Widerstand gegen IQ

Gegen Ende des Jahres 2025 habe ich mein intellektuelles Buch des Jahres ausgewählt, aus vielen guten. Ich muss das nicht begründen, ich kann es: Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere (Beck 2025). Ein Italo-Schweizer, Politikberater, Professor, intellektueller Analytiker, und – unbeirrt kritisch. Das Buch reißt die Abdeckungen und Verkleidungen der normalen, also allgemein akzeptierten, wissenschaftspolitischen Diskurse ab. Das Muster ist bedenkenswert: er vergleicht die Herrschaft von Borges mit der heutigen, der dunklen „Tech-Lords“, nicht allein Musk gegen Trump, und mit vielen, ganz konkreten Machtausübungen der Herrschaft in Saudi-Arabien oder bei den VN oder … konkret global, bis hinein in eine französische Gemeinde nahe Paris. Es ist aber keineswegs ein politikwissenschaftlicher Überblick über die jeweils mächtig (en) Herrschenden, sondern den Ersatz der wenigstens minimalen Einigung auf globale Herrschaftsregeln. Diese gelten für die Herrn der digitalen Instrumente nicht, also kümmern sie sich de facto nicht um sie, auch wenn sie bisweilen taktisch Macchiavelli folgen und sich verhalten, als würden sie wirklich verhandeln. Die Vorherrschaft der Tech-Lords über die Politiker und Rolle der IT sind gleichermaßen unromantisch, fast positivistisch dargestellt, ich habe kaum einen Namen dieser Herrschenden (LeCun, Eric Schmidt, Nix, Bengio…) je gehört. Aber Empoli beschreibt das nicht für eine intellektuelle Elite, sondern für normale, also gebildete Menschen. Natürlich tröstet das Buch nicht über die wirkliche grausame Herrschaft der gegenwärtigen Diktatoren. Wenige seiner Markstein-Politiker fallen aus dem Schema, das die Raubtiere überwältigen, Kissinger, Malaparte, Cossiga…aber nicht als positive Idole. Sondern jenseits der eingefahrenen Regeln gesellschaftlicher Ordnung. Glaubhaft gut beschrieben Trotzki gegen Stalin 1917: die herrschende Regierung der Bürgerlichen ignorieren, mit Fachleuten die Infrastruktur erobern, einnehmen.  Beeindruckend zwei besondere Quellen: Kafkas Schloss, und Italo Calvino (Die unsichtbaren Städte). Was sich vorhersagen lässt, zählt in der Raubtierdiktatur nicht. Wenn das global so ist, kann man mich, kann man uns, sagen und denken lassen, was wir wollen, wir werden gleichgezogen. Das Schloss ist für die Herrschenden noch eine Hypothese, für uns Menschen aber die reale Auswirkung, dessen, was wir nicht verstehen.

Ausweglos? Ziemlich, nicht ganz. Der Kampf der humanen Menschen gegen die KI Macht „geht weiter“ (Letzter Satz, S.121).

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Ich zitiere nichts, obwohl es mir scherfällt. Aber ich kann das Buch nicht abschreiben. Außerdem muss man zwei Dinge sich verständig machen: Jetzt kommt wieder, wie bei den Borgia, die Raubtiermacht über Politik, wir haben also eine Struktur, die fast unerträglich ist zu verstehen, zu wissen, aber wir müssen ja in ihr leben. Auf wen hat das noch nicht zugetroffen?: „Die App zieht ihre Schlussfolgerungen und fällt ihr Urteil. Der gesunde Menschenverstand und die Sensibilität wurden mit Absicht außen vorgelassen“ (115). Mit Absicht, von der IT. Und das andere: Da Empoli schreibt als indianischer Schreiber, als Untergebener“. Warum, kann man am Untergang der Indianer bei der Landung der Spanier am Anfang des Buches lesen. Der Schreiber, mehr in Bildern als Theorien, versucht „den Atem einer Welt in dem Augenblick einzufangen, in dem sie in den Abgrund stürzt – und die eiskalte Machtergreifung einer anderen, die an ihre Stelle tritt“ (9).

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Heute verhandelt die EU, wie sie sich neuen Machtergreifung entgegenstellt. Beten hilft da nicht. Die Schwelle: „Es gibt da nur ein Problem: Damit die KI die Herrschaft antreten kann, muss der Glaube an die Stelle des Wissens treten“ (113).

Nicht umkehren, eher Vergangenheit und Zukunft wieder ernst nehmen.

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