Regt euch nicht auf!

BITTE UPDATE BEACHTEN: ich habe auf diesen Blog zustimmene (likes)und ablehnende Kommentare bekommen. Ich reagiere deshalb darauf, weil ja das Eindringen der Nachrichtendienste in die private Kommunikation undndie verwässerte Information über die rechtsradikalen Kerne in der Polizei die Gemüter bewegen… 22.10.2020

Ich gratuliere dem fremden Blindgänger Seehofer und seinen Sbirren bei den Geheimdiensten, dass der Rassismus bei der Polizei nicht untersucht wird und statt dessen die Bürgerinnen und Bürger noch sehr viel mehr ausgeforscht werden dürfen als bisher.

Mein Glückwunsch ist ehrlich: mittlerweile haben sich die lese- und denkkundigen Rechtsradikalen bei den Sicherheitsorganen und im Innenministerium bemüht, ihre Spuren zu verwischen, viel Chats wird man nicht mehr finden und es ist schade um den Aufwand, in einer Nebelwand zu stochern. Außerdem WISSEN WIR, dass es rechtsradikale Netzwerke bei der Polizei und anderswo gibt, und dass keineswegs alle Polizistinnen und Polizisten mit ihnen sympathisieren. Ich begrüße den Generalverdacht, denn nur wenn er bestehen bleibt, kann sich das Schweigekartell um die rechten Netze lockern, es wird brüchig durch Whistleblower – und durch unser Verhalten. 

Meine Sorge: wenn schon unsere Apps und Kommunikation noch weiter heimlich ausgeforscht werden, wie sollen die beschränkten Sicherheitsorgane noch Wahrheit und Fake in den Messages unterscheiden können, wie sehr wird hier die Grauzone verfestigt zu einer Nebelkammer? Nur, beruhigt euch: mit den meisten Informationen können unsere „Dienste“ eh nichts anfangen als ihre Jobs zu sichern. Und dass sich die Polizei vor blödsinnigen oder gemeinen Attacken durch eine weitere Untersuchung schützen lässt, begrüße ich, denn da wird viel Selbstbeschreibung und auch Selbstmitleid öffentlich werden, das uns Einblick in die Motivation, den Sicherheitskräften beizutreten, gibt.

Also regt euch nicht auf.

Worüber ich mich aufrege: wieviel Zeit hat Herr CumEx Scholz mit Seehofer telefoniert, um die Ausweitung unserer Überwachung doch noch durchzubekommen?

UPDATE SIEHE EINLEITUNG.

Ich hatte in meinem Blog IRONIE (Glückwunsch an Seehofer) und PATHOS (Verteidi-gung des Generalverdachts) bewusst gemischt, weil die Situation kompliziert ist. Das sollte man in der Wissenschaft nicht tun, aber im Blog darf man es allemal. Nun wurde ich von Kritikern belehrt, dass man bei meinem Text die beiden Formen durchaus vertauschen kann, und dann würde es ja literarisch, aber nicht mehr gut verständlich:

deshalb im indikativen Klartext:

  1. Die jetzt angesagten Studien bei der Polizei kommen zu spät und sind unscharf. In zwei Jahren wird ein Ergebnis kommen, das die Verharmlosung des Rechtsextremismus durch Seehofer und das BMI und die Dienste weiter befestigt.
  2. Solange der Generalverdacht aufrecht erhalten wird, kann die Öffentlichkeit – wir – das Problem ebenso öffentlich wie unaufgeregt diskutieren.
  3. Die Kompromisse, an denen auch Vizekanzler Scholz mitgewirkt hat, haben mit dem Problem Rechtsradikalismus bei der Polizei nichts zu tun, sondern dienen dazu, die Befugnisse der Dienste gegen die Bürger zu erweitern und nicht mehr Sicherheit, sondern mehr unkontrollbare Macht außerhalb des Rechtsstaates zu schaffen.

Südlich der Donau…Alt werden.

Weil ja demnächst wieder die Reisen eingeschränkt werden, trägt jede größere Entfernung einen Hauch von Abschied oder Nie wieder bei sich. Wisst Ihr, wo Lunz am See ist?

https://www.lunz.at/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Lunz_am_See . Wenn man liest „Eines von zwei Bergsteigerdörfern“, kann man sich da etwas vorstellen? Ich hatte mir den Ort größer, wichtiger vorgestellt, so etwas wie ein Bad Aussee der niederösterreichischen Alpen, Lunz liegt ja nahe am Ötscher und am Hochschwab.  Große Bergklötze, nicht so nah an Wien wie Rax und Schneeberg, noch nicht im Salzkammergut, mit einem Wort, ich war nie da…und viele andere auch nicht. Im Rahmen des Alterswohnprojekts haben wir uns dort eingemietet, weil Wiens Coronaampel rot ist und es zu jedem unserer Befragungsorte von Lunz ungefähr gleich weit ist. Wir = Hannes Heissl aus Wien und ich. Er hat einmal bei mir studiert und jetzt leitet er das Projekt. Mehr dazu weiter unten.

*

Endlose Solarfelder in Bayern, endlose EFH (Einfamilienhaus) Zersiedlung, spielt eine große Rolle im Projekt, … Richard Ford in der FAZ schreibt das Requiem auf die USA, nicht ohne Hoffnung, aber ohne Zuversicht.

Hannes holt mich in Amstetten ab, dieser Ort verfolgt mich negativ seit Robert Sedlazek, ein Sekundäronkel der Nachkriegszeit,  mit seinem Fiat 1100 und mir das erste Mal 100 gefahren ist. Damals eine schrecklich heruntergekommene Stadt in der russischen Zone, die sich nur mühsam ein neues Image zu geben versucht. Entlang der Bundesstraße 1 Kasernen oder ähnliche Häuserzeilen, immerhin eine Betonstraße, wie ich stolz in der Schule berichte. Die Arbeit beginnt. Aber gleich kommt sie: Hinreißende Landschaft. Aus dem flachen Alpenvorland nach Ulmerfeld, dort im Mehrgenerationenhaus der Genossenschaft Frieden geht das Projekt weiter. Das ist gut und hilft uns weiter. Covid bremst alles andere aus. Allmählich kriecht es kalt.

Nach der Besprechung in die Dunkelheit, ich freue mich schon aufs Tageslicht morgen im Ötscherumland und am Lunzer See. Das Navi führt uns durch enge, engere, engste Straßen – immer steiler hinaus und hinunter, es heißt ja Alpenvorland und ist eine schöne, bewaldete und bewieste MoränenLandschaft, und dann kommen schon echte Hügel. Unser Hotel Zellerhof, wohl #1 in Lunz, ist natürlich für uns super, fast  leer und billig…es ist auch das einzige größere Hotel hier, und wird nicht leer bleiben.

Es wurde ein verregneter, aber produktiver Tag. Der Weg zum See und zurück ins Dorf zeigt einen sehr kleinen Touristenort, besser als vieles am Semmering, keine Verhüttelung, aber natürlich karg, 1 Supermarkt, 1 Friseur, 1 Bäcker, alles da, aber einmalig. Unser Hotel ist eigentlich Spitze, würde anderswo die ++++  bekommen, wären da nicht die kleinen vielen Ausrutscher, wie das weibliche Pornofresko am Männerklo. Sehr schöne Bilder wechseln sich mit grauenvollem Kitsch ab, dazu plärrt ununterbrochen in allen Gasträumen Musik der 70er, teilweise nicht einmal schlecht, aber nervtötend. Kaum Schlafgäste, aber viele Leute zum Essen, und man erwartet  nächste Woche einen Bike-Pulk. Die Einrichtung und das Essen sind erstklassig, kaum Personal. Zweischiffige gotische Kirche, alte Bürgerhäuser seit dem 14. Jh., wir sind ja an der „Eisenstraße“, es gibt 4 kleine Wasserkraft-E-Werke (ursprünglich oder noch immer privat vom vorausblickenden Herrn Schweighofer eingerichtet) und ein überdimensioniertes Autohaus…aber sonst nichts sehr modernes. In den flussnahen Gassen wird vor dem „Schwall“ gewarnt, der aus den Zuleitungen zu den E-Werken kommen kann. Da es die ganze Zeit regnet und wir arbeiten, sind die ethnographischen Ausflüge kurz und fragmentiert. Ein seltsamer Ort, von dem von untersuchten Bevölkerungsschwund auch betroffen, was jetzt noch hier ist – wohlhabend, oft Zweitwohnsitz, erstmals 2020 ein FPÖ Mandatar im Gemeinderat (sonst immer nur satte ÖVP Mehrheit, kleine SPÖ, vor 1995 war das umgekehrt!, keine Grünen…).

Man muss sich schon orientieren: alle Bäche scheinen in andere Richtungen zu fließen als man erwartet, weil sie ganze Gebirgsstöcke umrunden. Das viele Wasser macht Freude.

