DEUTSCHE VERGANGENHEIT GLOBALE GEGENWART

 

 

  1. SCHLUSS MIT DER VERHARMLSOUNG DER VERHARMLOSUNG

Wer in Deutschland irgendetwas mit dem Nationalsozialismus vergleicht, wird als Verharmloser kritisiert. Wer nicht vergleicht, verharmlost, was einen neuen Namen hat:

Rechtspopulistisch, nationalpopulistisch, nationalkonservativ, identitär….

Wir haben gute Medien; das haben nicht alle. Heute (9.4.2018) früh im Deutschlandfunk hielt der CSU Europaabgeordnete Marcus Färber eine Lobrede auf die ungarische Demokratie, dem Viktor Orban bescheinigend, dass der in einer einwandfreien Wahl eine legitime Mehrheit gewonnen hatte. Und schließlich würden Sozialdemokraten (in der Slowakei) und andere Demokratien (Rumänien, Tschechische Republik) ja auch gegen Flüchtlinge hetzen. Schlimm, aber geschichtsunkundig und wenig intelligent. Es ging im Grunde darum, die Ungarn in der EVP-Fraktion des EU Parlaments zu bestätigen. Immerhin…Polen sei viel schlimmer.  Färbers Angriff auf Georges Soros war, milde gesagt, antisemitisch aus dem Vorurteil, jüdische Banker hätten ja auch Angriffe auf die Demokratie durch ihr Verhalten gefördert oder verständlich gemacht.

Kurz darauf die Gegenstimme: György Dalós, der großartige Essayist und Autor: im Kern seiner Analyse steckt die Beschreibung Ungarns als „institutioneller Monarchie“, in der die formellen Anläufe das autoritäre Regieren geradezu befestigten: Der Staat beherrschat die Demokratie. Ein so gescheiter Satz: dahinter steckt, dass einem Demos, einem Volk, nicht gestattet wird, sich zu konstituieren – durch die faschistischen, völkischen, restriktiven Diskurse, und man sich dann auf die ethnisch eingegrenzte, nationale Bevölkerung stützen kann, um seine Mehrheiten gewaltsam auszuagieren.

  1. Ambiguität – ein Fremdwort für die Kritiker der Realität

Das Blut war noch nicht trocken, da hetzt die Nazipolitikerin Beatrice von Storch bereits gegen Muslime: „Wir schaffen das!“ höhnt sie. Sie muss das bald relativieren. Aber Polizei und andere Medien sagen sofort, dass es sich offensichtlich um keinen Amok mit islamischen Hintergrund gehandelt habe, dafür war ein Wahnsinniger der Täter. Dem Deutschen GESTEHT man die Pathologie zu, dem Muslim nur die böse Absicht.

In letzter Zeit werde ich oft wegen meiner Vergleiche der Jetztzeit mit den letzten Jahren von Weimar angesprochen und kritisiert. Das ist gut so, weil es Aufmerksamkeit auf mehrere Aspekte sich überlagernder Geschichte lenkt. Die NSDAP ist ja nicht 1933 entstanden, sondern hat einen langen Parteiprozess hinter sich, mit Abspaltungen, Personalquerelen usw., der AfD nicht unähnlich. Manchmal mit bemerkenswerten Ausreißern (vgl. lesenwert https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dickel)

Und über die Widersprüche in einer Bewegung, die zur Partei wird…. Ich hatte böse Kommentare bekommen, als ich 1990 noch als Unipräsident vor ostdeutschen KollegInnen darüber sprach, dass die Nazis nicht umsonst national und sozialistisch verklammert hatten. Ideologien kann man nicht mit einem einseitigen und handgestrickten Antifaschismus aus den Angeln heben.  (Was keineswegs bedeutet, dass die sozialistischen Vorstellungen von der Gesellschaft immer so national verklammert werden müssen, wie das in der DDR der Fall war, und auch nicht, dass wieder auflebende Nationalismen dem Soz1ialstaat nützen oderschaden müssen).

Was die nationalen Bewegungen in ganz Europa, nicht NUR in den osteuropäischen Staaten, betrifft, kann man eines mit Sicherheit behaupten: je enger die nationalen Grenzen gezogen werden, desto ethnischer werden sie, desto weniger demokratisch werden die darin eingeschlossenen Ethnien.

Das gilt auch für Deutschland:

Die neue rechte Sammlung in der CDU/CSU, die AfD-nahe Sprache der Seehofers, Scheuers, Dobrindts und Spahns zeigt einerseits die Nähe dieser Individuen zu den autoritären undemokratischen Grundlagen des Nazis UND anderer autoritärer Bewegungen. In  Österreich,  wo die Nazis mittlerweile mitregieren, scheint eine seltsame Duldungsstarre zu sagen: wenn nichts Schlimmeres geschieht…

Dabei wird übersehen, dass das Schlimme ja nicht ZUERST UNS GESCHIEHT. Die Flüchtlinge werden konzentriert und abgeschoben – Christentum adé, Grundgesetz adè…aber wir sind nur moralisch betroffen, nicht „wirklich“ (ein weites ideologisches Feld). Die kriminellen Elemente in den Vorstandsetagen werden geschont, was sich noch bitter rächen wird – wir werden davon wenig spüren, wenn Rüstung Chemie Autos und Banken sich weiter verselbstständigen dürfen, aber Millionen anderer sind betroffen. Wir sind auch von dieser deutschen Demographie wenig betroffen, unsere Kinder, unsere Enkel schon, und mir macht der Antisemitismus weniger aus, weil ich mich wehren kann, als den Kindern. UND WER ERZIEHT DIE ANTISEMITEN? Wenn man die Vorurteile und den Schutz der RELIGION STATT DER MENSCHENWÜRDE  ansieht, dann kann einem zwar bitter werden, aber so richtig schlimm wird es für uns nicht…aber für andere.

3.

Als vor Jahrzehnten Enzensberger Saddam als Hitlers Wiedergänger bezeichnete, erhob sich, ich denke zu Recht, einiger substanzieller Protest. (Vgl. DER SPIEGEL 6/1991). Vor allem, weil er nicht verglichen hatte, sondern sich in Analogien der Rezeption von Scheusalen und Monstren geübt hatte, also unpolitisch und die Vergleichsmaßstäbe vernachlässigt hatte.

Ich will den gleichen Fehler nicht machen, habe mehrfach in Blogs und in Kontroversen mit der Grünen Linken deutlich gemacht, dass Vergleichen, Gleichsetzen und Gleichgültigkeit drei Dimensionen eines ständigen Abwägens von Wahrnehmung und Deutung sind.

Dass stärkere Demokratien, wie Deutschland, wohl hoffentlich auch Österreich, Norwegen oder die Niederlande, mit den Nazis (das sind keine neuen oder alte Nazis, es sind zeitgemäße Nazis) besser umgehen, also sie demokratisch wirklich bekämpfen, statt sich hinter der formalen Demokratie zu verstecken, kann ich nur hoffen – und wir sollten dazu beitragen. Schwächere Demokratien haben es da schwerer. Global gibt es keine Region mehr, die nicht von den Angriffen der völkischen Plebejer sicher ist. Deutschland ist da keine Ausnahme.

Und ich erinnere nur daran, dass Ossietzky richtig festgestellt hatte, dass es in der Weimarer Republik zu wenige Republikaner gibt, und bei uns gilt das auch – siehe Identitäre oder altpreußische Reaktionäre oder …; aber bei uns gibt es auch viele, die den Weg zum friedlichen Ambiente in der Abkürzung der Abschaffung der Demokratie durch „Illiberalität“ (Orban) oder „Identität“gehen wollen.

