Katastrophen drängen sich auf – wir sind dazwischen

Ihr habt mir nicht widersprochen, als ich sagte, wir befänden uns in einer dauernden Krise, was das Judentum betrifft, und eine dauernde Krise ist auch nur eine andauernde Wirklichkeit und nichts, das diese Wirklichkeit unterbricht oder deformiert oder neu formiert.

Mein negativer Ausblick auf die Situation im Nahen Osten hat sich nicht gebessert. Nach wie vor kommentiere ich nicht, was aktuell geschieht, also was wir wissen, oder wovon berichtet wird, wer weiß, ob es wahr ist?

Die Analyse des Terrorismus von Hamas und der faschistischen Politik Netanjahus ist eine Realität, die durch eindimensionale Kommentare oder eine polarisierte Parteinahme weder erklärt noch verstanden werden kann. Wenn man sich aber in das Verständnis der realen Situation einlässt, dann tun sich Szenarien auf, denen die Rationalität ebenso wie Hoffnung oder Visionen abgehen.

Die Verzweiflung darüber macht hellsichtig und begriffsstark. Ich muss mich nicht zitieren, um Tritt zu fassen. Georg Stefan Troller (103!) auf die Frage, ob er eine Lösung des Konflikts zwischen Israel und der Hamas sieht:

„Solange Netanjahu an der Macht ist, sehe ich keine. Er will den Konflikt nicht lösen, sondern verschärfen. Es wird nicht gelingen, die Hamas auszuradieren. Es braucht einen Kompromiss, doch daran ist Netanjahu nicht interessiert“. (ZEIT, 15.8.2024, S. 42) Er sagt noch mehr richtiges, aber alle Komponenten des Konflikts sind in Trollers drei Sätzen enthalten. Gewürzte Intelligenz. Wie weit kann und muss man zurückgehen, um zu verstehen, was da vor sich geht, und es geht nicht nur um „Juden“ oder „Palästinenser“, es geht auch darum ob der Zionismus einen demokratischen Staat bewirken und wenn ja, bewahren konnte, und was die Auslöschung des Zionismus durch die rechte Machtübernahme seit 1977 für die Herstellung des demokratischen Staates oder seine fortdauernde Demontage bedeutet.

Dabei geht es nicht einfach um die Rekonstruktion und Kritik von Geschichte und der Realität von Israel vor und seit seiner Gründung.

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„Ganz offensichtlich antisemitische Ideologie“: Jüdische Organisationen warnen vor AfD (Tagesspiegel 20.8.2024). Eine Überschrift von unzählig vielen.

Antisemitismus ist zum Instrument politischen Rundumschlags geworden, weil man einen doppelten Kampfplatz. Wie die Israelkritik mit dem Antisemitismus zusammenhängt oder beide miteinander nicht notwendig verbunden sind, ist ein Schauplatz für einen Ersatz, dem es nicht um Menschen geht, sondern einen oft erbitterten Kampf um die Vorherrschaft eines ganz wichtigen Diskurses, in Deutschland noch mehr als anderswo – Von Globke bis zur Staatsräson.

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Das Wissen über die Geschichte des Zionismus, über die Geschichte seiner Gegner, das Wissen über die Staatsgründung Israels, die Kriege seit 1948, die Friedensbemühungen, das Wissen über die Gesellschaftsstruktur und die politische Wirklichkeit Israels, über die internationalen Wechselbeziehungen und Eingriffe – all das ist bis in höchste Kreise unserer Politik fragmentarisch und ungenügend, ganz zu schweigen von der breiten Mehrheit. Wissen, nicht Vermutungen, Ahnungen, Vorurteile. Manchmal denke, ich dass die besseren Medien der Politik voraus sind. Nun fragt ihr vielleicht, warum ich hier „Israel“ erwähne und die Palästinenser nicht – ich will nicht gleichsetzen, was nicht gleich ist. Die Geschichte hängt natürlich beidseitig zusammen, aber nicht parallel, nicht ausgewogen. Und ich rede von Israel, nicht von den Juden allein. Meine politische Einstellung kennt ihr, und warum ich die Ereignisse nicht fortlaufend kommentiere, auch wenn es manchmal schmerzt, nicht sofort reagieren zu können.

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In einer Welt der Katastrophen gibt es Unebenheiten, mal ist es hier ruhiger oder weniger aggressiv, mal dort, es ist nie überall gleich, und das ist nicht trivial, weil die Reaktionen auf Ereignisse ganz verschieden ausfallen. Der Nahe Osten war ein Beispiel für die Zusammenballung von Katastrophen, und wenn wir „nur“, NUR dorthin schauen, dann versäumen wir die Realität anderswo, z.B. im Sudan, z.B. in Afghanistan, z.B. in Nicaragua, z.B. …. und es ist auch gefährlich, diese Realität dadurch einzufangen, dass man alles „von oben“ – vom Gipfel aus – beobachtet, dann gibt es nur mehr die Großmächte, die Atomwaffen, die aufsummierten Opfer… jetzt kommt das Problem: die meisten Katastrophen sind wir nicht „unten“, an der Front der Wirklichkeit.

Wir sind dazwischen. Das ist richtig so, damit wir beurteilen, kritisieren, ändern etc. können, damit wir die Wohnung unserer Meinungen verlassen können und auf den Platz der Politik gehen. Gemeint ist hier jeder und jede von „uns“. Die Herstellung des Wir ist der eigentliche Primat der Demokratie, darin unterscheiden wir uns von allen Faschismen und Tyranneien, auch und gerade, weil die das Gegenteil behaupten und vorspiegeln.

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Warum habe ich dann, wie so oft, mit Israel, mit der Situation von uns Juden, mit dem Nahen Osten begonnen? Weil das alles nicht einfach ein Spiel des Meinungs- und Datenaustauschs ist, sondern man, ich, wir von bestimmten Unebenheiten der Erdoberfläche stärker betroffen, beschädigt, ermutigt sind als von anderen. Jede(r) von uns hat die Wahl, manches nach vorne, und anderes beiseite zu rücken. Nur darf nichts verloren gehen.

WERDEN EINIGE GEISELN ÜBERLEBEN?

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