Regen. Nach einem Arbeitstag am Seminartisch nach Gutenstein, da waren wir schon einmal mit dem Projekt, im weiteren Wiener Umland. Jetzt direttissima von West nach Ost. Südlich des Ötscher, nordwestlich des Hochschwab. Durch eine besonders schöne, vielfältige Landschaft, über Mariazell (das scheußlich ist, aber umfahren wird. Der katholische Hauptwallfahrtsort Österreichs, ich habe ihn immer gemieden, die Busparkplätze sind jetzt auch leer…“selbst im guten Österr=/ reiche tadelt man die Klöster“ sagt Wilhelm Busch). Ansonsten nicht übertrieben: Traumstraße. Oft kurvenreich auf den bewaldeten Höhen (teilweise schon beschneit), nach Osten sehr tiefe Täler. Über St. Ägyd nach Gutenstein, die Landschaft verliert irgendwie, bleibt aber schön. Vorbei an dem Kameltheater, in der Einschicht, da gibt es einen Zoo; ich denke die ganze Zeit darüber nach,  warum ich diese Strecke so besonders schön finde. Aber nicht theoretisierend, sondern meinen Gefühlen und vor allem Erinnerungen nachspüren, woran mich welches Feld, welcher Felsen, welches Panorama erinnert.

Wir sind nicht auf Urlaub: mein Kollege Hannes Heissl und ich fahren ja in die entlegensten Gegenden für unser Erkundungsprojekt “Wohnen im Alter“. Dazu an anderer Stelle mehr. Die Arbeit in Gutenstein ist mit den üblichen Ambivalenzen bei größeren Menschengruppen verbunden (18), es sind meistens Bürgermeister, Gemeinderäte, mehr weibliche übrigens; die Diskussion schließt die Arbeit in der Leaderregion Süd ab https://www.leader-noe-sued.at/   (Leader hat nichts mit Führer zu tun, sondern bedeutet Liaison entre actions de developpement de l’economie rurale…), ein EU Programm seit 1991, das in 7 jährigen Zyklen in ländlichen Gegenden gemeindeorientierte, also bottom-up Konzepte entwickelt. Für uns geht es also um das Wohnen im Alter in einer bestimmten Region, die 33 Gemeinden umfasst, von denen 8 aktiv Projekte angemeldet haben. Wir verbinden diese Diskussionen und Befragungen mit einem ähnlichen Auftrag der niederösterreichischen Landesregierung in vergleichbaren Regionen (da gibt es eine Menge Synergieeffekte). Manchmal freut mich, wieviel brauchbare Soziologie und wieviel Bourdieu bei mir hängen geblieben ist…es wird Berichte geben und ich werde die Ergebnisse ankündigen. Wie bringt man Gemeinden dazu, sich der Wohnprobleme Alternder anzunehmen und nicht auf die flächendeckenden Anordnungen und Förderprogramme von oben zu warten? Mitbestimmung und kreative Ideen vor Ort.

In Gutenstein tagen wir übrigens in der Einrichtung „Alte Dorfschmiede“, die einer Genossenschaft gehört, in der Wohnwagons erfolgreich und umweltfreundlich hergestellt werden: www.wohnwagon.at …das zweite g im Waggon wurde der Umwelt geopfert. Den  Hauptvortrag hielt ein alter und sehr erfolgreicher Sozialarchitekt, Friedrich Matzinger, der auch das Intergenerationenprojekt Garsten mitgeplant hat. Erstaunlich, wieviel es in diesem Bereich bereits gibt – und wie langsam und lahm nicht einfach die Politik, sondern viele Betroffene an den Möglichkeiten des erfreulichen (und ökologischen,  auch kostengünstigen) Wohnens im Alter vorbeigehen…das thematisieren wir in unserem Projekt häufig. Und so fahren wir weiter, jetzt an Wien vorbei über die Autobahn, nach Amstetten, einer wachsenden Mittelstadt, wo wir in einer sehr kleinen Gruppe diese Frage in Überleitung zum andern Projekt intensiv diskutieren. Amstetten war früher ein negativ konnotierter Platz, ist jetzt gesichtsarm, durchaus innovativ, kürzlich haben die Konservativen die Stadt von der SPÖ zurückerobert, unsere grüne Gemeinderätin hatte einige Mühe im Gespräch. Hier erkenne ich viele „deutsche“ Probleme – Misstrauen gegenüber den stark migrantisch bewohnten Neubauquartieren.

Noch bei Tageslicht zurück nach Lunz, durchs Mostviertel auf die alte Eisenstraße: die Orte sind stattlich, es gibt auch bisweilen unerwartet große Industrie, aber bald nach den ersten Hügeln kommt die besonders schöne Landschaft zurück. Im Hotel dann großer Andrang. In allen vier Gaststuben Abendgäste, keine Feiern, nur „Wochenende“, Gäste, die nicht im Haus wohnen…derer sind nur wenige. Wenn ich ein zweites Mal den einzigen Supermarkt betrete, werde ich von allen begrüßt wie ein Einheimischer, auch danach auf der Straße. Der nahe Friedhof muss besucht werden. Sehr seltsam: oft stehen Namen von offenbar familienfernen oder gar fremden Grabinsassen weit abgesetzt unten auf den Grabsteinen, sozusagen relativ abgewertet – aber das trifft auch auf Gefallene zu, die schon der oben prangenden Familie angehören. Keine Einzelfälle…Auch sonst irritiert: die Mehrzahl an geschlossenen Hotels und Geschäften, die Reichskriegsflagge im Fenster eines kleinen Häuschens im Zentrum, die scheint noch niemandem aufgefallen zu sein. Über der Ybbs in einem Holzhaus malerisch auf der Anhöhe „Chez Pierre Pub Pizza“, das nenne ich Internationalität.

Man kann gut im Hotel arbeiten, im Spielzimmer mit Schach- und Mühletischen, daneben gibts Billard…alles jetzt verwaist. Wünscht man sich Alterswohnen so? Das Haus ist voll, auch weil die Motorad/cross?  Rennfahrer da absteigen, teilweise mit Familien und olympischem Appetit, etwa auf drei-stöckige Burger. Aber gesittet maskiert, wie die meisten hier.

Die Rückfahrt nach Amstetten diesmal die große Bundesstraße an der Erlauf, erst kurz vor dem Ziel wechselt man wieder ins Ybbstal. Bevor es ins flachere Mostviertel geht, wieder dieses schöne, besonders schöne Land. Ich denke, viel liegt an den Mischwäldern, an den wenig regulierten größeren Flüssen, dem undefinierbaren Mischgestein (Grauwacke), aber auch an der wohlhabenden Bebauerung an der Eisenstraße (https://de.wikipedia.org/wiki/Eisenstra%C3%9Fe_(%C3%96sterreich))  – bis heute noch einige Industrie und die Erinnerung an den Schulunterricht, wo diese Handwerksfurche hinunter zum Erzberg in der Steiermark sozusagen die stolze rote Vene im grünen, also schwarzen Alpenvorland war – und ausgewalzt wurde. Kommt man noch etwas nach Norden, ist die Donau nahe, mit den größeren und kleineren Geschichten und Schlössern, Ardagger, Grein, aber auch Mauthausen. Die Vierkanter hier sind fast alle wie für die Ausstellung renoviert, die Wiesen und die Kühe fett, von Österarm sieht man hier nichts, obwohl es das auch gibt.

Das ist eines der Probleme unseres Studienauftrags: wie ärmeren Österreicher alt werden und dann wohnen werden, ist schwer zu ermitteln, weil natürlich die großfamiliäre Solidarität auch am Land nicht mehr funktioniert, wenn auch oft beschworen. Ja, die Jugend zieht es aufs Land, wer weiß wie lange noch? Was wir machen, ist Mittelschicht. Gesellschaftsanalyse in Österreich kann nicht einfach alle deutschen Indikatoren durch 10 dividieren, was der Bevölkerungszahl entspräche. Dass mich jetzt die Unterschiede interessieren müssen, macht die Altersstudie natürlich spannender und auch überraschender. Die Politik des Kanzlers Kurz und der österreichischen Grünen zu verstehen, heißt noch lang nicht sie billigen. Schon beim Lesen der Tageszeitungen kommt einem Deutschland, genau beobachtet, wie ein fernes Land vor, jenseits der unlustigen Comedian-Vergleiche und der binationalen Feuilletons. Ich halte mich dabei nicht lange auf, weil ich ja auf beiden Schultern trage, aber ich muss darauf achten, dass meine Autorität nicht als deutsch, sondern als österreichisch und damit oft europäisch wahrgenommen wird (was die Autorität freut, aber auch das Verschwinden der früher so intensiven Ambivalenz gegenüber den Jungen, die nach Deutschland gehen, um dort erfolgreich zu sein, und dann bei der Rückkehr doch anders, weltgewandter, wieder aufgenommen zu werden (nicht so die überlebenden jüdischen Österreicher nach 1945, das ist wieder die andere, die ungute Geschichte). Alltag: Kulturseiten lesen, Kulturprojekte abzählen, kleinteiliger und erstaunlich gut fundiert – oft, mit scheußlichen Abstürzen dazwischen. Das geht mir durch den Kopf, als sich mein Zug Passau nähert, der bairischen Grenzpolizei und dem andern Virus. Diese Stadt mit ihrer katholischen Kolonialgeschichte war natürlich auch Schulstoff, und meine privaten Erinnerungen sind auch eher österreichisch, was mir die Aschermittwochsgetöse rundherum weniger aufdringlich macht (Vilshofen, da hält der ICE sogar manchmal…). Hier IST eine Grenze. Der lange Güterzug, der in Linz schon an mir vorbeigezogen ist, überholt uns wieder, weil hier ja eine Grenze ist. Wenn Verspätungen gesammelt werden, dann ab hier. Eigentlich wird die Donau erst ab hier der „Schicksalsstrom Europas“, ich  würde des kleiner geben, aber da ich ein Jahr lang Strophe für Strophe das Nibelungenlied habe lesen müssen, mit einigen Einsichten und viel metrischem Leerlauf, beginnt der Fluss für mich doch erst spannend zu werden in Linz, in Pöchlarn, in Melk…und erst recht danach. Was einen Eintrag im Buch unnötiger Bildung verdient, oder gerade nicht: mit den Merkzettelchen liest es sich leichter, sofern sie das Hirn nicht verlassen.

