Untergangster

Wüssten wir, dass die Erde in absehbarer Zeit unrettbar ihrem Untergang entgegen geht, also dass wir Menschen nicht mehr auf ihr lebten, wüssten wir das, könnten wir beruhigt die Sektgläser klingen lassen und den Rest der Erdoberfläche mit Einfamilienhäusern und Tagebaulöchern pflastern. Alle Vorhersagen zum Weltenende waren bisher gleich unsinnig, sie haben sich nie erfüllt, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass das auch demnächst so sein wird.

Diese Phantasien lassen mich kalt, nicht einmal lachen kann ich. Aber nicht, weil sich sprichwörtlich „Das Rettende“ in größter Not einfindet, sondern weil die Szenarien des Endes etwas sehr altmodisches, sehr banales an sich haben. Als ob eines Morgens der UN Generalsekretär verkündet, nun sei der Untergang eingetreten und wir müssten, jeder für sich, die letzten Stunden so gut wie möglich für uns gestalten, dahinter käme nichts, habe die Mehrheit des Sicherheitsrats auf seiner letzten Sitzung beschlossen.

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Es habe „immer“ Kriege gegeben, es wurde immer gefoltert und vergewaltigt, es war immer das Böse um uns und in uns und über uns (irgendein Gott wird schon schuld sein), und wir werden den sich abzeichnenden Untergang auch überleben, „überstehen“ ist die passende Vokabel.

Woher ich das habe? Nachrichten, Zeitungen, Gespräche, ich habe aufgehört, zu bestimmten Ereignissen mir ein Kompendium von Meinungen zu bilden, an denen ich korrigierend und verstärkend arbeiten kann. (A, U, I war ein später Blog dazu). Die MeinungsFREIHEIT ist ein Paradox. Was ich denke, muss ich ja nicht unbedingt anderen mitteilen.

Warum ich diese Gedanken heute und hier äußere? Die letzten Monate haben meine Vorstellungen zu den Kriegen und Entwicklungen weltweit, besonders zu Afghanistan und der Ukraine, arg gefordert. Vorstellungen bedeuten im guten Fall Arbeit an sich selbst. Die Sehnen des Selbstbewusstseins sind seit dem 7. Oktober überdehnt. Das darf doch nicht wahr sein! rufen viele, und bestätigen meine gar nicht neue These vom Vorrang der Wirklichkeit vor der Wahrheit, den Wahrheiten.

Vor ein paar Monaten habe ich aufgehört, die russischen Gewalttaten an der Ukraine und die Kommentare dazu weiter zu kommentieren. Ich werde absehbar auch zu Israel keine Meta-Kommentare mehr öffentlich machen – das kann auch geändert werden, aber dann muss man über die Anlässe sprechen, ich bin hier noch mehr bemüht, die Informationen zu sammeln und sie auch für meine Reaktionen auszuwerten, was macht diese Wirklichkeit mit mir? Das ist nicht trivial. Wenn kluge Leute, gute Freunde, Friedenspläne entwerfen und propagieren, wenn es Pläne für ein Einfrieren der Konflikte gibt, wenn Kompromissbereitschaft bei Tätern und Opfern angemahnt wird – ist das alles verständlich und weitgehend folgenlos, weil es einer Politik bedürfte, auch nur Ansätze solcher Überlegungen zu verwirklichen, und unser, mein, Einfluss auf die Politik, nicht ihre Programme, ist nicht erkennbar.

Will man nicht verzweifeln oder gleichgültig werden, muss man sich selbst teilen, Während man über Krieg, Vernichtung, die Politik dagegen und das gesellschaftliche Umfeld nachdenkt, muss man auch AUCH und vielleicht besonders intensiv den Alltag leben, die Zeit verbringen. Die Gleichzeitigkeit ertragen, das ist nicht einfach. Aber es hilft gegen falsche „Ganzheitlichkeit“ in der alle eingeebnet wird, an dem man straucheln könnte. Das ist kein RATGEBER für Lebensgestaltung. Sondern ein Ausweg aus der Ratlosigkeit, sich der Anziehung und Abstoßung durch die Kriege der Welt zu entziehen.

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Die Diktatoren drohen mit Untergang, fügte man sich nicht in ihre Befehle. Sie meinen ihren Untergang, der ja die Unterstützung vieler Gefolgsleute erfordert. Die werden dazu gezwungen. Aber merke: im Nachhinein fragt niemand nach ihren Motiven, sich zu unterwerfen. Beim Widerstand ist das anders, besser.

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