Aus unserer Wohnung im dritten Stock schauen wir auf und in Baumkronen. Seit 16 Jahren. Besonders nachhaltige Bäume, offenbar widerstandsfähig, herrlich grün, wasserspeichernd. Die Draufsicht aber irritiert und deprimiert. Statt der grünen Kronen ragen trockene lange Äste nach allen Richtungen, bei allen Bäumen. So weit oben werden sie von der städtischen Baumpflege nicht mehr bearbeitet, d.h. abgeschnitten. Manchmal fallen sie auch runter, einem auf den Kopf.
Sagt der autofanatische Neoliberale: immerhin habt ihr Bäume in der Straße, dazwischen parken meine Autos, und Bäume kann man ja nachpflanzen. Kann man, ja, man kann auch weiter alles versiegeln, zugunsten von Gummireifen. Liebe Leserin, lieber Leser, fürchte nun keine altmodisch grüne Umweltepistel, obwohl gerade Sonntag ist. Wir wissen schon, fast alle, wie man Städte begrünt, sie bioöko kompromittieren kann. Mir geht es um etwas anderes, und euch vielleicht auch:
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Der Blick in die absterbenden Baumkronen löst unentrinnbare Verallgemeinerungen aus. Die Umwelt deutet ja nicht nur ihre prekäre Notlage an, sie provoziert weitgehend veränderte Blicke –> Gedanken –> Schlussfolgerungen bei uns, die wir beobachten, wie sich alles um uns herum verändert, und einzelne Erscheinungen aus diesem allem herauslösen, ich heute meine Baumkronen. „Assoziationspolitikgedanken„
Der Kampf um die Umwelt spielt sich merkwürdig flach in der Politik an der Spitze der Gesellschaft ab, der Begriff Kompromiss steht immer schon am Beginn der Verhandlungen anstatt ein Ergebnis darzustellen. Die neoliberalen Autotrotteln sind nicht die einzigen, denen die Umweltpraxis der jetzigen Generation wichtiger ist als die unabwendbare Veränderung der Wirklichkeit.
Sie sind nicht die einzigen, ich verwende ihre verachtungsvollen Vorschläge als Trittstein für eine gesellschaftliche Situation. Mit der Enthistorisierung der Politik geht zum einen der Verlust von Zukunftsvisionen und damit Zukunftspolitik einher, zum anderen ist es ein Beispiel für die Religiositätsdominanz im Politischen – das sieht nicht jeder auf den ersten Blick, aber Religion stemmt sich ja gegen unsere Vorstellung von Geschichte.
Meine Baumkronen sind nur ein Anstoß. Einer mehr.
Sie lassen einen nicht los, wenn man erkennt, wie sich die Anzeichen mehren, die an einer richtig vernünftig gestalteten Zukunft zweifeln lassen. Rückschau hilft auch nicht wirklich, wenn man nur bis zur nächsten Wahl denkt, wenn man überhaupt denkt.