Es lacht sich

Wenn man sich zu viel ärgert, verflachen alle Gründe und Anlässe, man bleibt ein missgelaunter Zeisel, und niemand nimmt einen ernst oder auch nur wahr, wenn die Texte und Ansprachen des ständig grummelnden Kommentators überhaupt noch aufgenommen werden.

Wenn man sich zu viel amüsiert, kann auch niemand mehr lachen, weil die Anlässe oft zu doppelbödig, altbekannt oder komisch, aber nicht lustig sind.

Ärgern, sich amüsieren etc. sind oft Reaktionen, die neben der Wirklichkeit auf den Boden fallen und dort Lacken bilden, in die man dann auch noch reintritt, und sich wieder ärgert.

So geht es mir in den letzten Tagen, wenn ich über die Akteure und Situationen in Gaza, Israel, Nahost, D.C., bei uns lese. Wer sich über Trump wagt zu ärgern, ist herzlos zu den Geiseln, wer sich über ihn lustig macht, verkennt seine Friedensmacht, wer sich zu weit aus dem allgemeinen Brei herauswagt, wird verurteilt, bevor die Folgen seiner Aussagen auch nur abgeschätzt werden.

Ganz wenige Analysen zur Situation beruhen auf der Wirklichkeit, viele sind so gebildet, dass man seine Erwartungen mit dem, was gerade eintritt, vergleicht. Na und? Und wenn man dann bemerkt, dass man falsch lag, ärgert man sich wieder > siehe oben.

Mich beunruhigt das. Kann man nicht einem Diktator auch einmal eine richtige Handlung zugestehen – wie man ja einem Demokraten immer gern einen Irrtum erlaubt. Wenn der nicht zu langfristig wirksam ist. Der Diktator bleibt Diktator, auch mit dem Denkmal des Verdienstes. Der Demokrat stürzt vielleicht ab…

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Ich wollte aber über ÄRGER schreiben, der oft anstelle von Kritik oder Unverständnis öffentlich wird und dann die eigene Position irrelevant oder lächerlich macht. Ärgert mich der Diktator, weil ich ihn in Wirklichkeit fürchte? Weil ich nichts gegen ihn tun kann und er mich vielleicht noch, oder schon, unterwirft? Die Unschärfe des Begriffs Ärger ist ärgerlich. Denn was spontan ja noch verständlich ist, ich ärgere mich über die Zugverspätung, mit Recht, kann ich nicht aufrechterhalten im jahrelangen Verspätungsgehabe der DB, ich muss mich drauf einstellen. Die Analogie gilt für politischen und anderen Ärger.

Das bringt mir Améry nahe, der immer kritisch zum Jetzt, der sogenannten Gegenwart war. Mein aktuelles Beispiel: ist Ärger eigentlich für den 7. Oktober angemessen? Schrecken, Furcht, Entsetzen, auch Unverständnis sind da besser als Ärger, einschließlich der Frage: über wen? Ärger über die Hamas ist irgendwie verflachend –> siehe oben.

Seit Wochen und Monaten gehe ich diesem Thema nach, dem nicht-jüdischen Gehabe von Netanjahu und seiner faschistischen Truppe und dem terroristischen Gehabe der Hamas. Mittlerweile haben sich Namen, Ereignisse, Konstellationen und Zufälle bei mir eingegraben, und die Kritik und die Ohnmacht haben den Ärger längst verdrängt, wenn er je dominiert hätte. Hat er nicht, auch nicht am entsetzlichen Tag des 7. Oktober. Aber je genauer ich nachforsche, desto schwieriger wird es , auf dem Feld der Geschichte, des wirklichen Geschehens, die Schuldigen, die Inaktiven, die Profiteure und die Unterlegenen dieser Ereignisse in bloße zwei Gruppen, die Guten und die Bösen, zu teilen, sozusagen als Maßstab für die Kommentare von heute –> s.oben.

Das ist keine postmoderne Relativierung, natürlich gibt es Schuldige und Opfer, aber eben nicht schwarz/weiß. Und darum entziehe ich mich dem Hierundjetzt, packe meine Zuneigung zu Israel und meinen Freunden dort in den gleichen Korb mit Kritik am Zionismus wie am Antizionismus, mit Kritik am Konflikt zwischen Sepharden und Ashkenasen, zwischen Arabern, Beduinen, Palästinensern, zwischen Muslimen und Juden und Christen und Drusen, und mit den Beziehungen fast aller wichtigen politischen Staaten seit langer Zeit. Mit anderen Worten, es gibt in der Gegenwart einen Common sense, aber kein Wissen und keine Erkenntnis, die nicht auf die Zeit und den Kontext angewiesen sind. Das verdirbt mir einiges, aber es macht keinen Ärger.

