Widerstand tut not

Überall herrscht Unsicherheit, Gewalt, Rechtsentwicklung gegen das Recht, Vereinigung von rechten und linken Faschisten, Überall…nur nicht bei uns, in Deutschland, im Land der Mafia, der schwachen Justiz, der geistlosen Opposition, des unzuverlässigen maulfaulen Kanzlers und des neoliberalen Autonarren, der den Innenminister in der Laienspielschar gibt…nur bei uns gibts all diese widerlichen Entwicklungen nicht, wir kümmern uns um die Kleinigkeiten. Und wenn sich dann die rechten und die linken populistischen faschistoiden Rattenfänger zusammenschließen, wenn es also zu spät ist, wenn es nicht mehr 1932, sondern 1933 ist, ähem, dann sagen die einen, wir haben es eh schon immer gewusst, und die anderen sagen, wir können eh nichts dagegen machen…

WENN DAS SO IST, dann wache ich aus meinem Traum auf und hoffe, dass er keine reale Momentaufnahme, sondern nur eine Analyse des Halbbewussten war. Es ist so.

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Deshalb schreibe ich in diesen Abwärtszeiten eine Umkehrparabel. Nicht, dass ich, oder „wir“, mehr Demokratie UND Vernunft in die Hirne der Repräsentanten reinblasen können, auch Kritik, Mahnungen, Analysen etc. prallen an der Bewusstlosigkeit der angeblichen Herrschenden ab. Wenn man die genannten Persönlichkeiten des politischen Abschwungs nicht ernst nimmt, bedeutet das keineswegs, dass man die antidemokratischen, völkischen und retro-ökonomischen Pappfiguren an die Stelle der legitimen Nichtsnutze setzt, ganz im Gegenteil. Mir gehts um die Reanimierung der schwachen DemokratierepräsentantInnen. Und das bedeutet heute, dass ich sie einmal ausblende aus meinem Bewusstsein, lass sie doch im Urlaub nichts tun, da schadet es uns noch am wenigsten. Ich hingegen wende mich der heißen Sommerwende zu. So, wie es in diesen Tagen ist, wird es über lange Zeit in den nächsten Jahren sein, Pflanzen, Tiere und Menschen werden vertrocknen oder sich aufwändig vor Hitze schützen, was auch Energiekosten verursacht. Wir schauen jetzt einmal nicht in die Kriege, Hungersnöte, Fluchtflutopfer und KZähnlichen Gefangenenlager allerorten. Wir suchen das Beruhigende im Auge der Stürme. Wir springen in den nächsten Fluss und umgehen die Blaualgen. Wir trinken des beruhigende Malzbier. Wir tun so als ob.

Das ist eine gute Übung. Bei keinem der globalen und lokalen Ereignisse, die man je für sich schrecklich, unlösbar und folgenreich hält, kann man seine Meinung in den Eintopf der aufgeregten Diskurse einstreuen und weiter aufwärmen. Wir haben ja nicht nur eine Meinung, nein, viele und Metameinungen und Hypermeinungen und… nur, dort wo sich die Meinungsergebnisse aus dem Nebel herausschälen, verzwirbeln sie sich und wir fragen, was sollen wir zuerst meinen? Die Reihenfolge aber diktieren uns die Rattenfänger. Dann machen wir das einfach einmal, einmal nur, nicht mit. Sollen die FDPler doch von Innenstadtautos überfahren werden, sollen die Züge so verspätet sein, dass sie 24 zu spät auf die Minute pünktlich einfahren, soll der Scholz doch jede Rakete signieren, soll die Wagenknecht im Gulag einen Altar für Putin machen, sollen sich AfDler von zahnlosen arischen Pflegeveteranen behandeln lassen, ausgelacht von globalen Mischlingen im eigenen Land, sollen die famosen Bundesrichter doch den rechtsradikalen Zeitungen ehrfürchtig nachbuckeln, – uns egal, wir erfreuen uns der blühenden Wiesen und knisternden Wälder, wir wandern an Ufern nicht beschwimmbarer Flüsse, wir staunen die Kometen des Nachts an und erfreuen uns menschenfreier Weltallwelten, wo es unsere Probleme noch nicht, nicht mehr gibt. Im Zweifel lassen wir uns von einer Talgdrüsenshow belehren, wie man sich über die Unebenheiten eines minimierten Lebens hinwegtreiben lässt.

Sagt der Nörgler: und das soll Widerstand sein?

Ihr humorlosen Deutschen, fragt nicht so flach. Man diskutiert den Widerstand nicht, bevor man ihn leistet.

Sagt der Nörgler: warum schreibst du denn dann solches Zeug?

Sag ich: das drängt sich mir auf, wenn ich unter das Tagesgeschehen durchtauche, um zu Kräften zu kommen, anstatt die oben Genannten zur Vernunft aufzufordern.

Mein Vorbild Karl Kraus kennt ihr: da kommt auch der Nörgler vor, der alle paar Szenen sich mit dem Optimisten unterhält:

„…Die kriegerische Verblödung der Menschheit, der Zwang, der die Erwachsenen in jene Kinderstube zurückführt, in der sie noch das schaurige Erlebnis haben, keine Kinder mehr vorzufinden – ja, uns hier, die wir die Versuchsstation des Weltuntergangs bewohnen, hat die Entwicklung dort, wo sie uns haben wollte!“ (Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit, IV. Akt, 29. Szene)

Es ist kein Wunder, dass neben den Rechts-(AfD) und Links(BSW)faschisten sich auch die Neoliberalen der FDP und der rechte Flügel der CDUCSU vor allem an den Grünen vergreifen, weil die noch am ehesten das vertreten, was wir den Widerstand gegen das Ausdünnen der Demokratie nennen.

Dieser Widerstand sollte sich auch darin zeigen, dass es nicht einfach um das Äußern von Meinungen geht, sondern dass man diese Meinungen sich entwickeln und entfalten lässt, damit sie zugänglich für Politik werden. Abstand halten, bevor man handelt. Und nicht spontan seinen Ärger über eine Politik rauslassen, deren Bestandteil man selbst auch ist…wie? fragt da der Nörgler, und gibt eine unerfreuliche Antwort.

Politisch ist es, nicht ins Leere über Politik zu reden. Etwas über die Umstände zu sagen, in denen man sich befindet, ist besser. Nicht nur zur eigenen Regeneration. Unterhalb dessen, was an der Politik sich gegen uns richtet, ist ja ein Alltag, den die Gegner der Demokratie so gerne kapern möchten, sie sind dabei. Was sich uns entgegenstellt, kann man demokratisch ändern – oder sich überfahren lassen.

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