Angeblich ist Schadenfreude besonders schäbig, unmoralisch und hässlich. Finde ich im persönlichen Bereich meistens auch, im politischen gar nicht. Im Augenblick freue ich mich, dass viele Stimmen verstummt sind und viele Texte am liebsten nicht geschrieben worden wären.
Unsere Ober-, Oberst- und Generalgescheiten haben die Vor- und Rückzüge von Prigoschin und Putin mit einer Intensität und Häme kommentiert, als verstünden sie etwas von der Situation in Russland, als könnten sie zwischen dem Tyrannen Putin und dem Verbrecher Prigoschin abwägen, als wären sie geborene Kriegsberichterstatter. Auch sind die Kommentatoren zu Russlands Krieg gegen die Ukraine, zur NATO und zu uns in all dem plötzlich so zahlreich wie die Schiedsrichter nach einem Länderspiel (ich weiß, den Vergleich hatte ich schon einmal). Und nach all dem, das in den letzten drei Wochen geschehen ist, haben natürlich alle zu jedem Zeitpunkt Recht gehabt. Und sie wundern sich, dass ihre Autorität nicht nicht noch stärker bewundert wird….
Wenns nicht so traurig wäre, man könnte mehrere Kabarettabende so gestalten. Zum NATO Gipfel geht es ähnlich zu, die mittlere Tragweite der Kommentare ähnelt der Tragweite der Beschlüsse dort.
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Die Selbstdemontage der Spontanexperten ist natürlich ambivalent, weil wir alle, jede(r) von uns, bisweilen in die Gefahr der Autoexpertomanie fallen, mit mit weniger weitreichenden Folgen und also weniger tiefem Absturz in die Wirklichkeit. Also zeigt man ironisch auch auf sich selbst. Aber das ist asymmetrisch. Die Kriegsrandgescheiteln sind schon fatal, weil das Genre des politischen Kommentars unsinnig entwerten. Wie das mit uns so ist, was es bedeutet, dass wir im Krieg SIND und wie der sich für und mit uns entwickelt, wird spätestens dann die Kommentare abschwächen und verstummen lassen, bis wir subjektiv und individuell betroffen sind (zB. durch Waffengewalt oder einen Drohneneinschlag) oder uns betroffen fühlen, bedroht, hilflos, angegriffen im Wortsinn.
Wir sollten und können schon Stellung beziehen, wir müssen vielleicht leidenschaftlich darüber streiten was wir und was unsere Politik tun SOLLEN, aber dazu reicht es nicht, die Meinung auszubreiten, die uns nahegelegt wird. Diese Politisierung, die ja ständig bedroht ist und immer wieder verloren geht, ist wertvoll und soll es bleiben bzw. weiter sich entfalten. Aber es erscheint als paradox, wenn viele diese Politisierung von ihrem Lebensstil, von ihrem Habitus abtrennen und weiter als sorgenarme Beobachter in relativ gutem Umfeld den Krieg und die Politik so betrachten, wie sie die Seiten eines Buches umblättern, bis ihnen die Augenzufallen und sie müde sind. .
Die machen uns nicht schadenfroh. Aber den Schaden haben wir alle. Und dann sollten wir darauf achten, woran wir weiterhin Freude haben können und müssen. Krieg und Umwelt erzwingen geradezu einen Lebensstil, der sich nicht in selbstgeschaffener Depression und Aussichtslosigkeit vergräbt, als wäre man schon begraben. Den Blick von den kommentierenden Glaubenssätzen und Wahrheiten abwenden und die Wirklichkeit wahr nehmen, für wahr nehmen. Ich weiß, das klingt abstrakt, fast philosophisch. Ist es aber nicht. Der Krieg, die Kriege haben keine Wahrheiten, die wir kennen könnten, bevor sie uns treffen, nicht spekulieren bitte. Aus der Wirklichkeit die Konsequenzen ziehen, dann weiß man wenigstens, worüber zu verhandeln sein wird.