wer von uns Biden hat recht?

Freude, Erleichterung, gar Hoffnung – wie anders wurde vorgestern die Vereidigung von Joe Biden wahrgenommen als vor vier Jahren. Ich sags gleich: mir haben diese zwei Stunden auch gefallen, ich war nicht enthusiastisch und ich kanns nicht lassen. Die Predigt des Kardinals Biden war herzwärmend eher als politisch dynamisch, sie hat kein wichtiges Thema ausgelassen, sie war ohne Zweifel eine im Ton angemessene Antwort an den Unsäglichen, den man gerade ins Abseits hat fliegen sehen. Warum sie mich verfolgt, die Predigt?

Ich sehe zwei Probleme in dieser sanften Vorschau. MAINSTREAM: Zum einen wird das Gute, das Richtige immer leicht enttäuscht, weil jede einzelne Abweichung vom Programm das Ganze und seine Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Das wird sich in Deutschland bald zeigen, an Nordstream, am 2%-Ziel der NATO usw. und  an den unterschiedlichen Interessen an der Chinapolitik. Umgekehrt, kann das verabscheuungswürdige Böse und Schlechte nicht durch eine einzige gute, erfreuliche Aktion nicht umgekehrt werden. GEFAHR: zum andern kommt mit jeder Enttäuschung die Erwartung wieder, dass schon nach zwei Jahren, bei den Wahlen, die parlamentarischen Mehrheiten kippen und den Präsidenten lähmen.

Musst du denn dauernd mäkeln, fragen mich meine imaginären Gesprächspartner. Und ich muss mich rechtfertigen. Über zwanzig Jahre hatte ich, als Hochschullehrer, Grüner, Konfliktforscher…immer die USA gegen die anmaßende Kulturkritik an der amerikanischen Zivilisation verteidigt. Das änderte sich allmählich, der Bruch im Westen hatte mit dieser eher altmodischen Spaltung wenig zu tun, umso mehr mit der Genügsamkeit, sich gleichweit zu so unterschiedlichen Mächten aufzuführen, als könnte man drunter wegtauchen. Gegenüber den Diktaturen von Gewicht, Russland, China – und oft auch gegenüber Türkei, Brasilien, Indien, werden die Menschenrechte dauernd durch wirtschaftliche Interessen überbaut, gegenüber den USA und oft innerhalb der EU ist es geradezu umgekehrt. Ich rede nicht von unseren intellektuellen, kritischen Zirkeln, die eine solche einfache Darstellung gar nicht auf- und ankommen lässt. Ich behaupte, dass diese altmodische und durchaus nach rechts schwankende Ablehnung der amerikanischen Gesellschaft noch längst nicht erledigt ist, und dass das Aufbrechen dieser Irrwelt in der Studentenbewegung zu kurz und unvollständig war. Man kann auch sagen, dass man hier von den USA nicht mehr weiß als die Menschen dort von uns wissen. Und dass das nicht ein Gleichgewicht von Wissen und Durchblick ist, und zwei unvereinbar unterschiedliche Gesellschaften kann man nicht durch ein einigendes Band übergeordneter, abstrakter Begriffe dauernd versöhnen. Zum Beispiel, weil wir der WESTEN sind. Was immer wir sind, der Westen ist und war nie eine Einheit. Trotzdem verbindet uns ETWAS, das darin auch eingeschlossen ist, aber das wird ja gar zu selten herausgearbeitet.

Europa hat gerade wieder begonnen, sich seiner kolonialistischen und imperialistischen Vergangenheit stärker zuzuwenden, das ist gut so. wie sehr analoge Bewegungen in den USA immer wieder hochkommen, kann für uns lehrreich sein, nicht nur bei Black lives matter, sondern auch bei den Analogien unseres Rassismus und unserer Geschichtsverzerrungen.

SCHLUSS MIT DER VORLESUNG. Man kann das ganz gut für die USA bei Jill Lepore[1] nachlesen, und für uns bei Slavoj Zizek, und umfassender für beide auch bei Hannah Arendt. Auf die komme ich nicht zufällig: der beste Abschnitt von Bidens Rede gilt der Wahrheit und der Lüge. Diese Lüge war und ist keineswegs nur Trump, den muss man nicht nennen. Lüge setzt sich durch, sagt Arendt[2], aber dazu braucht sie Gewalt und führt zu Gewalt. Und in vielfachem Umgang mit nachtotalitären Regimen birgt der Kompromiss mit der unbedingten Forderung nach Durchsetzung der Wahrheit den Keim neuer Lügen und Gewalt. Die Herrschaft beseitigt ihr Image-Problem…

