Kein Krieg. Politik

Jede Kriegserklärung ist ein Sieg der Terroristen. Schon nach 9/11 war der War on Terror eine fatale, für tausende Menschen tödliche Falle. Kriegserklärungen – juristisch oder bloß rhetorisch – bezeichnen Augenhöhe: man bekämpft sich, aber man ist im gleichen Regelsystem „eingebettet“, z.B. anerkennt man die Haager und Genfer Konventionen. Krieg sagen bedeutet, wie die Erklärung von dauerhafter Krise, den Griff nach dem Ausnahmezustand. So sagt es ja auch der schwache französische Präsident. Wir sind nicht im Krieg, sondern Angriffsziel von Verbrechern, die politische, religiöse, ideologische oder schlicht wirtschaftliche Gründe haben, andere Menschen zu töten oder zu bedrohen. Auch wenn der Islamische Staat sich so nennt, ist es doch eher so, dass auch eine Mafiabande sich Familie nennt. Diese Unterschiede zu erkennen, zu deuten und daraus Konsequenzen ziehen, wäre ein Zeichen von aufgeklärter Bildung. Dem verweigert sich der vorgeblich antipopulistische Populismus der meisten Politiker, die immer nur eine Gegenwehr kennen: Überwachen und Strafen. Foucaults Untersuchung jetzt wieder zur Hand zu nehmen, ist ein praktikabler Rat.

„ ‚s ist Krieg!“ von Matthias Claudius „ich begehre nicht schuld daran zu sein“ ist ja doppeldeutig:  man möchte nicht schuldig am Krieg werden, aber auch man spricht sich frei von der Schuld, die kausal, als Ursache, die Gewalt mit begründet hat oder befördert (so wie man nicht „schuld“ sein möchte, wenn die Flüchtlinge zu Tausenden im Mittelmeer ersaufen, nur weil man eine falsche Grenzsicherungspolitik betreibt).

Jede Anerkennung des Gegners als Feind und Subjekt kriegerischer Gewaltanwendung kennt nur Sieg oder Niederlage. In der Anerkennung liegt schon der Respekt vor dem besiegten Feind. Darum sagen viele Politiker, auch bei uns, der Krieg werde lange dauern, weil man ja weiß, dass es in dieser Auseinandersetzung keine Sieger, nur Verlierer geben kann. Eben weil es gar kein Krieg ist.

Wir wissen doch, was gemeint ist, wenn Kinder den Krieg der Knöpfe spielen oder wenn Star Wars sich von Serie zu Serie kämpft. Warum wollen wir es jetzt nicht wissen, wo es wirklich blutig, ernst, mit vielfachem Sterben sich ereignet und wir mühsam versuchen, eine zwar mitleidige, aber doch Beobachterperspektive einzunehmen, die uns erlaubt zu urteilen.

Schon der Krieg gegen die Drogen ist kein Krieg. Schon der Krieg gegen Armut und Ausbeutung ist keiner, den man mit den Kriegen zu Entkolonisierung oder gegen eine Diktatur vergleichen könnte. Die Kampfesmetapher wäre angemessener, und Widerstand ist selten Krieg.

Natürlich nützen die Hetzer jeden Anschlag aus. Sie lügen die Geschichte zurecht (man lese Compact), sie sagen „Islam“ und meinen rassistische und ethnische Vorurteile, sie verbergen die Schuld anderer Religionen, vor allem des Christentums, in der Verabsolutierung des Anderen, des Islam, und denken nicht an die Folgen.

Die Nazis erklären uns – ich idealisiere uns als die kosmopolitische, kritische, aufgeklärte Zivilisation – den Krieg, wir müssen die Erklärung aber nicht annehmen. Frau Petry im Bürgerbräukeller, Herr Höcke im Reichsrasseamt, und wie sie alle heißen bis hin zu den alten Brexit-Briten, die vor Bedeutungsverlust kaum atmen können: sie alle leben davon, dass wir dazu neigen wie ein Pawlow-Hund auf sie zu reagieren.

