Trump begnadigt!

Man sagt, dass Trump begnadigt wird, wenn er sich im Gefängnis gut aufführt. Macht doch keine Vermögensprüfung draus…seid menschlich! Psychiater, Geheimdienstler und wahllos aus dem amerikanischen Volk, weiße, übergewichtige NRA-Mitglieder und evangelikale Lautsprecher, haben sich in einer Petition für die Begnadigung des amerikanischen Despoten ausgesprochen. Hintergrund ist seine Verurteilung wegen sexueller, rassistischer und wirtschaftlicher Straftaten. Auch habe er – ständig angegriffen und nicht wirklich in der Lage sich zu verteidigen – selbst ein Beispiel gegeben, dass auch Verbrecher begnadigt werden können. Kennen wir ja aus der Bibel…Warum sitzt Trump im Gefängnis? Ach, Kleinigkeiten, Hochverrat, Beleidigung echter Menschen, Grapschen an unzumutbare Körperteile, Betrug beim Notieren von Golf-Resultaten (Golfkrieg), Krieg und Diskriminierung an der Grenze, Klimasünden und weitere Missetaten, nicht zuletzt hat er über 50 hohe Staatsbeamte im Lauf von nur drei Jahren arbeitslos gemacht. Also hatte ihn das oberste Bezirksgericht von Washington zu 3 Jahren 5 Monaten und 4 Tagen schwerem verschärftem Kerker mit Fasttagen und Dunkelhaft an jedem Jahrestag einer Untat verurteilt (Quelle: Kellyanne Conway, berühmte Nachweiserin alternativer Fakten). Anlass meiner Recherche ist die folgende  Meldung:

Aus orf.at 16.11.2019

S-Präsident Donald Trump hat einen wegen Mordes verurteilten und einen des Mordes angeklagten Soldaten begnadigt. Zudem nahm er die Degradierung eines weiteren Militärangehörigen zurück, wie das Weiße Haus heute (Ortszeit) mitteilte. Die Entscheidung wurde von ehemaligen US-Militärvertretern scharf kritisiert. Oberleutnant Clint Lorance war zu 19 Jahren Haft verurteilt worden, weil er 2012 in Afghanistan den Befehl gab, auf drei unbewaffnete Afghanen zu schießen. Zwei von ihnen starben. Sechs Jahre seiner Haftstrafe hat Lorance bereits abgesessen.

Dem ehemaligen Elitesoldaten Matt Golsteyn war vorgeworfen worden, 2010 einen mutmaßlichen Bombenbauer der Taliban vorsätzlich erschossen zu haben. Auch er wurde nun von Trump begnadigt.

Kritik von ehemaligen Militärangehörigen

Zudem hob Trump die Degradierung des Navy Seals Edward Gallagher auf, dessen Fall für Aufsehen in den USA gesorgt hatte. Er war beschuldigt worden, einen gefangenen Kämpfer der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) im Irak ermordet zu haben. Gallagher wurde auch vorgeworfen, auf Zivilisten geschossen zu haben. Im Juli sprach ein Militärgericht ihn weitgehend frei. Der hochdekorierte Elitesoldat wurde lediglich schuldig gesprochen, neben der Leiche des toten IS-Kämpfers für ein Foto posiert zu haben.

Belohnt die Milde und bestraft nicht die Engherzigkeit!

Alle, die Trump für einen bösen, hartherzigen Tyrannen halten, sidn widerlegt. Mörder muss man begnadigen, Folterer, Vergewaltiger, Räuber….kurz alle, die von der Justiz unbarmherzig verfolgt werden. Trump ist barmherzig, that’s all. Und deshalb sollten wir ihn erst einmal ins Gefängnis bringen, damit wir ihn dann begnadigen können. Weihnachten steht vor der Tür.

 

Der Große Krieg. Eine Rezension.

Eine meiner seltenen Rezensionen. Soviel Krieg und Unglück wird auch privater verarbeitet, berichtet und beschwiegen. Wenn man einmal Einblick erhält in das Leben von Menschen, die vom Krieg umgeben sind, kann das zu nachhaltigen Erkenntnissen führen. Mit meiner Kollegin Gunilla Budde hatte ich viele Diskussionen zu diesem Thema, jetzt hat sie ein Buch herausgegeben und geschrieben, das viel Bewusstsein von Zeit und Geschichtsbewusstsein vermittelt.

Gunilla Budde: Feldpost für Elsbeth. Eine Familie im Ersten Weltkrieg. Göttingen 2019 (Wallstein). ISBN 978-3-83533526-4

Briefe aus der Kriegszeit, noch dazu aus der eigenen Familie, sind so wenig selten wie stets Anlass, die eigene Position zu überprüfen. Was habe ich damit anderes zu tun als wenn diese Briefe von völlig Fremden geschrieben worden wären? Wie verändert sich die Forschung an ihnen, schon von Anfang an?

Diese Fragen der Subjektivierung und ihrer Grenzen sind interessant, weil ja Krieg und Überleben der eigenen Familie in einen Zusammenhang gebracht werden müssen, der jenseits des persönlichen Bezugs eine Botschaft oder wenigstens Bedeutung für nachkommende Generationen deutlich machen soll, wenn die Sammlung und Forschung über bloßes Dokumentieren hinausgeht.

Briefe aus dem Krieg gibt es genug, auch Vergleichendes. Aber die subjektive, genalogische Edition ist da schon etwas anderes. Zugleich geht es, so seltsam es ankommt, nicht so sehr um den konkreten Krieg, als um seine (sekundären) Eingriffe in das bürgerliche Leben. Das mag daran liegen, dass ja keine ausländischen Truppen in Deutschland gegenwärtig waren, aber auch daran, dass zwischen Kargheit, die allenthalben zu spüren war, und Not, die die Familie noch nicht erlebt hatte, ein großer Unterschied war. Briefe schreiben als Tugend, aber auch als Selbststütze, ist ein wichtiges Element. Der Brief bindet an die engsten Verwandten und an das Milieu. Was an den Briefen auffällt ist die häufige Erwähnung des Todes von Verwandten und Bekannten, aber wenig Empathie und gar einen Bezug zum Sterben. Der Tod ist eine Art ritueller Konstruktion. Nur Ernst, der früh gefallene ältere Sohn, ist da in Mutter Elsbeths Briefen eine Ausnahme, was wiederum den jüngeren Bruder kränkt, in den zurückgenommenen Bahnen des habituellen Benehmens.

Gunilla Budde, Historikerin an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und einschlägig ausgewiesen, veröffentlicht und kommentiert Briefwechsel ihrer Urgroßmutter (Elsbeth) mit ihren Söhnen – Ernst, dem Gefallenen, und Gerhard, dem Überlebenden, ihrem Großvater. August 1914 bis November 1918 umfasst die Zeitspanne, und hier liegt ein wichtiger Aspekt: es geht nicht um die Familienchronik „an sich“. Um uns zu orientieren, tun wir gut daran, mit dem Ausblick zu beginnen (S. 563 ff.); Elsbeth und Gerhard werden sich auch im zweiten Weltkrieg Briefe schreiben, aber die sind hier nicht dokumentiert. Es geht um die vier Jahre, in denen sich eine wirklich schlafwandlerische Privatheit (vor allem bei Ernst) in eine wache, resignierte, aber nicht „hoffnungslose“ Klarheit wandelt. (Wir müssen fast zwangsläufig an Clarks „Schlafwandler“ (2013) denken, und wie sich ein schlafwandlerischer Habitus in einzelnen Personen so ganz anders ausdrückt als in der Strukturgeschichte).

