerbock eher Aufbruch signalisieren als geducktes Wohlverhalten, hilft das auch. Aber die etwas zwiespältige Haltung des „Früher war alles schlechter“ ist vielleicht pädagogisch manchmal ratsam, sie deckt nur nicht ab, was uns beängstigen muss: dass wir verlernt haben – oder es scheint so – uns zu wehren. Ich will nicht um jeden Preis Widerstand leisten, aber mein Maßstab ist schondie Vorstellung, in welcher Welt meine Enkelinnen leben müssen, und dann ist eben Widerstand angesagt, damit es so nicht weitergeht. Klingt ein wenig nach Beraterliteratur und bleibt nicht so. Nur sind die Frühlings-Assoziationen so unabweisbar, weil es ja bei uns – in unseren Breiten, in unseren Parks, auf den öffentlichen Plätzen – so ausschaut, als wäre doch noch fast alles „in Ordnung“. Nur ist das so trügerisch wie das Sonnenlicht am abschmelzenden Eis.

Und gegen diese zerstörerische Ordnung der Normalität begehrt man nicht einfach auf. Da muss man Wahlkämpfe machen, da muss man die Ideologien der Gegenseiten – es gibt immer mehr als eine – zerlegen, sezieren, nicht nur durchschauen, man muss wissen woraus die sich ausbreitende Gewalt besteht, um ihr begegnen zu können, ihr wisst: manchmal durchaus auch mit Gewalt.

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Meine Frühlingsgedanken sind mir aber weniger wegen der Umgebung gekommen. Ich halte die Begnügung der Politik kaum aus, die auf alles nur ein Appeasement oder eine Deckelung hat. Und dagegen hilft nicht die Empörung, die geballte Faust im Gemüth. Im Lehrplan fehlt zu sehr das Fach „Was auf dem Spiel steht“, und was nicht die entscheiden dürfen, die schon zuviel Spiel verdorben haben. Das heißt aber nicht, dass es eine Jugendbewegung zur Neuerfindung des Spiels geben darf, denn so ganz grund-los, erfahrungs-los, lektions-los geht es auch nicht (da streite ich mich mit der Grünen Jugend so gern wie mit den Studis). Aber da gibt es die Kategorie derer, die wirklich Macht in Händen und Herrschaft im Sinn haben, und deren Machtausübung hat ja viel von dem verschuldet, worunter wir in Zukunft mehr leiden werden als heute.

Ich gehe durch den fast insektenfreien Park von Sanssouci.

Nicht klagen auf hohem Niveau

Im Vorwahlkampf. Anliegen an die Lokalität – es geht ja um die Stadt, um die unmittelbare Umgebung, lebensweltliches Mikromundus. Lauter kluge, umsetzbare, leistbare Vorschläge, nichts Verstiegenes. Das Problem, das mich während einiger Diskussionen beschlichen hat, war die unglaubliche Kleinheit der Probleme. Ob man Straßen einseitig von parkenden Autos befreit, um dort Radwege neu zu ziehen. Ob man Garagen durch Sozialwohnungen ersetzen soll. Ob man Hundesauslaufflächen einrichten soll.

Auch Wahlkampf. Engagierte Diskussion um die Kontroverse zwischen Integrationsklassen und Förderklassen. Sachkundig, betroffen und nicht betroffen, pädagogisch versus sozial versus migrationsbezogen.

In welch gutem Land leben wir? Und was sind Probleme?

Es gibt die Vorstellung, dass die Lösung von Problemen auf der untersten Ebene der Lebenswelt zur Ausbildung einer Problemlösungskompetenz auf höheren Ebenen bis hin zur Globalität dient. Es gibt auch die Vorstellung, dass die Probleme auf der lebensweltlichen Ebene mit den großen, strukturellen Problemen nichts zu tun haben. Theorie?

Nach den beiden Veranstaltungen, die in freundlichem Konsens und einer gewissen Varianz von Auffassungen abliefen, war ich unvermittelt fast fassungslos.

Ihr kennt aus einem früheren Blog den Spruch meiner Tante: „Deine Sorgen möchte ich haben, und das Geld von Rothschild“. Problemgeneration auf hohem Niveau, wenn das Niveau unser Lebensstandard ist und die Muße, solche Probleme diskursiv hervorzuholen und sie zu politisieren und sie zu lösen.

