Goldener Oktobär brummt

Man würde ja gerne den wirklichen Oktober genießen, kühl, hell, trocken, farbiges Laub und letzte Spaziergänge zwischen den Herbstzeitlosen und ersten Nebelkerzen.

Aber es ist ja nur kühl, und nicht herbstlich. Grönland zerfließt – noch ist das den Liberalen egal, das Meer wird erst in 50 Jahren die Börsen wegschwemmen; die Bäume nehmen kein CO2 mehr auf, dann bleibst es für uns. In diesem erweiterbaren Umfeld uns einschränkender „Natur“ brauchen sich Politik und Macht nur mehr wenige Regeln geben, es ist ja zu spät. Für die Faschisten in Italien, mit den Geflüchteten umzugehen, für den den deutschen Cumex-Kanzler zu anständigen Kontakten (statt dessen biedert er sich an Diktatoren an, nur weil die in der NATO sind – ist er doch aber auch), und die Kontrahenten weltweit halten sich für unangreifbar (Vorsicht mit den Beispielen: viele dieser Akteure haben richtigere und schlechtere Seiten, das bestärkt die „Lager“ in ihrem Selbstverständnis).

Meine lieben Leserinnen und Leser, nein, jetzt kommt keine Litanei, die überlasse ich den Unglückspredigern und dem ausgetretenen Grünjugendvorstand, der neue machts besser. Ich beobachte und warte darauf, dass die demokratischen Gegenseiten ihre emanzipatorischen Raketen abfeuern und nicht das Gewissen der Nerds treffen, sondern uns Rückenwind geben. Wobei? fragen die Hinterhältigen. Das sagen wir bestimmt nicht in den Medien. Aber wie gesagt, mir gehts um den Herbst, den sonnigen Sonntag.

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Das Ganze ist keine missglückte Metapher. Natürlich würde man, würde ich mich, gerne in politische Auseinandersetzungen einmischen, und….? was sagen? den narzisstischen Brandenburger, der die demokratischen Parteien geschädigt hat, beschimpfen, wie er sich an die BSW ranwanzt? Wozu denn, er kann ja gar nicht hören. Solche Beispiele gibt es viele, nach Österreich schaue ich gar nicht, also: Herbst und Sonnenuntergang.

Der Ausblick nach Westen, aus dem Arbeitszimmer, beruhigt. Ich muss weder am Computer noch auf dem Papier Nachrichten schauen, jede Stunde die gleichen, mit einer signifikanten redaktionellen Variation: was wird wie zuerst gemeldet, was versteckt sich hinter anderen Meldungen, aber im Grunde reichtes, um 7 Uhrt morgens einmal DLF zu hören, die Wahrheit wird durch Wiederholung nicht wirklicher. Geht man dann hinaus, sieht man viele, die wie man selbst, mit und ohne Hund, im Laub gehen, die klare Luft atmen (außer die Laubbläser ersetzen die Morgenpkwrallies), man freut sich über fallende Blätter und versteht die Menschen, die den Herbst besser verstehen als den verregneten Frühling und den trockenen Sommer. Und man denkt nicht an die Kriege und sozialen Umbrüche, sondern wie der Herbst die Menschen zähmt. Das ist eine zugegeben absurde Behauptung, die ich nur marginal ernst meine. Aber wir wissen ja, selbst im Krieg und bei Unwettern und in Katastrophen gibt es immer kleine Flecken, Orkanaugen, wo nichts passiert, wo man sozusagen von der Welt ausgespart wird und sich nur mit sich und der unmittelbaren Umgebung abgeben kann. Und wenn man genug frische Luft geatmet hat, wieder zuhaus, hat man gelernt nicht sofort den Sender wieder einzuschalten um die Wiederholunge4n von Gaza, Kiew und Kabul zu hören. Sie werden nicht relativiert, wenn man sie stündlich hört. Für die Natur gilt nicht der Terror der Aktualität. Die hat andere Zyklen und Zeitmaße, keine wirklich beruhigenden, aber sie lässt uns die Nischen, in denen wir über Erfahrungen vor langer oder kürzerer Zeit nachdenken und nachfühlen können, in und mit der Natur, – bevor wir die Muren und Überschwemmungen und vertrockneten Bäume wieder der Gesellschaft zuschreiben, das kommt in den Morgennachrichten ohnedies nicht vor, sondern zwischen den Wahrheiten, häufiger. Die Nischennatur macht uns zu Kleinbürgern. Die großen Schwärmer denken da schon die Zukunft im Weltall, wenn die Erde nicht mehr bewohnt werden kann. Nur, wie lange sollen wir im Raumschiff reine Luft atmen, bis wir aussteigen dürfen? Und wenn wir bei der Weltflucht keine Kinder zeugen, ist der Zeitgewinn kaum der Rede wert. Aber solche Assoziationen hört man auch zwischen den Nachrichten.

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Warum ich das schreibe? Es gibt da einen Clou. Man kann, ich kann, in den harschen Ereignissen des politischen und gesellschaftlichen Niedergangs zwiefältig denken, politisch und kulturell. wenn man so will, in beidem kritisch, emotional und sachlich. Wenigstens zwiefältig. Ist das etwas besonderes? nein. Alle könnten es, nur tun es nicht alle.

Wenn man es nur nicht gleich hinausposaunt, was man von dem und jenem hält, wen und was man verurteilt, begrüßt. Ich nenn das halt einmal den Verzicht auf nicht-enden-wollende Kommunikation, immer gleich sagen, posten, verkünden und die Repliken nicht einstecken, weil man schon wieder am sagen ist. Ich reibe mich immer am Terror der Aktualität, wie ihn Am’ery nennt, denn, bitte schön, was ist denn an der Zerstörung der Natur in den letzten 40 Jahren aktuell, was ist denn an der Katastrophe im Nahen Osten aktuell oder am Konflikt zwischen Nord- und Südkorea. Lange Wellen sind auch wirklich, aber nicht wirklich aktuell. Da wäre meine Kritik an den Medien – wenn sie Aktualität vorspielen, behindern sie die historischen Analysen. Ohne die man sich besser nicht spontan zu dem äußert, was einem den schönen Herbsttag verdirbt.

Faschismus wird in Deutschland wieder normal

Seit Monaten schreibe ich gegen den um sich greifenden Faschismus in Deutschland, Europa, weltweit an. Ich bin alt genug und auf diesem Gebiet auch hinreichend erfahren, dass ich den Begriff nicht leichtfertig auf alle undemokratischen Bewegungen anwende. Aber ich gebe auch nicht begrifflich nach, wenn es um faschistische Bewegungen bei uns geht – in Deutschland AfD und BSW, in Österreich FPÖ, in beiden Ländern mit Randerscheinungen auch bei anderen Parteien und Organisationen.

