Als der Regen kam…

Erinnert ihr euch an das Lied „Am Tag, als der Regen kam…“ Deutsch 1959 https://de.wikipedia.org/wiki/Am_Tag,als_der_Regen_kam(Lied). Die Jüngeren natürlich nicht, und Dalida wie auch der Komponist Gilbert Becaud waren schon damals nicht unbedingt im Fokus.

Der Text hat sich bei mir eingegraben: „Am Tag als der Regen kam, langersehnt, heißerfleht, Auf die glühenden Felder, auf die durstigen Wälder, Am Tag als der Regen kam, weit und breit, wundersam, Als die Glocken erklangen, als von Liebe sie sangen, Da kamst du, da kamst du.“ STOPPT mal bei „wundersamj“, der Rest ist …naja. Damals gabs keine glühenden Felder, keine durstigen Wälder. In der jugendlichen Vorstellung ging es um Metaphern…glühend, durstig….Aber es war keine abstrakte Bedeutung, ich kannte schon Hochwasser der Alpenflüsse und Überschwemmungen.

Heute. Ein paar Wochen lang war es heiß, trocken, UV nahm zu und damit der Hautkrebs, und da wurde die Trockenheit vorausgesagt. Ich komme gerade aus den Bergen, in wenigen Jahren wird die Wasserversorgung österreichischen Städte durch das Verschwinden der Gletscher gefährdet. Kriminelle Touristenherrscher lassen noch immer nicht vom Kunstschnee ab, was die Krise bald noch verschärfen wird. Trockenheit also.

Heute. Kaum ist die Hitze vorbei, regnet es, manchmal in den dürren Gebieten, manchmal auch woanders. Und die zivilisatorischen Unsinne des Ahrtales zeigen sich natürlich auch anderswo, Dörfer stehen unter Wasser und der Pegel in Passau steigt auf 8 Meter. Genug Wasser, aber wir können es nicht „brauchen“.

Heute. Bei uns. Im privilegierten, noch gut bewohnbaren Norden, einladend – zu Recht – für die, die flüchten müssen: vor Krieg, Trockenheit, Hochwasser und Hunger, und was auch getan wird, es schadet immer dem Klima, das ja angeblich die Menschen global zusammenbindet. Ja, schon, die Menschen, aber nicht uns, nicht die Armee, nicht den Weizenhandel, nicht den Ferienflug mit einen CO2 sparsamen Flieger…gibt es Alternativen?

Ja, natürlich. Aber wenn die Wirtschaftsweisen immer darum herumreden, dass der sog. Wohlstand nicht durch richtige Politik geschwächt oder gefährdet werden soll, dann glauben das nicht nur der Pöbel und der Lindner und die Börse.

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Jetzt keine Predigt. Jetzt, das ist Zeit. Sie sollte das Hier und vor allem das Dort ersetzen, den Raum, den wir durchqueren wollen, um unsere Freiheit zu nutzen. Das ist natürlich für Menschen wie bei uns und nicht für Flüchtlinge so gemeint, schiebt sie ab, damit wir gut bleiben können, sagen die Christen und andere Verächter dieser Welt zugunsten einer späteren.

Man kann aber auch anders argumentieren, und wieder geht es das Jetzt und das Hier und das Dort.

„Mit den Schwalben tanzen“…„Nicht fliehen müssen, an einem Ort bleiben können, das ist Freiheit“, schreibt die Philosophin Eva von Redecker. (SZ 29.8.2023). Bleibefreiheit. S. Fischer, Frankfurt 2023. Lest den ganzen Artikel, wohltuend gegen das Ökonomengeschwätz.

Sie sagt genauer, was ich denke, und deshalb nur der Hinweis auf SZ und das Buch. Bleibt so frei.

Ewig leben = die Hölle?

Keine Angst. Hier kommt keine Apokalypse, und keine Religion. Manches aber scheint nicht zu enden, es lebt vor sich hin. Aus gutem und auch praktischem Grund sammle ich wieder systematisch antisemitische, antiisraelische, antijüdische Information, und versuche zu erklären, was die Unterschiede zwischen drei Ärgernissen sind. Und ganz aktuell kommt dazu, dass Kritik an Israel nicht gleich antisemitisch ist, und der Begriff Israelkritik schon eher, und was man meint, sollte mehr als nur eine Meinung sein.

Haben wir keine anderen Sorgen?

Ich bleibe zunächst bei meiner These, wonach der Antisemitismus die Juden macht (Der Antisemitismus macht Juden, Merus, Berlin 2007). Was und wer jüdische Menschen außerhalb dieser Konstruktion sind, ist kompliziert. Es gibt sie, es gibt uns, aber im Oszillieren zwischen Ethnie und Religion entsteht viel Verwirrung, bestenfalls, und Konfrontation, leider normal. Und eigentlich haben wir andere Sorgen.

Aber man kann sich nicht aussuchen, was einen bedrückt und angreift, bestenfalls, und gefährdet, unterdrückt, normal.

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Gerade habe ich eine hochaktuelle Arbeit gelesen, bei der es um Widerstand gegen den Antisemitismus in einem islamischen, mezzodemokratischen Land geht. Menschen wehren sich gegen den Antisemitismus. Auch nichtjüdische Menschen, wohlgemerkt. Warum und wozu tun sie das, setzen sich Gefahren aus, isolieren sich? (Über diese Arbeit werde ich demnächst schreiben).

Gerade habe ich auch, aus unerfreulichem Anlass, über antiarabische Demonstrationen und Gewalt in Israel gelesen. Was ich über Antisemitismus sage, kann, mit Variationen – die sind wichtig – über den arabisch-islamischen Antisemitismus und den israelischen, oft jüdischen Antiarabismus, Antiislamismus analog gesagt werden. Diese Wahrheiten sind fast trivial, aber sie sind aktuell.

Die Fragen, wie es dazu gekommen ist, jeweils, sind komplex, setzen Wissen, Bildung und einige Sicherheit über die eigenen Positionen voraus, auch und gerade wenn diese selbst widersprüchlich sind.

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Ich habe die Höllenvorstellung von Borges in den Titel genommen, dass ewig leben die Hölle bedeutet. Wenn schon nicht wirklich, dann in der Vorstellung und in der Wahrnehmung….“Hört denn das nicht auf?“.

Man kann erklären, warum in Israel die Rechtsradikalen, auch Faschisten, auch Ultrareligiöse, auch illegale Siedler an der Macht sind. Man kann auch erklären, wie die arabischen, muslimischen, palästinensischen Formationen Israel angreifen. Man kann urteilen und verurteilen. Dazu, siehe oben, braucht man Wissen, Bildung, und einige Einsicht in die eigenen Positionen. Das fällt alles nicht leicht, aber es geht, v.a. wenn man wissenschaftlich und mit Erfahrung nachdenkt. Was schwieriger ist, gerade heute, wie man das alles mit dem Jüdischen zusammenbringt, um das es doch auch geht.

Satire sagt, wenigstens ein Gutes hat Netanjahus Gangsterregierung: die jüdische Ausnahmestellung in der anthropologischen Evolution gibts nicht mehr. Falsch: hats schon lange nicht mehr gegeben, eigentlich nie. Aber satirisch: Muss man es denn so deutlich zeigen? Ja, um den Preis eines wirtschaftlichen und kulturellen und sozialen Debakels, das Israel in Frage stellt. Nicht aber die jüdischen Gesellschaften dort wie anderswo. Das ist ein prekärer Punkt. Ich möchte mich nicht mit dem Verschwinden Israels abfinden, ich möchte auch nicht, dass es in den Händen der jetzigen regierenden Verbrecher bleibt. Beides hängt nicht notwendig, aber möglicherweise zusammen, in Israel und bei mir.

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Die Religion hats leicht. Das Christentum muss antisemitisch bleiben, um sich vom Judentum abzusetzen, und der Islam, um sich von beiden, Juden und Christen, abzusetzen. Theologie ist keine Wissenschaft.