Der erste Teil des Buchs ist mit „Ernst“ überschrieben. Ein Jahr nach Kriegsausbruch fällt der ältere Bruder Ernst in Polen, nachdem er den Krieg erst in Belgien und Frankreich begonnen  hatte (Ich schreibe bewusst, er hätte ihn „begonnen“, weil sich sein Habitus in einem selbstbewussten Erfassen von „allem“ um sich herum beginnen lässt, was nach kurzer Zeit diese Ganzheit nicht mehr erlaubt). „Die Kirche und die umliegenden Häuser waren vollkommen zerstört. Die Gegend wird immer schöner“ (17.9.1914). Unmittelbar nach Ernsts „Feuertaufe“, im selben Brief, schreibt er: „Die Stadt ist wundervoll“: Er requiriert für sich wertvolle Kleidungsstücke: „Ich lebe hier wie im Schlaraffenland“.  Von solchem Realismus finden sich viele Stellen. Bevor ich verurteile, stelle ich nur trocken fest: Habitus schlägt ethischen Subjektivismus.

Gunilla Budde schaltet sich immer wieder zwischen den Briefen ein und kommentiert nicht nur, sie schreibt sozusagen einen Basso continuo zur Melodie der Briefe.  Knapp und genau beschreibt sie, was die Befindlichkeit von Ernst verallgemeinern kann: „Anders als die Propaganda verhieß, vertiefte der Weltkrieg die Klassengräben, klafften Welten zwischen den einfachen „Feldgrauen“ und den Offiziersrängen“ (S. 36). Man wird nie einfach ins Familienschicksal hineingezogen, oft tritt die mögliche Empathie hinter die Sicht auf die Systemumgebung zurück.

Buddes große Leistung besteht darin, textnah an den Briefen das Eindringen des Bewusstseins vom Krieg (Diskurs) und seiner sozial-ökonomischen Realität zu vermitteln, und damit auch die zunehmende Brüchigkeit und Elastizität der bürgerlichen Gesellschaft zu beschreiben und zu erklären. Das Erklären ist eine besondere Stärke von Gunilla Budde, und es erleichtert auch den Durchgang durch viele stereotypische Passagen der Briefe. Es lohnt, im Briefwechsel von Ernst in den ersten Kriegsmonaten, so etwa bis Ende Oktober 1914, ganz versteckte Subtexte zu entdecken, die sich unter das „Es geht mir gut“ mischen bzw. in die retardierten Briefe sich einschleicht. Die ersten Toten, die vielen Toten, die Schuldzuweisungen (an England) und die stereotypen Vaterlandsanrufungen können noch eine Zeitlang täuschen. Wie sie überleben und nach 1918 wieder auftauchen, ist auch eine Lektion (Bei Mutter Elsbeth und Bruder Gerhard). Und Gott: die Anrufung ist nur mehr knapp über der Grußroutine. Dass der Subtext einen gespenstischen Pragmatismus trägt, kommt dazu – wäre der Sohn gefallen, bräuchte er keine Wäsche mehr, und ähnliches (S. 138). Krieg als Normalität. Und Stunden vor seinem Tod wiederholt ein häufiger Eingangssatz von Ernst „Es geht mir ausgezeichnet“. Und dann die mehrfache Einrahmung der Erzählung vom Tod des Sohnes. (Hier ist wichtig anzumerken, dass das Sterben etwas anderes ist als die festgeschriebene Notation der Konstruktion „Tod“ , die wie eine Barriere dazu dient, die ganze Wirklichkeit nicht an die Mutter, an die Familie, heranzulassen).(215ff.) – bis hin zum dauernden Gedenken an den Toten in den Briefen an den lebenden Gerhard (248ff). Das Muttersohn (Ernst) und Vatersohn (Gerhard)-Motiv ist eine kluge Introspektion der Familie, man hätte es gerne weiter ausgeführt gesehen. Beide Brüder übrigens haben einen zunehmend markigen, fast unhöflichen Ton gegenüber den Eltern angeschlagen, wenn es um Forderungen von Geld, Ausrüstung, und Nahrungsmitteln ging: das kann man auch erklären mit der Mittelstellung, die die beiden in einer militärischen Formation hatten, die noch nicht nach „oben“ (Adel, Offiziersrang), aber auch nicht weiter nach „unten“ (einfache Soldaten) ausgerichtet war. Ich lese da auch einiges unterdrückte Klassenbewusstsein hinein, aber es ist schwierig zu präparieren. Zugleich sind der oft brüsk fordernde Ton von Gerhard und die Reaktionen der Eltern kein Grund, die Brief- und Paketfolge weniger intensiv zu gestalten. Was sich gehört und was man will, sind zwei verschiedene Sachen (323-324). Der Briefverkehr geht auch nach Gerhards Verwundung (Dezember 1916), er verliert das rechte Auge, unvermindert weiter. Überlebt zu haben wird zur Rechtfertigung der Routine genommen, am Rahmen nichts zu ändern. Die Heilung geht überraschend schnell voran, am Habitus und Duktus der Briefe hat sich nichts geändert. Nach wenigen Wochen, im Februar 2017, steht aber da, wie ein Resümee: „Ich habe mich entschieden, Landwirt zu werden, da ich dazu nicht das Examen brauche und trotzdem als Offizier eine sehr gute Stellung überall einnehmen kann. Und allgemeine Bildung lerne ich in den Jahren auch nicht dazu“ (444). In der Monotonie des Ersuchens um Pakete und Briefe und gelegentlicher Verhaltensmodifikation mischt sich immer häufiger ein Subtext des bald verlorenen Kriegs hinein: jetzt soll der Sohn für die Eltern hamstern (474).  Der Sommer 1917 ist die Zeit der Reife zum Erwachsenen, und jetzt zeigt sich, wie breit der Korridor der persönlichen Konfliktregelung beim Militär ausgenützt wird, und wo die starren Klassen- und Milieuschranken noch haltbar sind. Nunmehr als Leutnant, holt Gerhard seine Gymnasialzeit nach, das liest sich teilweise unfreiwillig komisch, und Gunilla Budde versäumt in einem Kommentar auch nicht, auf die „Feuerzangenbowle „ hinzuweisen (508). Die Monate in Oldenburg lesen sich nicht wie Krieg. Gerhard kommt in die „richtige“ Umgebung, erhält das EK I, hungert nicht. Auch zu Hause, in Herford, scheint sich das Leben weiterhin angemessen leben zu lassen. Die Dienstmädchengeschichten, die Vorbereitung der Silbernen Hochzeit der Eltern, die lokalen „Umstände“ klingen so, als ob der Krieg wie ein Panorama vorbeizöge bzw. gezogen wäre. Das Coming of Age des Gerhard, der 21 Jahre alt ist, mit den mütterlich eingeholten Erkundigungen und der massiven Kränkung des Sohnes sind Ausdruck auch einer Gesellschaftsschicht, an der die Zeit etwas vorbeigegangen ist, oder die sich um sich selbst dreht. Gunilla Buddes Zusammenfassung dieses Zeitabschnitts spricht Bände: „Im September ist der Haussegen wieder im Lot. In Herford steht eine reiche Birnenernte an. Ernsts Einziehung jährt sich zum vierten Mal, auch junge Frauen sterben, Waldemar Heckmann, der rührige Warschauer schickt Speck. Diese bizarre Mischung von Profanem und Tragischen ist im Kriegsalltag zur Normalität geworden“ (550). Das könnte Karl Kraus so kommentiert haben. Der letzte Brief der Sammlung endet unfreiwillig komisch in seinem Pathos: „Nun soll es mich gar nicht wundern, wenn die Engländer hier oben zu landen versuchten. Wir sind jetzt zum Sklavenvolk geworden“ (561). Aus Oldenburg, 7. November 1918.

