Neues Jahr – alter Schrecken? Altes Jahr – neuer Rückblick?

Ehrlich: ich kann das Weihnachtsgesülze, die Silvesterdramaturgie, die hoffnungslosen Erwartungen auf das „Neue Jahr“ nicht wirklich hören oder lesen, und zugleich kann ich dem so wenig entkommen wie alle anderen. Die Rituale um die Jahresendzeit sind ideologisch und religiös fest verankert, eingepasst in gesellschaftliche Vorgehensweisen und Redewendungen, und etwas milder fragt man sich: warum eigentlich nicht? Lass sie doch, zwei Wochen nach Jahresbeginn rauchen, essen, trinken, schwafeln sie wie früher … und so geht eben der Jahreszyklus des homo sapiens. Das ist jetzt schon fast eine Intervention in den Medien, die ironisch verpackt, was man ohnedies nicht ändern will. Na gut.

Aber dann. Drehen wir das einmal um. Man kann, wir können, doch ohne Häme allen anderen „alles Gute“ zu ihren Festen und Visionen und Träumen wünschen; wir können Toleranz nicht nur predigen, sondern im Jahres- und Lebenskreis auch anwenden, und dabei uns selbst-stärkend beleuchten; wir können das, sicher, und viele fordern wir sollen das. Aber dann. Die drei großen und viele kleine Diktatoren nutzen dieses Bild zur weiteren Trennung von unmenschlicher Praxis (Krieg, Aushungern, Folter, ethnische Säuberung, Rassismus, Eroberung, Infiltration) und menschlicher Programmatik (Frieden, Versöhnung, Kompromiss). Da stocke ich: der Kompromiss bedeutet im Großen etwa Gebietsabtretung an den Aggressor (Russland gewinnt, die Ukraine verliert, und Trump nennt das seinen Friedensschluss), oder ethnische Unterdrückung (Netanjahu und Hamas sind Verbündete gegen ethnische Freiheit), oder schlicht Begrenzung der Entwicklungshilfe gegenüber denen, die wir nach wie vor exportierend, chemisch, plastik-verbreitend etc.) weiterhin ausbeuten, postkolonial. Das „mag“ irgendwie stimmen, klingt aber schräg, ist nicht deckungsgleich mit der globalen, und noch mehr mit der lokalen, Entwicklung. Das liegt ja auch an der Zusammenfassung, an der wirklichkeitsfernen Abstraktion von Politik. Damit die Menschen diesen Analysen „zustimmen“, was dann die Politik rechtfertigt, wo sie große Vermittlungslücken hat. Das hilft dem globalen Aufwuchs von Faschismus und schwächt weiterhin die Demokratien. Und die Diskurse haben sich schon weit gegenüber dem wirklichen Zustand der Lebenswirklichkeit abgehoben. Na ja…nun kein Theorie darüberstülpen. Feiertagsruhe, frierend den klaren Himmel bewundern und sich im Park bewegen? Schon, aber das hat damit wenig zu tun. Und allein dies zu erfahren, macht schon Sinn.

Lassen wir einmal, versuchsweise, die „Guten Vorsätze“ zum jetzigen, bestimmten Zeitpunkt beiseite.

Ich lese und höre jetzt einmal die politischen Stellungnahmen auf facebook, gerade wie sie ankommen. Listet man das auf, landet man zwei Absätze weiter oben. Sehr viel konkreter als die Rundfunk-„Nachrichten“ an den Feiertagen. Meine Themen, weiter oben, viele Kommentare. Nicht alle gleich gut, oder gleich richtig. Aber auf die Wirklichkeit und nicht auf die Kulissen bezogen. Das hilft schon für die nächste Zeit, über die guten Vorsätze hinaus, incl. Spenden, „sich einbringen“, nicht über den Dingen auf dem Feldherrnhügel sitzen und kritisieren, was da nicht richtig läuft. Sich einbringen kann nachgedacht werden. Da fällt mir auf, wie sehr es praktisch sein kann. Und dann erst reden wir über Moral und Politik.