Noch sind in drei Bundesländern keine endgültigen Entscheidungen gefallen, ob demokratische Parteien mit der linksfaschistischen Partei BSW Koalitionen bilden. Ich befürchte es, und in Brandenburg hat der selbstbezogene Ministerpräsident Woidke es ja selbst geradezu herbeigeführt.

Bestimmte Themengebiete, vor allem Asyl, haben in demokratischen Parteien bereits gefährliche Auflösungserscheinungen der praktischen Vernunft ausgelöst. Da kann und soll man dagegen arbeiten, und nicht nur in den Hinterzimmern, auch öffentlich.

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Viel gefährlicher ist zur Zeit das Appeasement mit den regierenden Faschisten vor allem in Italien. Außenpolitisch kommt uns die Unterstützung der Ukraine durch Meloni zugute – aber das ist eine wohlfeile Rahmung einer Innenpolitik, die sich nicht einfach symbolisch, sondern konkret, rechtlich, medial gegen die Freiheit der Gedanken, der Kunst und der Kommunikation wendet. Nicht so blöde und offensichtlich wie in Russland, aber nicht minder wirksam.

Wirksam u.a. bei der Frankfurter Buchmesse dieser Woche: schaut einmal bei Google „Frankfurter Buchmesse Italien“, wie viele regierungsnahe Eintragungen auf den ersten beiden Seiten da sind – und nur zwei wichtige kritische Eintragungen:

Hauptsache, Italien: Deutschland ist dabei, sich an Rechtsextremismus zu gewöhnen (SZ, Felix Stephan 14.10.2024). Am Ende verweist er mit Recht auf die Behinderung von Saviano. Wichtig aber ist, wie er die faschistische Taktik aufblättert: konziliant nach außen, rigide nach innen.

Wie sich Italiens Schriftsteller gegen Meloni auflehnen: FAZ, Karen Krüger, 13.10.2024): Auch hier Saviano, und wichtige Hinweise auf die oppositionellen Gegenveranstaltungen bei PEN und guten deutschen Verlagen.

Aber das reicht natürlich nicht. Denn die politische wie kulturelle Anmutung zum Faschismus hat die SZ schon gut formuliert: Hauptsache, Italien. Warum das so ist, wie das sich festgesetzt hat, erfordert etwas Geduld, man muss weit zurückgehen, in die Zeit zwischen den Kriegen, in das langsame Gewöhnen an eine recht stark erscheinende Alternative zur komplizierten und nicht-starken Demokratie. Und überhaupt: sie waren doch fast alle Faschisten (damals, in den 30er Jahren…heute greift der Faschismus auch in der EU und anderswo um sich). Gerade, wenn man nicht dauernd die NS-Begrifflichkeit mit Blick auf 1933-45 als Fokus nimmt, kann man von einer gefährlichen Verharmlosung der Faschismen in der europäischen Geschichte sprechen, man soll darüber sprechen. Auch, was BSW betrifft, die ja „harmloser“ als die AfD angesehen wird, auch was Meloni angeht, die harmloser und pragmatischer erscheint als zähnefletschende Schwarzhemden.

Schon etwas abgegriffen: Erwache! aber seid wachsam, ihr werdet ganz schön eingewickelt, und das F-Wort wird ja in der Politik gemieden.

Ein politischer Hinweis: Nicht jeder Pöbel, der die Demokratie angreift, ist faschistisch. Und Faschisten bemächtigen sich nicht nur des Pöbels. Damals nicht, heute nicht. Aber sie brauchen um zu wachsen diesen Pöbel. Sie müssen wachsen. (Lest dazu Elias Canetti: Masse und Macht (1960)). Wie man im Faschismus, wie man mit den Faschisten lebt, wird immer wieder neu eingeübt, wie man gegen sie lebt, auch, aber das ist komplizierter. In Italien sollte man die Biographien von Antonio Gramsci, von Cesare Pavese, Primo Levi und vielen anderen lesen, auch um die Uneinheitlichkeit zu studieren. Und ganz neu für Deutschland und Österreich relevant: Thomas Poeschel: Boheme, Revolte und Exil, Wallstein 2024), wo auch das Verhältnis des wachsenden Faschismus zum Exil dargestellt wird.

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Es gibt eine Fülle von Unterstützungen für den aufkommenden Faschismus, auch bei uns. Analysiert nur die Wahlergebnisse in den drei deutschen Ländern und in Vorarlberg: da wählen die jungen Menschen plötzlich – plötzlich? – rechts, vor allem auf dem Land. Und die Wahlforschung sagt: Wer jung X wählt, bleibt lange dabei. Warum wählen die rechts? auch, weil sich die Demokraten nicht sehr um die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit außerhalb ihrer Grundmilieus kümmern, und die Faschisten da hineinstoßen, mit der attraktiven Gegenwartsgestaltung, wo schon längst niemand anderer mehr sich darum kümmert.

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Das, werte LeserInnen, ist kein Alarmismus, es ist eine Beobachtung, von der ich hoffe, dass meine Lebenszeit nicht überdauert. Aber es reicht nicht, gegen die vermehrten Faschisten zu „sein“, man muss etwas gegen sie tun, in Bildung, Erziehung usw. Mit dem Sparbudget der Wirtschaftsrechten kommt man da nicht weiter, aber auch nicht mit dem Umgarnen der Rentner und Pensionisten. Kümmert euch um die Jungen und fragt euch nicht dauernd, warum sie den Faschisten nachlaufen.

Alterstabu – Jugendtabu

Sich auf Wahlen zu konzentrieren, wird oft als DIE demokratische Tugend angesehen. Stimmt ja, im Prinzip…aber in Maßen. Die meisten Parteien konzentrieren sich in der Wahlwerbung auf die die Bevölkerungsgruppen, von denen sie mehr Stimmen erhoffen – und erwarten können.

Das sind, nicht nur bei uns in Deutschland, überwiegend und zunehmend ältere Menschen. Die werden immer mehr, und jüngere Deutsche immer weniger, und nicht alle jüngeren Zuwanderer werden rasch Staatsbürger. Das heißt: Ältere und Alte bestimmen unverhältnismäßig die Wahlergebnisse und damit die Politik der Wahlsieger.

Nein, das ist keine umfassende Erklärung dafür, dass die Faschisten AfD und BSW überproportional jüngere WählerInnen anziehen, aber es ist Teil einer weiter ausgreifenden Analyse.

Anlass dieser kurzen Einleitung ist die heutige zutreffende DLF Meldung, dass es berechtigten Protest gegen die lächerlich kleine finanzielle und personelle Unterstützung von KITAS gibt, (Das hängt nicht nur mit der Sparpolitik des neoliberalen FDP-Clans zusammen, sondern auch mit der disproportionalen Macht der älteren WählerInnen).

