NICHT ist nicht NICHTS

Da schaut ihr aber, was? Oder auch nicht.

Es ist ganz einfach: solange wir leben, können wir die Unterscheidung von Nichts und Etwas treffen. Das machen wir schon immer so. Aber wenn wir nicht mehr leben, dann sind wir im Nicht, d.h. es gibt nur nichts, und alles, was war, was wir waren, was uns ein Rückblick auf unser Leben erlauben würde, ist nicht mehr. und wird nicht mehr. Darum ist NICHT der richtige Ausdruck dafür.

WARUM SCHREIBE ICH DAS?

Ich will da nicht herumphilosophieren, es ist einfacher. Viele Menschen, zu viele!, gehen vor ihrer Zeit ins NICHT, sie sterben im russischen Krieg, sie verhungern, sie werden getötet oder gehen auf der Flucht zugrunde. Die Toten an sich kann man nicht bedauern oder bedenken, sie sind im Nicht. Aber wir pflegen die Erinnerung, und die kann eminent wichtig sein, und sie kann uns, solange WIR leben mit freudigen oder schmerzhaften Erinnerungen teilweise formen.

Ich schreibe das, weil ich die politischen, scheinbar „realpolitischen“ Sprechblasen der empathiearmen politischen Leitwölfe für beschämend und ärgerlich halte. Finanzielle und ökonomische Bedenken, die ja den Weg angeben, werden als Ziele ausgegeben, die man durch Kompromiss erreicht. Die Ziele sind doch nicht die Ökonomie, dazu brauche ich weder Karl Marx noch die Parteiprogramme…Ich denke da nicht nur an die Koalitionsverhandlungen, nicht nur an die EU Kommission, nicht nur…aber macht einmal eine Liste, wo Ziel und Methode umgekehrt werden und ihr versteht sofort, warum Diktatoren, Trump, Putin und weitere, sich so verhalten. Sie sind noch nicht in ihrem Nicht angekommen, deshalb lassen sie den menschlichen Menschen nichts…kein Sprachspiel.

*

Jetzt einmal zum Nichts, denn zum Nicht kann man nichts sagen. Dieser dauernde Krampf „Das geht dich/Sie nichts an“ gehört irgendwie aus unserer Alltagssprache gestrichen. Ich komme drauf, weil ich die erfreuliche Serie CUM-EX (ZDF) angeschaut habe, und dort die Schwierigkeiten des „Aufdeckens“ von Wahrheiten oder ganz einfach Wirklichkeiten komödiantisch nahe an dem dargestellt wurden, was tatsächlich geschehen ist. Ob mich oder jemandem „etwas“ angeht oder ich mich dafür nicht interessieren soll, kann entschieden werden, aber erst, wenn ich weiß, worum es geht. DAS ist es. Und das muss man nicht theoretisch und philosophisch ausbreiten, das kann jede)r) nachdenkend verstehen. Und irgendwie macht mich das fröhlich, unterhalb der Politik eine Art der Kommunikation zum Gesellschaftsverständnis noch immer wahrzunehmen, die selbst Politik aufbaut. Das können wir alles, und es ist nicht das lügenhafte „von unten“, das die Antidemokraten so gern aufbauen. Unter anderem, weil wir nicht unten sind, auch das ist mir wichtig. Die Vertikale passt nicht zur Demokratie, auch im Alltag.

Welches Ende, von wem und wann?

Ich wollte, ich schriebe Märchen für Erwachsene. Oder Schulbücher zur Geschichte der 2020er Jahre. Aber das kann ich nicht, es bleibt beim Blog. In den letzten Tagen wächst ein psychologisches Verständnis für alle, die keine „Nachrichten“ mehr hören oder sehen wollen – das heißt nicht, dass ich die auch nicht wahrnehme, aber ungern, weil so vieles verklemmt rüber kommt.

Heute, am 8.4., sagen die Weltklimaforscher etwas über den wärmsten März seit jeher, und sie analysieren, wie lange nicht nur unser Land, auch die Ukraine, Polen, Osteuropa die Trockenheit noch überstehen kann. Nicht – wird, kann. (Dass es bei uns morgens sehr kalt ist, hat mit der europäischen und globalen Erwärmung nichts zu tun, es ist eine klimatologische Ironie, wegen der arktischen Eisschmelze…

Vor und nach dieser Meldung das Übliche: Ukraine, Gaza, und natürlich Pmurt, der weiterhin fast unangegriffen die amerikanische Demokratie ruiniert und unsere gleich ein Stück mit. Und die Vorboten der Unsicherheit, ob die schwarzrote Regierungsbildung zustand kommt, und wenn ja, wie. Und wie das alles zusammenhängt, ob und wie, das wäre die eigentliche aufklärerische Tagesarbeit allenthalben, kommt aber nicht richtig in Fahrt. Wer will schon wissen, welches Ende wann und wie zuerst kommt, von wem und wovon angetrieben.

*

Nun machen wir einmal keine Endzeitstimmung, die kann sich am Stammtisch oder beim Abendessen auch ausleben. „In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,….“ sagt schon Hesse, und wir können darüber nachdenken und uns bezaubern, was EIGENTLICH schon lange angefangen hat, aber jetzt wirklich deutlich wird. Nicht, was sich demnächst ereignen muss und wird, sondern was wir damit anfangen und wie, das ist ein spannendes Thema, spannender als der Besuch der Autokraten bei den Diktatoren, spannender als das Abschmelzen der Aktienpakete und Sparguthaben. Wie gehen wir mit dem Zauber um? Die schlechte Unendlichkeit gebietet alles so zu machen wie immer. Geht nicht, klar, dann trudeln wir noch schneller in den Abgrund und das auch noch als Hilfskräfte der Tyrannen. Kann man hingegen alles neu machen, also die Welt und uns selbst? Na, so allgemein wohl nicht, aber konkret.