Advent (ure)

Genervt von der Kritik, ich sei zu pessimistisch, zu destruktiv, zugleich genervt vom fadenscheinigen Adventmediencircus, räume ich auf in der Wunderkammer meiner Gedankensammlung. He?! fragt ihr, was sind das für Begriffe – Kitsch am Ende des Jahres? Nein, gar nicht.

Ich habe ihn mehrfach zitiert und lese mich durch seine hunderten Seiten mit Pausen zum Atemholen. Yuval Noah Harari, habe ich schon mehrfach genannt, in seinem letzten großen Buch „NEXUS“, Penguin 2025, gerade ein Jahr alt. Frühere Bücher habe ich auch gelesen, teils kritisch kommentiert. Das hier hat eine ungeheure Auflage, teilweise zu Recht, und ganz viele Aspekte von „Information Networks from the Stone Age to AI“ habe ich schon gekannt – Geschichtswissenschaftler ist er ja, zuvorderst – aber dann kommt ein spannender, deprimierender Abschnitt: ganz kurz nur.

Part II: The Inorganic Network. S. 191 ff. Kapitel 6: „The New Members: How Computers Are Different from Printing Presses“. Nebbich, wissen wir doch….ab S. 210 wird es spannend: Natürlich wird es kein Ende der Geschichte geben, aber „the end of its human-dominated part“. Und das erklärt er mit der empirisch belegten Übernahme der Kultur durch Algorithmen. Das Problem: können wir wirklich unterscheiden, wo die Aussagen und Inhalte und Urteile herkommen? Harari ist nicht ironisch, wenn er sich als Autor des Abschnitts erklärt, aber das sei nicht sicher (S. 214). Eigentlich wissen wir das, aber wir legen uns darauf nicht fest, wir hoffen und erwarten, dass Menschen sich immer einen Vorsprung vor der IT Intelligenz, Theorie, Ästhetik, Emotion erarbeiten oder eben benutzen. Gut so, aber es stimmt immer weniger. Noch können wir eingreifen, aber eben immer weniger…

Die Science Fiction wird durch die Realität überholt. Das wissen nicht alle, und wie es vor sich geht, verstehen die Wenigsten, auch wenn es sich in unserem Leben, Politik, Alltag etc. auswirkt.

Nein, ich bin jetzt nicht den Schwurblern und Apokalyptikern beigetreten. Ich denke nur, dass Harari recht hat, wenn er ausmalt, was es bedeutet, wenn unser Produkt IT unsere Wahrnehmung und Denkföhigkeit dadurch überholt, dass IT eben Neues ohne humanen Eingriff produziert – wir es als solches „neu“ begreifen müssen, auch in seinen Wirkungen. Was es in jedes Menschen Leben ändert, wird man nicht genau voraussehen, und wenn schon…? Die Beispiele von Harari sind auch unangenehm, aber mich beschäftigt etwas anderes:

In diesen Tagen, während des so genannten Advent, fällt die Weltpolitik, Außen wie Innen, weiter auseinander. Die sich den Nukleartyrannen unterwerfen, haben meist Erklärungen, die die 24 Stunden nicht überstehen, und die sich nicht unterwerfen, kommen nicht ungeschoren davon Ja schon: Weltpolitik, aber bestimmte Werte und Aussichten verdünnen sich, verblassen, Umwelt, Lebensqualität und Kultur. Auch wenn wir wissen, wie es anders besser geändert und gefühlt werden könnte, tun wir es nicht oder stocken schon im Anfang. Die Kritik wird sozusagen nicht praktisch. Die drei nuklearen Diktatoren und ihre Untergebenen handeln, als ob sie es dürften, weil sie Macht haben. Würden die AI das ändern, um den Untergang der humanen Bevölkerung zu verhindern, hinauszuzögern? Das ist nur wirklich Science Fiction, früher war es wirklich Religion. Institutionalisierte, also selbst-erzeugte, Kommunikation innerhalb AI ist unterwegs, das dauert noch einige Zeit, aber es ist klar, wie wenig wir da eingreifen können. Bremsen ja, Moratorien, Widerstand, all das gibt es, weiterhin, aber keine Ablenkung vom Ausdünnen der humanen, der menschlichen Evolution.