Sofort wird mir entgegengehalten, dass ich kaum verdeckt die Generationengerechtigkeit unserer Demokratie angreife. Und ich antworte: nicht verdeckt, offen.-Es wird zu wenig für Kinder und Jugendliche getan: Kitas, Schulen, allgemeine Bildung und Berufsbildung sind weit schlechter, als es sich das reiche Deutschland leisten kann. Keinen Konjunktiv, bitte.

Ein Kommentator sagte, dass LehrerInnen und SchülerInnen und Kinder eine zu geringe Lobby haben. Damit hat er Recht. Nur: warum ist das so?

Eine ausweichende Argumentation: wir wissen, dass die 48% Rente erbärmlich niedrig ist und deshalb vom Staat mit Almosenzuzahlung für viele aufgebessert werden muss. Spräche das nicht für eine primäre Sanierung der Älteren, nicht der Jüngeren? Ja, aber dann müsste man das österreichische oder skandinavische Modell ernster nehmen, die Altersbezüge dürften dann nicht bei 48% liegen, sondern bei 65% oder höher. Und das ginge nur, wenn die Gewerkschaften nicht einfach die Altersbezüge aus ihren Tarifverhandlungen zu sehr ausklammern würden. Natürlich MÜSSEN und nicht nur SOLLEN dann die Sozialbeiträge für ALLE steigen bzw. eingeführt werden, die Nettolöhne werden gedämpft, aber das Alter wird besser sorgenfreier….

Alles nur, weil eine Gesellschaft, die die jungen AsylantInnen vertreiben will und selber wenig Kinder zeugt, sich zu wenig um Kinder, Schulen, LehrerInnen, Bildung kümmert…wie sollte sie es auch, wenn sie es nicht gelernt hat.

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Es wir4d am allgemeinen Wahlrecht – 1 Person –> 1 Stimme nichts ändern, das ist ok. Aber es sollte an der Wahlwerbung und -orientierung etwas ändern, und an dem falschen Ausspielen von Alt gegen Jung. Ich weiß schon, da gibt es noch viele Elemente, die man in die Berechnungen einbeziehen muss, aber wenigstens die Aufrichtigkeit kann man einfordern: wenn es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt, dann MUSS man den Jungen die Zukunft erleichtern und nicht beschweren.

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

Schaut erstmal nach, mit religiösen oder ganz säkularen Gefühlen, immerhin: DER Feiertag. Nachdenktag.

Jom Kippur – Wikipedia; Jüdisches Lexikon Bd. III, Frankfurt/M. 1987, S. 310ff: Jom kippur;

Entscheidend in der Geschichte dieses Tages ist, dass ein Schulderlass durch Gott erst auf die Versöhnung der Menschen miteinander folgen kann und darf. In vielen Variationen.

Der Jom kippur-Krieg (6.-25.10.1973) begann am Feiertag. Auch hier kann man anfangen nachzudenken, was dieser Tag auf sich hat. Wer an diesem >Tag angreift, kämpft, sich verweigert.

Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Kerbe gegraben. Zum Jom kippur bewegen sich auch andere mit aufklärenden Ideen, z.B. (New Israel Fund: Zu Yom Kippur: Rückblick auf den Jahrestag des 7.10. & Einladung zu zwei Veranstaltungen)  und viele andere.

Aber das muss ich euch und Ihnen ja nicht erklären. Nur: heute kann man nicht darüber hinwegsehen, ohne an diesen Tag zu denken, wenn man schon an ihn gedacht hat.

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Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen des konkreten Feiertags gehört, ordentlich und kritisch zu unterscheiden: Judentum, Staat Israel, israelische Gesellschaft, Regierung, Zionismus, Palästina…Begriffe sind nicht einfach wegweisende Aufschriften. Wenn man hier nicht genau ist, versteht man den 7. Oktober nicht. Das Verbrechen der Hamas wird durch Einsicht in die Wirklichkeit nicht geringer. Auch die Vorgeschichte, die mehrere Schuldige kennt, entschuldigt nichts. Aber sie lässt uns verstehen, wie und warum es zu diesem Verbrechen gekommen ist, und Verstehen ist immer an Kritik und Selbstkritik gebunden.

(Hier gibt es eine Linie zu Jom kippur: wenn ich mich in der Familie, meinem persönlichen und sozialen Umfeld ent-schuldigen soll, dann fragt sich schon, wofür).

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Netanjahu, die Geschichte des Likud, die Zusammensetzung der israelischen antizionistischen Politik seit 1978, die faschistischen und ultrareligiösen Politiken der Siedler und Ultraorthodoxen gehören zusammen und sind nicht als weißer Elefant im Laden zu verkleinern. Sie sind teilweise, aber eben nicht kausal und dominant für die Verbrechen und Aktionen der Israelfeinde mit verantwortlich. Das ist auch Politik, und solange man es nicht weiß, kann man es nicht verstehen. Man muss es aber verstehen, um die Politik Netanjahus zu begreifen, der ja als kleiner Rechtsbrecher nicht einfach Weltpolitik machen konnte, auch wenn er das wollte.

Die Vorgeschichte und Erklärung des Handelns der Hamas, der Muslime in Israel und im Westjordanland, in den umgebenden Staaten, vor allem in Syrien, im Iran, auch das Handeln der Hisbollah wird, fatal und zu Unrecht, der Israelkritik eingeschrieben, weltweit, oft bei den UN, oft aus Halbwissen. Schon die Verlegung des Staates Israel und der Terrororganisation Hamas auf eine diskursive Ebene ist grauenvoll und teilweise wirklich ein Schutzschild für den Antisemitismus.

(Jom kippur: schau genau, wer woran wirklich schuld ist, und dort verhandle, bevor du die Überzeugungen verfestigst, wenn du dich in Schuldfrage plötzlich selbst siehst, als Einzelner, als Staatsbürger, Religionsmitglied, Überzeugungstäter usw. Das ist schmerzhaft).

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Ich schreibe das heute. Mit der aktuellen Geschichte und Politik Israels setze ich mich seit Jahrzehnten auseinander, seit einem Jahr ist das noch schwieriger geworden als es immer war, und jetzt geht es um noch mehr als je zuvor: nämlich die Existenz Israels und die jüdische Unversehrtheit. Warum es mich interessiert und betrifft, ist heute nebensächlich, aber ich arbeite schon länger daran. Das ist der eine Fokus, der andere ist die Empathie für alle betroffenen Menschen, da tritt das Jude/Jüdin-Sein hinter die Menschlichkeit. Die und Empathie müssen eine Waffe gegen den Antisemitismus sein.

