Ausflucht und Gleichzeitigkeit

Wenn man grad unterwegs ist, lockern sich die psychischen Rückhaltemechanismen, die Assoziationen sind weniger gebremst und Einblicke tun sich auf, die man sonst lieber vermeidet, um nicht verstört oder deprimiert zu werden. Mit einem Wort: Urlaub. Aber was sich da einem aufdrängt, ist beachtlich – der Zug fährt ganz schnell, aber man sieht doch die Ballungen von Einfamilienhäusern, ungenutzten Fabrikanlagen, schauerlichen Verkehrskreuzungen, und man fühlt sich beim Durchqueren der Natur erleichtert. Das ist keine Regression, das sind Eindrücke bei der Fahrt durch ein etwas abgelegenes Gebiet, genauer: Grenzgebiet. Das ist bei uns zuhause, vor allem zwischen Stadtrand und dem nächsten Ort, nicht viel anders, aber hier erfreut man sich doch größerer intakter Natur- und Landwirtschaftsgebiete ohne die Verknotungen von Landschaft. Mit anderen Assoziationen.

Ein alter Mann, aus der Gegend, aber früher als Fahrer herumgekommen, erklärt ungefragt den Niedergang der in dieser Gegend früher dominierenden mittleren Industrie. Keine rechtslastige Retro. sondern eher eine Aufzählung aller Elemente, die zusammenwirken, bis ein lokaler Industriezweig verschwindet. Ich zähl das jetzt nicht auf, habe es aber glaubwürdiger gefunden als die von oben betrachteten pauschalen Vorwürfe gegen die deutsche Wirtschaft. Nicht jeder denkt in kapitalismuskritischer Theorie oder Kapitalismusförderung als Gesellschaftsziel, wenn er schlechte Entwicklungen bewertet. Der ältere, eher linke Erzähler des wirtschaftlichen Niedergangs hat, zusammen mit den Ortsrändern, eine länger dauernde Trübung selbstgewählter Gedanken bewirkt, ich musste mich mit den Einfamilienhaus- und Kreuzungsmiseren befassen, obwohl ich es nicht wollte.

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So, jetzt kommt keine Kritik der Wirtschaftspolitik, sondern die Rückkehr zu den erfreulichen Strecken unverschandelter Landschaften, in denen man auch einmal gern wandern möchte, den mäandernden Bächen entlang oder auch über ein noch recht intaktes Moor. Was ganz andere Ketten von Assoziationen weckt, was man schon kennt, wo man wieder sein möchte, und was man wo wieder erleben möchte, wenigstens erinnern. Kaum ist man über der Grenze (keine Kontrollen), geht das so weiter, und heute abend, nach dem mächtigen, sehr lokalen Abendessen, fragen wir uns eher aufrichtig, warum es analoge Wirtshäuser vielfach, aber nicht bei uns in Potsdam gibt. Wie gesagt, die Kontrollen der psychischen Wegweiser sind abgeschwächt.

Bevor ich mich ans Reise- und Urlaubstagebuch setze, eine andere Beobachtung der Wirklichkeit mit verminderter Bewusstseinskontrolle: was mich an Informationen erreicht, und was ich dann kritisch verallgemeinere und analysiere. Die Dauer der Aufmerksamkeit an politischen Ereignissen und Entwicklungen ist von sehr vielen Faktoren abhängig, nicht nur vom Engagement des eigenen Landes in einem Konflikt und der eigenen Position dazu. Ich beobachte mit Ärger, wie stark die Aufmerksamkeit für Afghanistan abgenommen hat, seit den Höhepunkten 2015 und 2020, wobei die Niederlage der Deutschen an der Seite der USA als solche schon kaum mehr wahrgenommen wurde. Weniger Ärger als Erstaunen ist die kaum profilierte Aufmerksamkeit gegenüber den Konflikten im Sudan und im Kongo. Kein Erstaunen erweckte die Aufmerksamkeit gegenüber den Ereignissen und Nachwirkungen des 7. Oktober 2023, aber merkwürdig, wie verwaschen die Empathie mit den Israelis nach dem Anschlag der Hamas und wie konstant und einseitig die antisemitische Sympathie für die Palästinenser ist.

Ich kann alle Empathieschwankungen politisch und teilweise psychologisch erklären, nicht aber die Hartnäckigkeit des aufrecht erhaltenen Interesses und vor allem nicht die unterschiedlich kurze Dauer des allgemeinen, öffentlichen Interesses an je einem Konflikt. Es ist, als ob die Mehrheit der Bevölkerung nach einer Zeit der Sympathiekundgebungen und des aktiven Interesses an der Wirklichkeit des Konflikts ermüdet. (Und ich merke, dass das ähnlich mit den deutschen Kompressoren geschieht, kaum wird das Bewusstsein durch Reise und Freiheit abgelenkt. Aber diese Gedanken sind ja gerade im Urlaub niedergeschrieben). Nun bin ich nicht die „Masse“ und auch nicht von den Medien abgeschnitten. Aber es verdichtet sich eine Hypothese, die ich wissenschaftlich so einfach nicht belegen kann: wenn ein Konflikt die Menschen erreicht, sind ihre empathischen, sympathischen, moralischen Kundgebungen zugunsten meist einer Menschengruppe umso heftiger, je mehr diese Menschen hoffen, dass die Politik die Empathie aufgreift, handelt, in den Konflikt eingreift. Je weniger oder erfolgloser das geschieht, desto stärker kühlt das Engagement ab. Die gebildeten Einwände gegen die Hypothese kenne ich auch. Ja, es gibt so viele Konflikte, dass viele ohne großes moralisches Zögern ihre Unterstützung auch verschieben können. Aber das Problem hat auch mit Kenntnis, Wissen, Vorstellungen der jeweiligen Konflikte zu tun. Und die haben sehr unterschiedliche Quellen, keinesfalls nur die Medien oder die aktuellen Aussagen der Politik. Und das ist auch die Verbindung der beiden Bereiche in dieser Überlegung: mit der Lockerung der psychischen Schranken tritt auch die belastend-dauerhafte Beschäftigung mit den innenpolitischen, kulturellen, ökonomischen und auch personalen Konflikten des absoluten Präsens – gestern, heute, nicht vorgestern, nicht morgen – ein Stück, ein Stück weit, nicht ganz – in den Hintergrund, und siehe da: vieles nur zweit Wichtige verblasst, und nur was wirklich schmerzt und aufregt bleibt. Dem aber ist es egal wo ich gerade bin, wenn es angreift.

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Dann kann ich meine Empathieverteilung absondern von den wenigen politischen und moralischen Einsichten, die mir absolut noch keine stabile Handlungsbasis bringen. Aber die Analysen zum Faschismus, zu den näherkommenden Diktaturen, zur Willfährigkeit von Teilen des lokalen heimischen, europäischen, globalen sind – ja, das ist erfreulich – vom aktuellen Wust dessen allen was noch sich ereignet etwas entlastet, und das fördert die Parallelität. Darum, werte Leserin und werter Leser, geht es mir: dass man die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, nicht hierarchisch anordnen muss, dass das wichtigste Wort „ZUGLEICH“ heißt, gegen die Vertikale der Macht anderer und unseres folgsamen Bewusstseins. Zugleich nichts vergessen, und Verdrängtes wieder er wach werden lassen. Zum Beispiel Afghanistan, zum Beispiel Sudan, aber auch zum Beispiel wirkungsvollen Widerstand.

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