Ich denke, wir müssen die Aktionen der drei großen und vielen kleinen Diktatoren mit einer Nachkriegserfahrung vergleichen, die bei uns, in Mittel- und Westeuropa, mittlerweile eine Nachfriedenserfahrung ist, welche erst allmählich unsere Euroselbstzufriedenheit perforiert. Nachfrieden heißt, werte LeserInnen, nicht „Krieg“ im historischen Sinn, vielleicht aber in einem erneuerten, ankommenden Sinn? Nachkrieg bei uns war Hunger, Armut, Isolation…und wurde nur von denen umgedeutet in Niederlage und Ausgrenzung, die nicht verstanden haben, was 1945 geschehen war, wirklich geschehen. Aber anderswo war das anders, und die wirtschaftlichen Aufschwünge haben vieles nur verschoben, nicht erklärt, nicht wirklich verstetigt. Das ist natürlich subjektiv anders behandelt. Aber ist es nicht möglich, angesichts der drohenden Verbindung von Angriffen auf Menschenleben, Lebensumstände und Umwelt sich des sozialen Widerstands, der eigenen Zukunftsvorstellungen, auch des Rückzugs von vielen Dingen und der Annäherung an andere, bewusst zu werden? Ist es möglich, die grausige Brandmauer gegen das Weiterentwickeln unserer Evolution zu durchbrechen? Vorsicht, der letzte Satz ist ironische wahrhaftige Ironie.

Also nicht gleich Einschränkungen vorwegnehmen, den Bauchgürtel und den Hirngürtel nicht vorab enger schnallen, aber einmal und mehrmals darüber entscheiden, was für unsere Kinder usw. wirklich wichtig ist. Politik und eigene Lebensführung verbinden….Da reicht es, einmal am Tag die Nachrichten aufzunehmen, aber mehrfach darüber nachzudenken, was denn getan werden soll und wo man sich selbst einbringen kann.

Das klingt pädagogisch, ist es aber nicht. und schon gar nicht religiös, denn es kommt auf jeden von uns an. Stellt euch eine Liste an, welche Umwelt-Dialog-Lebensführung-Solidarität-Widerstandshandlungen jede(r) von euch und uns sich vorstellen kann als realen Widerstand, gegen das, was die Nachrichten ja in sehr abstrakter Form einhüllen. Was aber, wenn es auf uns zukommt, auf Vorbereitung stoßen muss, und dabei denke ich nicht nur an Bunker und Lebensmittelvorräte. An Bewusstsein, Entscheidungen, wenn ihr wollt: Umdenken.

P.S. für die werten LeserInnen, die mich gar nicht kennen. Ich schreibe das auch an einem Tag, an dem ich Materialien lang zurückliegender Familienerfahrung dahingehend aufbereite, ob sie mir, uns, heute für die Zukunft etwas zu sagen haben. Es geht ja nicht nur um uns.

Trump Antisemit &

Das der Diktator Trump keine Adjektive mehr bekommt, ist wichtig und richtig: ein Diktator kann sich mit allen negativen Eigenschaften bedecken, es kommt nicht darauf an, welchen Aspekt man seiner Herrschaft besonders ankreidet – er ist ein Diktator.

Ich bestehe weiter darauf, dass Putin und Trump „verwandte“ Faschisten sind, natürlich mit neuen, zeitgemäßen Formen. Es gibt keinen Grund, Trump für einen partiell näher stehenden Verbündeten vorzuziehen, nur weil wir in der NATO und auf dem Weltmarkt zur Zeit von ihm mehr abhängig sind. Uns es kann immer mehr als einen Diktator geben, den man ablehnt.

Mein Vorbild Prantl schreibt über Jazz vor hundert Jahren und macht einen Sprung in die Gegenwart: Manches, nicht zuletzt die Eskapaden der damals Reichen, erinnert an die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts. Vieles, und das ist jetzt meine subjektive Sicht, auch nicht. Damit meine ich nicht das Politische, denn das wiederholt sich nicht. Die Autoritären des Jahres 2025 sind nicht wie Mussolini, Hitler oder Stalin. Es reicht schon, dass Putin wie Putin ist und Trump wie Trump. (Prantl, SZ 4.4.25). Man beachte das „wie„. Das heißt ja nicht, dass es keine Analogie der heutigen Faschisten zu früheren gibt, sondern nur, dass sie ihre eigene Prägung haben (und nicht zuletzt deshalb von vielen ihrer unterstützenden Volksmassen gegen deren Lebenseinschränkung hoch gelobt werden). Trotzdem bestehe ich auf der Analogie.

Dass Faschisten und andere Diktatoren oft ihren Antisemitismus hinter scheinbarer Judenfreundlichkeit verbergen, ist fast logisch. Wenn wir heute den Juden Netanjahu, der nun wirklich nicht jüdisch ist, als Freund und Verbündeten von Trump und Orban haben, wenn Musk die deutsche Nazis umgarnt, dann ist das bedrohlich genug. Dass Trump das mit der Demolierung der US Wissenschaft auf die Spitze treibt, muss nicht verwundern, ist aber noch komplizierter, weil es dabei auch um die Verfolgung nicht-weißer Gegner (Orientalen) an amerikanischen Universitäten geht. Dazu muss man die Geschichte des weißen Rassismus in den USA kennen.

(Einschub: zufällig in der gleichen Ausgabe der NYRB wie die folgende Berichterstattung über Christopher Browning ein Rezension von Miri Rubin: Christian Hair, über Magda Teters „Christian Supremacy: Reckoning with the Roots of Antisemitism and Racism“, Princeton. Das ist deshalb so wichtig, weil in den USA Juden und Schwarze durch die weiße „Christian supremacy“ besonders betroffen sind. „In the autumn of 2024 anti-Black and anti-Jewish were by far the most common categories of hate crime in the US. Christian supremacy helped make such suffering possible„. O ja.)

