Es gibt Tage, die sich in das Gedächtnis der Menschen, oder einer Gesellschaft einschreiben. Weil immer wieder an diesen Tagen etwas geschieht, das sich scheinbar wiederholt oder ein Gegenteil bewirkt. Der 9. November, zum Beispiel.
Ein anderes Beispiel, aus meiner Jugend. am 20. April, wusste ganz Österreich, war Führers Geburtstag. Dass am gleichen Tag Bundespräsident Adolf Schärf Geburtstag hatte, im demokratischen Österreich, wussten nicht alle.
Die letzten Tage hatte ich viel darüber nachgedacht, wie nahe mir der heutige Tag rückt. Ich verdränge den Tag, Israel, USA, Italien, Österreich, „die Welt“. Warum soll ich einer Generation angehören, die den Faschismus nicht er“lebt“. Ich weiss viel davon, nicht alles, es reicht. Wir halten durch in der Nanosekunde menschlicher Existenz in der Geschichte der Welt, der sie sich nur in dieser Nanosekunde bewusst ist. Es gibt keine Geschichte der Welt außer in unserem Bewusstsein, ansonsten „ist“ die Welt. Das macht es traurig, im Nicht zu enden, aber es tröstet. Im Nicht sind alle gleich, was erlebt wurde, versäumt, erlitten—egal. Nicht mehr. Nur dass man diesen Trost nicht wahrnimmt, ist die unangenehme Wahrheit.
Egal. Das Wort drängt sich mir auf. Natürlich ist mir der Faschismus so wenig gleichgültig wie andere autoritäre und diktatorische Systeme. Natürlich kann man die USA von anderen autoritären Staaten unterscheiden, aber auch die Position als einer der drei atombewaffneten Weltmächte darf heute so wenig übersehen werden, wie sie sich schon angekündigt hatte und jetzt wirken wird. Ob Trump eine Wende wie Hugo Banzer (Bolivien) machen wird und ein guter zweitmaliger Präsident wird? Nach dem, wie er sich jetzt aufführt, wohl nicht, und seine Stiefellecker werden heute mit anständigeren Politikern bei der Inauguration der bruchhaften Demokratie dabei sein. Nicht mein Problem, heute: egal.
Brüchige Demokratien können geheilt, rekonvalesziert werden. Dazu bedarf es, wie schon gesagt, der besseren Bildung und Ausbildung, es bedarf der realistischen Sorge und Fürsorge durch die Familien, die es wirklich gibt und nicht die historisierten Strukturen für die Retroreligion und -sozialpolitik. Es bedarf in jeder Hinsicht der Aufklärung und das bedeutet auch mit deren Schattenseite; das bedarf der Wissenschaft und der Kultur, und damit einer wenn nicht aggressiven, so doch nachhaltigen Abwehr von Fake News, von Pseudowissen, von einer Abwehr des intellektuellen Vordenkens durch das „Volk“ (typisch: Weidel, Kickl) (Vgl. Volkskanzler.at). Also Kultur. Was mich da umtreibt, ist die wichtige Erkenntnis, dass man die Wurzeln der Kultur gehen muss und nicht nur an ihre Ergebnisse (z.B. nachfragen, wie die Probleme der Geschlechter, der ethnischen Herkunft, der eingebürgerten Ausgrenzungen entstanden sind und weiterwirken. In Österreich macht das Marlene Streeruwitz sehr nachhaltig, und überhaupt gibt es mehr Kulturschaffende als die bräsigen PolitikerInnen ertragen…).
Zurück zum 20. Meine Kindheitserinnerung ist ja nicht zufällig. Die Engramme, die unsere bewusste Lebenszeit kennzeichnen, haben viel mit dem Lebensstil der Nanosekunde zu tun. Nicht durch Faschismus, Kommunismus, Diktatur eingeschränkt zu werden, dehnt die Sekunde. Meine Sekunde, unsere Sekunde. Innerhalb derer ist nichts egal.