Das heißt nicht, dass wir Kriegserklärungen, die innerstaatlichen Feinderklärungen (ich habe den Begriff von Peter Brückner auf die heutige Zeit verschoben) annehmen müssen, und passiv warten, bis sich die Täter totlaufen. Das heißt auch, dass der Staat sein Gewaltmonopol glaubwürdig wahrnehmen muss, dass man diese Leute nicht rück-um-erzieht, sondern ihnen den Platz im öffentlichen, politischen Raum verweigert, weil es mit ihnen nichts zu verhandeln gibt. Sie sind wichtig, weil sie eine Gefahr für Leib und Leben und vor allem für unsere Freiheiten darstellen, aber man muss sie deshalb noch lange nicht ernst nehmen. Damit sage ich, dass sie uns bedrohen, ob wir sie ernst nehmen oder nicht, und sie werden nicht einen Schritt sanfter, wenn wir ihnen bei Bagatellen entgegenkommen. Das beweisen auch Leute wie Erdögan oder Orban. Sie sind Teil unserer Gesellschaft, aber sie sind nicht Teil jener Kommunikation, die uns erlaubt, uns mit der mühevollen, ächzenden, rückschlaggewohnten Demokratie zu reproduzieren.

Ich habe beim Krieg gegen Terror begonnen und lande bei unseren Nazis. Es gibt da Zusammenhänge, und zwar in unserem Verhalten, in unserer Einstellung und in unserer Kritik. Nicht dass wir Widerstand leisten, sondern wie wir das tun, ist wichtig. Und da kann uns schon der Widerstand gegen die korrupte, lässliche oder hinterhältige Form der Governance, der Regierungsführung helfen, legitim auf kriminelle und terroristische Akte zu reagieren, ohne das verlogene Balancieren von Freiheit oder Sicherheit mitzuspielen. Die Verbesserung unserer Demokratie und Regierung ist auch ein Beitrag im Abwehrkampf gegen Terrorismus.

Die Tage sind schlecht für gesinnungsethische Hierarchiebildung.

So klug und analytisch hilfreich vieles ist, das im Feuilleton, auf Podien, in politischen Schriften festgelegt ist – es ist wichtig! -, so ungenügend „erreicht es die Massen“. Die brauchen oft den Grundkurs in politischer Begriffsbildung. Man kann unschwierig Terror und Terrorismus unterscheiden. Staatsterror in anderen Ländern können wir von Außen nur ein wenig beeinflussen, aber nicht bekämpfen. Beim Terrorismus sind wir gefragt, auch wenn er normal zu unserem Alltag gehört.

 

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Finis terrae V: Am Ende kein Tod (Weltrettung)

 

WELTRETTUNG

Zurück zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen, der Gegenwartsanalyse, der Verzweiflung an der Situation und dem Widerstand gegen die Resignation. Viele Ereignisse werden aufgelöst in eine Anzahl ungeordneter Anlässe zu Gewalt, Wut, Ohnmacht oder Illusionen. Das ist nicht neu, und jede Weltunordnung hat immer auch Erlösungsphantasien, Endlösungen oder aber die Hoffnung auf das Rettende ausgelöst, das schon zum richtigen Zeitpunkt erscheinen werde.

Ich hatte meine Reise an die Grenzen der Erde, unserer Welt, angetreten unter der Prämisse, es müsse uns Menschen ja nicht für immer geben, und dann sei ja nicht ausgemacht, dass es noch allzu viele Generationen nach mir gibt. Persönlich ist es schmerzhaft, wenn ich einerseits meinen Enkelinnen ein schönes Leben, vielleicht mit eigenen Kindern, wünsche, aber mir wenig Gedanken über den Zustand der Welt in hundertfünfzig Jahren mache. Aber das muss aushalten, wer nicht auf Eingriffe irgendeiner äußeren Macht vertraut. Andererseits gibt es Erlösungshoffnungen für die ganze Welt, d.h. für die Menschheit, die menschliche Art, seit Anbeginn der Geschichte – Erlösung zum dauerhaften Bestand, zum Glück, zur wiedergewonnenen Unschuld, seltener zur Freiheit, und ganz generell „Erlösung von dem Übel“, nun, dem stimmt man leichtherzig zu, weil es einen nicht betrifft. Zu manchen Zeiten häufen sich diese Hoffnungen, aber je weniger die Furcht vor einem Weltuntergang mit anhebender Ewigkeit von Himmel und Hölle ausgeprägt ist, desto biologischer, paradox also „ganzheitlicher“ werden die Weltrettungspläne, und, weniger paradox, desto politischer werden sie, wenn es um diese abzählbar wenigen Generationen geht, die wir vorausdenken können. Das beste Beispiel dafür ist die Klimapolitik, man lese Schellnhuber. Der teilt mit mir die Brennpunkte Moral und Verzweiflung, letztlich schreibt er ein begründetes und nachvollziehbares Regierungsprogramm. Genau betrachtet, will er nicht die Welt retten, sondern eine zivilisatorische Umkehr fordern,  zur Fortsetzung von Möglichkeiten zu leben, gut zu leben. (Wenn schon Erlösung, dann von der Dummheit, der Gier und anderen unangenehmen Produkten der Evolution, das muss man gar nicht so deutlich beklagen. Es geht um das richtige Handeln aus Gründen – Habermas‘ Begriff der Freiheit).  Solche wie Schellnhuber gibt es einige, nicht allzu viele, die alle die Themen bearbeiten, die aus den Problemen der Welt sich zwangsläufig anbieten. An ihnen werden wir noch weiter arbeiten können.