Die Ethnologie hats schwer. Da stimmen diese aufeinander folgenden Perioden nicht. Und jetzt müssen wir sie, die Ethnologie, genauso bemühen wie die Sozialwissenschaft, die Politik, die Linguistik, die Kunst, eigentlich fast alles Wissen, um zu erkennen, was wie wo jüdisch ist und bleibt, was in den Strudel der geopolitischen und mittelöstlichen Gewalt und Politik gezogen wird, und was immer schon Illusion war.

Das Nachdenken darüber darf man nicht dem kurzlebigen Opportunismus opfern, dass wir auch Netanjahu überleben werden und seine Mafia, dass Israel das demokratische Zentrum jüdischer Hoffnung bleiben wird – schön wärs, aber dazu muss man erstens etwas tun, und zweitens ist Hoffnung nicht Zuversicht, und wo wir die gerade herholen sollen, fragt sich.

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Auch hier bei uns in Deutschland. Hier lebt so manches ewig und macht es zur Hölle, was eigentlich hätte überwunden und überlebt werden können: der Diskurs um Aiwanger, nicht seine Untaten, ist zäh an die Vergangenheit gebunden; der Diskurs um Israel wir immer noch und stärker uns jüdischen Menschen aufgedrängt, anstatt dass die Deutschen einmal ihre liebgewordenen Identitätstraditionen auf den Prüfstand stellen; und wird man bei den wichtigen Fragen, Klima, Umwelt und Krieg, fragen ob die jüdischen Menschen anders überleben als der Rest der Menschen (1 Mensch : 8 Mrd.). Wir sind wie Gulliver gefangen, und solange es sich gut liegen lässt unter tausenden Fäden, denken wir nicht daran, uns von diesen Geschichten zu befreien, um ein wenig die Wirklichkeit weiter zu gestalten und zu überleben. …. Aber, sagt ihr, was hat das mit den jüdischen Problemen zu tun? Eben.

Späte Einsicht. Attentat und Wahrheiten.

Nicht nur Bundesligaexperten (ca. 60 Millionen), Covid-Experten (70 Millionen) und Heizungsexperten (n+1 Millionen) gibt es. Nein, jetzt wissen alle, wer am TOD von PRIGOSHIN schuld ist, einen aktiven Anteil daran hatte und jetzt Genugtuung erfährt. Is eh kloar, sagen die Österreicher, der Putin löst die Frau Novak als Schuldiger ab, und der arme Prischogin wird bedauert, weil er zwar ein Verbrecher war, aber jetzt nicht mehr. Andere sagen, die Ukrainer waren es, denen war er noch lästiger als die Russen. Und wieder andere sagen, das hat er selbst eingefädelt, damit alle schlecht über Putin reden. So leicht kann sich der Wind drehen, und über Tote sagt man ohnedies nichts Böses, und wer weiß schließlich, wer der Pirschogin wirklich war. Vielleicht wollte er ja Russland von Putin befreien, und dann wäre Schiprogin sogar der Befreier gewesen, wenigstens von Europa.

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Der einzelne Sachverhalt sagt nicht alles. Und wenn er Massendiskussionen auslöst, dann ist deren Ursache spannender als die Fakten, zumal wenn sie von Millionen Experten gekaut, verdaut und in die Medienausgespuckt werden. Ob und wie Prigoshin weiterlebet interessiert mich nicht, ich werde es früh genug erfahren. Ob sein Tod dem Putin kurzfristig hilft – WOBEI? – ist schon interessanter, dazu muss ich viel in wirkliche Experten vertrauen. Aber die Vorfälle erzeugen ja Kaskaden von Momentexperten, um deretwillen die Populisten die Verfassungen außer Kraft setzen wollen, um dem Volk aufs Maul schauen zu können und sich von ihm auch wählen zu lassen – fallweise, heute Söder, morgen….

Zu glauben, zu ETWAS etwas zu sagen zu haben, ist nicht Kommunikation. (Schöner Satz, gell?). Warum sich äußern, wo man genauso gut darüber denken kann? Das gilt natürlich für alle, auch für mich, warum schreib ich denn jetzt über das Gerede zum Tod von Prigoshin? Weil es mich nervt und weil es Stimmungen und politische Landschaften beeinflusst, die dann nur mehr schwer einzufangen sind. Neben mehreren Gründen, die kompliziert sind, habe ich einen Verdacht: das Interesse an gesellschaftlich umfassenden Themen dient auch der eigenen Immunisierung: wenn ich mich zu etwas äußere, zu dem sich „alle“ anderen auch äußern, dann KANN es gar nicht falsch sein, dies zu tun. Das Subjekt verschwindet im Man, Ich wird zu Man, Man wird zu Es soweit es Alle sagen oder zum Thema machen. Davon lebt der Boulevard, davon leben die Chats, und wohin man schaut und hört, es ist ja wirklich überall.

Das ist keine altmodische Medienkritik, und natürlich ist es gut, wenn Informationen alle Menschen erreichen, wenn sie richtig, verständlich und wichtig sind. Aber – in langen Phasen der Covid-Diskurse und heute, konkret zu Prigoshin, verhält sich die Flut der Kommentare übermächtig zu dem, was „man“ wissen kann, und vor allem wissen sollte. Und die Kommentare werden natürlich kommentiert, und manche verwandeln sich so in scheinbare, zuvor verkündete Wahrheiten, von denen man sich ins Ungewisse distanzieren kann, indem man sie aber breit und verständlich zitiert.

Auf diese Weise entsteht ein Algenteppich an Äußerungen, die wenig bis keine Information enthalten, aber Wirkung entfalten, indem sie in bestimmten Gruppen – !!Partikularinteressen!! – als Wahrheiten verhandelt werden. Was wirklich geschieht oder geschehen ist, tritt in den Hintergrund.

Das alles könnte man, kann ich vielleicht, auch theoretisch einkleiden und ausführen. Darum gehts mir aber jetzt gar nicht.

Ich habe einmal als Beispiel gebracht, dass der Untergang eines 5-Personen Abenteuer-Uboots die Medien überschwemmt, während der zeitgleiche Tod hunderter Bootsflüchtlinge unter „ferner“ lief. Und hier gehts mir, hellhörig darum, dass diese Art des Informationssammelns und -kommentierens letztlich sich anhört wie die Frage, wer der größere Verbrecher war und ist, Putin oder Prigoshin. Aber was weiß man schon, und DAS ist die fatale Reaktion, wenn man nachfrägt, woher denn die Meinung dazu kommt.

Bergschmelze & Talfahrt

Nach langem wieder ein Blog geteilt mit den bekannten und vielen unbekannten LeserInnen. Das mache ich auch, um mich vom Tagebuch, der persönlichsten Welterbauung, abzusetzen, und Erfahrungen mitzuteilen, die nicht jedermensch  machen kann und will.

Ihr seht einen Bergkamm, ca. 3000 m hoch, davor das Eck einer Berghütte, Richterhütte 2374 m, Wolken. Ihr sehr einen graubraunen Hintergrund. Als ich 1966 das erste Mal hier war, auch im Sommer, war der Hintergrund weiß. Gletscher.

Das Bild hat mir gerade mein Bruder geschickt, so haben wir die Hütte 1968 in Erinnerung. In diesem Jahr, mit zwei Brüdern, gehen wir auf diese Hütte, auch in memoriam, und in eine Welt, in der unsere Kinder und Enkel keinen Gletscher mehr werden erinnern können, wenigstens im allgemeinen Bergsteigen, ganz oben gibt’s noch ein paar. Auch hier haben sich noch ein paar Überreste zurückgezogen, und über riesige glitzernde Felsplatten rinnt und tropft das Wasser weg, der Bach füttert die Krimmler Ache und die wiederum den Wasserfall, der wiederum tausende Touristen anzieht, was den Reichtum des Landes Salzburg in Österreich mehrt.

