Karl Schlögel – wir brauchen ihn, also lesen und hören wir ihn

Wenn jemand wichtig ist, muss man sich von seinen Ehrungen und Erfolgsbestätigungen nicht abbringen lassen. Das hat schon Pierre Bourdieu anlässlich seiner Inauguration im College der France, durchaus auch ironisch, an die Intellektuellen in der Wissenschaft adressiert(Bourdieu 1985). Karl Schlögel kennen mittlerweile nicht nur Expertinnen und Experten, aber mittlerweile reicht nicht (Karl Schlögel – Wikipedia 24.11.2025). Da ich ihn persönlich etwas kenne und er etwa so alt ist wie ich, verbindet mich nicht nur Bourdieus Abgrenzung mit ihm, ich lese ihn auch seit längerer Zeit und lerne von ihm, wie man wirklich über Russland, nicht nur über Russland, denken und urteilen kann, er ist da die wichtigste intellektuelle und soziologische Stimme, ein erstklassiger Historiker. Das ist so wichtig angesichts des Wahrnehmungsbreis und auch der teilweise unbewussten Unterordnung deutschen Denkens und Beobachtens unter Russland, dass man Schlögel dringend braucht. Ich beziehe mich jetzt auf zwei von mehreren guten Aufsätzen, die auf Vorträgen basieren, in seinem Buch: „Auf der Sandbank der Zeit“ (Schlögel 2025) sind es die beiden Texte: „Die Ordnung im Kopf und die Unordnung der Welt“ (urspr. 30.4.2022, Ffm) (hier I) und „Putin: Meisterchoreograph der Macht“ (Vortrag 31.5.2025 Pour le mérite, Berlin) (hier II).

Man kann zusammenfassen, dass und wie die deutschen Illusionen und Denk-Kavernen gegenüber Russland mit der Wirklichkeit konfrontiert. Mich hat sofort erfreut, dass und wie er sich auf Ernst Bloch bezieht (I, 16) und (II, 136), beide mit dem Zitat des „Dunkels des gelebten Augenblicks“, und mit Kritik an der von der wirklichen Geschichte entfernten deutschen Beziehung zu Russland. Geschichte, die an der Wirklichkeit sich weder linear noch logisch entfaltet, und letztlich auf geschichtliche Kontingenz sich nicht bezieht. Und von daher wird die wirkliche Schlacht heruntergespielt, und man hat in Deutschland den Eindruck, man beobachte vom unbedrohten Feldherrnhügel eine Auseinandersetzung, die uns weder ideologisch noch real, materiell betrifft. Eine Stunde östlich von hier. Drei Jahre später fügt er bitter an, dass das nicht nur Kritik an Putin und den Seinen ist, sondern man an den anderen Diktator (mein Begriff) Trump denken muss, nach dessen Verneigung es sich um einen Pas de deux handelt (II, 137). Und für Schlögel ist es seit 2014 nie nur, nur!, um die Ukraine gegangen, sondern um die „…Selbstbehauptung Europas – mit allen Konsequenzen“ (ebenda). Wenn Schlögel 2022 von einer „russisch unterwanderten Parallelwelt“ schreibt (I, 18) und Medien und die Infiltration genauer darlegt, zeigt sich auch immer die logistische und praktische Schwäche der deutschen, europäischen Gesinnungsorientierung – wie ich finde, als Untergebene von Trump, also „dem“ Westen (Dazu müsste man, mit Schlögel u.a,. noch genauer eingehen).

Nun, in diesen Tagen, ab 20.11.205, blickt man starr, manchmal unterwürfig, manchmal maulend, und bisweilen willig sich einzumischen, in die Trumpstrategie, eine Vernichtung der Ukraine diplomatisch zu fordern, um dann in einem „Kompromiss“ als Friedensstifter aufzutreten, so hat er es heute sagen lassen, und so sehen es seine Vasallen. Und im übrigen die weniger abhängigen Medien. Verallgemeinert man Schlögels Satz, kann einem kalt werden, wenn man wach ist “Nie ist die Ehre der im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen Hitler gefallenen sowjetischen Soldaten sosehr beschmutzt worden wie von diesem kleinen niederträchtigen Diktator und Massenmörder“(I,18). Ja, wenn dieser Vergleich trägt, er tut es, dann ist die Frage der Verbindung von Diktator Trump und Diktator Putin nicht nebensächlich, denn die beiden sind in vieler Hinsicht politisch eineiig – bitte nicht einfach stehenbleiben in den Erscheinungsformen ihrer Innenpolitik oder der absurden Fragen, wohin man lieber auswandern würde … das hatte 1938ff. vielen Menschen das Leben gekostet. Es kann auch noch anders kommen, aber es wird nicht anders kommen, wenn wir nicht mehr sind als illusionäre „Realpolitiker“ angesichts der wirklichen Herrschaften.  

Schlögel beschreibt Putin zu Recht als den „Mann der unendlich vielen Eigenschaften“…“Er ist nicht der Mann ohne Gesicht, wie Masha Gessen meinte“ (II, 143). Darum sage ich, man soll den Diktatoren Trump, Putin, Xi und einigen ihrer Unterläufeln keine Adjektive und Adverbien anschreiben, da sie nun einmal Diktatoren sind – und die können jede Charaktereigenschaft sich annehmen. Selbst unsere Medien finden an Trumps dauernd wechselnden Praktiken und Meinungen eher unverständlich Geheimnisvolles als des Kaisers neue Kleider. Es ginge zu weit, Schlögels USA-Vergleich „American Matrix“ (2023) aufzugreifen, um zu vergleichen. Aber es geht nicht zu weit, seine wirklich nachvollziehbare Position, auch Emotion zu Russland, der Ukraine, dem Baltikum – und natürlich zu uns, Europa, Deutschland, ernst zu nehmen, auch wenn es viele schmerzt, und andere verunsichert. Wir haben nicht mehr viel Zeit, uns auf den Angriff Russlands vorzubereiten, und wir wissen nicht, wann und wie er wem in Europa zuerst und danach gilt. Sich auf Trump zu verlassen, darf nicht sein. Das Dioskurenpaar, ich nenne es Trumputin, er Putinismus und (vielleicht) Trumpismus, ist auf sich selbst konzentriert. An dieser Stelle schließt sich an: „Wir sind ja nicht ganz ahnungslos, sondern haben die lange Reihe der Klassiker, in denen schon alles Wesentliche über Despotie und Tyrannis gesagt ist – von Hobbes, Machiavelli oder Shakespeare, oder näher an unserer Gegenwart, oder formuliert in einer Zeit, die in vielem der unsrigen gleicht, die Schriften Ernst Fraenkels zum Doppelstaat, Franz Neumanns Behemoth, Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Dialektik der Aufklärung oder Hannah Arendts große Studie zum Totalitarismus“ (II,145). Aber den Schlögel muss man lesen und verstehen, empfinden lernen, damit man weiß, worum es nicht mehr geht und was heute angesagt ist.

Bourdieu, P. (1985). Sozialer Raum und <Klassen>. Frankfurt, Suhrkamp.

Schlögel, K. (2025). Auf der Sandbank der Zeit. München, Hanser.

Diktatoren ohne Eigenschaften

Ich hatte davor gewarnt, bei jedem Ereignis den Diktatoren Eigenschaften zuzuerkennen: klug, grausam, unverständlich, vorbildlich…es gehört zum Diktatorentum, sich so zu verhalten, wie man selbst will – und die Abhängigen müssen damit umgehen, nicht der jeweilige Diktator. Vor allem sind Aussagen, dass oder ob ein Diktator klug oder dumm sei, ein unsinniger Reflex der Unkenntnis über Gewaltherrschaft. Ich spreche über wirklich herrschende Diktatoren, Xi, Trump, Putin; zu ihren abhängigen Subdiktatoren, Orban, Erdögan usw. kann man sich ein paar Adjektive leisten oder Adverbien zu ihrer Handlungen, aber Vorsicht: auch sie sind Diktatoren.

Der Faschismus breitet sich global aus, er hält sich auch erfolgreich in der demokratischen EU und anderen, bislang demokratischen Weltgegenden – entweder in der Herrschaft selbst, oder als Opposition, die die Demokratie vor sich hertreibt. Da Faschismus sich auf das Führerprinzip gegen die Demokratie stützt, ist der Zusammenhang zu Diktatoren einsichtig.

Wenn nun faschistische Subdiktatoren auf ihre scheinbar Identität verweisen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen müssen wir aufpassen. Orban ist ein Diktator, nicht weil er Ungar ist. Erdögan nicht, weil er Türke ist. Und Netanjahu nicht, weil er Jude ist. Das letztere macht natürlich mehrere komplizierte Diskurse weiter auf. Aber sie sind auch wieder einfacher zu bewerten, wenn man die Abhängigkeit der Politik(er), also von Faschisten und anderen Autokraten von den „großen“ faschistischen Diktaturen genauer analysiert – dazu sollte man sie kennen. Wichtig: nicht WEIL jemand eine ethnische Qaulität hat, handelt er diktatorisch, sondern OBWOHL. Und das können wir analysieren und verstehen.