Mit dem Durchmarsch dreier schwerst gepanzerter Bundespolizisten  endet diese Geschichte.

Jüdischer Einspruch XVIII: die antianti-semitische Gemeinschaft

Zum Jahrestag des Anschlags von Halle überboten sich Politiker, zumal der Bundesländer, in antisemitischen Bekenntnissen. Die Worthülsen sind wie rhetorische Patronenhülsen, aus denen man das Projektil nicht mehr rekonstruieren kann: es wurde gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz gefeuert, und eben gegen Antisemitismus. So ein Glück. Quer durch alle demokratischen Parteien ist man sich einig wie selten. Kostet ja nichts. Der Ruf „Nie wieder!“ wiederholt sich auch in vielen Stellungnahmen.

Nie wieder? Der Antisemitismus hat in den letzten Jahren zugenommen, er ist öffentlicher geworden, wir haben eine Nazipartei in den Parlamenten, Anschläge und Verunglimpfungen im Netz vermehren sich. Nie wieder?

Der Bundesinnenminister Seehofer beschützt die rechtsradikalen Strukturen der Sicherheitsorgane. Mich erinnert das an den Witz von Erich Fried: Nicht der Waldheim war ein Antisemit, sondern sein Pferd war antisemitisch.

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Es herrscht unter „DEN“ Deutschen eine Vorstellung von „DEN“ Juden, die es leicht macht, Antisemitismus zu ächten: solange man das tut, solange hat man etwas aus der Shoah gelernt, solange ist das Nie wieder glaubwürdig…äh? Als obs auf die Kippa ankäme, die zu tragen manche nicht wagen. Wer und was ist antisemitisch? Da zögern die Bekenner, weil sie Gruppen denunzieren müssen, die sie sonst lieber als Klientel, Wähler*innen oder im Abseits hätten. DER Antisemitismus ist so wenig ein konkreter Feind wie DIE IDENTITÄT und sowenig wie es DEN JUDEN gibt, gibt es DIE JUDEN. Und schon gar nicht für DIE DEUTSCHEN.

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Judentum, das Jüdische,  kann man nicht allein durch Religion bestimmen, nicht ausschließlich durch ethnische und kulturelle Geschichte, nicht durch den Grad der Integration in die deutsche Gesellschaft. DIE gibt es nämlich SO auch nicht.

Bleiben wir bei Adorno: wenn der Antisemitismus das Gerücht über die Juden ist (Minima Moralia 1951), was soll dann geschehen, um das Verhältnis jüdischer zu deutschen Menschen besser, gleicher, demokratischer, transparenter zu machen? Da es weder eine Gleichheit neben einander gibt (Deutsche UND Juden…, für mich eine gräßlichliche Floskel) noch „die“ Juden in der deutschen Gesellschaft aufgehen, muss man sich schon mehr bemühen, um ein Verhältnis herzustellen und zu verstehen. DIESE BEMÜHUNG WÄRE SCHON EIN RECHT GUTER ANFANG UM DAS GEREDE VON DER ANTISEMITISCHEN GEMEINSCHAFT ABZUBAUEN.

Die stille Post der Zukunftslosigkeit

In meiner Jugend, also in der Jugend, die wirklich weiter zurückliegt, war der Hinweis, jemand oder etwas sei „unmodern“ fast ein Schimpfwort, während oft zum Prädikat „modern“ gesagt wurde: das verstehe ich nicht. Was also dann?

Der großartige journalistische Essayist Kurt Kister schreibt am 6.10. in der SZ:

Die Moderne nämlich, mit der sich Habermas und Kollegen so ausführlich beschäftigt haben, hat in den letzten zwanzig Jahren eine technologiebedingte, enorme Beschleunigung erfahren, sodass sie sich selbst einschließlich der Postmoderne längst überholt hat. Leider hat diese Beschleunigung keineswegs nur zur weiteren Verbreitung von Vernunft und Kompromissfähigkeit geführt, sondern in einer Art Gegenreaktion auch bei vielen Leuten die Neigung zu Irrationalismen gefördert – das reicht vom „Querdenken“ über Autoritarismus à la Orban bis hin zur präsidentgewordenen, trumpischen Zusammenballung nahezu aller gegen die Beschleunigung der Moderne gerichteten Vorurteile.

Diese Beschleunigung konnte immer beides sein: Demokratisierung und entgrenzte Verbreitung allen Blödsinns dieser Welt, und nicht selten beides zugleich.

Die Gegenreaktion kann Widerstand bedeuten, oder in einer besonders wirksamen Dialektik so zur Moderne gehören, wie der Teufel zur Gotteskonstruktion,  oder die Aushöhlung der Demokratie durch ihre eigenen Verfahren (man wählt ihre Abschaffung, nicht erst einmal).

Mit diesen Thesen könnte ich ganze Semester an der Uni gestalten und auch noch die Rückwirkungen auf den Alltag und kleine, weniger umfassende Beweisketten mitteilen. Mache ich vielleicht noch, heute aber fällt mir nur auf, dass das „Unmoderne“ einen seltsamen Reiz auch auf anscheinend aufgeklärte, „moderne“ Menschen ausübt, als eine Art habitueller Nostalgie.

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Im Feld der ganz großen politischen Philosophie – dem Postkolonialismus – ist mir aufgefallen, wie ausgerechnet der so angefeindete Achille Mbembe (Mbembe 2018) – angeblich Antisemit, angeblich anti-europäisch – schon sehr früh (2006) die Probleme, auch die Dialektik ausgebreitet hat: Übrigens unter ausdrücklichem Bezug zum jüdischen Denken, zu Bloch und Benjamin…also Vorsicht mit der selbstbezogenen Zuschreibung der eigenen Position (anti-kolonial und anti-antisemitisch) zur aufgeklärten Moderne. Mbembe: Humanität ist nicht abgeschlossen,  sie kommt zum Vorschein, wenn die kolonialen Figuren der Unmenschlichkeit – ich sage dazu nur: die Diskussion um Denkmäler und Straßennamen… – und der „rassischen Differenz“ weggeputzt sind. Nur dann lässt sich so etwas wie globale, universale Gleichheit (Brüderlich-Schwesterlichkeit im heutigen Sprachgebrauch) herstellen. Zum Unmodernen, das mir auffällt, – und das ist die Verbindung – gehört die Sucht, das Gute im Schlechten, das Wichtige und Richtige im Vormodernen, das gesellschaftlich Brauchbare vor der Demokratie zu verorten und gar zu beschönigen, und es mit den Fehlern der Gegenwart zu begründen.

Das kann man am Kitsch der restaurierten Innenstädte sehen, am scheinbar authentischen der Herkunft, die eine Identität, die jetzt zerfällt, oder an der fast genüsslichen Auflistung von Dysfunktionalitäten in der Demokratie. Ganz schnell ist man dann bei dem, was uns die Moderne genommen hat, was uns die Postmoderne nicht geben konnte, also bei Verlust

Kisters Kritik an der unkontrollierten Beschleunigung ist dabei auch wichtig: Sie kann zur Moderne beitragen insofern sie eine Zukunft heranrückt, in der die Wiederholung des immer Gleichen nicht mehr geschieht, und sie kann an ihrem Abbau mitwirken, wenn sie uns keine Zeit lässt, den Atem nimmt, an der Gestaltung dieser Zukunft mitzuwirken – und die Irrationalismen in den Händen der gewaltsamen Herrscher belässt (das hatten wir vor der Moderne auch schon, tausende Jahre lang, und danach auch noch – nur nicht immer, und oft widersprochen und im Widerstand bekämpft).

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Wieviel man bei Mbembe lernen kann, sieht man  am unverschämt offenen kolonialen Erbe des Wiederaufbaus der à Potsdamer Garnisonkirche. Am Widerstandsprojekt „Lernort Garnisonkirche“ bin ich auch beteiligt, nicht nur um dieses Erbe aktiv zu bekämpfen, sondern auch um zu zeigen, wie und wo der Kolonialismus sich in seiner „post-„Form bis heute hält und oft nicht einmal versteckt (http://lernort-garnisonkirche.de/). Der „Post-ismus“ sagt ja nicht, dass etwas vorbei ist; nur dass es so, wie es einmal war, auch nicht mehr geht. Im Volksmund nennt man das Heuchelei, aber die Monumente neu zu bedeuten, ist oft eine besonders ungute Art, den Zugang zur Zukunft zu beschränken.