Eine Pointe erspar ich den Nationalen nicht: es fehlen jetzt schon Millionen für freie Arbeitsplätze. Wenn es darum geht, sie nur mehr mit Deutschen zu besetzen, dann wird unheimliche Stille herrschen im Land.

 

Die korrekte Universität

Die korrekte Universität – gibt es nicht. In Deutschland – anders als in einigen europäischen Ländern – sind Universitäten, oder weiter: der „tertiäre Sektor“ des Bildungswesens – nicht auf der Prioritätenliste öffentlicher Aufmerksamkeit und politischen Agenda.

ICH

Vor einem Jahr habe ich meine letzte hauptberufliche Lehrveranstaltung durchgeführt. Mein Abschied war für mich bedrückend, denn ich hatte das Studium -also Lehren und Forschen zugleich – immer als wichtigen Bestandteil meines akademischen Lebens aufgefasst.

Manches ist „moderner“ geworden, Power Point, Internetverweise und andere digitale Werkzeuge haben das Hochschulstudium sicherlich auch bereichert; Wikipedia ist nicht viel weniger brauchbar als die früheren Quellensammlungen.

Aber im Grunde sind die Studienbedingungen in ganz Deutschland schlecht. Sehr viel schlechter als sie sein könnten. Nicht nur die Überfüllung (Jüngst habe ich ein Proseminar mit 120 (!) auch hochschuldidaktisch analysiert – was geht hier vor?). Viele Studis sehen ihre Professor*inen in den wichtigen Veranstaltungen der ersten Semester so gut wie nie, dafür höchst spezialisierte forschungsorientierte Nachwuchskräfte (didaktisch naturgemäß wenig erfahren) oder Lehrbeauftragte in prekären Positionen. Systematische Beratung und die Betonung des „Nichteigentlichen“ Feldes der Universität wird vernachlässigt (guter Begriff von Ulrich Teichler, auch schon 30 Jahre alt, über die Hochschule als soziales und kulturelles Netz von Bedingungen, Wohnen, Essen, Beziehungen, Körper und Wahrnehmung, Überschreiten der Außengrenzen….).

Ich habe seit Mitte der 1980er Jahre viel dazu geforscht und publiziert (aber nie als “Hochschulforscher“, das ist ein Nebengleis zu dem ich jetzt nichts sage, wiewohl wir diese Forschung dringend brauchen und weiter entwickeln wollen). Gegenüber anderen Themen konnte ich mich über Auflagen, öffentliche Anerkennung – und eine gewisse politische Ausstrahlung nicht beschweren.  Aber meine Hauptargumente wurden von den strukturkonservativen Hochschulpolitikern – rechts wie links, studentisch wie professoral – zugunsten des Zauberworts deutscher Universitäten „Besitzstandswahrung“ abgewertet, ich sage „Besitzstandswahrung bei sinkender finanziellen Ausstattung und falschen Motivationen“.

Nach 2000 habe ich mich aus der aktiven Hochschulpolitik herausgehalten, bin viel stärker auf die Konflikt- und Interventionspolitik eingegangen – und zugleich gab es kein Entkommen. Im Kosovo (1999-2003) und in Afghanistan (2003-2025) habe ich immer auch Hochschulreform als intervenierende Variable guter Politik mitbetreut.

Aber ich halte mich nicht zurück mit der Frustration: wenn bei uns, im reichsten Land Europas, die Hochschulen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, wie solls dann bei den Armen am Rande gelingen?

REFORM?

Innen wird manches besser, ohne Zweifel. Bei manchen Hochschulen im uneigentlichen Teil. Aber die große gesellschaftliche Strukturfrage wird systematisch nicht beantwortet.

  • Was soll die wissenschaftliche Bildung und Ertüchtigung den Gesellschaften und ihren Träger*innen gleichermaßen bringen – das nicht außerhalb der öffentlichen Anstalten privat und marktorientiert gleichermaßen und besser produziert werden kann?

Bitte keine pathetischen Antworten. Wissenschaft im „Dienste der Gesellschaft“, i.e. auch der Natur, ist immer auch konkret. Wer hat die Macht, die Prioritäten zu setzen und die Forschungsfragen zu stimulieren, die Priorität haben müssen (- -> Blog Finis terrae).

  • Wissenschaft als Beruf widerspricht nach wie vor Tätigkeitshierarchien innerhalb des Hochschulsystems

Solange die beiden Systeme institutionell inkompatibel gestaltet werden, verlieren immer die produktiven Intelligenzen und Kapazitäten genau derjenigen, die generationenübergreifend ihre Tätigkeit in alle Bereiche diffundieren lassen sollen.

  • Fast alle relevante Forschung wird von Staats wegen aus den Universitäten ausgegliedert (in Max Planck, Helmholtz, Leibniz etc. Institute, deren Kooperationsmodelle stets zum Nachteil der Universitäten geraten, und das Studium behindern statt fördern).

Es scheint, dass dieser Weg der institutionellen Privatisierung von Steuergeldern fast irreversibel erscheint. Das Gerede von Forschungsuniversitäten und Exzellenzinitiativen ist eher palliativ als reformerisch, zumal föderaler Regionalismus hier weitere Ansätze zerstört.

  • Falsch verstandene Demokratisierung – i.e. Mitbestimmung bei Laufbahnen und Positionen – behindert die Wissenschaftsfreiheit und umgekehrt wird diese einseitig ständisch verkürzt auf die Verfestigung bestehender Machtstrukturen. Vom Politischen Mandat der Studierendenschaften über die Personalräte bei studentischen Hilfskräften bis zu der unausgetragenen Paritätenschlacht in den Gremien liegt da alles im Argen.

Wenn man darüber – und das asoziale Element der Gebührenfreiheit bei gleichzeitigem Recht auf Bildung  – mit einem Asta oder politischen Funktionärskader spricht, ist man an die ungewollte  Satire autoritärer Gesellschaften erinnert, mitten in der Marktwirtschaft.

 

KORREKT

 

Aus den genannten vier Punkten kann man, können wir, ein Reformkonzept machen, wenn wir es nur angreifen, einschließlich EUROPA und einschließlich „BOLOGNA“. Zu letzterem nur so viel: kaum ein Land hat die Intention und die Möglichkeiten des Bolognaprozesses so schlecht verstanden und umgesetzt wie Deutschland. Aus Standesdünkel und dem Irrglauben, das deutsche System sei besser als alle anderen.

AN DIESER STELLE….sprießen nun alle möglichen Vorschläge, Beschlüsse der Rektorenkonferenzen, Bund-Länder-Unverträglichkeiten usw.  Bei all dem werden einige ganz wichtige Tatsachen vergessen, sodass ich ohne Arroganz, eher betrübt, feststelle: Hochschulreform ohne diese Zutaten –

Ich will mich aber einem ganz schmalen Segment akademischen Nichtgenügens widmen, der falschen Korrektheit bzw. Inkorrektheit (es geht dabei am Rande um political correctness, aber wirklich nur am Rande). Korrekt heißt regelkonform.  Kein Berufungsverfahren erfolgt wirklich regelkonform. Die Begründung mag erstaunen, d.h. es gibt drei:

  1. Weil Universitäten langsame Systeme sind, können zwischen zwei folgenreichen Entscheidungen eine Vielzahl von Interventionen interessierter Akteure erfolgen. Bei Berufungen sind hier so viele persönliche, vorurteilsbehaftete, bewusste und unbewusste Druckmittel im Spiel, dass das Ergebnis entweder zufällig gut oder zufällig schlecht ist, mit der Demokratie der Regeln aber nichts zu tun hat.
  2. Weil Hochschulsystem (Machtverteilung in der Gesellschaft über formale Abschlüsse und Anerkennungsregeln) und Wissenschaftssystem (Ordnung von Wissen und Erkenntnis, Kritik der Realität, Entwicklung von Möglichkeiten) nicht abgestimmt sind, überwiegen formale Kriterien. Der lächerliche Zitationsindex und die Publikationsheuchelei überwiegend z.B. einer einzigen praktischen Seminarprobe; aber auch ein hochtheoretisches Überprüfen der tatsächlichen Qualifikation bei den Bewerber*innen unterbleibt.
  3. Opportunitätsprobleme überwiegen den Begründungsdiskurs: Genderfragen, Zusammenpassen oder Fremdkörperberufungen, etc. Die studentische Mitbestimmung ist absolut notwendig, darf aber gerade nicht als Ausdruck einer „Statusgruppe“

Dass die Ergebnisse passabel sind, liegt schlicht an der Zufallsverteilung, die natürlich immer auch gute und sehr gute Auswahlen ermöglicht, bzw. „gesetzte“ Kandidat*innen bevorzugt, deren Vorgeschichte relevanter als das Verfahren selbst ist.