Grauschimmel

Am liebsten Südtiroler Käse…darum gehts mir aber nicht. Und ein diesbezüglich gefärbtes Pferd auch nicht. Leider. Grauschimmel ist der reale und symbolische Überzug, der Gesellschaft und Politik bewuchert und irgendwann weiß man nicht mehr, wohin man treten soll. Der Rechtsruck der deutschen Regierung passt in das europäische und globale Umschwenken von der Demokratie zu Faschismus und/oder Diktatur und/oder zur „illiberalen“ Demokratie=soft dictatorship. An all dem interessiert mich immer mehr, wie die Gesellschaft da agiert und reagiert, und weniger, wie sich der Staat darstellt. Dem entkommt kein Land wirklich, es ist eine BEWEGUNG, die die ordentlichen Schubladen der Demokratie längst verlassen hat (Man kann dazu auch Ivan Krastev, oder Götz Aly lesen, und noch einige mehr, aber mir geht es heute eher darum, wie man=wir das erlebt, darauf reagiert).

Denn natürlich: ein Diktator, Trump, macht sich gefügig, wen er unterwerfen will. Aber seine mehr oder weniger loyale Gefolgschaft ist da vielfältiger und abwägender, und wenn sie falsch entscheiden, dann machen sie es das nächste Mal besser (Selensky bei Trump). Der Diktator kann auch Gutes oder Richtiges tun, darum gebe ich ihm keine Attribute. Hauptsache, der Trigger passt: Gaza macht Trump erträglich, die Tausenden, die er in den USA vernichtet oder vertreibt spielen da keine Rolle. Im kleineren Al Sisi in Ägypten oder den saudischen Säurekillerprinzen. Jetzt geht es um die Rettung der israelischen Geiseln (gut) und der rechtsradikalen Regierung Netanjahu (israelisch, nicht jüdisch!), da kann sich Trump in den Vordergrund spielen. Ich rede von ihm, weil er noch nicht so gefestigt auf dem Thron sitzt wie Xi oder Putin. Kommt noch. Aber zum Thema: wie reagieren die Menschen, wie reagiert die Gesellschaft auf solche Herrscher? So, wie immer, seit jeher. Wer nicht im Mainstream sich anbiedert oder einfach mitschwimmt, kommt in der nächsten Generation in der Literatur oder Kunst zu Ehren, selten gegenwärtig.

Trotz aller Aufrufe zu Resilienz und Widerstand gehts mir dabei nicht gut. Das ist wichtig. Nicht aus der herrschaftsnahen Ruhe, sondern der marginalisierten Nervosität politische Kommentare und ästhetischen Widerstand zu formulieren, das ist ein Zustand, der bleibt ohne dass er sich verfestigen darf. Ihr kennt meine Vorbilder, nicht nur Hannah Arendt, auch Kolleginnen und Kollegen der zweiten, dritten Reihe. Widerstand, was bedeutet der eigentlich? Ist die Wirkung auf die Gesellschaft oder einzelne Subjekte wichtiger, oder die Reaktion auf einen selbst, wie im Duell? Von den bewussten Antworten hängt ab, ob und wie ich mich weiterhin äußere, nicht nur öffentlich, irgend wann redet man darüber auch nicht mehr privat. Gute AutorInnen haben das durchaus thematisiert.

Warum und wie soll man sich zu den Diktatoren und Faschisten äußern, wer soll es wahrnehmen? Viele rufen es übers Meer oder in den Weltall. Ob es von da zurückkommt und wen (auch immer) doch noch erreicht, weiß man nicht, aber man hats gesagt, geschrien, gemalt oder komponiert. Ich weiß schon ein altes Thema, tausendfach erörtert, aber jede und jeder, der und die sich äußert, muss das immer wieder abfragen. Wers nicht tut, landet bei. Zuckerberg und Musk. Halt: bei uns gehts näher an die Herrschaft, sei sie noch so verzwergt. Mariam Lau versucht sich an der Frau von Storch und schrammt an deren Zugewinn an Macht knapp vorbei (Oh Gott, ZEIT 9.10., S.3).

Ansonsten: Es reicht nicht, richtig und kritisch und zielgerichtet zu denken und das auch noch zu sagen, man muss schon das soziale Umfeld der Kommunikation kennen und mitbedenken. Das klingt trivial, aber wenn du es machst, siehst du, wie schwierig es Satz für Satz ist. Das ist mühsam, oft aufwändig, es dauert – und das nutzen die herrschenden Herrschenden aus: mach schnell und beuge dich.

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Jetzt fragen Freunde oder einfach nur Leserinnen und Leser, was ich da schreibe, sozusagen eine veröffentlichte Selbstreflexion? Ja, und nein. Einfach vereinfacht: ich fasse zusammen, was mich betrifft, und es ist auch eine Mahnung: so anders geht es vielen von euch auch nicht. Manchmal ist Selbstreduktion, eine Art Beschränkung, ein von den eitlen Gegnern unerwartetes Kampfmittel.

Mode macht Modelle – Joop macht mehr

Vor fünf Jahrzehnten habe ich die letzte Modenschau in Wien Hetzendorf gesehen. Was war da? Dazwischen lange Zeit bestenfalls Clips im Fernsehen,. Dann vor ein paar Tagen das Modemuseum in Antwerpen. Überrascht und erfreut https://michaeldaxnerdotcom.wordpress.com/wp-admin/post.php?post=7825&action=edit … und heute habe ich die Ausstellung WOLFGANG JOOP IM KUNSTRAUM in Potsdam gesehen 4. Oktober bis 18. November, Kunstraum Schiffbauergasse, Potsdam.