Also zurück zu Trump, dem Antisemiten, und seinen faschistischen Untergebenen: Der Kampf der rechtsreligiösen Amerikaner gegen die Wissenschaft ist schon alt, und breitet sich aus, je schwächer die Demokratie ist. Denn man muss ja die alternativen Wahrheiten verbreiten dürfen. Und wenn man an der Se4ite Netanjahus die arabischen Studierenden der USA demütigen oder verjagen kann, gelingt das umso leichter, wenn man sich als Faschist für die Juden bzw. für Israel einsetzt – wie Trump. Man muss Christopher Browning genau lesen: Trump, Antisemitism & Academia. (NYRB 10.4.2025, S. 42). Trump benutzt einige antijüdische Vorfälle „while openly advocating criminal violence against Palestinians. His campaign against campus antisemitism is simply a hypocritical pretetx for his aussault on American higher education„. Das hat natürlich folgen. Immer mehr Hochschullehrende verlassen US-Unis und gehen in demokratische Länder. „Was hier geschieht, ist Faschismus“ von Frauke Steffens (FAZ 4.4.2025 beschreibt, wie ein Professor aus Yale (immerhin eine der besten Unis der Welt) nach 12 Jahren die Hochschule verlässt und nach Kanada geht (wo man ihn „natürlich“ gern empfängt). Auch Timothy Snyder macht das und andere…auch wir müssen sie aufnehmen und pflegen – die USA lassen das

*

Nochmals. Trump ist ein Diktator, deshalb ornieren wir ihn nicht mit Adjektiven. wissenschaftliche Denken fallen. Das man oft in der Politik taktisch mit ihm umgehen muss, ist angesichts seiner Macht wohl unumgänglich, in Grenzen, aber es gibt keine positive Verbindung – wie man das früher mit dem Westen wohl getan hat, es gibt keine Dankbarkeit gegenüber den USA, es gibt nur die Pragmatik des Schwächeren gegenüber einem Diktator. Das entlastet unser Verhältnis zu Putin nicht. Ein Diktator relativiert nicht einen anderen.

Und wenn die Israelische Politik (Botschafter) in die jüdische Meinu8ngsfreiheit in Deutschland eingreift, muss uns klar sein, dass nicht jeder Jude (Netanjahu) auch jüdisch ist. Darüber kann, muss man streiten. „Jüdisch“ ist nicht nur ein Adjektiv. Es ist eine Bezeichnung, die sowohl historisch, religiös und/oder ethisch als auch politisch auf einer Überlebensmoral beruht, die mit dem Judentum mehr zu tun hat als mit der derzeitigen israelischen Regierung.

Zwei Welten. Politik und Wirklichkeit

Omri Boehm[1] hat seine Rede zum 80jährigen Gedenken verschoben, u.a. wegen der israelischen Indienstnahme des Opfergedenkens (Gedenken zu Buchenwald-Befreiung

ohne Philosoph Boehm, dpa 2.4.2025, vgl. auch Streit vor Gedenkfeier – Gedenken zu Buchenwald-Befreiung ohne Philosoph Boehm – Politik – SZ.de)). Die offizielle Politik Israels ist natürlich gegen den Philosophen Boehm eingestellt:

„Die israelische Botschaft in Berlin schrieb auf X, es sei empörend und eine «eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer», Boehm einzuladen. In dem Posting unterstellte die Botschaft Boehm unter anderem, den Holocaust zu relativieren“. (dpa)

Das ist keine Ausnahme aus der reaktionäre Politik Israels: „Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist am Donnerstag trotz eines internationalen Haftbefehls in Ungarn eingetroffen. Netanjahu landete am Donnerstag kurz nach 2.30 Uhr am Flughafen von Budapest, wo er von Ungarns Verteidigungsminister Kristof Szalay-Bobrovniczky empfangen wurde.“ (t-online 3.4.2025). Natürlich wird der Faschist Orban den israelischen Verbündeten empfangen, um die europäische Demokratie zu schwächen. Jetzt tritt er aus dem Strafgerichtshof aus – es ist Zeit, Ungarn aus der EU auszuschließen, solange der Faschist dort regiert. Gefährlicher wird es, wenn der erwartete deutsche Kanzler Merz auf seiner Einladung Netanjahus besteht.

Da jüdische Menschen eben Menschen sind, und ein Teil der Menschen wie überall Faschisten sein können, ebenso wie Antifaschisten, ebenso wie klug oder dumm, weil sie eben Menschen sind, schließt sich der Kreis der Argumente gegen die israelische Ausnahmeposition, die zunehmend im Fahrwasser des Diktators Trump taumelt, aber schon vorher gefährlich verletzt war.

Ich muss das hier nicht kommentieren, alle Elemente des Arguments finden sich in den heutigen Medien, und was sich in Budapest tut, ist im Schatten des Trump-Angriffs auf die demokratischen und darüber hinaus bedürftigen Menschen weltweit ohnedies nur ein Nebenschauplatz. Das hat für uns Konsequenzen. Die wichtige Marianne Birthler fasst es richtig zusammen: Ex-Bürgerrechtlerin Birthler fürchtet Abgleiten der USA in Diktatur (DTS 2.4.2025), übrigens: wieso Ex-?

Im Übrigen zeigt sich, wie falsch die deutsche „Staatsräson“ gegenüber Israel die Wirklichkeit fehl-interpretiert. Mich interessiert an diesem ansteigenden Konflikt vor allem, wo die Deckungsgleichheit der Diskurse um JUDENTUM und ISRAEL nicht vollständig ist, wo also Differenzen bestehen und wie sie bedacht werden müssen.

Das geht nicht mit dem Zeigefinger einer weiteren eigenen Meinung. Da muss schon tiefer gegraben werden, in die Geschichte des Judentums, des Zionismus, des Antizionismus, der sephardischen Mehrheitsübernahme gegenüber den Ashkenasen usw. Also wissenschaftlich und empathisch sich mit Israel, dem Nahen Osten und seinen jahrzehntetiefen, jahrhundertetiefen Feinden, und der Gegenwart auseinandersetzen.

Der Nebenschauplatz regt mich trotzdem auf. Die mangelnde Distanz zu den politischen Diskursen wie zum Universum von fake-news, also die Distanz zur Differenz von Wahrheit(en) und Wirklichkeit verbaut oft vernünftige und gewaltmindernde Kommunikation.