Aber ich berichte von einer kurzen, sehr schönen Bergtour, ich rede nicht einmal von Abschied. Nein, man wird bis ans Ende kommen können, immer mit der Erinnerung an das, man selbst nicht vergessen möchte. Nur, woran man sich nicht erinnern kann, dem trauert man nicht nach.

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Mit zwei meiner Brüder gehen wir zur Richterhütte, Man kommt nicht einfach an den Aufstiegsort Krimml. Entweder durchs Zillertal und über die Gerlos, oder durch das schier endlose Salzachtal. Egal, der Bergort ist so typisch wie überfüllt, man kann sich nur marginal von denen distanzieren, die auch hierherkommen wie wir, erst wenn sie etwas anderes machen, wird’s differenziert. Es ist, wie immer in diesem Jahr, heiß, in dieser Gegend regnet es auch viel und es hat geregnet, das wird man sehen, und es wird regnen, das werden wir erleben. Die Menschen kommen hierher, um den höchsten, schönsten und wohl beeindruckendsten Wasserfall Europas zu sehen, oder um ihn herum zu gehen und zu fahren, und dahinter in die höheren Berge zu steigen. So fangen wir an, den alten Wasserfallweg, von dem man den Fall nur hört, aber selten sieht, hinaufsteigend, steil, aber nicht schwierig oder mühsam. Etliche Alpinos mit uns, überschaubar, viele mit Hunden. Wenn die dritte Wasserfallstufe (drei Eiszeiten….) überwunden ist, wird das Tal flach und man folgt viele Kilometer in Richtung auf den Alpenhauptkamm, das Krimmler Tal. Ein Trog, breit, Wiesen und Weiden, die Ache teilweise unschön reguliert, wo früher Moore waren und mäandernde Bächlein, jetzt ein Fluss. Nicht gleich meckern…vor ein paar Jahren hat ein Hochwasser viele bäuerliche Anwesen und ihre Umgebung zerstört, dann muss man wieder aufbauen. Würde man heute, nach der Ahr, nicht viel anders machen, etwas mehr im Oberlauf sieht man, wie schön die Ache sich mäandern kann. Die Talstraße ist heiß, schottrig, breit, und bevölkert: von e-Bikes, Radfahrern, Fußgängern und Hunden. Man kann vor 11 und 14 Uhr mit einem Gruppentaxi bis zum Tauernhaus gebracht werden, dann muss man weitergehen oder fahren. Die wenigen Bauernhöfe sind breit und gut ausgestattet. An mehreren Stellen haben Gewitter aus kleinen Randbächen gewaltige Steinmassen über die Wiesen gestreut, die werden jetzt mit den Baggern usw. wieder zurückgezähmt. Der Blick hinein ins Tal ist schön, wäre man doch schon hinter der Waldzunge nach ca. 4 km, dahinter wird es ja wirklich schöner, und man ist bald beim Tauernhaus, 1631 m..

Dort bleiben wir die erste Nacht. Und man kann sich der Geschichte nicht entziehen. Eine gewaltige, fast hotelartige Hütte, aus einer einfacheren Version hervorgegangen, an der vorbei kein Weg führte, keiner aus dem Ahrntal (Tauernpass), keiner von der Richterhütte, keiner von der Warnsdorfer Hütte, und da kommen schon uralte Tauernübergänge her…https://www.krimmler-tauernhaus.at/ Wenn die schreiben „vergletscherte Eisriesen vor Augen“, sind sie etwas nostalgisch. Seit Jahrhunderten gehört das Anwesen der Familie Geisler und wird ihr weiterhin gehören, man sollte es nachlesen Tradition und Geschichte im Krimmler Tauernhaus (krimmler-tauernhaus.at) ….und ergänzen. Wie das nach 1938 war und dann nach 1945, als zunächst 5000 deutsche Soldaten aus Italien in ihre Heimat (das war nicht Österreich, sondern Deutschland) zurückkamen und versorgt werden mussten, und danach viele hundert jüdische MigrantInnen aus einem Lager in Österreich nach Italien wollten (ins Ahrntal), und verpflegt werden mussten, im Tauernhaus.

Im Sommer 1947 wurden Tausende Juden im Zuge der Bricha und aufgrund einer Initiative von Marko Feingold und Viktor Knopf über den Gebirgspass von Österreich nach Italien „geschmuggelt“. Es waren Überlebende des Holocaust, die in österreichischen Sammellagern untergebracht waren und auf dem schnellsten Weg nach Palästina auswandern wollten. Von Prettau (teilweise auch in Kasern) wurden sie weiter nach Meran und von dort an die Adria gebracht. Seit 2007 erinnert Alpine Peace Crossing mit einer alljährlichen Friedenswanderung über den Krimmler Tauern und weiteren Veranstaltungen an diese Flucht. (Krimmler Tauern – Wikipedia (gegen Ende der kurzen Geschichtsdarstellung – Weierlesen!)

Wir haben darüber im Ahrntal, wo wir seit vielen Jahren im September wandern, viel erfahren und mittlerweile sind an vielen Stellen des Nationalparks auch Erinnerungsmale erreichtet. Vergessen wird das nicht mehr. Mit den Brüdern also sitzen wir im kühlen Gastzimmer, umgeben vor allem von Niederländern. Auch viele Italiener, und relativ weniger, aber noch hinreichend viele Deutsche. Früher wären wir gleich weiter aufgestiegen, so vertagen wir das auf den nächsten Morgen. Spannend ist auch noch der Einfluss der Familie Geisler auf die Kommunal- und Wirtschafts- und Verkehrspolitik in Krimml, semper aliquid haeret. Gemessen an den so genannten Touristenhochburgen Zell am See, Kitzbühel, Gerlos etc., ist das große Tauernanwesen gerade zu eine Idylle, also trostreich.

