? Gott und Politik ?

Gott und Faschismus, nicht neu…

Ich halte mich zurück, wenn es um Faschismus geht…wenn man alles, was schlecht ist oder der Kritik unterliegt, wird das F-Wort zum allgegenwärtigen zum Sprachbrei ohne begriffliche Bedeutung. Aber umgekehrt: wo der Faschismus nachweisbar ist, wo er sich ausbreitet oder wirkt, soll man auf den Begriff nicht verzichten. Ich habe mich mit dem Thema schon deshalb in letzter Zeit häufiger befasst, weil es auch das Judentum in Israel betrifft. Und Schweigen oft zur Unterstützung des Falschen gedeutet, missdeutet wird.

Am 8.5.2024 abends wurde ich im Rundfunk bestärkt: Die Verbindung des weiterhin aktuellen Carl Schmitt (1888 – 1985) zu der Verbindung antidemokratischer Verbindung von Religion und Herrschaft – heute, nicht nur in der Vergangenheit – wurde verständlich und gut belegt wieder ins Bewusstsein gebracht (Der widersprüchliche „Kronjurist des Dritten Reiches“ (deutschlandfunk.de), auch früher (Macht und Recht – Versuch über das Denken Carl Schmitts (deutschlandfunk.de) am 24.2.2019. Über Schmitt, der nach wie vor attraktiv in allen politischen Lagern ist, will ich hier nicht schreiben. Aber er war der Fokus einer Diskussion, bei der es darum ging, wie in vielen heutigen Diktaturen und autoritären Systemen (Russland, Türkei, …) sowie bei politischen Strömungen mit Macht (z.B. evangelikale Bewegungen in den USA), die Verbindung der Religion mit der Herrschaft darzustellen. Nicht neu, aber in den letzten Monaten hat mich die Situation in Israel und dem Nahen Osten nicht losgelassen, sie ist nicht abzulenken oder zu verdrängen. Das hat mit der oft antisemitischen Gleichsetzung des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der Antwort Israels im Gazastreifen nur am Rand zu tun. Hier eine andere Frage vorweg: würde in Israel nicht das derzeitige Kabinett regieren, sondern eine klassische, liberale, vielleicht zionistische Regierung, wie würde sie auf den Angriff der Hamas reagiert haben? Das ist eine sensible Frage, deren Antwort ohne die Geschichte der Beziehungen der Menschen im Land, in der Region, ja, teilweise global nicht zu fassen ist. Aber das werde ich hier nicht ausführen. (Vgl. Edit Post ‹ Michael Daxner — WordPress.com Nr. 5515 7.5.2024). Mir geht es darum, dass die WIEDERHERSTELLUNG von Demokratie aus der Verbindung von Religion und Faschismus außerordentlich schwierig ist, wenn die Entstehung dieser Verbindung scheinbar auf demokratischen Verfahren beruhend oft unscheinbar erfolgt (aber auch die Wahlen haben ja ihre Vorgeschichte…).

Das Kabinett von Netanjahu ist teilweise faschistisch, religiös und durch den Siedler-Extremismus, und das wird nicht von heute auf morgen geschehen sein, sondern hat eine komplizierte Geschichte – dazu mache ich eine Lehrveranstaltung, aber das Prinzip der kritisierten Verbindung ist weitgehend überall das Gleiche. Sich auf einen so genannten „Gott“ zu berufen, um eine politische Zielsetzung zu legitimieren und durchzusetzen, hat es immer gegeben – heute in der Verbindung von Kyrill und Putin besonders deutlich, auch Erdögans islamistische Wende und die religiöse Mitbegründung der israelkritischen oder -feindlichen arabischen und palästinensischen Kräfte, auch im Iran usw. (in geringerem Maß hat es das auch in Europa, u.a. bei PIS so gegeben, diese Aspekte ein andermal). Man würde nur ungern öffentlich den jüdischen Kontext mit dem faschistischen in Verbindung bekommen, weil hier vorschnell immer der Nationalsozialismus als faschistische Extremum aufscheint).