*

Dabei wollte ich heute über etwas anderes schreiben, geht aber nicht, wenn sich die bösen Geister vor die Bühne drängen. Ich muss ja meine Follower nicht beruhigen, sage ich mir. Aber die Aufgeregten auch nicht noch mehr aufregen. Eigentlich wollte ich über das Frühjahr schreiben, die Jahreszeit des Erwachens. Tückisch, weil man sich überfordert. Und eben literarisch und poetisch viel schöner als wirklich…die Sonne scheint, der Himmel ist blau, Blumen sprießen, – und es ist kalt. Es ist die Jahreszeit, in der man etwas VOR SICH hat, meint, vor sich zu haben, und das geht immer schneller vorbei, nicht nur mit der Erderwärmung, sondern mit dem eigenen Altersfortschritt sammelt sich immer mehr Erinnerung gegenüber dem, was man selbst noch erleben kann. Kann, nicht unbedingt möchte. Darüber wollte ich schreiben, nicht als Ratgeber, sondern beobachten, wie sich das Verdrängen und Verbiegen von globalen und lokalen Entsetzlichkeiten verändert hat, seit ich es beobachte, das ist auch schon lange. Die Kürze der thematischen Vordergrundbeschäftigung mit Schrecklichkeiten hat zugenommen, nichts bleibt wirklich Dauerthema, auch wenn es zur eigenen Kultur gehört (Der Einwand, dass Migration und Inflation solche konstanten Themen sind, kann überprüft und widerlegt werden: oft sind Themen keine wirklichen Probleme, sondern Ablenkungen von der Wirklichkeit).

Darüber wollte ich schreiben. Aber geht zum Anfang zurück. Netanjahu und Trump. Man kann gar nicht genug ausputzen. Ich schreibe jetzt nicht über das Frühjahr, die Kälte, die zur Erderwärmung gehört und wie es draußen ausschaut. Das Unerträglich dringt durch die Mauern und setzt sich neben mich an den Schreibtisch. Müde werde ich jedenfalls nicht.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.


[1] Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

                Es lohnt sich eine Auseinandersetzung zwischen Philosophie und Politik, wenn der Philosoph „politisch“ ist, aber philosophisch bleibt. Auch geht es Boehm um die Relativierung von Wahrheit gegenüber der Gerechtigkeit im konkreten Fall Israel.

Beschäftigung mit Nebensachen. 2. April

Die Koalition des reichsten Landes der Welt hat nichts wirklich wichtiges zu tun. Man redet über Cannabis, als ob das die Weizenfelder ersetzen solle, und benennt die Parteien um: CSU Confuse Säufer Union, CDU Combinierte Drogen Union, SPD Spalt Pilz Deutschlands. Von der Opposition spreche ich nicht, die wird von den Genannten hochgehalten.

Es gibt auch andere Themen: möglichst unmenschlich mit Geflüchteten verfahren, wenn sie nicht wirklich anstellbar sind – Keine Frage, WARUM sie eigentlich ihre Heimat verlassen. Gegenprobe: wer könnte Bayern verlassen wollen zugunsten eines fremdländischen Paradieses?

Das, werte Leserinnen und Leser, waren unfertige Vorstellungen zum 1. April, den ich versäumt habe, das Frühjahr beginnt für mich am 2. April.,

*

Schlichte oder aber überkomplexe Gemüter können es nicht erwarten, bis Diktator Trump seine Pläne offenbart, 22.00 Uhr MEZ. Als ob sie heute schon Zoll zahlen müssten, morgen reicht. Es gibt eine Sucht nach kurzfristigen Prognosen, als wäre das Anzeichen von besonderer Begabung. Ich versuche, immer mehr Zeitabschnitte zwischen Vorausahnung und Wirklichkeit einzufügen, nicht nur für Spaziergänge mit dem Hund oder Sport oder Lesen oder Musikhören…ihr merkt schon, es geht eigentlich um das, was unter den Wolken der Politik uns am Boden hält. Die Politik entgeht uns ohnedies nicht, d.h. wir entgehen ihr auch nicht, und da sind die sturmfreien Ruhezonen schon wichtig, sich zu kräftigen und resilient zu werden. Dabei kann man in größerer Ruhe spannende Beobachtungen machen. Zum Beispiel die plötzliche Begrünung zum Frühlingsbeginn, von einem Tag zum andern, unromantische Änderung der Wahrnehmung (in unserer Straße sägen sie jetzt pflegerisch die Äste ab…). Man läuft gerne weiter…Und jetzt schon ins Grün hinausschauen ist doch auch befreiend. Ihr merkt schon, ich umkreise spannende oder auch nur wichtige Themen, früher sagte man: komm doch zum Punkt. Richtig, und doch daneben. Der Punkt ist einfach: zum Augenblick wirklich grauenvoller Weltpolitik und Staatspolitik und Lokalpolitik kann man wenig Kommentare beitragen, die den Moment überstehen. Und für mehr oder weniger intellektuelle Gemüter ist der Abstand zum Kommentieren oft fremd, – ich sage aber: notwendig. So, wie man zu manchen Gebäuden Abstand braucht (Gotik!), um sie in ihrer Größe und Höhe zu erfassen, so ist es auch mit der wirklichen Politik. Wobei nur „groß“ nichts mit „gut“ oder „wichtig“ zu tun hat. Wenn ich über die Vernichtung von Umwelt durch Krieg und Flucht lese, also über die Beschleunigung der Ausrottung unserer Spezies, kommt mir immer in den Sinn, wie ich, wie wir mit unserer befristeten Gegenwart umgehen. In der ZEIT #13, 27.3.2025 beschäftigt sich der berühmte sehr alte Arzt Odent mit Geburtstechnik und Kaiserschnitt, aber auch mit dem gesellschaftlichen Bevölkerungswandel. Und zwei Sätze haben mich im Kontext berührt: „Mich interessiert die Verbindung zwischen der eigenen Geburt und dem Willen zu überleben nicht nur individuell, sondern als Spezies. …Aber wir müssen über unsere Spezies reden. Darüber, warum unsere Spezies theoretisch nicht mehr lange überleben kann“. Ich stocke: warum sagt er „theoretisch“, wenn er es gerade empirisch begründet hat. zum Abschluss meint er, dass wir uns von der „Vermenschlichung“ von Schwangerschaft, Geburt und Stillen wieder unseren „Säugetierwurzeln“ zuwenden sollen. Kein Positivismus, eher Erfahrung. Ich denke, ich weiß was er meint: nicht unsere natürlichen Wurzeln abschneiden. Und dann denke ich, wie in den Kriegen und Hungersnöten heute Kinder in eine Welt kommen, in der sie wenig Chancen zu überleben haben…War das nicht immer so. Doch, aber nicht „So“, im Schraubstock der Erderwärmung und des globalen Kriegs.

