Mord? Selbst ist der Mensch.

Die brutale Sprache der Deutschen, ist sie einmalig? Muss man Anti-Deutsch sein, um da hinzukommen?

Sterbehilfe, Suizid, Selbsttötung, Freitod, in vielen Sprachen gibt es hierzu Analogien. Ich habe keine andere gefunden, in der umgangssprachlich das Wort MORD GELÄUFIG ist.

Ihr Jenseitsgläubigen: wird es bei der Ankunft in der Ewigkeit zunächst einen Strafprozess wegen Mordes geben? Kein Mitleid, dass man sich aus dem Erdenleben verabschiedet hat, in der Hoffnung, drüben eine bessere Zukunft zu finden.

Ihr Jenseitsungläubigen: Mit dem Tod geht einem Menschen jede Erinnerung verloren, der Selbstmordbegriff wird also das Nach-Denken der Überlebenden mitbestimmen.

Eine der umfassendsten Bearbeitung des Themas bei Jörn Ahrens nimmt Selbstmord als Titel. In der wirklich beeindruckenden Literaturliste kommt der Begriff Selbstmord gerade fünfmal vor, und oft wird ja in der Übersetzung ins Deutsche „Selbstmord“ gesagt. (Jörn Ahrens: Selbstmord – die Geste des Illegitimen Todes, München 2001). Das für mich wichtigste Buch zum Thema ist von Jean Améry: „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“ (Stuttgart 1976). Damit sind hinreichend viele Wege gezeigt, wie man Abschied vom Mord nehmen kann.

Mir geht es hier nicht so sehr um den Freitod, den Améry und viele andere auch gewählt haben: Er fasst mitten in seinem Essay zusammen „Der Freitod ist ein Privileg des Humanen“ (S. 52). Ja, kann man „Selbstmord“ mit dem „Humanen“ in eine irgendwie menschliche, positive Beziehung bringen?

Juristisch gesehen handelt es sich entgegen dem deutschen Wort Selbstmord aber nicht um Mord, da der deutsche strafrechtliche Mord eine Tötung eines anderen Menschen verlangt. Das Grundgesetz schützt die Menschenwürde des Menschen absolut, man kann also auch auf diese nicht verzichten.“ (Einleitung zu bing.com) und deutlicher: „Selbstmord: ein Wort, das es nicht geben sollte (Helmich: Dt. Ärzteblatt 2004). Auch im Strafgesetzbuch kommt der Selbst-Mordbegriff nicht vor.

Einen Begriff gesellschaftlich zu tilgen ist schwierig: viele Begriffe, die toxisch, weil Nazi-infiziert sind, können strafrechtlich verfolgt werden, aber oft sind sie, in die Syntax klug eingebaut, straffrei oder gar attraktiv für die neue Rechte, und nicht nur für sie. Es muss also möglich sein, den Begriff nicht nur zu übersetzen, sondern ihn – öffentlich, nicht im eigenen Bewusstsein – zu kritisieren. Beides erfordert vorgängiges Nachdenken, wie es zum „Selbstmord“ kommen konnte, auch wenn man dazu nicht Begriffsgeschichte studieren muss. Bildung verbietet den Begriff, außer in der kritischen Analyse.

Aber es gibt noch einen weiteren Ausweg, eben den von Amèry. Es geht doch darum, dass unser Leben auch in unserer Hand ist, einzeln o0der im sozialen Verbund mit anderen Menschen, und letztlich bleibt eine, eine einzige letzte Entscheidung, bei einem selbst. Das ist nicht Philosophie, auch nicht Therapie, sondern ein Element des Humanen, über das niemand anders entscheiden kann. Meinetwegen beraten, meinetwegen kritisieren, aber nicht entscheiden.

Warum gibt es das Wort „Selbstmord“ noch so häufig und offiziell? Alternativen sind auch human.

Ein Gedanke zu “Mord? Selbst ist der Mensch.

  1. Vielen Dank für den Text! Als familiär Betroffener habe ich den Begriff Selbstmord schon lange als unpassend und falsch erlebt. Er verletzt auch meine Gefühle beim Nachdenken über den Tod eines geliebten Menschen. Allerdings ist in unserem Fall auch der Begriff Freitod, wie ihn Jean Amery vorschlägt, nicht richtig. Es war gemäß der Darstellung im ausführlichem Abschiedsbrief eine Zwangshandlung in einer depressiven Phase.

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