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Das ist eigentlich nicht mein Thema. Aber ich brauche es als Rahmen, um die Gestaltung von Außenpolitik und Außenerscheinung in Verbindung zur Innenpolitik zu bringen, EU Beispiele Dänemark, Italien und – Deutschland, wenn es um die unerträgliche Misshandlung von afghanischen Schutzbefohlenen geht und um die ausländerfeindlichen Argumente gegen syrische und ukrainische Menschen bei uns. (Vorsicht: ich spreche in keinem Fall von Kriminellen). Da ist die fremdenfeindliche Politik der rechten, angeblich christlichen Regierung, nicht nur peinlich, sie zeigt auch die historisch belegte Öffnung der Religion zum Faschismus, übrigens auch ihren teilweise Widerstand.

Das alles ist der Zwergenregierung von Lenz nicht so deutlich. Umso wichtiger, es immer wieder öffentlich zu machen. Wir werden verarmen, ja, wir werden mit Europa Karthago III wohl erleben; aber wir müssen nicht die Hilfsarbeiter moralisch und ethnischer Diktate werden.

Diktaturen und Kulturen im Herbst

Man kann gar nicht anders, von allen Seiten prasseln die Informationen und Warnungen auf einen zu. In der ZEIT Nr. 48, vom 11.11., wird unter „Ich, die Macht“ eine beachtliche Auswahl von 10 Diktatoren des 21. Jahrhunderts mit Amtszeiten von 11 bis 46 Jahren vorgelegt und 5 auf dem „Weg zum Autokraten“, von Erdögan (23 Jahre) bis Trump (1 Jahr). 10 weitere „Historische Gewaltherrscher“ sollen unser Wissen vervollständigen. Natürlich fehlen einige in der Gegenwart, man kann die Liste vervollständigen, und man kann den Autokraten und Diktatoren noch viele Zuschreibungen anfügen, und vielleicht gar eine Hierarchie herstellen, die etwas zu unserem Bildungsbewusstsein beiträgt – wie reden wir denn über die jeweiligen Gewaltherrscher, wenn wir schon über sie reden. (Wenn wir ihnen weitgehend untergeben sind, werden wir milder und fürchten Strafen – aber wir denken grüber über sie . Es lohnt sich, zwischen Gegnern und Feinden zu unterscheiden, und zwischen uns machtvoll Beherrschenden und denen, die das untergraben wollen, etwa zwischen Trump und Putin). Ähnliches habe ich mehrfach und anderswo gehört und gelesen, es gehört zu unserer Allgemeinbildung. In der gleichen ZEIT ist auch eine Darstellung vom massiven Influencer der US-Autokratie, Peter Thiel, mit einigem ideologiekritischen Hintergrund: Nicolas Killian : Seine Gedanken beherrschen die USA (S.20f.). Yuval N. Harari beschreibt diese Diktaturen ähnlich, auch heikle Namen, wie Netanjahu sind dabei und Trump wird schon härter verbucht, und vor mit stapeln sich weitere Analysen in diese Richtung, Anne Applebaum, Fritz B. Simon und Giuliano Da Empoli…alles aktuell. Nun, „neu“ ist das nicht, aber wenn man die Zögerlichkeit der deutschen Zwergenregierung wahrnimmt, die noch immer keine wirkliche Vorbedreitungspflicht auf eine globale, europäische, stattliche Abwehrentwicklung sieht, fragt man sich, warum und wie. Und da die Umwelt beiseite gelegt wird, kann die globale Kriegswirklichkeit deren Untergang nur vorwegnehmenm, sicher nicht reduzieren. Dazu werden wir mehr und besser denken müssen, und handeln.

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ABER da gibt es die Hoffnung der Gegenwart: die Kultur – sie ist immer für die Zukunft da. Manche würden sich fragen, was das bedeutet. Aber Kultur verändert die menschliche Gesellschaft dort, wo die Evolution noch nicht oder nicht mehr angekommen ist (Hier kann man mit Thiel vergleichen, für den die Apokalypse überwunden werden muss (!) – für die Elite und um jeden Preis…da gibt es übrigens eine peinliche Analogie, wegen seiner deutschen Herkunft). Kultur muss nicht in „richtige“ Richtung wirken, aber sie kann, und da kommen WIR ins Spiel. Nur zuschauen und zuhören reicht nicht. Teil der Kultur ist jene Verbesserung der Zivilisation, die uns den Vorsprung vor IT und Medienherrschaft und Führerprinzip gleichermaßen auferlegt wie möglich machen sollte, wollen wir nicht in der Vergangenheit versinken. Denken, schreiben, hören, fühlen, und sich nicht dem Wissen der Macht überlassen, sozusagen die Perle in der Muschel sein. Das sind wir nicht.

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Das wird nicht einfach. Unsere Zwergenregierung steuert uns auf das dritte, das letzte Karthago zu, wie ganz Europa. Hohe Löhne, niedrige Renten, schlechte Bildung, teure Reisen, und keine wirklichen Innovationen, das ist weder Zufall noch einfach umsteuerbar ohne unseren persönlichen Aufwand, und das wollen die meist älteren Abdanker nicht. Dann lieber noch einmal Ökonomie vor Ökologie – da geht es wenigstens farbenfroh in den Sonnenuntergang – glauben die. Aber, das denke ich, der Widerstand gibt nicht nur mehr Kraft und Resilienz als die pöbelhaften Vereinfachungen der rechten und anderen Populisten. Aber Überleben ist nicht einfach.

Bürokratie – Das Zauberwort der Zwerge

Diese Bundesrgierung ist etwas verzwergter als frühere, aber auch diese haben Abbau von Bürokratie , meist am Anfang, auf ihre Fahnen und ins Programm geschrieben. Und ihre Beispiele fallen auf fruchtbaren Boden – wenn Genehmigungen, Nachweise, Angaben etc. wegfallen, stellen sich viele vor, dass es weniger Aufwand, kürzere Umsetzungszeiten, mehr Dynamik geben wird – und dass Geld gespart wird.

ja und nein

Die Krtitik an der Bürokratie ist so alt wie die Wirkung dieser Kritik. Yuval Noah Harari hat in Nexus (2024) ausführlich die beiden Seiten der Bürokratie beschrieben (49-58 und mehrfach). Das eine kann man oft nicht ohne das andere haben, und oft rettet uns Bürokratie mit ihrer Datenverwaltung das Leben, nicht nur bei Epidemien, oft zerstört sie jede Dynamik des Fortschritts.

Ich denke, Bürokratie ist ohne Kontext kein praktischer Begriff, sondern Ideologie. Die Herrschaft der Verwaltung von Verwaltung kann fundamental sein – viele Recherchen sind bürokratisch, sie sollen auch transparent sein, sie kann auch fundamental bei der Hinderung von Maßnahmen und der Durchsetzung von Gesetzen sein. etwa bei der Rückführung von AsylantInnen, die schon die Zusage der Rückkehr haben. Also: Thematisierung ohne Kontext und die Aussage, worin die Bürokratie wirklich besteht, ist sinnlos.

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Bürokratie gehört zu den Begriffen, die viele Menschen ärgern oder ängstigen oder verunsichern. Vom Begriff her muss man die „Kratie“, die Herrschaft so in Frage stellen wie bei der Aristokratie, der Meritokratie, ja, in gewisser Hinsicht auch bei der Demokratie…alles nicht so einfach.

Warum mich das interessiert, neben dem kulturgeschichtlichen Hintergrund? Es ist ein Begriff, mit dem schlechte Politiker die Gefühle und Ansichten der Mehrzahl passiver Menschen manipulieren. Die Dümmeren glauben, dass Bürokratieabbau am Anfang von politischen Einsparaktionen stehen muss, anstatt ein Ergebnis von Reformen zu sein. Natürlich kann man sparen – und dann veröden gesellschaftliche Bereiche, und es geht immer zu Lasten von Bedürftigeren, selten von Reichen oder Mächtigen.

Im Zwergenstaat ist das vielleicht nicht so auffällig. Aber wir werden bald sehen, wie die Sozialhilfe, die Kultur und duie Umwelt darunter leiden, dass die Unternehmer und Kapitaljongleure sich nicht mehr rechtfertigen müssen und die Gerichte weniger Belege für ihre Urteile haben.

