Vor uns dörren die Bäume, nach uns nichts

Schlechte Zeiten bringen selten gute Menschen hervor, gute auch nicht. Ob jemand schlecht oder gut ist, hängt nicht nur von den Zeiten ab; gewiss aber ist, dass die Umstände die Situationen und ihre Machthaber in die Extreme treiben. Weiß man das, braucht man sich darüber nicht aufzuregen, Aber natürlich über anderes umso mehr. Ohne Aufregung verkommen die Menschen wie die Bäume, wenn zuwenig Wasser sie am Leben hält. Nur aufgeregt, ersaufen wir, – das merkt man an den Medien. Und Mittelweg gibts auch nicht, der bringt nach Alexander Kluge den Tod. Also: nicht auf-, nicht ab-regen. Die Wirklichkeit erregt genug.

Ist euch aufgefallen, dass gerade die Ukraine und Russlands Vernichtungsfeldzug an den Rand gedrückt wird, dass das lange unterdrückte Afghanistan wieder auftaucht, weil die meisten Rettungsaktionen schon versäumt wurden und man darüber trefflich sich betrüben oder streiten kann; dass Covid immer mehr seinen Interpreten in die Schuhe geschoben wird, aber das große, mächtige Deutschland zu rückständig ist, um eine brauchbare Statistik nach drei Jahren zu liefern; und dass über Klima und Klimapolitik und Krisenbewältigung nicht wirklich gesprochen wird, sondern über AKWs, Kohle und 19° oder 20° Zimmertemeperatur queruliert wird.

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Gut, habt ihr also bemerkt. Ich rede zu mir selbst, ich habs auch gemerkt, und ich habe aufgehört, die Antworten niederzuschreiben, zu analysieren und zu kommentieren. Wie eine herrliche impressionistische Etüde flirren die Erklärungen herum, und nur auf eine sanfte weitere Frage: Und was jetzt, was ist zu tun? gibt es natürlich keine Antwort.

Natürlich? Aus der Beobachtenden-Rolle derer, die nicht am Krieg kämpfend teilnehmen, sondern legistisch, – und das sind WIR – kann man kommentieren oder eben nichts dazu sagen. Und die Kommentare entlasten, solange man nicht genau sagt, was jetzt GETAN werden soll. Der Optativ regiert die Medien.

Wenn man nicht handeln kann, also ohnmächtig ist, hilft die Poetisierung der Ohnmacht wenig. Sie aber geschieht dauernd, zum Beispiel dadurch, dass andauernd globale Bezüge hergestellt werden dafür, was unter welchen Umständen getan werden sollte, aber nicht kann, solange bestimmte intervenierende Variable nicht geändert werden. Das verschafft manchen Kommentierern sogar noch Aufmerksamkeit.

Vor meinem Fenster verdorren die Baumkronen. Ob die Bäume dieses Jahr überleben, weiß ich nicht. Aber was soll ich dazu sagen? Am besten nichts. Denn der Klimawandel beginnt nicht dort bekämpft zu werden, wo man seine Folgen und Entwicklungen sieht, sie sagen über die Ursachen des Saharastaubs bei uns und den Gletscherschwund wenig bis nichts aus. Und nimmt man Ursachen ernst, dann muss man in die Politik eingreifen, und dann sollte man die Hälfte der marktliberalen und der bürokratischen Menschen sofort absetzen, aber wiederum die Frage: Wie? Absetzen reicht nicht, wenn wir niemanden haben, der weiß und zugleich fähig ist zu handeln, das hat unser Kompetenzschwachsinn im Bildungssystem ebenso beschleunigt wie die Hoffnung, es zeige sich noch einmal etwas „Rettendes“. Dass ich nicht lache.

wenn wir uns abere für bestimmte Aktionen zusammentun, dann fordern wir die Macht, auch oft die Gewalt, heraus. Weil die Kommentare ja die Macht nicht überzeugen, sondern wenn überhaupt nur uns selbst, sollten wir die Formen des Widerstands und nicht die der diskursiven Übereinstimmung diskutieren und verbreiten. (Vieles an diesen Kommentaren zu den Kommentaren kommt mir so vor die die Reitspuren der Prärie am Jacinto (Charles Sealsfield 1905). Da reitet einer auf seinen eigenen Spuren im Kreis und freut sich, dass immer Hufe seiner Richtung zustimmen, irgendwann kommen wir da schon raus. Nein, kein spontaner Aufstand gegen die Autorität des Staates oder die Privilegierung korrupten Politikhengste: erstens können wir den nicht, zweitens führt er nur zu einer systemischen Erneuerung durch noch ärgere Typen, und drittens sagt der Aufstand, wenn er denn gelänge, noch nicht, WIE wir dann die angesprochenen Probleme lösen. Handeln ohne Aufstand, schwebt mir vor. Nicht Re-ob -form oder -volution. Verweigerung der politischen Korrektheit, bestimmte Situationen auch nur in Erwägung zu ziehen. Das hat eine Verzichtseite, gewiss, die aber nicht deckungsgleich mit einer Verstärkung der Armut ist (das gilt für warme Kleidung genauso wie für Fleischverzicht); es hat auch eine befreiende Seite, weil wir tun, was wir für richtig halten, und nicht was man tut. Man, das sind nicht nur Lindner, Woelki, und wie sie alle heißen, listenweise. Das sind die Zusammenklumpungen dessen, was die Zivilisation als Kultur uns aufzwingt….