Die andere Art der Weltrettung, implizit auch politisch, aber ganz und gar nicht handhabbar, liegt in einer Fülle von Ratschlägen, die angeblich direkt aus der menschlichen Natur bzw. gerade der Natur rund um uns Menschen abgeleitet werden. Eine ganzseitige Anzeige in einem der besten kritischen Journale der Welt, der NYRB (9. Juni 2016), titelt: „The Book that Saves the World“ und wirbt für Jeremy Griffiths „Freedom – The End of the Human Condition“. Die Analyse menschlichen Verhaltens bietet den Schlüssel zur Rettung der Welt, meint der Biologe Griffith. Lassen wir die Inhalte…die können wir kostenlos herunterladen, obwohl das Buch überall zu kaufen ist. Eine Woche später liegt der ZEIT eine 45-seitige Broschüre bei, Eigenverlag von Klaus-Dieter Rauser: „Ist es schon zu spät, oder ist der Homo sapiens noch zu retten?“ (16. Juni 2016). Ich gehe deshalb nicht auf die Inhalte ein, weil sie entweder trivial sind – unabhängig von der Ableitung aus wissenschaftlichen Quellen und Statistiken – oder aber den Zweck ganz und gar von der politikfähigen Aneignung und Verwendung der Mittel trennen. Derlei gibt es viele Texte, und oft wird gleich eine Gemeinde mit missionarischem Eifergebot gegründet. Über Griffith gibt es eine kritische und wissenschaftliche Auseinandersetzung, die von seinem Endzeitmodell Abstand nimmt und die Begründungen angreift. Bei Rauser lohnt ein Zitat, um das Problem zu sehen: „Die Menschheit steht somit alternativlos mit dem Rücken zur Wand (sic!). Aber die Vision eines sich selbst regulierenden Systems, das die Menschen so akzeptiert, wie sie nun mal (!) sind, und sie gewaltfrei steuert, macht Hoffnung für den Homo sapiens und seine Musik. Mit diesem System würde sich die Menschheit, aus sich selbst heraus, allein durch einen Wandel im Denken die Möglichkeit einer Rettung verschaffen. – Warum eigentlich nicht?“ (S. 7). Da ist alles drin, einschließlich einer Syntax der letzten Dinge. Mit der Frage „Warum eigentlich nicht?“ sind wir schon bei Radio Eriwan.

Aber man muss sich über die heutige zivilisationskritische und meist kulturpessimistische Welle nicht einfach amüsieren, die ewige Neuauflage der teils esoterischen, teils positivistischen Umkehrpolitik mithilfe eines Masterplans zeigt eher, wie langsam die nach wie vor stattfindende Evolution im Denken vor sich geht. Oder aber: bis zum Ende sind wir noch nicht am Ende. (Inclusive einer Arbeitsweise wie bei Max Frisch: der Mensch erscheint im Holozän). Es evolviert uns weiter, unbarmherzig bis zum Ende, und zeigt ebenso grausam, dass wir ja noch nicht beruhigt, erlöst Rückschau halten können. Insofern sind Weltretter sentimental und belügen nicht nur sich selbst.

Die Ratgeber zur Weltrettung haben durch die Medien und kurzen Halbwertzeiten zwischen den preiswert mitgeteilten endgültigen Heilsplänen heute etwas leichteres Spiel als noch Rudolf Steiner. Was ich an diesen Kuriositäten sehr ernst nehme ist, welche Fragen sie absurd beantworten, was sie aufregt, warum sie sich als Weltretter verstehen. Das ist im Übrigen der wichtigste Unterschied zur politischen Perspektive für die jetzige und bestenfalls die folgende Generation, über ein Thema vermittelt, das das hinter ihm stehende Problem zu benennen versucht. Aber bei den eher seichten eschatologischen Visionären stehen oft Detailwahrnehmungen aus dem Puzzle der Unordnung Pate für ihre Rettungsphantasien. Wie die zusammenhängen, ist mir wichtig zu wissen.