Mbembe, A. (2018). What is postcolonial thinking? Widening the Context. G. Frederiksson, Nellen. Vienna, Eurozine: 165-173.

Den kulturellen Postismus meine ich ausdrücklich nicht (https://de.wikipedia.org/wiki/Postismus) – aber dass viele Menschen gerne „post-“ einem Begriff voranstellen, ist ein oft taktisches Manöver um vom wirklichen früheren Geschehen abzulenken.

Ent-Schreckt Euch!!!

Nestroys Kometenlied ist angesagt: https://omasgegenrechts.at/die-welt-steht-auf-kein-fall-mehr-lang/ Was die Omas gegen Rechts in Wien versuchen, ist wichtig: vor dem Weltuntergang haben nur Angst diejenigen, die wirklich ans Jenseits glauben…

Ratgeber heißen auch so: https://www.bbk.bund.de/DE/Ratgeber/Handeln_in_Katastrophen/Handeln_in_Katastrophen_node.html

Da fällt es auf uns nieder: καταστροφή –

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Den Utopien Schreckensszenarien entgegenstellen, ist so alt wie die Menschheit; der Hoffnung das „Ja, aber“ zur Seite zu stellen, gebietet nicht nur die Vernunft; Katastrophen kommen meist ohne das erwartete Szenarium, sie haben noch unbekannte Regisseure.

Es gibt eine Menge Desaster-Historien, die Geschichte der Katastrophen verweist immer auf die Ähnlichkeit mit „heute“, wobei die Ausdehnung des Schrecklichen in das „Morgen“ natürlich der besonders besorgniserregende Geist hinter dem Vorhang ist. Vgl. ZEIT GESCHICHTE 5/20 …“Und was die Menschheit aus ihnen gelernt hat – von der Antike bis heute“. DIE Menschheit – nicht etwa die Menschen, alle, die nicht-weißen (Black Lives Matter) oder die nicht-gesunden, die nicht-satten, die unglücklichen Menschen…

Mich beunruhigen die beiden Brennpunkte Katastrophe und Erlösung gar nicht. Aber mich verstört nachhaltig dieses „Dazwischen“, das den einen Irrsinn mit dem andern zu überdecken sucht. Trump hat mit allem, was er tut unrecht, und mit dem meisten, das er für richtig glaubt. Aber er hat Recht, wenn er fordert, Corona soll nicht das Zentrum und der Angelpunkt unserer Diskurse sein. Diese Wahrheit macht ihn nicht besser, sollte uns aber aufwecken.

Zum Wesen der meisten Katastrophen gehört, dass ihre Nachwirkungen meist unter die Haut gehen (subkutan), sich aus den Diskursen nur scheinbar verabschieden (Subtext) oder mit einiger Gewalt auf Ebenen verschoben werden, wo wir uns stark fühlen – wir suchen das heruntergefallene Geldstück immer dort,  wo Licht hinfällt, obwohl es unter das dunkle Sofa gerollt ist. Fast alle Katastrophen sind auch Abschiede: Lissabon war ein typischer Verlust des liebevoll-vorsorgenden Gottes, die Pest und Cholera haben jeweils die Marktautomatismen erschüttert und den Staat auf den Plan gerufen, die Forschung hat die Verschwörung – leider nicht ganz – ins Abseits geschickt.

Konstant ist die Suche nach den Schuldigen, im Zweifel sind‘s die Juden, und nach dem individuellen, persönlichen Ausweichen. Obwohl es sich nicht leichter stirbt, wenn ich weiß, wer mich angesteckt hat, und unter welchen Umständen, die vielleicht trotzig-angenehm waren?

Je stärker man sich an haltende Katastrophenumgebungen gewöhnt, desto weniger persönlich nimmt man die Wahrscheinlichkeiten, selbst in den Strudel und ins schwarze Loch gezogenen zu werden. Das gehört ins Reich der Psychologie. Ins Reich der Politik gehören die Strudel jenseits des Klassen- und Geschlechter- und Arbeitskampfes: Klima, Flucht, Hunger und Krieg. In meinem Geschichtsbuch zu den Katastrophen steht auch der Dreißigjährige Krieg, nicht nur der Erste und der Zweite Weltkrieg. Dieser wirklich große europäische Vernichtungskrieg zeigt, wie detailliert Katastrophen wirklich sind, anders als Infektionskrankheiten oder Erdbeben, die das auch sind, aber nicht zeigen.

Eine Katastrophe ist, wenn wir nicht mehr auf das Geschehen schauen können, sondern mitten drin in der Wahrscheinlichkeitsrechnung verfangen sind, wann und wie es uns erwischt, wobei uns die Statistik so wenig hilft wie der Hedonismus einer jugendlichen Coronaparty in Kreuzberg. Nur: eigentlich dürfte man vor diesem Szenario keine Angst haben. Vorsicht, Kritik an den Maßnahmen und Konzentration auf das, was uns ohnehin mehr betrifft –  ja, aber keine Angst.

Angst ist das schärfste Schwert der willkürlich Herrschenden, der Unaufgeklärten und der Jenseitsgläubigen (es gibt auch andere Ängste, ich weiß, hier aber keine Psychologie). Politisch geht es darum, die Interessen wirklich auseinanderzuhalten. Und wenn die Corona-Übersterblichkeit noch für viele Jahre steigen sollte, vielleicht 5% übersteigt – was ist das gegen mehr als 1,5° Temperaturanstieg?

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Merkt ihrs? Mir geht es nicht um das reale Krankheitsgeschehen, da verhält man sich so vernünftig es geht und nicht so bequem es gerade ansteht. Und damit aus.  Es geht mir um einen Diskurs, der monothematisch alles so dominiert, dass man die Welt vor lauter Viren nicht mehr sieht. Dabei sind diese Viren IN der Welt. So ungefähr wie die redeflüssigen in Boccaccios „Decameron“ sollten wir von dem „Anderen“ reden, was uns hierzulande für unser Leben noch und immer wieder wichtig erscheint. Die Wirklichkeit ist ohnedies nicht zu verdrängen oder zu vergessen, aber sie ist kein gleichmäßig gebügeltes Leintuch, wollte schon schreiben: Leichentuch, sondern hat ihre Landschaft wie alles andere auch.

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Dies  ist keine verkappte Predigt zur Lebenspraxis. Ich verlange aber, dass die vielen anstehenden Probleme der Gesellschaft in Politik und Kultur nicht dauernd „Im Lichte von CoVid“ betrachtet und geformt werden sollen, sowenig wie Fukushima und Tchernobyl die ausschlaggebenden Argumente gegen die Kernenergie geliefert haben. Katastrophen beschleunigen manchmal den Erkenntnisprozess – hoffentlich.

Ein schöner Herbst

Ein schöner Herbst – Reisebericht Ahrntal 2020.

Gerade als ich das Reiseblatt fertig geschrieben hatte, las ich: Ed Vulliamy: Will Covid Change Italy? New York Review of Books 24.9.2020, 82-85. Man versteht sehr viel mehr von Italien nach diesem kurzen Artikel – und damit auch, auch!, von Südtirol.

Das ist nicht einfach ein Tagebuch, dazu wäre ein solches zu privat. Auch bin ich kein Influencer, der doch zu Recht das Ahrntal und den Bühelwirt in Sankt Jakob anderen empfiehlt; unter anderem, weil man sich um Besucher dort keine Sorgen machen muss.

Ambiger Beginn, sehr mehrspältiges wird hier neben einem Reisebericht aufgeschrieben, der ein letzter sein könnte, was Ahrntal betrifft, was nicht zuletzt vom Hund abhängt. Wir haben wirklich nicht gewusst, wie unser Hund Fia auf das neuartige Ambiente der hohen Berge, der Kühe und anderer Tiere (Gemsen, Hühner, Ziegen) reagiert. Der Hund unserer Freunde kennt sie ja…nun, das ist sehr gut gegangen.

Vorspiel: Zwei Tage in Innsbruck, im Stadtteil Mühlau: die Reichen haben hier mehrgeschossige, wohl teure Domizile in den Berg gebaut, zu hoch hinaus, meist aber nicht so schlimm wie im verhüttelten Tal. Ich begehe das neue Hangbiotop, Fuchsloch (Ischgl!) https://www.natopia.at/muehlauer-fuchsloch/, mit vier Libellenarten, vier Amphibienarten, einer Ringelnatter, Fröschen und sonst ganz schön. Auf dem Rückweg an einem modernen Links-Parteiwürdigen Garagenkonzept mit 30 Garagen für mehrere wohl Zweitwohnsitze in mehreren Häusern vorbei, mit großer Solaranlage und von unten nicht zu sehen – gut oder schlecht? Insgesamt immer mein Problem: wir argumentieren innerhalb unserer privilegierten Zone. Und da lebt es sich hier besser als in Deutschland, schöner, gesünder und vor allem mit Ausblick (theoretisch könnte ich die Brenner-Tunneleinfahrt von hier sehen, so bleibts es bei der Bergiselschanze von Zaha Hadid, und einer kleinen Kuh- und Schafweide direkt vor dem Haus, mitten in der Stadt).