Also, was tun? Gerade um diese Zeit verbreiten viele eine etwas verdünnte Hoffnung auf Widerstand, Resilienz, innovative Phantasie, und die Besseren verstärken ihr soziales und kulturelles Engagement, nicht zuletzt unter verstärkter Zuhilfenahme von AI. Wie denn auch nicht? Diese Wahrnehmung macht nicht glücklich, aber sie hält uns auf dem Boden, wir steigen nicht in die Erwartung ohne Hoffnung, dass wir bald so beherrscht werden, wie uns die Diktatoren gar nicht unterwerfen können. Das steckt nämlich auch dahinter, dass viele der AI zutrauen, sich von den Trumps und Putins und Xis nicht beeinflussen zu lassen. Von wem denn? Die Frage ist nicht trivial, wenn die Antwort sich nicht auf Menschen reduziert.

Der letzte Advent ist vorbei. Noch ein paar Einkäufe, Wohnung auf das Fest herrichten, sich EINSTIMMEN. Angesichts der Realität ist die Frage: warum nicht? gar nicht ironisch. Weder die politische Macht noch das Wirtschaftssystem noch die aufzwingende Herrschaft können in alle Ritzen, Winkel und Nebenräume hineinregieren, in den wir uns selbst mehr als einen Gefallen tun – solange und wie wir es wollen und können.

Globalfaschismus, Eurofaschismus, Lokal?

In der letzten ZEIT haben Robert Pausch und Bernd Ulrich die Besonderheiten des gegenwärtigen Faschismus der AfD in Vergleich zu anderen europäischen Faschismen analysiert und zu erklären versucht (ZEIT 2025 #54, S.4). Da steht viel analytisch richtiges, leider fehlen viele Bestandteile eines sich global ausbreitenden Faschismus. Die deutsche Sonderrolle wird teilweise zutreffend beschrieben, aber kaum erklärt. Schade, denn der Ansatz ist gut und wichtig.

Ich habe mich seit Jahren an wissenschaftlichen und literarischen Festlegungen auf Faschismus orientiert, nicht zuletzt auf Eco 2020, aber auch auf Canetti, und in Bezug auf Italien vs. Deutschland auf Bach u.a. 2010, und insgesamt auf viele andere. Das Beispiel der beiden Faschismen in Österreich ab 1933 bzw. 1938 ist noch einmal ein Ansatz. Natürlich bin ich kein Experte, aber auch kein Journalist. Faschismus, als Herausforderung von Demokratie, vor allem von Freiheit und Selbstbestimmung, passt insgesamt weniger in Parteienanalyse als in Bewegungskritik. Die ZEIT-Autoren haben mit der „Besonderheit“ des Nationalsozialismus recht, vor allem mit der späten Umsetzung der aufgeklärten Gesellschaft in Staat und Politik, aber wie und warum das nach 1945 und nicht nur in Deutschland immer wieder aufwächst, sollte genauer erklärt werden, auch globale Analogien sind wichtig, ich nenne nur Trump, Putin, Meloni, Netanjahu.. Nicht alle Diktatoren sind faschistisch von Anfang an, aber viele werden es in der Abneigung gegen Demokratie, in der ethnischen Hierarchisierung, auch in der nationalen Besonderung, die den globalen ethnischen Grundlagen der Kooperation nicht unterworfen werden soll. Und da ist die AfD keine Ausnahme, und Meloni beweist, dass der oberflächliche Rückbau der faschistischen Partei in Italien eben nicht zentral, sondern peripher war und ist.