Dieses Beispiel zeigt, dass falsch verstandene formalisierte Demokratie sich an die Stelle eines kontrollierbaren und nachvollziehbaren Vertrauens gesetzt hat, das auch bestimmte Regeln beanspruchen könnte.

Ein anderes Beispiel sind die oft kritisierten Examens- und Doktorarbeiten vor allem dort, wo die Themen in den Bereich wirtschaftlicher und finanzieller Anwendung hineinragen. Ironisch sage ich, dass es bei technischen oder naturwissenschaftlichen Forschungs- und Entwicklungsthemen wenigstens deutlich sichtbar wird, wessen Interessen und welche Interessen bei Themenvergabe, Forschungsinteressen, Verwertungsabsichten und nicht selten bei der Bereitstellung der Instrumente vorhanden sind. Das ist bei geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Themen nicht so deutliche, da müsste man eine Analyse der Subtexte im Diskurs zwischen Betreuer und Examinierten machen. Vor allem aber geht es auch um die Korrektheit der Ergebnisfindung und -bewertung. Und die sind im Wissenschaftssystem mit seiner impliziten Theoriefähigkeit, Kritik UND Empirie doch sehr unterschieden von den Profilen, die das Hochschulsystem den erfolgreichen Studierenden und Absolvent*innen nahelegt.  Dass es keinerlei Ausbildung der „Prüfenden“ gibt, ihnen aber eine teils pervers hohe Macht zuspricht, kommt dazu.

ICH

Ich habe mehr als 50 Doktorarbeiten betreut, mehr als 1000 Abschlussarbeiten (BA; MA, Magister, Diplom) und unzählige Hausarbeiten. In vielen Fällen als Ergebnis der Arbeit im Studium, in ebenso vielen mit unbekannten Zugewiesenen. Die Prüfungsberatung war immer so etwas wie eine Fastfood-Psychologie der Verfassung eines Menschen, dessen Lebenslauf auch, auch!, mit dem Prüfungsprozess zusammenhängt. (Mein erstes Drittmittelforschungsprojekt ging übrigens um Prüfungsforschung, und den Unsinn der Trennung von Studien- und Prüfungsordnung, wurde dementsprechend vom staatlichen Auftraggeber ungern entgegengenommen, 1978). Kann man  Vertrauen institutionalisieren? Man kann…mit allen Fallstricken, wie Sympathie, Abneigung, aber auch den Problemen, im Thema notwendigerweise sehr viel besser zuhause zu sein (v.a. bei Master und Diplom) oder sehr viel weniger (bei den meisten Doktorarbeiten, was ja geradezu systemnotwendig ist, wenn da wirklich geforscht wird). Dann werden ganz andere Dinge bewertet, Methoden, Bias, Relevanz, Schlussfolgerungen…all das, was Wissenschaft vom Common Sense unterscheidet, und was mit der neuen Kompetenz-Ideologie eingeebnet wird.

Ich habe auch unkorrektes Verhalten erlebt, Plagiate, indirekte Täuschungen, Bestechungsversuche. Aber nicht das waren die großen Probleme – die löst man relativ einfach auf, – sondern die kritische und aufrichtige Frage auf beiden Seiten: was soll dieses Verfahren in Bezug auf a) das Leben der Kandidat*innen, b) den Fortschritt der Wissenschaft? Die Antworten finden sich bei immerhin guten 10% dieser Arbeiten im Text, bei den meisten gar nicht.

 

GEBÜHREN UND DIE SOZIALE WIRKLICHKEIT

Die Stellschrauben an einem guten Universitätssystem sind

  • Studierfähigkeit
  • Vertikale Durchlässigkeit
  • Horizontale Wahlmöglichkeit
  • Didaktische Qualifikation der Lehrenden
  • Kommunikationsräume und lebensweltliche Vernetzung in der Hochschule
  • Gleichwertige Osmose zwischen dem Innen und Außen der Hochschule
  • Angemessene Ausstattung und damit
  • Finanzierbarkeit

Wohlgemerkt, ich habe hier nicht aufgelistet, was für die gesellschaftliche Funktion und die persönliche Lebenssituation der Beteiligten relevant ist, dazu gibt es – siehe oben – hunderte Bücher, Vorschläge, auch Gesetze und fachliche Regeln.

Als ich noch aktiv in der Hochschulpolitik war, konnte ich meine Hauptthese nicht ganz einfach vermitteln: die immer privilegierten Studierenden bekommen ihren Status (Bessere Chancen am Arbeitsmarkt, höhere Lebenseinkommen, größeres soziale und kulturelles Kapital) aus der Steuerleistung der überwiegend nicht akademischen, nicht privilegierten Mehrheit der Bevölkerung, – sozusagen als zinsfreies Start-up Darlehen für größere Macht. Mit anderen Worten: die nicht-studierte Arbeitnehmerschaft bezahlt die Studiengebühren pro Student*in indirekt.

Dem hatte ich ein Darlehensmodell gegenüber gestellt, wonach alle Studierenden – unabhängig von der Herkunft – ein reguläres Studiengehalt beziehen sollten, dass sie dann im Lauf ihres Lebens über die Steuer zurückzahlen. (Wer viel verdient, zahlt mehr…).

Die Kritik an diesem Modell liest sich heute wie ein buntes Satiremagazin. Darauf gehe ich nicht ein.

Aber ein Problem haben wir. Weil die Universitäten nicht das liefern, was sie sollten, wird die soziale Zukunft der Absolvent*innen und der meisten Lehrenden von den Privilegien entkoppelt, die ich genannt habe. Auf der Strecke bleiben nicht so sehr die Jobs (gemäß der neuen Spaltung sozial mit weiter Einkommensspreizung), sondern eben die Teilhabe an den sozialen und kulturellen Kaptalen, auf denen unsere Zivilisation auch beruht.

Auf dieser Ebene wird Hochschulpolitik längst nicht mehr diskutiert. Auch nicht in Effizienzmühle „Hochschulforschung“.

GLOBAL

Anderswo sehen Universitäten aus wie Universitäten. Manchmal privilegieren sie ausschließlich über den Status, der mit dem Abschluss verliehen wird. Weder Qualifikation noch Kompetenz reichen aus, um Arbeitsmarkt und Lebenshaltung nachhaltig zu verbessern.

Können diese Universitäten von unseren korrekten Hochschulen lernen? Ein Frage der globalen Innenpolitik.

 

O.S. ter Hase – Schöne Tage

 

Zwei Fragen.

I.

Eine der wichtigen Fragen für Kinder – und die Feiertags-Event-Süßwarenindustrie – ist die nach der Wirklichkeitsvermutung für den Osterhasen.

