Weltkrieg – Friedensinseln – Wir

Wirklichkeiten kann man nicht herbeireden. Bestenfalls genau und nachvollziehbar beschreiben. Und danach Wahrheiten entwickeln, die sagen, wie wir mit diesen Wirklichkeiten umgehen.

Wenn ich nun sage, der Weltkrieg ist wirklich, so habe ich genügend Material, das auszuführen, das Problem ist eher, dass der Begriff „Weltkrieg“ unterschiedlich verstanden und vor allem gebraucht wird. Ich muss es nicht so sagen, aber ich will es, weil es mir angemessen erscheint.
ich habe schon früher einen Blog geschrieben, wo ich den Quantensprung zwischen zwei Logiken, der Friedenslogik und der Kriegslogik, beschrieben habe.

Mein Kollege Sönke Neitzel, Militärhistoriker und einer der wenigen wissenschaftlichen Experten zum Kriegsthema, hat in einem langen Interview die Kriegslogik ausgedeutet und entfaltet. (Spiegel 1(2023, 24-29). Sein letzter Satz ist bedenkenswert: „Der Wesenskern des Soldatenberuf – der Kampf – muss raus aus der Tabuzone“. Genau hinsehen: Kampf, nicht Krieg. Das ist eine andere Logik als die Friedenslogik, die auf die Vernünftigkeit und den universalen Humanismus setzen muss, und zwar von allen relevanten Seiten, damit der Frieden aus Verhandlungen entstehen und dann sich entfalten kann. Damit kein Missverständnis entsteht: die beiden Logiken oszillieren zwischen einander, sie sind nie unumkehrbare Wirklichkeit, sondern dominieren die Macht mit unterschiedlicher Wirkung.

Neitzel zielt auf den Soldatenberuf im demokratischen Rechtsstaat. Seine Thesen vom Aufbrechen der Tabuzone sind nicht auf Guerrilla oder Terroristen oder herrschsüchtige Diktaturen gemünzt – mit dem Problem, dass man die Befehlshaber der Soldaten im Kampf ja nicht wahrnimmt; man muss sie wissen, um für die eigene Verteidigung gute, moralische und/oder politische Argumente zu haben. Im Prinzip gilt seine These für beide Logiken, sie muss nur in der Praxis viel konkreter werden.

*

Dass ein Weltkrieg auch innergesellschaftlich Auswirkungen hat, ist trivial. Dass er sich in scheinbar zivilem Gebiet auswirkt, ist komplex. Die beiden Logiken unterscheiden sich darin, welche Regeln gelten und durchgesetzt werden können bzw. welche außer Kraft gesetzt werden, z.B. durch gesetzten Ausnahmezustand…eine fatale Geschichte, die bei den schwächelnden Demokratien und für den sich global ausbreitenden Faschismus hohe Bedeutung hat. Man kann auch im Krieg Friedenslogik anwenden, und wenn wo kein Krieg herrscht, dennoch Kriegslogik zur Machtausübung anwenden. Das ist nur scheinbar trivial.

*

Wenn jemand Verhandlungen um jeden Preis vorschlägt, müssen die Herkunft des Preises und seine Gewährleistung mitgenannt werden. Nach der Kriegslogik bestimmt der „Sieger“ oder der „Stärkere“ die Verhandlungsbedingungen, der Unterlegene die Forderungen, aber eben nicht mehr. Nach der Friedenslogik kann (fast nur) der Eingriff starker Dritter die beiden kämpfenden zu Verhandlungen bringen; das geht aber nur, wenn der Dritte wirklich stark ist und von beiden Kämpfenden anerkannt wird. (Wer jetzt NUR an die UN denkt, denkt zu kurz…da gibt es noch mehr Instanzen). Wirklich entscheidend für die Friedenslogik ist, was nach den Kämpfen für die verbleibendenden Menschen folgt, nicht nur am Rande des Schlachtfelds verbleibend, nein, national, regional, lokal oder in manchen Fällen global.

*

Die Inseln im Krieg hat es immer gegeben, es gibt sie auch heute. Von kleinsten lokalen Gebieten bis zu ganzen Ländern. Manche sind Inseln für den einen Krieg, während sie an einem andern beteiligt sind. Auf diesen Inseln kann sich die Friedenslogik jedenfalls besser entfalten, und das wäre ein Hinweis, wie die Politik in unserem Land auch handeln sollte, da wir zwar an Kriegen beteiligt sind, aber die Kämpfe uns nicht unmittelbar erreicht haben. Wir sind sozusagen eine Halbinsel.

Hinterlasse einen Kommentar