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Ich will jetzt erklären, warum ich mit dieser alten, vielleicht konservativeren Widerstandsformel agiere. Ich weiß schon, wo sie nicht sinnvoll ist und wo sie vielleicht wirkt. Aber sie ist ein Mittel zu fragen, wo wir, jede und jeder einzelne von uns, „eigentlich“ in dieser Vertikale der Macht leben und handeln reden. Es ist wie eine Autoimmunerkrankung der Demokratie, der Solidarität und vor allem der Vernunft. Wir WISSEN, was für Unsinn im Winterpelz der Realpolitik nistet (für alle oben geschilderten Umstände: WASCHMIR DEN PELZ ABER MACH MICH NICHT NASS; das gilt für Empathie, Selbstbeschränkung, und Abschleifen des Widerstands. Beispiel 1: der Kampf gegen Antisemitismus wird in einen falschen Kontext zum Kampf gegen den Postkolonialismus gebracht, und die Opfer der Anschläge und der unwürdige Disput um die Entschädigung der OlympionikInnen von 1972 verblassen gegen die Documenta 15 (da ist die Situation so flach, dass sich jeder Dumme zu Wort melden kann und meldet). Beispiel 2: Keine Coronamaßnahme kann darüber hinwegtäuschen, dass ausgerechnet in Deutschland kaum empirische Unterlagen über das Pandemiegschehen vorhanden sind und öffentlich gemacht werden. DARUM und nicht wegen des Disputs sind andere Länder besser dran. Beispiel 3: AKW Verlängerung. Wie dumm müssen Menschen sein, wenn sie nicht ohnedies schon verstrahlt sind, dass sie die Energieknappheit gegen die Folgen eines Nuklearunfalls und gegen die Beseitigung der strahlenden Überreste aufrechnen?

Dämmert es den meisten noch nicht, dass wir SO ODER SO weniger wohlhabend und bequem leben, ab morgen, ab übermorgen, und wenn mein Baum vor dem Fenster verdorrt sein wird, dann ist da sein Zeichen für die Wirklichkeit. Wir. Und die anderen, die vielen? alles noch schlimmer. Und deshalb, gerade deshalb nicht opti/pessi/mistisch herum stammeln.

(Nebenbei spart das Papier und Strom).

Lacht nur.

Was man weiß, muss man nicht immer anschauen und anhören. Da kann man eben doch etwas machen, und nicht bei allem müssen wir fragen, ob es denen gefällt, deren Solidarität auf Almosen reduziert ist und die nur die Gegenwart ihrer Hinfälligkeit beachten. Das sind die, die Luthers Apfelbäumchen pflanzen, weil die Welt untergeht. Soll sie ohne Apfelbäumchen weiter bestehen?

Zerfall, Zermatt, Zerrbild

Diese Alliteration hat Richard Wagner versäumt, deshalb singt sie Wotan nicht in Bayreuth. Wigula weia.

Wenn ich behaupte, dass das Bewusstsein vieler, vor allem politisch und kulturell denkender Deutscher ZERFÄLLT, dann heißt das nicht schon wieder eine Dekadenz oder eine VERfall. Ich habe das Bild einer Kettenreaktion, die je weiter sie fortschreitet, desto weniger aufgehalten werden kann.

Da gibt es den Krieg Russlands gegen die Ukraine, die Angriffe Chinas gegen den Westen, und schon zerfallen festgeglaubte Grundlagen unserer gesellschaftlichen Binnenstruktur und außenpolitischen Weltvertretung. Plötzlich ist die Energieknappheit als Folge auch deutscher Russlandpolitik ein Hebel, die Klimapolitik auszuhebeln, die soziale Spannung zu vergrößern, plötzlich werden Ursachen und Wirkungen effektiv vertauscht, und kleine Fehler werden auch dann vertuscht, wenn sie die Türöffner zu großen sind.

Global gesehen wäre das, abgesehen vom Klima, normal. Normal, wenn man bedenkt, dass ja auch die deutsche Politik nicht normal sein konnte – unterwürfig gegenüber NATO und teilweise den USA, teilweise der Wirtschaft Chinas, teilweise den eigenen Bekenntnissen zu Menschenrechten gegenüber, aber dominant und arrogant den ärmeren EU Staaten und den Ländern der 3. Welt gegenüber. Gut, jetzt weniger als die Jahre unter schwarz rot und schwarz gelb. We4niger ist nicht NICHT. Dabei hinkt das arrogante Deutschland hinter vielen technischen und sozialen Möglichkeiten hinterher, aber zugleich machen wir nicht, was MÖGLICH ist. Um die Lobbys im eigenen Land nicht zu verprellen: Lindner ist ein Vorreiter für solche Deals, aber er ist leider nicht allein.