Während das so genannte Christkind, aber auch Santa Claus, Knecht Rupprecht, Nikolaus, die Hirten an der Krippe, die vier heiligen Drei Könige (die kommen immer zu viert!), und natürlich Jesus-Maria-Josef und ggf. Ochs und Esel usw. eine „Schnittfläche“ mit religiösen Traditionen und dem christlich-jüdischen Abendland haben, kommerzialisiert oder nicht, ist das beim Oster- oder gar Frühlingshasen anders.

https://de.wikipedia.org/wiki/Osterhase erklärt erschöpfend die schmale Schnittstelle mit Religion und die überlappende und nicht-triviale Frage, warum der Osterhase a) Eier bringt, b) wie er sie legt, und wozu wir diesen Brauch so notorisch aufrecht erhalten, wo doch dem Bischof Huber alle diese Kinderfeste („Halloween“ z.B.) zu profan sind. Man muss schon sehr weit ausholen, um den besagten Hasen (der zunehmend wie ein Karnickel aussieht, also kein Hase ist) mit den christlichen Osterfeiertagen oder aber dem jüdischen Pessach in Verbindung zu bringen.

(Aufheulen die Theologen, die diese Oberflächlichkeit gerne und vieltausendfach korrigieren können!).

Das wollte ich aber eigentlich gar nicht erzählen. Für meine älteren Enkelinnen hatte ich vor vielen Jahren den Herrn O.S. ter Hase bemüht. Ich hatte ihm eine Geschäftskarte verpasst und ihn auftreten lassen als Vertreter der unbeschwerten Ostertage. Neuerdings wieder:

O.S. ter Hase

Feyertags- und Geburtstagsexperte

Senfkünstler

Lagerfeuerbachstraße 2425

1444777 Rübenacker 25

 

Was soll ich Ihnen und Euch Ostermärchen erzählen? Ich habe zwei Hintergedanken dabei: zum einen, warum der Osterhase so viel längerlebig als die Christkindfigur in allen Variationen ist, zum andern, weil dieses Tier so wunderbar fake ist. Ihr kennt doch sicher Gerhard Polts „Nikolausi – Osterhasi“ https://www.youtube.com/watch?v=3eX38aKmX_4 Andererseits wird der Osterhase vom Erwachsenen zählebig gegen das kindliche Bestehen auf dem Nikolaus verteidigt. Das verstehe, wer mag. Eier verstecken, finden lassen, heuchlerisch aufbewahren, dreht sich das Kind weg, sofort wieder verstecken. Das Kind meint hunderte gefunden zu haben, drei vier sinds. Dann pecken. Wenn man die Eier ganz oben fest umschließt, an der runden Seite, sind sie härter und zerdrücken die Spitze des gegnerischen Eis. Ich hatte als Kind ein blaues Holzei, unwesentlich größer als ein echtes, und so gut lackiert, aber natürlich wussten alle, dass es nicht echt war, und man ließ mich freudlos siegen. Nur haben diese Eier Rituale nichts mit dem Hasen selbst zu tun,  denn die Vorstellung erreicht nie die Stufe der Klarheit, sich den Eierlegenden, den Osterhasen, vorstellen zu können. Alle andern Festtagsgeheimnisse lassen sich leichter entschlüsseln.

O.S. ter Hase diente in den Geschichten, die ich damals geschrieben habe, als vermenschlichter Osterhase, und er erlebte, was sich vorstellen ließ. Ich weiß es nicht mehr, er fällt mir aber immer wieder ein, wenn ich mir überlege, was ich wem zu Ostern schenke. Warum schenken wir uns zu Ostern etwas, außer Eiern? In der Zeit nach dem Theoriehunger (Michael Rutschky +, gerade ist er gestorben, hatte diesen Begriff auf unsere Generation angewendet, 68 passt auch zur zweiten Frage), also danach kam der Erfahrungshunger (die Gegenbewegung, gemischt aus Gefühl und sexueller Unmittelbarkeit der 70er Jahre), und seltsamerweise wurden Ostereier damals lustvoll bemalt (fertig eingefärbte kaufte ohnedies niemand von uns, aber die kunstvolle Verzierung, die wie schlesisches 19. Jahrhundert ausschaute oder Flohmarkt, war ja nicht zu erwarten gewesen). Scheußlich, ja, aber wenn es ums Verstecken ging, war alles wie vorher: siehe oben.

II.

Der Hase galt einmal auch als Symbol für den schwachen Menschen…naja. Der Bezug aber zu Ostermarsch liegt hier näher als zu Osterfeuer und dem neuheidnischen Frühlingstaumel von Mensch und Natur. Ich erinnere mich noch an die Ostermärsche der 1970er, als ich schon in Deutschland lebte. Ich wusste von der pazifistischen und antimilitaristischen Grundidee, war aber immer erstaunt, wie viele friedliebende Menschen sich zugleich vor den Karren der eher moskau-orientierten Parteien und Bewegungen spannen ließen. Umgekehrt war der Familienausflug für den Frieden – ursprünglich britische Erfindung – doch eindrucksvoll gegen die neue Waffenrhetorik von Adenauer bis Schmidt gerichtet; und gegen die Neutronenbombe allemal…und alles zu Ostern. Aber der Kerngedanke kam nicht von der moskowitischen Fraktion der Friedensbewegung, sondern aus jener sehr gewaltfreien und humanistischen linken Mitte um das spätere Sozialistische Büro – und man konnte, musste nicht, ohne ideologische Verrenkungen mitlaufen, nicht unironisch intoniert „es ruht im grünen Moos der Arsch/gepriesen sei der Ostermarsch“ (nicht von mir,  der ich gute Schüttelreime liebe). Wir waren Hasen.

Für Abrüstung zu demonstrieren, war nicht schlecht, aber wenn es um Ost UND West ging, dann bekam der Osten häufig Abrüstungsrabatt. Und die Spaltung zeichnete sich damals schon ab, kulminierte nach der großen Bonner Demo 1981…

Viele, meist individuelle religionsnahe Teilnehmer*innen schafften immer wieder den Bezug zu der religiösen „Botschaft“ der Ostertage in der Tradition. Obwohl es weder jüdisch (Exodus) noch christlich (Kreuzigung) friedlich zuging, waren beide Überzeugungen auf Frieden als Ziel hin orientiert: einmal durch Heimkehr und Einzug ins friedliche Land…ist ja nicht wirklich so geworden, aber immerhin; das andere Mal als Hoffnung, behauptete Erlösung würde friedensfähiger und bereiter machen, auch nicht so richtig umgesetzt. Aber diese inspirierten Ideen brachten manche religiöse Menschen näher an die Politik und umgekehrt. Wir waren/sind Hasen. Und sollen, einer christlichen Auslegung folgend, am Felsen (Christus) Schutz und Halt finden.

Das ist den Ostermärschen wie den eiersuchenden Kindern wohl etwas fremd. Man kann es natürlich etwas herunterfahren, weg vom Pathos, hin zur netten Jahreszeit des Jahreskreislaufs, wenn man vom schlechten Wetter und der Kälte erlöst ist, und dabei bleibts. Ostern ist schön und wenig geheimnisvoll, weil – vom Ei her gesehen – unverständlich schmackhaft; von der Erlösung her gesehen, politisch aber interessant, durch wieviel Tradition sich die Aufbruchstimmung dynamisieren lässt.

III.

Eine Antwort.

Als ich damals O.S. ter Hase schrieb, es waren nicht viele Geschichten, da sind mir diese Gedanken vage im Kopf herumgegangen (auch ein, zweimal beim Ostermarsch, ungern, wie ich erinnere). Heute sind sie mir wichtiger, weil man vor lauter „Botschaften“ schon gar nicht mehr weiß, ob es mehr Boten  als Empfänger gibt. Einerseits denke ich, fast nostalgisch, an die nicht-politisierte Freude an den Festen des Jahres- und Lebenszyklus, nicht nur zurück, es könnte sie heute ja geben, wenn nicht…wenn nicht auch all diesen so viel an politischem Unterbau ständig beigegeben wäre. Andererseits: man kann ja parallel denken und empfinden.