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Frühstück und los geht’s.  wieder eine Wasserfallstufe, mit den Gletscherwassern, die ich anfangs im Versiegen benannte, und da führt ein uralter steiler Karrenweg, heute schmal befahrbar hinauf, es fährt da aber wirklich kaum einer als die Almbesitzer und Zulieferer, nicht aber Touristen. Die gehen. Wie wir, das Tal wird flacher, aber nicht breiter oberhalb des Falls, und nur ganz schmale Weideflächen sind neben den Bach gelegt. Erstaunlich, wie wenig Lärchen hier sind, eher noch ein paar Zirben. Die Fichten überleben es nicht. Wenige Blumenarten, insgesamt den ganzen Tag über ganze drei Schmetterlinge. Vor der Kernzone des Nationalparks (der prima ist) gerade noch ein feudales kleines Ferienhaus, dahinter noch ein zwei Bauern. Ein Weg zweigt zur Rosskarlacke und von dort, schwierig zur Scharte ab. Man kann auch so zur Zittauer Hütte gehen, wo ich schon 1966 war, allerdings von der Richterhütte. Im Winter kann ichs mir bestenfalls vorstellen, ob es noch genug Schnee geben wird? Egal, wir gehen weiter, kommen an einer Pferdeleihsommerweise mit schönen Rössern vorbei und an einer luftigen Brücke, die zu unmarkierten Abkürzungen auf die großen Wanderwege ins Rainbachtal oder zur Zittauer führt. Schwindlig darfst nicht sein. Am Bach nach einigen weiteren Aufstiegsstrecken endet der schmale Fahrweg. Damals, 1966, lag hier in Holzstoß und jeder musste ein Scheit für den Ofen mitnehmen, heute machts die Seilbahn….auch sehr luftig, nichts für Schwarzfahrer. Die Hüttengrundversorgung kommt einmal jährlich mit dem Heli. Wir steigen noch in steilen Serpentinen 200 Höhenmeter auf: Richterhütte www.richterhuette.com 2374m. Natürlich nostalgische Erinnerungen, aber auch handfeste, das Gastzimmer ist unverändert. Wieder Holländer en masse, und ein paar Frankfurter am Tisch, die vor Berglust strotzen, aber sich nicht so recht auskennen. Eine angenehme Tiroler Hüttenwirtsfamilie, und ein Mitarbeiter, der mit dem e-Bike hinunter und mit dem Gasflaschenvehikel zurück hinauf zur Materialbahn fährt. Wir kommen an, wollen gleich weiter zur Windbachscharte, aber binnen Sekunden ein Regenguss, schon poesiewert. Also wieder rein ins Haus. Um vier gehen wir wieder, es ist trocken und warm. Einen steilen schönen Bergpfad hoch, dauernd mit Blick auf die schwindenden Gletscher. Dort, wo noch Eisreste sind, verfolge ich eine Rettungsübung o.ä., genaueres weiß man nicht. Die Brüder gehen die letzten 100 Meter, ich bleibe etwas fußschonend zurück, und wir haben einen schönen Weitblick am Rückweg, Urgestein ist schon besser als Kalk….Von hier kann man, nicht unschwierig, zur Birnlückenhütte (sehr schön, da hin lohnt es sehr) im Ahrntal gehen, wo wir jedes Jahr sind, und man sieht die Alpen vom Venediger bis wasweißichwohin. Aber gut, dass wir wieder in der Hütte sind, pünktlichst um 18.30 gibt es Abendessen, neuerdings eine Variante des alpenvereinsgeförderten „Bergsteigeressens“ auch vegan, so wie auch die Unterkunft gewährt werden muss, im Zweifel im Winterquartier oder auf der Ofenbank. Covid hat uns im Matratzenlager geholfen, die Räume sind unterteilt, aber es ist trotzdem schnarchlaut. Man hat einen leichten Schlafsack mit, der Rest ist sauber und ordentlich, die sanitären Anlagen auf dem besten neuesten Stand, aber das Wasser schon nicht warm. Um 19.00 setzt ohnehin Regen ein, heftigst bis Mitternacht trommelt es aufs Dach, aber in der Früh ist es wieder dunstig warm, ohne Regen. Wir steigen ab. Talauswärts ganz andere Perspektiven, schön und nicht zu schnell, beim Tauernhaus rasten wir diesmal nicht, sondern gehen talaus zu den e-Bikern und anderen Menschen. Beim Wasserfall gehen wir jetzt den offiziellen breiten Pfad, nahe am Wasser, das ja beeindruckend ist, aber eigentlich aus der Ferne erst die gewaltigen Stufen erkennen lässt. (Von der Gerlos sieht man wirklich alle drei Stufen). Nein, die einzelnen Nahpunkte sind schon beeindruckend, man lässt sich gerne besprühen, und wie sich das Wasser einen Weg sucht, ist beeindruckend. Viele hunderte, tausende?, Touristen. Besondere Gruppen: immer wieder Saudis aus Zell am See (die sind dort zweitheimisch, wegen Berg und See), die Frauen teilweise in der völligen Bedeckung nicht nur des Kopfes, auch des Gesichts, ihre männlichen Begleiter fallen nicht durch Kleidung, sondern Sonnenbrillen auf, viele Kinder und Jugendliche, die weniger als ihre Eltern begeistert sind, viele freundliche Hunde. Unten in Krimml das Tourismusdisneyparkplatzdorado, von irgendwas muss man doch leben. Mit den Brüdern hatte sich eine rege und nicht immer deckungsgleiche Kommentierung all dieser Eindrücke und Wahrnehmungen ergeben, sehr erfreulich, Vergangenes and die gegenwärtige Wahrnehmung anbindend. Zurück über die Gerlos – der Ort ist furchtbar – mit herrlichem Blick auf den Alpenhauptkamm und die Wasserkraft, naja, solange die Seen gespeist werden… und das Zillertal nach Jenbach. Dort ist man im ausgebauten Teil der Bahnstrecke, was die Bayern nie schaffen werden. Eine gute Bergtour endet, gut und ein wenig melancholisch, darüber, was unsere Enkel nicht mehr sehen werden.

Es grünt kein LindnerBaum

Aber der Baum.

Vorspann: AFP 11.8.2023

Der grüne Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Hessen im Oktober, Tarek Al-Wazir, sieht eine Teilverantwortung für das Umfragehoch der AfD bei den Bürgerinnen und Bürgern. „Wenn man sich über ein Heizungsgesetz ärgert, dann muss man keine Rechtsradikalen wählen“, sagte Al-Wazir im Sommerinterview des Hessischen Rundfunks (HR) laut Mitteilung vom Freitag. Es gebe auf der Bundesebene auch demokratische Oppositionsparteien. 

„Und diese Verantwortung hat jeder Bürger, jede Bürgerin in der Demokratie“, fügte er hinzu. Eine Mitverantwortung für die anhaltend hohen Umfragewerte für die AfD sah er aber auch in der Bundesregierung.

Al Wazir hat Recht. Und Gerhard Baum hat auch Recht. Und wenn ich ihn am 12.8. höre, dann denke ich an die vergangenen Monate, in denen ich Deutschland immer mehr in die analoge Situation zu 1929-1933 innerhalb eines sich faschisierenden Europa sich bewegen sehe.

Baum nicht Lindner.

Darum gehts mir. Bloß einmal die Aussagen des letzten Jahres bis heute von Gerhard Baum bei DLF aufrufen, und dann schnell verdrängen, dass dieser Mann noch immer in der FDP ist. In fast allen Fragen der Demokratie, der Verteidigung unserer Freiheit hat er Recht, und sein heutiger Vergleich mit 1933 (DLF telefonisch 8.15) ist vielleicht deshalb so wichtig, weil er die Abwehr des Vergleichs durch viele Menschen gleich gar nicht zulässt. Erst 1933 und in den Jahren danach wurde das gefestigt, was in der Halbbildung als Geschichte des Naziterrors hängen geblieben ist. Von der Potsdamer Garnisonkirche über die KZs bis in den Weltkrieg. Aber 1933 hat eine Vorgeschichte. Und da haben sich nicht nur die Nazis aufgebaut, sondern auch diejenigen, die sich ihnen weit überlegen gefühlt haben – und sie deshalb 1933 scheinbar ironisch unterstützt haben, nach dem Motto „der Hitler wird sich schon abarbeiten“.

Wirtschafts- und sozialpolitisch sind Lindner, Wissing und Co. natürlich keine Nazis, aber sie höhlen die Widerstandskraft der Demokratie aus.

Sie teilen mit vielen AfDlern, CSUlern, CDUlern und etlichen SPDlern die Hetzjagd auf die Grünen (mit vielen, nicht mit allen, und die Linkspartei habe ich nicht vergessen, die gibts ja nicht mehr). Und sie attackieren finanziell die Kultur als Bedingungen für eine demokratische Gesellschaft, während sie den individuellen Aussteiger der Reichen fördern.

Und wenn jetzt jemand sagt, mein Vergleich mit 1929-1933 sei falsch oder fatal: dann sags und wir streiten.

Noch ein paar Erklärungen. Das Umsichgreifen und die Festigung faschistischer Strukturen führt nicht geradlinig zum Ausnahmefaschismus NS. Verwandt und einander bedingend sind beide allerdings. Die normaslen Faschismen, die Europa vor dem II. Krieg überzogen haben, standen weitgehend in Kontrast und Widerspruch zu demokratischen, vor allem sozialdemokratischen Bewegungen. Das wissen wir, und das kann man schnell und gut nachlesen. Aber wir dürfen die Augen nicht vor den Berührungspunkten verschließen, wo es soziale und ökonomische, auch kulturelle Schnittflächen gab – und vieles haben die Faschisten und Nazis mit kleinen Änderungen fortgesetzt. Am wenigsten in der Kultur, scheint es….aber auch da: bitte genau sein. Diese differenzierende Betrachtung ist wichtig, um die Analogien zu begrenzen.