Die AfD ist auf dem besten Weg, die Sonderrolle der NSDAP innerhalb der Faschismen wieder aufzuneh-men. Sie ist da nicht allein, europäisch und global. Der Widerstand kann nicht in ihrer Normalisierung bestehen, sondern im Widerstand durch Demokratie, wobei Demokratie ja nicht die einzige Qualität unserer politischen und sozialen und ethischen Gesellschaftspraxis ist, ja. sie allein kann faschistisch überbaut werden – wie man vielfach in Europa sieht. Und da hilft die pragmatische Außenpolitik gegen wertebasierte wenig, wenn man so wenig Macht hat. Die großen Diktatoren haben die Macht und ihre Anhänger bekommen davon etwas ab. Darum kann man viele faschistische Details auch in demokratischen Nischen entdecken. Die im ZEIT-Artikel erwähnte langjährige „Entteufelung“ des Faschismus in Europa ist ein wichtiger, aber nicht ausschlaggebender Sektor seiner Politik. Das Ausspielen von Kultur gegen Soziales gehört dazu, und das Wegschauen, wenn man sich faschistisch beschützt sieht – wie gut man mit der Türkei in der NATO umgeht und wie sanft mit faschistoiden Regimes in Osteuropa…Da ist mehr Rückgrat und Aufrichtigkeit erforderlich. Auch wenn ich zugebe, dass uns das temporär eher schwächt, v.a. gegen faschistoide Machthaber, die mit demokratischer Gesellschaft gegen die Herrschaft ohnedies wenig anfangen können.

Austria erit in orbe ultimo? AEIOU

Zu diesem Patriotissimo hat es immer hunderte ironischer, böser, platter Varianten. Allen Ernstes ist Oesterreich unbegreiflich….Das also ist nicht neu. Aber was aus Österreich wird, wenn es so weitergeht in Europa, und mit der Welt? Putin möchte Österreich, Italien, Polen und Ungarn von der EU separieren und sich untertan machen, nicht Ostblock, das rentiert nicht, aber eben auch nicht loyal zur EU. Sind diese Länder ihm politisch, nationalistisch, undemokratisch einfach näher? Naja, sie unterscheiden sich vielleicht doch.

Putin und Trump interessieren sich nicht für Länder, Menschen, Beziehungen. Es geht nur um Geld und Herrschaft für Trump und Putin, und die unterwürfigen Gefolgschaften folgen dem einen lieber, oder dem andern, oder beiden, die ja auch in einander stecken. Macht euch nichts vor. Passt das auf Österreich?

AEIOU, nein. Schon seit der Verbindung mit den Burgundern, nachlesen! war Österreich anders an der Macht interessiert als andere. Aber das ist Geschichte. Ich denke an heute. Was kann ein Diktator mit Österreich anfangen, was anders als es wie eine Isoliermatte zwischen andere Nationen zu zwängen? In vielen europäischen Ländern ist die Rolle in der EU zu wenig durchdacht. Dass überall der neue Nationalismus wächst, obwohl er objektiv chancenlos ist – die drei großen Atommächte bestimmen, was wie weit „Nation“ sein darf, – zeigt, wie begrenzt das Verständnis für die Weltmacht Europa ist, siehe auch Mercosur Diskurs in Frankreich und Italien.

Österreich hatte schon ein Europa first geschaffen, das im 19. Jahrhundert korrodierte und im ersten Weltkrieg zerbrach, nachdem es schon früh von Preussen auch deshalb attackiert wurde. Spannende Geschichtsstunde…Und nach 1955 war/ist das neutrale, aber doch zivilisatorisch profilierte Land, im Guten wie im Schlechten, nicht einfach ein Blockmitglied schwächerer Position. Um das zu verstehen, kann man zum Beispiel regelmäßig den FALTER lesen (Falter.at).

In letzter Zeit verfolge ich eine wichtige Differenz Österreichs zu Deutschland: die rechte, faschistoide FPÖ unterscheidet sich wesentlich von der AfD und von vielen rechtsextremen Bewegungen, u.a. in Bayern. Sie ist gefährlich und nicht besser als die AfD, aber anders. Und diese Differenz muss man genauer analysieren, um zu verstehen, wie sich Staat und Gesellschaft versuchen, ständig zu konsolidieren, und um die wichtige Differenz zu Deutschland, abgesehen von der Wirtschaft, wahrzunehmen. Die drückt sich im Konflikt zwischen Kultur und Politik aus, die ist historisch noch lange nicht abgearbeitet: Österreich hatte zwei, einander bekämpfende Faschismen, in Deutschland folgte eine Spaltung auf den einen Faschismus, die bis heute Widersprüche in der Politik auslöst. Das schreibe ich, weil ich als Doppelstaatsbürger fast verpflichtet bin, die Differenzen zwischen den beiden Gesellschaften nicht einfach der Außendarstellung von Regierungen abzulesen. Mein Vorbild ist Van der Bellen, der Bundespräsident in der Hofburg, auch in seiner Geschichte. Von hier aus kann man retrospektiv vergleichen, beide Länder, beide Lager. Ich erachte die Differenz für notwendig, damit man versteht, warum Österreich für die beiden Lager Russland und USA wieder interessanter als seine bloße Wirtschaft wird.