„Image-Produktion aber beruhe auf dem Prinzip der Lüge; das Image gebe nicht die Wirklichkeit wieder, sondern verbreite Wunschbilder. Dies sei  letztlich demokratiegefährdend, weil es die Bürgerinnen und Bürger ihrer Fähigkeit beraube, über die politische Lage selbst zu urteilen. Letztlich seien die politischen Strategen in den Büros des Weißen Hauses zu Feinden der amerikanischen Demokratie geworden, denen die Täuschung der Öffentlichkeit mehr am Herzen liege als deren Information. Sie seien lebendiger Beweis für das Eindringen der Kriminalität in den politischen Raum…Der einzige Unterschied zu totalitären Regimen bestehe darin. Dass die amerikanische Regierung die öffentliche Meinung täusche, statt die Bürgerinnen und Bürger direkt zu terrorisieren.“ (Antonia Grunenberg: Verlust des Anfangs, was Hannah Arendt in den Vereinigten Staaten sah, in. (Blume, Boll et al. 2020), 130f.) Stimmt damals wie heute.

Da hat Biden natürlich einen Punkt, und seine junge Dichterin Amanda Gorman https://www.youtube.com/watch?v=Jp9pyMqnBzk auch.

Aber warum ich etwas weniger enthusiastisch bin, ist ein Paradox: bei UNS wäre eine Feier mit Jenifer Lopez, Lady Gaga unwahrscheinlich, und wenn die Stelle mit der Lüge in des neuen Kanzlers Rede kommt, würden wir an die Waffenlieferungen denken und die ertrunkenen Flüchtlinge und die Kotaus vor unseren wirtschaftsfreundlichen Diktaturen? Aber die amerikanische Feier finden wir kitschig, weil die auch nicht anders ticken als wir, nur haben sie mehr Macht.

Und manche bei uns haben sich mit Trump ganz komfortabel gefühlt, denn auf den DEN durfte man schimpfen und ihn verachten, ohne dass ein Finger auf uns selbst zeigte. Jetzt wird es wieder schwierig.

Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc.

Blume, D., M. Boll and R. Gross, Eds. (2020). Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert. München, Piper.

Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.


[1] Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.

[2] Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc. U.v.m.

vereinzelte Flocken

Draußen gibt es vor, ein echter Winter zu sein. Es ist kalt und vereinzelte Schneeflocken färben den Boden und die Dächer weiß. In den Alpen gibt es gar mehr Schnee als die Skilifte und Straßen vertragen, Lockdown hin und her… Idioten sprechen sofort davon, dass der Klimawandel doch jetzt widerlegt sei, genau wie die Coronaleugner das Virus damit bekämpfen, dass sie noch nicht künstlich beatmet werden müssen (vielleicht hat sie die Vorsehung immunisiert, mit so jemandem Blöden gibt sich ein  Virus gleich gar nicht ab, jedenfalls gegenwärtig). Eine Steilvorlage für alle Neugläubigen. Mir geht es aber um den Winter. Der ist mir jahrelang im schneearmen Potsdam abgegangen, der Park war selten weiß, und die Teiche fast nie gefroren, von betretbar gar nicht zu reden.

Winter ist also so ein Wort aus der Erinnerung, genauso wie  Insektenschwärme, oder massive Gletscher bei den Bergwanderungen. Jetzt braucht es die Klimadiskussion, nicht nachdem  alles zu spät gewesen sein wird.

Es scheint aber, dass niemand ernsthafte Entschlüsse zu fassen bereit ist, als ob es zwischen dem Freiraum für einzelne Menschen und einer solidarischen Ordnung nur einen Mittelweg gebe. Den zu bekämpfen braucht es einige Courage (Nawalny in der großen Politik, nicht Lispler Maas, dem ja nichts geschehen würde, sagte er einmal die laute Wahrheit…), aber natürlich auch ein Feld der Agitation. Wenn ich mir die neuerlich halbherzigen und halbdurchdachten Beschlüsse der Regierungen zu Covid anhöre, dann wundert mich eines nicht:

Die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut hatte bereits in der vorherigen Merkel-Runde auf ein viel härteres Vorgehen gedrängt: „Macht alles zu“, lautete ihr Rat. Doch anstatt auf sie zu hören, wurde sie diesmal gar nicht erst eingeladen. „Die war etwas zu forsch“, hieß es – einige Ministerpräsidenten fühlten sie von ihr „wie kleine Kinder“ behandelt. Vielleicht auch deshalb, weil einige von ihnen sich immer wieder wie solche benehmen? Nichts hören, nichts sehen, dann geht der Spuk schon vorbei? (tagesspiegel online, 19.1.2021)

Auch wenn sie Unrecht hätte, ist die Analogie zur Realitätsverweigerung einiger Landesfürsten nicht falsch. Sind ja nur 1000 Tote am Tag…kontrolliert wird gar nicht;

aber der Mittelweg, den man beim Klima nicht gehen darf, ist ja eine imaginäre Strecke, die überall unsere solidarische Ordnung erodiert, das geht von des Faschisten Orban Mitgliedschaft bei den europäischen Christdemokraten über die symbolische Gasleitung aus Russland bis zur Fortsetzung der Flüchtlingsmisshandlung durch unsere Regierung (Bosnien ist schuld, auch Ungarn ist schuld, auch diese Flüchtlinge sind selbst schuld…).

