Nach langem wieder ein Blog geteilt mit den bekannten und vielen unbekannten LeserInnen. Das mache ich auch, um mich vom Tagebuch, der persönlichsten Welterbauung, abzusetzen, und Erfahrungen mitzuteilen, die nicht jedermensch machen kann und will.

Ihr seht einen Bergkamm, ca. 3000 m hoch, davor das Eck einer Berghütte, Richterhütte 2374 m, Wolken. Ihr sehr einen graubraunen Hintergrund. Als ich 1966 das erste Mal hier war, auch im Sommer, war der Hintergrund weiß. Gletscher.

Das Bild hat mir gerade mein Bruder geschickt, so haben wir die Hütte 1968 in Erinnerung. In diesem Jahr, mit zwei Brüdern, gehen wir auf diese Hütte, auch in memoriam, und in eine Welt, in der unsere Kinder und Enkel keinen Gletscher mehr werden erinnern können, wenigstens im allgemeinen Bergsteigen, ganz oben gibt’s noch ein paar. Auch hier haben sich noch ein paar Überreste zurückgezogen, und über riesige glitzernde Felsplatten rinnt und tropft das Wasser weg, der Bach füttert die Krimmler Ache und die wiederum den Wasserfall, der wiederum tausende Touristen anzieht, was den Reichtum des Landes Salzburg in Österreich mehrt.
Aber ich berichte von einer kurzen, sehr schönen Bergtour, ich rede nicht einmal von Abschied. Nein, man wird bis ans Ende kommen können, immer mit der Erinnerung an das, man selbst nicht vergessen möchte. Nur, woran man sich nicht erinnern kann, dem trauert man nicht nach.
*
Mit zwei meiner Brüder gehen wir zur Richterhütte, Man kommt nicht einfach an den Aufstiegsort Krimml. Entweder durchs Zillertal und über die Gerlos, oder durch das schier endlose Salzachtal. Egal, der Bergort ist so typisch wie überfüllt, man kann sich nur marginal von denen distanzieren, die auch hierherkommen wie wir, erst wenn sie etwas anderes machen, wird’s differenziert. Es ist, wie immer in diesem Jahr, heiß, in dieser Gegend regnet es auch viel und es hat geregnet, das wird man sehen, und es wird regnen, das werden wir erleben. Die Menschen kommen hierher, um den höchsten, schönsten und wohl beeindruckendsten Wasserfall Europas zu sehen, oder um ihn herum zu gehen und zu fahren, und dahinter in die höheren Berge zu steigen. So fangen wir an, den alten Wasserfallweg, von dem man den Fall nur hört, aber selten sieht, hinaufsteigend, steil, aber nicht schwierig oder mühsam. Etliche Alpinos mit uns, überschaubar, viele mit Hunden. Wenn die dritte Wasserfallstufe (drei Eiszeiten….) überwunden ist, wird das Tal flach und man folgt viele Kilometer in Richtung auf den Alpenhauptkamm, das Krimmler Tal. Ein Trog, breit, Wiesen und Weiden, die Ache teilweise unschön reguliert, wo früher Moore waren und mäandernde Bächlein, jetzt ein Fluss. Nicht gleich meckern…vor ein paar Jahren hat ein Hochwasser viele bäuerliche Anwesen und ihre Umgebung zerstört, dann muss man wieder aufbauen. Würde man heute, nach der Ahr, nicht viel anders machen, etwas mehr im Oberlauf sieht man, wie schön die Ache sich mäandern kann. Die Talstraße ist heiß, schottrig, breit, und bevölkert: von e-Bikes, Radfahrern, Fußgängern und Hunden. Man kann vor 11 und 14 Uhr mit einem Gruppentaxi bis zum Tauernhaus gebracht werden, dann muss man weitergehen oder fahren. Die wenigen Bauernhöfe sind breit und gut ausgestattet. An mehreren Stellen haben Gewitter aus kleinen Randbächen gewaltige Steinmassen über die Wiesen gestreut, die werden jetzt mit den Baggern usw. wieder zurückgezähmt. Der Blick hinein ins Tal ist schön, wäre man doch schon hinter der Waldzunge nach ca. 4 km, dahinter wird es ja wirklich schöner, und man ist bald beim Tauernhaus, 1631 m..