Wenn aber heute die AfD sich Putins Russland an die Seite stellt, dann muss man bis ins Vokabular schon den Hitler Stalin Pakt genau lesen und die undemokratische Wahlverwandtschaft zwischen beiden nicht nur aufzeigen, sondern auch benennen. Es sind eben keine rechtskonservativen oder demokratiefeindlichen Parteien, sondern weitgehend Faschisten und manchmal, wie bei der AfD, Nazis. Was ist, soll man so bezeichnen.

Für die Bildung und ihre kritische Aufarbeitung ist es schon wichtig, wie wir dazu gekommen sind, und leider gehört dazu ein Retroblick bis 1945 und weitgehend die ganze Nachkriegsgeschichte, nicht nur Adenauers Globke. Und auch die antifaschistischen Kurzschlüsse von ’68 und danach immer wieder aufbohren. Ohne die kritische Bildung findet die partielle Amerikanisierung doch noch statt, die wir schon vor 50 Jahren attackiert hatten…

Deutschland am Abgrund

Nicht ich habe das erfunden, nach zuviel ARD und ZDF und anderen Medien. Meine SZ startet ihre tägliche Wahrheitsrubrik so:

Jeden Morgen dieselben düsteren Gedanken im Halbschlaf, jeden Morgen die bange Frage, ob die Welt draußen noch da ist – oder genauer gesagt: ob Deutschland noch da ist. Das ist keineswegs sicher, denn das Land, da sind sich Millionen Experten im Internet einig, steht am Abgrund, sofern es sich nicht schon im freien Fall ins Bodenlose befindet. Die Zeichen des Untergangs sind überdeutlich: Klimaschützer bringen den Verkehr zum Erliegen, Wölfe, Bären und als Wildschweine verkleidete Löwen stehlen Campingurlaubern die Bratwurst, und jeden Moment könnte Habeck vor der Tür stehen, um unbescholtenen Bürgern eine Zwangswärmepumpe einzubauen…“ (SZ 11.8.2023)

Viel zu nett. Das Abgrundgetöse übertönt die Wirklichkeit und der Diskurs bedeckt die unerfreuliche Wirklichkeit mit Szenarien, in denen man weiterhin redet und nichts tut. In anderen Worten: der reale sozial-ökonomische Rückschritt in die hinteren Reihen großer Nationen hat sich seit Jahren entwickelt, besonders unter der großen Koalition, aber eigentlich in allen Konstellationen, in denen man den BürgerInnen und der Zivilgesellschaft fast nichts zutraute, aber den klassischen Vertretern der Interessenverbände und der selbstheilenden Bürokratie fast alles.

Ich stimme ins Untergangszenario nicht ein, weil der soziale, wirtschaftliche und kulturelle Abstieg kein vorschnelles Ende bedeutet. Es wird fast alles schlechter werden, für meine Kinder, erst recht für meine Enkelinnen – und dieses schlechter wird an dem gemessen, was bisher war und was in die „schlechte Unendlichkeit“ phantasielosen Weiterso projiziert wird. Nur niemandem etwas zumuten.

Da will der Kanzler das Rentenalter nicht erhöhen. Sollen sich doch die Älterwerdenden weiterhin langweilen, wenn sie sich das leisten können. Da wird der Bildung und Aufklärung vom Sylter Hohlkopf Geld entzogen, damit die Leute weniger Ansprüche entwickeln, weil sie die Möglichkeiten nicht kennen. Alles in allem verweigern sich die meisten Regierenden und beschwört die Opposition den Verlust an Wohlstand. Dass es bei der Klimapolitik und beim neuen Heizen – und bei der Sanierung der wichtigsten allgemeinen Lebensumstände – um weniger bisherigen Wohlstand und das Überleben in einem andern Wohlstand geht, ist den Holzköpfen schwer, den politischen Opportunisten kaum und den Partikularisten nicht zu vermitteln. Aber nicht, weil sie zu dumm sind, das zu verstehen – sind die meisten nicht, naja, ein paar schon, sondern weil sie es für die Gegenwart nicht wollen, weil sie Wahlen nicht abgeben wollen, – weil sie sich so verhalten, dass die AfD Punkte und Stimmen sammeln muss. Wenn da ein angeblicher Meteorologe sagt, man könne eben auch mit 3° überleben, liest man nicht weiter, WIE man überlebt, und applaudiert. Auch die Saurier sind nicht an einem Wochenende ausgestorben.

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Das Rentenalter nicht erhöhen. Steuern senken. Bildung aushungern. Sozialarbeit überlasten. Krankenbehandlung den Ärmeren verschlechtern – vielleicht werden die gerade deshalb älter? – und den Reicheren verbessern – vielleicht werden kostspielige Fehlbehandlungen attraktiver? – nein, Satire beiseite – die Liste dessen, was partout nicht mehr gehen wird, ist

bekannt

und sie ist in einem reichen Land wie unserem auch weitgehend zu bearbeiten. Der EU Einwand der AfD bedeutet nur, dass nationalistische Alleingänge die Armutsgrenze zu einer Verhaltensgrenze festlegen. Wer arm ist, muss loyal zur Partei stehen, sonst wird er ausgegrenzt, um nicht zu sagen…nein, seinen Namen sag ich nicht.

Und weil die Liste bekannt ist, gibt es bloß einen Hinderungsgrund zum Beispiel für die Koalition: allen die Wahrheit zusagen, was die Umstellung des Wohlstands betrifft, und dass man die Ungleichheit, die von den Lindners befördert wird, abmildern, am besten einebnen muss. Das bedeutet einfach mehr Gerechtigkeit und Solidarität. (Nebenbei: wer die Schuldenbremse des so genannten Liberalen nicht versteht und von seinem privaten Haushaltsgeld aus denkt, sollte nicht dieses Instrument der Raubritter kommentieren).

Das reicht beinahe für die kommenden Wahlkämpfe: wetten, dass es zu allen genannten und etlichen weiteren Problemen durchführbare Reformen gibt, einschließlich der Hinderung von Bürokraten, sich an ihren Stühlen festzukleben. Nein, selbst wenn wir am Abgrund stünden, müssten wir ja nicht springen.

Und jenseits dieser Wahlkämpfe könnte man sich vielleicht wieder dem Klima widmen, und der Abwehr des in ganz Europa sich etablierenden Faschismus. Sagt mir schnell ein Land, wo es ihn nicht gibt…

Taubes Gestein

Kaum ein Name besser geeignet für Wortspiele. Jacob Taubes, 1923-1987, reizt nicht nur dazu. Weile eine monumentale Biographie erschienen ist (Jerry Z. Muller: Professor der Apokalypse, Berlin 1922), haben mehrere intellektuelle Menschen ihre Ansichten und Erinnerungen an Jacob Taubes in einer Antwort auf die Frage: War Jacob Taubes ein Scharlatan? eingebracht (Ideengeschichte XVII/2, Sommer 2023, 105-122). Und ich reagiere darauf; die Biographie kaufe ich mir nicht.

Ich reagiere darauf, weil mich der Tabes fasziniert hatte, ich weiß nicht mehr warum. Weil ich ihn zweimal gesehen, gesprochen hatte, das muss früh in meiner Geschichte gewesen sein, einmal in Berlin und einmal bei einem Seminar im Allgäu. Mehr weiß ich da auch nicht mehr. Weil ich viel von seinem Gossip weiß, Frauengeschichten, Kontroversen, Freundschaften, Feindschaften, – steht alles auch in diesen Nachrufen zum 100er. Auch ein Grund zu reagieren, weil ich einige der Nachrufler persönlich kenne.