Jede absehbare Katastrophe, die nicht nach Teilhabe- und Deliberationsregeln angegangen oder der nicht „vorgebeugt“ wird, ruft nach dem Ausnahmezustand. Wer Regeln entwirft, wie dem Desaster zu entrinnen sei, suspendiert meist die selbstverständlichen Grundrechte, v.a. das Recht, Rechte zu haben angesichts der tödlichen Gefahr. Wer den richtigen Plan für ein antizipierendes Verhalten hat, braucht Macht, es durchzusetzen. Was mich besonders beunruhigt sind Katastrophen, die herbeigeführt werden, damit man diese Macht bekommt.

Die Anthropologie berichtet vom Zusammenhang von Gesellschaft und Macht, jede Ethnologie geht auf diesen Zusammenhang ein und alle Gesellschaftswissenschaft kann ihn nicht aussparen – seltsamerweise kommt aber bei vielen politikwissenschaftlichen Analysen noch nicht der Begriff systematisch vor. (Implizit wird dann oft Herrschaft thematisiert, aber dass es die Macht ist, die maßgeblich die Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen in der Gesellschaft beeinflusst, dass Macht dieses große „Dazwischen“ ist, von dem Hannah Arendt auch oft denkt, kommt oft gar nicht vor. Ironisch sage ich den Kollegen der Politikwissenschaft dann, das käme davon, wenn Staaten als Akteure unhinterfragt ins Spiel kommen, und wie sich ein Staat die Macht denkt, das müsse man mir erklären).

Ungesättigt entfaltet sich der Katastrophenbedarf. Die Verstätigung der Krise, also perpetual crisis statt perpetual peace als Prinzip der Dynamik leitet weiter meine Kritik.

*

Man könnte den Brexit für eine wirkliche Krise halten. Ist er aber nicht, sondern ein Symptom, wie die Flüchtlinge, ein Symptom für ein wirkliches Problem sind, das es schon lange gibt. Es ist nicht nur ein Mangel an politischer Ausdifferenzierung und Evolution – siehe oben – dass man schlecht liberal die Wirtschaft dem guten Leben, der Zivilisation gegenüberstellt, dass die Fragen: wie wollen wir leben? Und Wovon wollen wir leben? Eben auch getrennt sind, sondern dass man meint, die Vision würde dadurch eingeholt, dass mit der Weiterentwicklung der Europäischen Union auch der Begriff von Europa wachsen und sich entwickeln würde. So ganz ohne Anstrengung zeigt sich das Rettende nicht.

Wo also ansetzen, um nicht unversehens in die alten Bahnen einzuschwenken und dann doch dort herauszukommen, wo ich nie landen wollte. Im politischen Feuilleton, so wichtig es sein mag, auch nicht in der disziplinierten, disziplinären Fachliteratur, und schon gar im Großen und Ganzen. Ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ein sehr frühes Buch hieß: Entstaatlichung und Veröffentlichung – mit Jürgen Lüthje und Henning Schrimpf (1991), damals ging es um Hochschulreform, und es war nicht mein bestes, und auch nicht ausgereift. Aber der Gedanke von damals hat bis heute getragen. Mit dem Staat kann man nicht alles erklären, was politisch und kulturell, sozial und moralisch eine Gesellschaft antreibt: heute sage ich, antreibt von Konfliktregulierung zur nächsten. Aber ich kann wenigstens dabei beginnen, ohne philosophisch zu werden und ohne die Wissenschaft auszusperren, ohne ihr gleich zu verfallen, in der „Wissenschaftlichkeit“ der Doxa, der legitimen Meinung. Veröffentlichung, das ist gar nicht leicht zu beschreiben: der Raum der politischen Verhandlung der Antworten auf meine beiden Fragen, wie wir leben wollen und wovon. Die Antworten gelten überall, nicht überall identisch, also global, aber nicht im Rahmen der Globalisierung – die ist ein Produkt einer bestimmten, weder unabwendbaren noch konsistenten Politik; die hat die Antworten nicht leichter gemacht. Zu behaupten, davor – vor der Globalisierung – sei alles besser und leichter zu beantworten gewesen, ist ebenfalls hybrid. Aber ohne hier kein dort. Ohne die überschaubaren Grenzen des Erfahrbaren, aus dem sich Intuitionen bilden, Assoziationen (andere sagen Träume, gar Visionen, ich bevorzuge Utopien) und das Ausprobieren des Verhandelbaren zum besseren Leben. Das ist nicht Heimat, das sind nicht der eigene Garten oder die Familie, das Dorf und der Bezirk, den man grad noch vom Kirchturm überblickt. Das Hier ist immer auch schon die Welt, bis hin zum finis terrae, zur Halbinsel, die ins Unbekannte vorstößt. Aber dieses Unbekannte als Dort auszugrenzen, ist vielleicht ein Anfangsfehler. Es gibt eine Menge, die wir nicht wissen und kennen. Aber es spricht nichts dagegen, seine Grenze dadurch auszuloten, dass wir beginnen bei dem, das wir wissen. Das ist ein klares Plädoyer gegen die Meinungen und Ahnungen, gegen das Gefühl von etwas anderem zu anderer Zeit (Degenhardt: Irgendwann, da komm ich gaaanz groß raus…). denken muss etwas wissen, und wissen, wo es nicht weiter geht. Hier beginnt die Politik.