Über-Treibung versus Ab-Treibung versus Be-Treibung

Deutsch ist die Sprache der Vorsilben. Zunächst frage ich, wen oder was treibt wer? Was treibt die Bayern, sich dem Cannabis-Verbot zu widmen, obwohl es das Land der Biersäufer ist. Was treibt sie, wieder den Verkehrsminister stellen zu wollen, wo doch einer der ihren die Steuerzahler mehr als 500 Mio € gekostet hat mit der blöden Bayernmautidee (nur weil man ein paar Autos im Land erzeugt? Oder gab es Bestechung?). Mir geht es nicht um Bayern, obwohl Trump dort seine Wurzeln hat und obwohl seit 20 Jahren die Bahn von Rosenheim nach Kufstein nicht modernisiert wurde, damit ja keine Schnellzüge durchs Land der Behäbigen fahren. Nein, Bayern ist nur ein Auftaktbeispiel. Und natürlich, man hätte den Verkehrsministern durchaus ähnliche Prozesse antun dürfen, wie jetzt Le Pen.

Die nämlich geriert sich unschuldig, obwohl es um hunderte Millionen geht, die sie und ihre Partei uns Europäern entwendet haben. Daniel Cohn-Bendit hat heute im DLF das nötige dazu gesagt. Im Hintergrund aber die Frage, warum es Millionen Anhängern der rechtsradikalen Partei egal ist, wie korrupt die Parteispitze ist. Der Vergleich der Frage, ob das bei Trump so ähnlich ist, stammt nicht von mir. Trump ist schlimmer, aber das entlastet Le Pen nicht. Mich interessieren überhaupt die Spitzen der Bewegungen weniger als die Massen der Bewegung. Warum wählt man oder frau jemanden, durch dessen und deren Machtausübung das Leben schlechter wird, gefährlicher, unfreier?

Nicht zuletzt deshalb hat sich seit mehr als 200 Jahren die Justiz als unabhängiges Korrektziv herausgestellt, sozusagen ein Eckstein Demokratie. Und die4 Justiz wird von den großen Diktatoren Putin und Trump ebenso attackiert wie von den kleinen, Orban oder Netanjahu. Sie wehrt sich in den USA und Israel besser als in Ungarn oder Russland, aber sie wird angegriffen, um die Demokratie entscheidend zu schwächen. Wer weiß übrigens, warum Le Pen verurteilt wurde? Nicht, zu welchem Strafmaß. Wer weiß übrigens, was es mit dem bayrischen Mautvorstoß auf sich hatte. Wer weiß übrigens, was hinter oder vor Urteilen steht – welche Vorurteile oder unabsetzbaren Strafgesetzvorschriften…?

Alles auch etwas für Experten. Mich stört heute aber besonders, dass die Meinung der Volksmassen immer dann ins Treffen gerät, wenn der Führer oder heute die Führerin selbst von der Justiz belangt wird. DARUM haben wir ja eine Justiz und eine Regierung und ein Parlament, damit das Volk NICHT einfach so seine Meinung in Politik umsetzen kann und darf. Das kann man auch auf hunderten Seiten Fachliteratur lesen, man kann es aber auch durchde3nken und wissen.

Ich bin jetzt nicht pädagogisch, aber mich machen die Nebentöne und Hintanstellungen solcher ja wirklich wichtigen Ereignisse unsicher und aufgebracht. SO schwach ist die Demokratie ja nicht, dass man nicht klar Stellung nehmen kann, nicht nur im eigenen Land.

*

Jetzt habe ich das geschrieben, und Bayern und Le Pen und überhaupt die Obigen versinken im hellen Frühlingsmorgen. Was mich heute auch irritiert ist, dass ich schon lange keine GUTE Meldung zum 1. April erfahren habe (1954 wurde Stalin im Kaukasus gesichtet, daran erinnere ich mich aus einer Wiener Zeitung…). Die Wirklichkeit hat die Phantasie wohl überholt. Die Wahrheit bleibt auch nach dem 1.4. auf der Strecke…

Eine Frage habe ich noch: Darf ein Aprilscherz nach dem Strafgesetz verboten werden, wenn er keinen Schaden anrichtet? Außer Dachschaden.

Überleben, leben. Nicht ausweichen.

Große Worte, kleiner Geist.

Ole Nymoen, 27, hat in der SZ (Thore Rausch, 26.3.25) ein Interview als ?Pazifist? gegeben, dessen Überschrift mich dazu bringt, a) sein Buch nicht zu kaufen, b) ihn zu kritisieren, obwohl er ja gegen Aufrüstung und Krieg ist. Er sagt „Ich lebe lieber in Unfreiheit, als für Freiheit zu sterben“. Das sagt einer, der in Freiheit lebt. Er hat keine „Lust, für Deutschland zu sterben“ – Man stirbt nie für ein Land, immer für andere Menschen, und dagegen kann, darf man natürlich sein – aber es kommt auch auf die Umstände und nicht nur auf das ethische Ego an. Wer in Unfreiheit lebt, kann sich oft nicht wehren. Man kann fliehen – das würde Herr Rausch auch tun, man kann sich verstecken, aber seine Begründung ist, er habe „keine Lust für Deutschland zu sterben“. Also nicht, primär sein Leben zu retten, d.h. es zu verlängern. Zur Not lebt er lieber in Unfreiheit, nicht weil er dazu gezwungen wird? Sondern um nicht gegen die Hersteller der Unfreiheit, Diktatoren oder Verbrecher sich wehren zu müssen, ggf. kämpfen zu müssen, u.a. weil der Staat zum bewaffneten Widerstand aufruft. Hier muss man etwas einfügen, das wirklich problematisch ist, und hier nicht erwähnt wird: wenn man potenziell für Verteidigung mit der Waffe vorsorgt – man ist hier der Staat – dann muss man das einüben (Wehrpflicht oder ähnliches). Die Verteidigung hat andere Vorläufer als die Verweigerung.