Ich war grad einundzwanzig. Um auf den Berg Athos zu kommen, musste man eine schrecklich bürokratische Prozedur im Klostervorstandsbüro in Saloniki absolvieren, dann bekamen Männer, nur Männer, ein Mehrtagesvisum zum heiligen Berg. Ich wurde richtiggehend verhört, Details, auch nach Glauben und Politik war ich befragt worden. Kunstgeschichte, Wandern, Erkundungen des mönchischen Lebens, all das hatte mich motiviert, dorthin zu gehen, auch bildungsbürgerliche Lektüre vor der Familienreise, schon anpolitisiert. In einem so genannten strengen Kloster an der Westküste erlebte ich die Osternacht, vorher Zwiebel, trockenes Brot, sauren Wein, dann Weihrauch und stundenlange Gesänge bis zur Auferstehung. Beeindruckend, wie eine Wagner-Oper, und mir völlig fremd. Aber attraktiv und todmüde angezogen. Ein Einsiedler erzählte mir am nächsten Tag,  er würde jetzt dem heiligen Leben Adé sagen und nach Paris übersiedeln, dort hätte er ein Haus geerbt, rue de Constantinople….Zwei Extreme, zu Ostern, in zwei Tagen: dann war mir, leider erst dann, klar, dass diese heilige Halbinsel das besondere Kleinod der schrecklichen Diktatur von 1967-74 war, deren Beginn ein Jahr zuvor ich in Athen miterlebt hatte. (Die Scham kam zu spät). Am Auferstehungsgesang hatte das nichts geändert.

Dem unpolitischen Osterhasen sei Dank, dass man die Symbolik der harten Eier (gibst auch) nicht weitergeben muss.

Es grüßt O.S. ter Hase   Frohe O*

P.S. schon 2011 hat Thomas Ruttig dazu die globale, + orientalistische Sicht dargelegt. https://www.afghanistan-analysts.org/the-easter-egg-question-in-the-light-of-orientalism/

Danke für den Hinweis!

P.S

 

Zensur und Dummheit – die Alice-Salomon-Hochschule soll umbenannt werden…

…fordere ich.

Es ist wahrlich genug dazu geschrieben, wie die grenzenlose verlogene Dummheit dazu geführt hat, das Gedicht von EUGEN GOMRINGER „AVENIDAS“ durch einen Schmarrn zu ersetzen.

Bitte lesen Sie alle den heutigen Artikel „KÜNSTLERPECH“ von Hilmar Klute (28.3.2018) in der Süddeutschen Zeitung. Dass eine so genannte feministische Asta-Sprecherin ihren Namen nicht nennen mag,  weil sie natürlich auch mit Mails überschüttet wird. (Wenn ich das täte, hätte ich schon viele Namen), ist nicht verwunderlich angesichts der Stimmung in diesem Land. Pseudofeministinnen sprechen „Deutsch“.

avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador“.

Übersetzt lautet das Gedicht etwa so: (Aus Cicero)

„Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“

Gomringer, seine Frau und seine Tochter haben sich wie zu lesen ist, vorgestern anständig und ohne sichtbare Verletzung der Diskussion gestellt. Es gibt genug in den Medien, dass man sich über die weiter Verbreitung des Gedichts freuen kann, und sicher nicht als Angriff auf Frauen und Frauenrechte.

Wohl aber soll das ein Angriff auf die VERLOGENE GEFÜHLIGKEIT derer sein, die von gesellschaftlichen Problemen ABLENKEN, um ihrer Befindlichkeit ein Publikum zu verschaffen.

(Über den akademischen Senat dieser Unbildungsanstalt habe ich mich schon geäußert, über den Schmarrn des Ersatzgedichts von Frau Köhler mag die Literaturgeschichte fußnoten).

ABER WARUM HEISST SO EINE HOCHSCHULE ALICE SALOMON?

Für Eilige: https://de.wikipedia.org/wiki/Alice_Salomon

Schon hier kann man lesen, dass und wie sich Alice Salomon für Frauen, Frauenbildung, Emanzipation eingesetzt hatte. Da alle Schriften und Wirkungen dieser bedeutenden Frau gut nachzulesen sind, u.a. im Archiv an der Hochschule, bleibt mir nur darauf hinzuweisen, warum der Name für eine gute Hochschule mit dem Leben (und auch Leiden) einer bedeutenden Feministin gerechtfertigt wäre, wie auch das Wikilexikon kurz auflistet: Für die erzwungene Emigration lassen sich Gründe aufführen:

  • ihre jüdische Herkunft,
  • ihre christlich-humanistischen Ideen,
  • ihr Eintreten für eine pluralistische Berufsarbeit,
  • ihr offener Pazifismus,
  • ihr internationales Auftreten.

Dem so genannten Asta und der Hochschulleitung einschließlich Senat sei zu wünschen, dass sie sich dem anschließen oder ihre Hochschule umbenennen.

P.S. warum ich zu diesem Vorfall und Thema mich immer wieder äußere, wie zu den staatlichen Abschiebungen oder zur Garnisonkirche Potsdam, ist nicht, weil mir die Themen ausgehen. Es gibt Symptome für einen gesellschaftlichen Grabenbruch, dessen Tragweite immer weit größer ist als der jeweilige Anlass. Manchmal nenne ich das Finis terrae, aber es ist auch sinnvoll, immer wieder die Anlässe zu zitieren.

P.P.S. In diesem Fall geht es mir neben der Auseinandersetzung um Kunst und Feminismus und Befindlichkeit noch um etwas anderes, das durchscheinen sollte: den Zustand unserer Hochschulen, das Verhätlnis von Wissenschaft, Freiheit bzw. Kunst und akademischer Freiheit. So, wie ich der Auffassung bin, dass Satire ALLES darf (und es darauf ankommt, dass sie Satire IST), so ist bei KUNST und WISSENSCHAFT  so, dass die Freiheit, die ihnnen zusteht, niemals kontextlos ist – aber dieser Kontext nicht durch partikulare Interessen oder Empfindungen gegeben sein darf.

Das harte Beispiel ist immer: Satire in Auschwitz („Das Leben ist schön“) oder Liebe in Auschwitz oder … So hart ist es hier nicht? Das ist MEIN ANLASS: Auschwitz hatte lang vorher begonnen, bei der moralischen und  ästhetischen Planierung der Gesellschaft, von der Bücherverbrennung bis zum Bilderverbot.

 

 

 

Naming & Shaming Lechts & Rinks

 

 

  1. Akt

Du sollst nicht schimpfen, wenn deinen Flüchen keine Erfüllung folgt. Außer es erleichtert dich…aber die Wirkung dieser Droge hält nicht lange an.

Wie viele Politiker, auch Politikerinnen…, habe ich sagen hören: „so ein Arschloch“, „dieser Idiot“, „das Schwein“…um mit dem so Bezeichneten Augenblicke später in der Öffentlichkeit einigermaßern zivil Worte zu wechseln, zu turteln oder ernsthaft zu verhandeln. Und selber: kommt einer zu schnell um die Ecke gefahren, sagt einer unsäglichen Blödsinn, kontrolliert ein unfähiger BVG-Mensch zum dritten Mal am Tag meinen Rentnerausweis, benimmt sich ein Amtsschimmel wie seine Produkte…klar: ich schimpfe, manchmal halblaut: o Pardon, da haben Sie sich verhört.. Oder zu einem Dritten. Ich bin erstaunt, wie meine zivilisiertesten Freunde in grandiose Flüche ausraten können, bei geringem oder großem Anlass.