Noch eine Stunde, ich werde die eremitische Zwischenetappe überwunden haben, wir treffen alle am Innsbrucker Hbf zusammen, um zu erproben ob Südtirol sechs Menschen und zwei Hunde in Quarantäne nimmt.

Das Ahrntal.

Einen Reisebericht schreiben, der nicht nur der eigenen Erinnerung dienen soll, ist nicht einfach, weil man gerade das weglassen muss, was einen sonst im Gedächtnisland bewegt und festhält: Gipfel, Markierungen, Meereshöhen, Ratschläge fürs nächste Mal. Wir kommen in diesem Jahr bestens zu sechst an, der Bühelwirt ist unverändert, die Wirte arbeiten sich freundlich & krumm, Schulbeginn für drei Kinder und eine Erstkommunion. Dazwischen noch der ganze lange Geburtstag, das alte Zimmer, der Hund hat wenig Gewöhnungsschwierigkeiten, macht aber für uns alles anders. Rücksicht auf Fia und Thematisierung des Hundes sind gleich zwei Komponenten, die den Urlaub verändern. Natürlich auch für die Freunde, die erstmals hier sind und sich mit dem alten Quartett über unterschiedliche Themen auch gut verstehen. Der Rahmen passt also. In den Rahmen gefüllt werden muss zunächst das Bühelwirtsessen, vorzüglich wie stets, aber auch besonders, zB. mit Mozzarella gefüllte Tomaten auf grünem Basilikumbrot, oder herrlichstes Rindfleisch. Und Käse. Und…Hausgemachte Torellonie mit Wildfüllung, Rosmarintaglierini, Wildkräutersuppe, Schlutzkrapfen, Kalbswangerl…

Am Montag steigen wir bei bestem Wetter zur Bärentalalm hoch, einmal taucht Mopsa, der andere Hund, aus dem Wald auf, weil die Forstsstraße nahe ist, Fia läuft sich ein. Die muss viel trinken, und manchmal ruhen, dann ist alles in Ordnung. Sie ignoriert die Lamas, bellt ein wenig bei einer Kuh, sonst nicht aufregend. Leider zu spät um weiter zu gehen, wir laufen den steilen Wasserfallweg hinunter. Die ersten von vielen Saunen, hygienisch und abständig. Vier Stunden Gehzeit ist die untere Norm.

Der nächste Tag bringt neues. Vom Bergwerk in Prettau den Knappenweg hoch, dann zur Brugger Alm, steil und schön durch den Wald, und oben dann ziemlich eben und sehr lang zur Stegeralm, dazwischen eine Kuhpanik von Birgit, filmreif wegen Fia, ich halte mich einfach zurück.  Die Alm wäre nett, gäbe es nicht eine gemischt einheimisch-touristische Party rund um einen entsetzlichen Zitherspieler. Dessen Schlageradaptionen sind nur überzuckert, aber seine Heimatlieder gehören zu dem Tirol, das weiter unten noch einmal aufgerufen wird. Wir hätten ein paar Schritte weiterlaufen sollen, dann hätte es einen steilen geraden Abstiegsweg zur Stegerbrücke gegeben, so trotten wir lange eine ganz schöne Forststraße ins Tal, das letzte Stück Im Tuol über vorbildlich gemähte Wiesen.

Der Geburtstag beginnt mit der Torte, geschenkt und getrunken und geblümt wird am Abend, sie freut sich schon, alles besser als befürchtet. Wir steigen schnell und entschlossen zum Hühnerspiel hoch, würden ja vielleicht noch zum Mooskopf wollen, aber langsam zieht es sich zu. Im Rekordtempo in 40 Minuten (!) ins Tal, dann verzögert sich der Regen doch bis zum Abend, dazwischen können wir noch einkaufen (endlich ein neuer Anorak für mich, die Freunde kaufen montanofile Schuhe, so geht’s).

Am 17. Laufen wir den Sonnenweg talaus. Falken, kleine Wolken, es ist kühler geworden. Der Windbruch wird gequert, dann ins Keilbachtal. Der Hund verlangsamt den Fortschritt, man schaut genauer. Pionierpflanzengewirr, der Abrutsch über dem Bach, unersteigbare Sandwand. Die Voppichler-Kapelle überladen mit Gold, weil er unerwartet aus dem Zillertal zurückgekommen war (hier sollten die Übergänge schwierig sein, weiter hinten im Tal sind sie einfacher…). Drei trockene, verfallende alte Mühlen, schade. Ungern schaut man ins Tal,  wo alles zugebaut wird, eine Schachtel neben der andern. Eigentlich wollte ich zum Keilbachmoos, aber Birgit stürmte schon entschlossen einen Weg zum (kleinen) Kellerkopf (=Köpfle), der durchaus schön und teilweise sehr steil war und kurz vor dem Anstiegssattel im Bruchwald endete. Den gleichen Weg zurück.

Die Konversationen sind anders, viel dreht sich um die DDR (Merkels Geschichte, bereichert durch die Erfahrungen der Freunde (Journalistenzeit und Erlebnisse in Wissenschaft und Politik); Afghanische Bekanntschaften;  es dreht sich viel um Essen und um Einkaufen.  Ich halte mich (nicht auffallend) zurück und schalte meine Paralleldenke ein – man kommt gar nicht dazu, alles zu verarbeiten, was man in dieser Abgeschiedenheit noch nicht versteht: Israel  (die nichtdemokratischen Araber verbünden sich protrumpisch gegen die depperten Palästinenser, als ob sie sie damit vom Hals bekämen. There will be blood). Corona, die Zahlen steigen, steigen wie von weit, als reiften in den Zellen ferne Viren (schlecht). Hauptsächlich aber Vergangenheiten.

Leider heute Gruppenausflug zur Wollbachalm, ich würde diesen schönsten aller Tage gerne für etwas Hohes und Neues genutzt haben. Aber dann ist es doch ganz gut. Den üblichen Weg hochgelaufen, die Hunde sind fröhlich und wenn man so langsam geht, wie das die Gruppe kann, sieht man viele Details. Die Alm ist unverändert schön, leider wird im Tal nach oben der Bach begradigt, Baustellen. Schön wird das nicht, ein Stück Weideland dazu gewonnen. Zwei Paraglider segeln hoch, es ist warm. Schön frühherbstlich.

Tag für Tag. Berichtenswert für euch LeserInnen sind die Eintragungen in mein Tourenbuch nicht, für mich ein Anhaltspunkt über viele Sommer seit fast 70 Jahren. Im Tourenbuch keine subjektivierten Schmonzes, und besser realistische anstatt idealer Zeit- und Aufstiegsangaben.

25.9. Finale

Letzter Tag am Bühel, die Freunde sind abgefahren, gottlob mit unserem Gepäck, wir sind erleichtert: nur der Hund und zwei kleine Rucksäcke bleiben. Der angekündigte Regen kam pünktlich gestern Abend, nachdem wir noch in Weissenbach teilweise auf der Gögealm waren, ich nach einem Sturz am Vortrag auch auf der Almstraße, eher langsam mich in die zeitweise Behinderung einfindend. Der Sturz war am Asphalt und nicht im Felsen geschehen, lächerlich also und nicht heroisch, immerhin habe ich mich noch 4 km bis Steinhaus geschleppt, bevor wir heimgeholt wurden und ich mich eisgekühlt regenerierte. Nein, der Hund war nicht schuld, obwohl ihr Gezerre hin zu den Hühnern Anlass der Verrenkung war. Vor ein paar Tagen hätte es uns mit Fia viel schlechter gehen können, als der Hund einer vor uns aufspringenden und zu Tal eilenden Gams nachspringen wollte und nur ein scharfer Haltbefehl den Hund ab- und uns am Weg hielt. Das hat schon Nachwirkungen. Unmittelbar war die Erleichterung groß, auch die Vorsicht, die uns eine seilversicherte Stelle mit den Hunden nicht ratsam erscheinen  ließ, sodass wir erst zu Tal nach Prettau und von dort, ein paar Meter weiter pomali auf die Stegeralm doch wieder aufstiegen, um die vor ein paar Tagen bemerkten Gamswürste zu kaufen. Der Wirtsvater (war der der Zitherspieler?) der ruhetäglichen Hütte war da und Birgit bewerkstelligte Hollersaft und Wurstkauf. Diesmal keine Kuhbegegnung mit dem Hund, hätten wir jetzt nicht brauchen können.