ZERSTRAHLT sind sie fast alle: die CDU unter Merz hat vergessen, dass es eine Zeit vor Oktober 2021 gab, die SPD sieht großzügig über den immer schon schlau-hinterhältigen Charakter des Cumex Kanzlers und seiner G20 Irrfahrt hinweg, von Söders Energie- und Bahnunfähigkeit schweige, weil sie allesamt in der Atomkraftdebatte einen Strahlenschaden abbekommen haben. Zum Zerfall gehört eine seltsame populistische Taktik: wenn man sich einen Schwerpunkt oder ein paar Hauptaspekte heraussucht, um zu argumentieren oder gar zu handeln, wird einem sofort vorgeworfen, warum nicht diesen oder jenen anderen Schwerpunkt. Versucht man es ganzheitlich, dann geschieht etwas noch schlimmeres: wenn man gegen Russlands Vernichtungskrieg gegen die Ukraine andenkt und -spricht, kommt sofort die Frage, warum die Kritik an der Vorgeschichte von NATO und Ukraine nicht in einem Atemzug erfolgt. Ganzheitlichkeit im Sinn horizontaler Vernetzung von Themen und Begriffen geht nicht, und jede, aber auch jede wertende Reihung wird bereits als Versagen bemäkelt. Na gut, stört MICH nicht, sollte aber gute PolitikerInnen schon stören. Auch Deutschland droht von den Gelbwesten und den postmodernen Neonazis überrollt zu werden. Kein boshafter Sprachfehler.

ZERMATT Ein schöner Platz in der Schweiz, von dort geht es zum Matterhorn und über die abschmelzenden Gletscher. Die Mattigkeit ist meine Assoziation, matt sind die Aufstände gegen das Zurückfahren der Umweltpolitik zugunsten von 20° im Winter statt 19° (kein Witz), matt sind die Kommentare, wie lange wir uns noch die Unterstützung der Ukraine leisten können, bevor unser Wohlstand sich längerfristig reduzieren wird…natürlich wird er das, mit und ohne Russlands Krieg, Matt sind die Bemühungen, nicht „binär“ zu denken, d.h. es gibt immer nur zwei Aspekte unseres politischen Bewusstseins: Ukraine – Russland, ok, das versteht man. Afghanistan, wo die Menschen verhungern, ist aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten (Hoffen wir, dass sich das mit den Bundestagskommissionen und der Aufarbeitung der letzten Tage der deutschen Niederlage in Kabul im SPIEGEL ändert. Hier ist die Regierung vor der Öffentlichkeit). Mit „binär“ meine ich das Denken Russland oder China, USA oder Russland, usw.

ZERRBILDER sind en vogue. Das gehört zur politischen Kultur. Aufmerksamkeit wecken, abwerten was man bekämpft, auch Zerrbilder des Guten sind alltäglich. In den letzten Monaten sind zwei Zerrfelder ins Licht gerückt: Die documenta 15 und die Energiekrise. (von Covid rede ich gar nicht mehr, da lassen die so genannten Liberalen die gefährdeten und selbst-gefährdeten Impfgegner und Schutzbedürfnissen lieber sterben, als dass sie ihre blöde Verzerrung des Begriffs Freiheit korrigieren). Die Verzerrung der Wirklichkeit durch die Propagierung von so genannten Wahrheiten ist gefährlich. Antisemitismus versus Antikolonialismus (die binäre Verzerrung hat fast alle Äußerungen zum Thema binär – s.o. – verzerrt und macht sie dialogunbrauchbar. Das Zerrbild aber setzt sich fest, wird zu einem Bestandteil der deutschen Selbstwahrnehmung und gehört plötzlich zu „unserer“ politischen Kultur. In der Energiekrise ist etwa die Verengung auf pro und contra AKW von einer kaum erträglichen Dummheit; das Abdrehen russischen Öls und Gases wird mit der Projektion deutscher Verarmung, Erkältung und Funktionsunfähigkeit Siehe „binär“ oben. Zerfall wird herbeigeredet.

Wenn die Liberalen die Freiheit der Einzelnen herbeiredet, um sich von staatlichem Zwang zu „befreien“, dann wäre der Prüfstein die soziale Situation derer, die sich längst, nicht erst seit den großen Krisen, ausgeklammert haben. Ausgeklammert von Politik, aktiver sozialer Selbstverteidigung, nicht übergestülpter Kultur – das Viertel oder Fünftel der Bevölkerung, die wir kaum mehr wahrnehmen außer als Objekte mildtätiger Spenden, damit man die Wohlhabenden nicht weiter belästigt. Die Rückholung in die Gesellschaft kann neben anderem nur durch Umverteilung von Macht und sozialer Grundsicherung erfolgen, das bedeutet Steuererhöhung für die Besserverdienenden, nicht nur für die ganz Reichen (das fordern ja auch SPD und andere), sondern so weit in die „Mitte“, dass allein dadurch nicht weitere Armut entsteht. Das bedeutet aber auch die Ehrlichkeit der Eliten und der Politik, festzustellen, dass es JETZT SCHON UND IN ZUKUNFT weniger Wachstum, Wohlstand, Bewegungsfreiheit im Urlaubsverkehr und viele Einschränkungen geben wird. Wenn ich jetzt sage, na und, dann, weil ich denke, dass wir trotzdem eines der wohlhabenden DEMOKRATISCHEN Länder bleiben können, schon, wenn wir die Alternativen in der Klimapolitik, beim Wohnbau, bei der Waldbewirtschaftung auch nur wirklich in die Hand nehmen, statt uns im Zerfall unseres Bewusstseins zermattet zurücklehnen und darauf hoffen, dass ES schon besser wird. Putin wird uns kein Kremlgold schenken, Ji wird uns keine Uiguren als Arbeitskräfte schicken, Erdögan wird keine Gefangenen freilassen und Orban wird von seinen rassistischen Sprüchen im verarmenden Ungarn nicht freilassen., WENN wir nichts tun.