Die amerikanischen Exporte „Naming & Shaming“ sind erfolgreich, man muss sich nur trauen. Oft sind sie wirksam. Um sie anzuwenden, muss man ein wenig Systemtheorie kennen und zugleich sollte man ein wenig recherchiert und Abstand gewonnen haben: was im Justizsystem strafbar ist –„der Müller ist ein Verbrecher, der OGH steht auf der Seite der Autorenn-Mörder, der Bahnvorstand besteht nur aus Trotteln etc.“ – kann in der anlassbezogenen Kommunikation der Nachprüfung standhalten. Pöbeln a la Nahles kann für Nichtpolitiker gefährlich werden, und der Nazijargon der AfD infiziert Zuhörer, Nachahmer und Zurückschläger. Also Vorsicht, mehr noch bei Flüchen, bei denen das Risiko der Erfüllung naheliegt: einem ersichtlich Herzkranken zu wünschen „Der Schlag soll dich treffen“, ist vielleicht perfide, obwohl der Fluch an sich eine recht verständliche übertragene Bedeutung hat.

Ach, so eine lange, unanwendbare Einleitung, so pädagogisch sanft…Mitnichten. Ich möchte über Naming & Shaming in angemessener Form etwas erreichen, möchte Rede und Gegenrede provozieren.

Wir ein prominenter Mensch wegen einer bestimmten Tat öffentlich benannt, und die Tat konkret beschrieben,  kann er aus einem Portfolio von Erwiderungen wählen, aber semper aliquid haeret: etwas bleibt meistens hängen, und wenn nicht, dann weil es durch ein Schlimmeres abgelöst wird.

Der VW Vorstand wir genannt, wenn es um diebstahlartige Gehaltserhöhungen in Millionenhöhe geht. Er rechtfertigt sich, dabei kommt aber der Betrug beim Diesel wieder ins Gespräch. Frage: darf ich so einen „Verbrecher“ nennen? Kontextabhängig: ja, meistens ja. Nur nicht mit Paragraphen argumentieren, sondern mit Tatbeständen und der Bereitschaft, das Verbrechen verständlich zu erklären.

Ich halte hier keine Vorlesung. Ich habe einen Grund, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Mehrere Gründe, aber gemach.

„Sie schreiben so kluge Wissenschaft, aber wenn man in Ihren Blog schaut, dann beschimpfen Sie die Politiker als Nazis, Fremdgänger und Trotteln…“ Nun ja, ich hab halt ein breiteres Repertoire, das mir Ausflüge aus der anerzogenen Contenance erlaubt. Aber hinter den Namen steckt noch mehr:

  • Seit frühester Zeit haben Namen eine Bedeutung, sie verweisen auf den Schutzpatron oder eine besondere Eigenschaft, sie sind der Mensch, der sie trägt. Das hat sich verändert, gewiss, ist rationaler geworden. Aber da sind dann neuerdings wieder die jüdischen Namen, und, „natürlich“ im Umfeld von Trump, „lauter Juden“. Ist das schon oder noch antisemitisch? (Nebengleis: das ist sehr häufig, und wird doch kaum offen wahrgenommen).
  • Kevin bekommt beim gleichen Lehrer schlechtere Noten als Matthias. (Oder Chantal und Johanna). Das wissen wir. Wie kann man das ändern?

Das ist der erste Schritt. Der nächste macht alles schon noch politischer. „Meinen Namen sollt Ihr nie erfahren. Ich bin der Kaiser Josef“ heißt es beim Dichter Herzmanovsky-Orlando. Witzig, ja, und auch alltäglich. Man weiß den Namen, darf ihn aber nicht öffentlich sagen, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes….Das ist gut, denkt man. Aber ist es immer richtig? Das bringt uns zum Shaming. Wenn der weithin unbekannte Herr X oder die Frau Y etwas falsches, böses , unappetitliches getan haben sollen, und man postet ihre Namen + Tat in der Nachbarschaft an die Wände, kann das Lebenszusammenhänge verletzen, zerstören, schreckliche Folgen haben. Die Reaktion ist oft „aber wenn es stimmt….?!“. Wenn es um Personen des öffentlichen Lebens geht, gilt das nicht mehr. Es fragt sich nur, ob es klug ist, die Beschämung zum Appell der Öffentlichkeit zu machen. Ich denke, manchmal muss das sein, manchmal sollte man es unterlassen. Trump ist ein pathologischer verbrecherischer Verletzer von Menschenrechten, ein Rassist, Sexist. So bezeichne ich ihn und würde für jedes Epitheton mir zutrauen, das vor einem Gericht analytisch und auf den konkreten Fall bezogen, nachzuweisen.  Nur komme ich nicht vor Gericht. Wäre ich Diplomat, würde ich das so wahrscheinlich nicht sagen, aber Bier trinken muss ich mit ihm und seiner Entourage deshalb noch lange nicht. Es gibt da andere Wege. Aber im Ernstfall ist der Wahrheitsbeweis das beste Mittel, die Preisgabe des Namens zu rechtfertigen. Trump selber sagt solche Dinge, zu Unrecht, von anderen Politikern oder wichtigen Personen aus dem politischen Raum. Weil er Macht hat und herrscht. Die von ihm beleidigten können kaum chancenreich klagen, und wo sollten sie es tun?

Die neuen Nazis nennen oft keine Namen, außer sie wissen, dass es gute Gründe der Angesprochenen gibt, sie nicht zu verklagen. Die Nazis reden vom System. Das System hat keinen Namen, es heißt ja nicht Kapitalismus oder Lügenpresse.  Und jeder Name, der diesem System zugeordnet wird, sitzt. Umgekehrt, wenn wir den Höcke „Nazi“ nennen, dann hat er/das einen Namen, und den will er nicht tragen, will ihn loswerden. Damit kann man ihn zwingen, etwas von sich, seiner Politik preiszugeben – wenn da etwas ist.

Mit Naming&Shaming kann man die Festungsmauern der herrschaftlichen Privatsphäre oder der öffentlichen Zudringlichkeit unterminieren. Man muss dabei selbst erreichbar und kenntlich sein. Das ist eine Hürde, und die andere ist: keinen Fehler zu machen. Der zu Unrecht Stigmatisierte wird nie wieder oder nur um einen hohen Preis befreit.

Ich habe Trump und die Nazis als Beispiele gebracht. Bei den Verbrechern könnte ich auf politischer Ebene die ganze Prozession immer wieder herbeilaufen lassen, von Putin bis Orban und Erdögan. Da lohnt es übrigens…beim Dorfbürgermeister lohnt es nur im Dorf. Und nicht jeder Trottel oder Gangster verdient es, soviel Öffentlichkeit zu bekommen. Naming & Shaming ist eine scharfe Waffe, kein Gesellschaftsspiel.

Das wäre ein politisch korrekter Anstoß, sich mit der Sache zu beschäftigen, ich habe das seit 40 Jahren getan, vor allem in der Wissenschaft. Z.B. im Kontext jüdischer Namen. Heute geht es mir aber um etwas anderes.

  1. Akt

In der Letzten ZEIT (#13, 22.3.2018) gibt es mehrere, lesenswerte Artikel zur Frage: was ist konservativ, was ist rechts, rechtsradikal….und wer ist es? Lesenswert, weil differenziert, aufmerksam und kontrovers. Wieder einmal ein Beispiel, wie gut unsere Medien auch sein können.

