Deutschland am Abgrund

Nicht ich habe das erfunden, nach zuviel ARD und ZDF und anderen Medien. Meine SZ startet ihre tägliche Wahrheitsrubrik so:

Jeden Morgen dieselben düsteren Gedanken im Halbschlaf, jeden Morgen die bange Frage, ob die Welt draußen noch da ist – oder genauer gesagt: ob Deutschland noch da ist. Das ist keineswegs sicher, denn das Land, da sind sich Millionen Experten im Internet einig, steht am Abgrund, sofern es sich nicht schon im freien Fall ins Bodenlose befindet. Die Zeichen des Untergangs sind überdeutlich: Klimaschützer bringen den Verkehr zum Erliegen, Wölfe, Bären und als Wildschweine verkleidete Löwen stehlen Campingurlaubern die Bratwurst, und jeden Moment könnte Habeck vor der Tür stehen, um unbescholtenen Bürgern eine Zwangswärmepumpe einzubauen…“ (SZ 11.8.2023)

Viel zu nett. Das Abgrundgetöse übertönt die Wirklichkeit und der Diskurs bedeckt die unerfreuliche Wirklichkeit mit Szenarien, in denen man weiterhin redet und nichts tut. In anderen Worten: der reale sozial-ökonomische Rückschritt in die hinteren Reihen großer Nationen hat sich seit Jahren entwickelt, besonders unter der großen Koalition, aber eigentlich in allen Konstellationen, in denen man den BürgerInnen und der Zivilgesellschaft fast nichts zutraute, aber den klassischen Vertretern der Interessenverbände und der selbstheilenden Bürokratie fast alles.

Ich stimme ins Untergangszenario nicht ein, weil der soziale, wirtschaftliche und kulturelle Abstieg kein vorschnelles Ende bedeutet. Es wird fast alles schlechter werden, für meine Kinder, erst recht für meine Enkelinnen – und dieses schlechter wird an dem gemessen, was bisher war und was in die „schlechte Unendlichkeit“ phantasielosen Weiterso projiziert wird. Nur niemandem etwas zumuten.

Da will der Kanzler das Rentenalter nicht erhöhen. Sollen sich doch die Älterwerdenden weiterhin langweilen, wenn sie sich das leisten können. Da wird der Bildung und Aufklärung vom Sylter Hohlkopf Geld entzogen, damit die Leute weniger Ansprüche entwickeln, weil sie die Möglichkeiten nicht kennen. Alles in allem verweigern sich die meisten Regierenden und beschwört die Opposition den Verlust an Wohlstand. Dass es bei der Klimapolitik und beim neuen Heizen – und bei der Sanierung der wichtigsten allgemeinen Lebensumstände – um weniger bisherigen Wohlstand und das Überleben in einem andern Wohlstand geht, ist den Holzköpfen schwer, den politischen Opportunisten kaum und den Partikularisten nicht zu vermitteln. Aber nicht, weil sie zu dumm sind, das zu verstehen – sind die meisten nicht, naja, ein paar schon, sondern weil sie es für die Gegenwart nicht wollen, weil sie Wahlen nicht abgeben wollen, – weil sie sich so verhalten, dass die AfD Punkte und Stimmen sammeln muss. Wenn da ein angeblicher Meteorologe sagt, man könne eben auch mit 3° überleben, liest man nicht weiter, WIE man überlebt, und applaudiert. Auch die Saurier sind nicht an einem Wochenende ausgestorben.

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Das Rentenalter nicht erhöhen. Steuern senken. Bildung aushungern. Sozialarbeit überlasten. Krankenbehandlung den Ärmeren verschlechtern – vielleicht werden die gerade deshalb älter? – und den Reicheren verbessern – vielleicht werden kostspielige Fehlbehandlungen attraktiver? – nein, Satire beiseite – die Liste dessen, was partout nicht mehr gehen wird, ist

bekannt

und sie ist in einem reichen Land wie unserem auch weitgehend zu bearbeiten. Der EU Einwand der AfD bedeutet nur, dass nationalistische Alleingänge die Armutsgrenze zu einer Verhaltensgrenze festlegen. Wer arm ist, muss loyal zur Partei stehen, sonst wird er ausgegrenzt, um nicht zu sagen…nein, seinen Namen sag ich nicht.

Und weil die Liste bekannt ist, gibt es bloß einen Hinderungsgrund zum Beispiel für die Koalition: allen die Wahrheit zusagen, was die Umstellung des Wohlstands betrifft, und dass man die Ungleichheit, die von den Lindners befördert wird, abmildern, am besten einebnen muss. Das bedeutet einfach mehr Gerechtigkeit und Solidarität. (Nebenbei: wer die Schuldenbremse des so genannten Liberalen nicht versteht und von seinem privaten Haushaltsgeld aus denkt, sollte nicht dieses Instrument der Raubritter kommentieren).

Das reicht beinahe für die kommenden Wahlkämpfe: wetten, dass es zu allen genannten und etlichen weiteren Problemen durchführbare Reformen gibt, einschließlich der Hinderung von Bürokraten, sich an ihren Stühlen festzukleben. Nein, selbst wenn wir am Abgrund stünden, müssten wir ja nicht springen.

Und jenseits dieser Wahlkämpfe könnte man sich vielleicht wieder dem Klima widmen, und der Abwehr des in ganz Europa sich etablierenden Faschismus. Sagt mir schnell ein Land, wo es ihn nicht gibt…

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