Aufmerksam, nicht hysterisch – Rechts

In den letzten Jahren der Weimarer Republik gab es Opposition au der demokratischen Mitte gegen die rechtsradikalen und manche linksradikale Parteien und Strömungen. Und natürlich gab es innerhalb der einzelnen Strömungen Unterschiede und Opposition zwischen den einzelnen Gruppierungen, wie denn auch nicht? Es gab also mehr rechtsradikale Parteien als die NSDAP und nicht alle waren faschistisch. Rechtsradikal genügt.

Wenn ich an dieser Stelle die Analogie bemühe, ist es keine Gleichsetzung. Das versteht sich, auch haben wir durchaus Faschismen in der AfD oder in der FPÄ Österreichs, aber keine NSDAP (das ist ein anderes Thema, auch wichtig). Mir geht es aber um etwas anderes: innerhalb des demokratischen Deutschland gibt es durchaus rechtsradikale Strömungen und Personen, die nicht oder noch nicht faschistisch sind. Beispiele kommen z.B. aus Bayern, bei den Abgeordneten, die eine demokratische Verfassungsjuristin schwer verwundet und beeinträchtigt haben; z.B. bei einem Innenminister, der keine Ahnung von menschlichem Unglück hat und meint, man könne sich populärer machen, wenn man einfach einmal nicht gegen bestimmte Abschiebungen ist…es gibt viel mehr solcher Beispiele, aber noch funktioniert der demokratische Widerstand gegensolche Entwicklungen. Bleibt aufmerksam, wir wehren uns. Nicht hysterisch, das nützt nur den Faschisten und denen, die mit ihnen gegen die Demokratie konkurrieren.

*

Wohin die rechte Diktatur führt, kann man an den USA und Trump sehen (womit die Putins und Xis nicht entlastet werden, sondern wir eine weitere zusätzliche Front zu bedenken und zu bearbeiten haben). Ein Beispiel, ganz aktuell: Trumps Krieg in internationalen Gewässern gegen venezolanische Schiffe: David Cole: Getting Away with Murder. NYRB, 23.10.25, LXXII Schiffe in internationalen Gewässern mit x zivilen Toten. Ohne Justiz. Aber die USA stimmen zu. Nur Minderheits- und Justiz-Kritik. Das deutsche Problem mit den USA ist, dass sie noch für einige Zeit unsere bestimmenden Aufsichtsorgane sind, militärisch und damit leider auch diplomatisch. Aber polöitisch verzwergt bedeutet nicht, erheblich arrogant oder durchsichtig unterwürfig zu sein, sondern was man eben ist: abhängig und international weitgehend unfrei. Das gilt auch für die EU. Und hat weniger mit Nationalismus zu tun, als viele denken.

Das ist unangenehm, ich weiß, aber man kann sich nur befristet rausreden, die Drogen wirken nur befristet, genauso wie die Drogen gegen den Umweltschutz heute – je mehr wir inhalieren, desto weiter werden unsere Enkel und deren Kinder leiden.

Ich sammle Daten über die USA. Bei den Russen und Chinesen brauche ich sie nicht, da muss ich keine Untaten mehr beweisen, da wissen wir, was Diktaturen sind. Bei den USA müssen es viele noch lernen…tyrannische Freunde oder anschmiegsame Gegner. Passt auf, dass sie keine Feinde werden, bevor wir uns unser selbst gewiss sind und uns wehren können. Dazu braucht man nicht nur Waffen, oft eher weniger, dazu braucht man vor allem Gewissen, Einsicht und Kultur: daraus kann man auch Politik machen, die länger lebt als Trump und seine Camarilla. Es gibt auch ein Portfolio mit Alternativen zum „Nein“ nach dem Überleben (–> Brecht)

Umberto Eco I – Wichtiger denn je

UMBERTO. so hießen eine Reihe von mehr oder weniger unbrauchbaren Herrschern über Piemont und später Könige von Italien. Aber es gab nur einen UMBERTO ECO, und den wird es weiter geben, wichtiger denn je.

Erste Fassung des Essays:

Eco

Beitrag zum Seminar von Marion Näser-Lather, Universität Innsbruck, Dezember 2025

1.

Verwendete Literatur:

(Saager 1931, Eco 1972, Eco 1977, Eco 1977, Calvino 1977  , Visentini 1993, Eco 1998, Bach and Breuer 2010, Eco 2020) u.a.

2.

Aufgabe des Essays:

Den italienischen Faschismus aus der Sicht von Umberto Eco zu beleuchten. Das ist keine abgeschlossene wissenschaftliche Arbeit, sondern ein mehrdimensionaler Blick eines Soziologen auf die Aussagen des wichtigen Intellektuellen Eco, der Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler war, und sehr gut vermitteln konnte. Was Eco den „Ur-Faschismus“ nannte, hatte er in 14 Beschreibungen knapp und klar beschrieben (Eco 2020), und oft besser als viele Faschismus-Theorien. Das ist eines der Probleme, „Die Verschwommenheit“ des Begriffs (S.30), die ich  teile.

Kurze persönliche Begegnungen und Diskussionen haben mir den ohnedies sehr geschätzten Kollegen noch näher gebracht, aber ich werde weder Anekdoten noch meine subjektive Vorliebe für eine bestimmte italienische Kultur an dieser Stelle in den Vordergrund rücken, sie stützt mich eher.

3.

Im Fokus mehrerer konzentrischer Kreise steht Ecos „Ewiger Faschismus“ (Eco 2020) Original erschienen 2016, sein spätes Werk mit einem wichtigen Vorwort von Saviano. Bevor er zu seinem Hauptthema, dem Ur-Faschismus kommt, zeichnet er den italienischen Faschismus von Mussolini nach und behauptet, dass sich die nachfolgenden Faschismen daraus ableiten (21). Er stellt implizit zwei Thesen auf: dass der italienische Faschismus schwach sei, weil ohne Philosophie bzw. Ideologie, und dass er essentiell eine Bewegung eher als eine Partei sei. Das letztere teile ich für alle Faschismen, insofern wir sehen werden, was sie bei allen Unterschieden vereint. Das erstere mag aus der Sicht des Wissenschaftlers so erscheinen, nur kann man daraus Schwäche nicht ableiten. Wichtiger ist die Feststellung, dass dieser Faschismus nicht „durchgehend totalitär“ war (22). Für micht entscheidend ist diese nachvollziehbare Entscheidung, obwohl die Herkunft des mussolinischen Faschismus bzw. seine Biographie bei seiner sozialistischen Geschichte hätte anfangen müssen[1]. Das ist ein wichtiges weiterführendes Implikat, aber hier nicht zentral. Für Eco von Bedeutung, dass sich alle wirklichen und potenziellen Faschismen nicht in ihrer Bezeichnung erhalten haben, sondern „Faschismus“ zu einem Oberbegriff jenseits realer Differenzierung wurde und ist. Hier sieht man den Wissenschaftler Eco und weniger den Literaten.

Den hatte ich schon vor dem „Namen der Rose“ im Blick gehabt. Seine akademische und wissenschaftliche Konturierung bleibt neben der literarischen weiterhin wichtig[2].

Bevor Eco zu seinen 14 Merkmalen des Faschismus kommt, verweist er auf die Varianzthese von Wittgenstein, nach der die Elemente des Faschismus  ja unterschiedlich kombiniert werden können. Ausgangspunkt ist: „Aber das faschistische Spiel lässt sich auf vielerlei Weise spielen, und der Name des Spiels bleibt der gleiche“ (28). Und damit erreicht er seinen Einstieg in die Systematik von 14 Elementen des Faschismus (30-39). Mir fällt nicht auf, was hier fehlen könnte, aber natürlich kann die Wissenschaft das alles differenziert und analytisch ausweiten[3] – wenn man das braucht. Einsicht in den Faschismus geht also.

Für mich interessant ist, dass Eco ganz deutlich den Nazismus und den Stalinismus als jenseits des normalen Faschismus verortet, und dass die Normalität überall im Faschismus ihre Bandbreite hatte, was nichts entschuldigt, aber vieles erklärt (nicht zuletzt in der italienischen Kultur). Das ist für mich durchaus wichtig, weil es den Unterschied zwischen Austrofaschismus und Nationalsozialismus sowohl auf der Strukturebene als auch in der Realität erklärt. Der Name des Spiels blieb der gleiche.

4.

Ecos Zeichentheorie war auch in der Wissenschaft zunächst nicht populär. Aus dem Widerstand gegen die Ablehnung heraus schrieb Eco im „Namen der Rose“ gleich drei Aspekte: die Zeichentheorie (auch gegen Jorge Luis Borges), den kirchlichen und sozialen Konflikt des Mittelalters  und eine Kriminalgeschichte ersten Ranges (Eco 1982).