Dann stolpere ich: es wird behauptet, „rechts“ dürfe einer auf keinen Fall sein, heute würde das ausgrenzen, das Stigma hätte kein Pendant auf der linken, links-liberalen Seite. Und dies erkläre sich aus der deutschen Geschichte. Und aus der Ost-West-Spaltung usw. Die fünf Beiträge von Jens Jessen, Martin Machowecz, Ulrich Greiner, Mariam Lau und Adam Soboczinski sind allesamt lesenswert und nich in einer Schablone verengt. 12 Gesichter mit Namen werden am Titelblatt des Feuilletons gezeigt. Einige davon kenne ich persönlich, zwei Namen sind mir neu. Von den anderen „weiß man“. Ich sag jetzt nicht, bei wem es mich „gekränkt“ hat, sie hier zu sehen, obwohl die Zuordnung nicht falsch ist. Früher waren die anders…

Was mich zum stolpern bringt:

  1. Noch nicht so lange her, dann war man, als links gelabelt, raus, ausgegrenzt, bis zum Berufsverbot. (nicht nur im öffentlichen Dienst).
  2. Gerade ich, der ich die links-rechts-Koordinate seit langem in Frage stelle, frage mich, was denn das Gegenstück zu „konservativ“ sei, und wo der Übergang von „konservativ“ zu rechts sei. Die Frage ist nicht trivial, denn vor dreißig Jahren mühte sich die Linke, sich wieder zu verorten, nachdem sie ausgefranst nichts mehr als ein Dogma ohne Begriff geworden war. Übung: was ist das gegenstück zum heftig angegriffenen „Westen“? Warum drängen die Rechten sich wieder meist nach Osten, zu Putin & co., ohne dass es einen „Osten“ gibt.
  3. Nirgendwo wird der Extremismus der Mitte auch nur erwähnt, der doch so deutlich wird (Der Begriff ist im Internet mit Wissenschaft (Lipset, Parsons, Rehberg) und mit Beobachtungen zur Herkunft extremer Ideologien überreichlich dokumentiert. In der Mitte an sich und für sich ist nochg kein Heil zu finden). Wenn aber die Extremisten die konservativen Kommunikationsformen der „alten Mitte“ annehmen, ist das etwas anderes, nunmehr beim rechten Salon der Erklärung 2018. Diese Umgangsformen kann man ihnen ja nicht vorwerfen, den Sarrazins, Lengsfelds, Weissmanns und Broders, um ein paar Namen aus der Liste zu nennen. Da muss man schon ihre Texte lesen, sie agitieren sehen und hören, und vor allem sehen, wen sie jeweils in ihre Netze aufnehmen.
  4. Wie war das damals „Ich habe abgetrieben“ https://www.emma.de/artikel/wir-haben-abgetrieben-265457 (über den 6. Juni 1971). Das waren doch keine „Linken“, aber im Vergleich zu den meisten Konservativen und Rechten doch wieder.
  5. „Um 1980 wurde es nötig, das Argument-Konzept zu reformulieren, schon um den Zusammenhang dieser ausgefalteten Aktivitäten deutlich zu machen. „Das Verlagsprogramm“, heißt es nun, „soll der Entwicklung der theoretischen Kultur der Linken dienen. Wissenschaftliche Zuarbeit zu den sozialen Bewegungen: den Kräften der Arbeit, der Wissenschaft und der Kultur, der Frauenbefreiung, der Naturbewahrung und der Friedensbewegung. Zuarbeit zu einem sozialistischen Projekt, das diese Bewegungen aneinanderlagert.“ So wird im Nachhinein die Diskussion in der einmal so wichtigen linken Zeitschrift DAS ARGUMENT zusammengefasst: https://www.linksnet.de/organisation/das-argument.

Was hat das mit den Namen zu tun? Ganz viel. Die Linke hatte es, aus sehr vielen Gründen, sich zu exponieren, kenntlich zu werden, weil die Mitte sich im Zweifel nicht exponierte oder konservativ blieb. Was explizit kein Vorwurf ist. Aber von da her kommt der Vorwurf, von Trump, von den amerikanischen Republikanern, von der AfD und von deutschen Rechten, dass die öffentliche Meinung und Kommunikation links- und linksliberal dominiert seien, und man konservativ-rechts nur aus der marginalisierten Position her angreifen könne. (Und weniger kluge „Linke“ verteidigen sich, indem sie sagen: das sei nicht so). Doch, es IST SO, weil die Politiken der aufgeklärten, solidarischen, auch linken, auch konservativen Opposition gegen das erstarrte Deutschland ERFOLGREICH WAREN, und das wollen wir, sollen wir uns nicht nehmen lassen.

Und dazu muss man kenntlich sein, also einen Namen haben, und den Namen derer, die man mit Widerstand bekämpft, auch nennen. Und wenn man die beschämt – dann sei das so. Eine harte Arbeit.

Orthodox. Peinlich.

 

Vor Jahren gab es eine heftige Debatte auf einem Grünen Parteitag, bei der gestritten wurde, ob man nun der Beschneidung für jüdische Knaben aus Gründen der Religionsfreiheit zustimmen oder sie aus Gründen der Unversehrtheit und des freien Willens von Kindern und Erwachsenen ablehnen sollte. Es war eine ernsthafte Debatte, ich war zu Wort gemeldet, wurde aber nicht „gezogen“, wie das  demokratischen Rednerlisten oft der Fall ist.

Nun kocht die Debatte wieder hoch, nachdem die Bundesregierung damals für religiöses Beschneiden den Tatbestand der Körperverletzung straffrei stellte. Das gilt dann nicht nur für jüdische, sondern auch für muslimische Jungen. Selbstverständlich kann keine Religion weibliche Genitalverstümmelung als Freiheitsrecht in Anspruch nehmen. Die Debatte über Gleichheit der Geschlechter ist hier eine bösartige Falle.

Orthodoxe Vertreter*innen beider Religionen beharren darauf, dass die Beschneidung etwas mit der unbedingten Doxa der jeweiligen Religion zu tun hat und für einen „richtigen“ Juden/Muslim sein müsse.

Ich komme auf die Beschneidung zurück. Zunächst aber: was dürfen uns Orthodoxe jeglicher Denomination sagen, was haben sie im Rechtsstaat zu sagen und was darf man ihnen nicht durchgehen lassen? Und: warum ist das auch persönlich, und überschreitet die Schwelle vom Öffentlichen ins Private und umgekehrt in – für mich jedenfalls – unerträglicher Weise.

*

Vor einigen Jahren hatte ich mit einer sehr guten Freundin einen folgenreichen Streit: ich mokierte mich über ein Buch eines Bekannten, der in Imitation jüdischer Geschiten ein kitschiges Bild eines letzthin mit der Welt versöhnten orthodoxen Juden zeichnete. Meine Kontrahentin berief sich auf sein, des Schreibers, Recht auf Meinungs- und Kunstfreiheit, und sah in meiner (milden, wahrlich!) Kritik einen Angriff in der Art, wie ihn Antisemiten gegenüber den damals noch häufigeren alten mitteleuropäischen Juden in ihrer Tracht übten. Das letztere meinte sie ein wenig zu ernst, als dass ich es auf sich beruhen lassen wollte, allerdings haben wir beide darüber nicht mehr geredet.

Kurz nach diesem Streit stand ich an der Straßenbahn in Wien – es war Abends – da fragte michein höflicher älterer Herr: Sind Sie ein Rabbi? Verblüfft fragte ich zurück: warum? Weil Sie so ausschauen.

Dunkler Hut, dunkler Mantel, damals noch dunkler Bart. Wir unterhielten uns belanglos, aber freundlich. Nein, ich bin keiner, und viele meiner rabbinischen Freunde und Bekannten sind bartlos und hutlos und überhaupt…

(Ich weiß nicht, wie oft es vorkommt, aber von einigen Fällen weiß ich es: bei einer ersten sexuellen Begegnung fragt die Frau: Bist du Jude? Immerhin, eine spannende Nuance in der sich anbahnenden Beziehung).

