Wir gehen die Felder entlang steigen die Wanderwege hoch, schauen auf die steilen Wiesen. Überall begleiten wir dicke und breite Mauern aus Steinen, oft große Schieferplatten, aufgefüllt mir kleinern, scharfspitzen oder runden Steinen. Nicht das erste Mal steigen wir den Tauernweg zur Hütte auf 2000m hoch, von hier geht es noch 1 1/2 Stunden zum Pass. Noch immer, nach mehr als 500 Jahren gehen große Herden hinüber zum Gerlos und Zillertal, und kommen jetzt, im Herbst, mit Nachwuchs zurück ins Ahrntal, willkommen und vermehrt…Das habe ich mehrfach beobachtet, wir waren auch schon am Tauernpass und sind einmal der absteigenden riesigen Herde begegnet, die einen ganzen Tag lang von Österreich nach Italien über den Tauern nach Hause gestiegen sind.
Darüber habe ich hier schon geschrieben, auch über die politische Passgeschichte nach 1945, als hunderte DPs von Österreich nach Italien gestiegen sind, um dann nach Palästinalangen, das ja bald Israel werden sollte.
Jetzt, Mitte Oktober, ist es schon kalt, die Hütte als eine der wenigen hat noch offen und Betrieb (den besten Graukäse) und wieder bewundere ich den hunderte Jahre alten Plattenweg. Wie die Rindviecher beim Auf- und vor allem Abstieg die vielen Querrinnen ohne Hufbrüche oder Stolpern bewältigen, ist für uns Menschen auch ein Rätsel. Aber die Rückblicke gehen weiter.
Wie kommen diese großen Steinplatten genau in den Weg, wenn sie nicht an richtigen Stelle an die Oberfläche gebracht wurden, die wenigsten? Wie hat man früher Plattenwege angelegt, aber auch die großen Steinmauern, die oft die Wege lange begrenzen? Früher, also vor mehreren hundert Jahren, und bis heute ausgebessert? Wer diese dicken Mauern sieht, mehr als einen halben Meter breit und oft höher als einen Meter, der kann auch daran denken, wie viele Bauern und ihre Gesinde daran gearbeitet hatten, bevor Felder abgegrenzt und steile Wiesen geschützt wurden. In diesen Wiesen sind oft Mauerterrassen aus diesen großen Steinplatten eingelassen. Und überall zwischen den Platten Steine, die über Generationen aus den Wiesen geklaubt oder aus den Bächen hochgeholt wurden.
Das sieht heute noch gut aus. Schöner und besser als Holzzäune und gar Elektrozäune. Auch so gut, wie mit großen Maschinen und Baggern rangebrachten Platten. Aber wie es dazu gekommen ist. Über Generationen.
Da klinken sich zunächst andere Assoziationen ein. Wie alt wurden die Menschen damals, also im 15., 16., 17 Jahrhundert? Wie hingen die landwirtschaftlichen Flächen mit dem im Tal ja ausgeprägten Bergbau zusammen? Wie kann man das heute lernen? Wenn wir von Kasern nach Hinten ins Tal gehen, ca. 2 km, sind wir von zwei dieser Mauern auf einem Plattenweg weitgehend gesäumt, obwohl hier kein Geländeschutz sich aufdrängt (und ein grauslicher Kreuzweg einen zur Heiligengeistkirche führt).
Carlo Ginzburg hat 1976 ein ganz wichtiges Buchgeschrieben „Der Käse und die Würmer“. Das hat meine frühe Didaktik stark geprägt und die Lebensprobleme, dieser damals neue Blick in den Alltag. Das waren „normale“ Menschen. Ich hatte viel gelernt und es mit gegenwartsbezogener Kultutr „von unten“ für meine Studis verbunden. Das fiel mir genau jetzt ein:
Wer waren die Menschen, die diese Mauern gebaut hat hatten, was waren ihre eigenen Interessen und wozu wurden sie gezwungen, wo waren die Konflikte? Schaue ich mir heute die vielfältigen Plattenbefestigungen an, auch zur Stütze von Sanderwegen, als Sicherungen für Bäche, die plötzlich gewaltig tosen können, so kann ich meist schon erkennen, ob sie mit Maschinen herangebracht und befestigt wurden, meistens, nicht immer. Aber mir gehts etwa am Tauernweg um den Alltag vor 500 Jahren. Abgesehen davon, dass ich mit den Tieren mehr Gefühle habe als früher…da stolpern die Kühe in der gut geführten Herde zu Tal, der Plattenweg ist klug und gesichert angelegt. Für die Viehbesitzer war wichtig, dass ihre Tiere unverletzt und lebendig im Tal ankamen, ist wichtig, dass sie ankommen. Das wird schon gefeiert.
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Wir sind seit Jahren hier, sehen die Veränderungen, den Zuwachs an Talbebauung, den Erhalt der Hüttenwege. Kein Platz für Romantik. Nicht jeder Fortschritt ist fortschrittlich, aber zum Beispiel ist die Kritik an den Almstraße meist verfehlt. Auch wenn man nach einer Stunde steilen Aufstiegs auf das Auto des Hüttenwirts stößt. Aber der Plattenweg bekommt eine gewichtige zusätzliche Gestalt.