Mit und nach diesem Roman wurde Eco auch ein weltberühmter Autor und viele LeserInnen haben sich mit dem Hintergrund des „Namens der Rose“ nicht befassen müssen, und dem der folgenden Romane und Essays auch nicht. Das geht in Ordnung, aber hier ist ja der Faschismus und seine Erklärung relevant, und da bietet Eco eine gute Basis zum weiteren Diskurs. Denn Faschismus  breitet sich zur Zeit global aus, und sein Hauptgegner in allen Varianten ist die Demokratie, und seine Instrumente sind die 14 Thesen Ecos auch in den verschiedenen Spielarten des Populismus.

5.

Die Differenz von Faschismus und Nazismus ist wichtig, vor allem, wenn man die Nazi-Deduktion der deutschen Faschismusanalyse mit der Darstellung der übrigen Analysen vergleicht, vor allem der Italiens und Österreichs (nicht zufällig).  Die Darstellung der Struktur (22-27, vor den 14 Thesen) ist realistisch, nicht den Fascismo entschuldigend, aber ihn richtig verortnend, und das Verhältnis der Führer zur Kultur genau bescheibernd, das waren die Nazis nun wirklich anders. Ecos Darstellung ist grundlegend, und ihr LeserInnen und Leser +nehmt noch Savianos Vorwort dazu, wo er nicht zuletzt den Mut des älteren Eco hervorhebt (7-14) und immer die Retroperspektive der Nazis betont.

Da nun Eco die „Entstehung“ Mussolinis kaum hervorhebt, gehe ich in die Biographik.Sehr früh fiel mir ein Buch von Adolf Saager (* 18791949) auf. „Mussolini ohne Mythus – Vom Rebellen zum Despoten“ (Saager 1931) beschreibt Mussolinis persönliche und politische Biographie vor der Machtübernahme der Nazis, 1931 (!). Saager, ein Deutsch-Schweizer, eher links-unabhängig, lohnt in seiner Beschreibung Mussolinis Kindheit und Jugend, und wie seinen Charakter und seine Rhetoik erst „links“ und ab 1914 „faschistisch“ entwickelte, wobei „Auf den November 1921 fällt Mussolinis eigentliche Bekehung“ (S. 111). Mich interessiert vor allem Kindheit und Sozialisation des jugendlichen, rhetorisch begabten, gespalten erzogenen Aussenseiters, und eben der politische Beginn mit der Arbeiterklasse, bzw. ihrer Politik dazu. Das macht bis heute eine Schwachstelle der kritischen Faschismustheorie, dass ihr klassenbezogener „linker“ Aspekt nicht zum „rechtsradikalen“ Rahmen passt, obwohl es eher darum geht, die Achse Links-Rechts hier nicht objektivistisch einzufügen.

Für mich, österreichisch-deutscher Doppelstaatsbürger, ist das besonders wichtig, weil es den grundlegenden Unterschied zwischen dem deutschen Nazis und dem österreichischen Austrofaschismus nach 1933 bis 1938 erklärbarer macht. Eco macht deutlich, wie komplex und unterschiedlich sich Faschismen entwickeln und doch Faschismus bleiben.

6.

Saagers Buch habe ich antiquarisch erworben. Darin lag auch eine Rezension aus der SZ, 1985, von Heinz Abosch (Heinz Abosch – Wikipedia): Seine Kritik an einem Vergleich von Hitler und Mussolini ist jedenfalls wichtig in der Rezension von Georg Scheuers Buch über den Ur-Faschismus: „Genosse Mussolini? : Wurzeln u. Wege d. Ur-Fascismus“, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1985. Und natürlich Ecos Begriff des Ur-Faschismus…

7.

Wieder fällt mir, diesmal in Innsbruck, ein Buch über die „Lega“ in die Hände, also über einen der Koalitionspartner von Meloni. Aber das Buch ist von 1993, und Bertolucci und Bossi spielen entscheidende Rollen und der Zerfall der Demokratie von innen und außen: (Visentini 1993). „Die Lega hat keine Ideen, sie hat keine Programme“ (97). Das könnte so bei Eco stehen, nicht aber bei den Parteihistorikern des Faschismus. Das Buch ist eine grimmige, ich sage fast „klobige“ Übergangsbrücke aus der italienischen Nachkriegsdemokratie zu Berlusconi bis zu Meloni heute. Spannend natürlich für dauernde Besucher Südtirols ist die Rolle der SVP: „Der Südtiroler Volkspartei gefällt die Lega nicht, aber wer weiss…“ (88-96), und da kommen auch Rechtsradikale vor, wie „der Tiroler“ (Zeitschrift, S. 95).


Erste freiheitliche Regierungsbeteiligung: Am 31. Jänner 2024 erfolgte im Landtag die Wahl der neuen Landesregierung (Partei | Die Freiheitlichen). Als erste freiheitliche Landesrätin wird Ulli Mair in der neu gebildeten Koalition aus SVP, Freiheitliche, Lega, Fratelli d´Italia und der Bürgerliste La Civica künftig die Zuständigkeitsbereiche Wohnbau, Sicherheit und Gewaltprävention verantworten. Da sind sie also in der Koalition, die Rechtsradikalen. Noch können sie an die SVP nicht heran. Aber so etwas stärkt natürlich Meloni. Über die  muss man im Kontext nachdenken.

Giorgia Meloni (* 15. Januar 1977 in Rom) ist eine italienische Politikerin und seit Oktober 2022 italienische Ministerpräsidentin. Sie ist seit der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts in Italien 1946 die erste Frau, die eine italienische Regierung anführt.

Meloni ist seit 2014 Vorsitzende der als postfaschistisch klassifizierten Partei Fratelli d’Italia (FdI) und war von 2020 bis 2025 Präsidentin der Europapartei Europäische Konservative und Reformer (EKR). Im vierten Kabinett von Silvio Berlusconi war sie von Mai 2008 bis November 2011 Ministerin für Jugend und Sport. Bei der Parlamentswahl in Italien im September 2022 trat sie als Spitzenkandidatin ihrer Partei an, die als stärkste Kraft aus der Wahl hervorging. Politisch wird Meloni als rechtsextrem eingestuft. (Giorgia Meloni – Wikipedia).

Auf sie passen genau die von Eco beschriebenen Unschärfen der Parteienstruktur, von der teilweise sehr akzeptablen Außenpolitik bis zum Manövrieren im Inneren, z.B. in der Kultur, und ihrem Druck auf die Veränderung des Justizsystems (Italien: Parlament stimmt für Giorgia Melonis umstrittene Justizreform). Um die marodierte Demokratie zu verstehen, muss man die Zeit Berlusconis zurückgehen, und die Macht und Deformation der Medien analysieren, übrigens eine von Ecos Agenda.

8.

Eco hat begonnen, Belletristik zu schreiben, um seine Wissenschaft zu vermitteln, begonnen mit dem „Namen der Rose“. Manche seiner Bücher sind ohne diesen Rückhalt schwer zu verstehen, andere sind „reine“ Literatur – als ob diese Trennung möglich wäre. In einem ganz schmalen Bändchen schreibt er über Bibliotheken (Eco 1987). Nachdem er sich über Borges`Unendlichkeit wieder einmal lustig macht, kommt er zu einem durchaus holprigen realistischen Problem, das lesewillige Menschen mit Bibliotheken haben, übriegns auch hier didaktisch vollkommen, freudig unseren Bibliotheksbesuch animierend – und seine Schwächen gleich in den Alltag mitverarbeitend. Das erinnerte mich an die kürzlich bei Jean Cocteau gelesene Stelle: „Unsere Schwäche wird also darin bestehen, Nationen der Disziplin und Ordnung zu beneiden und ihnen nachzueifern. Unsere Stärke aber wird sein, Disziplinlosigkeit und Unordnung einzusehen und auszuwerten“ (Cocteau 2025). Ersetzt die Nationen durch Bibliotheken, und ihr kommt der Wirklichkeit nahe, und Eco, dem Sieger über Borges.

9.

Es gibt noch einiges mehr über den Faschismus zu denken und mitzuteilen. Aber das wird ja in den Veranstaltungen in Innsbruck bestens der Fall sein. Was ich sehr ernsthaft sagen möchte, zum vorläufigen Abschluss, bedenkt rechtzeitig, wie sich der Faschismus seit dem Ur-Faschismus zur Zeit ausbreitet und verfestigt. Wie er nicht als Parteisystem wahrgenommen und bekämpft werden kann, sondern als Bewegung.

Das erfordert aktive Demokratie, nicht einfach abwehrende.

Literatur:

Bach, M. and S. Breuer (2010). Faschismus als Bewegung und Regime. Wiesbaden, VS.

Calvino, I. (1977  ). Die unsichtbaren Städte. München, Hanser.

Cocteau, J. (2025). Brief an die Amerikaner. Düsseldorf, Rausch.

                        Kritik an US ent-menschlichte, maschinelle, glättende Kultur versus  „europäisch“, man muss die Ironie verstehen und den Vorrang der Kunst billigen. Mein Blog 30.10.2025

Eco, U. (1972). Einführung in die Semiotik. München, W. Fink / UTB.