Und bin beeindruckt. Vor dieser Ausstellung habe ich natürlich den Namen gekannt, aber keines seiner Produkte, also seiner Models und Modelle. Und jetzt weiß ich, was und wieviel mehr er kann. Vielleicht ist es klug, die Information erst zu lesen, nachdem man die Ausstellung gesehen hat https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Joop.

Denn das Gesamtkunstwerk bezieht ihn und seine Produkte zu einer erstaunlichen Gesamtheit ein, und es lohnt, sich auch die Filme und Interviews und die Kunst, die Mode, die Modelle und die Skulpturen als einen umfassenden Hinblick auf diesen Mann zu begreifen: Wen und Was sehe ich denn da, was für Assoziationen hatte er und haben wir jetzt, und welche Praxis und Kommunikation lag zwischen den Ideen und den Produkten (er sagt da einiges in den Filmen). Aber zunächst fesselt mich in der Ausstellung eines der Bilder, die er in jungen Jahren gemalt hat. Da gibt es viele Vorbilder im 16. und 17. Jhdt., aber Joop ist schon eigenwillig – und er hat sein Gemälde im Ofen auf „alt“ gebacken (!). Später sehe ich dann Bilder, die ihn mit Egon Schiele verbinden, fast genial. Kunst ein Leben lang, und nicht als laienhaftes „Daneben“ – Bis zum Ende Kunst, Bildnisse und Imagination. Aber natürlich: die Mode war sein Mainstream und er macht das transparent, Handwerk, Erfahrung, Kunst – uns Imagination.

Die Engel und die Affen (Rilke waren es die Engel und die Rosen: Rose, reiner Widerspruch), Hier sind es die Affen und auch die Engel, die haben mehr als Flügel. Und Joop kann mit den Widersprüchen umgehen, ihm fehlen weder Pathos noch Ironie.

Aber schaut euch das einfach an, nehmt euch die Zeit auch für die großen Installationen von Modellen, die auf einen zukommen – man kann sich oft in vieles hineindenken, ohne es sich gleich anziehen zzu wollen, auch das ist Kunst und Inspiration. Ihr merkt, ich bin begeistert und nachdenklich geworden.

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WOLFGANG JOOP IM KUNSTRAUM 4. Oktober bis 18. November, Kunstraum Schiffbauergasse, Potsdam

Nobel? Trump, Meloni und deutsche Zwerge

Ich weiß schon, man darf sich nur lustig machen, wenn einen die Satire nicht trifft. Die Richter wollen immer nur Indikativ juristisch bewerten, Konjunktiv, Ironie und Pathos ist ihnen meist unzugänglich.

Nun, heute wissen wir noch nicht, ob sich der Diktator Trump den Nobelpreis gekauft hat oder nicht. Morgen….aber es ist egal. Die bisherigen Nobelpreise trifft es nicht, oder kaum, und künftige, je nachdem ob sie trumpieren oder nicht, wer weiß?

Nun ist Trump ein Riese, Meloni ist eine normale Faschistin, und in Deutschland regieren immer mehr Rechtsradikale, nicht nur von Bayern, in die Demokratie hinein, Zwerge allerdings.

Die rechtsradikalen Zwerge bei uns machen mir Angst: der Sieg über die Demokratie bei den Verfassungsrichterinnen, der Antisemitismus des Kampfes gegen den Antisemitismus, die Verarmung der ohnedies schwächsten Gruppe der Gesellschaft, und kein Blick auf die Umwelt…Hauptsache, der DAX stürzt nicht ab…Sie breiten sich aus, die Rechten, sie sind meist keine Faschisten, sondern rechte Antifaschisten. Dazu kann ich nicht ironisch schreiben, sondern nur analysieren. Aber die Wirklichkeit ist ärgerlich genug. Vielleicht überstehen wir das alles. Mit geringen Blessuren und vielleicht mit mehr Immunsystem als erwartet. Sagt nur nicht, ihr habt das nicht kommen sehen.

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Meloni hilft uns in Europa für die Ukraine. Ihre Innenpolitik beobachten wir nicht, geht uns ja nichts an. Trump hilft Netanjahu und vielleicht dem Gaza. Was er in den USA macht, als Diktator, geht uns ja nichts an. Da haben wir es besser in Deutschland, noch: was die Zwerge machen, geht uns an und wird noch kritisiert und vielleicht auch verbessert oder gestoppt.

Was uns angeht, bestimmen wir.

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Der ungarische Nobelpreis überrascht, aber sein Träger nicht, er ist noch nicht so alt wie die, die vielleicht eher erwartet wurden. László Krasznahorkai geboren 1954, hat auch schon den österreichischen Staatspreis und etliche andere Ehrungen, und ja – der Diktatur von Orban steht auch Kultur entgegen. Dass er mit Kafka und Thomas Bernhard in Beziehung gebracht wird, stärkt den Zugang. Jetzt müssen wir nur noch mehr von ihm lesen. Vielleicht hilft uns das, jenseits der Riesen und Zwerge zu uns selbst zu kommen.