*

  1. Juli. Hier wollte ich anders weiter schreiben, als es im nächsten Blog erfolgt. Gestern der Anschlag von Nizza. Gemessene abgewogene Kommentare von Experten, schnelle Nachrichten und manchmal das ungefilterte Leid von Angehörigen der Ermordeten. Es zeigt sich, was vorherzusehen war: Normalisierung, die Normalität erzeugt. Und ebenso zu erwarten: wütende Kritik an eben dieser Normalisierung. Ich schreibe die nächsten Blogs anders weiter als ich mir vorgenommen hatte. Und nicht unwichtig: was nehme ich mir vor und warum schreibe ich weiter?

Das noch hier, bevor ich die Leser*innen bitte, die letzten und die neuen Blogs weiter zu verfolgen. Es kann nicht sein, dass ich im öffentlichen Raum nicht sprechfähig bin, dass sich die implizite Zensur des Wissenschaftsbetriebs, dass sich implizite Korruption der regierungsamtlichen Lobbyunterwerfung, dass sich die Diskurstaktik der Nazis im Pluralismus der Blinden ausbreiten kann. (und natürlich: wer wenn nicht ich?).

Warum ich weiter schreibe: um einen anderen Weg zu finden als die Taubheit und Blindheit gegenüber dem, was wir wissen können und längst wissen müssten. Es ist sozusagen eine Stilrichtung, ein individuelles Genre der Eschatologie unsere derzeitigen Situation – ich schreibe an einem Totentanz. Von dessen bildlicher Darstellung machen sich viele ein falsches Bild, als tanzte der Tod allüberall, schon gar mit lebenslustigen Mädchen.

 

Nein, dieser Herr Tod ist eine besänftigende Erfindung, eine Konstruktion, für die vor allem gedacht, die ihm, dem Herrn, das Leben entgegenstellen. Aber Malraux hat Recht: es gibt keinen Tod, es gibt nur mich der stirbt. Es gibt nur uns, die sterben müssen, und das wäre nicht das Ärgste, würden wir nicht selbst gegenseitig so viel zu diesem Sterben beitragen. Nicht nur als Täter, Mörder, achtlose Verursacher vorzeitiegn Sterbens, sondern in ganz komplexe Netze eingebunden, in denen sich oft die Nebenwirkungen unserer Handlungen nicht absehen lassen – oder doch: aber gut verdrängen jedenfalls lassen sie sich. Also schreibe ich weiter.

Veterans and Deployment Returnees

Marburg University’s CENTER FOR CONFLICT STUDIES hosted the international conference on

                                                           DEPLOYMENT  RETURNEES

             Discourses and Living Worlds of an Emerging Social Group, 7-9 July 2016.

The program can be retrieved from https://www.uni-marburg.de/konfliktforschung/veranstaltungen_tagungen /rueckkehrer_innen

This is a short report on an unusually rich meeting. Some 40 scholars, advanced students and practitioners of various field, from 7 countries, produced a variety of presentations, panels and posters that set a baseline for the academic and political discourse on deployment returnees in Germany and opened a window for comparative and international exchange on field rather marginalized both in the academic and public spheres.

The conference followed the original call for papers and participation rather tightly. However, we regretted that there so few participants from the civilian deployment of NGOs, IGOs and diplomats, thus making the meeting concentrating on war veterans and returnees for out of area deployment. As a summary we can say that the conference brought remarkable insights in the lifeworld and environment of returnees, both under the aspect of their position in a private environment and a public sphere, where the construct “veteran” has become part of a very special discourse on peace and war, on being a soldier and becoming a veteran.

The keynote by David Jackson, from Exeter, set a tune: in his lecture on an alternative representation of the culture of war he asks for giving the returnees their voice and their “story of loss” (instead of pre-defining the space of discourse between normalcy and PTSD or other derangement). The experiences of returnees gave us a broad insight into the circumstances of the deployment and the reflections upon return, with a rather fundamental overview on the survey of German returnees (Anja Seiffert, Potsdam) and the questions about how to find a homeland again upon return (Lars Mischak, Rendsbrug).