Nun sollten die LeserInnen wieder zum Ausblick zurückkehren, der sich jetzt  profunder und erklärungsreicher liest. Gunilla Budde hat sparsam kommentiert, was den Briefen mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, und mir jedenfalls, ein großes Erschrecken über den schmalen Weg, den das Bürgertum damals noch so selbstbewusst mit seinen Scheuklappen gegangen ist. Ich fand im Übrigen die Briefe der Mutter weit informativer und anregender als die der Söhne. Ein Lehrbuch erster Klasse.

 

 

Jüdischer Einspruch XII: Israel, schon wieder?

Mir reicht es…aber was will man tun?

Ich halte es für ANTISEMITISCH, wenn Ereignisse und Sachverhalte zusammengebracht werden, deren Verbindung entweder besteht, aber hochkomplex und auf verschiedenen Ebenen abgehandelt werden müssen, wenn sie wichtig sind; oder aber wenn diese Ereignisse zufällig oder nicht im Zusammenhang stehen.

Wichtig sind die Ereignisse allemal:

  • Die Kennzeichnungspflicht von Waren aus den besetzten, nicht zu Israel gehörenden Gebieten
  • Die gezielte Tötung eines Djihadführers, der für Bombenangriffe verantwortlich ist, nebst seiner Frau
  • Die dauernden Bombardements, die vom Djihad und nicht von Hamas kommen dürften, und zwar vor und nach der Tötung des Djhihadführers

Die Kommentare sind auch dann antisemitisch, wenn sie genau das als Anlass und Perspektive von sich weisen. Infam etwa die Stellungnahme ausgerechnet der Frau von Storch von den Nazis der AfD. Fangen wir dort an: das Internet weist zahlreiche Stellungnahmen „pro Israel“ von dieser AfD Abgeordneten nach, und die sind allesamt überprüfenswert. Denn worum geht es bei der pro-israelischen Position von Rechtsradikalen? Erst macht euch selbst ein Bild von Storchs Position, die Glaubwürdigkeitsprüfung kann nur aufgrund der Analyse ihrer Aussagen erfolgen: https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=von+storch+israel

Dann aber zur Beantwortung der Frage: Israel ist kein Judenstaat. Es ist im Rahmen einer konstruierten, meist ethnisch, oft ethnisch-religiösen Notierung ein jüdischer Staat.  Die jüdische Bevölkerungsmehrheit ist noch keine Definition dessen, was jüdisch ist und was es in der Meinung verschiedener Parteien sein soll. Da kann, muss sich einmischen, wer sich als jüdisch versteht, aber sich nicht von Antisemiten zum Juden machen lassen will.

Warum man sich die Weinproduktion im besetzten Gebiet aussucht, um das Urteil der Kennzeichnungspflicht zu sprechen, hat zwei Seiten: polit-ökonomisch, marktwirtschaftlich, auch ethisch ist das Urteil nicht nur korrekt, sondern überfällig. Westjordanland ist nicht Israel. Übrigens wurde es ja durch die Klage eines dort tätigen Winzers provoziert (nachprüfen, bitte); die andere Seite ist fatal: wieder einmal Israel. Es gibt n+1 Territorien, die gegen die marktwirtschaftlichen Handels- und Ethikprinzipien verstoßen. Das ist so ähnlich wie die menschenrechtliche Verurteilung Israels durch die Vereinten Nationen: ja, Israel bricht Völkerrecht, und das tun n+1 andere auch, aber Israel exemplarisch zu verurteilen, ist antisemitisch. Mit dem Kennzeichnungsurteil ist es sogar weniger aufgeladen als mit der Handhabung der Menschenrechte, aber klar: Wein aus den besetzten Gebieten ist so wenig Made in Israel wie Sekt von der Krim aus Russland kommt. Dass ich oder andere ihn trotzdem kaufen können, setzt nur einige Entscheidungen voraus, die kann man dann rechtfertigen oder auch nicht. Aber nicht sich selber dumm stellen.

Zufällig geschieht das am Tag der gezielten Tötung von al-Ata. Vom Zufall kann man abstrahieren. Gezielte Tötungen sind immer – nein, meistens – unzulässig, moralisch falsch, meist mit eskalierenden Konsequenzen, und politisch dumm. Ich sage: meistens, denn es gibt Fälle, da macht das Attentat nachweisbaren und exzeptionellen Sinn, um eine unverhältnismäßig größere Untat zu verhindern. (Im vorliegenden Fall muss man die Raketenbeschüsse analysieren, um darüber nachdenken und sprechen zu können). Dass nach einem Tag eskalierender gegenseitiger Gewaltakte heute (14.11.) offenbar eine Art Waffenstillstand vereinbart wurde, mit Ägyptens Hilfe, ist ein Hoffnungszeichen. Aber zu den gezielten Tötungen, in die Israel miteinbezogen ist, sollte man Ron Bergmans „Schattenkrieg“ (Bergman 2018) lesen, um von den Dimensionen eine Vorstellung zu bekommen. Und dann weiterdenken: warum gerade vom Gaza aus so heftig geschossen wird? Warum der Iran hier aktiv beteiligt ist, obwohl gerade diesem Land an der Hilfe des europäischen Westens gegen die USA gelegen sein müsste, woher die Grenzziehung des Gaza stammt und wie die Verantwortung dafür über die Jahrzehnte verdrängt wird usw.

Ich kann gar nicht heftig genug Netanjahu als Person und seine Politik kritisieren. Aber wenn ich das außerhalb der antisemitischen Klischees (es gibt mehrere) mache, dann muss ich die als Mantel für Beurteilungen aufheben.

*

Warum mögen manche Rechtsradikale Israel so sehr? Wenn sie das Land nicht als jüdischen Staat im Sinne des antisemitischen Paradigmas begreifen, sondern als starken, wehrhaften Staat gegen zB. den Islam, die Herkunftsländer der Migranten, oder aber als Ort, der aus Minderheitspositionen Heldentaten  produziert (so links wie rechts 1967 mit Moshe Dayan geschehen). Das ist eine Globalisierung des David vs. Goliath-Modells. Hieraus erklärt sich, warum viele Linksradikale und Linksmitten Israel wahlweise ablehnen oder auch mögen, ziemlich unabhängig davon, ob und wie antisemitisch sie sich verstehen. Dieser Satz relativiert nicht. Er ist nämlich auch auf die Palästinenser anzuwenden, selbst wenn die sich nicht als „semitisch“ begreifen, aber auch das hat seine Geschichte und seine Folgen. Ich werde nicht müde darum zu bitten, die „Palästinenser“, also die Palästinenser, so zu dekonstruieren wie Israel und die Israelis. Dann und nur dann wird man verstehen können, dass der Konflikt auf der weltpolitischen Ebene seine Schuldigen Generationen weit zurückverfolgen muss, aber der sozio-kulturell-politisch-ökonomische Konflikt zwischen Gruppen sich abspielt, die nur sehr vermittelt mit dem ersteren zu tun haben. Da muss man Ein versus Zwei Staatenlösungen, da muss man die Rollen und Funktionen der PolitikerInnen, die Demokratie und den Willen zu ihr, die Gewalt und den Willen zu ihr verstehen können…und, das ist die Pointe, dann und nur dann kann man den Antisemitismus der rechten Israelfreunde auch erklären, nicht billigen.

 

Bergman, R. (2018). Der Schattenkrieg. München, DVA.