Das andere Ungarn, was ist wirklich wahr? https://news.orf.at/#/stories/3407889/ aber wen wundert das? Meloni macht es da wirklich besser, FÜR UNS.

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Naja, ehrlich, heute gelingt mir Ironie nicht wirklich. Wenn die Geiseln wirklich freikommen und die Palästinenser aus den Gefängnissen in die Freiheit (?) gelassen werden, dann sind für einen Augenblick Riesen und Zwerge egal. Kein Augenblick hält auf Dauer an.

Welcher Mistkübel für euch?

Wir sind ja die Bürgerinnen und Bürger, also das Volk, Demos, auf dem die Demokratie aufbaut, manchmal wie die Statue auf dem Sockel, manchmal auch nicht. ich werde ja gerne ermahnt, den Bestand der Politik und damit unseres Staates von Grund auf zu stützen und zu unterstützen, und sei es, den Unrat aus der Gesellschaft in geeignete Behälter zu füllen. Wenn es sich um Hundescheiße handelt, ok, das rote oder schwarze Säckchen in die richtigen Mistkübel verbringen. Aber heute habe ich etwas gehört, das mir die Schuppen auf die Augen, wenn nichzt ins Hirn gelegt hätte. im DLF wurde über den richtigen Gebrauch der

Mülleimer

icht etwa philosophiert, sondern analytisch, mehrdimensional räsonniert, was bis zu welchem Prozentsatz in die gelben, blauen, grauschwarzen und braunen Mistkübel verbracht werden soll, und ab wieviel Prozent falscher Beladung die Inhalte dann nicht mehr im Guten genutzt, sondern aufwändig umgepolt werden müssen. Im Prinzip ja nicht falsch, wenn man bedenkt, wer Mittwoch Vormittag sich das anhört, ich schätze, die Nachricht wendet sich an ca 40 Millionen Menschen, die ihren Müll brav entsorgen. Dabei wurde noch gar nicht über Glas gesprochen, das ja sicher wirtschaftlich viel erbringt, wo aber bei den Behältern die Frage, ob eher braun oder grün nicht ganz einfach zu klären ist.

Aber beim Müll: jetzt wurden Kontrollgruppen losgeschickt, die testen, ob die Haushalte ihren Müll korrekt oder sagen wir: beinahe korrekt, entsorgen, und wenn nicht, bekommt man Foto und ein Anschreiben, mit dem man kritisiert wird, weil man dies und jenes nicht zum Kunststoff, sondern in den Hausmüll hätte geben müssen, und noch soviel Pflanzen ja nicht in den braunen Ökomist verbringen, solange sie in einem an sich zersetzungsfähigen Plastiksack sind, weil das den angestrebten Humus abwertet….

So.

Jetzt sagt ihr, ich hätte meine Position gewechselt und stünde an der Seite der umweltverweigernden Querulanten und Klimafeinde und Schwurbler. Sagt es, aber bedenkt: wie trennt ihr Papier von Plastik und wie wisst ihr, ob Korken Kunststoff oder Natur und welches Plastik darf nicht zum Gelben Kübel gebracht werden usw. Der Witz: ICH WEISS DAS MEISTENS: Aber wie viele wissen es nicht, können auch die DLF-Logik des heutigen Morgens nur beim Nachhören im Detail begreifen. Und zB. nicht mehr als 10% falsche Zutaten in den Eimer entsorgen. Gut, ich höre auf zu schimpfen, die Sendung ist vergessen.

Aber vielleicht gibt es geförderte Start-Ups, die die eingesammelte Müllmenge einer besseren automatisierten, ggf. roboterisierten MÜLLTRENNUNG unterwerfen, wäre ja im Ergebnis wirklich ökologisch und könnte als Bestandteil vorzeitiger deutscher Roboterstaatsbürgerschaft angewendet werden.

Wenn ihr sonst keine Probleme habt, rate ich Wurst und Pseudowurst säuberlich eurem Gehirn zu trennen. Das kam auch nicht im Volksbildungsradio. Sonst, also normalerweise, ist der DLF wirklich gut. Aber ich hätte ja heute nicht hinhören sollen.

Wertvolle Abweichung – o Tintenfisch

Ich halte mich auf dem Laufenden, und das ist nicht nur Krieg und Umwelt und Armut. Zu meiner ständigen Information gehören die NYRB und NYT (das wisst ihr), denn noch kämpft das denkende Amerika gegen den Diktator Trump. Manchmal wundert man sich trotzdem, was man nicht nur lernen, sondern verstehen kann. In der letzten # NYRB 9.10.2025 (die sind uns immer eine Woche voraus, kein Irrtum) rezensiert Verlyn Klinkenborg, Professor in Yale, mehrere Bücher über den