Eco, U. (1977). Das offene Kunstwerk. Frankfurt, Suhrkamp.

Eco, U. (1977). Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Eco, U. (1982). Der Name der Rose. München, Hanser. Original 1980.

Eco, U. (1987). Die Bibliothek. München, Hanser.

Eco, U. (1998). Nachdenken über den Krieg. Vier moralische Schriften. München, Hanser.

Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.

Saager, A. (1931). Mussolini ohne Mythus. Vom Rebellen zum Despoten.

. Wien und Leipzig, Hess & Co. .

Visentini, T. (1993). Die Lega – Italien in Scherben. Bozen, Raetia.

Autor:

Michael Daxner

Feuerbachstraße 24-25

D 14471 Potsdam

michaeldaxner@yahoo.com

http://www.michaeldaxner.com

Dank für die Unterstützung an Birgit k. Seemann, Marion Näser-Lather, Tom Koenigs.

Der Text wird demnächst in einer erweiterten englischen Version veröffentlicht.


[1] Kurz zusammengefasst: Nach Anfängen bei der sozialistischen Presse stieg Mussolini 1912 zum Chefredakteur von Avanti! auf, dem Zentralorgan des Partito Socialista Italiano (PSI). Als er dort offen nationalistische Positionen vertrat, wurde er im Herbst 1914 entlassen und aus dem PSI ausgeschlossen. Mit finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung, einiger Industrieller und ausländischer Diplomaten gründete Mussolini bald darauf die Zeitung Il Popolo d’Italia. 1919 gehörte er zu den Gründern der radikal nationalistischen und antisozialistischen faschistischen Bewegung, als deren Duce (von lateinisch dux „Führer“) er sich bis 1921 etablierte. (Nach Anfängen bei der sozialistischen Presse stieg Mussolini 1912 zum Chefredakteur von Avanti! auf, dem Zentralorgan des Partito Socialista Italiano (PSI). Als er dort offen nationalistische Positionen vertrat, wurde er im Herbst 1914 entlassen und aus dem PSI ausgeschlossen. Mit finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung, einiger Industrieller und ausländischer Diplomaten gründete Mussolini bald darauf die Zeitung Il Popolo d’Italia. 1919 gehörte er zu den Gründern der radikal nationalistischen und antisozialistischen faschistischen Bewegung, als deren Duce (von lateinisch dux „Führer“) er sich bis 1921 etablierte. (Benito Mussolini – Wikipedia 31.10.2025).

[2] Ich verweise schon hier auf Eco, U. (1972). Einführung in die Semiotik. München, W. Fink / UTB.

                , Eco, U. (1977). Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

                , Eco, U. (1977). Das offene Kunstwerk. Frankfurt, Suhrkamp.

                Für mich wichtig war schon früh das bis heute aktuelle didaktische Buch „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften. UTB 14. (!) Auflage. 2020. ISBN 978-3-8252-5377-6

[3] Vgl. Bach, M. and S. Breuer (2010). Faschismus als Bewegung und Regime. Wiesbaden, VS.

Retrogegenwart und Vergangenfutur

Der Diktator Trump erkauft und erdroht sich seinen Nobelpreis. Wahrscheinlich knicken alle vor ihm ein, die Speichellecker, Faschisten, Naiven und Gutgläubigen. Lasst ihm den Preis, wenn er izhn erhält, wird der alternative Friedenspreis umso wichtiger sein, und an der Vergangenheit kann der Diktator ohnedies nichts ändern. Was Frieden heisst, kann man ja bei George Orwell in 1984 gut nachlesen. Außerdem, Nobel und sein Dynamit sind ja auch nicht glatt eindeutig…

Ein Freund schenkte mir ein Buch: „Brief an die Amerikaner“ von Jean Cocteau, übersetzt von Paul Celan (Düsseldorf 2025: Rauch). 1949 in einer Flugnacht von New York nach Paris geschrieben. Und als Vorwegnahme der Gegenwart wieder aufgelegt.

Cocteau (1889 – 1963) war schon ein wichtiger Künstler und Intellektueller in Frankreich vor, im und nach dem zweiten Weltkrieg. Seine Reaktion auf die Tage in New York, )Neuyork bei Celan) sind doch nicht die reaktionäre europäisch-konservative Zweiteilung der westlichen Welt in Kultur vs. Zivilisation, aber gerade das kann man bei der Lektüre auch verstehen.

Er vergleicht implizit, manchmal auch deutlicher, die USA mit Frankreich. Seine Kritik an Frankreich ist dem schon berühmten Künstler und Intellektuellen anscheinend wichtiger als die Kritik an den USA, aber hier geht es um das Wegziehen des Vorhangs vor der kulturellen Wirklichkeit Amerikas.

Das Ganze ist schnell, fast fiebrig hingeschrieben. Es geht Cocteau auch um die Schlussfolgerung aus der amerikanischen Art Kunst wahrzunehmen, sich einzunehmen. Mitten im Flug beschwört er sie „(Meine Dankbarkeit…) beschwört Euch (diese Zeilen) nicht zu lesen, während Euer Rundfunk <Musik für Lesende>sendet“ (S. 33). Und vorher, fast pathetisch, warnt er vor der Kunst als „Zerstreuung“, sie sei eine „Weihe“. (S.32). Später wird die Kritik fast gefährlich in ein Retro verpackt, wenn er Goncourts Kritik an den Waschbecken wiedergibt, die an der Wandbefestigt sind…Ist doch gut, oder? Das ganze Essay wendet sich immer gegen die Herrschaft der Zahlen und der Maschine, und hier, beim Händewaschen, klingt es erstmals retrokomisch: „Früher wurde uns das Wasser gereicht, das Licht, die Nahrung und wir brauchten uns nicht von unserem Platz zu rühren. Zahllose Hände waren zur Arbeit bereit und forderten kein Entgelt. Und doch kam jeder auf seine Rechnung. Jetzt sind diese Hände verschwunden. Die Maschine hat sie verdrängt“ (S. 47). Der Ansatz ist natürlich falsch und deshalb auch die Folgerung. Worauf er hinauswill, ist scheinbar paradox: „die Wasserhähne funktionieren in den USA gut“ (Mittelschicht, Massendemokratie) und in Frankreich „äußerst schlecht“, und so kommt er gerade hier zu einem seltsamen Fazit „Unsere Schwäche wird also darin bestehen, Nationen der Disziplin und Ordnung zu beneiden und ihnen nachzueifern. Unsere Stärke aber wird sein, unsere Disziplinlosigkeit und Unordnung einzusehen und auszuwerten“ (Ebda.).

Seine großartige Künstlerschaft, anarchisch, führt er bis zum Ende, dann wird er aktuell wie kaum jemand: „In meinen Träumen bewohne ich eine Welt, in der es noch keine Kontrolle gibt. Es wird sie aber geben, wenn Euer Gefälle sich fortsetzt. Man wird die Träume kontrollieren, und es wird keine Kontrolle der Psychiater sein, sondern die Kontrolle der Polizei. Man wird die Träume kontrollieren sie bestrafen. Die Traumhandlungen wird man bestrafen. Gute Nacht!“ (S. 59)

Stimmt das etwa nicht, bei Xi, Putin, und jetzt Trump? Und gibt es für die drei nicht hinreichend Handlanger?

Und versuchen nachgeordnete Diktatoren das zu übernehmen? Aber ja, nur nicht so dauerhaft und hartnäckig. Nun, mit Kunst und kritischem Denken (allein) werden wir die Diktatoren nicht loswerden, aber ohne diese überhaupt nie. Cocteaus Träume sind ein Hinweis darauf, wo die Gewalt noch nicht direkt hinkann, aber hinwill. Kunst gefährdet die Gewalt, nicht nur sie.

Die Diktatoren der Gegenwart, allesamt mit ihren Lakaien, berufen sich auf die Wiederherstellung der „echten“ Vergangenheit, in Religion, Literatur, Kunst und Philosophie, übrigens auch über die Entwicklung der Geschlechter. Dass sie damit keine Zukunft haben können, heißt nicht, dass in der Zukunft weiterhin in der Vergangenheit leben werden. Da hilft einem Cocteau in seinem übernächtigen Flug…und lässt uns träumen.

Tiere kennen uns besser als wir sie

Nein, keine Phantasie, auch keine globalisierte Welterkundung. Erfreulich viele Artikel der letzten Monate befassen sich damit, dass wir Menschen nicht nur meinen, Tiere erkunden zu können und damit etwas über sie zu wissen, sondern dass diese Tiere oft uns besser „kennen“ als wir sie. Das passt natürlich nicht nur in die Evolutionstheorie, sondern in ein Zeitalter der Welt- und Umweltzerstörung, in dem wir uns schon unserer besonderen, aber auch beschränkten Position im lebendigen Kosmos der Erde bewusst sein können.