Am Dienstag hatten die Frauen die neuen Freunde nach Bruneck zur Heimfahrt gebracht und wahrlich schönes und schmackhaftes eingekauft, was anderswo durch ein weniger schönes Ambiente nicht so wertvoll erschienen wäre. In der Zeit sind Tom und ich mit den Hunden von Kasern über unzählige Serpentinen aufgestiegen, und von der Starklalm zum Biotop „Wieser Werfa“ und dann langwierig, aber nicht langweilig die Almstraße nach Prettau hinunter. Warum heißt das Biotop so? Es steht ganz viel  im Internet, nur nicht, was Werfa heisst…(ausser, dass es mit „Werfer“ zusammenhängt, Wieser ist ein Familienname). Aber das Biotop ist wirklich schön, auch jetzt, wo die meisten Lurche schon abgetaucht sind und nur mehr wenige Blumen im Moos/Moor blühen. Man könnte jetzt zum Waldnersee gehen, eher durch eine Steinwüste, die auch schön ist, aber da wir immer so spät loskommen, war es jetzt zu spät. Macht nichts, der Preis des Gruppenrhythmus und vor allem der zeitraubenden Hunde hat vieles verändert: z.B. wo hinaus man besser nicht mit ihnen geht, aber auch, was zu betrachten man jetzt sehr viel mehr Muße hat. An diesen letzten sonnigen Tagen zähle ich sieben Schmetterlingsarten, fast alle bei uns im Norden nicht (mehr) sichtbar, und es gibt auch einiges sonstige Getier. Dichte Heidelbeermatten, nur mehr hier oben wirklich blauträchtig, ein Murmeltier pfeift. Was mich daran erinnert, dass wir abendelang Diskussionen über Existenz und Wesen des Pfeifhasen hatten (https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Pfeifhasen) hatten.

Dreizehn Tage wandern, das Wort Bergsteigen ist dieses Mal nicht wirklich angemessen, aber andere Qualitäten gewinnen an Gewicht. Die Ironie der Altersgerechtigkeit ist selbst Thema, aber nicht nur ironisch: wo wir überall schon oben waren, wenigstens ein Teil von uns, kann uns ja niemand nehmen, und es ergibt sich eine andere Frage: wenn wir jedes wieder kommen, ist der Riss zwischen dem, was wir schon kennen, und dem „Neuen“, das wir kennen lernen wollen, breiter: das Neue verlangt nach Wiederkommen, wir haben schon für nächsten September gebucht, die Geburtstagsfeier wird wieder in diese Zeit fallen und wahrscheinlich wird das Wetter ähnlich gut sein.

Nur ob und wie die Corona-Verhaltensregeln bleiben, sich ändern oder vergessen werden, ist ungewiss. Das allerdings ist ein ständiger Basso continuo bei fast allen Gesprächen. Auch hier in Südtirol können wir, Ort für Ort, die Zahl der Neuinfizierten wie die der Genesenen  verfolgen, uns über Reisewarnungen echauffieren, die Franzosen bedauern, uns über reisende Verwandte Sorgen machen und die Covidiotenparties zugleich beschimpfen und beschütteln. Ganz ablenken kann man sich hier nicht, und die Disziplin im Bus und an der Rezeption ist vorbildlich. Der Abend teilt sich aber in zwei ganz andere Hälften: die kulinarisch schwer zu übertreffende beim Bühelwirt, so ausgezeichnet und vielfältig, aber auch ideenreich, dass das allein schon eine Ratgeberspalte füllen müsste (die Selbstverständlichkeit eines erstklassigen Hotels hat mehr als die Küche zu bieten, aber hier zeigt sich eine Routine des Herausgehobenen, die sich deutlich von einzelnen Ereignissen abhebt, also keine Eventkultur … Kommentare zu Speis&Trank, incl. Assoziationen mit der eigenen Kulinarik bzw. unserer Erfahrung damit in anderen Ländern, das ist die eine Hälfte. (Die Weinempfehlung gilt nur für uns: ein weißer Cuvée, Contessa, von Manticor, und ein Vernatsch von Girlan, nicht am oberen Ende der Preisskala…). Die wöchentliche Weinprobe fällt wie das Salatbuffet den strengeren Kontaktregeln zum Opfer, aber die Produkte können wir beim Geburtstag nachholen, auch das an der Erwartungskippe zum „nächsten Mal wieder“. Die tägliche Menüauswahl, am Vortag angekreuzt, hat sich ausnahmslos bestätigt, bis hin zum vegetarischen Angebot und einer ganzen Skala seltener Süßspeisen. Wie schön, dass der Alpenhauptkamm Italien und Österreich zusammenbringt, so wie Fulda und Werra in der Weser, nur grandioser. Und was die Nachtischvariationen betrifft…Sie haben aber auch einen besonderen Küchenchef hier, einen ziemlich jungen und erfindungsreichen. Ich will hier keinen Ausschnitt aus Essensmemorie geben, sondern Peter Altenberg persiflieren: Der letzte Gang war der beste…

Die andere Hälfte ist so politisch, ausgeklinkt unsystematisch, dass die anderen Themen auch noch zu ihrem Recht kommen, aber solange RI da sind, ist Afghanistan natürlich stärker belegt, und ich erstaune mich, wieviel ich weiß und nicht weiß, wen ich kenne und nicht kenne, und wie vergleichbar wir unsere Interpretationen ausbreiten. Spannend, wo das einmal nicht geschieht. Auch wenn wir täglich auf dem Laufenden gehalten werden, moma und Zeitungen und Spätnachrichten, die unglücklich zerspaltene Welt erscheint irreal und nur unsere hier „wirklich wirklich“, was aber natürlich auch an der gestundeten Zeit liegt, die morgen wieder zu Ende geht. Politisieren und seine Bildung, seine Privatkultur teilen und ausbreiten, das ist natürlich genau die Haltung der Elite, gegen die der Pöbel wettert und sie lieber zerstören möchte als ein Äquivalent zu bilden. Andererseits ist man hier so unbefangen wie zuhause nicht: das hat mit Elite nichts zu tun, sondern mit Distanz, zeitweise glücklicher.

An 11 Tagen nacheinander in Sauna gehen, ist natürlich auch ein Luxus.  Wenn man vor dem Panoramafenster schwitzt, kann man die Bienen zählen, die sich an den lila Blüten der Blumenrabatte vor dem Fenster tummeln, dieses Jahr ungleich mehr als letztes. Das macht eine seltsame Form von Hoffnung. Ansonsten gibt es mehr Fliegen als Wespen, anders als letztes Jahr. Und eben zwei Hunde und nicht mehr nur einen. Ich bereue es keinen Augenblick, dass wir Fia mitgenommen haben, aber sie bestimmt ganz maßgeblich Ablauf und Art unserer Wanderungen. Es gibt eine Menge Hunde im Hotel, das hat den Vorteil, dass wir nicht im Speisesaal, sondern in der Gaststube am Eingang sitzen können, den Nachteil: dass alle eintretenden und weggehenden Hunde sofort gemustert werden. Während ich das schreibe, fängt Fia zu meinen Füßen Fliegen, sie erwischt sogar manches mal eine…

Was die Hunde bewirken, ist eine Verlangsamung der eigenen Körperbewegung, was wiederum ermöglicht, sehr viele Dinge genauer anzuschauen und zu bedenken. Ein kleiner Bach kommt von der Hollenzalm: kurz vor dem Tal stehen drei kleine Mühlen von 1840, mit intakten Einblicken in die Mechanismen, sozusagen noch betriebsbereit…Man kann sich erinnern, was Mühlen bedeuten. Carlo Ginzburg kommt einem in den Sinn (Der Käse und die Würmer, zuletzt Wagenbach 2011), und was es bedeutete Müller zu sein, oder auch die Schöne Müllerin, die das Gewerbe von den andern Handwerken so deutlich unterschied… So kann man nur assoziieren, wenn man nicht einfach schön sagt und vorbeizieht; wenn man sich mehr Zeit gibt. Oder man läuft lange genug durch die großen Wälder, um die Lärchenböden mit ihrer Vegetation zu würdigen und die Fichten noch weniger zu schätzen. Was einen zum großen Windwurf vor zwei Jahren („Vaia“) bringt, den man unter anderem durchqueren muss, wenn man oberhalb Steinhaus in die Täler einbiegen möchte (letztes Jahr konnte man noch gar nicht durch).  Jetzt sieht man die Flachwurzeln herumliegen im steilen Hang, das Bruchholz ist weg, nur ein paar ganz lange Markierungsbäume stehen herum. Die Pionierpflanzen haben das Regime ergriffen, ganz Wälder von abgeblühten Königskerzen schauen aus wie Science Fiction Deckblätter.

Die Abschiedssymphonie wird durch Regenstürme und Gewitter unterbrochen, da möchte man nicht draußen sein.