Heißt das, ich plädiere für Radikalisierung, wenn ich den Mittelweg kritisiere? Nein, der Radikalismus der Mitte ist schon lange eine gefährliche Variante der Gewalt. Die Kritik meint gerade nicht das Ausdehnen unserer Handlungen an die unerreichbare Peripherie – Utopia jenseits der Datumsgrenze, – sondern Verlagerung eben dieser Kritik in die Mitte, die dann keinen Mittelweg mehr erlaubt. Veränderung kann nur mit denen geschehen, die sich verändern müssen, sie kann nicht wie Billigproduktion ausgelagert werden, das heißt aber auch, hier den Konflikt riskieren, hier die eigene Position in Frage stellen lassen.

Groß geredet, mich triffts ja nicht. Eben. Ich denke an meine Lieben, an meine Freunde, an meine Kollegen. Uns triffts ja nicht. … so könnte man diese Gedanken abtun. Es kann aber uns alle schneller treffen als wir denken, schaut nach Amerika, wo es zu kippen droht, schaut in die Türkei und andere vormalige Demokratien.

Bevor mein eifrigster Leser fragt, ob ich wieder schlecht geschlafen hätte. Nein. Es gibt nur ein seltsames Gefühl, wenn sich die Verhältnisse rasant um sich selbst drehen, wie ein Kreisel, der auf der Stelle, mitten auf dem Mittelweg, sich dreht.

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod

 (Alexander Kluge und Edgar Reitz 1974). Aber da geht’s ja um ganz was anderes .! Eben.

Eigentlich wollte ich ja von der Sehnsucht nach einem echten Winter schreiben, nach der unwiederbringlichen Wirklichkeit der Erinnerung. Kann eine solche Sehnsucht politisch werden? Dann wird es wieder Winter und danach Frühling. Schaut jetzt nicht so aus.

Vernunft ist nicht föderal

Der Föderalismus war schon verstaubt bei der deutschen Vereinigung. Zahl und Struktur der Bundesländer erinnern ein wenig an die Zeit um den Wiener Kongress…

ALTERNATIVE 1

Aber was sich diese Länderchefs – sog. MINISTERPRÄSIDENTEN UND MINISTERPRÄSIDENTINNEN et. – mit Corona leisten, grenzt teilweise an KÖRPERVERLETZUNG MIT TODESFOLGE, jedenfalls nicht an Verantrwortlichkeit.

Schimpfen, nicht respektieren, was diese verantwortungsvollen, hoch belasteten Dienerinnen und Diener an den Menschen leisten…

?

Ich befolge alle Anordnungen, ich habe mich nicht geäußert, ob ich sie objektiv richtig und konsistent, oder willkürlich und undurchdacht erachte, als Staatsbürger verhalte ich mich auch dann loyal, wenn ich zu vielem eine eigene Meinung habe – ich beklage mich ja auch nicht über bestimmte Regelungen der Straßenverkehrsordnung oder im Steuerrecht. Kritik unbenommen, aber nicht immer gleich auf das Grundgesetz bezogen.

Ich wollte mich auch nicht mehr Trump und Corona äußern, es gibt wichtigeres: Klima, Armut, Diktaturen…nun äußere ich mich hoffentlich verständlich. Noch kann man etwas machen.

!

  1. Nach der gut bewältigten ersten Phase der Pandemie wurde im Sommer 2020 fast nichts unternommen, um sich auf eine zweite oder dritte Welle vorzubereiten, obwohl maßgebliche Wissenschaftler davor gewarnt haben. Das betrifft vor allem Schulen und keineswegs nur Digitalisierung, sondern vor allem Lehrpläne und Ausbildung und Unterstützung der Lehrpersonen. Auch ohne Covid ist das deutsche Schulsystem etwas maroder als seine Rhetorik.
  2. Die Empfehlungen und Anordnungen bei Beginn der zweiten Welle sind missverständlich, uneinheitlich und vor allem
  3. so gut wie nicht an die Menschen kommuniziert. Dies ist mein Vorwurf an die Länder, dass sie unterschiedliche Reaktionen in ihren Regionen mehr fürchten als rationale Aktionen. Es ist ein Irrtum zu glauben, momentan günstigere Fallzahlen rechtfertigten besondere Erleichterungen und Lockerungen.
  4. Mit den überwiegend faschistoiden und irrationalen Coronaleugnern wird generell zu sanftmütig und vor allem unzutreffend mit dem Hinweis auf Grundrechte umgegangen. Damit werden auch diese Rechte beschädigt, was manchen Gerichtsurteilen zu Demoverboten entgeht.
  5. Die Lockerungen zu Weihnachten und zu Silvester waren uneinheitlich und wurden teilweise menschenverachtend begründet. Viele Politiker können nicht unterscheiden zwischen Alleinsein und Einsamkeit, und sie glauben an die kulturelle Bedeutung meist christlicher Hochfeste,die auch ohne Corona längst ihre solidarische Bindungswirkung verloren haben.

