Die Reaktionen auf meine Faschismusbeobachtungen sind gemischt bis flau. Zumal aus Deutschland wird sofort die NAZI-ASSOZIATION wirksam, die ja zugleich ein Tabu betrifft, den Faschismus-Vorwurf besser gar nicht zu erheben.
Faschismus hält sich nicht an Ländergrenzen, und die österreichischen Faschisten und Nazis sind mit AfD schon länger im Bund, manchmal unterschiedlich geformt, und meistens schon einen Schritt weiter Richtung Diktatur. Zu den Unterschieden gleich, zunächst zur faschistischen Übereinstimmung, die natürlich nicht an den Parteigrenzen haltmacht, sondern in die Bevölkerung diffundiert, von Medien – von denen, die unsereins normal nicht konsumiert – befeuert. Bevölkerung ist neutral, ihr Pöbelsubstrat ist die mildere Ausdrucksform des sich verbreitenden faschistoiden Humus.
Lest als erstes Ruth Wodaks „So kündigt sich ein autoritäres Regime an“ (SPIEGEL #8, 12.2.2024, 106f.). Dass in Österreich, mit zwei Faschismen seit 1933 alles noch einem anders ist, auch wenn es gleich sich auswirkt, kann man auch studieren und nachvollziehen. Jetzt aber geht es um die Diffusion von Faschismus in die Gesellschaft. „Autoritäres Regime“ ist doch nicht so schlimm, argumentieren viele…wenn man die Freundschaft zwischen der von Merz (CDU) und Söder (CSU) zur Wiederwahl animierten von der Leyen mit italienischen Faschistin Meloni nur als individuelle Personalisierung herunterspielt, wenn man sich die Geschichte des rechtsradikalen früheren Verfassungsschützers Maaßen genauer anschaut, wenn man…man kann tatsächlich die Langlebigkeit der Faschismen von vor dem Zweiten Weltkrieg bis heute in vielen Ländern nachvollziehen, und sich Gedanken machen, wie ungleichmäßig die Immunisierung in verschiedenen Gesellschaften nachhaltig wirkt. Es gibt sie, ja, aber…Wirtschaftsunternehmungen, AmtsträgerInnen, Bands und Unscheinbare…von überall erfolgt eine gewisse, keinesfalls flächendeckende Anlehnung an die Faschismen, an die autoritären Systeme. Wenn ich jetzt ein Seminar hielte, wäre das Thema z.B. die Kritik an der Demokratie ist wirkungsvoller als die positive Wertung des Faschismus. Wenn man die Zusammenballung von Nichtzueinanderpassenden betrachtet: Bauern, Handwerker, Mütter – real in Bayern unter Aisöder so vor ein paar Tagen, wenn man die Attraktivität der entpolitisierten Mitte der Gesellschaft genau analysiert, dann wird man feststellen, dass man mit den alten Links-Rechts-Kategorien nichts mehr anfangen kann.
Ich habe schon länger argumentiert, Faschismen breiten sich wieder stärker global aus. Sie waren nie verschwunden, aber oft verdeckt. Wenn sie in Regierungen repräsentiert sind, Ungarn, Türkei, Israel, Italien, etc. ist das etwas anderes als wenn sie in gesellschaftlichen Gruppen und Parteien oder Institutionen stark präsent sind (Republikaner in den USA, Gerichte nicht nur dort) oder wenn sie sich mit Religionsgemeinschaften verbinden (Pakistan). Faschisten sind nicht automatisch Terroristen (die Hamas ist eine Terror-Organisation, da ist die Qualifikation als faschistisch sekundär, übrigens auch gegenüber Putin oder Xi, das gehört woanders hin).
Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir bald von einem faschistischen Herrschaftsschleier überzogen werden, ähnlich wie Italien oder Ungarn oder die Türkei oder manche deutsche Kommunen oder, zu meinem Schrecken, Österreich. Und die Frage: ja, und? Liegt vielen auf der Zunge, weil sie nicht wissen, wie vielfältig und doch eindeutig Faschismus als Herrschaftsform sein kann. Die Unmittelbarkeit der Machtausübung mit der starken Latenz zur Spaltung in das Wir gegen das Sie erfährt man im Faschismus schnell. Nicht alle Kultur, nicht alle soziale Gerechtigkeit, nicht alle Lebensqualität wird ausgeblendet oder niedergemetzelt: immer nur das, was die Herrschaft und die Partikularmächte gefährdet. Und jetzt kommen die, die ich entgegen der Klassenstruktur als Pöbel bezeichne, mit dem schrecklichen Satz: Is doch nicht so schlimm. WIE schlimm es sein kann oder werden kann oder werden wird…kann von denen, die jetzt nicht aufbegehren kaum mehr beeinflusst werden, oder nur bei Gefahr um Leib und Leben. Doch, es ist so schlimm.
Lieber Michael,
wie fast immer. Deine Zeilen fördern Gedanken und Positionen zu Tage, zu denen man, zu denen ich mich einordnen muss und will. Wollen deshalb, weil ansonsten kein Diskurs, und sei er nur individuell mit mir alleine, entstehen kann. Deine Ausführungen sind nicht nur anregend, sondern ich stimme ihnen weitestgehend auch zu. Ja wir brauchen dringend Orte, die nicht nur digital, sondern ganz klassisch zusammensitzend in einem Raum, bei Kaffee und Apfelschorle, Debatten ermöglichen. Zwischenmenschlichkeit statt Rapper. Ich bin halt zu alt.
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Diskussionen kommen oft langsamer in Fahrt, wenn es um PRAXIS geht. Was TUN wir, nachdem wir nachgedacht und diskutiert haben? das ist das Einfalltor der Aggression, die die Denkpause ausnützen um selbst etwas zu tun – Gewalt usw. ABER wenn der Tanker der kritischen Vernunft Fahrt aufnimmt, ist er auch nicht einfach zu stoppen…
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