Immer wieder immer noch AFGHANISTAN

Gerade scheint ja die Aufmerksamkeit für Afghanistan und seine Beziehungen zu Deutschland wieder in ins öffentliche Licht zu rücken. Schön wäre das, oder nicht schön, aber richtig. Ein kleiner Essay:

Michael Daxner                                                                                 Im August 2022

Afghanistan 2001-2021

Vor genau einem Jahr haben die Taliban ihre zweite Herrschaft aufgerichtet. Die deutsche Geschichte mit Afghanistan hat eine besondere Verantwortung und Haftung, die vergangenen 20 Jahre aktiver Beteiligung an Intervention und Wiederaufbau, an Demokratisierung und Sicherung aufzuarbeiten, was bislang fahrlässig vernachlässigt wurde. Die derzeitige Situation – Regierung seit 2021, Reaktionen auf Hungerkrise, verschärfte Diktatur der Taliban, geopolitische Einordnung des Konflikts im Schatten des Kriegs von Russland gegen die Ukraine, nach wie vor die Gefahr des Vergessens der deutschen Rolle in den 20 Jahren der Intervention – all das muss aus dem selbstgewählten Schattenbewusstsein herausgeholt werden. Persönliche und institutionelle Kritik und Selbstkritik sind immer noch besser als Verdrängung und Erschrecken, das Verdrängte doch wiederkommt (wie dieser Tage beim Ausschalten von Al Sawahiri).

Es ist hier eine gedrängte Zusammenfassung meiner Überlegungen, ohne Anspruch auf große Komplexität, aber auch ohne dauerndes Zitieren der Autoritäten, auf denen der Afghanistandiskurs anscheinend beruht – anscheinend, weil er mehr auf uns als auf die notleidenden Menschen in Afghanistan abzielt.