Na gut. Bleiben wir beim AEIOU. Es geht eben nicht um „nationale“ Differenzen, sondern um die besondere, gesonderte Konfrontation von Politik und Kultur. Der Schul-Songtext AEIOU ist vielleicht einfältig, aber er zeigt seine Präsenz. Die eigentliche Bedeutung ist kontrovers, sagt auch wikipedia: „A.E.I.O.U. ist ein habsburgischer Wahlspruch, den Kaiser Friedrich III. (1415–1493) als Signatur bzw. Devise auf seinem Besitz anbringen ließ. Seine Bedeutung wird bis heute kontrovers diskutiert.“

Abgesehen von allen möglichen ironischen Buchstabenverdrehungen ist das AEIOU auch in der heutigen Kunst aktiv „


A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe – 2022, Nicole Krebitz. , mit Sophie Rois u.a.

Mich freut so etwas, weil es mein Gedächtnis stützt. Als Kosmopolit kann und will ich kein Patriot sein. Aber Österreich der russischen oder amerikanischen Destruktion zu überlassen, die ohnedies schon fortgeschritten, ist geht mir gegen den Strich.

Dagegen muss man etwas machen, d.h. aber erstmal denken und hinschauen, hinhören und beiden Kulturen gerecht zu werden. Einheit ist oft ein Paradox.

Deutsche Abgaser

Wer bei dieser Überschrift an eine bestimmte DEUTSCHE Vergangenheit denkt, liegt knapp daneben. Deutschland will weiter Verbrenner in seine Karosserien einbauen und den Tod der Generationen durch Erderwärmung beschleunigen. Deutschland, Vorreiter in der EU, die Konservativen vorne, weil sie den Tod weniger fürchten als die anderen. Die EU will die Umwelt noch mehr beschädigen. Darum muss man den Abgasern ein hohes Lebensalter wünschen, damit sie Folgen ihrer Verbrecherpolitik an den eigenen Kindern und Enkeln erleben – nur werden sie sich nicht bestraft fühlen, weil sie ihre Kinder und Enkel ohnedies im Abgasuniversum aufwachsen lassen. Zu lasten unserer Kinder und Enkel, aber was kümmert das die Abgasgreise?

Das war eine metaphorische Facette der wirklichen Politik, so wie die Regierung auch Tiere sterben lassen möchte, um schneller betonieren zu können.

Der Krieg entfaltet sich, militärisch, wirtschaftlich, religiös. Das wird nicht wahrgenommen, weil sich die einzelnen Sektoren allesamt normal tarnen und sich die faschistischen Gotteslästerer ebenso auf die Meinungsfreiheit berufen wie die Umweltmörder. Wenn alle dürfen, darf auch jeder, sagen sie. Heiliger Trump, beten die einen, seliger Putin die anderen, und in der Provinz erst…Verbal mag ich mich da nicht mit den illiberalen Demagogen streiten. Aber die Tatbestände muss man schon verbreiten.

Das kann man, und noch gibt es die Medien und kommunikativen Plattformen dazu. Wenn heikle Themen im öffentlichen TV aber um 5.00 früh gesendet werden – wie zu den faschistischen Christen vor drei Tagen am morgen, dann ist das zu zögerlich, erreicht zu wenige. Es erfordert gleich mehrerer PolitikEN, und vieles müssen wir erst lernen.