Dass das Tal so besonders schön ist, für mich, wohlgemerkt, für einige andere, wirft eine drängende Frage auf, nach dem Grund dafür, jenseits aller Prospekte, Erzählungen, Clichés es gerade hier besonders zu empfinden, und nicht gleich Theorien zur Landschaftsästhetik und Vergleiche heranzuziehen. Was haben wir Ende der 70er Jahre, im „Arbeitskreis Natur“ uns nur am Rand der Antwort bewegt, meist die Naturwissenschaften aus den Angeln gehoben und Ernst Bloch als Fährmann engagiert. Nur Brigitte Wormbs hatte schon damals die Antwort gesucht, wir fanden Gefallen an ihrer Erzählung, verstanden aber nicht eigentlich die Frage (Vgl. „Andere Ansichten der Natur“ SDZ, 1978). Das ist jetzt weit weg, aber sicher sind die Verbindungen zur Gegenwart und die Überlegung der Haltbarkeit dieser Schönheit wichtiger als die widerstandsfähige Beharrlichkeit zu wissen, was schön, was nicht. Es gibt zwischen den Häusern, die meist engzusammenstehen, noch viel Grün. Für mich ärgerlich mir vorzustellen, wie in zehn, fünfzehn Jahren der Talgrund durchgängig bebaut sein wird, jetzigen Boom folgend. Aber vielleicht ist das normal, und mein Talgrundgrün ist kitschig auf dem Privileg bestehend, meine Anordnung der Zivilisation zu bewahren, so wie die hochgelegenen Bauernhäuser am Hang, die sich nicht vermehren und deren Erschließung durch gut befestigte asphaltierte Straßen man jederzeit verteidigt. Auch freuen mich die hohen und oft sehr steilen Wälder, in denen sich oft Felsen verstecken, und die weniger steilen Übergänge der Almen, bevor die massiven steinernen Kämme und Scharten und Spitzen beginnen, also die Anmutung an eine idealisierte (nicht ideale) Landschaft, die sich aus vielen Erfahrungen, Begehungen, Ansichten zusammensetzt, z.B. könnte, wollte ich da hinauf. Auch bei negativer Antwort bestimmt der Wunsch oft das Urteil über die Schönheit eines Bergs, einer Spitze. Und natürlich die Farben, die Nebelspiele, die wohl jahrhundertealte Verbindung zu einer Kultur, die viel hinterlassen hat. Direkt unter dem Bühel, nah der Straße ist ein größeres Agraranwesen, dessen altes Haupthaus, 1750 ca., durch einen Holz-Glas-Kasten bewundernswert umbaut ist, und das alte Haus bewohnt und integriert auch sehen lässt: sagt die sehr alte Bäuerin, die wohl daneben wohnt, auf die Frage, wie es ihr gefiele, nur Böses. „Es passt nicht ins Tal“. Aha. Das Argument kennen wir aus den historisierenden Diskussionen um die Potsdamer Innenstadt und Garnisonkirche. Was passt wozu? Bei uns, beim Bühelwirt, haben die Architekten Pedevilla vor fünf Jahren ein Anbau mit 20 Betten gebaut, der ähnlich umstritten war. Nicht im Stil der älteren Häuser rundherum, sondern abgesetzt: neu ist neu, und gut und heute nicht mehr wegzudenken, auch wenn man in diesem neuen Trakt wohnt, voll mit Tal&Berg im Blick vor den großen Fenstern. Wir wohnen im alten Hausteil, auch gut und unverändert zuhaus, Hunde sollen nur hier wohnen.  Das führt von selbst zur Selbstbefragung, was mir passt und er öffnet eine recht eingeschränkte subjektive Perspektive, die man nicht der Theorie künftiger ländlicher Ästhetik opfern muss. Aber umgekehrt ist ja der Wert alter und auch ganz neuer Architektur in einer bestimmten Umgebung nicht nur eine Frage des subjektiven Urteils, auch nicht nur eine der Funktionalität, auch nicht allein Erwartung unterworfen, dass möglichst viele Auswärtige (Touristen…Zweitwohnsitzler…) bestimmte Ambiente besonders schätzen werden…Lacht nicht: auch ist die Landschaft schön, weil das Essen beim Bühelwirt so gut ist…und die vielen Auchs machen einen Rahmen, in dem es zum Beispiel wichtig ist, dass man sich gut erholt.

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Den Zug der tausenden Jüdinnen und Juden über den Tauernpass habe ich erwähnt, die diesen Übergang ins Zillertal anders sehen lassen als die andern Jöchels, die wir auch bestiegen haben (https://www.sn.at/wiki/Krimmler_Judenflucht). Den Gletscher an der Lenkjochhütte, der  jährlich sich verkürzt, habe ich auch schon beschrieben. Dazu kommen noch mehr „gesellschaftliche“ Interventionen, die unser Bild von der Landschaft rahmen. In einem Stollen des Bergwerkshangs hinauf zur Rötalm müssen drei Generationen (!) von Knappen gegraben haben, bevor man überhaupt Erz fand. Überhaupt erscheint die Bergwerksgeschichte im hinteren Tal wie eine Einführung in den vorkapitalistischen Klassenkampf. Auch die lehnsabhängigen und fronarbeitenden Bauern erlauben keinerlei Romantisierung von Epochen, in denen „der Bauer“ eben auch ein beschränkter Herr war, und oft bis heute (ist es nicht fast obszön, empathisch beim Handmähen steilster Wiesen, großer wohlgemerkt, zuzuschauen, wenn anderswo der Roboter den flachen Zierrasen rund ums Haus beteppicht? Natürlich nicht, aber bedenken sollte man es).

Jetzt, beim ersten Schnee, freut es schon, dass die meisten Wiesen rechtzeitig gemäht und das Heu eingebracht worden ist, gutmechanisiert, auch hier der EU sei Dank, wie bei so vielen Details, wie der Milch, den Radwegen, dem Wasser- und Lawinenverbau. Beim letzteren ist eine Beobachtung wichtig: die vielen Reihen mächtiger Stahlbarrieren und Gitte an den Südhängen lassen sofort wieder die ästhetische Frage stellen, sie sind selbst nicht schön, sie stören bestimmte Ausschnitte jener Landschaft,  die sie in Gänze erhalten. Wo das nicht geschieht, kann man die Geschichte des Wollbachtals mit seinen Erdrutschen studieren oder die Folgen des Sturms Vaia 2018…unter keinen Umständen „schön“.

Nicht nur der EU sei Dank, auch dem Autonomiestatut, das Bruno Kreisky mit den Italienern und der UN für Südtirol ausgehandelt hatte (http://www.provinz.bz.it/politik-recht-aussenbeziehungen/autonomie/autonomiestatut.asp). Die Nachwirkungen der Auseinandersetzungen von 1915  bis zur Befriedung des Konflikts (https://www.mediathek.at/akustische-chronik/1956-1969/suedtirolkonflikt/; https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Suedtirols) kann man heute noch nachlesen (In der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung „Dolomiten“ war dieser Tage noch immer ein Inserat der „Heimattreuen“ zu finden, die Frieden von St. Germain schmähen und auf einer fiktiven Staatlichkeit/Volksthumbssouveräntität bestehen, die sie selbst nicht erklären können. Ich erinnere aber auch noch die Aufregung um die Bombenattentate davor, an Georg Klotz (Einigermaßen objektiv: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Klotz, nicht ganz so: https://suedtiroler-freiheit.com/team/georg-klotz/), die durchaus am Familientisch besprochen wurden.  Das ist jetzt gerade  zwei Generationen her…wie vorgestern. Ich denke allerdings, der unerhörte Wohlstand der Region und das Ansehen (im doppelten Sinn) haben die Souveränitätsfrage in eine fiktive Welt gesetzt. Obwohl es in Österreich politische Idioten, natürlich überwiegend bei der faschistischen Rechten, aber nicht nur, gibt,  die den deutschsprachigen bzw. -stämmigen Südtirolern die österreichische Staatsbürgerschaft als zweite geben wollen (Schon 2017: Wählerimport aus Südtirol: Der Standard 23.12.2017, S. 13; aber: https://www.derstandard.de/story/2000110222050/suedtiroler-wollen-keine-oesterreicher-werden; https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/warum-der-doppelpass-fuer-suedtiroler-vorerst-geschichte-ist-16585615.html)… Die Verbindung von Tirol mit Österreich, bis hin zur Frühgeschichte der Margarete Maultasch mit ihren „gewulsteten Lippen“ (Feuchtwanger) ist aber auch deshalb interessant, weil die Reaktionäre in Österreich mehrheitlich weit hinter den Konservativen, also auch Liberalen, in Südtirol herhinken.

Epilog

Drei Gruppen EU feindlicher Polizisten kontrollieren uns heute am Brenner und hinter Kufstein, die deutschen am genauesten, ganz ist der Schoß, aus dem das kroch, noch nicht ausgetrocknet. Ansonsten aber funktioniert die Autonomie ganz gut, und die gerade abgehaltenen Gemeindewahlen zeigen die systemische Wichtigkeit der kleinteiligen Politik…verglichen mit anderen europäischen Regionen eher nur Gutes zu vermelden.

Seit 15 Jahren fahre ich nicht mehr Ski. Davor war ich oft in Südtirol und habe bisweilen im Sommer die Zerstörungen an Natur und Lebenswelten durch diesen Sport sozusagen hinnehmend festgestellt. Speikboden und Klausberg wären die Studienobjekte im Ahrntal, an denen sich Meinungen dazu differenziert bilden ließen; aber ich verteidige zäh die „kleinen Idiotenlifte“, die wohl den Kindern noch Freude bringen, wenn der Klimawandel die FIS-Abfahrten endlich beseitigt haben wird.  (Kürzlich habe ich am Semmering in Österreich, ca. 1000 m Seehöhe, ganze 48 Schneekanonen für eine Abfahrt gezählt, die mich früher 2 Minuten gekostet hatte. Die Quell- und Naturzerstörung ist natürlich hier genauso schlimm, es tut mir nur hier noch mehr leid).