(Jom kippur: Buße und Versöhnung. Beides hat wenig mit Glauben zu tun und wird von der Religion nur so gefasst, wie eben die Gemeinschaftsbildung es möglich macht, mit Grenzen zu sektiererischen Extremen. Entscheidend ist die Praxis und nicht die Hoffnung auf eigene Rettung durch den richtigen Glauben).

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Heute wie an kaum einem anderen Tag wiederhole ich: Das teuflisch falsche Quadrat pro-Israel, anti-Israel, pro-Palästinenser, anti-Palästinenser kann sich nicht einen Moment lang begründen.  Allein die intervenierenden Akteure (=Variable!) verzerren jeden Blickpunkt von einem Standpunkt aus. Aber auch für uns ist das alles nicht eindimensional: wenn Israel das letzte Rückzugsland auf Erden bleiben soll, dann darf es nicht vernichtet werden. In meinen Augen sollte das weniger eine nicht mehr realisierbare Zweistaatenlösung ergeben, sondern eine Föderation (wie das z.Zt. Omri Boehm vorschlägt, oder wie sich das Tony Judt vor Jahrzehnten gedacht hatte). Dafür kann darf soll man sich einsetzen, öffentlich und laut und vor allem präzise. Und wenn Israel erhalten bleibt, dann muss es eine Demokratie und eine friedliche Nation (wieder) werden, sonst vernichtet es sich selbst.

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לשנה טובה תכתבו ותחתמו das kann man so UND so wünschen für ein gutes Leben, über das Jahr hinaus.

Das Ende. Und danach?

DROHUNG

Wahrscheinlich ist die Klimawende verpasst. Die Verantwortlichen – vielleicht, wahrscheinlich sind wir dabei – werden längst tot sein, wenn unsere Nachkommen vertrocknen, verhungern, sich verlieren.

Die Kriege werden die Zeit zum Untergang verkürzen. Wenn Afghanistan überlebt, dann wie? wenn Israel überlebt, dann wie und um welchen Preis? wenn die Ukraine von Russland geschlachtet wird, dann wie und mit welchen Folgen für Europa? Wenn Trump in den USA gewinnt, dann warum?

Die Abschaffung der Kultur und der gesitteten Zivilisation – das Programm der neoliberalen Unethik – wird diese Entwicklungen beschleunigen, aber auch Widerstand hervorrufen, dessen Formen nicht so einfach vorherzusehen sind.

Warum sehe ich dieses ausweglose Ende? es geht nicht um mich, seid doch ehrlich: viele von euch sehen die Zukunft auch so oder ähnlich, man sagts nur nicht, weil man keinen Pessimismus verbreiten will, weil man die Aktienkurse nicht abstürzen lassen will, weil man die wirkliche Zukunft gar nicht will.

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HOFFNUNG

Und trotzdem war gestern und heute und morgen a sonniger Herbsttag (aus einen Wiener Lied)

Herbstgedichte erleichtern das Altern und die Gewissheit des nahen Todes. Da ist Georg Trakl noch besser als Rilke:

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Beachtet die Metapher im letzten Strophe, nicht die Kinder, die Blumen neigen sich fröstelnd. Wenn wir die Natur beobachten, ahnen wir schon, wie wir verfallen… Aber darum geht es mir gar nicht so sehr, gerade wenn ich mich dem untröstlichen Pessimismus entgegenstemme: kann man denn nichts gegen die Verbindung von Dummheit und Grausamkeit der globalen wie der lokalen Politik tun? Kann oder soll? Das ist keine philosophische Frage, sie ist ganz praktisch all-täglich. Es ist ja mehr als ein Hauch von Verfall, wenn wir manchen unserer machtbesitzenden PolitikerInnen zuhören. Und der Zorn darüber trübt unsere Aufmerksamkeit und die Logik unserer Handlungen, die ja nicht einfach Reaktionen auf Söder, Scholz und Merz sind, auch auf andere, wichtigere, sondern Aktionen sein sollen, die uns in eine bessere Zukunft führen.

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Das klingt banal, irgendwie daneben, sagt ihr. Ist es auch in gewisser Hinsicht, wenn man sich vom „Terror der Aktualität“ (Amery) abwendet und auf das wirklich Wichtige der Zukunft sich konzentriert, sozusagen die Abwendung dessen, was im ersten Absatz so verknäuelt dargestellt ist. Abwendung, das heißt gerade nicht „ignorieren“. Nein, die Schrecken sind wirklich, sie sind unüberschaubar verbunden und doch, jeder für sich, schon nicht bewältigbar. Und wenn man sich damit nicht abfinden will, muss und soll man selbst Politik machen, die subjektiven Scheinhoffnungen ablegen, sich aus Labyrinth der Meinungen, ob sie nun wahr sind oder nicht, auch befreien: Sich in gewissem Sinn der „Realpolitik“ verweigern und da hinzielen, wo man zB. kollektiv dem Umweltende noch entgehen kann (eine schwache Hoffnung, wenig Wahrscheinlichkeit, immerhin) oder die Ukraine retten (ein schwache Hoffnung, aber gegen Russland ankämpfen) oder Israel retten (vor der Vernichtung und vor Netanjahus Zerstörung des Jüdischen, eine schwierige Aufgabe). Sich da zu engagieren hat den Vorteil, dass man weiß, worauf man sich einlässt und nicht vor der Vision der Zukunft im NICHT (nicht im Nichts), also im Ende kapituliert. Das NICHT kommt noch früh genug, für jede(n) Einzelnen von uns. Aber wir leben, wir schauen ins Herbstlicht, wir tun etwas.

7. Oktober

Der 7. Oktober ist niemals vorbei. Er hat schon früh begonnen und er wird immer wiederkehren.

Am 7.10.1571 hat die Heilige Liga die Osmanen in der Schlacht von Lepanto besiegt. Schon der Begriff, und dann seine mehrfache Wiederholung, ist seltsam – und 1571 von Bedeutung (Heilige Liga (1571) – Wikipedia). Die Vorherrschaft der Osmanen ist erstmals beschädigt und wird sich weiter reduzieren, über die Jahrhunderte hinweg. Aber diese Schlacht hat nicht nur für die europäischen Reiche, Fürstentümer, Ökonomen eine große Bedeutung, auch für das Judentum – die Inquisition ist noch auf der Höhe ihrer Wirksamkeit – auch für einzelne jüdische Familien. Hier einmal das Beispiel einer reichen Familie, die von Beatriz de Luna (1510-1569) und ihrem Mann Francisco Mendes (1485-1535) und ihren Nachkommen handelt, „Kryptojuden“ oder Marranen. Ihre Lebensstationen sind Spanien, Portugal, die Niederlande, Venedig, Ferrara, Saloniki, Istanbul. Sie kaufen ihr Überleben den Herrschenden ab, sind von den Päpsten, der Inquisition und geldgierigen Fürsten abhängig, und reich genug, um dennoch Menschen zu retten und sozial Gutes zu tun. Mir geht es um die Fluchtpunkte der Juden. In der Globalgeschichte der frühen Neuzeit spielt diese jüdische Geschichte eine besondere Rolle (Behringer 2023). Immerhin von S. 336 bis 349 wird die Geschichte dieser jüdischen Familie genau beschrieben. Religion, Politik, Geld.