Nkiels Boeing: Hat hier jemand dicker Hund gesagt? (ZEIT Wissen #5 2025). Eines von vielen Beispielen.

Wichtiger, dass wir gelernt haben, weder DUMMER HUND noch BLÖDE SAU zu sagen, auch hast du EINEN VOGEL und krümmst die wie ein WURM usw. –> all das eine späte Folge der Erkenntnis, wo wir in der Evolution gerade halt gemacht haben. Ihr habt auch bei mir vom Oktopus mit den 9 Gehirnen gelesen und von den vielen Begründungen, bei Tiervergleichen vorsichtig zu sein.

*

Natürlich kann man überhaupt mit der „Natur“ anders, besser umgehen, aber mit Tieren ist das schon etwas Besonderes, ob wir sie nun frühmorgens streicheln und abends gut gewürzt aufessen, ob wir Angst vor Kühen auf Wanderwegen haben oder sie beim Almabtrieb auf diesen Wegen bewundern. Das Verhältnis von Menschen zu (manchen) Tieren ist schon deshalb besonders, weil sie oft eine oder mehrere Eigenschaften haben, die bei uns so weitgehend nicht entwickelt sind. Verkürzt: das gehört m.E. zur Allgemeinbildung und nicht zu einem speziellen oder Expertenwissen. Und es kann dazu führen, vom Verzehr bestimmter Tiere oder aller Tiere abzusehen, schon aus Mitleid mit ihrem Ende und nicht nur global-ökonomisch. Man kann auch Kompromisse machen und lange, kompliziert darüber diskutieren, ob vegetarisch sein ausreicht oder was man auf sich nimmt, wenn man wirklich vegan ist. Aber zurück an den Anfang: wie gehen wir mit Tieren um und wie gehen Tiere mit uns um, wenn sie sich die Freiheit des Umgangs (beschränkt) nehmen oder nehmen können. Nicht nur Hunde oder Katzen. Aber die auch.

Es ist kein evolutionärer Rückschritt, das Verhältnis von Tieren zu Menschen und natürlich umgekehrt zu überprüfen und zugleich das Verhältnis von Menschen zu AI und nicht-natürlich umgekehrt zu bedenken…das hat noch kein stabiles Ergebnis der Lebensführung oder der Gedankengänge zur Folge, weder bei mir noch bei den zahlreichen KommentatorInnen, aber es ist eine Denk- und Gefühlsbahn, die ich genauer verfolge. Filme wie „Ex Machina“ (https://it.wikipedia.org/wiki/Ex_Machina_(film) )oder „Ich bin dein Mensch“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_bin_dein_Mensch) sind dabei auch wegweisend, doppelt: sie weisen einen Weg, und sie weisen mich, uns weg, fort. Und: sie bleiben hinter dem immer fortschrittlicheren Mitdenken der uns überholenden AI doch zurück. Deshalb ist ein historischer Rückblick manchmal hilfreich, egal wie didaktisch und zeigefingrig: https://de.wikipedia.org/wiki/Nexus_(Harari) . Darüber rede ich hier gar nicht wirklich, nur wie sich die sehr langwierige Emanzipation der Menschen nicht nur von unbegriffenen Vorstellungen, sondern auch von zeitnahen, „modernen“ Unwahrheiten vollzieht – das bringt mich wieder Mensch und Tier zurück, und nicht nur zur menschlichen Unmenschlichkeit, wenn es um den Erhalt von Institutionen geht (Da ist Hariri stark und wir haben gegenwärtig viel Anschauungsmaterial).

Was mich aber umtreibt, dass es keine Beziehung zwischen Menschen und den Tieren geben wird und kann, die zuerst ausgerottet wurden bzw. werden, bevor sie in der Evolution verschwinden oder verändert sind. Warum mich das umtreibt? Unter anderem, weil ich mit meinen Enkelinnen nicht über bestimmte Naturbeziehungen mehr reden kann, weil es deren Objekte nicht mehr gibt, auch wenn sie keine Subjekte sind. Dass mich das in meinem höheren Alter bedrängt, versteht ihr. Man kann eine Menge dagegen tun, aber wohl keine Wiederbelebung der Ausgerotteten oder Ausgestorbenen betreiben. Diese Menge, die man tun kann, grün, politisch, teilweise anstrengend, ist das eine. Das andere ist eine für das eigene Leben folgenreiche Überprüfung des eigenen Verhaltens.

Und wie mich das Reh und der späte Falter wahrnehmen, die ich heute gesehen habe.

Alpdruck

Wir gehen die Felder entlang steigen die Wanderwege hoch, schauen auf die steilen Wiesen. Überall begleiten wir dicke und breite Mauern aus Steinen, oft große Schieferplatten, aufgefüllt mir kleinern, scharfspitzen oder runden Steinen. Nicht das erste Mal steigen wir den Tauernweg zur Hütte auf 2000m hoch, von hier geht es noch 1 1/2 Stunden zum Pass. Noch immer, nach mehr als 500 Jahren gehen große Herden hinüber zum Gerlos und Zillertal, und kommen jetzt, im Herbst, mit Nachwuchs zurück ins Ahrntal, willkommen und vermehrt…Das habe ich mehrfach beobachtet, wir waren auch schon am Tauernpass und sind einmal der absteigenden riesigen Herde begegnet, die einen ganzen Tag lang von Österreich nach Italien über den Tauern nach Hause gestiegen sind.

Darüber habe ich hier schon geschrieben, auch über die politische Passgeschichte nach 1945, als hunderte DPs von Österreich nach Italien gestiegen sind, um dann nach Palästinalangen, das ja bald Israel werden sollte.

Jetzt, Mitte Oktober, ist es schon kalt, die Hütte als eine der wenigen hat noch offen und Betrieb (den besten Graukäse) und wieder bewundere ich den hunderte Jahre alten Plattenweg. Wie die Rindviecher beim Auf- und vor allem Abstieg die vielen Querrinnen ohne Hufbrüche oder Stolpern bewältigen, ist für uns Menschen auch ein Rätsel. Aber die Rückblicke gehen weiter.

Wie kommen diese großen Steinplatten genau in den Weg, wenn sie nicht an richtigen Stelle an die Oberfläche gebracht wurden, die wenigsten? Wie hat man früher Plattenwege angelegt, aber auch die großen Steinmauern, die oft die Wege lange begrenzen? Früher, also vor mehreren hundert Jahren, und bis heute ausgebessert? Wer diese dicken Mauern sieht, mehr als einen halben Meter breit und oft höher als einen Meter, der kann auch daran denken, wie viele Bauern und ihre Gesinde daran gearbeitet hatten, bevor Felder abgegrenzt und steile Wiesen geschützt wurden. In diesen Wiesen sind oft Mauerterrassen aus diesen großen Steinplatten eingelassen. Und überall zwischen den Platten Steine, die über Generationen aus den Wiesen geklaubt oder aus den Bächen hochgeholt wurden.

Das sieht heute noch gut aus. Schöner und besser als Holzzäune und gar Elektrozäune. Auch so gut, wie mit großen Maschinen und Baggern rangebrachten Platten. Aber wie es dazu gekommen ist. Über Generationen.

Da klinken sich zunächst andere Assoziationen ein. Wie alt wurden die Menschen damals, also im 15., 16., 17 Jahrhundert? Wie hingen die landwirtschaftlichen Flächen mit dem im Tal ja ausgeprägten Bergbau zusammen? Wie kann man das heute lernen? Wenn wir von Kasern nach Hinten ins Tal gehen, ca. 2 km, sind wir von zwei dieser Mauern auf einem Plattenweg weitgehend gesäumt, obwohl hier kein Geländeschutz sich aufdrängt (und ein grauslicher Kreuzweg einen zur Heiligengeistkirche führt).

Carlo Ginzburg hat 1976 ein ganz wichtiges Buchgeschrieben „Der Käse und die Würmer“. Das hat meine frühe Didaktik stark geprägt und die Lebensprobleme, dieser damals neue Blick in den Alltag. Das waren „normale“ Menschen. Ich hatte viel gelernt und es mit gegenwartsbezogener Kultutr „von unten“ für meine Studis verbunden. Das fiel mir genau jetzt ein:

Wer waren die Menschen, die diese Mauern gebaut hat hatten, was waren ihre eigenen Interessen und wozu wurden sie gezwungen, wo waren die Konflikte? Schaue ich mir heute die vielfältigen Plattenbefestigungen an, auch zur Stütze von Sanderwegen, als Sicherungen für Bäche, die plötzlich gewaltig tosen können, so kann ich meist schon erkennen, ob sie mit Maschinen herangebracht und befestigt wurden, meistens, nicht immer. Aber mir gehts etwa am Tauernweg um den Alltag vor 500 Jahren. Abgesehen davon, dass ich mit den Tieren mehr Gefühle habe als früher…da stolpern die Kühe in der gut geführten Herde zu Tal, der Plattenweg ist klug und gesichert angelegt. Für die Viehbesitzer war wichtig, dass ihre Tiere unverletzt und lebendig im Tal ankamen, ist wichtig, dass sie ankommen. Das wird schon gefeiert.