Gerade heute äußert sich auch ein anderer Wehrpflichtgegner: Anwalt Udo Grönheit zu Wehrpflicht: Ist es süß und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben? – Nein! Artikel von Susanne Lenz (msn). Aber es geht doch nie ums Vaterland, immer um Menschen. Es ist schrecklich, für die Verteidigung des eigenen Lebens , der Familie, der Menschen um uns, der Menschen in unserem Land kämpfen zu müssen, sich in Lebensgefahr zu begeben, und dadurch auch zu sterben. Es ist auch schrecklich zu sterben, weil man getötet wird.

Es gibt sehr unterschiedliche Begründungen für und gegen die eigene Entscheidung zur bewaffneten Praxis. Aber so einfach die Unfreiheit dem Nicht-Leben (also der Zeit nach dem Sterben) vorzuziehen, ist schon entweder naiv (ist er nicht) oder zynisch (will er nicht sein). „Ich erwarte auch nicht von anderen, für meine Freiheit zu sterben. Das finde ich zynisch“ (Wie gut, dass der letzte Satz doppeldeutig ist). Ich setze dagegen, dass es möglich und ethisch diskutierbar ist, nicht a priori entschieden, für das Überleben und die Freiheit anderer Menschen zu sterben. Das kann ich nicht Zeitungsinterview entscheiden, die Wirklichkeit, nur sie, kann mich dazu bringen, mich zu entscheiden.

Wo er zynisch ist, weiß er es nicht: „Vielleicht hängen Menschen einfach an ihrem Leben“, Tja, vielleicht. Wenn man sich in Lebensgefahr begibt, um einen anderen Menschen zu retten oder um jemanden zu hindern, andere Menschen anzugreifen und zu töten…

Ich finde Ole Nymoen schwer erträglich, wenn das Leben und Überleben anderer Menschen nicht im Zentrum des eigenen Handelns steht. Und wünsche ihm nicht, dass er in Unfreiheit leben muss.

Bleibt das Judentum? Das Jüdische?

Seit langem forsche ich, und lerne ich die Differenz zwischen dem ethnischen und dem ethisch-kulturellen Judentum differenziert kennen. Es gibt da viele Facetten. Eine hat mich gestern aufgeschreckt:

So etwas lese ich häufig, ärgere mich über die doppelbödige DEUTSCHE Reaktion und viele Brücken nach Israel, nicht alle gut und richtig. Aber gestern hat mich meine Vergangenheit eingeholt:

DPA 28.3.2025

Mit einer Mahnwache soll an den Brandanschlag auf die Oldenburger Synagoge vor rund einem Jahr erinnert werden. «Wir wollen gemeinsam dafür einstehen, dass Menschen aller Religionen und Weltanschauungen hier bei uns in Frieden zusammenleben», meint Organisatorin Kathleen Renken. Der Arbeitskreis Religionen Oldenburg, die Kirchen und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Oldenburg laden um 19.30 Uhr zu der stillen Kundgebung an der alten Synagoge in der Petersstraße ein.

Ein junger Mann soll am 5. April 2024 einen Brandsatz gegen die Eingangstür der Oldenburger Synagoge geworfen haben. Zwei Hausmeister eines benachbarten Kulturzentrums entdeckten das Feuer und löschten die Flammen. Niemand wurde verletzt. Der Anschlag löste bundesweit Entsetzen aus. Die Polizei bildete nach dem Vorfall eine Ermittlungsgruppe unter Leitung des Staatsschutzes.

Nach der Ausstrahlung des Brandanschlags in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY … Ungelöst» nahmen die Ermittler Ende Januar einen Verdächtigen fest. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft legte der Mann aus dem Landkreis Vechta ein Geständnis ab. Er sitzt in Untersuchungshaft.“

Auf den ersten Blicken wie immer, wie überall. Immer meine Fragen: was haben vorherrschende Religionen mit Antisemitismus zu tun und was nicht, was isoliert die kriminellen Attacken in der Aufklärung und Strafverfolgung bei der Justiz, was berührt mich besonders, wenn es um das Allgemeine geht?

Das letztere ist wichtig. Das Allgemeine – klar gegen Ausländer, gegen Juden, gegen die „Anderen“. Was mich stört ist die doppelbödige Diskurswirklichkeit der Religionsgemeinschaften. Christlich-Jüdisch, Christlich-Jüdisch-Muslimisch etc. Drei konkurrierende Monotheismen und mit anderen Religionen, die sich seit langem nichts geschenkt hatten, haben, schenken. Und doch reflektieren sie nicht, wie die Religion die ethnische Realität – Antisemitismus der arabischen Welt, Antipalästinensismus der israelischen Regierung, islamisch-hinduistische Kontroversen in Asien, Vereinnahmung des Christentums durch die Faschisten um Trump etc. – unterwandert, untergräbt, an den Rand drückt.

Im Konkreten kenne ich die Synagoge in Oldenburg, die jüdische Gemeinde, ihre Entstehung, ihr Wachstum, ihre Praxis, seit 40 Jahren, die Rabbinerinnen, die Rabbiner, Ein- und Austritte, die Veränderung durch die osteuropäische Einwanderung, v.a. Juden aus der Ukraine und aus Russland, schon bevor die beiden getrennt waren…Und einerseits war es eine der am wenigsten kontroversen jüdischen Gemeinden in Deutschland, auch dank Sarah Schumann, Bea Wyler, Alina Traiger, mit einer interessanten Verbindung zur Universität Oldenburg und den dortigen Protestantinnen v.a. Andrea Strübind, aber andererseits ist das Judentum nicht durch Religion allein auch nur beschreibbar, erklärbar…

Was mit der Einwanderung in Deutschland geschehen ist, war und ist bislang weitgehend politisch richtig, kulturell, ideologisch und sozial aber weitgehend einseitig, teilweise falsch.