  • Beginnt die Geschichte für uns 1914…jedenfalls mit Amanullah 1892-1960: deutsch, französisch, türkisch orientiert,…oder mit 1968, als Afghanistan Durchlauferhitzer auf der Fahrt nach Indien war? Oder erst 2001, als der Kalte Krieg, die sowjetische Besatzung, das korrupte Mujaheddinregime, die Terrorherrschaft der Taliban etc. längst vergessen waren? Oder nie bewusst?
  • So geschichtsvergessen aber brachte sich Deutschland bei und nach der Konferenz von Bonn 2001 ein, und unsere Beteiligung an der Intervention war innenpolitisch den Menschenrechten zugewandt, außenpolitisch aber der Unterwerfung unter die USA und die NATO geschuldet.
  • Ich war für die Intervention gewesen. Ein Fazit war, dass eine richtige Politik von Anfang an durch Fehler in ihr Gegenteil verkehrt wurde. Fehler der Amerikaner: Rache für 9/11 + Uneinigkeit über das Ziel: Gewinnung eines Partners des „Westens“ versus militärische Basis in der Region (vgl. dazu (Daxner 2017), neuerdings u.a. Dobbins (RAND)). Rumsfeld: no nation building!
  • Fehler der Deutschen: Beteiligung an der Intervention war nur scheinbar humanitär, gegenüber der Öffentlichkeit wurde Krieg und Besatzung verdeckt.
  • Wenn 9/11 Ursache und Anlass gewesen wäre, hätte man nach dem Tod von Osama bin Laden sofort abziehen können und müssen. Stattdessen der längste Krieg der USA, und – nach Korea und Vietnam, der dritte, der mit einer Niederlage endete
  • Dazu gibt es hinreichend viele und genau, selten wirklich kontroverse Analysen. Deren Konsequenzen haben es aber nicht in die Öffentlichkeit geschafft, und im subjektiv-betroffenen Segment werden sie oft sogar unter Verschluss gehalten.
  • Die Intervention hat in der Tat dem Land Fortschritte gebracht: Bildung und Gesundheit haben sich verbessert, v.a. sind die Rechte von Frauen, Minderheiten und die öffentlichen Freiheiten – v.a. gemessen an der Talibandiktatur vor 2001 und erneuten Talibanherrschaft nach 2021 – erheblich gestärkt worden, man kann von einer „neuen“ Generation sprechen. Negativ waren die Ambivalenz von westlichem Verfassungsanspruch und islamistischer Beharrung, Konstanz von vor-Taliban Eliten (vgl. Spanta 2018), zu geringe zivile Entwicklungsunterstützung. Irreversible Modernisierung, z.B.  durch vergrößertes Wegenetz (Aufbrechen von isolierten Lokalgesellschaften), Medien, IT. Nicht einholbare Modernisierung: Bevölkerung wächst durch Gesundheitsreformen: unkontrolliert, Kommunikation mit der Diaspora beendet Isolation auf einer anderen, diskursiven Ebene; halbkoloniale Entwicklungshilfe wird durch Remittenden teilweise überholt. Dominanz des Militärischen zerstört zivilen Aufbau.
  • Kritik dieser Modernisierung aus Deutscher Perspektive: die Regierung kommuniziert zu wenig mit Wissenschaft und Ethnologie; Die beteiligten Ressorts agieren von unkoordinierten und inkompatiblen Wissens- und Netzwerkgrundlagen; die Interessen deutscher Außenpolitik an Afghanistan und der Region wurden innenpolitisch nicht oder falsch vermittelt. Oft haben Bildung und Gesundheit bei den dauerhaft agierenden NGOS bessere Ergebnisse als staatliches Handeln und vielfach auch bessere Rückbindung an die Diaspora in den Heimatländern.
  • Nicht der Abzug 2014 war an sich falsch, er kam entweder sehr zu spät, oder aber er wurde zu früh angekündigt.
  • Die Verhandlungen mit den Taliban unter Khalilzadh für die USA unter Ausgrenzung der Regierung waren falsch, von Trump ausgenützt und von Biden schlecht fortgesetzt. Die deutsche Rolle in Doha und ihre Informationsressourcen sollten untersucht werden.
  • Deutschland spielt mehrfach keine Rolle:
  • Militärisch handlungsunfähig ohne die USA
  • Keine eigenen politischen Ziele, schon gar keine gesellschaftlich nachhaltigen (Scheinsicherheit des Aufgehobenseins im westlichen Bündnis…). Widersprüchliche Haltungen innerhalb der NATO (Türkei u.a.), der VN, der EU, werden innenpolitisch nicht hinreichend veröffentlicht oder gar vermittelt.
  • Keine Außenpolitik in der größeren Region (Iran, Russland, China, Nachbarländer)
  • Die USA sind gespalten über Pakistan, das aber ist der wichtigste Drehpunkt der regionalen Politik. Deutschland ist hier nur Vasall.
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  • Flucht aus Afghanistan.
  • Darüber habe ich viel gearbeitet und geschrieben. Die Kritik am deutschen Verhalten ist ebenso nachvollziehbar, wie sie die Gesellschaft spaltet, während der Staat, d.h. vor allem die Regierung, hier gegen die menschen- und völkerrechtlichen Grundprinzipien agiert (Seehofer, Maier, Maas, Kramp-Karrenbauer, Dobrindt etc.). Der infame Satz, dass sich 2015 nicht wiederholen dürfe, wird zum Mantra gegen die AfD. Das ändert sich nach dem 24.2.2022 (Russlands Überfall auf die Ukraine) inhaltlich wenig, die Begründungsdiskurse variieren stärker. Die Analyse dieser Diskurse und ihre Rückführung in die Gegenwart der Politik ist bei Ukraine in vollem Gang (Kontrovers, aber zielgenau: (Link 2022); solches hätten wir ab 2001 regelmäßig gebraucht, statt der verspäteten und einseitigen Fortschrittsberichte aus dem AA, seit 2010).
