Das Aufatmen nach der Wahl in Frankreich ist allgemein, aber verdächtig. Man entkommt der Skylla und fällt der Charybdis zum Opfer (Entschuldigung für die bildungsbürgerliche Ironie, aber manchmal sind die politischen Kommentare auch wirklichkeitsfremd).
In diesen schrecklichen Tagen, wo man den Wolfsgruß in Deutschland verharmlost und duldet, wo Orban die EU in Russland und China verrät, wo der Massenmörder Putin die Ukraine weiter schändet, in diesen Tagen, wo John Biden nicht mehr weiß, wer er ist, und eine faschistische Regierung in Israel das Judentum destruiert. In diesen Tagen mit noch weit mehr Schrecken weltweit und der kaum mehr abzuwehrenden Klimakrise, müssen wir dem Endzeitdenken entkommen, auch wenn es schon Endzeit IST.
Wir können uns nicht beruhigen, nur weil wir nicht mehr wissen, welchen Schrecken wir zuerst aus dem Papierkorb fischen, um ihn zu bearbeiten. Auch wenn die Psychologie und Psychiatrie gut erklären kann, warum so viele Menschen sich von der Wirklichkeit abwenden und in ihren unverständigen mentalen Schrebergärten sich ein letztes Wochenende bereiten – oder den hysterischen Alarmisten auf den Leim gehen, die die schreckliche Situation der Zeit ausnutzen, um von der Demokratie abzulenken und den neuen Führerkulten huldigen. Oi weh, was soll man tun, wenn die Stimme vom Klagen heiser geworden ist?
Wir haben keine breiten Handlungsplätze, vielmehr muss sich der Widerstand in den engen Gassen der Unzugänglichkeit für die Gewaltherrschaft bilden; im Wortsinn „bilden“, wissen, worum es jetzt geht, und organisieren, herausbilden. Amerikaner als volatile Demokratie, Russen, Chinesen und andere autoritäre Staaten haben jeweils versagt, wenn sie mit Macht gegen die befreiende Guerilla angekämpft haben – was im übrigen diese Guerilla nicht gleich zum Modell künftiger Freiheit gemacht hatte.
Sagt mein Freund: spinnst du? jetzt Guerilla fordern, wie denn gegenüber den Trotzburgen empathieloser wieder aufgerüsteter Herrschaften? Nein, ich spinne nicht, denn das Gute an der Guerilla ist, dass man vorher und während ihres Aufbaus natürlich nicht sagen muss, was wir machen und wie. Ob wir den Kulturtext auswendig lernen, wie in Fahrenheit 451 oder ob wir den Lebensstil so verändern, dass er ökologisch tragfähiger wird, allein oder in Gruppen, ob wir…da gibt es genug Pläne und Strategien zur Auswahl. Wir wissen das oder wir können es denen vermitteln, die es nicht wissen. (Es ist die Umkehrung des menschenfeindlichen religiösen Siegeszugs der radikalen Fundamentalisten und Evangelikalen).
Das Schwierige an diesen Argumenten ist nicht, ihnen im Prinzip zuzustimmen, sondern etwas zu tun, das diesen Forderungen entgegenkommt, sie sozusagen in der Alltagspolitik abholt.
Diese Schwierigkeit bedeutet für mich immer in einer gewissen Oppositionshaltung im „eigenen Lager“ zu beharren. So paradox es klingt, es ist der Widerstand gegen die machtvolle Belehrung und die Unterwerfung unter das Lernen von Wirklichkeit.
Dafür gibt es Beispiele genug, auch ich habe etliche, aber zunächst geht es darum zu akzeptieren, dass man die globale Zerstörung nicht allein dadurch aufhalten kann, indem man sie kritisiert. Nicht allein. Etwas tun ohne durchzudrehen, also politisch und praktisch zu handeln. Die „Projektarbeit“ nennt man natürlich nicht Guerilla. Sehr viel mehr können wir zur Zeit nicht, aber wir wollen mehr.