One of the big questions is: who (and what) is a veteran? From legal definitions to subjective self-perception or logical constructs there were quite a few approaches. These definitions are pivotal for the issue of (re-)integration, for recognition by private and public environments, by social and cultural governance instances.

Very good comparative aspects were brought in by Marie Vivod, of Strasbourg, on Serbian politics, by Ken McLeish on the U.S. Veteran Treatment Court system, by Tatiana Prorokov Marburg) a with her U.S. critique of Irwin Winkler’s movie “Home of the Brave”, and the U.K. accounts by K.Neil Jenkings and David Jackson. The perception of danger by ex-combatants in Sierra Leone was exemplified by Anne Menzel. Of course, the special situation of Germany’s making of a new social group was a subtext of most discussions.

It was a conference that enriched the fields of military and political sciences by anthropology, history, ethnology, linguistics and sociology. Contributions by Maximilan Jablonowski (Zürich), Klaas Voss (Hamburg) and Michael Galbas (Konstanz) demonstrated the rich multi-aspect format of the debate. This interdisciplinary approach is confronted with a certain disinterest by politicians and media and a single issue attentiveness, when a family or a particular group is confronted with a veteran’s fate.

Sidekick: Two days after the conference, I presented some of my research on veterans to faculty from U.S. community colleges (GCA 6 Meeting in Potsdam, Germany)[1]. 80% (!) of the participants (N=50) have relatives or close friends who are veterans!

Germany seems to be behind the state of the art in research on returnees and veterans. The reasons are certainly to be found in the post WWII past of the German perception of war and peace, and the difficulties to discuss military traditions after the Bundeswehr has been established in a wider context (even bigger problems appeared with the GDR’s National People’s Army). But the recourse to the past will not suffice in understanding a certain mixture of apprehension and disinterest by the German politicians, media and broader public when it comes to veterans. This is a problem of the present self-perception of the German society. One example can be regarded as typical: The perception of veterans is closely linked to the perception of legitimacy of a respective intervention or deployment. The person is incorporated into political opinion, while elsewhere, the care for and empathy with veterans is frequently detached from the judgment on legitimacy and adequacy of a military intervention. This makes it also difficult to get a differentiated discourse on war and peace inside the peace camp. The contextualization of the veterans‘ interpretation of their personal and institutional experience in war is still a wide field for science and public discourse.

The conference will be a step towards a network of researchers and practitioners. We shall try to publish a selection of contributions to the conference, and we will try to attract the interest and awareness of a broader academic and social communities, also in order to give the returnees their voice.

Acknowledgements: the conference was well organized with the support of quite a few collaborators from the CCS and the Universities of Marburg and Berlin. The location in the brand new building of the German Language Atlas was splendid. The Conference was supported by the Heinrich Böll Foundation (Hessia) and the Catholic Military Mission (Berlin).

 

[1] Information : info@GlobalCitizenshipAlliance.org; http://globalcitizenshipalliance.org/calendar/faculty-administrators/

A E I O U

Austria erit in orbe ultimo – Bis zuletzt wird Österreich auf dem Erdball bestehen. AEIOU – vokal- und anspielungsreich ist dieses Land, hunderte Variationen beginnen mit „Allen Ernstes ist Oesterreich u…“, meistens „un….“. Nicht lustig, nicht einmal für Patrioten.

Jetzt haben wir (Österreicher) endlich einen guten Bundespräsidenten, Alexander van der Bellen, der muss optimistisch in die Wahlwiederholung gehen. Die Nazis haben erfolgreich die Wahl angefochten, mit guten juristischen Gründen, die sie aber schon vor der letzten Stichwahl hätten vorbringen können; aber da hatte ihr Kandidat Hofer, der weichgespülte Nazi, noch aussichtsreich vorn gelegen. Jetzt ist Hofer, als einer der drei Nationalratspräsidenten, interimistisch schon Präsident.

Zu meiner Begrifflichkeit für FPÖ und Hofer: Ich habe mich in meinem Blog mehrfach mit dem Nazi/Faschismusbegriff auseinandergesetzt. Ich verwende ihn ziemlich unemotional, sozusagen immer an der Schwelle zum Wahrheitsbeweis. Wenn ich die FPÖ nazistisch und Hofer einen weichgespülten Nazi nenne, dann sind mir Unterschiede in der Erscheinungsform gegenüber der Zwischenkriegszeit vor 1933 bzw. 1938 schon klar. Aber es geht hier um die Rhetorik, die diskursiven Strategien dieser Leute – und da reicht der Begriff national-populistisch nicht aus, weil es in dessen Feld auch etliche unerfreuliche Typen gibt, die nun mit Nazis nichts zu tun haben.