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Würde ich einen traditionellen Touren- und Wanderbericht schreiben, müsste ich mit den vielen, teils besseren, teils fahrlässigen Wanderführern und Prospekten wetteifern.  Ich will das nicht, aber den LeserInnen meines Blogs mitteilen, wie ich mir ohne zeitlichen Abstand, heute kehren wir nach Potsdam zurück, den Begriff der Erholung auch konstruieren kann, ohne Gesundheits- und Physioesoterik. Zu der schönen Landschaft gehört – neben dem angenehmen Leben beim Bühelwirt, neben Kulinarik und Oinophilie – die Muße und Ruhe, sich von dem Irrtum von der unberührten, ursprünglichen Natur zu verabschieden; stattdessen kann man weit in die Vergangenheit hinein seine Umgebung lernen und sich dennoch an den Schmetterlingen freuen (das ist noch politisch korrekt).

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Also ich, wir haben uns wirklich erholt in diesen 14 Tagen, und die Frage: wovon? ist so wichtig wie die Geschichte des Tals für seine Reflexion, auch die Frage wofür? gehört dazu. Man kann immer, auch im schönsten Urlaub, alle seine kritischen Überlegungen in die Umgebung und sein eigenes Befinden einbringen, aber manchmal ist es besser und richtiger, mit dem Philosophen Ernst Bloch das „Gut Gelungene“ festzustellen und es dankbar dabei zu belassen:

Im nächsten Jahr sind wir wieder am Bühel im Ahrntal und freuen uns am Wiedererkennen des schönen Tals mit seinen Bergen.

General Verdacht und Oberst von Hinnehmen

Wie von mir erwartet… Immer wieder Polizei, rechte Politik von Seehofer und dem BMI, auch die Wahrheit nützt sich ab, wenn der immer Gleiche immer dasselbe wiederholt. Denkt ihr, vielleicht zu Recht. Aber ich bin kein Masochist, der sich durch diese Endlosschleife auch noch in Depression stürzt. Man kann das selbe Ereignis auch in anderen Kontext bringen. Aber fangen wir traditionell an. „Ein heute 32-Jähriger, der am Steuer eines BMW vor fünf Jahren laut Gutachten mit mindestens Tempo 94 über eine rote Ampel an der Kreuzung Oberbaumbrücke/ Warschauer Straße raste und einen Fußgänger totfuhr, ist gestern vom Amtsgericht Tiergarten zu 120 Tagessätzen Geldstrafe verurteilt worden. Dasselbe Gericht verurteilte gestern laut RBB auch einen Studenten, der sich bei einer Demo von „Extinction Rebellion“ auf der Marschallbrücke angekettet hatte, wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu 90 Tagessätzen. Finde den Fehler“. (Tagesspiegel online 30.9.2020) Kann man den Richter vielleicht an der Warschauer Straße anketten und mit Extinction bedrohen? Ein solcher Richter ist zwar kein Vollstreckungsbeamter, aber dieser hier spielt sich gern als solcher auf.
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Am Bahnsteig eines größeren Bahnhofs in der Nähe Berlin warten vier bewaffnete und gepanzerte PolizistInnen auf einen offenkundigen Schwarzfahrer, der kaum versuchte zu fliehen, da war er schon umzingelt und wurde nach längeren Debatten abgeführt, während der Schaffner hektisch in seinen Handcomputer hackte und mit einigen Minuten Verspätung wieder abfuhr. Ich habs nicht fotografiert, weil ich dann von unserer Polizei sicher auch belangt worden wäre. Ein paar Meter davon in einem öffentlichen Park eine evidente Coronaparty von mindestens 8 jüngeren Menschen. Da traut sich die Polizei nicht hin? Gestern nicht, heute nicht…
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                              Ganz anders

geht es weiter. Ihr könnt meinen Auftakt ja selbst fortsetzen. Ich will auf etwas anderes hinaus. Polizei, Justiz und andere sicherheitsrelevante Institutionen stehen ja nicht erst seit 1968 unter einem Generalverdacht. Dieser Begriff, der jetzt vor allem von denen abgelehnt wird, die ihn mit Verve verwenden, ist in Mode gekommen, mit brisanten Folgerungen. Der GV hat seine Wurzeln in einem falschen Singular (…DER Mensch ist gut/schlecht/dumm/klug etc.) oder in einem falschen Plural (…ALLE Menschen sind gut, alle Polizisten sind rechts, alle Frauen haben Recht, alle Männer haben Unrecht etc.). Die Falschheit kann fatale Folgen haben, oder sie reißt kritisch auf, was sich anders nicht provozieren lässt. Wohlgemerkt: GV ist nicht gleich Verallgemeinerung. Denn wer einen Verdacht hegt, also eine nicht zum Ende gebrachte Vermutung, hat zu wenig Empirie für eine legitime Verallgemeinerung. Das ist ja Seehofers Hauptargument zum Schutz der Polizei, obwohl die Empirie ihm nicht Recht gibt. Aber wirklich kompliziert wird es, wenn es nicht um Sicherheitsorgane, sondern um Sprache, Kunst, Geschichte geht, und die Vergangenheit eine andere Form von GV produziert als die Analyse der Gegenwart. Rassismus und Kolonialismus sind die wichtigsten und weitest verbreiteten Beispiele dafür.

Am Beispiel von Rassismus argumentiert Jen Jessen in der ZEIT (#26, 18.6.2020) zurecht, dass man sich nicht auf den strukturellen Aspekt rausreden darf, der es z.B. weißen Menschen nicht gestattet, sich vorbehaltlos auf die Seite von nicht-weißen Politiken zu stellen, wenn das „als illegitime Anmaßung“ bezeichnet wird. Jessen weist auf ein Problem hin, das oft verkleinert oder nicht wahrgenommen wird: wie sehr die „kritische Durchmusterung unseliger Denktradition (ich sage auch Sprach- und Handlungstradition, MD) gewiss sinnvoll und notwendig (ist) – sie muss sich aber ihres weitgehend universitären (ich sage: gebildeten, MD) Publikums bewusst sein“. Da ist so viel dran, dass man mit dieser Reflexion der AfD und den Rassisten nicht beikommen kann –  Jessen plädiert für robuste Politik, Polizeiarbeit – und eine verstehbare gesellschaftliche Ächtung. Ich pflichte ihm bei-, weil und wenn es sich dabei um legitime Gewaltanwendung handelt. Und darüber muss man auch sprechen, offen. 

In einer bemerkenswerten Erklärung haben viele sonst recht unterschiedliche Intellektuelle sich gegen das Ausspielen von Gerechtigkeit gegen Freiheit gewandt, von Martin Amis bis Michael Walzer, – wenn nämlich erstere an einem „ausgewählten“ Kriterium – Rassismus, Sexualisierung, Kolonialismus, etc… – festgemacht wird und alle anderen Argumente unterordnet. (ZEIT #29, 9.7.2020), weil nämlich diese Auswahl selbst politisch ist (weshalb der Kontext ja verlangt zu sagen „Black lives matter“ und nicht „all lives matter“, während die ethische Grundlage natürlich alle Menschen einschließt).

Ich kann dem allem seit langem folgen, bin vor allem von der Bewegung der Cancel Culture immer negativ gegenüber gestanden – und entdecke doch in vielen Debatten eine – auch in eigenen Beiträgen – eine Angst, besser: eine vorwegnehmende Furcht vor Zensur („Unter Generalverdacht“ SPIEGEL #29/11.7.2020). Da haben wir den GV  wieder, und im Nachgang zu diesem Artikel auch Daniel Kehlmann zu der obigen Erklärung. Also, wir sind nicht wehrlos, aber wir müssen schon bedenken, dass wir für Pluralität und Widerspruch leichter aus unserer „privilegierten“ Position eintreten können wie die Opfer der schwer akzeptablen Wirklichkeit, dass nicht nur Schwule Schwule spielen können, dass nicht nur Schwarze sich zu Rassismus sich äußern können usw. Kurz: wo eine, betont: eine, Identität ins Spiel kommt, ist es schon verloren.

Und davor sind wir nicht gefeit, keine(r/s)  von uns.

  • Darum ist aber der GV so wichtig: er darf nur Bestand haben, solange die Empirie im Kontext schwach ist. Wenn wir die rechten Netzwerke bei Polizei und Justiz wissen, ist GV sittenwidrig. Bis dahin ist er ein Trigger, der die Verhältnisse vielleicht zum Tanzen bringt.
Allein am 30.9./1.10. überschlagen sich die Meldungen, zB. „Polizei-Skandal : Rechtsextreme auch beim NRW-Verfassungsschutz tätig (RP)“, https://www.tagesschau.de/investigativ/monitor/polizei-chat-rassismus-101.html; https://www.tagesschau.de/regional/nordrheinwestfalen/nrw-rechtextreme-polizei-netzwerk-101.html
  • Der General VERDACHT ist noch immer Vorgesetzter des Obersten von HINNEHMEN. Toleranz können sich immer nur die Mächtigen leisten, und das haben die Rechten in Deutschland stets unterlaufen.
  • Aber man, ich, wir – müssen aufpassen, dass wir nicht mit der Kippfigur arbeiten und die unter GV nehmen, wo wir es besser wissen können: auch das bedeutet: Zensur nicht zu fürchten.
  • Von der sind wir umgeben. Und dass die sozialen Netzwerke nicht dauerhasft zur Demokratie beitragen, war nicht vorgeesehen, aber zu erwarten gewesen.