Ach ja, jetzt gehöre ich zu den BESSERWISSERN, nichts ist mir recht…man hat alles mögliche verschlafen, versäumt und immer hat es jemanden gegeben, für den man das alles abgemildert hat.

Ich habe noch nie CDU gewählt, aber ich denke, Kanzlerin Merkel hatte mit ihren Vorschlägen recht, und hätte sie gegen die regionalen Opportunisten durchsetzen sollen. Und ich höre – mit Abstand und Maske, versteht sich- die Klage von Ärzten und Pflegern, dass sie „noch nicht dran sind“ mit dem Impfen…aber die Kranken behandeln sollen, alle Kranken, nicht nur Covid. Impfpflicht ist keine Einschränkung von Grundrechten.

Eine verständliche, eindeutige Verhaltensmaßregel für das ganze Bundesgebiet, am besten für Ganz Europa, ausgerichtet an der Inzidenz, mit gestuften und verbindlichen Maßnahmen, anstatt light und lighter und so in alle Ewigkeit.

Und was die Gottesdienste angeht: wenn Gott möchte, dass sich die Menschen einer Ansteckung unterziehen, sind wir noch immer fähig, uns dagegen mit Klugheit, Therapie und ohne Gesang zur Wehr zu setzen. Und ich brauche auch keine Feiertage, um meinen Nächsten nahe zu sein.

ALTERNATIVE  2

Bei aller staatsbürgerlichen Loyalität kommt es auf die verantwortliche Lebensführung der einzelnen Menschen und der sozialen Gruppen an. Der Staat kann informieren, Ratschläge geben und soll für schnelle Impfpraxis sorgen, natürlich ohne Impfpflicht, aber er darf unser Verhalten nicht lenken und dirigieren.

Diese liberale, aufgeklärte Position hat viel für sich, vor allem, weil sie den Staat aus seinem  widersprüchlichen, mit wenig Autorität versehenen Verhalten entlässt und uns – das Volk! – in die Verantwortung nimmt. Da die Exekutive – Ordnungsämter, Polizei etc. ohnedies heute schon nicht willens und in der Lage sind, coronabezogene Anordnungen zu kontrollieren und ggf. Verstöße zu sanktionieren, tritt hier eine Entlastung ein, die anderswo genutzt werden könnte.

Das würde natürlich den Coronaleugnern und den mit ihnen verbundenen faschistischen Staatsgegnern die Türen zu weiter Hetze und Demokratiefeindlichkeit öffnen, sollte aber besonnenere Aktivisten zum Umdenken und Einlenken bewegen. (Das ist eine Analogie zur heutigen Diskussion über die Sperre von Medien im Kontext von Trumpvergehen und dem Sturm aufs Kapitol…hier verteidigen die Liberalen die Aktion von Twitter, konservative und Verfassungspatrioten fordern Gesetze statt Unternehmerentscheidungen – die Analogie ist nicht weit hergeholt).

KOMPROMISS???

Wenn man die 5 Punkte oben noch einmal liest und in  ihren positiveren Modus übersetzt, landet man schnell bei einer Realpolitik,  die sich immer rechtfertigen kann, aber irgendwie auch hilflos zusehen muss, wie die Sterbeziffern steigen und kein Abflauen der Ansteckungen in Sicht ist (Weihnachten wirkt noch nach), die Diskussion um die 15km untergräbt die Autorität  der staatlichen Organe und der wahlkampf-infizierte Streit um die Bestellpolitik der EU für Impfstoff hat hässliche nationalistische Züge.

Was tun?

  1. Je besser die Aufklärung und je klarer die bundesweiten Anordnungen, desto rigider kann und muss der Staat seine rechtlichen Anordnungen durchsetzen. Kein Föderalismus also.
  2. Impfpflicht hat mit der Einschränkung von Freiheitsrechten nichts zu tun, sehr wohl aber die Ansteckung durch Impfverweigerer. Viele Gestorbene sind bereits jetzt Opfer der Coronaleugner und Impfgegner.
  3. Bildungssystem und Kulturbetrieb sind schon mittelfristig für das Aufrechterhalten einer Wirtschaft, wie wir sie uns vorstellen wichtiger als die ohnedies unmögliche Rückkehr zur Ökonomie von vor der Pandemie (Baerbock und Habeck haben das am 11. 1. Sehr klar formuliert – und vor allem volkswirtschaftlich machbar). Hier und in den Klimaschutz muss man investieren, nicht in die Rettung der früheren Klassengegensätze.

Sonst reicht das, was wir jetzt wissen und was wir weiterhin lernen.

freuet euch!

Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata), streng geschützt.