OCTOPUS

„Such Flexible Intensity of Life“ Was soll einen das besonders interessieren, außer dass man ihn manchmal mediterran gerne verzehrt, dass man ihm im Meer selten begegnet und dass er schön ist, für Kindergeschichten geeignet. Am Ende der ausführlichen drei Seiten ist man etwas verändert und nachdenklich. Zunächst: wusstet ihr, dass der Octopus mehrere Hirne verteilt auf seinen Körper hat? Auch wenn er nicht so denkt wer wir Menschen, hat er doch eine beachtliche logische Kapazität. Da er aber nur durchschnittlich zwei Jahre lebt, ist die Frage, ob es hier nicht einen „intellektuellen“ (keine Ironie, eher Hilfswort) Überschuss gibt. Aber der Autor rezensiert nicht einfach Spitzenforschung der Meereszoologie. Wie nehmen wir dieses Tier wahr, und wie nimmt der Oktopus uns und andere Tiere wahr? „So what would a common octopus find peculiar or interesting about humans, besides the astounding fact that we don’t live underwater?“ Und nun folgen so viele Unterschiede, dass man irgendwie zu Darwin zurückkehrt, zugleich aber aus Sicht des Titenfischs beim Menschen viele Defizite, z.B. in der Wahrnehmung, feststellt – mit vielen Hinweisen der heutigen Neuroforschung.

Nein, keine verquaste Ideologie. Einfach Forschungsberichte und Fragen über menschliche unsere – Oberflächlichkeit beim Wahrnehmen von Tieren, – bevor sie aussterben, nicht zuletzt durch uns. Nach der Lektüre bin ich kein Experte, aber ich habe jene Form von Zoologie gelernt, die auch an deutschen Universitäten systematisch abgebaut wird. Also kein fröhliches Ende der Lektüre.

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Der Titel der Rezension zählt für sich und für uns. Am Oktopus wird beschrieben, wie die Lebenszeit genutzt wird, was da „eigentlich“ geschieht und gemacht wird. Das kann man studieren, aber jenseits des positivistischen Lehrplans auch die Frage, wie uns der Tintenfisch wahrnehmen würde, könnte er das…Das klappt natürlich um, auf unsere eingeschränkte oder aber umfassende und großzügige Art der Wahrnehmung von Natur und Umwelt, also auch von Gesellschaft. Liest sich wie Science Fiction, aber auch gar nicht, nur wie Science.

Die derzeitige Politik, nicht nur unsere Regierung, auch die Großmächte, die EU, die Kriegsführung, zerstören noch mehr Natur als es die Erderwärmung ohnedies schafft. Wenn ich an die Unmöglichkeit denke, nach unserem Tod die Vielfalt der Natur auf Erden zu erinnern, bleibt nur noch mehr Anstrengung für eine wirksame Umweltpolitik. Nicht nur Octopus kann „lernen“, auch wir können dazulernen…Guten Morgen.

Gedenken, Bedenken und Heucheln. Heute.

Überall in Demokratien gedenkt man der Opfer des Hamas Überfalls vom 7. Oktober 2023.

Das ist richtig so – und hinterlässt doch mehr als nur ein unruhiges Gefühl. Wie ist es zu diesem grausamen, kaum je erlebten Massaker gekommen?

Ich frage mich selbst, warum mich die Vorgeschichte des 7. Oktober so wenig verlässt wie mein eigener, wirklicher Schrecken. Warum diese Geschichte auch nur andenken, wenn Netanjahu die Macht über Gaza und die Hamas entglitten war?

Lest erst einmal: https://en.wikipedia.org/wiki/Israeli_support_for_Hamas (7.10.2025). Unschärfe und Details möglich, die Hauptlinie stimmt. Aber dann muss man auch untersuchen, warum und wozu viele konservative, nationalistische und ultra-religiöse israelische Strömungen den Likud (Partei) und andere Entwicklungen schon lange vorher betrieben haben. Lest auch die Geschichte der Gaza Verhandlungen 1948f. (Ich gehe nicht in die Vorkriegszeit zurück, aber meine Kritik am britischen Kolonialismus bleibt bestehen). Wiederum: es muss nicht alles im Detail mitgetragen werden, aber man muss das Zwischenkapitel: „Das Gaza-Plan-Zwischenspiel“ im 10. Kapitel „Lösung des Flüchtlingsproblems…“ bei Benny Morris genau lesen, um etwas von der Vorgeschichte zu verstehen (Benny Morris: Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems, Hentrich&Hentrich 2024, original 2004, überarbeitet). Und dazu gehört natürlich eine Vorgeschichte seit der letzten Jahrhundertwende und vor allem ab 1936, und dazu gehört die Selbstständigkeit des Staates Israel und der freimachende Krieg 1948, und dazu gehört die Vorgeschichte der jüdischen Gegner des Zionismus und der britische Kolonialismus, und dazu gehört….

Wenig davon erklärt oder gar begründet die unmenschliche Grausamkeit der Hamas am 7. Oktober 2023 und die Vorbereitung darauf.

Die fatale Täter-Opfer-Rotation der Kritik an Hamas und an der israelischen Reaktion darauf verkürzt nicht nur Wissen und Bewusstsein, sondern auch die moralischen und ethischen Positionen, die nicht mit einer Wahrheit umgehen dürfen, ohne Gerechtigkeit – für alle Situationen und nicht linear – an die Begründung der eigenen Position und Interessen zu stellen. Dazu reicht Benny Morris natürlich nicht aus, da muss man schon tiefer in die Geschichte des Zionismus in allen Spielarten, der Gegner des Zionismus etc. graben – und die Geschichte der Palästinenser genauso genau verfolgen, wenn man es aufgrund der zugänglichen Quellen so genau kann.