Dort bleiben wir die erste Nacht. Und man kann sich der Geschichte nicht entziehen. Eine gewaltige, fast hotelartige Hütte, aus einer einfacheren Version hervorgegangen, an der vorbei kein Weg führte, keiner aus dem Ahrntal (Tauernpass), keiner von der Richterhütte, keiner von der Warnsdorfer Hütte, und da kommen schon uralte Tauernübergänge her…https://www.krimmler-tauernhaus.at/ Wenn die schreiben „vergletscherte Eisriesen vor Augen“, sind sie etwas nostalgisch. Seit Jahrhunderten gehört das Anwesen der Familie Geisler und wird ihr weiterhin gehören, man sollte es nachlesen Tradition und Geschichte im Krimmler Tauernhaus (krimmler-tauernhaus.at) ….und ergänzen. Wie das nach 1938 war und dann nach 1945, als zunächst 5000 deutsche Soldaten aus Italien in ihre Heimat (das war nicht Österreich, sondern Deutschland) zurückkamen und versorgt werden mussten, und danach viele hundert jüdische MigrantInnen aus einem Lager in Österreich nach Italien wollten (ins Ahrntal), und verpflegt werden mussten, im Tauernhaus.
Im Sommer 1947 wurden Tausende Juden im Zuge der Bricha und aufgrund einer Initiative von Marko Feingold und Viktor Knopf über den Gebirgspass von Österreich nach Italien „geschmuggelt“. Es waren Überlebende des Holocaust, die in österreichischen Sammellagern untergebracht waren und auf dem schnellsten Weg nach Palästina auswandern wollten. Von Prettau (teilweise auch in Kasern) wurden sie weiter nach Meran und von dort an die Adria gebracht. Seit 2007 erinnert Alpine Peace Crossing mit einer alljährlichen Friedenswanderung über den Krimmler Tauern und weiteren Veranstaltungen an diese Flucht. (Krimmler Tauern – Wikipedia (gegen Ende der kurzen Geschichtsdarstellung – Weierlesen!)
Wir haben darüber im Ahrntal, wo wir seit vielen Jahren im September wandern, viel erfahren und mittlerweile sind an vielen Stellen des Nationalparks auch Erinnerungsmale erreichtet. Vergessen wird das nicht mehr. Mit den Brüdern also sitzen wir im kühlen Gastzimmer, umgeben vor allem von Niederländern. Auch viele Italiener, und relativ weniger, aber noch hinreichend viele Deutsche. Früher wären wir gleich weiter aufgestiegen, so vertagen wir das auf den nächsten Morgen. Spannend ist auch noch der Einfluss der Familie Geisler auf die Kommunal- und Wirtschafts- und Verkehrspolitik in Krimml, semper aliquid haeret. Gemessen an den so genannten Touristenhochburgen Zell am See, Kitzbühel, Gerlos etc., ist das große Tauernanwesen gerade zu eine Idylle, also trostreich.
*
Frühstück und los geht’s. wieder eine Wasserfallstufe, mit den Gletscherwassern, die ich anfangs im Versiegen benannte, und da führt ein uralter steiler Karrenweg, heute schmal befahrbar hinauf, es fährt da aber wirklich kaum einer als die Almbesitzer und Zulieferer, nicht aber Touristen. Die gehen. Wie wir, das Tal wird flacher, aber nicht breiter oberhalb des Falls, und nur ganz schmale Weideflächen sind neben den Bach gelegt. Erstaunlich, wie wenig Lärchen hier sind, eher noch ein paar Zirben. Die Fichten überleben es nicht. Wenige Blumenarten, insgesamt den ganzen Tag über ganze drei Schmetterlinge. Vor der Kernzone des Nationalparks (der prima ist) gerade noch ein feudales kleines Ferienhaus, dahinter noch ein zwei Bauern. Ein Weg zweigt zur Rosskarlacke und von dort, schwierig zur Scharte ab. Man kann auch so zur Zittauer Hütte gehen, wo ich schon 1966 war, allerdings von der Richterhütte. Im Winter kann ichs mir bestenfalls vorstellen, ob es noch genug Schnee geben wird? Egal, wir gehen weiter, kommen an einer Pferdeleihsommerweise mit schönen Rössern vorbei und an einer luftigen Brücke, die zu unmarkierten Abkürzungen auf die großen Wanderwege ins Rainbachtal oder zur Zittauer führt. Schwindlig darfst nicht sein. Am Bach nach einigen weiteren Aufstiegsstrecken