Mir fällt bei diesen Diskussionen immer das Quantenmechanik-Bild auf. Probleme in einem Zustand sind ganz anders als die im anderen Zustand, und die Sprünge erklären sich den Beteiligten selten. Das hohe ökonomische Niveau, auf dem Kritik, Klage und Politik im Kleinen angesiedelt ist, hat wenig mit den angesagten Problemen zu tun, die allerdings auf niedrigem wirtschaftlichen Niveau oder unter der Knute der Religion für die Menschen viel schmerzhafter sind als bei uns: hier nämlich ist es zwar ärgerlich, wenn ein wichtiges Problem nicht gelöst wird, aber es ändert an unserem Leben so gut wie nichts. Umgekehrt kann in globalen Dimensionen ein Problem – Zugang zu einer bestimmten Ressource, muss nicht gleich Wasser sein, alles ändern, kann Flucht bedeuten oder Kommunikationslosigkeit oder unbeachtetes Ende individueller Leben.

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Wie ich zu diesen fast banalen Gedankengängen komme? Immer wenn wir vor Ort die Probleme vor Ort diskutieren, sitzen die großen Strukturen wie Wolken oder Vogelschwärme über uns (ich merke das nicht allein, aber besonders ausgeprägt), und ich frage mich, wie diese Strukturen von Macht und Gewalt durch ihre Globalität ganz anders wirken als die unmittelbare Herrschaft (der Begriff war einmal auf Faschismus verengt, meint aber einfach die Vertikale der Macht, sofern ausgeübt oder schon hingenommen). Die Mühe der „Ableitung“ wird nicht belohnt, weil die Lösung zeitnah ansteht und vor allem einfacher formulierbar ist als die Ableitung.  Umgekehrt ist es noch schwieriger, aus unseren lebensweltlichen Beobachtungen und Schlussfolgerungen vermittelbare Aussagen darüber zu machen, wie wir denn in der großen Politik uns positionieren sollen. Nebbich.

Reduzieren Sie endlich die Komplexität, raten genervt die, die ohnehin alles wissen.

Ich kann den letzten Absatz auch anders schreiben, und dann wird ein Schuh daraus. Wenn wir vor Ort die Probleme vor Ort diskutieren, dann schwingt die große Ebene der globalen Zusammenhänge immer mit, man kann sie sozusagen fast sehen, aber da ist nichts mit Ableitung, mit alles-hängt-mit-allem-zusammen, da sind die Beziehungen, um derentwillen wir einen Verstand haben. Die Einsichten sind in beide Richtungen oft schmerzhaft: was das persönliche, individuelle Leben in der Gruppe und allein betrifft, gilt das Ändern des Lebensstils eben nicht aus moralischen Gründen, sondern viel einfacher aus den pragmatischen des Überlebens, und zwar für alle: deshalb Politik auf der unmittelbaren unteren Ebene. (Über Mülltrennen kann man auch nur beschränkt spotten, über das Beenden von Binnenflügen, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Ende der hohen Transaktionskosten bei Lebensmitteln, nachhaltigem Bauen etc. eher nicht. Aber das neue Problem ist ein echtes: was macht dieses geänderte Leben mit uns? Alle Heilsversprechen sind vor-empirisch, meist esoterisch oder eben trivial). Und wenn wir ernsthaft über große politische und ökonomische Probleme, über Krieg, Kriegsgefahr und eben „finis terrae“ nachdenken und sprechen, dann kann es ohne das antizipierte, vorher gewusste Schicksal des vorzeitigen Sterbens von lauter einzelnen Menschen nicht abgehen. Aber mit diesem Gedanken ist schwer zu leben. Er selbst ist nicht komplex, da gibt es wenig zu reduzieren.

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Was macht das geänderte, ungewiss sich darstellende Leben mit uns? Hier können wir entweder die Ri8sikotheorien oder die philosophischen Rahmenratgeber oder aber die Überraschungspsychologie wirken lassen – oder handeln, wie wir meinen aufgrund unserer Einsichten handeln zu müssen, also Politik zu machen, uns zu befreien von jenem schrecklichen „Man“ , das uns akzeptabel macht. Nirgendwo wird die Angst vor Bedeutungsverlust deutlicher als dort, wo man nicht hoffen kann, aus der Außenseiterposition auf die helle Bühne zu kommen. Das eben wäre die Überwindung der charismatischen Politik.