Wiederum: Wenig davon erklärt oder gar begründet die unmenschliche Grausamkeit der Hamas am 7. Oktober 2023 und die Vorbereitung darauf.

eine Überschrift bedeutet keine Leerstelle: Gedenken hat nur Sinn, wenn es wirkliche Menschen und die Ursache und Folgen ihres Leidens und Sterbens betrifft. Strukturelles Gedenken ist eine gängige, oft folgenlose politische Entmenschlichung. Die Bedenken sind zahlreich, etwa die Kritik an oder Erlaubnis zu Demonstrationen der propalästinensischen Aufmärsche, die sich auch antisemitisch ausbreiten, und mit dem antisemitischen, genauer, judenfeindlichen Substrat der Geschichte zusammengehen. Auch die ambivalente, doppeldeutige, manchmal -züngige jüdische Position zur Situation des Kriegs von Netanjahu (cum et sine Trump) und seiner teils faschistischen, rechtsradikalen Regierung kann man nicht geglättet als Reaktion auf den 7. Oktober einfach hinnehmen. als jüdischer Mensch kann ich das nicht, als Jude bleibt mir nichts anderes übrig?! Diese Differenz bestimmt zur Zeit viel an meinem Denken, Fühlen und also Leben.

Und so würde ich mir heute wünschen, dass die Menschen bevor sie öffentlich werden, nochmal Amos Oz, David Grossmann, Zeruya Shalev, aber auch Omri Boehm, Tom Segev, Ron Leshem, Joseph Croitoru, und auch Herzl und seine Tagungen lesen (ich weiß schon, das geht nicht an einem Tag, aber doch?!). Zu manchem Leid kann man nur Schweigen. Und darf nicht heucheln. Das gilt auch für jeden von uns selbst, gar nicht so einfach.

Kein Frieden und andere Kriege…

Machen wir uns nichts vor. Friedliebende Kommentare sind keine Wirklichkeit, sondern gestalten unter anderem Überzeugungen und Selbstbetrug. Wenn Merz und andere sagen, es sei kein („richtiger“) Friede und irgendwie schon noch irgendwie kein („richtiger“) Krieg – von Russland gegen Europa, ist das mehr als ein sprachliches Beispiel. Und so schrecklich die Umstände des Gazakriegs sind, die trumpoiden Verhandlungen sind auch „irgendwo“ zwischen Friedensplänen und Kriegspotenzialen, keine Wahrheitsstrategie, sondern Anpassung an eine Israel-Trump-angelehnte Rahmenrealität. Wie ich immer schreibe, dass die Wirklichkeit die Wahrheiten dominiert. Deshalb sind die Kommentare der besseren Medien ungewollte Konjunktive, die Grammatik diktieren andere…das gilt auch für die Ukraine, für Sudan, für Kongo. Natürlich gilt es besonders für die neueste, nicht gefestigte Weltdiktatur USA und ein wenig macht sich diese demokratiefeindliche Realität auch bei uns breit – wie denn auch nicht? Das Einzige, das stimmt, sind die Abbildungen der Wirklichkeit leidender, hungernder verletzter, sterbender Menschen, die gerettet werden sollen, müssen, können, nicht immer dürfen, bevor wir wieder und wieder die Täter anklagen oder mit Preisen und Lecken überhäufen.

Das ist der Grund, warum ich viele Daten und Eindrücke sammle, Zu Israel und Gaza vor allem, zur Ukraine, und zu unserer so genannten Regierung, aber gerade da wenig kommentiere. Denn es ist schon wichtig, dass diese Nachrichten auch empfangen werden und man sich nicht dauernd in sich selbst spiegelt.

Was bleibt, das Weiterleben unter den realen Wolken des beschleunigten Welt- und Politikzerfalls, ist nicht wenig. Das ist keine beruhigende Philosophie und schon gar nicht Ablenkung von der Politik. Aber es kommt auch, auch, nicht nur! darauf an, dass wir unsere Widerstandskraft stärken, lebendig bleiben bezieht sich immer auch auf Umwelt und Sozialisation, und natürlich auf Kultur, also die Bereiche, wo die Dummen und die Gefährlichen gleichermaßen sparen wollen. Das dürfen aber nicht nur rhetorische oder demoinstrative Bekenntnisse sein, wir müssen etwas tun. Wenn wir etwas tun, dann muss nicht jeder sofort erfahren, dass wir aktiv uns für das Richtige so und so einsetzen, aber öffentlich muss sein, was die Konfrontation bewirkt, z.B. die Kritik an den Brosius-Kritikern der CSU (das sind rechtsradikale so genannte Christen aus Söders Gehege), z.B. das Niveau der Wehrdienstdebatte (da kann ich nur raten, von den Finnen zu lernen), und vielleicht mit dem Lob an Trump im Nahen Osten etwas zu warten: auch Diktatoren können manches richtig entscheiden, das entlastet sie aber nicht…

Zurück zum Anfang. Wenn sich der Krieg weiter entwickelt, wird er anders sein als unsere verbreitete Kriegsgeschichte, und er wird keinen von uns ganz in die Freiheit des Friedens entlassen – wohin wollt ihr fliehen? Aber es kommt darauf an, was geht vorzubereiten, und dem, was kommt, zu begegnen (siehe oben). Dass wir dabei nicht gewinnen, ist klar. Aber es gibt wichtigeres in unserem täglichen Leben.