 

Wir machen den Kalender

Der 9. November ist vorbei. Ich empfinde eine gewisse Erleichterung, und, im Anschluss an meinen letzten Blog zum Thema, auch ein Bedürfnis, mit dieser Ambiguität des Datums weiter zu leben. Das hat mich lange verfolgt.1996 habe ich in einem Schulbuch einen Essay beigetragen: Schicksalstage in der Geschichte werden gemacht: (Daxner 1996). Ein Leitmotiv übertrage ich: die übersetzte Gedichtzeile des Mordechaj Gebirtig (1977-1942):“..Und ihr steht und schaut zu mit verschränkten Händen“. Gestern und vorgestern waren die Medien voll von Berichten über Veranstaltungen, über Aufrufe, Erinnerungen, glückselige Momente, gute Reden (Kanzlerin, Marianne Birthler,, Steinmeyer etc.) und allen Arten von Erinnerungskultur….30 Jahre zu 1989. (für mich wirklich erschreckend, wie nahe 1968 („Wir“) zu 1945 war, und 1938-1968 sind auch 30 Jahre.

Für mich war 1968 oder Willi Brandt das Ende der Nachkriegszeit, nicht1989. Das Glück des Mauerfalls sollte nicht lange anhalten, vor allem weil es nicht übertragbar war auf die, die kein Glück empfanden, wenn sie die Gesichter derer sahen, die sich an diesem Abend in die Arme fielen. Nicht nur in der DDR hatten vieler Menschen (ob Mehrheit oder nicht) verlernt, Befreiung als Schritt in die Freiheit zu begreifen, das war auch im Westen so (ob Mehrheit oder nicht). Für alle, die den Systemwechsel als solchen hinnahmen, von einer Sicherheit in die nächste, oder von einer Form abgegebener Selbstständigkeit in die andere, war das Glück von kurzer Dauer. Ich rede von an den Anderen (Mehrheit oder nicht? Wahrscheinlich bis heute eine Mehrheit im Osten und im Westen). Ich spreche vom Glück des „Gut Gelungenen“. (Ein zentraler Begriff des großen Utopie-Philosophen seit dem Geist der Utopie 1918). Da haben Menschen einmal gemacht, was sie glücklich macht. Hätte „man“ ihnen nur dieses Glückgebracht, wäre es anders gekommen. Aber ganz ohne die Anderen ging es auch nicht, deshalb hat sich viel von diesem Glück übertragen, auf diese Anderen. Nicht nur uns, auch Menschen in anderen Ländern, die an der Vorbereitung und den Umständen mitgewirkt hatten…

Man konnte also nicht mit verschränkten Händen zuschauen, weder 1938 noch 1989; nicht beim unfassbaren Unglück, noch beim fasslichen Glück. Der schrecklich tiefe Satz von Goethe doch, „verweile doch, du bist so schön…“ gilt eben nicht für das Schöne, sondern nur für das Schreckliche, das immer zu lange dauert. Immer. Dass die Freiheit nicht automatisch aus der Befreiung folgt, ist so deutlich und wahrscheinlich wie kaum anderes, aber das macht die Befreiung nichts schal oder gar wertlos. Das war gestern ein Bestandteil einer Erinnerungskultur, die man in Erinnerung an den 30. Geburtstag durchaus so bewahren kann, 2019 ist wenisgtens für uns besser als vor 1989. Die Weltbürger bedenken das Umfeld des Deutschlands von heute, und dann stehen wir weiterhin eher auf gutem, wenn auch nicht gesichertem Terrain. Für Bloch ist die Heimat vollendete Demokratie, nicht stammesgeschichtliche Reduktion, wie bei den neuen alten Nazis und Identitären.

Aber dann gab es ein anderes Gestern. Der eigene Standort ist ja sich selbst gegenüber blind: ich schaue auf die Welt und sehe mich nicht gleich darin. Rund um uns, und wahrscheinlich mehr in uns als uns lieb ist,, kommt die Bedrohung. Freiheit gegen Sicherheit eintauschen – das fängt nicht bei der NATO an, sondern bei Seehofer und seinen Schreibtischtätern), das Einfamilienhaus nicht gegen Solidarität eintauschen, schon gar nicht die Lebensumstände gegen das Ungesicherte. Wer an das Rettende glaubt, das bei höchster Gefahr erscheint, soll sich das Ersticken seiner Enkel im Klimawandel vorstellen (der wird ja längst tot sein, wenn das geschieht), und wissen, dass es kein Rettendes aus sich heraus gibt. Wer meint, den Frieden zu bewahren, in dem Heckler&Koch,  Krauss-Maffei und andere Tötungsfabriken den jeweiligen Verbündeten aufrüsten, wird seine eigenen Bomben auf den Kopf bekommen (AKK spielt nicht mit dem Feuer, sie ist eine Funzel). Andererseits ist das nicht notwendig pazifistisch, sondern nur darauf ausgerichtet, seine eigene Freiheit an die von anderen zu binden, nicht an deren Unfreiheit. Dazu braucht man Politik. Ich fühle mich tatsächlich bedroht, nicht um meines Lebens willen, sondern um dessen begrenzte Aussichten und den Vorstellungen, was dann hier folgt, für Kinder, Enkel, Urenkel: immer wieder der Augenblick, der aus seinem „Dunkel“ (Bloch) ausbricht und bei der geöffneten Mauer so etwas wie Zukunft verspürt, wo sie noch nicht eingetreten ist. Das war auch das Bewusstsein all derer, die vor dem Mauerfall demonstriert hatten, die in den sozialistischen Nachbarländern sich aufgewärmt hatten für den Ernstfall, die Gefahren kommen sehen konnten, und mit der Bedrohung so etwas wie ein zweites Leben im ersten führen mussten. Dreh den Satz von Hölderlin um: wo man das Rettende anstrebt, wächst die Gefahr auch… zeitgemäße Risikoabschätzung ist zu wenig.

Wenn wir Politik machen, um Finis terrae abzuwenden (Klima+Weltkrieg), so machen wir doch auch Politik in dem Umfeld, in dem zwar die Gefahren wachsen, aber konkret sind; obwohl es um die ganze Welt geht, geht es doch auch um den Rahmen, der unser Leben zusammenhält, um das hier: Now here, nicht nowhere.

Und dann höre ich, wenn die Menschen berichten von den Tagen, Wochen und Jahren vor dem 9. November.

Mein Vater war unmittelbar danach durch etliche Länder zum Schwarzen Meer geflohen, um von Costanza Palästina zu erreichen, um erstmal im Gefängnis der Engländer zu landen. Und bald daruf mit ihnen gegen Hitler zu kämpfen. Das war nach dem 9. November.

Heute sehen viele zurück auf den 9. November und analysieren, was wer alles falsch gemacht hatte, danach. Richtig meistens, manchmal blödsinnig falsch. Aber die meisten haben ihr eigens und das Gesicht vieler anderer vor sich, den endlosen Augenblick zu bewahren. Die neuen Zeitzeugen haben schon 30 Jahre hinter sich, diesen Augenblick wachzuhalten, wohl wissend, dass auch er Vergangenheit wird, wie der 9. November 1938, wie der 9. November 1918 (der nur 20 Jahre brauchte, um zu vergehen; eigentlich nur 15…). Aber die Vergangenheit dieses letzten Augenblicks 1989 sollte nicht genauso vergehen, sondern auch eine andere Geschichte repräsentieren, verkörpern, und heute sind wir noch nah genug daran, das Gut Gelungene weiter leben zu lassen (Pathos) bzw. die Ärgernisse der Vergangenheit in einem anderen Museum aufzubewahren als das Lachen des durchbrechenden Augenblicks (Ironie).

Die Gefahren wachsen zur Zeit,  schnell und unkontrolliert. Das wird uns noch zu schaffen machen, deshalb wäre es falsch, sich resigniert auch noch schwächen und Rettung zu erwarten, wo sie noch nicht gerüstet ist.