Natürlich lässt er sein Amt nicht ruhen; natürlich hetzen er und seine Gesinnungsgenossen weiter und natürlich gibt ihm der Brexit Aufwind.

Österreich wird seine Diktaturen nicht los, die Krukenkreuzler (Austrofaschisten) und die Hakenkreuzler (Nazis), und gerade weil sich eine knappe Mehrheit nach 1945 doch demokratisch hat weiter entwickelt, ist die hinterhältige Wut der alten neuen Nazis verständlich (das sind keine Neofaschisten, die suchen keinen autoritären Staat, sie suchen eine Identität, die sie in Österreich ethnisch schwer begründen können, deshalb konstruieren sie umso unverhohlener – weitgehend mit den alten Mitteln).

Aber Österreich hat eine Art von Resilienz entwickelt, ich würde gern sagen, immer schon, aber das war ein anderes Österreich gleichen Namens, vor 1918, vor 1945; aber der Widerstand ist sprachmächtiger – im Vergleich – als er in Deutschland war, weil er durchschaut, welches Danaergeschenk die Alliierten dem Land gemacht hatten, als sie es 1943 zum „ersten Opfer“ der Nazis erklärten.

Warum rege ich mich so auf? Es kann ja wieder noch einmal gut gehen? Die beiden großen Volksparteien (dass ich nicht lache: Kräwägerln sind die, schaffen noch nicht einmal eine Wahlempfehlung für VDB, man könnt es ja einmal mit der FPÖ versuchen, denkt da manch einer), die beiden Volksparteien also sind schwindsüchtig unerheblich, lass sie regieren, herrschen tun längst andere. Bin ich doch ein Patriot? Nein, aber ein Österreicher, dem das Haben keiner nationalen, schon gar ethnischen Identität den Vorsprung eines Kosmopolitismus verschafft hat, auf den sich ein Teil des guten Lebens aufbauen lässt, in Wien oder Berlin. Natürlich rege ich mich auf, auch weil die Rechten in Österreich sich nicht anders aufführen als die Orbans, Kaczinskys, Zemans, Ficos…und kommen sie doch irgendwie aus der gleichen Ursuppe, aus der auch Österreich kommt.

Lest, Leute, lest, lest Karl Kraus, Joseph Roth, Bernhard, Jelinek, Menasse, lest auch, was uns 1968 in Deutschland gefehlt hat. Lest Freud und Bachmann. Auch damit unterstützt man einen, der selbst anständig widerständig ist.

Entwurzelung

Die Kommentare nach dem Brexit überschlagen sich. Mein hier immer wieder vorgebrachtes Lob des Feuilletons gerät ins Schlingern, und meine Verwunderung über die Schwäche der Politikseiten in den Medien fühlt sich bestätigt. Das Schwanken zwischen „Es muss etwas geschehen“ und „Kannst eh nix machen“ – sonst nur ein österreichischer Wahrspruch – ist zum Habitus geworden. Analyse braucht nicht nur Zeit, sondern auch Gedanken. Es hat den Anschein, als wäre eine gewisse Amnesie eingebrochen in die Denkmuster.

Und jetzt mische ich mich auch noch ein. Aus einer gewissen erzwungenen äußeren Gelassenheit, die daher rührt, dass ich mir ziemlich viel an den Reaktionen erklären kann, aber die Politik nicht so recht verstehen will im Rahmen der politisch korrekten Rationalität, der Vernünftigkeit, nach der alle rufen.

Ich nehme eine Antinomie heraus, eine von großer Tragweite. Alle anti-europäischen Ressentiments und lokalen Politiken richten sich gegen die Eliten, die kritischen Intellektuellen, das „Establishment“. Als Ausgangshypothese ein Stück weit tragfähig. Wer trägt diese Politiken? Das Volk, der Souverän, der nicht genügend von den Herrschenden (? Wer herrscht) beachtet, respektiert fühlt, wählt rechts. Die Eliten sind aber alles andere als links. Und schlimmer noch in den Augen des entrechteten Souveräns: sie beanspruchen nicht nur die Deutungshoheit, sie üben sich auch als Protektoren der Abgehängten; prekären. Dieses Muster ist plausibel, aber mehr auch nicht.

Ein Exkurs: das oft anrührende, sehr aufrichtige Buch von Didier Éribon „Rückkehr nach Reims“ (Suhrkamp 2016) nehme ich zur Hand, um ein Gefühl, ein Sentiment, wachsen zu sehen, das ich auch kenne, aber anders deute: „So widersprüchlich es klingen mag, bin ich mir doch sicher, dass man die Zustimmung zum Front National zumindest zum Teil als eine Art politischer Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jednefalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten“. (S.124).

