Winterreise: Wer rutscht aus?

Bis auf die deutsche Bahn, die zu allen Jahreszeiten Tag und Nacht zu spät ist, macht der lange kalte Winter in Norddeutschland schon gute Erinnerungen: das letzte Mal vor 8 oder 9 Jahren, dass es so kalt war und einmal geschnet hatte. Ich muss lachen, weil meine Kindheitserinnerungen und Jugenderfahrungen vor 50 und mehr Jahren in Oberösterreich haben mit diesem Schneestaub wenig zu tun. Aber dafür ist hier so viel Eis auf den Straßen und Gehwegen, dass Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen gefährdet sind. Die Kliniken sind überfüllt, weil sich die Menschen rund um Berlin noch nie an den Winter gewöhnt hatten. Bis auf die Freigabe von umweltgefährdenden Salz in Berlin gibt es wenig Kritisches auf gesellschaftlicher Ebene zu sagen, was mich erleichtert, weil ich mich von den wiederholt unbrauchbaren Nachrichten in den Medien zeitweise abwenden kann, ein paar Stunden keine Ukraine, Gaza, Epstein, Trump, etc. auch wenn die Nachrichten im Prinzip stimmen, gewürzt von Winterunfällen…Aber bedenkt, wie unglaublich privilegiert wir sind, verglichen mit den Menschen in der Ukraine (-20°) im russischen Bombenhagel. Diese Privilegien sind nicht einfach oberflächlich persönlich, ihre Geschichte ist schon beachtlich, zumal die europäische Dominanz nun wirklich im Abstieg ist…aber keine Politik am frühen Vormittag, grauer Himmel, Schneereste vor dem Fenster, wie gehen die Meisten mit der klirrenden Kälte wirklich um?

Da ich die Klassik besonders intensiv höre, ist jetzt der Weg zur Winterreise ganz verständlich, auch sozial, weil es ja die Reise eines Unterprivilegierten ist, der seine Hoffnungen im Schnee und im dauernden Ortswechsel begraben muss, und weil er keine Müllerstochter zur Frau bekommt. Es lohnt https://de.wikipedia.org/wiki/Winterreise

(Empfehlung: neuere Aufnahmen, nicht unbedingt Fischer-Dieskau).

Warum mich das anregt? Natürlich ist es auch politisch, am Übergang von der Klassik in die enge, politisch stringierte Romantik in Wien. Von den vier Klassikern ist Schubert für mich besonders „menschlich“, weil sein Lebenslauf „normal“, normaler als bei den anderen ist, und man sich deshalb seine emotionalen und kompositorischen Wunderkompositionen anders vorstellt als z.B. bei den auch herrlichen, herrlichen Mozart, Haydn, Beethoven…

Aber ich will ja nicht von mir schreiben. Ich mache mich jetzt auf den Weg zum Bahnhof. Ich hoffe, nicht auszurutschen. Spätestens, wenn ich zeitgerecht einen bestimmten Zug erreicht habe, kommt die Politik ohnedies ins Bewusstsein. Die Jahreszeiten sind übrigens keine Hilfe für die Klimaleugner, schaut euch die Weltkarte an…und noch ist 2016 nach einem Monat wirklich nicht besser als das Vorjahr, aber kälter.

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