Wie hängt das alles zusammen, wenn man an die derzeitigen Umstände der Welt, vor allem Europas im weiteren Sinn, also inclusive des Mittelmeers schaut? Rechtsradikale und Naziregierungsbeteiligung in vielen Ländern, nicht nur in Österreich und Mitteleuropa; bis Norwegen regieren diese Menschen mit. Eine rechtsradikale Regierung im demokratischen Israel, das nun, wie Österreich und viele andere Länder eine ganz passable demokratische Republik ist – und ebenfalls ein säkularer Rechtsstaat. Und überall, also nicht nur in diesen Ländern, wachsender Antisemitismus; das lässt sich belegen und ist nicht wiederkehrende Leier, der neue Antisemitismus habe nur den alten abgelöst (was falsch ist). Antisemitismus ist Antisemitismus.

Da schaut man natürlich genauer hin, was in den jüdischen Gemeinden (Community UND Congregation, also gesellschaftlich und religiös) sich dazu abspielt, und wie die Öffentlichkeit sich verhält, wie die Medien reagieren, und wie der Diskurs zum Judentum sich entwickelt.

In Israel nun, erlaubt die Regierung seit langem, dass sich die ULTRA-orthodoxen Kräfte zu Lasten der orthodoxen, konservativen, liberalen Religiösen und der Säkularen ausbreiten, v.a. durch Vermehrung und ungehindertes echt auf Agitation und Beeinflussung der Regierung (Man sitzt ja mit am Tisch). ULTRA heißt: sektiererisch dogmatisch, den Anspruch auf alleinvertretende Interpretation der heiligen Texte und vor allem: die Lebensführung aller anderen wird als Anathema abgelehnt oder direkt physisch und verbal angegriffen. Alles im Namen eines „Gottes“, der sich nicht wehren kann – und noch nie gewehrt hat. Diese ULTRAS tun sich durch Untätigkeit der Männer und schwere Arbeitsbelastung von Frauen, aber vor allem durch deren Degradierung zu Gebärmaschinen hervor, weshalb der Anteil der ULTRAS an der Bevölkerung wächst. Nun haben diese ULTRAS eine eigene Website geschrieben, man ist ja modern, in der Frauen und bestimmte Bilder nicht vorkommen, dafür die Dogmatik der Sekte. Das Internet hilft hier nachprüfbare Information, vor allem auch über den Widerstand gegen die ULTRAS in Israel selbst zu erlangen, und zu sehen, worin der Protest besteht. Da geht es nicht nur um Meinungsfreiheit, sondern auch um das Verlangen, die Ultras sollen Wehrdienst leisten und nicht nur vom Schnorr leben.

JEDE Religion, zumal die monotheistischen Spielarten, hat ihre Orthodoxien. Die christliche kennen wir auch, sie ist bei uns nicht so zahlreich: aber was radikkal sich von OPUS DEI bis zum ENGELWERK absetzt, ist schon schlimm; und was der ISLAM bietet, vom IS zu den Salafisten und vielen Muslimbrüdern, ist auch nicht besser, im Gegenteil. Die Dialektik von Orthodoxie und allen Spielarten von Refoortmation ist der ewige Kampf zwischen der Religion und der säkularen Gesellschaft, auch ihrer Entwicklung.

Das Grundübel der Missinterpretation von Religionsfreiheit ist, dass sie nicht zwischen Glauben und Religion unterscheidet. Glaube ist unverfügbar, noch unter der Folter. Religion aber war und ist ein gesellschaftliches Ordnungssystem, das sich über andere zu erheben meint – Familie, Staat, Militär, die Verhaltencodes der Zivilisation – indem sie sich auf ein Transzendentes – „Gott“ beruft“, und der ist ja wirklich unverfügbar, also können die Religionsführer jede Art von Herrschaft aus der Interpretation des göttlichen Willens ziehen. Wenn sie die Macht dazu haben. Aber: siehe Bittner im nächsten Absatz. Da sei das Grundgesetz vor. So weit so schlecht. Man muss  der Religion strenge Zügel anlegen.

Womit ich wieder bei der Beschneidung bin. Anlass ist eine Kontroverse, bei der ein muslimischer Vater gegen den Willen der Mutter den gemeinsamen Sohn hat beschneiden lassen. Die Sache liegt zu Recht beim Gericht. Jochen Bittner hat einen gut recherchierten Artikel dazu geschrieben: „Beschneidung überdenken!“ (ZEIT 12, 13.3.2018, S.9 – zu Recht unter Poliitik und nicht im Feuilleton). Sein Schlusssatz ist wichtig und Richtig: Vor den Gesetzen der Logik muss sich religiöse Praxis nicht rechtfertigen. Vor dem Grundgesetz schon“.

Es geht dabei um drei Sachverhalte: um die nachweisliche und unbestreitbare Körperverletzung – der Zweck, das religiöse Ritual – macht sie nicht weniger verletzend; um die möglichen physischen und psychischen Folgen für das gesamte Leben des Kindes (erschreckend viele Folgen, die oft lebenslange physische und psychische Deformationen und Beziehungsprobleme nach sich ziehen); und das Selbstbestimmungsrecht des späteren Erwachsenen, der ja eine Beschneidung nicht rückgängig machen kann. Das ist nicht bei Bittner hinlänglich zusammengefasst, sondern vielfach kommentiert. Mir geht es um etwas anderes , zusätzlich und bedrückend:

Die orthodoxen Eltern können sich nur als „gute=richtige“ Muslime/Juden fühlen, wenn ihr Kind beschnitten ist. Das ist ein so ungeheuer schwachsinniger und blasphemischer Anspruch der Verfügung über einen anderen Menschen, dass er schon deshalb ausgeklinkt werden muss aus der Religionsfreiheit; wenn er das Ergebnis von Glauben, also Textinterpretation (was anderes ist Glaube ja meist nicht) ist, dann ist die Glaubensgemeinschaft etwas primitiv, aber so sei sie. Wenn aber die lebenslange Verstümmelung (weibliche Genitalien, Vorhaut) als Teil der Rechtgläubigkeit ausgegeben wird, entsteht eine Gegengesellschaft, die der solidarische, kollektive Rechtsstaat nicht dulden kann. Die kritische Antwort auf Bittner übrigens, in der ZEIT 13 und intensiv im Netz, sagt nur eines: Beschneidung hat mit dem Glaubenssubstrat des Judentums (und in später Nachfolge des Islams) nichts oder nur sehr wenig zu tun, abgesehen davon, dass sie IMMER umstritten war, auch bei religiösen Menschen und im heutigen Israel natürlich auch.

Deshalb bin ich gegen jede Orthodoxie (übrigens unterscheiden sich Religionsgemeinschaft hier kaum von autoritären politischen Bewegungen und Parteien). Wenn es die Orthodoxen so wollen, setz ich eine Kippa auf an bestimmten Orten oder bei bestimmten Gelegenheiten. Der Unterschied zur Körperverletzung ist hier evident. Man muss nicht auf allen Ebenen streiten.

Das peinliche an der Sache ist: die Unterwerfung der Glaubensfreiheit unter die Freiheit zur Ausübung praktisch jeder religiösen Praxis ist nicht das Ergebnis der Aufklärung, der Erklärung der Menschenrechte, sondern ihre Nivellierung. Keine Religionsgemeinschaft hat das Recht, in die Herrschaftsgefüge der demokratischen Republik einzugreifen.

Wer meint, den Körper eines Menschen verletzen zu müssen, um Gott – einem Gott – gefällig zu sein, hat eine sehr geringe Meinung von diesem.  Mit dem Argument ärgere ich die Orthodoxen; die Ultras aller Konfessionen aber muss man nicht ärgern, sondern mit dem Strafrecht verfolgen.