Warum ich das mit dem 7. Oktober verbinde: viele jüdische Menschen, in Israel und weltweit, müssen in diesen Tagen befürchten, dass Israel doch nicht der entscheidende Fluchtpunkt, das Ziel, eine letzte Heimat zu finden bleiben kann – wenn seine Feinde den Mehrfrontenkrieg gewinnen; oder dass es ein Land wird, das nicht als jüdische Heimstatt ohne weiteres erstrebenswert bleibt, unter Netanjahu und seinen faschistischen Koalitionspartnern. Aber natürlich: Israel kann und soll erhalten bleiben und seine Demokratie absichern, auch mit der nötigen Distanz zur religiösen Herrschaftsideologie. Dass das möglich ist, zeigen nicht nur die Demonstrationen.

Wenn normale religiöse Jüdinnen und Juden ihre Identität in Deutschland verbergen, zB. wenn Männer keine Kippa tragen, weil sie angegriffen werden, so ist das schlimm – moralisch, politisch, alltäglich. Wenn einzelne Gruppen – es gibt ja nicht viele Jüdinnen und Juden im Land, gerade einmal 0,2% – versuchen, entweder eine Einheitslinie, man möchte fast sagen: Einheitsgemeinde, zu schaffen, so wie die antisemitischen und antiisraelischen Gruppen sind homogenisieren wollen, dann spricht das gegen die Entwicklung der Demokratie in unserem demokratischen Land. Dass die antisemitischen Gruppen zahlenmäßig die Anzahl der Jüdinnen und Juden bei weitem übertreffen, sei schon angemerkt – es wird in den Nachrichten oft übergangen.

Man darf nicht zurückweichen von den Forderungen, die alle mit einem Waffenstillstand beginnen müssen, der aber in weiter Ferne scheint: die Geiseln müssen befreit werden, die Zweistaatenlösung oder die Alternative einer Einstaatenunion müssen politisch gewollt und vom Ausland unterstützt und beschützt werden (Interview mit Rula Hardal und Omri Boehm: „Die Zwei-Staaten-Lösung wäre ein Desaster“ – Kultur – SZ.de (sueddeutsche.de) 7.10.2024; schon früher: Binationale Föderation – Ein alter, neuer Lösungsansatz für den Nahost-Konflikt (deutschlandfunk.de) 28.1.2021; und noch früher die Gedanken meines Freundes Tony Judt (Tony Judt – Wikipedia), ab 2003 und stark umstritten.

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Ich komme immer wieder auf Omri Boehm zurück. Der ist ein politisch versierter Philosoph, kein Politiker. Seine schon schwierige Ableitung, dass es jenseits der Wahrheiten etwas Wichtigeres, Gerechtigkeit, geben müsse, kann man umsetzen in Praxis, man muss es nicht diskutierend zerfasern (Boehm 2023). Boehm fasst zusammen: „Das Problem…besteht nicht darin, dass Israel nur eine unvollkommene westliche liberale Demokratie ist, sondern darin, dass es so ist, wie westliche liberale Demokratien nun einmal sind: Sie sind für immer auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (152). Und darauf folgt unmittelbar die Kritik des Identitätsdogmas, die dem Stärkeren immer auch Macht über die Schwächeren gibt.

Ich habe seit langem schon meine Kritik an der einen Identitätskonstruktion oder an einer vertikalen Hierarchie von Identitäten entwickelt. Das ist keine philosophische Spielerei, sondern heute wirklicher Ernst, wenn man die entsetzlichen Aussagen der Kontrahenten in den Nahostkriegen zur Kenntnis nimmt. Aber um gegen die Identitätspolitik zu kämpfen, reicht es nicht sie zu kritisieren. Man muss die Schwächen der „westlichen liberalen Demokratien“ aufgreifen, um sie zu stärken, z.B. indem man die scheinbar liberale, de facto aber neoliberale ökonomische Machstruktur ebenso angreift wie die Vorstellung, dass autoritäre Bindungen an Religion und andere Ideologien den Weg zur Stabilisierung abkürzen.

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Uns stehen Wanderungen, Fluchten, Abschiebungen ebenso bevor wie Ankommen, Lagerungen und starres Ausharren dort, wo wir sind. Nicht nur uns jüdischen Menschen, uns Menschen.

Behringer, W. (2023). Der grosse Aufbruch. München, Beck.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Der jüdische Wald

Gerade zurück aus den Alpen: erneuert schon durch Anblicke und Perspektiven. Im Urgestein zieht sich der Wald hoch hinauf, bevor die Felsenbeginnen, auch die Almen sind hoch und es scheint fast zu schön um wahr zu sein. Es ist nicht wahr. Schaut man genauer auf die großen Wälder, sieht man größere Flächen abgestorbener, entnadelter Fichten; man sieht, wie sich die steilen Hänge nach den wilden Stürmen vor 8 Jahren wieder bepflanzen, das werden aber keinen Nadelwälder, und irgendwie ändert sich vieles mehr, Erdrutsche, Trockenheit, Überschwemmungen, das Detail verändert das Ganze, aber die Perspektive bleibt.

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Schaut man aufs Judentum, so ist da etwas ähnliches: der Blick auf die jüdische Geschichte ist wie ein Panorama, das man sich sattsehen kann…wie? fragt der Skeptiker: Jüdische Geschichte, das ist Verfolgung, Demütigung, Shoah…da kann man nur sagen: das auch, leider und immer wieder, ABER eben nicht die ganze jüdische Geschichte. Die darf auch heute weder mit der Shoah noch mit dem 7. Oktober 2023 noch mit der Regierung Netanjahus noch mit dem Auftritt unsäglicher jüdischer Aktivisten religiöser oder auch faschistischer Struktur festgeschrieben werden. Die jüdische Geschichte wird aus den Situationen, in denen sie jetzt scheinbar stecken geblieben ist, wieder ausbrechen, in eine Zukunft, von der wir nicht alles wissen oder genau vorhersagen können – z.B. wie entwickelt sich die Geiselopposition in Israel, oder wie formieren sich die kleinen Minderheiten wie in Deutschland zu größeren humanistischen Koalitionen, oder wie emanzipieren sich jüdischen US WählerInnen vom Trumpismus etc. Wenn es nicht um „Juden“ ginge, wären solche Fragen bei jeder anderen Ethnie politisch, kulturell, „ethnologisch“ ganz alltäglich, normal?!