Demokratie, jüdisch und soziologisch

Sozio-Demokratie / Instabil

Vorwort

Ich lese regelmäßig mein Berufsblatt „Soziologie“, und meist geht die Diskussion an mir vorüber, aus vielen Gründen. Aber die HerausgeberInnen bemühen sich zunehmend erfolgreich, unsere Wissenschaft mit der Gesellschaft in eine verständliche und kritikfähige Verbindung zu bekommen, und dabei auch die Leerstellen innerhalb der Soziologie zu verzeichnen. Dazu muss ich nicht mehr aktiv in der Uni sein, die Überlegungen helfen schon, bisweilen.

Eine junge Kollegin, Professorin an der Universität der Bundeswehr München (Prof. Dr. Jenni Brichzin (Vertretung) — Institut) schreibt einen langen und komplizierten Aufsatz in der Soziologie: „Die Demokratie der Soziologie – Versuch über eine empfindliche Leerstelle der Disziplin“ (4/2025, 413-447). Sie versucht, das Nachhinken unserer Disziplin in Sachen Demokratie zu erklären und der Kritik auch eine Neubearbeitung folgen zu lassen. Schwierig zu lesen, aber umfassend und m.E. gut so. Warum ich aber damit hier anfange, in meinen Blogs: Brichzin analysiert sehr genau Tocqueville in ihrem Abschnitt „Massendemokratie am Start: Die sozialen Bedingungen der demokratischen Revolution in den USA“ (429-432). Zum Ende des Kapitels und zu Beginn des nächsten fasziniert mich die Genauigkeit, mit der die Volatilität der Demokratie in ihrem „Ensemblecharakter“ beschrieben wird. Ich zitiere jetzt ausführlich, weil hier ein scharfer Blick in eine Gegenwart getan wird, in der demokratische Systeme in kürzester Zeit umgeformt werden, nicht nur die USA, die Türkei, Israel oder Ungarn – im Kern kann das auch bei uns in Bayern oder Sachsen-Anhalt geschehen, darauf kommt es mir aber jetzt nicht an. Unter Bezug auf Tocqueville schreibt Brichzin:

„Und selten wird so deutlich wie hier, dass genau die Mechanismen, die Demokratie doch eigentlich begründen sollen, die gegenteilige Wirkung entfaltenkönnen, ist erst einmal das Zusammenspiel des Ensembles gestört oder ins Ungleichgewicht geraten. Auch die „demokratische“ Ordnung ihrer Zeit kann folglich ins Autoritäre kippen. Als größte Gefahr identifiziert Tocqueville dabei bekanntermaßen die „Tyrannei der Mehrheit“ (T 289). Der unbedingte Glaube der US-Amerikaner:innen an das Mehrheitsprinzip statte die politische Mehrheit mit einer „Allmacht“ aus (T 290), die den „Keim der Tyrannei“ bilde (T 291). Eine spezielle Form der sozialen Schließung ist die Folge, eine Schließung nach Maßgabe der Mehrheit…“ (Brichzin 432, T=Tocqueville). Das kann man natürlich sofort mit Varianten anwenden, nicht nur auf die USA, Israel, die Türkei, Ungarn etc., und auf viele Stimmen in der Demokratie, die nicht von einem Ensemble komplexer Verbindungen ausgehen, sondern von einer, v.a. durch Wahlen bestimmten Form. Mehrheit allein reicht nicht, und nicht nur Brichzin, auch ich denke, dass die Struktur einer Gesellschaft offen gehalten werden muss, immer, und nicht geschlossen werden darf.

Der Artikel insgesamt bleibt interessant, aber ich will mich darauf konzentrieren, wie demokratische Gesellschaften in dieser Zeit eher schnell in autoritäre oder diktatorische und strukturell in faschistische sich wandeln lassen.

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Für mich ist es wichtig zu hinterfragen, zu diskutieren, zu beobachten, was zur Demokratie „noch alles“ gehört, und der Leitfaden des Artikels bringt einem die nötige knappe Systematik bei. So, und jetzt weg von der Soziologie, ich bin ja längst kein aktiver Hochschullehrer mehr, und zur beobachteten Politik.

Dass neben anderen Trump und Netanjahu Demokratie erfolgreich zerstört haben, wird globale Folgen haben. Die USA, als dritte Nukleardiktatur mit einer nicht nur spontanen, ungebildeten, unkritischen Demokratiefeindlichkeit, hat vor allem auf die Menschen negative Auswirkungen, die ja von den USA in der NATO und im westlichen Welthandel sich abhängig wissen. Nicht gerade kolonial, aber kapitalabhängig. Also wir. Und in Israel zerstört Netanjahu endgültig den Zionismus in all seinen Varianten, er und seine Faschisten zerstören die soziale Aufbaustruktur und so viel JÜDISCHES, dass nur mehr die JUDEN bleiben, aber die jüdische Ethik und Kultur zerstört wird, wohl auch die innovative Wirtschaft, wenn er der trumpoide Herrscher bleibt. Also wir jüdischen Menschen müssen eine zukünftige Geschichtsrevision uns antun.