endet der schmale Fahrweg. Damals, 1966, lag hier in Holzstoß und jeder musste ein Scheit für den Ofen mitnehmen, heute machts die Seilbahn….auch sehr luftig, nichts für Schwarzfahrer. Die Hüttengrundversorgung kommt einmal jährlich mit dem Heli. Wir steigen noch in steilen Serpentinen 200 Höhenmeter auf: Richterhütte www.richterhuette.com 2374m. Natürlich nostalgische Erinnerungen, aber auch handfeste, das Gastzimmer ist unverändert. Wieder Holländer en masse, und ein paar Frankfurter am Tisch, die vor Berglust strotzen, aber sich nicht so recht auskennen. Eine angenehme Tiroler Hüttenwirtsfamilie, und ein Mitarbeiter, der mit dem e-Bike hinunter und mit dem Gasflaschenvehikel zurück hinauf zur Materialbahn fährt. Wir kommen an, wollen gleich weiter zur Windbachscharte, aber binnen Sekunden ein Regenguss, schon poesiewert. Also wieder rein ins Haus. Um vier gehen wir wieder, es ist trocken und warm. Einen steilen schönen Bergpfad hoch, dauernd mit Blick auf die schwindenden Gletscher. Dort, wo noch Eisreste sind, verfolge ich eine Rettungsübung o.ä., genaueres weiß man nicht. Die Brüder gehen die letzten 100 Meter, ich bleibe etwas fußschonend zurück, und wir haben einen schönen Weitblick am Rückweg, Urgestein ist schon besser als Kalk….Von hier kann man, nicht unschwierig, zur Birnlückenhütte (sehr schön, da hin lohnt es sehr) im Ahrntal gehen, wo wir jedes Jahr sind, und man sieht die Alpen vom Venediger bis wasweißichwohin. Aber gut, dass wir wieder in der Hütte sind, pünktlichst um 18.30 gibt es Abendessen, neuerdings eine Variante des alpenvereinsgeförderten „Bergsteigeressens“ auch vegan, so wie auch die Unterkunft gewährt werden muss, im Zweifel im Winterquartier oder auf der Ofenbank. Covid hat uns im Matratzenlager geholfen, die Räume sind unterteilt, aber es ist trotzdem schnarchlaut. Man hat einen leichten Schlafsack mit, der Rest ist sauber und ordentlich, die sanitären Anlagen auf dem besten neuesten Stand, aber das Wasser schon nicht warm. Um 19.00 setzt ohnehin Regen ein, heftigst bis Mitternacht trommelt es aufs Dach, aber in der Früh ist es wieder dunstig warm, ohne Regen. Wir steigen ab. Talauswärts ganz andere Perspektiven, schön und nicht zu schnell, beim Tauernhaus rasten wir diesmal nicht, sondern gehen talaus zu den e-Bikern und anderen Menschen. Beim Wasserfall gehen wir jetzt den offiziellen breiten Pfad, nahe am Wasser, das ja beeindruckend ist, aber eigentlich aus der Ferne erst die gewaltigen Stufen erkennen lässt. (Von der Gerlos sieht man wirklich alle drei Stufen). Nein, die einzelnen Nahpunkte sind schon beeindruckend, man lässt sich gerne besprühen, und wie sich das Wasser einen Weg sucht, ist beeindruckend. Viele hunderte, tausende?, Touristen. Besondere Gruppen: immer wieder Saudis aus Zell am See (die sind dort zweitheimisch, wegen Berg und See), die Frauen teilweise in der völligen Bedeckung nicht nur des Kopfes, auch des Gesichts, ihre männlichen Begleiter fallen nicht durch Kleidung, sondern Sonnenbrillen auf, viele Kinder und Jugendliche, die weniger als ihre Eltern begeistert sind, viele freundliche Hunde. Unten in Krimml das Tourismusdisneyparkplatzdorado, von irgendwas muss man doch leben. Mit den Brüdern hatte sich eine rege und nicht immer deckungsgleiche Kommentierung all dieser Eindrücke und Wahrnehmungen ergeben, sehr erfreulich, Vergangenes and die gegenwärtige Wahrnehmung anbindend. Zurück über die Gerlos – der Ort ist furchtbar – mit herrlichem Blick auf den Alpenhauptkamm und die Wasserkraft, naja, solange die Seen gespeist werden… und das Zillertal nach Jenbach. Dort ist man im ausgebauten Teil der Bahnstrecke, was die Bayern nie schaffen werden. Eine gute Bergtour endet, gut und ein wenig melancholisch, darüber, was unsere Enkel nicht mehr sehen werden.