Aber die Juden. Was sich zur Zeit im Nahen Osten abspielt, nicht nur in Israel, ist ohne die Geschichte des Staates Israel, seine Vorgeschichte, seine Etablierung, seine Verteidigung, seine Diplomatie, seine Wirtschaft, seine widerspruchsvolle Einwanderung etc. nicht verständlich. Wir können da vor langer Zeit zB. religionsgeschichtlich anfangen, um die ultrareligiösen Politiker richtig kritisieren zu können; wir können aber auch ins 20. Jahrhundert gehen und sehen, wie der Zionismus der Staatsgründung umgeschlagen hat in eine ethnisch und politisch ganz andere politische Richtung, die nicht nur die Siedler und die Landnahme, sondern auch das Verhältnis zu den Palästinensern stark beeinflusst, und diese Menschengruppe müssen wir, was Israel betrifft, natürlich auch verstehen, historisch, politisch, religionskritisch, was ist denn der Unt5erschied von PLO und Hamas etc.?

Glauben denn die arroganten Israelkritiker wirklich, einen Staat, dessen Gründung in einem Krieg begann, nach 75 Jahren bewerten zu können? Schaut euch die Deutschen an: seit 1871 angeblich EIN Staat, aber die Leute bezeichnen sich weitgehend heute noch als Bayern, Sachsen und Hamburger. Jaja, ich weiß schon, der Vergleich hat dünne Stellen, aber gerade die muss man füllen, mit der wirklichen Geschichte Israel und nicht den vielfältigen Narrativen der politischen und kulturellen Akteursgruppen.

Eine Konsequenz ist, dass es geradezu moralisch und ethisch verboten ist, ein dogmatisches Quadrat zu praktizieren: Pro-Israel, Pro-Palästinensisch, Kontra-Israel, Kontra-Palästinenser. Das geht nicht, und wird es trotzdem gemacht, ist es ein Anlass zu weiteren Kämpfen. Auch die Zuordnung des Antisemitismus zu den Positionen ist meist fatal, weil Israelkritik und Antisemitismus so wenig deckungsgleich sind wie das komplizierte Gegenbild auf muslimischer oder palästinensischer Seite (Vorsicht, das ist nicht analog, und noch komplizierter…).

UND WAS HAT DAS MIT DEM WALD ZU TUN?

Die Analogie ist einfach: die Perspektive, das Panorama der jüdischen (Welt?)geschichte ist schon beachtlich. Aber es ist auch wichtig, genau hinzusehen, die Verwerfungen, die durch Religion und ethnisch Antagonismen hervorgerufen wurden, nicht zu ignorieren, und – in der Gegenwart – nicht ideologisch Politik und Ethnie unrecht zu vermischen. Darum übrigens schreibe ich gerade an einem Buch, in dem ich „die Juden“ (Ethnie( und „jüdisch“ strengt unterscheide.

Umgekehrt, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, kann man keine Politik der Erhaltung und Zukunft machen.

Dazu kommt noch einiges, aber keine Analyse des gegenwärtigen Kriegs. Erstmals, ganz aktuell: Meron Mendel https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/meron-mendel-wir-juden-brauchen-nicht-den-holocaust-um-in-deutschland-solidarit%C3%A4t-zu-fordern/ar-AA1rLF5N?ocid=msedgdhp&pc=U531&cvid=d218c936e58147499a1c691932366098&ei=28

Schluss mit neofaschistischer Verkleinerung

Vorspiel 1932

„Die NSDAP wurde mit 37,3 % stärkste Partei, sie erhielt also keine absolute Mehrheit. Die Zahl der Mandate stieg von 107 auf 230 an…Ein Großteil der Wähler der bürgerlichen Parteien sowie die der verschiedenen Interessen- und Kleinparteien waren in das Lager der NSDAP übergegangen. Auch konnte Hitler zahlreiche bisherige Nichtwähler für sich gewinnen…Eine irgendwie geartete parlamentarische Mehrheit war auch nach der Wahl nicht in Sicht.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Reichstagswahl_Juli_1932#Wahlergebnisse)

Vergleiche sind notwendig und begrenzt

Die Umstände der Wahlen 1932 in Deutschland und der Wahlen in der EU, in Deutschland, in Österreich u8nd anderswo sind teilweise unterschiedlich. Aber es gibt auch vergleichbare Strukturen. Vergleiche sind keine Gleichsetzung. Grundsätzlich kann man feststellen, dass sich die faschistischen Bewegungen über ganz Europa ausbreiten, und vor der EU Spitze so wenig Halt machen wie von EU Regierungen und NATO Mitgliedern.

Warum Verkleinerung?

Das sind ein paar „große“ Brocken, aber die Verkleinerung tritt ein, wenn sich DemokratInnen immer an den Rechten reiben und zu wenig an sich selbst und ihrer politischen Umgebung arbeiten. Kritik an anderen ersetzt weder Selbstkritik noch Programmatik, die glaubwürdig vermittelt werden kann. Wird sie von DemokratInnen aber nicht, weil die sich gegen die Vorwürfe des rechten Pöbels verteidigen (–> dem Volk aufs Maul schauen!), anstatt ihre Praxis und Programme zu vermitteln.

Beispiel: da wird gerätselt, warum die Jugend den Grünen davonläuft und bei den Faschisten andockt. Viele Kommentatoren analysieren den Blick der Jugendlichen, ihre Ängste und Vorurteile. Aber ganz wenige fragen (sich und andere), wie das mit den Eltern dieser Generation, mit der Schule, mit der Kultur gelaufen ist – der rechte Steigbügelhalter Lindner kürzt weiter Bildung, Kultur und Soziales. Hier gibt es einen direkten Zusammenhang.

Beispiel: Diskurspolitik zu Covid, vor drei Jahren, gestern und heute. Die Freiheit der Schwurbler wird auch gerichtlich höher bewertet als die empirischen Befunde.

Beispiel: viele demokratischen KritikerInnen regen sich auf, dass und weil die AfD und BSW die Podcasts und Medien erobert haben, teilweise regen sie sich zu Recht auf. Aber sie tun nichts, um selbst vermittelbar zu werden.

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Jetzt sagt der Wirtshausmitredner: und WASTUSTDU? Na, ich schreibe diesen Blog. Andere sollen und können berichten, was ich sonst noch tue.