Ja, das taucht plötzlich eine Gestalt aus meiner Geschichte auf, und meine Erinnerung rekonstruiert natürlich einen Mosaikstein meines eigenen Lebens. Den Taubes habe ich gekannt, andere hätte ich gern gekannt, noch andere habe ich vergessen. Und was sich an Erzählungen um ihn rankt, das macht ihn nicht zum Scharlatabn, sondern erst einmal zu einer Besonderheit, einer Ausnahme.

Wie kann jemand auch mit Carl Schmitt, mit Armin Mohler zeitweise freundlichen Umgang gehabt haben? Nicht so schwierig, was diese Menschen geeint hatte, war die Abneigung gegen den Liberalismus und die Mitte-Mäßigkeit. Was sie getrennt hatte, ist nach wie vor wichtiger, aber diesen Punkt sollte man ernst nehmen. (Ich erinnere mich, wie ich einmal gescholten wurde in der Deutschen Rektorenkonferenz, dass ich gegen die liberale Auslegung der Prüfungsordnungen gesprochen hatte, das ist nur eine Assoziation, hat nichts mit Taubes zu tun). Ein Apokalyptiker nimmt den zu Ende gehenden Bestand dieser Welt vielleicht ernst, aber nicht so wichtig. Darum geht es in vielen der Kommentare. Dass er aus einer Rabbinerfamilie kommt, selber Rabbiner, Judaist, Philosoph, … eigentlich alles war, und sich an keine Disziplin hielt, macht ihn posthum sympathisch, dass manche Assoziationen sich erfundener Quellen bedienten, um einen Punkt zu treffen, machen ihn noch nicht zum Scharlatan…

Und doch ist diese freundliche, sehr spontane Assoziation keine Verteidigung, dazu kenne ich ihn zu wenig. Aber die konstruktive Erinnerung und die vielen Kommentare zu seinen Diskursbeiträgen, Briefen, Positionen machen ihn mir schon deshalb sympathisch, weil sie nun wirklich nicht an der institutionellen Einteilung der akademischen Disziplinen hängen. Und um manches beneide ich ihn.

(Die Daten sprechen schon für sich https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Taubes)

Natürlich kann man auch sagen: jemand, an den man sich erinnern kann, trägt mehr zum eigenen Weiterleben und Denken bei, als jemand, der dem Vergessen nicht zu entreißen ist.

Im Nachsatz gedenke ich des Freundes Christian Lesczinski, der Taubes sehr mochte, und vor vielen Jahren war das ein Thema. Danke, Rainer Fabian, für die Wiedererinnerung. Und eine Bereicherung der Rückschau.

anti-ANTI II

Drei Kommentare in einer ausführlichen Kritik von Felix Klein an dem Scheinjuden Fabian Wolff:

„Die israelische Botschaft in Berlin sagte über den Vorgang: »Wir müssen alle darüber nachdenken, ob die Tatsache, dass er sich als Jude ausgegeben hat, für manchen eine gute Ausrede war, seine Dämonisierung gegenüber dem Staat Israel zu legitimieren.« Wolff hatte in einem viel beachteten Text ausführlich Kritik an einer Israel-Boykott-Kampagne zurückgewiesen.

Auch der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, sieht in dem Vorgang einen Beleg für ein Muster: »Es zeigt sich ein grundsätzliches Problem dieser Gesellschaft und ihrer Medien: Man hört so gern etwas Israelkritisches und gern auch etwas gegen den Zentralrat der Juden. Und man will es freilich gern von einer jüdischen Stimme hören.«

Dabei übersteige die Nachfrage in der Gesellschaft eindeutig das Angebot: »Wer das Gewünschte liefert, kann sich vor Angeboten gar nicht retten.«“

(Fall Fabian Wolff: Antisemitismusbeauftragter kritisiert Autor (msn.com) 5.8.2023

Die Kommentare äußern, ohne es zu wollen, eine Einengung des Antisemitismus auf die tatsächliche und die behauptete Israelkritik. Nichts einfacher, als Fabian Wolff zu kritisieren, das Scheinjudenar4gument ist vor allem für Deutschland ein gelungenes Werkzeug, die eigen Rolle der geläuterten und nunmehr juden- und israelfreundlichen Gesellschaft zu dokumentieren. Kann man machen, aber –

Der Antisemitismus ist älter und differenzierter als seine Ableitung oder primäre Zuschreibung zur Shoah. Religiös und ethnisch begründete Antisemitismen kausal dem Holocaust zuzuschreiben oder von ihm abzuleiten, greift zu kurz und ist oft einfach historisch falsch.

Das ist im übrigen ein wesentliches Argument für das vom BMBF und dem Fritz Bauer Institut geförderten Projekt AIES „Antisemitismus im europäischen Schulunterricht“ (Vgl.  FBI Jahresbericht 2022, S. 161, Antisemitismus als Gegenstand des Schulunterrichts | Antisemitismus | bpb.de; (2006!); Antisemitismus im europäischen Schulunterricht (AIES) – Institut für Germanistik – Europa-Universität Flensburg (EUF) (uni-flensburg.de); (2021). Juliane Wetzel von der bpb sagt zutreffend:

Holocaust-Erziehung kann Jugendliche zwar sensibel machen für die Gefahren des Antisemitismus, aber nicht immunisieren. Die Maßnahmen der Aufklärung müssen umfassender sein.

Ein weiterer Aspekt ist kompliziert: gerade das letzte Jahr hat gezeigt, wie oft die Frage nach legitimer und illegitimer Israelkritik sich darauf reduziert, dass die Israelkritik antisemitisch sei (was durchaus in vielen Fällen so ist, und ebenso vielen Fällen nicht zutrifft). Aus der Kritik an der Israelkritik aber eine praktikable Position gegen Antisemitismus zu gewinnen, ist mehr als oberflächlich.

Mein dritter Einwand gegen die Ableitung des Antisemitismus auf einen Ursprung ist auch nicht einfach, wenn ich mutmaße, dass es eine deutsche Position ist, die das alles in dieser Form hochspielt. Auch in anderen Gesellschaften gibt es Antisemitismus, oft mehr als bei uns, manchmal weniger, aber seine Analyse beruht dort selten auf einem Wiedergutmachungs-Selbstbezug, der sich angeblich selbst erklärt. Das müsste dem Schulunterricht auch kritisch zugefügt werden. Und damit der Lehramtsausbildung.

*

Eine Position gegen Antisemitismus einzunehmen und vor allem auszusprechen, ist so einfach wie wenige politisch-ethische Aussagen. Aber ich frage, ausdrücklich auch als jüdischer Mensch: na und? Wen erreichts? Was bewirkt es?

Seit Jahrzehnten, eigentlich seit 1945, dem Weltkriegsende, also vor der Gründung Israels, ist der Antisemitismus präsent. Das ist einfach zu erklären. Weniger einfach die seit vielen Jahrzehnten behauptete These vom Anstieg des Antisemitismus. Wenn er auch nur seit dem 1950er Jahren ständig angestiegen wäre, müsste er heute beherrschend sein, was er nun wirklich nicht ist, und zugleich könnte man bewerten, messen und kritisieren, wieviel welche Aussagen und Maßnahmen gegen den Antisemitismus bewirkt haben. Wer kann, soll, darf, will das tun?

Kein Missverständnis: ich habe seit meiner Kindheit in Österreich und erwachsen in Deutschland unter Antisemitismen gelitten, oder ab sie für mich weniger relevant empfunden als die Antwort auf die Frage: wer und was ist jüdisch in Deutschland? Die Antwort ist so kompliziert, weil sie nicht aus der Nachkriegsgeschichte, wie das manche gerne wollen, herleitbar ist, und sie ist widersprüchlich, man möchte sagen multipolar, ethnisch, religiös, identitär, sozial integriert oder desintegriert…

Und da sind die oben zitierten Aussagen, incl. Des Hinweises auf den Zentralrat im Kontext der Israelkritik, einfach daneben.