Keine Angst, keine Rückkehr zu T&C. Aufmunterung tut not,

Ich hatte in mein Pilzgericht zuviel vom Spitzkegeligen Kahlkopf (Psilocybe semilanceata) eingekocht und fand mich schnell in einer etwas befremdlichen, aber schönen Variante der Welt wieder. Ich sitze vor einem Bildschirm und konnte es nicht fassen: Mönchengladbach besiegte Bayern München 3:2. Wenn das möglich ist, dann geht ja auch anderes…

…Horst Seehofer war gerade auf dem Weg zu einem Fremdgang-jubiläum, da überfielen ihn vier maskierte Jesuiten und er fand sich in einem Flüchtlingslager in Bosnien wieder. Zwar fror er und eigentlich war er müde, aber angesichts der Zustände streifte er sich einen coronasicheren Kittel um und begann sich um  die Flüchtlinge zu kümmern. Nach Nahrung und Decken verteilte er Visa für Bayern, und in kurzer Zeit kamen alle Insassen in oberbayrischen Dörfern unter, wo sie den Schulunterricht für zurückgebliebene CSU-Schüler*innen erteilten und sich an der Christbaumentsorgung beteiligten.

…Papst emeritus Ratzinger setzte die Seligsprechung des Kölner Kardinals Wölki durch, zusammen mit den bisherigen Kinderschändern des Bistums, nachdem diese nicht nur Abbitte und Entschädigungsleistungen gebracht hatten, sondern sich einer Weihwassergenialbehandlung unterzogen hatten, die sich auf ihr Seelenheil positiv auswirkte. Das Beispiel machte Schule.

…die Grüne Partei beschloss in jeder sich bietenden Koalition ein Rolle zu spielen. Da die drei Kandidaten exakt je 333 Stimmen bei 2 Enthaltungen erhielten, wurde Annalena Baerbock einstimmig zur Vorsitzenden der CDU gewählt und ging eine schwarzgrüne Koalition mit Robert Habeck ein, die als erstes den Ausschluss der Türkei aus der Nato forcierte und als zweites Öl und Kohle verbot. Darauf wurde beide zu Konsuln auf Lebenszeit ernannt.

Mit nachlassender Wirkung der Pilze wurden die Bilder unschärfer und ich selbst sah mich in unangenehmen Situationen, z.B. wurde ich einem Zensurkollegium vorgeführt, das meine verbalen Entgleisungen mit langen Aufenthalten in der Springerredaktion bestrafte.

Dann wurde mir schlecht. Aber Gladbach hat gesiegt.

Ausnahmezustand

LIEBE BLOG LESERINNEN UND LESER! Bis zum * im Text hatte ich diesen  Blog bis 17 Uhr gestern geschrieben. Dann kamen die Ereignisse von Washington. Ich muss also anders fortfahren als ich eigentlich wollte. Das Thema ist kein Zufall.

diese informationen sind wichtig. https://www.nytimes.com/live/2021/01/06/us/electoral-vote?campaign_id=7&emc=edit_MBAE_p_20210106&instance_id=25717&nl=morning-briefing&regi_id=60540671&section=topNews&segment_id=48546&te=1&user_id=dba22290721c371ead84cc760ca98496#pro-trump-mob-storms-capitol-in-day-of-violence-disrupting-electoral-count // und https://www.sueddeutsche.de/politik/usa-washington-kapitol-trump-1.5166820

6.1.2021

Manche Intellektuelle haben einen guten Namen. Fragt man genauer, warum das so ist, so landet man meist in der eigenen intellektuellen Klasse, sagen wir ruhig „Elite“. Gerade wenn man nicht elitär erscheinen will, ist diese Zugehörigkeit besonders prekär.

Trump hat gegen die Eliten gewettert, und dass seine Anhänger weiter abgehängt werden, sozial und kulturell, gehört nach dem Urteil der -> Meritokraten zur Tatsache, dass im Grunde jeder das bekommt, was er oder sie verdient. In dieser Gesellschaftsideologie sind viele befangen, die sich für fortschrittlich, wissend und middle of the road verstehen.