Austria erit in obscuro universo AEIOU

Liest man die Kommentare zum österreichischen Wahlergebnis vom letzten Sonntag, hat man das Gefühl, der Blick von Presse, Politik und Stammtisch kennt Austria nicht, oder bestenfalls touristisch oder analog zu Ungarn und anderen Ärgermachern in der EU. Die faschistische FPÖ vor der konservativen ÖVP und der blassroten SPÖ. Weit hinten die etwas gestärkten NEOS und die arg abgestürzten Grünen, jeweils unter 10%.

Ich hatte schon mehrmals, auch vor dieser Wahl, das Problem aufgezeigt, dass die FPÖ zwei (ZWEI) Faschismen in sich vereint, dass die ÖVP einen Ast mit historischen Faschismen verlängert und dass die SPÖ längst nicht mehr der soziale Antrieb der Republik ist. Die beiden Kleinen (Grüne und NEOS) konkurrieren, haben keine faschistoide Berührung und auch keine sozialistische.

Um Österreich zu verstehen, muss man die Geschichte des Ständestaates und des ersten Faschismus („Austro-F“) vor der Machtübernahme durch die Nazis 1938 genauer studieren, auch die Unterschiede innerhalb der faschistischen Ablehnung von Demokratie durch die beiden Parteien. Es gibt dazu hinreichend und differenziert gute und kritische Literatur, aber es gibt auch eine Art abgeschliffener Geschichtsbetrachtung in der Bevölkerung, die diese Geschichte ihrer tragischen, perversen und absurden Erscheinungsformen entkernt. Auch das ist seit 1945 immer wieder Gegenstand von Literatur, Philosophie, Geschichte, Kunst und gescheiten Diskursen.

Die FPÖ ist faschistisch, verbindet in sich aber die widersprüchlichen Austrofaschismen mit dem deutschen Faschismus, der ab 1933 ins Nazitum überging, und eben extrem „deutsch“ war – und in Teilen geblieben ist. (Man kann in der Analyse der AfD hier auch die Quellen auseinanderhalten).

Die ÖVP ist aus dem Austrofaschismus hervorgegangen, .es gibt durchaus ständestaatliche Strukturen, aber es gibt auch ganz andere, nicht F-fortsetzende Strukturen und Aspekte, was einerseits eine reale Flexibilität, aber nicht unbedingt konstante Glaubwürdigkeit erzeugt.

Die SPÖ, meine Zielpartei in der Kreiskyzeit trotz interner Kontroversen, ist weit von ihrer überragenden, leider auf Wien und die größeren Städte konzentrierten Politik entfernt.

Nun ist aber die Retrospektive zu den verschiedenen Faschismen in Österreich auch deshalb notwendig, weil man sonst viele der Konstellationen nicht versteht. Ein wichtiger Faktor ist zudem die sehr ungleichmäßige Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit, die von Deutschland unterscheidbare Politik des Umgangs mit dem Judentum und die gesamt Migrations- und Asylkrise. Da hat es die Bundesrepublik mit ganz anderen Grenzproblemen nötig, die Differenzen zu Österreich genauer zu erkennen (ich rede jetzt einmal nicht von Baiern). Österreich: Nehammer hat mit Recht Kurz als Kanzler abgelöst, aber für sich ist er genau an der Schnittstelle zwischen einem Pragmatiker und dem austrofaschistischen Erbe zugeneigten Konservativen…ein ihm vorteilhafter Spagat mit gefährlichen Optionen, etwa einer Koalition mit der FPÖ ohne Kickl.

Nein, Österreich ist nicht Ungarn, nicht die Slowakei, nicht die Niederlande mit ihren Faschismen in der Vertikale der Macht, und auch nicht Kroatien und Dänemark. Von allen etwas, und doch anders. Aus vielen Gründen sind Vergleiche, v.a. regionale, mit Italien wichtig, weil dort der herrschende Faschismus die EU schon stark beeinflusst und die typische Trennung von Innenpolitik und Außenpolitik geradezu EUantizipierend prägt. Und man muss schon genau hinsehen und sich vorstellen, wie nach 1918 da ein ganz anderes Land mehrere Identitäten vereint hat, die jedenfalls nicht mit der gängigen deutschen Ostwest Ansicht übereinstimmen. Heute, jetzt. Lest einmal nach, zB. Institut für den Donauraum und Mitteleuropa, IDM, jetzt 9/24, Oder die Nachkriegsgeschichte, z.B. aus der Sicht des Osteuropahistoriker Wolfgang Müller von der Universität Wien, oder mit Hinblick auf die US-Beziehungen zu Österreich (dazu braucht man Reinhold Wagnleitner). Nochmals: ausnahmsweise keine zitierfähigen Literaturangaben, die liegen bei Nachfrage bereit).

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Der Unsinn, dem Volk aufs Maul schauen zu wollen, um die eigene Demokratie zu stärken, lassen wir einmal beiseite. Dann bleiben der eklatante Stadt-Land Bruch, vor allem zwischen dem herrlich vielfarbigen roten Wien (nicht mehr so vielfarbig, nicht mehr so rot, aber….) und einigen der größeren Städte, und dem „Land“. Das sich doch in vieler Hinsicht in Dörfern und kleinen Städten von Deutschland unterscheidet, da muss man schon ethnologisch, historisch, kulturell, manchmal auch religiös genauer analysieren und – leider noch immer, den Umgang der Regionen mit den jeweiligen Faschismen bzw. dem Sozialismus in der Vorkriegszeit und nach dem WKII sich erklären, um zu verstehen, warum manchmal die FPÖ, manchmal die ÖVP relative Mehrheiten errungen hat.

Ich lasse jetzt einmal meine Ansichten und Hoffnungen auf mögliche Koalitionen außen vor. Aber ich rate, empfehle herzlich, ein wenig österreichische Geschichte nicht als Wurmfortsatz der deutschen Geschichte zu studieren. Auf Nachfragen biete ich gerne Literatur und Wissenschaft zur Lektüre, aber nicht vorab. Denn manchmal weiß ich selbst nicht, wer was wie kontrovers frägt.

Ein letztes: der Bundespräsident, Alexander van der Bellen, ist ein unerschütterlicher Repräsentant eines demokratischen, zivilen, republikanischen Österreich. Er kann mit seinen Entscheidungen die Demokratie nachhaltig stützen und schützen.

Es gibt kein zurück. Also…?

