am 21. August 1968 marschieren die Russen in Prag ein. Beenden wieder einmal die Demokratie. Man hatte es kommen sehen.
Tags zuvor hatte ich mit einem Freund die Rede von Smrkovsky gehört, der aus Cierna nad Tissu gekommen war und das Ende des Prager Frühlings ankündigen musste. Wir sollten Prag schnell verlassen, riet uns ein Spitzel, der sich als Kunstführer hervortat.
Meine Geswchichte in jenen Tagen und die politische Entwicklung danach habe ich anderswo notiert. Heute gehts mir darum, dass kaum jemand den Jahrestag des Einmarschs und seiner Folgen noch diskutiert. Die wichtigsten Intellektuellen und Verwirklicher des Prager Frühlings waren nach Wien geflüchtet. Dort haben sie uns noch lange Zeit nicht nur Belehrung und Kritik beigebracht, sondern immer auch die Fenster zu den viel möglichen Dritten Wegen geöffnet.
Sehr lesenswert https://www.bpb.de/themen/kalter-krieg/prag-1968/
Heute? Die Erinnerung spielt keine so große Rolle, Zeitzeugen haben nach 1968 andere Interventionen und Entwicklungen erlebt, und eine neue – politisierte oder privatisierte – Generation kennt andere historische Ereignisse.
Für mich war Prag 1968 schon eine wesentliche Entscheidung für mein politisches Leben. Bitte lest https://wordpress.com/customize/michaeldaxner.com?from=theme-info vom 21.8.2018, auch zur Information.
Heute beschäftigt mich die Frage, weshalb aus Erinnerung so wenig für die aktuelle Politik an Praxis und Überlegungen gezogen wird. Nicht nur auf der Rechten, wo die AfD und BSW die Vergangenheit, wenn überhaupt, für ihre Retropolitik abbiegen. Auch viele Demokraten haben mit der Aktivierung bestimmter historischer Ereignisse und Entwicklungen wenig im Sinn. Das ist bedauerlich. Für die Zukunft – nicht nur für Visionen, auch für künftige Politik, Kultur, Diskurse – kann man z.B. vom Prager Frühling viel lernen. Und von der „Nacharbeit“ der Vertriebenen, Geflüchteten oder von den Kommunisten auch Eingesperrten und Erniedrigten konnte man viel lernen – einiges hat sich 1989 bewährt, anderes war für den Westen wichtig, u.a. für die Vergangenheitsbearbeitung…
Aus diesen Ereignissen von 1968 für die Zukunft lernen. Für die Zukunft lernen. Nicht alles in der Geschichte von 1968 taugt dazu, es musste schon beides verbinden: Einzigartigkeit und Verallgemeinerung.
Die Hoffnung von 1968 auf eine Weltpolitik zwischen Kapitalismus und Kommunismus, meist falsch als „Dritter Weg“ bezeichnet, hat viel resignierte Literatur und Entmutigung hervorgebracht. Das ist auch eine zusätzliche Ermutigung für Führernaturen und eigene Passivität. (Kommt euch das seltsam vor? Analysiert ein Methoden, aus der verzerrten Vergangenheit falsche Schlüsse zu ziehen – wie das nicht nur die Rechten mit der Flüchtlingspolitik machen. Vergangenheit verzerren, statt sie kritisch zu realisieren, ist eine der Fehlentwicklungen unserer Sozialisation und Bildung, teilweise unserer Kultur).
ich verfalle in diesen Tagen nicht in Nostalgie, auch nicht zu 1968. Aber gerade Prag habe ich mir schon frisch gehalten, die Ereignisse vor dem 20. August und danach haben tiefe Engramme hinterlassen.
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Kurz nach dem Krieg geboren, gehöre ich der einzigartig begünstigten Generation an, die im Westen Europas so aufgewachsen ist, wie man das allen anderen anderswo gewünscht hätte und hatte. Schon ein paar Meter nach Osten – 40 km von Wien, zum Beispiel – war das anders, bis 1989 wussten fast alle, dass es ein paar Meter nach Osten anders war. Nicht alle wussten, welche Formen von Widerstand sich wann und wie bei wem entwickelten, und wenn wir etwas wussten, ging es immer auch darum, die Wahrheit und die Wirklichkeit zu erfahren … kompliziert genug in der so genannten Freiheit. Nun, wir wissen seit längerem, dass es eine Illusion, ein Irrtum, eine Tunnelblick der Begünstigten war, – die Zeiten, die Wirklichkeit, die sozialen und kulturellen Einbettungen der Gesellschaft werden nicht besser, die Umwelt droht andere Gefahren zu überholen, und es ist Krieg. Ungleich verteiltes Unglück. Natürlich muss man dagegen angehen, und viele tun das, richtig so.
Die Hoffnung auf diesen Widerstand konnten wir 1968 lernen, stolpern, wieder aufstehen, stolpern, wieder…