*

Wir sind seit Jahren hier, sehen die Veränderungen, den Zuwachs an Talbebauung, den Erhalt der Hüttenwege. Kein Platz für Romantik. Nicht jeder Fortschritt ist fortschrittlich, aber zum Beispiel ist die Kritik an den Almstraße meist verfehlt. Auch wenn man nach einer Stunde steilen Aufstiegs auf das Auto des Hüttenwirts stößt. Aber der Plattenweg bekommt eine gewichtige zusätzliche Gestalt.

Dietger Lather: ein Essay

(Selten gebe ich hier Raum für Gastkommentare. Aber Dietger Lathers Essay ist eine Stimme, die vielleicht die Diskussion beleben und erneuern kann, passt zu einigen meiner vorherigen Ausführungen und geht weder auf Trump zu noch an ihm vorbei).

Waffenruhe in Gaza– ein Anfang, nicht mehr

Die Hamas wird einen Sieg zelebrieren.

Erleichterung überall, Hoffnung überall. Die noch lebenden Geiseln und die Körper der ermordeten werden zu ihren Angehörigen und der letzten Ruhe nach Israel zurückkehren. Die Waffenruhe sei der Beginn eines Prozesses, der GAZA ewigen Frieden bringen soll. So erklärt es Donald Trump mit seinen üblichen Übertreibungen. Warnende Stimmen ertrinken gegenwärtig in der Flut des Dankes.

Dem Präsidenten der USA muss ich für seinen Plan mehr als Respekt zollen, obwohl ich ihn sonst als kriminell bezeichne, als verrückt, vor allem als gefährlich. Ich bin überzeugt, er plant in den USA einen Staatsstreich. Aber Respekt gebührt ihm, weil er einen Waffenstillstand erreicht hat, der noch Wochen zuvor als unrealistisch erschien. Eine diplomatische Meisterleistung.

Verziehen seien Trump seine lächerlichen Übertreibungen, wenn er vom ewigen Frieden fabuliert oder von einem Ergebnis, das zum ersten Male seit Jahrtausenden erreicht worden sei. Zur Erinnerung. Vor Jahrtausenden haben die Römer Jerusalem zerstört, den Tempel verbrannt und die Kultgeräte im Triumphzug durch Rom präsentiert. Die Jüdinnen und Juden wurden versklavt oder vertrieben.

Vom ewigen Frieden träumt die Menschheit seit hunderttausenden von Jahren. Es hat ihn nie gegeben und es wird ihn nie geben. Fraglich bleibt, ob überhaupt ein Frieden zwischen Palästinensern und Israel erreicht werden kann, bei all dem Hass, der durch das Massaker in Israel und die Bombardierung in Gaza entstanden ist oder vertieft wurde. Es wird Generationen dauern, ein friedliches Nebeneinander, ein teilweise Miteinander zu erreichen. Den Willen dazu vermag ich bei den Beteiligten noch nicht erkennen.

Abgesehen von seinen Übertreibungen erklärte Trump seinen Friedensplan deutlich differenzierter, als die Berichterstattung in den österreichischen Medien es wiedergab.

Zu Bibi gewandt, so nennt er den israelischen Präsidenten, appellierte er:

„Er (Bibi) ist ein Krieger und er muss jetzt einmal zum normalen Leben zurückkehren.“

Netanjahu stimmte Trumps Plan zu. Er erläuterte jedoch seine Bedingungen, um den Krieg zu beendigen. Die vorgesehene internationale Körperschaft, die sowohl die Entwaffnung der Hamas überwachen soll wie die Zerstörung ihres Tunnelsystems und ihrer Produktionsanlagen von Raketensystemen, muss ihre Aufgabe erfolgreich beenden. Erst dann wird dieser Krieg dauerhaft beendet sein. Netanjahus weitere Sätze muss sich jeder in Erinnerung behalten.

„Wenn die HAMAS aber ihren Plan ablehnt, Herr Präsident, oder wenn sie ihn vielleicht akzeptieren und dann alles tun, um ihn zu hintertreiben, dann wird Israel selbst die Arbeit zu Ende bringen. Dass kann auf die einfache Art geschehen, aber auch auf die harte, aber es wird passieren….Wir bevorzugen den einfachen Weg, aber es muss geschehen…Denn wir haben nicht diesen schrecklichen Krieg geführt und die besten unserer jungen Männer geopfert, um zuzuschauen, wie die HAMAS in Gaza bleibt und immer noch Massaker gegen Israel plant und durchführt.“

Bisher stand Netanjahu zu seinem Wort. Von keiner internationalen Kritik beeinflusst. Selbst als die mit dem Rücken zur Wand stehende Hamas eine Geisel in einem Auto präsentierte, die flehte, die Bombardierungen einzustellen, weil ihr Leben gefährdet sei, änderte Netanjahu seine Strategie der Zerstörung nicht. Der Zynismus dieses Videos ist mittlerweile ein Markenzeichen der Hamas Propaganda.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass Trump Netanjahus Aussagen unterstützt. Er führte aus, die Hamas erhalte einen Frieden, weswegen sie der Zerstörung der Tunnel und der Produktionsanlagen zustimmen müsse. Er nimmt dafür die arabischen Staaten in die Pflicht. Werde dies nicht erreicht, unterstütze er Bibi, ohne das Wort Krieg auszusprechen.

Sowohl Netanjahu wie auch Trump erinnern sich an das Jahr 2005. Damals setzte der israelische Präsident Ariel Sharon den Rückzug der israelischen Armee und der Siedler aus Gaza durch. Er hoffte auf einen dauerhaften Frieden mit den Palästinensern und Aussöhnung mit den arabischen Staaten. Stimmen warnten vor der Machtübernahme der Hamas in Gaza. Sie errang ein Jahr später einen Wahlsieg bei demokratischen Wahlen. 2007 vertrieb sie gewaltsam ihre palästinensischen Gegner aus Gaza. Wahlen wurden seitdem in Gaza verhindert. Die Hamas etablierte ihre Terrorherrschaft. Unter ständigen Raketenangriffen und Terroranschläge gegen Israelis sowie Bombardierungen Israels in Gaza leidet seit Jahrzehnten die Bevölkerung in beiden Gebieten. Das Hamas Massaker am 07. Oktober 2022 an der jüdischen Bevölkerung und den gegenwärtigen Krieg kann man zu Recht als Höhepunkt beiderseitiger Grausamkeiten bezeichnen, auch wenn die völkerrechtliche und juristische Bewertung differenzierter ausfallen dürfte.

Trump sprach nicht nur von Hamas, sondern auch von anderen Terrororganisationen. Bis zu zehn sollen in Gaza die Menschen unterdrücken und am Massaker des 07. Oktober beteiligt gewesen sein. Der palästinensische Islamische Dschihad (PID) scheint die radikalste neben der Hamas zu sein. Zumindest blickt er auf eine große Anzahl an Selbstmordanschlägen und andere Grausamkeiten gegenüber der israelischen Bevölkerung zurück. Zur Erinnerung. Eine PID Rakete traf den Parkplatz des Schifa Krankenhauses in Gaza Stadt. Als Schuldiger wurde von der Hamas sofort Israel identifiziert. Damit keinerlei Zweifel an der Schuld aufkommen konnten, sammelten palästinensische Sicherheitskräfte alle Raketen-Trümmer auf, anhand derer ein Angreifer identifiziert werden kann. Unabhängige Experten wurden zur Untersuchung nicht zugelassen. Der ÖRR strahlte die Propaganda der Hamas aus. Erinnern Sie sich. Ein Palästinenser im T-Shirt sagte, die Wucht der Detonation habe ihn weggeschleudert. Kein Kratzer auf den Armen oder im Gesicht. Die Redaktionen fielen auf den Schwindel herein und sendeten es in ihren Hauptnachrichten unkommentiert als Tatsache.

