Kein Kommentar zum Kommentar

War die Welt vor einem Monat noch in Ordnung? Nein. Ukraine, Afghanistan, Umwelt, Flüchtlinge, und die Liste lässt sich beliebig verlängern, nein, nicht beliebig, es ist ein erster Höhepunkt einer endgültigen Abwärtsspirale der menschlichen Gesellschaft auf dem Planeten Erde, von der Welt wissen wir ja nicht so viel, aber wir sagen es halt so, als ob alles von uns ausginge.

Seit dem 7. Oktober ist ein Konflikt ausgebrochen, den es eigentlich schon lange gibt, aber dieser Krieg geht um mehr als Sieg oder Niederlage. Er geht, nicht zum ersten Mal, um die Existenz Israels, und er zwingt uns etwas mehr als Solidaritätsbekundungen und Kritik zu verteilen. Es geht nicht um Meinungen, die man haben kann und äußern darf.

Ich habe schon vor längerer Zeit gesagt, dass ich mich mit Kommentaren zu den überquellenden Kommentaren zurückhalte.  Es kommt nicht darauf an, ob und dass ich etwas zur Ukraine, zu Israel usw. zu sagen habe, sondern ob und wie in das Konzert der Kommentare und Wertungen mich einbringe und wie ich wahrgenommen werden möchte, wenn ich meinen privaten Denkbereich verlasse. Ukraine und Israel sind die beiden Konfliktsyndrome, bei denen ich mich zurückhalte, mehr als bei anderen, z.B. Afghanistan. Das liegt daran, dass im sich verbreitenden Krieg jeder Kommentar noch mehr auf die eigene Person, das eigene Leben zurückgespiegelt wird, und also mehr „mit mir macht“ als nur eine Meinungsquelle mehr öffentlich werden zu lassen.

Um die wichtigste und eindeutige Solidarität mit dem Staat Israel und der Gesellschaft Israels wirkungsvoll werden zu lassen, ist es wichtig und richtig, sich jedes ABER zu verbieten und vor allem diese Solidarität nicht mit Kritik an der Regierung und anderen Umständen zu relativieren. Um dies aber glaubwürdig zu darstellen zu können, muss man schon etwas wissen, z.B. was im jüdischen Staat zu den nicht-jüdischen Staatsbürgern, Gesellschaftsmitgliedern und unabgeschlossenen Verfassungsprojektionen gehört, was in der Geschichte des Staates richtig und falsch gelaufen ist, was worauf zurückzuführen ist seit Beginn des letzten Jahrhunderts. Selten werden so viele Vorurteile aus Nichtwissen gespeist wie gegen Israel, und da ist nicht alles antisemitisch. Aber die Übertragung des Antisemitismus auf Israel, und nicht nur unter Hinweis auf Zionismus und Anti-Z., ist natürlich ein schwerwiegender Diskursbestandteil. Und weil es nur einen jüdischen Staat gibt, eine Demokratie noch dazu, ist es nicht gut, seine Ansichten auf Ahnungen und Vorstellungen beruhen zu lassen, man muss schon etwas wissen. Und dann kann es immer noch mehrere Meinungen geben, aber die wesentlichen Fakten sollte man kennen.

Die Macht der Kommentare macht Politik. Die Macht der Kommentare kommentiert selten Fakten, sondern bereits kommentierte Zusammenhänge. Das ist im Prinzip ein Effekt auch von Meinungsfreiheit, aber mehr noch: es muss Grundlagen geben, auf denen Kritik und Kommentare aufbauen können, sonst hängen sie in der ideologischen Luft.

Je tzt kommt natürlich ein Einwand, als ob ich die Kommentare verhindern, behindern wollte. Keineswegs, ich möchte nur festhalten, dass ihre Qualität nicht unter dem Niveau recherchierter Tatsachen und deren Bewertung, also auch Kommentare!, bleiben sollte.

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Warum schreib ich das, gerade heute und jetzt? Die vielen ABER bei allen Solidaritätskundgebungen, Protesten usw. erschrecken mich, wenn sie schon im Aufruf oder der Erklärung unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit der antijüdischen, antisemitischen, antihumanitären Gegenwirklichkeit hinreichend Platz zur ideologischen Entfaltung lassen. Die Kommentare der Diktatoren, zB. Erdögans zu Israel und den Palästinensern sind ein Beispiel.

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