 

 

 

Daxner, M. (1996). Schicksalstage in der Geschichte werden gemacht –  Der 9. November. Geschichtsbuch Oberstufe. H. Günther-Arndt. Berlin, Cornelsen: 354-357.

 

Seehofer abgeschoben! kein Asyl in Deutschland

Die letzte Entscheidung des Innenministers, die Grenzen wieder zu schließen und heimkehrende Abgeschobene abzufangen, sorgt nur bei den notorisch rechten Sicherheitsorganen für Genugtuung, sozusagen ein Reizdarmpflaster auf die demokratischen Verwundungen.

Nun hat es Seehofer aber selbst erwischt. Beim Grenzübertritt von Bayern nach Deutschland, mit verdächtig viel Privatzeug in der Tasche, wohl für einen Privatbesuch gedacht, hatte es Seehofer erst geschafft, unerkannt von Neu-Ulm nach Ulm zu gelangen, weil die Grenzposten dort unaufmerksam waren. Als er aber am Hauptbahnhof dadurch verdächtig wurde, dass er dauernd auf die Uhr schaute, war es mit seiner Auslandsreise vorbei; das musste den mit Hunden ausgestatteten Grenzschützern auffallen, denn normale Reisende hüten sich davor, die Bahn durch Zeitmessung weiter zu demütigen. Bei einer Personenkontrolle, die in der Regel nur auf Menschen anderer Hautfarbe, Parteizugehörigkeit oder unchristlicher Religionszugehörigkeit angewendet wird, wurde Seehofers eigener Erlass angewendet und er kam umgehend in Abschiebehaft. Der bayrische Innenminister wurde verständigt. Er wollte Seehofer zunächst nicht zurücknehmen, angesichts der Bekanntheit des Namens, und schließlich sei der ja ein früheres bayrisches Emblem gewesen, stimmte er zu.

Seehofer versuchte sich zu wehren. Er wolle einen Anwalt sprechen (Gregor Gysi oder Rudi Giuliani) und einen Asylantrag stellen, er wolle mit der Presse sprechen; er wolle sich von sich von seinen Kindern verabschieden, die alle im demokratischen Deutschland lebten bzw. zur Zeit gerade dort sind; er wolle nicht in den Unrechtstaat abgeschoben werden (seine Worte!). Ungerührt legte man ihm Fußfesseln an und brachte ihn unauffällig in ein Fahrzeug, das in Bayern gefertigt wurde und auch sonst unauffällig ausschaute.

Auf der Donaubrücke schauten bayrische SchuPos misstrauisch: wer denn da wem übergeben werde? Die Ulmer SiPos sagten, dem bayrischen Staatsanwalt, der entscheiden solle, ob Seehofer wegen Republikflucht in Haft bleiben solle oder seinen Prozess als Freigänger abwarten dürfe.

Zugleich mit Seehofer wurden die Minister Scheuer und Scholz sowie der frühere Verfassungsverräter Maassen im gleichen Fahrzeug abgeschoben.  Wo die auf einmal herkamen, wusste unser Korrespondent nicht zu sagen.

Jetzt sitzen die vier einmal im Untersuchungsgefängnis Augsburg ein. Nach Weihnachten schaut der Staatsanwalt einmal vorbei. In der Zelle hängt ein schmuckloses Kreuz. Als Lektüre wird die bayrische Verfassung und das Edikt von Nantes zugelassen, nicht aber die Augsburger Allgemeine.

So ist das. Wir müssen unsere Grenzen schützen.

Neues Deutschland? – !

In diesen Tagen wird der November 1989 immer und immer wieder aufgerufen. Gut so. Viele anrührende, auch betroffene und ambivalente Erinnerungen und Bewertungen von ganz normalen, d.h. nicht prominenten ZeitzeugInnen, vergegenwärtigen diese doch einmaligen Tage und Wochen.

Natürlich habe ich mich auch gefreut – über die Befreiung aus der Botschaft in Prag, über den Zusammenbruch der Diktatur der DDR, über die Maueröffnung. Auch, ebenso ehrlich, weil ich dieses Ereignis vorhergesagt hatte. Kein Triumph, aber Freude über eine gewisse Hellsicht, die etwas damit zu tun hat(te), dass ich zwar in Deutschland lebte, aber kein Deutscher, sondern Mitteleuropäer war. Aber ich habe einen Irrtum und eine zweifelhafte Deutung begangen, die mich lange belastet haben und bis heute nicht freuen:

Am 3. Oktober 1990 hatten wir Gäste aus der DDR zu Gast an unserer Universität, und ich hatte eine Rede zu halten, Willkommen, Reflektion, Analyse. Bis heute sage ich, keine schlechte Rede. Aber da war ein Satz: Wo die Nazis Leichenberge hinterlassen haben, hinterließ die Stasi Aktenberge. Beifall. So ein Unsinn. Ich habe den Vergleich, der in dieser Rede sehr wohl eine Rolle gespielt hatte, abgeschliffen und geglättet. Man hätte es schon damals wissen können und wusste es: der Vergleich war in diesem Bereich unangemessen, auf anderen Ebenen aber weniger.

Der zweite Kommentar ist komplizierter und verfolgt mich hartnäckiger. Mit vielen anderen – von Angela Merkel über Gregor Gysi zu Oskar Negt und Björn Engholm, habe ich zu einem Buch beigetragen: (Daxner 1993). Meine drei Seiten waren überschrieben: „Was mich nichts angeht, was mich ärgert“ und nehmen die Satire der Diskurse und Kommentare zur Einheit aufs Korn, das würde heute auch passen – in diesen Tagen: aber wie schnell werden die Kommentare wieder vergessen werden? Die Ausgangsthese war ja richtig, dass die alte BRD einen Teil ihrer späten demokratischen Errungenschaften und ihr ökonomisches Glück „gerade durch den antifaschistischen Friedenswall“ mitbegründet hatte. Aber es war falsch, die Anerkennung der baltischen und osteuropäischen Nationalstaaten als voreilig zu kritisieren, und deren Staatsbildungen nicht als Reflex ihrer langen Unterdrückung durch den kommunistischen Herrn in Moskau zu erkennen. Ich betrachtete die demokratischen Belehrungen der Westdeutschen gegenüber den befreiten Ländern als Satire, weil sie vergessen hatten, wem sie vor allem den langen Prozess der Demokratisierung im Westen zu verdanken hatten, was gerade die „Linken“ verdrängt hätten.  Hinter dieser Doppelbödigkeit stand die Hochachtung vor der ostdeutschen Widerständigkeit und vor dem Mut des sich konstituierenden Volks (hab ich damals richtig gesehen); und die falsche Vorstellung, wie wir den erreichten Stand von Demokratie durch Übernahme statt Vereinigung in Demokratie würden halten können (hatte ich falsch gesehen).

*

Heute, 2019, wissen wir mehr und können wir mehr verstehen und erklären.  Aber wie hartnäckig sich der unterworfene Osten hält, zeigen gerade die gutwilligen Aufklärer: in der neuen ZEIT werden 100 besondere Ostdeutsche hervorgehoben, landauf landab wird die Unzufriedenheit der Ostbürger analysiert, die die reale Freude über die Befreiung relativiert (als wäre die wahre Freiheit das gewesen, was die untergegangene BRD täglich über die Mauer ausgestrahlt hatte – man ist an Platons Höhlengleichnis erinnert: die Vorstellung, nicht die Hoffnung, begründete bald eine Enttäuschung, die viele westdeutsche Politiker in Kauf genommen hatten). Heute erinnern sich nur die Älteren an die wirkliche Geschichte. Aber die Erzählung hat gefährliche Folgen angenommen, nicht nur in der Ideologie von AfD und anderen Rechten, aber auch in der Verweigerung vieler Leute aus der Linkspartei, ihre Wählerabgabe an die AfD anständig zu erklären.