Anne Applebaum hat so einen guten Namen. Und ihre Thesen zur gefährdeten Demokratie in den USA werden  so erbarmungslos zerlegt, dass auch auf unsere tägliche Debatte ein düsteres Licht fällt. Ein großartiger Aufsatz, mehr als eine Rezension „Orthodoxy of the Elites“ von Jackson Lears zu Applebaums neuestem Buch Twilight of Democracy.(Lears 2021). Ich habe selten eine so präzise Zusammenfassung der Kritik an der Kritik der Demokraten an Trump gelesen – und an dem elitären internen Diskurs darüber innerhalb der privilegierten intellektuellen Schichten, also in unseren Kreisen.  Man kann das gut belegt und im Detail nachlesen. Was mich bewegt,  ist u.a. der Verweis auf Julien Benda, der den Faschismus vorhergesagt hatte (1927: Der Verrat der Intellektuellen (Benda 1978)) und sich der „clercs“ doppelt bediente: der eher abwertend halt Kopfmenschen, eher wirkungsvoll als Berater und Wortführer der Mächtigen. Applebaum wird auseinandergenommen, weil sie eine gemäßigt republikanische Position (McCain) z.B. interventionistisch auslegt und weil sie letztlich meint, den Abgehängten geschähe schon recht, warum sind sie denn abgehängt und nicht „begabt“. Lears‘ Kritik an der angeblich liberalen Meritokratie ist überzeugend, wichtiger erscheint mir sein Schlusssatz: „For American democracy to survive, its clercs are going to have  to disengage from orthodoxy, stop talking only to one another, and start listening to heretics”. Häretiker sind unter anderem die Arbeiter, die unter Trump das Letzte verlieren, Arbeit, Versicherung etc. die Analogien zu den Rechtsradikalen in der Lausitz bei uns sind so wenig zu ignorieren wie zu den Gelbwesten. Auch muss man nicht Applebaum selber lesen, um zu wissen, wie viel und wenig man von Biden zu erwarten hat, ohne dass man Trump nachtrauern muss.

 *

Wer sind die HERETICS? Ist das der Pöbel, der ins Capitol eingedrungen ist? Oder sind das die republikanischen Kongressmitglieder, die nach dem Putschversuch weiterhin die Wahlergebnisse anfechten, als wäre nichts geschehen? Wer sind die ORTHODOXEN? Sind das die konservativen Politiker beider Parteien, die in ihrer Ingroup sich die neoliberalen Bälle zuspielen? Vor allem – wo sind die Verteidiger und Stützen der DEMOKRATIE? Sind das die Schwarzen, die Minderheiten, die LGBTY, die bereits „Abgehängten“ und die, die davor Angst haben? Großteils NEIN. Es sind eher die Anhänger von Institutionen, die den Regeln immer weniger beschränkter personaler Macht misstrauen. Dazu aber müssen sie gebildet sein, müssen Zusammenhänge kennen und wissen, sie müssen in gewisser Hinsicht die clercs sein, die sich aus der à Truman Show[1] der Eliten ausklinken.

Die heutigen Meldungen sind aufregend und beunruhigend genug. Die Analogie zu den deutschen Verhältnissen drängt sich auf, nicht nur bei den Querdenkern am Reichstag, auch bei der Relativierung des Pöbels bei den Politikern, die mit möglichen Unterstützern kalkulieren, gar nicht weit von den Gelbwesten entfernt.

In Zeiten der Pandemie mobilisiert sich die menschliche Blödheit leichter, aus Angst und aus der Chance, selbst zu denen zu gehören, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Endlich eine globale Tatsache, die denen das Wort entzieht, die noch auf eine völkische Ausnahmeposition setzen. Der amerikanische EXCEPTIONALISM[2]  hat gestern einen empfindlichen Schlag bekommen, aber nicht mehr, und für die Deutschen (ich meine die deutschen Deutschen) sollten härtere Tage kommen. Das liegt an uns.

Benda, J. (1978). Der Verrat der Intellektuellen. München, Hanser.

Danner, M. (2011). „After September 2011: Our State of Exception.“ NYRB 58(15): 4.

Lears, J. (2021). „Orthodoxy of the Elites.“ NYRB 68(1): 8-1.

Patman, R. G. (2006). „Globalization, US Exceptionalism, and the War on Terror.“ Third World Quarterly 27(6): 23.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Truman_Show man muss die Metapher nicht endlos ausweiten, aber es ist wichtig dass Menschen merken, dass sie Mitglied einer elitären Blase sind, aus der heraus sie ruhig kritisch sein können, ohne das System wirklich in Bewegung zu setzen.

[2] exceptionalism definition: noun: exceptionalism

“the belief that something is exceptional, especially the theory that the peaceful capitalism of the US constitutes an exception to the general economic laws governing national historical development.,”

Vgl.: Patman, R. G. (2006). „Globalization, US Exceptionalism, and the War on Terror.“ Third World Quarterly 27(6): 23, Danner, M. (2011). „After September 2011: Our State of Exception.“ NYRB 58(15): 4.

Umkehr? Umkehr!

noch ist die weitgehende jkleinschreibung meinem defekten computer geschuldet, wird bald besser!

Deutlicher kann man es nicht schreiben:

„Mehr als inakzeptabel ist: wegzuschauen, wenn Tausende frieren und leiden; wegzuschauen, wenn in der Ägäis Boote zurück Richtung Türkei geschleppt werden; wegzuschauen, wenn in Kroatien Flüchtlinge mit Gewalt über die Grenze nach Bosnien verbracht werden; wegzuschauen, wenn im Mittelmeer – aufgrund des Verzichts auf staatliche Rettungsaktionen und der aktiven Behinderung ziviler Helfer – Menschen ertrinken. Das ist eine permanente, kollektiv sanktionierte Missachtung der Menschenrechte, begründet auf der grauenvollen Überzeugung, dass nur Abwehr und Abschottung jener oft beschworenen „Sogwirkung“ entgegenwirken, die man in vielen europäischen Hauptstädten genauso fürchtet wie in Bosnien-Herzegowina.