Sehr ausführlich beschreibt der schwule Wissenschaftler Éribon, der aus einer „echten“ Fabrikarbeiterfamilie stammt (*1953), wie der Verlust des Klassenbewusstseins diese Umorientierung bewirkt hatte. Da er aber ziemlich ausführlich und stimmig die Kommunisten als Sammlungsort dieses Bewusstseins kritisiert, ist der Schwenk nicht einfach mit Individualisierung oder dem Gefühl des Verrats zu erklären. Es muss eine Verbindungslinie zwischen den klassenkampf-Rhetoren der Kommunisten und dem anti-kommunistischen rassistischen Front National geben. Aber nicht, was milde Ausgleicher denken: es ist halt doch recht = links und umgekehrt; viel wahrscheinlicher ist, dass die Habitus der Organisation von Klasseninteressen (Arbeiter und nachfolgende Lohnabhängige) und von Herrschaftsanspruch (völkische Suprematie) verwandt sind. Für die Arbeiter ging es wirklich um Teilhabe und dem Aufstieg von der Einzimmerwohnung zur Vierzimmerwohnung und Urlaub; das kann mehr oder weniger demokratisch, partizipativ etc. geschehen sein, solange es ein einigendes Motiv gab. Solche Arbeiter gibt’s halt nicht mehr, und die „Lohnabhängigen“ fassen das Problem nur teilweise. Vor allem sind die Umverteilungskämpfe oft nicht „politisch“. Bei den „Rechten“ geht es um Anerkennung, Teil – untergeordneter Teil – einer alternativen, aber dann alternativlosen Herrschaft zu sein. Stichwort: Partei statt repräsentative Demokratie. Um das Volk hinter sich zu bringen, muss die völkische Bewegung nur echte Probleme in solche Themen einpacken, für die die bürgerlich-sozialdemokratische größte Koalition der Konsensdemokratie keine Lösungen (Probleme) oder keine diskursive Strategie hat (Ängste der Bürger, Stimmungsdemokratie, aber auch Lobby- und Korruption auf höchster statt durchschnittlicher Ebene).

Éribon habe ich zitiert, weil er noch etwas Heikles thematisiert: als Schwuler in schwierigerer Zeit hat er sich auf die Emanzipation der Minderheit wissenschaftlich konzentriert und dabei die Klassengeschichte, auch seine eigene, entpolitisiert. Nicht sein selbstkritischer Aspekt interessiert mich, sondern die implizite These, dass die neue Ungleichheitsdebatte die alten Klassenantagonismen nicht ersetzen kann, und dass es eine Entwurzelung der Nicht-Eliten gibt, die mit dem Schrumpfen des Mittelstands, dem Zentrum der bürgerlichen Klasse – Citoyen UND Bourgeois – sich an formale Kollektive, mit deren einzeln „Programmen“ sie nicht übereinstimmen mussten/müssen eher wenden als an die formal „zuständigen“ Parteien. Es gibt durchaus einige Kommentare, die das aufgreifen. Aber es wäre sinnvoll, diese Analysen zu verfeinern, und vor allem die Ungleichheitsdebatte viel stärker auf die Habitusdifferenzen als nur auf die wiederkehrende Kapitalismuskritik zu konzentrieren.

Wir, ich und meinesgleichen, haben nicht Éribons Klassenhintergrund, wir mussten die Distanz zum imaginären Proletariat nie überwinden, darum konnten wir uns von ihm ebenso imaginäre adoptieren lassen. An uns hat die neue Rechte auch weniger Interesse, sie adoptiert die allein gelassenen Überreste anderer Klassen. Übertragen wir Bourdieus Begriff des Deracinement, der Entwurzelung, differenziert auf heute, dann können wir vielleicht besser erklären, warum der Kampf gegen das Establishment ein so wirkungsvolles Motiv ist, sich einer Bewegung anzuschließen, die alle Türen abschließt.

Ich kann eine Figur gut nachvollziehen: wir haben 1968 uns der Arbeiterklasse angemutet, weil wir eine Vorstellung von ihr hatten, die schon den Keim einer Konsenspolitik (ob Ergebnis von Revolution oder irgendeiner Volksfront) in sich trug. Uns hat es wenig gekostet, uns im Feld der Deutungshoheit und der intellektuellen Eliten festzusetzen. Keine Selbstbezichtigung, weil eben dies ja auch viel verändert hat: Schulen, Strafrecht, Ökologie. Keine Zufriedenheit, weil nicht hingeschaut haben, wie diskriminiert Wurzelnde entwurzelt wurden.