Trump erklärte: „Die muslimischen Staaten werden sich der HAMAS annehmen“, ohne weiter zu erläutern, was er damit meinte. Denn es sind die muslimischen Staaten und IRAN, die die Hamas mächtig werden ließen. Die Chefs der Hamas residieren in Qatar. Von dort aus wurde die Hamas in Gaza nach der zweiten Intifada mit monatlich 20.000.000 US Dollar unterstützt. Übrigens mit Genehmigung von Netanjahu, der sich Ruhe in Gaza erhoffte, damit er Palästinenser aus den Siedlungsgebieten im Westjordanland vertreiben konnte. Schließlich gehören Judäa und Samaria nach seiner Überzeugung seit Jahrtausenden zu Israel, weshalb er unverändert einen Palästinenserstaat ablehnt. Das Geld wurde in bar, in Koffern in Autos von Israel nach Gaza transportiert. In einer Dokumentation der BBC über die Konfliktursachen und die Bewertung des Gaza-Krieges wird ein Foto eines Transportes gezeigt. Eine sehenswerte Dokumentation, die gekürzt auf Arte ausgestrahlt wurde. Darin kommen auch palästinensische und israelische Personen zu Wort, selbst Angehöriger der Hamas. [1]

Der damalige Anführer der Hamas, Ismail Haniyeh, der einen Monat nach seinem Interview in Teheran durch Israel getötet wurde, bewertete das Massaker am 07. Oktober als Widerstand gegen die Besatzungsmacht und sagte:

„Jetzt machen die Palästinenser mit ihren neuen Methoden der Feindbekämpfung Hoffnung. Die größten Träume erfordern die größten Opfer.“ Selten solch einen Zynismus vernommen. Ein Blick in die Gedankenwelt von Palästinensern erlaubt die erste Reaktion der palästinensischen Botschafterin bei der UNO, als sie in den Nachrichten vom Angriff der Hamas auf Israel hörte.

„„Das ist ja verrückt. Dieser Angriff der Hamas auf Israel. Wir dachten, jetzt fangen die Israelis schon wieder einen Krieg gegen Gaza an.“ Die Opfer werden sofort zu Tätern. Sie kann sich offensichtlich nicht vorstellen, dass der von Hamas gelebte Widerstand die Ursache des Krieges ist. Kein Wort des Bedauerns über ermordete junge Menschen, keine Verurteilung des Massakers. In den muslimischen Staaten sind diese Einstellungen bekannt. Dennoch unterstützen einige die Hamas, verurteilen alle aber den Krieg und die Zerstörungen in Gaza. Wenn diese Einstellungen von Palästinensern weiter akzeptiert werden, wird Trumps Erwartung, die muslimischen Staaten würden sich der HAMAS annehmen, wie eine Seifenblase zerplatzen.

Wenn dieser Essay veröffentlicht ist, werden hoffentlich die Geiseln freigelassen und die Leichname an Israel übergeben sein. Man kann nur hoffen, nicht wieder Zeuge der demütigen Präsentation von Menschen zu werden, die völlig abgemagert, sich kaum auf den Beinen haltend vor laufender Kamera bezeugen müssen, wie gut sie von der Hamas behandelt wurden. Seit Jahrzehnten hat die Hamas israelische Geiseln benutzt, um Palästinenser aus den israelischen Gefängnissen frei zu pressen. Stolz erzählt davon der Vorsitzende der Hamas in der erwähnten BBC Ausstrahlung. Auch diesmal wird die Hamas die Freilassung der palästinensischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen als Sieg feiern. Vielleicht findet sich erneut ein Sinwar unter den Befreiten, ein verurteilter Mörder, der das nächste Massaker an Israelis vorbereiten wird. Völlig abwegig ist der Gedanke nicht.

Ein westliches Narrativ lautet, die Geiseln seien das letzte Faustpfand der Hamas, wie auch der anderen Terrororganisation in Gaza. Dem folge ich nicht. Um die Hamas tatsächlich zukünftig von einer Regierung oder Einflussnahme in Gaza auszuschließen, müsste sie dort vertrieben werden. Um sie ihrer Operationsbasis zu berauben, müssten die Tunnelsysteme zerstört werden. Von 400 Meilen sprach Trump. Mehr als 600 Kilometer. Gaza müsste temporär entvölkert werden, um diese Systeme sprengen zu können. Das Gegenteil passiert momentan. Die Bevölkerung strebt zurück in den Norden von Gaza, in der Hoffnung auf eine lang anhaltende Waffenruhe. Warum forderte niemand von der UNO, vom UNHCR – dem Hohen Kommissar für das Flüchtlingswesen – Flüchtlingslager außerhalb von Gaza zu bauen? Warum fordert niemand von Israel und Ägypten, Palästinenser für die Zeit der Zerstörung des Tunnelsystems die Bewohner von Gaza in diesen Lagern aufzunehmen? All das wäre möglich, wenn die arabischen Staaten tatsächlich die Hamas entmachten und eine palästinensische Regierung etablieren wollen, die zum Frieden mit Israel bereit ist. Im Gegenzug müsste Trump von Israel fordern, die Vertreibung von Palästinensern aus dem Westjordanland nicht nur zu beendigen, sondern die gewaltsam besetzten Gebiete wieder zurückzugeben. Von beidem ist nichts zu hören. Phase zwei und drei des Friedensplanes könnten das gleiche Schicksal erleiden, wie Trumps Pläne, den Ukrainekrieg zu beenden. Sie bleiben Ankündigungen.

Nicht umsonst sind diese beiden Phasen des Friedensplanes noch umstritten. Unabhängig von einer Lösung zur Entwaffnung der Hamas, des palästinensischen Islamischen Dschihad und anderer Terrorgruppierungen haben diese Gruppierungen bereits ihren ersten „Sieg“ errungen. Sie dürfen in Gaza verbleiben. Die Zeit bis zur Übereinkunft über die nächsten Phasen werden sie nutzen, um Waffen und Fabrikationsanlagen zu verstecken. Sowohl unter den Bergen von Schutt, die durch israelische Bombardierungen angehäuft wurden, wie auch in den Tunnelsystemen. Die Berichte der OSZE oder UNO Missionen, wie Armeen oder militanten Gruppierungen entwaffnen werden können, zeugen vom Einfallsreichtum der zu Entwaffnenden, um ihre Waffen und Kriegsgeräte zu verstecken. Die Zeit, um eine Entwaffnung abzuschließen, bemisst sich daher eher in Monaten als in Wochen.

Trump erwähnte Iran in seiner Rede, verbunden mit der vagen Hoffnung, dieser Staat könne zur Verwirklichung seines Friedensplanes beitragen. Er wird es nicht. Damit ist die Frage offen, ob die Geldströme für die Hamas tatsächlich versiegen werden. Wahrscheinlich werden sie es nicht. Qatar war, ist vielleicht immer noch, einer der größten Geldgeber für die Hamas. Qatar hat in der Vergangenheit mit Netanjahus Hilfe das Überleben der Hamas ermöglicht. Derzeit wird das Emirat als Vermittler gepriesen. Dabei beherbergt es den Kopf dieser Terrororganisation in seiner Hauptstadt. Diese Doppelrolle weist darauf hin, wie brüchig Trumps Friedensplan ist. Es ist sehr wahrscheinlich, zumindest wie bisher in der Kalkulation Israels enthalten, dass Gelder für den Wiederaufbau in Gaza für die Hamas abgezweigt werden. Die UN Organisation in Gaza bestritt, dies sei in der Vergangenheit geschehen, was etwa so glaubhaft ist, wie die Behauptung, die Erde sei flach.

Bleibt die Frage, wie Hamas Kämpfer zur Aufgabe bewegt und entwaffnet werden sollen. Schließlich sind sie junge palästinensische Männer, die wahrscheinlich derzeit ihre Uniformen verstecken. Die letzte Intifada, auf die Israel mit Angriffen zu Land und Bombardierungen reagierte, hatte der Hamas einen unglaublich hohen Zulauf an jungen Männern beschert, die gegen Israel kämpfen wollen. Die Massaker des 7. Oktober haben bewiesen, wie vernichtend der Hass dieser Palästinenser ist. Die derzeitigen Zerstörungen werden sicherlich einen genauso hohen Zulauf bewirken. Weder wird die Operationsbasis der Hamas zerstört werden, noch ihre Kämpfer kapitulieren.

Meines Wissens hat noch niemals eine Terrororganisation kapituliert, wie es im Friedensplan gefordert ist. Es sei denn, ihre politischen und finanziellen Unterstützer wandten sich ab und forderten ihre Auflösung. Beides ist bisher weder von den arabischen Staaten noch vom Iran zu hören.

Es bleibt die Hoffnung, die lebenden Geiseln können zu ihren Familien zurückkehren und die ermordeten an ihre Familien übergeben werden.

Es bleibt die Hoffnung, der Waffenstillstand hält lange an.

An einen Frieden glaube ich nicht. Aber einen erneuten Krieg in ein paar Jahren halte ich für sehr wahrscheinlich.


[1] https://www.arte.tv/de/videos/RC-027162/israel-und-die-palaestinenser/

Teil 1: https://www.arte.tv/de/videos/120413-001-A/israel-und-die-palaestinenser-1-2/

Teil2: https://www.arte.tv/de/videos/120413-002-A/israel-und-die-palaestinenser-2-2/