Sich der „Schließung der Balkanroute“ zu rühmen, nur um dann das Problem der an der Südgrenze der EU gestrandeten Migranten an Nicht-EU-Staaten auszulagern, ist heuchlerisch. Angebote für Hilfsgelder an die Bedingung zu koppeln, sie mögen Familien, nicht aber jungen Männern zugutekommen, ist zynisch. An die Regierung in Sarajevo zu appellieren, die Lebensumstände für „ihre“ Flüchtlinge zu verbessern, und die „eigenen“ Flüchtlinge auf griechischen Inseln im Matsch überwintern zu lassen, ist unverschämt.“ Süddeutsche 4.1.21

Immerhin: in unserem land kann man das in den medien lesen. Die länder, die wir mit waffen für ihre kriege beliefern,  lassen auch das nicht zu. Heute, am 5.1. hat seehofer und sein ministerium verlauten lassen, man wird keine flüchtlinge aus bosnien aufnehmen. D.h. man wird sie weiter sterben lassen. Seehofer tötet.

*

Solche inhalte könnte ich jeden tag schreiben und werde es in abständen weiter tun.ichwill mich aber nicht verbal daran abnutzen, dass ein sachverhalt, den jeder kennen und verstehen kann, immer wiederholt wird, ohne ausweg, ohne umkehr. Die so genannten christen, sie so genannten sozialen demokraten, die unbekümmert ihren idolen opfern und sich bekreuzigen oder zur solidarität aufrufen regieren, als ob menschenleben außerhalb ihrer machtinteressen weniger zählten als in ihren wahlkreisen. Ich weiß so gut wir ihr leser*innen, dass die meisten dieser schreibtischtäter nie vor gericht kommen (außer die christen zum jüngsten gericht, aber da kann ich mich an ihren höllenstrafen nicht erfreuen), aber man  würde sich doch freuen, wenn manche von ihnen am eigenen leib erfahren würden, welches unglück sie über die menschen bringen.

Ich kenne den balkan gut. Ich weiß, dass viel unglück  dort ausgelöst wurde durch die blödsinnige außenpolitik des herrn genscher und von teilen der EU, und dass die jetzige bosnische politik auch durch die politische inkonsequenz von usa, nato und deutschland mit-verursacht wurde – untermitwirkung der nationalisten in den balkanischen regionen. Aber heute diese lächerlich geringen flüchtlingszahlen auf eine geschichtsinterpretation und so genannte grundsätze zu reduzieren, ist unmenschlich. Seehofer tötet.Ach ja, herr merz, ausgerechnet, der blackstone vandale, fürchtet, dass noch mehr flüchtlinge kommen, wenn wir die in bosnien retten…man sollte ihn vielleicht einmal drei tage in einem lager hungern und frieren lassen.

Unsere umkehr kann nur in partieller illoyalität gegenüber diesem innenminister und seinen gefolgsleuten bestehen. Und in aktiver flüchtlingshilfe, wenn es sein muss, gegen die politik der bundesregierung.

Loop ins neue Jahr

Allen, die diesen blog lesen, zunächst die besten wünsche zum neuen jahr, viel gesunde reflexion darüber, was daran neu sein kann, und viel glück beim leben der ergebnisse eures nachdenkens und handelns.

Bis auf weiteres schreibe ich in kleinbuchstaben, weil mein pc defekt ist. Ihr könnt euch an diese ungewohnte moderne auch gewöhnen, es wird wieder anders. und bitte verbreitet diesen blog, ich habe keine sozialen netzwerke…

Danke für eure freundliche begleitung durchs bloger jahr. Auch das wird hoffentlich gut und besser. Von euch wünsche ich mir mehr kritik und kommentieren, für euch wünsche ich mir, dass ihr freude an themen außerhalb von t&c habt und ein wenig die zukunft genießt. Wir haben ja noch einiges vor uns, bevor wir alles hinter uns haben.

Prosit Neujahr. Das wünschte vor einer stunde riccardo muti mit den wiener philharmonikern beim neujahrskonzert aus dem musikvereinssaal. Selten hat dieses ereignis mich so vielschichtig bewegt. Dass kein publikum da war, hat bei der tollen akustik nicht gestört, die loge des präsidenten war auch leer, ich habe mir dort alexander van der bellen so gewünscht wie früher heinz fischer, österreich hatte da zwei präsidenten, die weit besser waren als die regierungen zu der zeit.

Ich höre dieses konzert seit vielen jahren, unterschiedlich aufmerksam. Je länger ich von wien entfernt lebe, desto mehr verstehe ich, warum berlin hinten ansteht. Aber dieses jahr war es besonders. Man konnte sich wirklich auf die musik konzentrieren, und fast alle damit verbundenen assoziationen haben eine vergangenheit heraufbeschworen, die zwar nicht geschichte schon ist (noch lebe ich), aber doch vieles anschneidet, das sich klarer und deutlicher abhebt von einem alltag, in dem silvester und neujahr eher müde rituale darstellen. 

