Juden? Jüdisch? Rück x Vor x Sicht

Manche öffentlich agierende Menschen haben Angst vor ihrer Israelkritik. Andere Menschen dieser Gruppe haben Antisemitismus als multifunktionales Werkzeug eingerichtet und gebrauchen es. Wieder andere sind durch diese Situation verunsichert und demonstrieren oft widersprüchliche Haltungen , wenn sie diese Begriffe in ihre Diskurse einfließen lassen.

Allein die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema ist unübersehbar, und gerade hier gibt es zwei widersprüchliche Möglichkeiten der Auseinandersetzung und Aneignung: Entweder man verfolgt die Entstehungsgeschichte der Argumente – eine breite Palette bietet sich an, die nicht abgeschlossen ist: Zeitpunkt, Nationalität, Geschlecht, Quellen, Religionsstatus, eigene Herkunft, aktuelle Position in der Diskurslandschaft. Oder man prüft die Wirkung der jeweiligen Quellentexte, wenn zB. jemand eine(n) andere(n) als antisemitisch, typisch jüdisch, als Jude oder Nichtjuden kennzeichnet, und wie sich der Text auf diesen Menschen oder eine Gruppe auswirkt. /ich weiß, es gibt noch mehr Optionen, aber lasst es einmal dabei…)

Ich habe schon angedeutet, dass ich Netanjahu und sein Kabinett für durchgängig aus Juden zusammengesetzt sehe, – genealogisch, ethnisch – , dass ich vielen von ihnen und auch vielen anderen „Juden und Jüdinnen“ abspreche, jüdisch zu sein. Das ist auf den ersten Blick etwas befremdend – soll es auch sein, aber bei genauem Hinsehen gar nicht so fernliegend.

  • Erstmal Begriffsgeschichte lesen: https://www.deutschlandfunk.de/die-idee-eines-juedischen-staates-2-theodor-herzl-und-sein-100.html, https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Judenstaat,
  • Was „Juden“ sind, entscheidet sich begrifflich oft, ob die Definition wissenschaftlich ist oder sich aus der Religion ableitet
  • Sucht man das Adjektiv oder Adverb „Jüdisch“, dann wird man in eine vielfältige Begriffslandschaft geführt, die nicht nur Wissenschaft und/oder Religion, sondern noch mehr Verständnis- und Gefühlshintergründe, oft auch Zuordnungen zu konstruktivistischen Ordnungen (juristisch, sprachlich, etc.) aufzählen.
  • meine These ist aktuell für mich und hoffentlich für andere auch wichtig: dass „jüdisch“ eine vor allem ethnisch und kulturelle Schwerpunktbildung im Begriffsnetz bedeutet, die es erlaubt zu sagen: nicht alle Juden sind jüdisch. Die Zuordnung Nicht-Juden können auch jüdisch sein, ist schwieriger, spielt hier eine zweitrangige Rolle.

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Damit verbunden sind einige Schlussfolgerungen, die vielen zwar bewusst, aber unangenehm sind:

„Juden“ sind Menschen wie alle anderen, haben deshalb die Möglichkeit und Realisierung aller menschlichen „menschlichen“ Eigenschaften und Verhaltensweisen. Schwerpunktbildung erfolgt nicht ethnisch, sondern ethisch, kulturell und politisch. Werden die beiden Zugänge verknüpft, entstehen oft schreckliche Maßnahmen gegen jüdische Menschen, nicht erst im NS, aber dort extrem; oft sind diese Maßnahmen auch durch Religion und Laizität, durch Aufklärung oder Dogmatismus bestimmt.

Wenn ich sage, dass heute in Israel eine teilweise faschistische und rassistische Regierung an der Macht ist, dann sagt das nur aus, was ich schon angedeutet habe: nicht alle Juden sind jüdisch, oder, schwächer, verhalten sich jüdisch /dazu sollte man die Geschichte der Entwicklung des Jüdischen im Auge behalten).

Anstatt das hier auszubreiten – ich schreibe gerade ein Buch dazu – erstmals eine gute Stellungnahme von Barenboim Junior: file:///C:/Users/Admin/Downloads/Michael%20Barenboim%20Resolution%20%E2%80%9ENie%20wieder%20ist%20jetzt%E2%80%9C%20%E2%80%93%20Einer%20Demokratie%20unw%C3%BCrdig%20_%20Kultur.pdf

Kritik an Israel als antisemitisch ex ante, von vornherein gleichzusetzen ist skandalös. Sich dabei auf die deutsche Staatsräson – die ich für unsinnig im Kontext halte – zu berufen, ist unsinnig. Und so zu tun, als wäre es ein pro-jüdisches UND pro-israelisches Bündnis, wenn die demokratischen Parteien sich verbünden, um Israelkritik – das ist auch Kritik an den Faschisten in Netanjahus Kabinett – als „antisemitisch“ zu brandmarken, das ist unaufrichtig, hinterhältig oder naiv, historisch ungebildet – und richtet sich GEGEN UNS JÜDISCHE MENSCHEN.

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