Wir müssen uns heute mit dem Nationalismus und der erstarkten rechtsradikalen Identitätspolitik nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und darüber hinaus auseinandersetzen. Und wir müssen ehrlicherweise feststellen, dass die Rechts-links-Koordinate zur Beschreibung der politischen Strukturen nur sehr bedingt taugt. Mein Unverständnis für die Verwerfungen von Mittel- und Osteuropa hatte einen richtigen Ansatz: „Ich habe den Prozeß der Auflösung der DDR mit großer Sympathie verfolgt, weil dieses Land meine weniger internationalistisch als kosmopolitisch gefärbte Weltsicht immer schon beleidigt hatte“. Und ich beschwere mich über das westdeutsche Gejammere, das viele heute nicht mehr erinnern wollen.

Von 1990 bis 1993 habe ich sehr viel im „Osten“ mit-gearbeitet, u.a. an der Humboldt-Universität Berlin und in der GEW. Es sollte nicht lange dauern, bis ich erkennen musste, wie missmutig-kleinhirnig gerade das westliche Misstrauen gegen den demokratischen Aufstand kurz vor der Wende war (z.B. bei Frau Seebacher-Brandt noch im August 1989), und wie sich die Freude über die gelungene Einheit in eine Spaltung zweier ungleicher Hirnhälften von Stund‘ an vertiefte.

Das beleidigt mich heute noch, und mein geringfügiger Anteil an diesem Irrtum ist ungut. Ein Heilmittel habe ich: lest die über 20 Aufsätze in diesem Buch. Ein weiteres Heilmittel sind die ungleich besseren Aussichten des heutigen deutschen Ostens gegenüber den anderen befreiten Nationen in Mittel- und Osteuropa, ob in der EU oder nicht – daraus kann man sogar etwas lernen.

Wer meint, das sei doch auch besserwessihaft, möge in – sagen wir: — einem Jahr auf das Thema dieses Blogs zurückkommen. Und die Aufarbeitung des nicht mehr existierenden westdeutschen Staats kann auch nicht mehr lange warten (da hat man sich einen zu großen Bissen zugemutet), und die EU gibt’s ja auch noch, die durch die neuen Mitglieder kurzfristig schwächer geworden ist, aber langfristig ohne sie nicht existieren kann.

Ich will nicht trösten, steht mir ja nicht zu; und mich nicht über meine  Distanziertheit 1993 hinwegtrösten. Aber gerade jetzt wäre ein wenig großzügiges Beachten der Umstände von kollektiver und persönlicher Befreiung angebracht, um nicht die Abgehängten zu betreuen, sondern die Bürgerinnen und Bürger eines der wenigen demokratischen und freien Länder.

(Pathos statt Ironie tut manchmal gut)

 

 

Daxner, M. (1993). Was mich nichts angeht, was mich ärgert. Neues Deutschland – Innenansichten einer wiedervereinigten Nation. S. Kogel, Zimmermann. Frankfurt, Fischer: 42-45.

 

Zug um Zug

Ich bitte um Entschuldigung. Wieder die deutsche Bahn, die mich Nerven und Lebenszeit kostet. Nein, ich kaufe mir kein Auto, auch kein E; ich kann aber auf Reisen in Deutschland nicht verzichten, und ich bin ungehalten, weil rundherum, also in Europa, fast alle Züge besser sind, pünktlicher fahren und die Toiletten funktionieren.

Dieser Blog besteht aus zwei Teilen. Einem Preisausschreiben und eine Aufforderung zur gewaltfreien Befreiung Deutschlands von einem Clan.

Preisausschreiben für Bahnreisende. Welche der folgenden Begründungen für Verspätungen ist ein fake und wurde so nie gesagt? „Grund dafür ist…

  • Die verspätete Bereitstellung des Zuges
  • Eine Störung im Betriebsablauf
  • Ein Fehler im Bremssystem
  • Die Verspätung eines davor fahrenden Zugs
  • Die Verspätung aus vorheriger Fahrt
  • Die plötzliche Erkrankung des Lokführers, Ersatz konnte nicht gefunden werden
  • Eine Weichenstörung
  • Ein Überlauf der Zugtoiletten
  • Eine technische Störung am Zug
  • Eine technische Störung an der Strecke
  • Ein Polizeieinsatz im letzten Bahnhof
  • Die verspätete Übergabe an der Grenze
  • Die Unmöglichkeit die Türen zu öffnen
  • Abwarten anderer verspäteter Anschlusszüge
  • Vorrang für einen Vorstandszug auf dieser Strecke
  • Witterungsbedingte Schäden an der Oberleitung

Zu einer Ansage ein reflektierender Kommentar:

  • Grund dafür sind Menschen im Gleis

Diese Begründung ist nicht im Wettbewerb. Entweder es ist die taktvolle Umschreibung eines Suizids, dann macht man keine Witze. Mehrere Selbstmörder am selben Zug sind unwahrscheinlich. Aber Menschen im Gleis kann auch eine Metapher für spielende Kinder oder pausierende Bahnarbeiter sein. Also bitte nicht mitzählen.

Wenn Sie die drei Fakes erkannt haben, bitte ankreuzen und dem Blogmaster mitteilen. Die Verlosung findet unter Ausschluss des Rechtsweges im Bahnreparaturwerk Schöneweide statt.

  1. Preis: Zwei beliebige Schwarzfahrten mit abgelaufener Bahncard 25 im Netz der DB
  2. Preis: Eine Schlafkur im Geschäftsbereich von Herrn Pofalla während einer Vorstandssitzung

3.-100. Preis: Eine Freifahrt ab einer Verspätung von mehr als 10 Minuten.

Übrigens habe keine Begründung für Verspätungen von weniger als 10 Minuten aufgelistet.

Angehörige der DB und ihre Angehörigen sowie des Ministeriums für Verkehr sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

Zweiter Teil. Schluss mit lustig.

Der Aufsichtsrat der DB wird morgen beschließen, dass die Vorstandsmitglieder statt jährlich 400.000 € nunmehr bis zu 520.000 € bekommen sollen. Überlegen Sie einmal, wie viele Fahrten mit ermäßigter MWST (7% statt 19%) zur Klimabegrenzung Sie im Jahr zurücklegen müssen, damit Lügenpofaller und Kollegen auf diese Beträge kommen. Weiter schön ruhig bleiben und auf den nächsten pünktlichen Zug warten. (Gestern und heute 19 von 24 angezeigten Zügen mit Verspätungen von 10 bis 45 Minuten).

 

Vorschau des Bösen?

Als hätte alles Übel mit der Tat angefangen; mit einer von vielen.

Als hätte der Nationalsozialismus im Januar 1933 begonnen.

Als wäre die Pest beim ersten Toten ausgebrochen.

Als wäre die AfD aus dem Nichts entstanden.

*

So, wie es ein „antizipierendes Bewusstsein“ (Ernst Bloch) gibt, so gibt es auch vorbereitende Praktiken, die von einem Bewusstsein eingeholt werden, das erste seine Begriffe formulieren muss.

Es war die Praxis des Verfassungsschutzes (auch teilweise seines damaligen Chefs Maassen), die den NSU geschützt hatte; ich bezeichne sie als Vorfeld-Organisation der Rechten.

Dazu aber bedurfte es der Mitarbeiter, V-Leute, Schreibtischtäter, die wiederum in langen Traditionen furchtbarer Juristen, Legenden und Ermutigungen durch die randständigen Extremen standen, einschließlich der autoritären Erziehung, die keineswegs nur ein deutsches Erbe ist.