Mit der Auffassung bin ich nicht allein. Ich kann auch die Hamas initial kritisieren, obwohl sie ja von Netanjahu gefördert worden war, aber sie ist ihm entglitten und eine Macht der Barbarei geworden, so wie Netanjahu mit seinem Blick auf eine iranische Monarchie auch nicht gerade demokratisch denkt und agitiert.

Ich lese Oz, Grossmann, Illouz, Neyer, Shalev und viele andere, und ich lese sie anders die Historien der Palästinenser, Araber und Muslime. In diesem „Anders“ steckt mehr Potential an Kritik, an mehreren Seiten – es sind ja nicht nur zwei – als man vermuten kann: wenn man das Ende des bisherigen Jüdischseins in Israel ernst nimmt und das künftige fürchtet – jüdisch wird man weiterhin weltweit sein müssen und können.

Einheit – Wortspiel der Politik

Nehmt die demokratischen Festtage ernst. Das heißt auch: kritisiert sie. Merkel hat recht: wie unsinnig, einen französischen Präsidenten reden zu lassen und niemanden von den Deutschen, die sich vernachlässigt fühlen. Wenn wir im Westen schon die aufgelassene DDR gekauft hatten, dann sollte man doch so etwas wie „Einheit“ konstruieren, nicht feiern. Und ich ärgere mich über jeden ökumenischen Gottesdienst, gerade heute, wo wir die Einheit mit mehr denn je Nichtchristen und Nichtgläubigen feiern sollen.

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„Einheit“ ist ein Begriff, der sprachliche Nachbarn hat: Reinheit, Gemeinheit, und eine interessante Begriffsgeschichte: im etymologischen Wörterbuch von Kluge kommt der Begriff gar nicht vor (1953), dafür im Duden (Beispiel: der heutige Tag) oder bei Wiki. Ich habe keine Kalauer parat, sonst könnte ich nicht kritisieren.

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Ich erinnere diesen Tag vor Jahrzehnten diskutiert, gefeiert und zerlegt, an meiner Universität, konfrontiert noch von Zeitzeugen der Ver-Einigung mit den Alternativen, die man versäumt hätte, vom Kitsch der jeweiligen Teildeutschen bis zu Fragen der Hymnen (bis heute), der Verfassung (bis heute), der Bedingungen des Zusammenlebens. Ja, zwischen wem und wem?

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Im August 1993 erschien bei Fischer ein Taschenbuch „Neues Deutschland“, 19 AutorInnen haben ein geradezu seltenes Kollektiv von links bis rechts, bis an die Ränder der Demokratie vereint (ich war als deutsch-österreichischer Doppelstaatler dabei). Ich habe eine kurze Einschätzung der Situation geschrieben („Was mich nichts angeht, was mich ärgert“, 42-44), mit dem mehr österreichischen Blick. Bitter gegen Kohls Anstimmen des Deutschland-Lieds bei der Vereinigung, ambivalent, was die neuen osteuropäischen Staaten betrifft. Und dann zur deutschen Vereinigung: „Ich ärgere mich darüber, dass diese schöne Einheit von Anfang an schäbig gemacht wird, weil ausgerechnet die deutschen Gartenzwerge der Welt wiederum verkünden dürfen, welchen Wert Nationalismus und Abgrenzung gegenüber anderen Völkern haben“ (1990, nicht erst 2025….). Die Österreicher waren und sind nicht besser, aber wir hatten eine andere Geschichte.

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Also wird heute und morgen gefeiert, wird die Spaltung vertieft. Es ist mir eigentlich egal, weil sich im Zwergischen nicht entscheidet, was riesenhaft schwer zu begreifen ist.

Mathias Greffrath hat heute – zufällig? geplant? – eine beachtliche Sendung uns Diskursanten verpasst: „Ohnmacht. Eine (nicht nur) politische Todsünde?“ DLF 3.10.2025, 9.30. Eigentlich eine sehr traurige Beschreibung der Gründe, warum wir – die Meisten, fast immer – den Weg aus der Unmündigkeit immer wieder vermeiden. Warum wir uns nicht wehren, warum wir unsere Emanzipation gegen unsere Sozialisation, Erziehung, Unterordnung nicht aktiv(er) betreiben – wir verdrängen das auch, „um uns nicht immer schämen zu müssen“. Ja schon, aber wie kommen wir da raus? Der deutsche Rückschritt ist nicht einzigartig, aber doch. Feiert mal schön, aber sagt uns, was ihr eigentlich feiert. Ausnahmsweise hat dieses Wort schon eine Bedeutung. Reinheit, Gemeinheit, Einheit. Und immer feiert das Murmeltier den 3. Oktober.