Israel?
Viele beschreiben, bewerten, beklagen und beschwören den Krieg in und um Israel. Im Neuen Jahr wird er fortgesetzt, und offenbar ohne andere Ziele und Hoffnungen jenseits der Kämpfe. Wenige sind wirklich deutlich, wenn sie darüber schreiben oder reden, zuletzt Dunja Ramadan epaper.sueddeutsche.de/webreader-v3/index.html#/853940/4 …“Je länger dieser Krieg dauert, desto unwahrscheinlicher wird die Versöhnung“. Nicht nur in Israel und dem Nahen Osten.
(Man kann analog zur Ukraine und anderen Kriegsschauplätzen argumentieren, aber es macht, vor allem hier in Deutschland und Österreich, noch einen systemischen Unterschied, nicht nur wegen der Geschichte und der Staatsräson).
Ich informiere mich so gut es geht täglich, und ich kommentiere eher wenig, was mich selbst sehr klar und deutlich begleitet. Meine eigenen Beiträge zum Diskurs, abgesehen von der Kommunikation mit meinen Freund*innen in Israel, sind mittelfristig: eine Diskussion in zwei Wochen, um die Wirklichkeit der Situation im Dialog unterschiedlicher Standpunkte zu diskutieren (in Wien), eine Geschichte Israels von Herzl 1895 bis zum 6. Oktober 2023 (an der Uni Potsdam, für junge Semester) und die Selbstkonfrontation mit dem, was Israel jetzt für mich bedeutet. Die Widersprüche, ob das aus jüdischer, kosmopolitischer, humanitärer Logik erfolgt, und noch einigen anderen, ist nicht unerheblich, wenn sie nicht oberflächlich auf der Ebene der Meinungen stecken bleibt. Meinungen reichen nicht aus, um zur Praxis, zur Politik, um zur Wirklichkeit zu gelangen.
Ich kenne einige Freund’innen, die diese Ansicht teilen. Und etliche, die sie anders angehen. Beide Gruppen überschneiden sich in einem problematischen Segment verzerrender Diskurspraxis. In praktisch allen Artikeln, Aussagen, Medienreports einer einigermaßen oder starken Kommunikation wird der 7. Oktober 2023 als Ausgangspunkt der kritischen Berichterstattung und Kommentierung verwendet, oft nur in einem Satz, sozusagen „eindeutig“, um die eigene Position zu bestätigen und nicht angreifbar zu machen. Dann folgen oft unendlich vielfältig und umfangreich die Kommentare zum Kriegsgeschehen im Gaza, „Israel“ – bewusst in „“ – wird oft als Einheit in der Einheit verwendet. Die Folgen des 7. Oktober für die unmittelbar betroffenen Menschen in Israel, für die mittelbar betroffenen Menschen in Israel, werden nicht völlig verdrängt oder beschwiegen, aber doch vergleichsweise reduziert und statisch erwähnt; als wäre man sich ohnedies über die eigene Position, zu ihren Gunsten klar. Vielleicht bin ich überempfindlich, aber ich nehme bei uns für die israelischen Opfer des 7. Oktober sehr viel weniger Empathie wahr als für die zahlenmäßig umfangreicheren Opfer des Kriegs im Gaza. Hier kann man die propalästinensischen Aktionen beobachten, bewerten und kritisieren, oder auch nicht. Um wen und worum geht es wirklich?
Um das alles zu bewerten, reicht die Beobachtung nicht. Auch nicht die Staatsräson. Da muss man schon die Geschichte der Region im 20. Jahrhundert und ab 1948 Israels einigermaßen kennen. Ich sage „muss“, weil nur aus einem Wissen der Wirklichkeit, abseits aller Sympathien, kann sich eine humanitäre Empathie für die Betroffenen entwickeln, die nicht in den Klischees steckenbleibt, die ja doch wieder von „den Juden“, „den Palästinensern“ etc. sprechen und dahinter die Unterschiede zwischen Staat, Regierung, ethnischen und religiösen Differenzen und vor allem Differenzierungen verwischen (nicht leugnen, aber unscharf belassen, Spielraum für die Kundgebung der eigenen Position).
Versöhnung steht nicht, stand nie, am Anfang von Konflikten. Die Kriegslogik, auch der Kommentare!, gelangt auf anderen Wegen zur Versöhnung als eine Friedenslogik, die man erst wieder aus den tatsächlichen Interessenkonflikten herausgraben sollte. Aus welcher Logik die Forderung nach Waffenstillstand kommt, und vor allem, wer sie mit welchen Folgen durchsetzt, ist da nicht unerheblich.
Ja, Dunja Ramadan, der „Krieg muss endlich aufhören“. Aber damit es um Versöhnung geht, ist das Ziel primär nicht, Sieger und Besiegte zu identifizieren. Sondern die Menschen zu bewegen, die dort friedlich miteinander leben wollen, damit sie das auch können.
Den Schlussabsatz, das Resummé, teile ich als wichtigste Aussage, aber auch anderes! Mir fehlt aber die längere sehr kritisch zu sehende Vorgeschichte: Es gab mal einen einen Friedensprozess und erste Abkommen. Aber diese wurden von beiden Seiten torpediert. Die Anhänger einer Ausgleichs-und Friedenspolitik in Israel ( Rabin, Peres, Barak,….Moshe Zimmermann, Shimon Stein, Dan Diner,….) wurden zu einer kleinen Minderheit, Netanyahu und seine Regierungen immer nationalistischer und zuletzt rechtsradikal. Auf der palästinensischen Seite war es entsprechend.
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Vielen Dank. An genau deiner Aufarbeitung arbeite ich, nicht nur als Lehrveranstaltung im Sommersemester, sondern auch in Vorträgen und wissenschaftlicher wie ethischer Rekonstruktion. Das ist auch psychisch aufwendig, weil es nach dem 7. Oktober keine ein-eindeutige schnelle Lösung gibt, aber sehr wohl unterschiedliche Ebenen (nur Ideologen vermischen die berechtigte Kritik an der Regierung Netanjahu und seinem Kabinett mit der eindeutigen Unterstützung von Staat und Gesellschaft „Israel“). diese Vermischung ist auch auf palästinensischer Seite Fatal, Hamas ist nicht Palästina, aber die Grenzen sind noch schwieriger nachzuzeichnen. Ich bleibe am Thema, und es ist mir auch subjektiv unu8mgänglich.
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