  •  Die Ablehnung des Ortskräfte-Rettungsantrags von Grünen und Linken am 23.6.2021 durch CDU/CSU/SPD (Deutscher Bundestag – Antrag zur Aufnahme afghanischer Ortskräfte abgelehnt) ist verheerend in ihren Auswirkungen und kostete sicherlich hunderten Menschen, die hätten gerettet werden können, das Leben. Diese wurden u.a. dem Wahlkampf geopfert. 
  • Wir müssen nicht nur die Geflüchteten aufnehmen, sondern auch dafür sorgen, dass die Diaspora demokratisch und stabil ein „Außenanker“ für die Menschen in Afghanistan wird. Die Taliban werden sicher nicht den Vorstellungen der Kriegsverlierer folgen, aber es gibt auch Bereiche, wo es kein „Zurück“ gibt. Umso schlimmer dort, wo das möglich und wahrscheinlich wird.
  • Die Kriegsverlierer, und dazu zählt Deutschland und teilweise die EU neben den USA, haben weder das Recht noch die Möglichkeit, die Bedingungen für künftige Kooperation zu diktieren. Zum Verhandeln gehört vielleicht nicht Demut, aber die Einsicht, wie schwach und zweitrangig unsere Position ist. Da sich bei den Taliban zunehmend der Hardliner Flügel (Haqqani etc.) durchsetzt, ist diese Bedingung besonders schwierig. Es muss mit diesen Gegnern dennoch eine Art der Anerkennung geben, die Leistungen (z.B. gegen Hunger, für Frauen, für Erziehung) für Geld und andere Unterstützung (z.B. gegen IS, soziale und wirtschaftliche Stabilisierung) tauschen lässt. Das ist noch lange keine Realpolitik.
  • In jedem Fall müssen wir die Diaspora bei uns unterstützen
  • Die Frauenorganisationen, den Dachverband afghanischer Organisationen, wissenschaftliche Kontakte usw. können wir niedrigschwellig, aber effektiv unterstützen
  • Keine, absolut keine Abschiebungen
  • Herstellung eines politischen Gedächtnisses für die deutsche(n) Rolle(n) in Afghanistan der letzten 20 und der letzten 100 Jahre: gegen die Geschichtsvergessenheit. Dazu zählt das Afghanistan Archiv, AfA, an dem ich arbeite, mit der Uni. Potsdam und anderen ExpertInnen; dazu werden auch die Materialien der Enquetekommission zählen. Es ist absolut notwendig, dass AA, BMI, BmVG ihre Akten öffnen, die Öffentlichkeit und wir ExpertInnen haben ein Recht auch das zu erfahren, was von Seiten der Exekutive nicht richtig gelaufen ist, und zwar nicht nur im geschönten Diskurs der Diskussionskompromisse.
  • Mich erreichen täglich Anfragen und Bitten, v.a. von in Deutschland lebenden Afghaninnen und Afghanen. Sie machen sich Sorgen um Familienmitglieder und Freunde in A. und wollen Hilfe und Information, um diese heraus, am besten nach Deutschland, zu bringen. Zwar versucht die Bundesregierung, ihr schmähliches Versagen von April bis Juli zu verschleiern hinter wohltönend moralisierenden Beschwörungen (Es war ein Missverständnis, aber jetzt arbeiten wir ja daran…), jedoch ist das auch nur oberflächlich und bürokratisch. Vor allem ist nicht wirklich klar, wer endgültig auf die Listen des AA kommt, die potenziell ausreiseberechtigte AfghanInnen gelistet haben, es gibt natürlich jetzt verspätete Bemühungen und manche Menschen werden tatsächlich gerettet, deshalb hat es wenig Sinn, über das Allgemeine hinaus jetzt zu kritisieren, das hat noch Zeit. Aber an wen man sich konkret und im Einzelfall wendet, bleibt genauerer und aufwändiger Recherche vorbehalten. Nur keine falschen Hoffnungen wecken…auch wenn es weh tut. Das hat sich mit der Regierung seit Herbst 2021 tatsächlich ein wenig zum Besseren gewendet, das sollen wir nicht nur anerkennen, auch unterstützen. Es geht aber noch zu langsam, und wie das Patenschaftsnetzwerk (als Beispiel) noch immer weiß: 10.000 Ortskräfte warten noch auf ihre Rettung (Vgl. betterplace.org vom 4.8.2022)
  • Ich habe mich aus der Individualbearbeitung mangels Kompetenzerhaltung und abnehmenden Beziehungen nach Afghanistan zurückgezogen und mache nur mehr AfA und Diaspora sowie politische Analysen. Das ist teilweise wirklich resigniert (ein Viertel meines Berufslebens habe ich Afghanistan gewidmet), teilweise aber pragmatisch.
  • Es gibt Netzwerke von ExpertInnen und erfahrenen Afghanistanaktiven; es gibt das unverzichtbare Afghanistan Analysts Network AAN, (https://www.afghanistan-analysts.org), das viele Wissens- und Analyselücken der Politik füllt, es gibt auch Forschungen, die mehr als nur im Innersten Bereich ausgewertet werden müssen, einige Beispiele:(Bühring 2017) (Seiffert and Hess 2014), und eine Unmenge weißer und grauer Literatur aus NGOS und Medien – Reuters Bericht aus Nuristan (Reuter 2022) ergänzt, was die Akteure des deutschen Rückzugs aus Afghanistan nicht wussten und wissen (Gebauer and Hammerstein 2018). Für Deutschland jedenfalls gilt auch, dass die strikte diskursive Trennung von Gesellschaft und Militär nicht stimmt, auch wenn sie von einigen angestrebt wurde und wird.