Das alles entlastet keine Person und keine Institution, es erklärt sie.

Nehmen wir das Beispiel des fremden Blindgängers Seehofer. Jahrelang hat er ein Feuer geschürt, an dem er sich jetzt nicht mehr wärmen möchte, aus Todesangst vielleicht, oder weil er sich als Hexenmeister außerstande sieht, die Zauberlehrlinge noch einzufangen. Nun ja, er war und ist nicht allein. Glaubwürdigkeit entsteht zwar aus Praxis, aber selten spontan.

(Ich sage jetzt selbst polemisch und ungerecht: das Zeitalter der Globkes ist keineswegs ganz vorbei, aber es gibt auch Gegenbewegungen, etwa die Zeiten von Heinemann, Brandt und …mir fallen da noch welche ein, aber strengt euch selbst an, Vorbilder und Widerständigkeit gegen totalitäres Denken und Handeln zu benennen).

*

Das Unverständnis darüber, wie ein politisches Unglück zustande kommt, ist fast so schlimm wie das Unglück selbst. Falsche Bildung, könnte man sagen; falscher Lebensstil; falsche Umstände … naja, wie haben wir es denn bis jetzt bis dahin daher gebracht? Das wäre zu einfach. Die Macht der anderen, das ist schon richtiger. Auch die Unsicherheit über die eigene Macht, die Widerständigkeit, die Immunisierung gegen die Blödheit. Aber immer lese ich auch über das Unverhältnis der Forderung nach Freiheit für alle und die Auswirkungen der Freiheit auf einzelne, bzw. einen selbst, und dann sollen die andern plötzlich nicht mehr frei sein.

Angeregt werden diese Gedanken durch die verlogene, nur scheinbare Streitsituation um die Grundrente zwischen CDU und SPD. Es geht gar nicht um die Vermögensprüfung für die besser gestellten Kleinstrentner, es geht auch nicht um die lebenslang geleistete Arbeit. Es geht darum, dass durch das gesamte Arbeitsleben die Sozialabgaben für die spätere Alterssicherung immer zu selektiv und zu niedrig waren und sind, und man überhaupt nachbessern muss (ob man will oder nicht). Das privilegierte Gesindel, zu dem leider ich auch statistisch gehöre, profitiert von diesem Zustand, Beamte, Selbstständige, Unternehmer. Und die relativ Armen begehren nicht auf und die relativ Reichen sprühen vor Gerechtigkeitsfloskeln und dann wundert man sich, wenn endlich an die Oberfläche tritt, was lange sich vorbereitet hat.

*

Der Diskurs der Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist etwas anderes als ungerechte, ungleiche Lebensverhältnisse. Aber er heizt an, was diese lange zurückhalten können. Zusammengehalten wird das durch einen zähen, unappetitlichen Kleister aus Treue zur Vergangenheit und Flucht vor der Gegenwart.

Das wird mir so deutlich, wenn es um die PrimärSekundärTertiärQuartär Analyse geht, warum die Ostdeutschen angeblich noch unzufriedener, noch abgehängter, noch unfreier bis heute sind als die ehemaligen Westdeutschen. Mehr Freiheit, sich darüber öffentlich auszutauschen hatten wir im Westen schon, aber wir sind zu spät draufgekommen, dass das nur ein Teil der Freiheit war, den die andern später erfahren sollten. Ich habe zwei Tage in verschiedenen Tagungen zu 1989  verbracht, und genau dies bestätigt gefunden. Es bleibt dabei, die Freiheit kann dir niemand bringen, du musst sie dir nehmen, und das geht meist nicht ohne Konflikt, meist nicht ohne Gewalt, und meist nicht ohne sich selbst etwas zu verändern ab.

(Als wir, keineswegs ich allein, 1989 den Nationalismus als notwendig und unerfreulich in Osteuropa vorhergesagt hatten, weil das kommunistische System, selbst auch nationalistisch, das Gegenteil als Glaubensbekenntnis verbreitet hatte, wurden wir ausgelacht, weil man meinte, das Geld und der Markt aus dem Westen würden den Menschen schon ihre Ideologien austreiben. Dann kam der Nationalismus, und hierzulande kam das Wort „Undankbar“ zu oft aus den Gesprächen hervor, bis man sich selbst im gleichen Fahrwasser entdeckte und leider nicht verstummte). Verstehen heißt nicht verzeihen, das macht den Nationalismus so wenig erträglich wie die Herablassung, aber hinterher wird man klüger sein).

 

Geniestreich Söder

In manchen bayrischen Amtsstuben hängen Kreuze, mit und ohne Christus dran, mit und ohne Bedeutung für das Amt. Seinerzeit wurde Marcus Söder arg gescholten, so einen blasphemischen Unfug zu betreiben, und seit seinem Antritt als CSU-Chef hat man vom INRI Kult ja auch nicht mehr viel gehört. Ich aber sage euch, der hat gewusst, was er tut. Die Belohnung durch den jeweiligen Gott kommt unerwartet und auf seltsamen Wegen. Nun hat der neo-ökologische Bayernführer tatsächlich eine Eingebung. Er konkurriert ja gar nicht mit der AfD, sondern mit den Grünen. Aus seinem Mund quillt dasE§ktoplasma der Einsichten: richtig, es wird um Grün-rot-rot-rotz gehen, nicht um Rotz-rot-grün; richtig, die Grünen werden die linkere Volkspartei werden, wobei die Frage, was das eigentlich sei als Verschleifung von Widersprüchen, eine Volkspartei, den Lehrstühlen für mikropolitische Wissenschaften überlassen bleibt.

Natürlich hat Söder Recht: die Grünen sind seine Gegner, sonst kann er keine Koalition mit ihnen machen.     

Und wenn nicht Habeck  oder die Baerbock nach dem Kanzleramt greifen, bleibt ohnedies nur er als Kandidat (wer glaubt denn an Merz, Laschet, Spahn oder, wie hieß sie noch, AKK?).

Über das, was er als single-issue meint, Ökologie, wird man sich verständigen, die andern Kompetenzen hat er bei den künftigen Gegner noch nicht erkannt, Advantage Grün. Der Kretsch macht es ihm vor, und er machts nach.

 

Aber warum nicht die AfD bekämpfen? Vielleicht hat er da, durch göttliche Eingebung, versteht sich, etwas kapiert: wenn man die Nazis runterredet, runterschreibt, dann gewinnen sie dazu – vom Pöbel, von den Abgehängten, von den Nationalisten, von treuen Heimattreuen Treuen, und kratzen damit am Rand der CSU, den wir seit Seehofer hinter uns zu lassen geglaubt hatten, aber das weiß man in Bayern besser.  Na, der Söder weiß das schon. Rechts reden, grün und sozial handeln und damit den Rechten Sand in die Augenstreuen.

 

Was Söder nicht weiß. Die Gnade des Wissenstransfers vom Heilagen zum Profanen, vom Himmel zur Staatskanzlei, ist zeitlich begrenzt. Der Genieblitz wird vom Donner des bösen Erwachens abgelöst.

Was jetzt kommt: Beifall von der AfD. Klar, die sehen sich nicht mehr in der Schusslinie der Ablehnung, klingt fast wie ein Duldungsangebot. Ist es nicht, schaut aber so aus.  Kritik von links. Klar, die sehen sich marginalisiert und die AfD entlastet. Zweispalt bei den Grünen. Die verstehen schon, was Söder meint, aber zu viel Weihrauch schwärzt die Heiligen, und das kann ihnen gefährlich werden. Aber zu heftig dürfen sie jetzt den Bienenfreund auch nicht angehen, sonst verurteilt er die Bayern zu einer Sühnewallfahrt.