Sozialanthropologisch, historisch, psychologisch, alltagsvernünftig…ist es unverständlich, warum „die Juden“ nicht wie alle anderen Menschen für Faschismus anfällig sein wollten. Aber das ist natürlich ein Tabu, innerhalb des Judentums, und, oft umgekehrt, außerhalb.

Das Teuflische an all dem ist nicht so sehr die diskursive Auslegung und die empirische Nachprüfung der einzelnen Erscheinungen, sondern ihre Deutung, die ist oft in der Tat antisemitisch und benutzt die jüdische Normalität geradezu als Trittbrett für Angriffe.

Wie das alles in diesen Tagen diskutiert wird, belastet, kränkt, verletzt oder manchmal belustigt mich. Das politisch-kulturell Ernsthafte dahinter wird nicht einfach im Gespräch von Interessierten erledigt, es hat weitreichende globale Folgen. z.B. in den so genannten „pro-palästinensischen“ Demonstrationen und Widerstandspolemiken – nicht zuletzt in den Universitäten, und oft in der Form lang zurückliegender Reaktion auf den Vietnamkrieg. Auch das kann man erklären, aber die Zeit zum Frieden drängt.

Schade, dass Amos Oz nicht mehr lebt, oder Jeshajahu Leibowitz, oder … viele wichtige Hinweise gibt Omri Boehm, siehe oben 7.5.2024, und aus Israel und teilweise aus dem europäischen Judentum kommen hinreichend klare Stimmen, dass es nicht um essenzielle und nicht umkehrbare ethnische und schon gar nicht religiöse Differenzen geht. Im Kontext sagt Boehm einmal, dass Freundschaft oft überbrückt, was rational nicht zu vereinbaren ist[1].

NACHWORT

Scheinbar habe ich den Titel zunehmend verpasst. Aber nicht wirklich. Dier Verbindung eines konstruierten Gottes mit realer Politik ist mir so fremd wie nur etwas, aber ihre Konsequenzen für die Politik sind gewaltig (Religion und Abtreibung, Religion und Bewaffnung, Religion und Geschlechterdiskriminierung etc.). Im konkreten Fall ist Religion ein scharfes Schwert für monotheistische Machtansprüche gegen die Demokratie (im übrigen auch für polytheistische). In der derzeitigen Weltkriegssituation ist das nicht unerheblich, weil die Vergangenheit wieder aufersteht, zumal sie nicht bewältigt wird. Der wohl kompetente Nahostexperte Gilles Kepel hat das in seinem neuen Buch deutlich ausgedrückt, es geht auch gegen den „Okzident“, etwa den „Westen“, und das hängt auch damit zusammen: Gilles Kepel: Israel, Gaza et la guerre contre l’Occident. Paris 2024, Plon – noch nicht übersetzt, kommt sicher bald.


[1] Religiös-philosophisch wird dies kritisiert, z.B. Christian Modehn, Freundschaft oder Brüderlichkeit? Wie den Universalismus durchsetzen? Eine Frage an Omri Boehm. – Religionsphilosophischer Salon (religionsphilosophischer-salon.de) 25.3.2024; ich kann mich der Kritik nicht anschließen. Aber einen Satz zu Ende des Buchs von Boehm „Radikaler Universalismus“ s.o. werde ich auch nicht los: Einerseits: „Deshalb brauchen wir unsere eigene, jüdische Politik, um zu überleben. Und wenn man diese Idee aus einer universalistischen Perspektive kritisiert, dann nur deshalb, weil man als privilegierter Nichtjude die jüdische Erfahrung gar nicht verstehen kann. Der Gedanke, man habe das Recht, über die Opfer zu urteilen, macht einen zum Antisemiten“ (S.152): das scheint einseitig pro-jüdisch zu sein, doch JETZT kommt Boehm auf die Palästinenser zu sprechen. Und mit einem Schluss, dass das Beharren auf der jeweiligen Identität zur wechselseitigen Auslöschung führt.

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