Deutschland und Österreich sind zur Zeit weit hinten in der Menschenrechtspolitik und der Flüchtlingsfrage, aus unterschiedlichen Gründen. Das wird aufgearbeitet werden müssen, aber jetzt hat die Rettung jedes einzelnen dieser Rettung bedürftigen Menschen Vorrang.

NACHSATZ: das ist nicht ansatzweise eine umfassende Analyse oder Zusammenfassung. Es sind vielmehr orientierende Stolpersteine für die eigene Beschäftigung mit einem Land, das droht vergessen zu werden, und einem Land, das Verdrängung auch der jüngsten Vergangenheit oft zur Politik macht.

Ich werde diese Seiten meinem Blog michaeldaxner.com und einigen Rundbriefen zum Anhang hinzufügen. Forschungen zur gegenwärtigen Entwicklung werde ich nicht machen, mir genügen die 20 Jahre.

  • Bühring, H. (2017). Rückkehrende aus dem Einsatz. F. d. Bundeswehr. Hamburg.
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  • Daxner, M. (2017). A Society of Intervention – An Essay on Conflicts in Afghanistan and other Military Interventions Oldenburg, BIS.
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  • Gebauer, M. and K. v. Hammerstein (2018). „Plastikrosen in Zellophan.“ Der Spiegel 2018(7): 32-35.
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  • Link, J. u. a. (2022). „für eine andere Zeitenwende.“ kultuRRevolution Sonderheft.
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  • Reuter, C. (2022). „Reise ins Niemandsland.“ SPIEGEL(29/2022).
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  • Seiffert, A. and J. Hess (2014). Afghanistanrückkehrer. Potsdam, ZMS.
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  • Spanta, F. D. (2018). Neopatrimoniale Netzwerke in Afghanistan: Kulturelle und politi-sche Ordnungsvorstellungen der afghanischen Eliten OSI. Berlin, Free University. PhD.
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                                                                                               michaeldaxner@yahoo.com

Heirat macht alt

Immerhin eine Meldung im ORF vom 3.8.2022, die Studie wird nicht zur Gänze vorgestellt, aber man versteht schon:

Obwohl die Lebenserwartung von Männern generell kürzer ist, haben sie im Einzelfall doch eine gute Chance, länger als Frauen zu leben. Wie eine neue Studie mit Daten aus 200 Jahren zeigt, sind dabei Bildung und Beziehungsstatus wichtig: Verheiratete und gut gebildete Männer „überleben“ unverheiratete und wenig gebildete Frauen. (https://science.orf.at/stories/3214410/).

Mehrdazu einen Tag später: https://epaper.sueddeutsche.de/webreader-v3/index.html#/831399/16

Damit das nicht massenhaft geschieht, schickt man ja jüngere Männer in den Krieg, und wenn sie weniger gebildet sind, stört das die Statistik weniger…Auch ist diese Meldung keine Aufforderung zur baldigen Heirat, sonst würde das den Vorsprung an Lebenserwartung bei offensichtlich besser gebildeten Frauen einebnen.

Ein sehr kluger Kultur&Hirnforscher, Valentin Braitenberg, hat bezüglich der Zuschreibung von Intelligenz einige nicht gerade sarkastische Theoreme aufgestellt. „50 Prozent aller Menschen sind dümmer als der Durchschnitt. 50 Prozent sind überdurchschnittlich intelligent“ (Das Buch heißt „Gescheit sein“, Zürich 1987, 7-19)und fasziniert mich bis heute, weil dieser Hirnforscher trotzdem auch in der Kulturwissenschaft erfolgreich denkt und publiziert). Spannend ist natürlich, wie man den Durchschnitt feststellt. Was jetzt folgt, ist ein sanft gesprochenes Feuerwerk an Dekonstruktion sozusagen ideologischer Statistik, hier dreht es sich darum, ob man noch gescheit oder dumm sagen darf, Braitenberg meint, im Hausgebrauch ja.

Darum gehts doch hier nicht…ist das nicht ein Genderthema, das man korrekt abhandeln muss, sonst diskriminiert man ggf. die Opfer der Statistik, und die können dann klagen, was sie tun. Oder ist es eine verdeckte Aufforderung zu heiraten, und den Ehestand als konstante Variable vor die Klammer zu ziehen, weil seine Folgen insgesamt besser sind als die Ergebnisse geschlechterdifferenzierter Intelligenzabwägung oder Alternsprognose.

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Vielleicht geschieht der Bevölkerungsausgleich doch über die Rekrutierung zum Militär, wohlgemerkt, beider oder aller Geschlechter.. Und wir machen die Altersstatistik mit denen, die lebend aus dem Krieg heimkehren. Die bezahlen dann, was wir ihnen heute, mit Krieg und Schuldenbremse, aufladen.

Alte Deutsche, junge Menschen

Geschickt war es nicht, wie der Arbeitgeber von Gesamtmetall Wolf angeregt hatte, das Renteneintrittsalter auf 70 zu erhöhen, und richtig war, demographische Gründe anzugeben. (Vgl. S. 2/9 der S/ 2.7.2022).

Der Chor der wütenden Kritiker hat sofort alle Vernunft erstickt. Mit dem Vorschlag würden die Renten ja abgesenkt, und viele könnten gar nicht mehr arbeiten, und überhaupt, der Sozialstaat mit seiner Dreiteilung Ausbildung-Arbeit-Altersfreizeit geriete in Gefahr.

Der Kapitalistenanführer Wolf hat aber Recht, wenn er auf die demographische Realität verweist, dass immer weniger jüngere ArbeitnehmerInnen für immer mehr Ältere Sozialleistungen zahlen. Dahinter steckt nicht nur die Geburtenrate, sondern insgesamt eine Verarmung der ArbeitnehmerInnen, die durch die von der FDP geförderte Abspaltung der Bedürftigen in Almosenempfänger der Wohlhabenderen noch gefördert würde.

Die Kritiker Wolfs haben aber einen anderen richtigen Punkt: die höhere Arbeitsdichte und die Belastung durch Arbeit sind für viele – da dürfen sie nicht verallgemeinern – ein Argument, früher und nicht später in den Ruhestand zu gehen. ? Noch früher ? Arbeitsunfähigkeit ist für viele Berufe sozialstaatlich geregelt, vielleicht nicht optimal: dann kann man das verbessern. Aber das Argument „Stress und Arbeitsdichte“ (SZ 2.8.2022) gilt nicht für alle Tätigkeiten und Berufe.

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Modisch sprechen heute viele von der Life-Work Balance. Die muss man sich erstmal leisten können.