Was jetzt nicht kommt: Politik

Tot, gestorben, Tod, weg…

Jetzt kommen sie, die Feiertage der KONSTRUKTIVISTEN. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, Volkstrauertag, … nur keine  Panik. Hä – Konstruktivisten? Was soll denn das?

Ich sags ja immer: der Tod ist eine Konstruktion, nur das Sterben ist wirklich.

Zur Einstimmung:

„Zu Allerheiligen gedenken viele der Verstorbenen, an den eigenen Tod denken die meisten Menschen aber nur ungern. Israelische Forscher haben nun sogar herausgefunden, dass uns das Gehirn davor schützt, zu sehr über das eigene Dahinscheiden nachzudenken“ (https://orf.at/#/stories/3142789/) 1.11.2019

Das ist ja richtig: wie man unsägliche Schmerzen, absurde Halluzinationen, Verblendungen gegenüber dem eigenen Körper und eine finale Unerträglichkeit durchlebt, stellt man sich ungern vor. Aber drüber nachzudenken, wie man den Gestorbenen nachtrauert, wie sie einem fehlen werden oder wie froh man ist, dass wenigsten sie nicht mehr leben, – darüber hat sich unsere Kultur in Jahrtausenden entwickelt. Ohne Liebe und Tod gäbs kaum lesenswerte Literatur oder Kunst oder Themen, die das Leben begrenzen oder seinen Rahmen füllen.

Kennen wir alle, und gehen damit nicht allzu unterschiedlich um. Die große Spaltung allerdings gibt es wirklich: die einen glauben daran, dass „Tod“ der Begriff ist, der dieses Leben von einem künftigen scheidet; d.h. dass es ein Weiterleben, verklärt, als Wurm, als erlöster verklärter Leib oder als gemarterter Körper, als Seele, als Widergeburt, etc. geben wird. Und die anderen glauben, dass Tod eine Gleichung ist: Tod=Nicht, Tod=Nichts, jedenfalls Tod=aus.

In der Schule erklärte uns ein Lehrer, dass Tod noch irgendwie lebt, bei tot ist man wirklich tot, gestorben. Darum gibt es so viele Personifikationen des Todes, v.a. im religiösen Bereich, in der Kunst. In Österreich allerdings unterscheidet man im Alltag nicht zwischen t und d…da ist man nie wirklich tottt.

In diesen Tagen gibt sich die Medienlandschaft todes- und friedhofsaffin, Philosophinnen werden bemüht, uns die Vergänglichkeit und das „Respice finem“ (denk an das Ende) wieder näher zu bringen, weil wir es so gerne verdrängen? Ich glaub das nicht, wir verdrängen  nur ganz hauchdünn unter der empfindlichen Lebenshaut, und es bräuchte mein Finis terrae nicht, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass der Tod der Spezies den milliardenfachen Sterben der einzelnen Menschen durchaus nicht fern liegt.

Ihr merkt, ich bin genervt. Im Jüdischen gibt es wenigstens vor und nach Yom Kippur freudige und hoffnungsvolle Feste, in unserem Kulturraum herrscht die reaktionäre Anschauung vor, dass, wenns draußen kalt und neblig ist, man ruhig auch Einkehr und Besinnung auf sein Ende pflegen dürfte, nichts da, munterer Gesell im Everyman, im Jedermann, Tänze auf dem Vulkan und Orgien kurz vor Morgengrauen, bevor der Henker kommt.

So sind wir also.  Der Völkermörder Erdögan lässt in Syrien sterben, sein Kontrahent ist ein Verbündeter beim Morden, Assad, seine Protektoren sind Verbündete von Russland bis zu den USA. Da tut es offenbar gut, hinter dieser großen, globalisierten Wirklichkeit das Sterben in der Familie, am Ort, im Umkreis einer Lebenswelt aufzusuchen, quasi als Trost: irgendwann stirbt auch Trump (hoffentlich) und alle seine Spießgesellen (hoffentlich). Eine politische Litanei zu Allerheiligen könnte statt der kalendarisch nicht erfassten Seigen und Heiliggesprochenen eine Liste derer herunterklagen, deren Ende man sich sehnlicher herbeiwünscht als das aller anderen Menschen. Die Politik des Sterbenlassens um der Prinzipien der Machterhaltung willen ist so furchtbar wie die Haltung des Sterbenlassens, um den eigenen Lebensstil, um seine Haltung zu bewahren. Ihr merkt, ich bin genervt.

Die christlichen Kirchen gedenken der Toten, schön unterschieden in Märtyrer, Kriegstote, Alltagstote usw. um den noch Lebenden klar zu machen, ohne Vorstellung von ewigem Leben hat dieses rituelle Brimborium  schon gar keinen Zweck mehr, Leben  aufs Totsein hin, und selber aufwecken kann sich ja keiner. Dass da noch eine unordentliche Gerichtsbarkeit eingefügt wird – dies irae, dies illae… – kommt noch dazu, man muss sich jetzt schon fürchten vor dem, was kommt, weil man sich ja sicher in der Mehrzahl der Verdammten weiß. Modernistische Kirchenmenschen haben das natürlich im Seminar längst überwunden, aber das kommt beim Ritual noch lang nicht an.

Mir ist das ewige Leben aller mit, neben, vor mir Lebenden in der Erinnerung lieber, die Gedächtnisleistung, die auch nicht so einfach zu erbringen ist (Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist….einmal anders). Das ist insofern nicht trivial, weil wir uns am Grab noch so tränenreich das Niemals-Vergessen zusichern, um es doch mehr oder weniger schnell in unser Weiterleben einzubauen. Zu den Selbstmördern sagt Améry (Jean): Recht haben die Überlebenden. Wir.

Wir haben Recht, damit aber müssen wir denen, die das Überleben gefährden oder unmöglich machen, Widerstand entgegensetzen. Moralisch ist das einfach. In der Politik kann man leider nicht all diesen Mördern das Gespräch verweigern oder die Drohung, nur darf man nicht in einen gleichberechtigten Dialog mit den Trumps, Putins und Erdögan eintreten, man muss ihnen als Überlebende gegenübertreten, ihnen, die schon Zombies sind. Das ist im Privaten leichter, zugegeben. Aber wenn die Politik vor den mächtigen Henkern sich beugt, bitte nicht: hündisch, auch wenns den Eindruck macht, siehe den letzten Blog, und wenn sie auf die formale Beziehung verweist, weshalb sie nicht schärfer vorgeht, dann ist das wie bei einer Ehe, die längst entzweit ist, aber man lebt noch im gleichen Haus und benützt das gleiche Klo…G 20 zum Beispiel, oder NATO oder…

Ich habe jedes Jahr um diese Zeit die gleichen Gedanken, und an den Gräbern der Kriegstoten spaltet sich die Erinnerung so auf wie beim Gedenken an die verstorbenen Menschen, die man gekannt, geliebt oder gehasst hatte. Es ist so ähnlich, wie man auch seine Elternbeziehung nicht auf den Muttertag oder den besoffenen Vatertag reduzieren kann, oder wie wenn man an Yom Kippur das Ende des Versöhnungstags nicht abwarten kann, um wieder zu…leben, wie es ein Witz sagt.

Also, Friedhöfler aller Länder und Varianten, lasst mich in Ruhe mit den Gräberfahrten, gerade an den angezeigten Tagen, und denkt an Catull: „Vivamus, mea Lesbia, atque amemus…“ Für meine Übersetzung dieses Gedichts hatte ich in der Schule eine schlechte Note und beinahe eine Ohrfeige bekommen, aber ich lebe.