Das Tier, der Mensch.

Offiziell glauben die Meisten, dass der Klimawandel a) im Begriff ist zu siegen und b) nicht mehr aufzuhalten ist. Eine Minderheit leugnet a) oder b), oder beides. Weniger offiziell, also im Privaten, wird die Verzweiflung durch Verdrängen unterdrückt. Das Motto der Stunde sind Ersatzhandlungen. Nun kann es uns egal sein, was wir nicht mehr erleben, nicht mehr egal, was unsere Kinder und Enkel nicht mehr erleben. Aber das erleben wir selbst ja nicht, es macht nur unsere letzte Lebenszeit traurig – oder wir verdrängen auch das.

Die Agrarchemie hat in den letzten Jahren die meisten Insekten vernichtet, im Weltuntergang sticht uns keine Gelse. Die Eisinseln schmelzen, es wird bald keine Eisbären mehr geben, aber wir schauen eh nur die Filme und fahren nicht hin. Viel anders war wohl das Ende der Saurier nicht, nur weniger reflektiert.

Das drohende Ende des homo sapiens ist an sich nicht traurig, so ist halt die Evolution, und wenn man nicht mehr ist, bleibt es egal, ob man sich selbst ausgerottet hat oder von einem Lavastrom weggedampft wurde. Das gilt für uns. Aber wie gesagt, noch leben Kinder und Enkel, und manches sieht man ja noch nicht, obwohl es schon da ist.

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Wenn alles so einfach wäre, müsste ich das nicht schreiben. Aber (leider oder erfreulich?) können wir ja unsere Vergangenheit teilweise erinnern, und sie ist beschrieben. Die Apokalypse und andere Theaterstücke des Weltendes sind ja ganz interessant, weil wir schon wissen, dass es SO nicht kommt, sondern….anders? Natürlich kann man sich ein weitgehend friedliches, stoisches Ende vorstellen, oder Jacqueline Harpmans Frau, die die Männer nicht kannte, (1995) sich als Beispiel nehmen, wie unsere Psyche die Wirklichkeit des Endes vorwegnimmt.

Ich schreibe das unter anderem, weil ich Erwartungen und Vorstellungen vom erwartbaren Sterben der Gattung und all ihrer Mitglieder nicht der Philosophie überlassen möchte, die sich doch weitgehend in die Reflexion über den Tod gerettet hat, damit sie nicht über das Sterben ins Nachdenken kommt. Aber natürlich weiß auch die Philosophie, dass der Tod zum Leben gehört. Stirbt einer, kann man noch weiter über den Tod reden, sterben viele, bleibt er doch im Singular. Wie wenig das Sterben die Politik beeinflusst, kann man seit jeher, nicht nur heute, an den globalen Kriegen und der über all sich festsetzenden Armut beobachten – wenns Vergangenheit war, wird es auch noch beschrieben, wenn es sich heute abspielt, dann macht man so genannte Pläne, wie man alles besser macht, wenn nur dieser oder jener Krieg usw. zu Ende geht: Beispiel: was machen die Palästinenser, was macht Israel, wenn der Krieg im Gaza vorbei sein wird? Der Krieg hat mit dem Thema schon viel zu tun, weil der Tod und das Gedenken die im Krieg Gestorbenen allemal überleben. Das kann man vom Frieden nicht sagen. Sagt sich so einfach, aber die Literatur redet dauernd von Liebe und Tod, selten von Geburt und Sterben.

Wieder ein globaler Krieg, der den vorigen ablöst. So etwas gibt es bei den Tieren nicht. Die werden uns auch überleben, vielleicht mutieren, aber es wird sie weiterhin geben, wovon wir nichts wissen werden. Die Versöhnung mit der Endlichkeit führt einige zur Passivität, einige wenige zum Suizid, und einige zum Vordenken, wie denn dieses Leben vor sich gehen kann, ohne den Tod zu thematisieren, zu poetisieren, zu ironisieren – oder das Sterben zu verdrängen, wie es die Volkswirtschaft ja anrät. Wenn ich sage, dass mir mein Hund dabei hilft, ist das keine Satire. Aber nur vom Hinschauen auf die begrenzte Zeit des Tiers kommt auch nichts….muss schon mehr sein. Diese „Mehr“, diese Lebendigkeit ist keine Freude, aber eine Gewissheit und vor allem Widerständigkeit gegen die statistische Präsenz des Todes, die poetisch oder politisch verdrängt wird.