Vor den Wahlen in Österreich, nach den Wahlen in drei ostdeutschen Ländern, wetteifern alle möglichen Kommentatoren mit Beschreibungen der Folgen des „Rechtsrucks“. Als ob die Entwicklung in ganz Europa nach rechts nicht seit Jahren absehbar gewesen wäre. Die Deutungen sind oft unerträglich einseitig, falsch oder – brisant. Dumm ist, was konservative und linke Politiker gleichermaßen verkünden: sie müssten eben dem Volk besser aufs Maul schauen – sie sagen: die Wünsche, Ängste, Forderungen derer „da unten“ besser aufnehmen; zuhören, aufmerksam sein etc. Wieso ist das dumm? weil es nicht Aufgabe der Politik ist, dem Volk aufs Maul zu schauen, sondern es ist gerade Aufgabe der Politik, zu regieren, Politik zu machen und nicht Meinungen zu replizieren und als Verstärker für das zu dienen, was gegen die Demokratie vorgebracht wird, um sie zerstören. Ungarn als Beispiel. Oder Söder. Oder…Wenn demokratische Politiker es für richtig halten, die Bedürfnisse, Ängste und Emotionen der Gegner der Demokratie besser zu verstehen, damit sie besser regieren können, ist das ein fataler Trugschluss. Wenn sie das erkennen wollen, um dem Demokratie entgegenzusetzen, sollten sie nicht einfach aufs Maul schauen, sondern gerade nicht übernehmen, was der Pöbel so fordert, vom Heizungseinbau bis zu den Migranten. Ganz zu schweigen von Arbeitslosenhetze, Impfschwurbel, ….und wenn der Pöbel die Todesstrafe fordert, um welches Maul gehts dann?

Was heißt schon „Zufriedenheit mit der Demokratie“? Aber weil ich auf etwas anderes hinauswill, halten wir uns ans Alltagsverständnis: in der Demokratie, in der wir leben, lebt es sich besser als in undemokratischen Umständen. Es lebt sich besser, nicht: die Demokratie an und für sich ist besser. Oder umgekehrt? Dabei wird kaum gesagt, was diese Demokratie gerade hervorhebt oder charakterisiert; häufig wird genau das nur aus der Kritik, was gerade nicht der Fall ist, deutlich. Wenn wir verschiedene Länder vergleichen, dann wundert es schon, wie unzufrieden die meisten Europäer, außer Schweden und Italiener, mit der Demokratie sind (Ulrich Schnabel: Woher kommt die Wut? (ZEIT 40, 19.9.2024). Man muss die Analyse gar nicht teilen, oder nur partiell, aber man sollte sich fragen, ob die Skala wirklich Zufriedenheit-Unzufriedenheit mit der Demokratie bedeutet, als wären die Befragten Auskunftgeber, „Beobachter“ und nicht Elemente der von ihnen bewerteten Gesellschaftsstruktur. Wer in und für eine(r) demokratischen Gesellschaft lebt, lebt nicht nur dort, sondern er oder sie muss notwendig eine Haltung zu dieser Demokratie haben und etwas für oder gegen die jeweilige Realität empfinden und vor allem tun.

Die Zufriedenheitsskala ist eine mediale Falle. Sie verbindet mindestens drei ganz unterschiedliche Wertungen:

  • Man ist mit der Demokratie ganz oder relativ mehr zufrieden als mit nicht-demokratischen Systemen
  • Man ist in der Demokratie zufrieden oder unzufrieden, unabhängig von der Einstellung zum System
  • Man ist zufrieden oder unzufrieden, egal, ob man in der Demokratie oder in einem anderen Sysstem lebt

Mir fielen noch einige Varianten ein. Kommt es auf Zufriedenheit an? Fragt euch bitte einmal ehrlich, wie oft im unpolitischen Bereich ihr aus moralischen oder ästhetischen Gründen, oder auf externen Druck etwas tut, womit ihr nicht zufrieden seid, es aber für sinnvoll und notwendig erachtet. Behaltet die Antwort natürlich bei euch, aber seid vorsichtig im Zufriedenheitsdiskurs.

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Das Anranzen an die Linksfaschisten von der BSW vergrößert nicht die Distanz zur AfD. Fragen sich die Demokraten in Ostdeutschland und den Parteizentralen, wieviel Kooperation mit und Duldung durcvh Faschismus die Demokratie ertragen kann, und wo und wie man von den demokratischen Menschen Kompromisse verlangen kann – nicht wie Faeser Nebelkerzen an den Grenzen zugunsten des Pöbels zu zünden, obwohl jeder weiß, dass man mit der Migration anders umgehen muss, aber was ist für die Dummen schon das Schengen-Abkommen, oder für die EU-Chefin ein italienischer Faschist im Kabinett?

Mit Demokratie kann zufrieden sein, wenn er oder sie in dieser Herrschaftsform den eigenen Platz orten kann und eine ständige Weiterentwicklung absehen und mitgestalten kann. Das kann individuell zu Einbußen materieller Art führen (Viele Demokratien nach dem 2. Weltkrieg…auch DRD-Bürgerinnen (nicht SO viele) nach der Wiedervereinigung…), aber der eigene Wohlstand kann und sollte nicht gegen die eigene Freiheit und die Freiheit aller – ALLER, ihr Weidels und Wagenknechts – ausgespielt werden.

Unzufriedenheit mit und in der Demokratie ist oft auch nur Faulheit oder Bequemlichkeit, meist von Menschen, die NICHT BETROFFEN SIND. Und denen, gerade denen, sollte man nicht aufs Maul schauen, sie sind nicht „das“ Volk. Das ist nicht ganz einfach zu analysieren. Denn die, die sich berechtigt fühlen, die Demokratie zu perforieren und faschisieren, haben ja eine Lebensperspektive, die auch aus dem System, also meist aus unserer Demokratie kommt. Unzufriedenheit aus der geschützten Sphäre hat etwas pubertäres an sich (Junge Rechte, früher auch manche Junge Grüne, jetzt wieder solche Typen) oder es hat etwas retro an sich, das sich nicht an der Planung und Umsetzung von Zukunft orientiert. Deshalb legt man – Von von der Leyen bis zum recht Pöbel und zur rosaroten Sozialrhetorik – die UMWELT wieder beiseite, man erstickt ja selber nicht, und die nächsten Generationen werden es schon erledigen, bevor sie erledigt werden.

Hat jemand gesagt, dass alle und zu jederzeit mit der richtigen Umweltpolitik zufrieden sein müssen?

Oder unzufrieden mit einer Wirtschaftspolitik, in der Widersprüche ja zum gewollten Credo unseres Wirtschaftssystems gehören?

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An dieser Stelle könnte ich eine Perspektive für Erziehung und Schule, für Bildung und Kultur entfalten. Mache ich nicht, das ist ja ein Blog. Aber fragt euch, wohin das marode deutsche Bildungssystem eines der reichsten Länder Europas und der Welt mit hat stürzen lassen, mit, nicht allein, es gibt noch mehr als Schule…und wer knüpft den Zusammenhang? Nicht das Volk mit seinem offenen Maul.