Müde?

Man kann es nicht mehr hören, ich weiß. Man will schon gar nicht in die Zeitung schauen. Auch als Thema bei Gesprächen ist der Krieg nicht mehr gewollt. ???Der Krieg??? Welcher denn, ach immer der letzte. Allmählich dämmert es vielen Menschen, dass es ja möglich ist, im Krieg an alles andere, an alles Mögliche zu denken, auch wenn vieles nicht erreichbar ist, man nicht überall hin reisen kann, bestimmte Sachen nicht mehr kaufen kann, manches besser verschwiegen als gesagt wird….

In diesen Tagen rauscht alles von Vergleichen, wie frühere Kriege sich nicht, oder teilweise doch, wiederholen, und manche sind bei den Vergleichen erfinderisch. Aber so leicht lässt sich das eigene Bewusstsein nicht betrügen, wenn der Krieg sich um einen herum ausbreitet und immer mehr von dem ergreift, was man als seine Lebenszone verstanden hat, unzugänglich dem Krieg, … Das Verdrängen hat ein Ende, und durch die Hintertür kommt die Wirklichkeit immer herein, wenn sie vorne abgewiesen wird.

In diesen Tagen, zum 100. Geburtstag des Vico von Bülow, Loriot, wird man in manchen Medien abgelenkt und freut sich der Erinnerung an das eigene Lachen. Ja, seht ihr, das ist doch Ablenkung. Und schon denkt man, wie gut es ist von der Wirklichkeit abgelenkt zu werden. Die lässt sich, anders als so genannte Wahrheiten, nicht wirklich verdrängen.

Die Ablenkungen dienen der Stärkung von Resilienz und Umsicht und sie sind Übungen der Mehrfachkonzentration. Aber was da als Hintergrundstrahlung unabweisbar ist, verstärkt sich. Ob wir das so wollen oder nicht. Irgendwann ist der Krieg so nahe gerückt, dass man aus anderen nicht darüber reden kann und darf, innere und verordnete Zensur, Vorsicht, Selbstschutz und die Unwilligkeit, die Propaganda auch noch kritisch zu rezensieren, engen das Blickfeld ein, und dann gewinnen andere Themen plötzlich neue Bedeutungen. In Briefen aus den Jahren 1938 bis 1945 werden plötzlich Kochrezepte, Moderatschläge, Zufallsbegegnungen thematisiert, es „kommt nichts vor“, was wirklich vorkommt, aber vieles, das anders vorkommen würde, wären die Zeiten anders. Und das wird sich mit dem Ende des jeweiligen Kriegs ändern, es folgen Zeiten der Anklage gegen die Täter und der Lockerung von Regeln durch die Befreiung. Das ist ein „Immer Wieder“ mit Variationen, und viele kochen darauf ihre jeweilige Suppe, opportunistisch oder vom Wahrheitsrausch trunken. Auch dies kann in scheinbar harmlose Themen eingepackt werden.

Was wir nicht vergessen sollten: Mit dem Ende von Kriegen ändern sich die politischen Rahmenbedingungen schneller als die Persönlichkeiten jedes einzelnen Menschen, die Adaptionen gehen nicht einfach nach gut und böse und schuldig und befreit… Gibt es denn gar keinen Aufbruch in eine bessere Zeit? Doch, nur nicht aus der bloßen Überlegung heraus, dass das Ende des Kriegs auch das Ende seiner Bedingungen, Ursachen und Gründe bedeutet.

Vieles von dem, was ich hier geschrieben habe, taucht vermehrt in den Medien auf, es kann gar nicht unbemerkt bleiben. Wegschauen gilt nicht, weghören. Innere Emigration erweist sich fast immer als Unsinn und Unterwerfung. Kennt Ihr „Dreh das Fernsehn ab, Mutter, es zieht…“? von Georg Kreisler (https://genius.com/Georg-kreisler-dreh-das-fernsehn-ab-lyrics). Die Medienkritik am Krieg ist heute viel aktueller als damals, man sollte sie aber auch ernst nehmen. Ebenso ist die mediale Verzerrung der Kriegswirklichkeit weiter gediehen. Das setzt also mehr Aufmerksamkeit, aber auch veränderte Abschaltmechanismen voraus.

Die Kriege, an denen wir beteiligt sind, sind mehr, wenn nicht alle…Ausweichen geht nicht. Leben im krieg ist nicht immer kämpfen, hungern oder gefoltert werden, war es übrigens auch nicht immer in früheren Kriegen. Die direkten Opfer, die unmittelbaren Beteiligten, die Folgen…all das verschiebt sich, verzerrt sich, aber es bleibt, was es ist.

Und deshalb darf man nicht müde werden, muss wach bleiben. Die Kriege und Kämpfe und Tyranneien untertunneln heißt nicht einfach seine Überzeugungen und Ideologien „ändern“, sondern handeln. Nicht man, wir, wir können etwas tun.

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