Man könnte da theoretisch weit zurückgehen in der Geschichte des Klassenkampfs, zu Marx, zum Ausgedinge für Alte auf dem Land, zur Theorie von geistiger und körperlicher Arbeit Alfred Sohn-Rethel, zu den unentwegten Tarifverhandlungen. Daraus schließen manche zu Unrecht, es sei doch alles besser als früher und im Prinzip zwar reformbedürftig, aber in Ordnung.

Ist es nicht.

Auch die Gewerkschaften, Sozialverbände usw. denken in den schon von Marx kritisierten anthropologischen und gesellschaftlichen Kategorien der Lohnarbeit, und dann muss auf eine Arbeitsphase eine freizeitliche Pensionsphase folgen. Warum wird nicht die lebenslange Tätigkeit als Maßstab genommen, und dann käme man schnell zu weniger verdichteten aber befriedigenderen Arbeitsprofilen, inklusive der jüngeren ImmigrantInnen, die auch einmal älter werden.

Ach ja, ich habs vergessen: die soziale Schieflage kann man schon durch wirksame Steuererhöhungen für die Besserverdienenden, durch Vermögenssteuer usw. weitgehend entschärfen, das stört zwar die Lindnersche Blase, aber könnte manche Debatte sachlicher und wirksamer machen.

P.S. Ganz persönlich habe ich nie verstanden, warum einerseits akademische Positionen bei uns spätestens mit 68 enden, obwohl man mit weniger Nettoeinkommen ab diesem Datum sinnvoll für die Studierenden und in der Forschung weiter arbeiten könnte.

Finis terrae: Erste(r) sein

Das Ende der Menschen auf dieser Erde, kein Thema zum Frühstück. Gestern ordne ich einen Teil meiner Bibliothek neu, und die Zukunftsvisionen aus 70 Jahren stehen – heute unlesbar – im Staub der Jahre. Den Staub wirbeln auch einige in der deutschen Politik auf, um zu verschleiern, wie weit – im internationalen Vergleich und gegenüber den eigenen Ansprüchen – dieses Land heruntergefahren wurde.

Ich war immer ein Anhänger der zweiten Reihe, des 4. FC Köln, der 2. Kirche des heiligen Filucius oder 7. Sparkasse von Gunzenhausen. Das kommt daher, dass die politische Wirkung der Ordnung – „Erste(r)“ sein, ungeheuer und langfristig ist. Dahinter steckt eine marktliberale Ideologie seit je her. Darum wollte die Wirtschaft immer schon die Marktführerschaft, kann man verstehen, wenn man Marx vor den Sozialisten verstanden hat; die Kultur wollte immer die Bildungsführerschaft, da ist Deutschland längst ins Mittelfeld abgerutscht; die Klimarettungsführerschaft ist jedenfalls bei uns nicht verortet.

Wer deutschdeutsch heimatverbunden und patriotisch ist, fragt giftig, wo ist es denn besser? Und schon gibt es einen ärgerlichen Disput. Aber in manchen Detailfragen ist die Antwort undeutsch: die Eisenbahn ist in Österreich und der Schweiz besser, das Bildungssystem ist in Skandinavien besser, die Digitalisierung ist in fast allen Bürokratien besser als hier. Und ja, wir können genau sagen oder auch nur vorurteilig sagen, wo es schlechter ist, z.B. im Gesundheitssystem oder in der Forschung, und, vor allem, in dem was wir gemeinhin Lebensstandard nennen.

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Gegenwärtiger Disput um die Kernenergie ist typisch: der gegenwärtige Bedarf verkleinert Gefahren und Risiken, Endlager spielt so wenig Rolle wie eine tatsächliche Kalkulation. Oder Disput um Hilfe für die Ärmeren: Milde Gaben von oben, aber um Himmelswillen keine Gerechtigkeit (siehe Blog 31.7.22). Wo immer die Neoliberalen mitreden, ist der Begriff der Freiheit versaut. Und wo immer die staatliche Verwaltungstradition sich nicht bewegt, ist der Begriff des Wandels verholzt. Es gibt keinen Klimawandel, und die Polizei ist die Polizei und das Amt ist das Amt, das sollen die verdammten Undeutschen endlich kapieren. Das ist Alltag.

Zurück zu den Ordinalzahlen: sie sind das Werkzeug jeder Vertikale der Macht, Erster sein wollen ist ein Lebensgefühl (nur fragen, sogar im Sport, die wenigsten, wobei man Erste(r) sein möchte, auch warum und wozu? sind keine sinnlosen Fragen. Oft ist die Antwort: Wettbewerb, selten ist sie : Solidarität, und nur wenigen ist sie durch die Bank gleichgültig (nach dem Motto: Dabei sein ist alles).

Und was ist daran nun wirklich deutsch, typisch deutsch? Dass diese Gesellschaft so spät eine geworden ist, und jetzt alles viel kleinmütiger legitimieren will als andere, man will auch bei der Selbstreinigung Weltmeister sein. Was man dabei am Rande liegen lässt oder verdrängt, ist egal. Das gilt für die Antisemitismusdebatte so gut wie für Angst vor Kälte so gut wie für die Furcht, von jemandem (institutionell, staatlich) nicht gemocht und nach vorne gereiht zu werden. (Historisch gab es so etwas immer für Staaten im Übergang von Kolonialismus zur Selbstbestimmung, aber das sollten wir schon hinter uns haben?).