So gesehen, sind die Diskussionen auf der Ebene der lokalen Lebenswelt, mit ihren ungeschriebenen informellen Grenzen, ihren Nachbarschaften, Freundschaften, Aversionen usw. doch ein guter Rahmen, sich auch den großen Themen zu widmen und darin die Probleme zu erkennen, mit denen wir vor Ort umgehen müssen.

Für mich – jetzt einmal wirklich nur für mich – heißt das, im Wahlkampf kein lokales Kiezthema nur darauf anzuwenden, wo der Fahrradstreifen hinkommt, sondern die Vertikale der Macht zu umgehen und die großen Probleme um die Ecke, hier, thematisch werden zulassen. Mühsam, das glaube ich mir selber.

Hundebeziehung & Beziehungshund

Überraschend hat heute das Heimatministerium bekanntgegeben, dass Beziehungen unter Deutschen Männern und Frauen nicht mehr über Vermittlungsagenturen, Dating-Clubs, Swinger-Events oder gar vor-, außer- und nicht-eheliche Annäherungen geschehen dürfen. Ab sofort darf nur mehr die sogenannte Urszene gespielt werden (d.h. a) zwei einander vergattende Körper müssen vom Zeitpunkt ihrer gelingenden Verschmelzung bis zum Tode des oder der Einen und zum Überleben der oder des Anderen susammenbleiben (d.h. „Ehe“) oder sie haben sich b) dem Arrangement der gesetzlich geregelten Hunde-Beziehung (Paar-Chip-Vergattung) zu unterwerfen. Abteilungsleister Bossi sagte dazu der Presse, es sei bekannt, dass arrangierte Ehen auch nicht schlechter seien als die so genannte Liebes-Heirat, die ja doch nur auf einem Hormonstoß Mitte März beruhe und im Mai zum Tragen komme (daher auch der Begriff „trächtig“ und das damit selten verbundene „beträchtliche“ Vermögen); deshalb habe man im Max-Planck-Institut für Säugetier-Ontologie in Phallingbostel eine spezielle Hundezüchtung betrieben, die beziehungsstiftende Welpen beiderlei Geschlechts und mehrfacher sexueller Orientierungswitterungsvermögen sich vermehren ließ; diese werden jetzt durch das Heimatministerium auf die noch unverpaarten jungen Menschen (16-35, wie bei der Jugendunion) verteilt und zur Beziehungsstiftung angesetzt.

Diese Hunde sind geimpft, entlaust und gechippt, deshalb Paar-Chip, und erregen durch Bellen und Speichelfluss bei willkürlich einander begegnenden Menschen sogenannte Spontanattraktion. D.h. zwei Menschen fallen übereinander her und ineinander, nur weil der Hund dazu kommt und bellt, winselt, und dackelblickend die beiden Augenpaare u.a. in einander tauchen lässt. Die so arrangierte Beziehung wird nach dem ersten Vollzug im Beisein des Hundes dem zuständigen Referatsleiter I/a der Abteilung Heimat im BMI gemeldet, das entstandene „Paar“ wird nach obigem Muster b) als verheiratet oder als ehe-ähnlich registriert und kommt sofort in Steuerklasse 3. Der Hund bekommt für jede angebellt Verschmelzung eine Knackwurst und einen kleinen bairischen Verdienstorden.

Das Max Planck Institut plant nun, neben Hunden auch Beziehungslurche und Hamster zu züchten, um auch den ärmeren Bevölkerungsschichten begehrensinduzierte Vergattung zu gestatten. Wer sich also beziehen möchte, muss heute noch Abschied von den Märzenbechern nehmen und sich im Beisein der pheromon-austauschbereiten Partnerin bzw. eines lenzgeilen Partners zum Paar-Chip-Hund begeben und den Wonnemond anbellen.  Am nächsten Dienstag ist alles vorbei, der Erlass wird zurückgezogen und im Bistum Irrsee überarbeitet.