Auch wenn man den islamischen Antisemitismus erklären kann, versteht man ihn nicht und kann auch nicht gegen ihn vorgehen, wenn man sich die religiöse Engführung nicht kritisch vornimmt. Hier kann man empirisch und auch theoriegeleitet in die Details gehen, aber vom Allgemeinwissen sind die meisten weiter entfernt als selbst in ihrer religiösen Grundkenntnis.

Mich schmerzt das Oldenburger Ereignis, aber mehr noch die Tatsache, dass die Diskurse um die antisemitische/antijüdische/anti-israelische Wirklichkeit zu sehr an religiöse Wahrheiten und Tabus gebunden sind. Augen auf, kann ich da nur sagen.

Oldenburg macht mich retrospektiv etwas betroffen. Ich bin ja nicht mehr dort, Sara Ruth Schumann ist schon lange tot, Alina Treiger ist in Hamburg, die Gemeinde hat sich gewandelt (ich kenne sie genau genommen kaum mehr, und ich kann auch nicht russisch/ukrainisch). Generell betroffen macht mich die zähe, fast endlose Schleife des spezifisch deutschen Antisemitismus.

Verzeiht die Analogie: so wie die Demokratien heute gewaltsam unter Druck stehen, als Demokratien, nicht als Wirtschafts- und Militärmächte, so steht das Judentum unter Druck, als Verbindung ethnischer und religiöser jüdischer Entwicklung nicht nur über die Zeiten hinweg, auch ganz und gar gegenwärtig. Wenn wir uns nicht weiter entwickeln, verschwinden wir.

P.S. werte LeserInnen, wer hierzu in Dialog treten will, ist besonders willkommen. Ich mag hier den persönlichen Dialog lieber als den institutionellen

Vor Ostern kein Western?

Natürlich liefern sich die künftigen Koalitionspartner keine Duelle, aber mögen tun sie sich auch nicht. Und bis auf einige antisoziale Gemeinsamkeiten wissen sie wahrscheinlich noch nicht, worüber sie sich wirklich einig sein müssen, Das ändert nichts daran, dass wir ihnen Einsicht, schnelles Lernen und Erfolg wünschen müssen, während sich die Wolken kommender Weltkrisen türmen und der Horizont politisch zwischen blutrot und grau glitzert.

Es kann sein, dass die Handlungen des amerikanischen Diktators und die des russischen Diktators sich auf eine Zerlegung, auf ein politisches und ökonomisches Zerreiben Europas hinauslaufen, und zwar bald. Nicht nur, was die Autozölle betrifft. Wenn man die menschenrechtlichen Grausamkeiten beider Tyranneien anschaut, holen die USA schnell auf. Auch was den Zynismus betrifft, mit dem die neuen InnenpolitikerInnen deutlich machen, dass Innen und Außen keine getrennten Sphären mehr sind. Aber damit befasse ich mich nur insoweit, als es mir um EUROPA geht, und da sind einigende Anstrengungen zwar zu begrüßen, aber viel zu wenig, zu langsam, zuviel mit Scholzischem Zaudern verbunden. Wenn ich an Europa denke, gehts mir weniger um die richtigen Zollantworten gegen die Amerikaner. Wie soll sich denn Europa zusammenraufen, als Macht, als Wirklichkeit, als Option…Leute, das sind ja WIR.

*

Die einzige Chance ist, sich von der Verbindung der Nationalismen zu lösen und eine Art von machtvoller Verbundenheit zu entwickeln, zu erproben, die dem vereinten Europa noch immer weitgehend – nicht ganz – fehlt. Nehmen wir die Chance nicht wahr, werden wir politisch und wirtschaftlich halb-kolonisiert und abgeschoben. Natürlich wurde das nach den beiden Weltkriegen auch schon so diskutiert und ist auch vielen EuropolitikerInnen nicht fremd, aber…aber dann drücken doch die Nationalismen und die Lobbies (jetzt einmal PKWs…vor kurzem noch Stahl…davor Pharma…davor und immer Agrar…und immer die Börsen….) den guten Absichten Muttermal auf die Haut.

Trump und sein untergebenes Pack demonstrieren uns einen schlechten Western, der aber in etlichen Serien und Einzelvorstellungen durchaus Erfolge feiert. Die Loslösung vom Western ist teilweise eine auch vom Westen. Das tut weh, wie eine Bandage, die man bei geheilten Wunden abnimmt. Der Westen, das waren schon vor allem die USA, haben unserer Generation (1938-1950) viele Facetten von Kultur gegeben, die den bloßen wirtschaftlichen Support weit übertroffen haben. Aber die Wirkung hat die berechtigten und später unrechte Dankbarkeit weit überbaut. Aber die Loslösung vom Überich zum Ich, zum Wir der demokratischen, „neuen“ Europäer ist jetzt an der Zeit. Nichts wird geschenkt, aber wir gehören so wenig zum Trumpschen Westen wie Grönland dazugehört. Deshalb sollte man den Trumpisten und ihrem Diktator nirgendwo hineinkriechen, ihn nicht dauernd zitieren und schon gar nicht Brücken bauen, die ihn irgendwie besser machen als seinen Freund Putin. Die US Justiz kann uns teilweise helfen, aber das Trumpsche Environment nicht. Die Schmerzen haben wir uns nurm teilweise selbst eingebrockt, es wird ja wirklich alles schlechter. Aber das müssen wir durchleben.

Frühlingsdiktaturen blühen auf

Im Prater blühn wieder die Bäume…der Frühling ist wieder in Wien.