*

Felix Klein hat noch etwas gesagt, an anderer Stelle: „Antisemitismusbeauftragter Felix Klein: – „Die AfD ist eine Gefahr für jüdisches Leben“ (msn.com)“ (5.8.2023), darin kritisiert er die AfD zu Recht als Gefahr für das Judentum in Deutschland. (Das wäre, ist es diesmal aber be8i ihm nicht, ein wichtiger Punkt, wie eine Millionenpartei neonazistischen Zuschnitts mit einer Gruppe von 200.000 jüdischen Menschen verfährt). Was mich wundert, ist ausgerechnet der Hinweis auf die jüdischen Speisegesetze, die von der AfD unterlaufen werden. Stimmt, aber das in den Vordergrund zu rücken, halte ich für problematisch. Ich kenne  aus meinen jüdischen Umgebungen eine Menge streng koscherer, wenig koscherer, gar nicht koscher und eine Menge dazu unwissender jüdischer Menschen. Und etliche nichtjüdische Sympathisanten, die aus anderen guten Gründen koscher essen und kochen.

Zu Felix Klein, den ich sympathisch finde und der gewiss eine schwere, fast unlösbare Aufgabe hat: Er repräsentiert eine Auffassung von Judentum, die einen Teil der jüdischen Menschen in Deutschland betrifft. Es wäre schön, wenn er nach den anderen Teilen sich ausdehnte, erst einmal mehr fragen als schon beantworten, wie wir nicht einfach den Antisemitismus bekämpfen, sondern unsere jüdischen Selbstverständigungen neidlos und differenziert ausleben und ausdiskutieren können.

68. Wichtiger als Vietnam?

Viele denken bei 1968 an die Studentenbewegung, an Vietnam oder die Demonstrationen. Ich auch. Aber meine Erinnerung ist überbaut von Prag. Nach 1956 der zweiten Station meines politischen Bewusstseins, ob das nun wirklich politisch war, bleibt offen:

Das Gedächtnis schlägt die Erinnerung und ihre Asservaten im Tagebuch. Sonst schreibe ich viel genauer, aber damals im Aust 1968 kaum. 2.8. Die Fahrt nach Prag mit Hans Meissner, meinem Englischlehrer, einem lebenslangen älteren Freund (+ 2012). Erstmals in der noch unrenovierten Stadt, spannend mit ihrer Geschichte und der Vibration des Prager Frühlings. Ein Spitzel führt uns in eine Reihe unbekannter Museen – ich erinnere viel Glas.

Ich erinnere an die Reden von Dubcek und Smrkovsky am Altstädter Ring, als sie von Cierna nad Tisu und dem Treffen mit Breschnew zurückgekommen waren. Reden für die Demokratie, Menschen bis an den Rand der großen Straßen und Plätze. Die Rede des gedemütigten und misshandelten Dubcek erfolgte am 26.8. und damit war das Ende des Frühlings besiegelt.

Wir bekommen eine Warnung das Land umgehend zu verlassen. Also am nächsten Morgen.

In der Erinnerung schiebt sich die nächste Zeit zusammen, als ob der wirkliche Einmarsch vom 20.8. gleich am nächsten Tag gewesen wäre, als ob die polizeiliche Vorladung in Salzburg wegen der Briefe an die Botschaften für die Freiheit der CSSR gleich darauf erfolgte, und dann die Demo in Wien, wo auch ich am Maria Theresien Denkmal gesprochen habe und danach zur Polizei musste. Das war aber drei Wochen und ein paar Tage dazu später. Dazwischen: das andere normale Leben im Sommer, nur die kurzzeitige Erinnerung. Am 28.8. die erste politische Reflexion im Tagebuch, und die Aktionen der Studentengruppe und die Politik in Wien gingen noch ein paar Tage später los.

So war es, nur gingen die Uhren und Kalenderdaten in anderem Rhythmus. Erinnert sich, ausgelöst durch eine andere Erinnerung eines damals 16 Jährigen an den Einmarsch und die Tage davor. (Jan Faktor: „Heute weiß ich, wie illusorisch das alles war“ (ZEIT #33. 3.8.2023, S.14f.). Wir hatten sehr unterschiedliche Illusionen.

Diese biographische Notiz ist mir wichtig, weil ich im Anschluss an diese Ereignisse, weit mehr noch als vor dem August 1968, in NEUEN FORVM Wien, bei Günther Nenning, viele der geflüchteten Prager Demokraten und Intellektuellen kennengelernt und gesprochen habe, kein geringer Beitrag zur prinzipiellen und nicht taktischen Gegnerschaft zum stalinistischen und post-stalinistischen Kommunismus der UdSSR. Und immer noch Misstrauen gegen die Russophilie gegen die umgebenden Staaten und Gesellschaften.

*

Nun kann man diese Einleitung in zwei Richtungen ausweiten und ausdeuten:

  1. Russlands Rolle vor und nach Gorbatschow in Europa und der Welt, für uns und andere, – und wer wie an Russland warum hängt;
  2. Das Problem von Gedächtnis, Erinnerung und die Auswirkungen auf die derzeitige Praxis mit Blick auf die Zukunft;

Mich beschäftigt das Zweite, aber ich frage mich, wen das interessiert und wie der Sprung in die Politik und Entwicklung geschehen kann, wenn man sich, das heißt: die individuelle Sicht, hinter sich lässt. Wer ist fähig und berufen wie zu handeln, wenn es um…(Sie dürfen reihen: Umwelt, Frieden, Wohlstand, Kultur, etc.) …geht.

Zu Beginn eines langen und inhaltsreichen Interviews sagt Marlene Streeruwitz:

Es werden Metaschicksale dekretiert, die unsere Kleinrealitäten außer Kraft setzen. Die Macht über uns wird offenkundig. Das Metaschicksal setzt unsere Rechte und auch die Pflichten aus und lässt uns den Stress des Ausgeliefertseins als Beschäftigung. Es sind psychotische Welten, in die wir da verfrachtet werden, und es wäre der richtige Zeitpunkt, sich gemeinsam diesem Ausgeliefertsein zu entziehen. Zum Beispiel in einer Durchsetzung von Klimapolitik, die die Welt nicht als Besitz von Eliten betrachtet, sondern sich den demokratisch aufgefassten Grundrechten aller widmet. Das wiederum hieße, das Leben darin ernst zu nehmen, dass die natürlichen Ressourcen nicht dem kapitalistischen Prinzip der Profitmaximierung unterworfen werden können. Unsere Rede muss dann „grün-grüner-grün“ heißen. Der Superlativ muss aus dem Spiel genommen werden.

(Streeruwitz: „Krisen offenbaren unseren Selbstbetrug“ – news.ORF.at)

Dass das alles nicht einfach ist, versteht sich. Dass es übersetzt in Alltag und Politik auch die eigenen Ansprüche an die Zukunft betrifft und den Abschied von dem, was als Bedingung unserer gesellschaftlichen Integration als „selbstverständlich“ dekretiert wird, verstehe ich auch.

Im NEUEN FORVM haben wir so gedacht, und viel wieder verloren, bevor wir es gewonnen hatten. In diesen Tagen, des rundum verbreiteten großen Schreckens, ist es nicht falsch, den Superlativ aus dem Spiel zu nehmen.

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Vor kurzem wieder in Prag, hat sich das Damals der neuen, „künstlichen Kulisse“ (Jan Faktor, oben) entzogen, und ich war wieder Anfang August 1968. Als ich es in dieser neuen Wirklichkeit der Kulisse meiner Frau erzählte, wurde mir klar, wie wichtig die genaue Erinnerung ist, die sich nicht vom Gedächtnis täuschen lassen darf.

anti-ANTI

Vor vielen Jahren, als ich noch eine Uni leitete, gabs eine Studierendengruppe, die nannte sich schlicht ANTI. Da konnte man nach Belieben gegen etwas bestimmtes oder eben gegen alles sein. Wofür die Gruppe war, weiß ich nicht mehr. Zeitgleich gab es auch einen Ableger der ANTI-Deutschen.