*

Im eigenen Kopf gibt es Grenzen dafür, wie Wirklichkeit und Fakten und Umstände und Alternativen bewertet werden und entschieden werden können. Ja, trivial. Aber das ist ein guter Grund, bestimmten Kommunikationen nicht auszuweichen. Obwohl einen das möglicherweise stört oder runterzieht. Man kann auch sagen, dass wir unsere Blasen verlassen sollten, um diese Kommunikation zu erreichen, und das ist schwierig. UND JETZT KOMMT WEDER THEORIE NOCH DIDAKTIK, sondern der Hinweis, dass ich ja oft aus der so genannten großen Politik im Diskurs aussteige, um mir ein paar Wirklichkeiten anzuschauen, sie zu hören und sie zu erinnern.

Ich habe in den letzten Wochen einige Menschen getroffen, die ich viele Jahre, Jahrzehnte, nicht gesprochen habe. Dabei war es unvermeidlich, aber auch unerwartet, was sich in den vielen Jahren in ihren Augen, in ihrem Bewusstsein ereignet hat. Und wie das von den eigenen Vorstellungen davon abweicht, die man hat, wenn man sich in andere hineindenkt. Das ist wichtig, denn über solche Differenzen stolpert man besser als das man sie umgeht, sozusagen außen vor lässt. Und wenn die Beziehungen durch die Differenzen nicht verlieren, sondern gewinnen, umso besser – und das bekräftigt ja unsere Kommunikation im Alter.

Das ist wichtig, weil Erscheinungen wie Kriegsangst, Zukunftsvisionen usw. ja nicht im privaten Rückzug verbleiben (können). Und aus der privaten Diskussion ins eigene Handeln mit dem freundschaftlichen Rückhalt hinüberzugehen, ist auch wichtig )auch wenn man nicht jeden Schachzug gleich an alle herumpostet).

Es ist verrückt: in diesen Stunden beraten die westlichen Untergebenen von Trump, wie sie dessen enge Verbindung zu Putin abmildern können. Mittlerweile hat doch die eigene Kriegsangst die Zuwendung zur Ukraine überbaut. Manche sprechen das sogar aus. Aber hier lässt sich die Frage WAS TUN? nicht am Stammtisch auf den Bierdeckel schreiben. Es ist verrückt: jetzt müssen wir auf Bildung und Kultur setzen, in dem Sinn, endlich, endlich aufgeklärt über die Wirklichkeit zu sprechen, und sie nicht über Ölflecken, Aktienkurse und seltene Erden provisorisch, wie die Massengräber, zuschaufeln zu lassen.

Es ist verrückt, dass wenigstens kein denkender Politiker schon eine Prognose wagt, wie es mit dem Krieg gegen die Ukraine weitergeht, wenn er durch die Gewinnvorstellungen der Einen, die Herrschaftsphantasien der Anderen immer enger für die echten Menschen wird, die von diesem Krieg betroffen sind, Putin und Medwedew, Trump und Familie ja gerade nicht.

Aber wir dürfen uns auch nicht verrückt machen lassen, müssen beobachten, hören und sehen und denken. Das bedeutet auch, Unsinniges abzuschalten und nicht dauernd zu kommentieren, vor allem, wenn es das Denken einschränkt. Ich weiß, das klingt altmodisch. Aber wenn eintritt, was sich schon abzeichnet, sollte man nicht auf Soforthilfe durch eine machtarme Politik oder gar von „oben“ hoffen. Dann gibt es auf einmal nur uns, dann haben wir die Westen längst ausgezogen (bekommen).

Kultur schlägt zu, gerade jetzt.

Politiker, vor allem Neoliberale, spielen Kultur gegen Soziales aus, und beides gegen Wirtschaftswachstum, und garnieren solche Programme mit allen möglichen Worten, die nicht wie Begriffe verwendet werden, sondern Keulen sind gegen das kritische Bewusstsein. Man benützt das auch, um die Umwelt schneller zu zerstören – wenn man nichts mehr machen kann, hat man den Rücken frei. Das Wachstum nützt natürlich niemandem, wenn die Gewinne nach wie vor in die Taschen der 10% fließen, die ohnehin 50% des Volksvermögens besitzen.