Dem Imperator blühn wieder die Bäume, der Frühling zieht sich dahin…

So einen schlechten Vers mache ich absichtlich, nicht um euch zu ärgern, sondern um meinen Ärger einzugrenzen. Wir – das Volk, die Leute – brauchen ja nicht auf alles zu reagieren, was den Alltag und die nahe Zukunft gefährdet, wir wollen das gar nicht, aber mal ehrlich: hält man das aus? Erdögan blüht auf – Europa ist von ihm abhängig, also schweigt man. Die faschistoide Dilettantentruppe unter Trump macht uns verächtlich, also regt sich in unserer Regierung niemand wirklich auf. Die meisten Regierungschefs schmeicheln Trump, aber sie haben nichts in der Hand, ihm zu drohen. Er ist eben nicht ganz so arg wie Putin, und letztlich noch im Westen…

Schaut in den Frühling hinaus, lasst die Politik, die ohnedies keine ist, sondern nur politischer Diskurs und Rhetorik. Die Märzenbecher kommen schon und die ersten Leberblümchen und Veilchen. Wenn man die Hügel im Wald bei Berlin besteigt, sieht man das Grün aus den Zweigen sprießen, und Grün ist bekanntlich besser als Braun, sagt nicht nur die Politik. Man geht durch den Frühlingswald, und die wirkliche Welt, mit ihrer Politik und Unpolitik, scheint nicht einfach weit weg zu sein, sondern gar nicht. Man hat das Gefühl, dass viele schon länger in diesem Zustand sind, weil ja der Abstieg vom goldenen zum silbernen, vom bronzenen zum steinernen Zeitalter keinen Weg zurück nach oben erlaubt. Da geht man lieber in den Wald, die Gegenwart ist (wie) ein Rückblick: so schön hätte es sein können. Unsinn, ist es. Der Schrecken hat es nicht nötig, seine Umgebung einzufärben, einzustimmen. Es bleibt alles ganz schön schön, ganz erfreulich. Da die meisten diese Periode nicht überleben, ist es egal, ob es im nächsten Jahr, in den nächsten Jahrzehnten auch noch „so schön“ ist. Man geht weiter, schaut sich die Blumen an und das frische Grün zwischen den alten Blättern, und mag nicht zu glauben, was man weiß. Der Clou: Das war schon immer so.

*

Auch unter schrecklichen Umständen, bei denen es um Überleben, körperliche und geistige Sicherheit und Unversehrtheit geht, aber auch unter geringeren Verzerrungen der gewünschten Lebenspraxis, hat es immer Formen von Widerstand gegeben, die nicht gleich in Kampf und Martyrium mündeten. Das war nicht privater „Rückzug“ oder Sich-Verbergen. Für fast alle waren es individuelle Entscheidungen, die Resilienz und das Überstehen der schlechten Zeit zu betreiben – nicht aus übergeordneter Ethik oder Religion, sondern einfach um weiter zu leben, zu überleben, – jeder Mensch lebt ja nur einmal.

Was hat das mit den ersten Absätzen zu tun, die ich hier geschrieben habe? Ich denke doch: einiges. Denn wenn wir, gerade wenn wir den Schrecken der Wirklichkeit, der nur oben Trumputinxi heißt und weit ins wirkliche Leben hinunter wurzelt, überstehen wollen, sollten wir uns auch auf die Umstände im Vordergrund der Weltbühne konzentrieren, denn sie zeigen ja einen Zweck des Überlebens, zu leben. Nicht Ausweichratschlägen folgen, schon wahrnehmen, was wirklich ist, aber eben – das ist eine Einsicht – nicht nur. Dazu gehört der Alltag in einer Situation, in der man nicht sagen soll, das Schreckliche sei noch nicht eingetreten. „Nicht“ reicht, um dagegen anzugehen, anzuleben.

*

Ich bin wieder im Frühling. Der hellgrüne Schleier über dem alten Braun, heute im Nebel, macht Hoffnung auf eine gute Periode erneuten Blühens und Wachsens, auch wenn wir die Angriffe auf die Natur kennen und wahrnehmen. Es ist kein Paradox, in Zeiten um sich greifender Kriege und Faschismen gerade auch der Ökologie einen Vorrang vor der Ökonomie einzuräumen (das ist meist immer auch praktisch), und das bringt uns die Politik richtig in das private Leben. (Leider ein pathetischer Satz, pardon: Aber diese Lebensart macht kräftiger im Widerstand gegen die sich ausbreitende Gewalt.

Nach dem goldenen und dem silbernen Zeitalter verbindet Ovid das eherne und das eiserne Zeitalter, wie oft dritte und vierte Sätze bei Symphonien zusammenkleben.

…es entflohen die Scham und Treue und Wahrheit, / Einzug hielten statt dessen Betrug und tückische Falschheit,/ Hinterlist auch und Gewalttätigkeit und verruchte Besitzgier… (Metamorphosen, (129-131)

Ach ja. Eine Umkehrung der Zeitalter gibt es nur in der Hoffnung, die Politik ändern zu können, dann muss man sie aber ändern wollen. Überlegt einmal unpathetisch ob „Überleben“ ausreicht, wenn man noch wirklich weiter leben möchte. Dazu aber muss man vielen Menschen helfen, zu überleben. Das ist Politik, nicht Glauben oder Meinung.

*

Mir fällt auf, dass es am Rand der Aufmerksamkeit eine gewisse Abgestumpftheit gegenüber den dauernden Tagesereignissen, der „schlechten Unendlichkeit“ a la Hegel, gibt. Das ist ein Hinweis auf die Nähe und Gefährlichkeit dieser Zusammenballung von Ereignissen. Auch ein Hinweis, wovon wir uns lossagen sollten, bevor wir in den Strudel gerissen werden. Wenn ich durch Wald gehe, halte ich schon lange keine Monologansprachen in einem politischen Umfeld, das ich mir ausdenke. Schade, eigentlich. Statt dessen schaue ich mir die verschwindende Natur genauer an als früher, will mich später besser erinnern. Manches ist verschwunden: Insekten, Schmetterlinge usw. Sind die vielen Wildschweine ein gerechter Ersatz? Oder die amerikanische Wildkirsche, die im Park alle anderen jungen Bäume erstickt? Das geht zeitgleich mit der Politik, so gut sind wir noch…