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DIESE LANGE EINLEITUNG IST NICHT EINER DEPRESSION ODER NACHDENKLICHKEIT BESONDERER ART GESCHULDET: SIE HAT IHREN GRUND IN DER SCHWER ERTRÄGLICHEN BEREDUNG VON TOD UND STERBEN IN UNSERER GESELLSCHAFT; WENN ES UM ISRAEL; PALÄSTINA; DIE UKRAINE; AFGHANISTAN GEHT, hat man oft den Eindruck, als unterhielten sich flachdenkende MEINUNGEN ohne die Antwort auf die Frage WAS HAT DAS MIT MIR ZU TUN?

In der Kriegslogik, die ich für (leider) vorherrschend erachte, gelten nicht UNSERE humanistischen, ethischen, auch rationalen Prinzipien. (lest nochmals Streeruwitz nach, im vorigen Blog). In der Kriegslogik kann man gar nicht anders als auf mehreren Ebenen zugleich denken. Weltweit verfolgt man die große Anzahl der Toten im Gaza, verglichen mit der kleineren Anzahl vom Anlass des Kriegs, und streitet über die Ursachen. Weltweit wird auch diskutiert, was denn die Schwächen und Ursachen für diese Schwächen der Ukraine sind, weil sie nun nicht (mehr) auf der (erhofften) Siegerstraße gegen den Tyrannen Russland, nicht nur Putin ist. Als ob die Kriegsführung es immer auf die weißen und schwarzen Westen der Gegner anlegt, und man voraufgeklärt von Kriegsparteien spricht, aber Partner meint, Partner im Endkampf um Sieg oder Niederlage. Das Sterben spielt dabei keine Rolle, weil ja immer nur jede(r) Einzelne stirbt. Im Krieg fällt man, und dann ist es in einem kleinen Abschnitt der Geschichte der Heldentod, in dem weit größeren Abschnitt der vielfältige Tod, der Trauer und Wiederaufbau und Rache und was sonst noch produziert.

Und jetzt biege ich diese Überlegungen zum Anfang des Blogs zurück. Überraschend viele Menschen leben so, als ob die Entwicklung zum gemeinsamen Ende hin unabänderlich, also Schicksal, wäre und niemand, schon gar einzeln, etwas tun könnte (nur, weil man ja selbst ohnedies nicht überlebt, sterben wird müssen, irgendwann bald). Nicht nur die Basiskritik an der politischen Ökonomie, auch viel Alltagsphilosophie bemerkt, kritisiert? die Quantifizierung des Fortschritts zum Untergang, und der Krieg hat das immer schon bewirkt. Darin liegt unter anderem die nächste Episode des Kriegs und die Unmöglichkeit von Versöhnung.

Die Diktaturen verbieten die Abtreibung und fördern die massenhaften Geburten, damit sie in knapp 20 Jahren mehr Soldaten haben (hilft wenig), oder sie machens über die Religion (hilft mehr) und applanieren die Bildung (hilft auch). Das ist die Vorbereitung aufs Sterben, heisst aber nicht so.

Der Kriegslogik entgegen wirkt nicht der Frieden, den gibt es Zustand nicht. Der ist immer eine fragile Bewegung. Der Kriegslogik entgegen wirkt Empathie, Mitleiden, und Politik. Das Ausbleiben der Politik ist fatal, ihre Reduzierung auf bereits vorgefasste Meinungen in der sich faschisierenden Welt.

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So, jetzt fragt ihr, was das mit Tieren zu tun hat? Ganz einfach: die haben keine Kriegslogik, sie leben, bis sie sterben.

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