„Weitere antideutsche Positionen sind Solidarität mit Israel sowie Gegnerschaft zu AntizionismusAntiamerikanismusIslamismus, bestimmten („regressiven“) Formen des Antikapitalismus und Antiimperialismus. Diese führten und führen zu Kontroversen innerhalb der linken Szene.“ Soviel Anti in einer Definition (https://de.wikipedia.org/wiki/Antideutsche).

Lassen wir die Sprachgeschichte und einige spannende Antis wie Antigone, Antilope, Antizipation usw. Aber nicht ganz: Schon Adorno verwendete lieber „ante“ als „anti“, denn das Wörterbu8ch sagt mit Recht, dass „ante/i“ als Adverb vorn, vorwärts vorher bedeutet, und als Präposition vor, voran, voraus….Das ist nicht trivial, denn wir verwenden es ja gerne als „dagegen“, Gegen-, Nicht. So kann es auch richtig verwendet werden, Opposition anzeigend. Nur sollte man bei manchen Begriffen aufpassen, unabhängig von der Endung e oder a.

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Gestern war der Tag des ANTIZIGANISMUS, als der Tag gegen die Verleumdung und Verfolgung von Sini und Roma, also eigentlich der Tag gegen den Antiziganismus. Aber klugerweise sagte niemand offiziel, es sei der Tag des PRO-Ziganismus, weil das ja etwas anderes bedeutet, oder?

Dauernd gibt es Unbehagen und Kritik am ANTISEMITISMUS. Zu Recht, nur was folgt daraus? Eine Einleitung:

„Ein Antifaschist, der nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist.“

Da muss ich genau sein, kann es auf die Semiten nicht einfach übertragen, dann das Gegenteil eines Antisemiten ist nicht der Semit, sondern in unserer Sprache ein Philosemit. Antisemit meint also einen ethnischen, kulturell Zusammenhang. Christliche Intellektuelle haben u.a. differenziert zwischen Antijudaisten (religiös) und Antisemiten (ethnisch).

Viele Menschen, die zum Judentum konvertiert sind, konzentrieren sich auf die Abwehr des Antisemitismus, weil der ihre Konversion bedroht.

Viele Menschen, die sich für Israel einsetzen (Statt und(oder Gesellschaft und(oder Erfahrung im Land) sehen in der Israelkritik Antisemitismus.

Für viele Menschen sind Judenwitze antisemitisch per se.

Alle drei Gruppen und noch mehr mögen Gründe haben, so zu argumentieren, die können gut oder schlecht oder banal sein. Aber nur „antisemitisch“ zu sagen, reicht nicht.

Drei Narrative zunächst:

Nach 1945 wurde, wenn Antisemitismus thematisiert wurde, ein Ansteigen dieser Haltung festgestellt und die Gesellschaft, der Staat, jede(r) Einzelne aufgefordert, dagegen vorzugehen. Zugleich wurde seit damals bis heute, 2023, ein dauerndes Ansteigen des Antisemitismus kommentiert.

Dazu: Michael Daxner: Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg 2005 (Merus)

Was bedeutet Philosemitismus? Wenn ich alle Menschen als Menschen liebe, dann bedeutet die Judenliebe eine Hervorhebung, jüdische Menschen „mag ich besonders.“ Ist aber komplizierter, weil es als Begriff den Antisemistmus bereits voraussetzte.

Dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Philosemitismus#Begriff

Die anscheinende oder scheinbare (zwei Varianten!) von Solidarisierung bzw. Integration mit jüdischen Menschen und die damit verbundene Hineinnahme von Israel in diese Diskurse ist so komplex, dass sie Wissen und eine sich selbst bewusste Einstellung zum Thema und Begriff braucht, also nicht einfach auf common sense beruhen sollte.

Zu diesem letzten Punkt ein weiterer Exkurs:

Ich behaupte, dass dieses Thema und seine Worte, die nicht immer gleich Begriffe im strengen Sinn sind, besonders in Deutschland (und teilweise in Österreich) problematischer sind als anderswo, außer vielleicht in Israel selbst. Deutschland sieht sich seit 1945 auf der richtigen Seite der Beziehung zu „den Juden“, zu Israel, zur jüdischen Kultur etc. Der Einwand kommt sofort: redest du von Westdeutschland? Ja, in der DDR wurde viel von dem einer bestimmten Variante des Antifaschismus zugeschrieben (siehe oben) , während im Westen die kollektive, staatliche, gesellschaftliche, zivilgesellschaftliche etc. Gesinnungsänderung zur Staatsräson wurde. Nach 1989 vermischt sich das. Aber schaut mal genau: man durfte nicht Antisemit sein, aber schon antizionistisch eingestellt. Man musste darauf achten, wer Israel wie kritisierte und von wem die Kritik kam, das sei oder sei nicht antisemitisch. Man musste mit „Außenseitern“, die als jüdisch bekannt waren oder so gezeichnet wurden, anders umgehen als mit vergleichbaren nicht jüdischen Personen. Man musste mit jüdischen Organisationen anders, nicht schlechter oder besser, aber anders umgehen als mit anderen ethnischen und religiösen Organisation, weil…WEIL, ja weil wir doch die Zeit vor 1945 als Begründung für die Haltungs- und Verhaltensänderung mit uns tragen.

Das alles ist ja nicht falsch oder verwerflich. Nur, damit sind wir wieder bei den einfachen Worten: damit NATISEMITISMUS ein BEGRIFF WIRD; mit dem man Kommunikation, Kritik und Politik, Kultur und Selbstverständnis machen kann, sollten doch diese besonderen deutschen Probleme als solche bearbeitet werden, sollte uns doch klar sein, was in den wirklichen Beziehungen z.B. zu Israel tatsächlich vor sich geht und nicht was uns von Politik und Gruppen als korrekt oder angemessen vorgegeben wird.

Drastisch: Israel ist kein Judenstaat, sondern ein jüdischer Staat. Israel ist ein demokratischer Staat und kein Kirchenstaat. Gerade wenn uns die erfolgreiche militärische Befestigung der Staatsgründung 1948 und wenn uns die Kriege danach die Befestigung Israels als demokratischem Staat in seiner Umgebung als richtig und sinnvoll erscheinen, gerade dann müssen wir dieses System und seine Umgebung auch richtig einschätzen können, und zur Umgebung gehören auch die nicht-jüdischen Israelis, das sind mehr Gruppen als die meisten wissen. Das ist deshalb nicht trivial, weil man dann Dinge wie die Zwei/Ein-Staatenlösung, die Wasserpolitik am Jordan, die Anmaßung religiöser Gruppen aller Ethnien etc. so weit wissen muss, dass man reinen Gewissens urteilen darf und kann, auch wie man auf die Hamasraketen reagieren muss, auch wie man die Gefährdung des Staates von außen abwenden helfen kann (und welche Rolle Deutschland dabei spielen kann – bitte nicht mit der Geschichte argumentieren). Und natürlich haben auch Kritik an den Parteifreunden von Netanjahu mit Antisemitismus nichts zu tun, sondern mit Menschenrechten und zivilen Minimalstandards.

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Dies gesagt habend, zurück zum Begriff. Antisemitismus ist ein Keulenwort deutscher Selbstverständigung geworden, mit dem Man zugleich kritische Diskussionen verhindern und abwehren kann. Dass der Antisemitismus oft schlimmer Rassismus ist, oft primitiver als taktische Abwehr der Feinde meiner Feinde, oder gar die Vorstellung, dass jüdische Menschen nicht auch antisemitisch argumentieren können, wie alle anderen Menschen, das lehrt – wenn nicht die Erfahrung, übrigens auch meine – so doch das Studium der Wirklichkeit.