Dem schließen sich viele an, die sich zwar geringere, aber doch Zuwächse erwarten

Wirklich wird ein rasanter Absturz Europas in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht, aber nicht so simpel, wie man sich das wünscht, Abstieg und Neuanfang in zyklischen Bewegungen, es wird schon wieder werden. Ja, was. Wenn die militärischen und wirtschaftlichen Strategien die tatsächliche Umweltentwicklung überholen, und wenn Europa seine relative weltpolitische Position gegen die USA und Russland, aber eben auch gegen die beiden großen Kontinente Afrika und Asien einbüßt, dann wird der menschliche Untergang schneller eintreten als er jetzt absehbar ist. So können die Lautsprecher der extremen Ideologien die Endphase umso schneller, wirkungsvoller, zitatenreicher herbeirufen – was die meist älteren Akteure der umweltfeindlichen und kriegerischen Ideologien ja nicht stört – die alten Trottel werden ohnedies keine der zukünftigen Varianten selbst erleben. Aber die Kinder, Kindeskinder, und zwar auch UNSERE, werden da sehr wohl etwas erleben, was sie vielleicht abwenden, abmildern können, vielleicht leider auch nicht, und wir vielleicht teilweise auch, oder nicht. Aber eines muss sein:

Der Kampf der Kultur gegen die Wachstumswirtschaft und gegen die Umweltzerstörung der Lebensqualität bevorzugter Menschengruppen, nicht einfach Eliten.

Das klingt apokalyptisch, ist es aber nicht. Realismus, nicht eine der ideologischen Wahrheiten.

Da wir gegenhalten müssen, nicht nur dürfen, können wir nur die Kulturplattform als festen Untergrund wählen, weil sie nicht den Regeln des kapitalistischen Systems folgt, und weil sie nicht einfach erobert werden kann, weder von Diktatoren noch von Digitalrobotern. Nicht, dass Kultur nicht gefährdet wäre, heute mehr denn je. Aber solange sie ist, ist sie eine Waffe des Widerstands, die uns eine Chance gibt, wir selbst zu sein. In kurzer Zeit werden wir politisch und ökonomisch abgleiten. Bald werden die Angriffe auf die Demokratie Fuß fassen. Unser Fahrenheit 451 wird anders aussehen als vor Jahrzehnten. Aber es wird sein müssen, oder wir werden untergehen im kalten Wasser der Unterdrückung. Das ist nicht tragisch, sondern kann uns ermuntern, Kultur zu aktivieren, und zwar nicht dadurch, dass die Akteure Trump in den Trump und Putin in den Putin kriechen, sondern dass Wort und Musik, Bild und Ton, die Bahnen verlassen, auf die uns der Zeitgeist gerne zwingen möchte. Der wird ja von Geistlichen befeuert, die keine Spur von Lebensfreude zeigen dürfen.

Natürlich heißt das, dass Widerstand sich aus Kritik entwickelt, dass das, was wir noch nicht voraus wissen, möglich wird – mehr als unsere Vorstellung sind wir ja in unserem Leben letztlich nicht (darüber muss man streiten dürfen). Die Herrschenden unterdrücken die echten Menschen. Aber sie können bei ihrem festen Willen nicht alles, was an Wahrheit und Ironie und Pathos sich neben und über und unter ihnen entwickelt, zugleich und dauerhaft bekämpfen. Diktatoren konnten das über lange Zeiträume, damit müssen wir auch rechnen. Aber eben nicht alles und für immer. Seltsam, wenn man zunächst nicht an die politische Ökonomie, sondern an die Kultur denkt. Das ist so wie die Umwelt wichtiger als die Welt geworden ist.

Der letzte Satz erinnert mich an eine Diskussion, die ich, zu jung und noch nicht so gescheit wie später, in Alpbach mit einem Philosophen der dritten Reihe geführt hatte. Umwelt war damals das übersichtliche Segment, Welt war abstrakt. Heute ist es die Umgebung, in der der Widerstand Gedanken, Worte, Töne und Bilder bekommen kann – alles, was wir denen voraus haben, die uns vernichten wollen. Billiger gehts nicht?