Muti spielt seit 50! Jahren mit den philharmonikern. Damals bin ich oft allein oder mit freunden zu den konzerten am Sonntag vormittag gegangen, um durch ein lächerlich kleines trinkgeld noch auf den stehplätzen ganz hinten die musik zu hören, wenn man schon keinen sitz ergattern konnte. Damals war auch die musikalische einführungszeit vorbei, die ich in bundesheerunifom und gratiskarten häufig jenseits des zapfenstreichs in der oper oder im theater verbracht hatte. Aber die symbolik des neujahrskonzerts war schon teil der familiengeschichte: die apothekenglocke durfte nicht läuten – hat sie doch, zum ärger meiner tante – und das orchester, damals nur männlich, hat noch die spuren der silvesternacht deutlicher als heute gezeigt, einschließlich willy boskowski, der viele jahre lang dirigierte. Die meisten walzer und polkas sind ja nicht immer mein geschmack. In diesem jahr war der durchaus zweitrangige karl komzak mit den „Badener madeln“ aber erinnerungsschwer,  weil ich ja 7 jahre in baden bei wien gelebt hatte, und man sah die entscheidenden ort, den kurpark, das theater, das beethovenhaus und daneben die gründerzeitpolizeiwache…ach baden, damit verbinden mich heute nur mehr die abiturstreffen und die bücher von marlene streeruwitz. Und erinnerungen, die hart an der grenze von vergangenheit und geschichte sind…und dann waren einige stücke mit dem herrlichen staatsopernballetthinterlegt, diesmal im park des palais liechtenstein, dem gegenüber ich in die französische grundschule ging, und später habe ich da beim österreichischen universitätenkuratorium gearbeitet, und in allen häusern rundherum spielt  doderers „strudlhofstiege“. überhaupt der für mich vielleicht zweitwichtigste stadtbezirk von wien…der tanz war verwegen modern, auch in den farben.

Weil das burgenland erst seit 100 jahren zu österreich gehört, also nicht weiter zu ungarn, wurde ein schöner film  eingespielt. Beginnend mit dem haydnquartett, aus dem leider die deutsche nationalhymne hervorgegangen ist, aber man sah die schönen städte eisenstadt und rust, die burgen – lockenhaus vor allem, auch ein musikereignis – und wieder die präzision der erinnerung an die orte und landschaften einer zeit, die ein anderer planet sich anfühlt, nie geschichte wird, aber sehr wohl zur formativen vergangenheit gehört. Nach einem wg freund aus der damaligen zeit werde ich mich jetzt digital umschauen…

In seiner neujahrsansprache hat muti sehr präzise durchaus politisch die rolle der kultur für unsere gesellschaft angesprochen, besser als die meisten salbungsvollen reden … also. Der auftakt hätte nicht besser gelingen können.

A propos zeitgeist. Bei den wiener philharmonikern sitzen so viele frauen wie nie hinter den pulten, in allen instrumentengruppen. Das erfreut. Und leitet zu dem über, was mich in diesen tagen eher bitter bzw. kritisch macht. Ist ja gut, wenn im ehemals rein weißen europa sowohl fragen der ethnischen diversität als auch der gender quality sich mit einem postkolonialen impetus verbindet, der vielleicht nicht übertrieben, isoliert erscheint. Dabei wird oft übersehen, dass kultur aus der damaligen zeit keineswegs dadurch entschuldigt wird, dass man sie sowohl aus der zeit als auch aus dem heutigen blick und wissen versteht[1]. Diese verengte sicht der intellektuellen und kulturellen prioritätensetzung lenkt nur zu leicht von den entsetzlichen sozialen verschlechterungen – bei den flüchtlingen noch mehr als in unserer privilegierten gesellschaft, aber auch da, und massiv – ab und von den politischen prioritäten wie klima und krieg. Ja, auch bei uns, und das klassen- und schichtdominierte deutsche schulwesen zeigt jetzt die offene wunde der sozialen diskriminierung stärker als je seit den 1960ern zuvor.

Ich verfalle nicht in eine wohlständige und unanständige depression, die mich dann pathologisch begründet lähmt, etwas zu denken, zu sagen und zu tun. aber ich bin melancholisch, weil mir die wahrheit bloch satz „hoffnung ist nicht zuversicht“ selten so deutlich wurde, wie in diesen tagen. Die euch allesamt in ein gutes jahr bringen sollen, vielleicht in eine achsenzeit hin zu einer politischen und kulturellen wende.


[1] Keine vorlesung, aber es lohnt sich den unterschied zwischen emisch und etisch in der anthropologie ganz anzuschauen. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Emisch_und_etisch .